ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VIII, Stück: 3 (1791)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Karl Philipp Moritz,
Professor bei der Akademie der bildenden Künste in Berlin.

Achter Band.

Berlin,
bei August Mylius 1791.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Achten Bandes drittes Stück.

<Revision.>

Ueber den Plan des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.

Maimon, Salomon

Auszug aus einem Briefe an den Herausgeber, von Herrn Salomon Maimon.

Die Seelenkunde ist die Wissenschaft von der menschlichen Seele, als Erkenntnis und Willensvermögen; sie kann in die reine und angewandte Psychologie eingetheilt werden.

Die reine Psychologie ist die Lehre von den mannigfaltigen Hauptkräften der Seele, d.h. solchen Wirkungsarten derselben die sich nicht aus einander, aus denen aber alle Erscheinungen der Seele sich erklären lassen.

Die angewandte Psychologie ist die Lehre von der Art diese Prinzipien zur Erklärung besonderer Seelenerscheinungen zu gebrauchen.

[2]

Ich bemerke aber, daß man sowohl in Ansehung der Seelenkunde, als der Naturkunde überhaupt, eher auf Extremitäten geräth, als daß man den rechten Weg einschlagen sollte. Einige wählen blos die empirische, andere hingegen blos die dogmatische Methode.

Jene glauben genug gethan zu haben, wenn sie so viel Erscheinungen als möglich ist gesammlet haben, ohne dieselben aus bekannten Prinzipien herzuleiten, und untereinander zu verbinden.

Diese hingegen suchen alle Erscheinungen aus Prinzipien herzuleiten, sie bekümmern sich aber nicht genug um die Evidenz der Prinzipien selbst, sondern in Ermanglung der aus der Erfahrung bekannten Prinzipien, erdichten sie welche, unter dem Titel von Hypothesen.

Die einzige rechte Methode aber ist diese: alle Erscheinungen so viel als möglich ist, durchs Reduziren auf gemeinschaftliche Prinzipien, untereinander zu verknüpfen; keine unbekannte Prinzipien zu erdichten; und die zur Erklärung der Erscheinungen, die sich aus den bekannten Prinzipien nicht erklären lassen, angenommenen Hypothesen nur so lange gelten zu lassen, bis entweder dieses möglich wird, da man dann diese ganz ohne Grund angenommenen Hy-[3]pothesen verwerfen kann, oder bis diese Hypothesen selbst durch etwas anders bestätigt werden.

Woraus erhellet, daß wahre Menschenkenntniß kein Erbtheil der Weltleute seyn kann. Diese beweinen entweder die menschlichen Thorheiten mit dem Heraklit, oder belachen dieselben mit dem Demokrit, indem sie darinn so viel Unerklärbares und Ungereimtes zu finden glauben.

Derjenige hingegen der sich die wahre Menschenkenntnis zu erlangen bemüht, wird die menschlichen Thorheiten, so wenig beweinen als belachen, sondern sie vielmehr aus ihren Prinzipien zu erklären suchen.

Für ihn hat der Thor und schlechte Mensch eben dasselbe Interesse, als der Weise und Gute, weil, indem sein Zweck blos Menschenkenntniß, nicht aber irgend ein anderes Interesse ist, welches etwa der Zweck des Mediziners, Politikers und Moralisten seyn möchte, ihm zu diesem Behuf der Eine so gut als der Andere dienlich seyn kann.

Ja der Thor und schlechte Mensch hat hierin vor dem Weisen und Guten sogar einen Vorzug, indem die Hebung der Widersprüche in dem Karakter des ersten, eine tiefere Untersuchung über den Menschen voraussetzt.

Der Umfang der Seelenarzneikunde ist nicht so groß als man ihn sich gemeiniglich vorstellt. Ich will mich hierüber näher erklären.

[4]

Die aus der Psychologie bekannten Seelenkräfte sind: 1) die sogenannten höhern Kräfte, nehmlich Verstand und Vernunft. 2) Die niedrigern Kräfte: Empfindung, Einbildungskraft, Erinnerung, Witz u.d.gl.

Man nennt nehmlich höhere Seelenkräfte diejenigen Wirkungsarten, die a) (in Beziehung auf bestimmte Objekte) Nothwendigkeit und Allgemeingültigkeit enthalten; und deren b) Wirkungen wahre Einheiten der Natur sind, und daher nicht in Zeit und Raum gedacht und folglich an sich auch nicht verändert werden können. Diejenigen aber die diese Kriterien nicht haben, werden die niedern Kräfte genannt.

Der Verstand denkt Begriffe von Objekten und urtheilt von den Verhältnissen dieser Objekte a priori. Diese beiden Wirkungen müssen in Beziehung auf dieselben Objekte, in Ansehung eines jeden Subjekts, nothwendig und allgemeingültig seyn, oder man muß diese Wirkungen selbst in Zweifel ziehn, und allen Anspruch auf Erkenntnis der Wahrheit aufgeben.

Ferner ist der Begrif der Möglichkeit eines Objekts oder des Verhältnisses verschiedener Objekte eine untheilbare Einheit. Der Begriff eines Dreieckes ist blos darum möglich, weil die drei Linien (als die Bestimmungen), ohne Raum (als das dadurch Bestimmte) nicht gedacht werden können. Dieses Objekt entsteht also nicht in der Zeit, so [5]daß man z.B. erst den Raum und hernach die drei Linien an sich dächte, sondern auf einmal; und so ist es auch z.B. mit dem Urtheil: Ein rechtwinklichtes Dreieck ist ein Dreieck, beschaffen, indem es blos darum seine Realität hat, weil man ein rechtwinklichtes Dreieck nicht ohne Dreieck überhaupt denken kann. Mit der Vernunft, als dem Vermögen mittelbar zu urtheilen, hat es eben dieselbe Bewandtnis.

Hieraus folgt daß alle Menschen, ja so gar alle denkende Wesen überhaupt einerlei Verstand und Vernunft haben; sie können in diesem Betrachte, nur in Ansehung der Objekte und der Grade dieser Wirkungen verschieden sein. Und selbst dieser Unterschied liegt nicht in den besondern Bestimmungen dieser Kräfte an sich, sondern in der Verschiedenheit des Stofs den die Sinne, und der Verbindungsart des Mannigfaltigen darin, die die Einbildungskraft dazu darbietet.

Gebt einem Duns dieselben sinnlichen Vorstellungen und Reihen der Association, die Neuton gehabt hat, und er wird mit diesen das Weltsystem erfinden. Sobald als die Sinne und die Einbildungskraft die Mittelsätze zur Erfindung einer Wahrheit darbieten, so ist die Wahrheit erfunden.

Diese höheren Seelenkräfte können also von einer Seelenarzeneikunde gänzlich wegbleiben, weil sie an sich keiner Veränderung unterworfen sind. Die Empfindung ist zwar (als Seelenvermögen) [6]an sich der Veränderung unterworfen, da aber ihre Veränderung von der besondern Organisation abhängt, so ist hier wiederum für den bloßen Seelenarzt nichts zu thun.

Es bleibt also für die Seelenarzeneikunde nichts mehr übrig als die Einbildungskraft mit ihren Abtheilungen, die nicht blos von außen als ein leidendes Vermögen, sondern auch eigenmächtig als ein thätiges Vermögen viele Veränderungen annehmen kann.

Erstlich kann die Reproduktion nach dem Gesetze der Association bei Wahrnehmung eben desselben Objekts in verschiedenen Reihen der Association, in verschiedenen Graden von Stärke und Geschwindigkeit, in verschiedenen Verhältnissen der Freiheit und Nothwendigkeit u.d.gl. gedacht werden.

Diejenige Proportion in der Wirksamkeit der Einbildungskraft wodurch nicht nur diese Wirksamkeit an sich, sondern auch die Wirksamkeit aller übrigen davon abhangenden Seelenkräfte, das Maximum, oder das in einem gegebenen Subjekte Größtmögliche erreicht wird, ist der Zustand der Gesundheit. Was aber davon abweicht, ist Krankheit.

Die Seelenkrankheiten können also, nicht bloß a posteriori, sondern auch nach einem Prinzip a priori bestimmt, und in ein System gebracht werden.

Man braucht nur die verschiedenen Wirkungsarten der Einbildungskraft aufzuzählen, und sie in ver-[7]schiedenen Verhältnissen zu verknüpfen, um alle möglichen Seelenkrankheiten zu bestimmen, welches die Pathologie ausmachen wird.

Was die Ordnung aber anbetrift, so glaube ich daß man am besten thun wird, wenn man erstlich die allgemeinsten, und folglich auch bekanntesten Krankheiten abhandelt, und hernach zu den weniger bekannten übergeht.

Jene sind gleichsam uns angeerbte Krankheiten (so wie die Blattern), deren Schädlichkeit aber durch eine gute Diät verhütet werden kann; von dieser Art sind die transcendenten Erdichtungen. Dieses erfordert eine nähere Erklärung.

(Die Fortsetzung folgt.)

[8]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Wirkung des Denkvermögens auf die Sprachwerkzeuge.

Maimon, Salomon

Mein Freund, der Herr Professor Markus Herz, berichtet uns (Mag. zur Erfahrungs-Seelenkunde 8. Band. 2. Stück 1.) eine merkwürdige medizinisch-psychologische Erscheinung, die er, als gleich competenter Richter in beiden Wissenschaften, mit dem ihm eignen Scharfsinn zu erklären sucht.

Ich werde hier sowohl diese Erscheinung, als seine Erklärung in Kurzem anführen, und meine eigne Erklärung hinzufügen; überlasse es aber dem Leser, mit welcher Erklärungsart er am besten zufrieden seyn will.

Ein Mann, der durch einen Zufall, an der Zunge und an den Händen und Füßen einige Zeit völlig gelähmet war, ist nachher soweit wieder hergestellt worden, daß er die Füße hat vollkommen brauchen können, wie auch einigermaßen die Hände; in Ansehung der Sprache aber hat sich folgende merkwürdige Erscheinung bei ihm ereignet. Er war [9]schlechterdings nicht im Stande irgend ein Wort deutlich und vernehmlich hervorzubringen, weder von selbst aus eignem Triebe, noch wenn man ihm die Worte laut und langsam vorsagte; hingegen konnte er sehr fertig lesen, so daß man, wenn er laut las, kaum einen Fehler an seinen Sprachorganen bemerkte.

Die Erklärung dieser Erscheinung ist nach dem Herrn Professor Herz in Kurzem diese:

»Zum Aussprechen oder Hervorbringen eines Worts ist nothwendig, daß die Vorstellung desselben in der Seele vorgehe. Diese Vorstellung muß unter gewissen Umständen einen gewissen Grad von Stärke haben. Ferner, die Wirksamkeit einer Vorstellung hängt von zwei Ursachen ab, von ihrer Lebhaftigkeit und von ihrer Dauer

»In Ansehung der Lebhaftigkeit giebt es keine wesentliche Verschiedenheit unter den verschiednen sinnlichen Vorstellungen; in Ansehung der Dauer aber, ist vorzüglich eine Verschiedenheit zwischen den Vorstellungen des Gesichts und den des Gehörs zu bemerken, indem die Wahrnehmungen des erstern viel dauerhafter, als die des leztern sind; folglich muß auch die Wirkung jener viel stärker, als die Wirkung dieser seyn.«

»Bei diesem Manne also, dessen Sprachorgane zum Theil gelähmet waren, konnte nur die stärkere Vorstellung des Gesichts, nicht aber die schwächere [10]des Gehörs die verlangte Wirkung (Hervorbringung eines Worts) verursachen.«

Herr Professor Herz führt noch eine Erscheinung von dieser Art an, die er auf eine ähnliche Weise erklärt.

Ich will mich hier in keine umständliche Beleuchtung dieser Erklärungsart einlassen, und bemerke nur, daß ich den Unterschied zwischen den verschiednen Arten sinnlicher Vorstellungen in Ansehung ihrer Dauer nicht einsehen kann.

Die Dauer ist die Existenz eines Dinges zu verschiednen Zeiten. Nun hat aber eine Vorstellung sowohl, als die ihr correspondierende unmittelbare Wahrnehmung nur so viel Dauer, als zu ihrer Apprehension, d.h. zur Zusammennehmung und Ordnung ihrer Theile zu einem Ganzen, nöthig ist; sobald dieses Geschäft zu Ende ist, ist auch die Vorstellung zu Ende; wird diese Operation wiederholt, so entstehet eine der vorigen ähnliche Vorstellung, die aber dennoch ihre eigene Existenz hat, indem die Verschiedenheit der Zeit bei aller wesentlichen Identität die Verschiedenheit der Existenz ausmacht.

Das Object mag immer (als Substanz) eine Dauer haben; seine aufeinander folgenden Eindrücke auf uns mögen immer einartig seyn; so müssen doch diese Eindrücke, und folglich auch die aus ihnen entspringenden Vorstellungen, ihrer Existenz nach [11]verschieden seyn, und hierin sind alle sinnlichen Vorstellungen einander ähnlich.

Man täuscht sich gemeiniglich, wenn man glaubt geschwinder Lesen als Sprechen zu können, da doch das (nicht laute) Lesen nichts anders als ein inneres Sprechen ist. Der Grund dieser Täuschung aber liegt darin, daß man schon aus Gewohnheit sich mit ganzen Phrasen bekannt gemacht hatte; man ließt daher bloß einige Theile derselben, und ersetzt das übrige aus dem Gedächtniß, und glaubt demohnerachtet das Ganze gelesen zu haben.

Wir mögen also die Vorstellung eines Worts durchs Hören oder durchs Sehen erlangen, so ist ihre Dauer immer nur so viel, als zur Apprehension, d.h. zur Zusammennehmung der einzelnen Buchstaben, und ihrer Ordnung untereinander in einem Worte, nothwendig ist.

Sobald dieses zu Ende ist, müssen wir entweder durch unmittelbare Wahrnehmung oder Erinnerung dieses Geschäft aufs Neue vornehmen; aber dieses ist nicht mehr die Dauer eben derselben Vorstellung, sondern blos ihre Wiederholung.

Ich komme nun zu meiner Erklärung dieser Erscheinung, zu deren Behufe ich folgende Sätze vorausschicken zu können glaube:

1) Das aus der Psychologie bekannte Gesetz der Association überhaupt; nehmlich wenn zwei Vorstellungen A und B dem Erkenntnißvermögen, in einer unmittelbaren Folge im Raume oder in der [12]Zeit gegeben werden, so werden sie in Beziehung auf das Erkenntnißvermögen so verknüpft, daß, wenn nachher die eine derselben A entweder durch das äußere Object gegeben, oder durch die Einbildungskraft reproducirt wird, alsdann auch die andere B reproducirt werden muß, und so auch umgekehrt.

2) Diese Association oder die Wahrscheinlichkeit des Urtheils a priori von der Folge der Vorstellungen aufeinander kann verschiedene Grade haben, die durch die verschiedenen Grade der Wiederholung (ihre Anzahl) der a posteriori wahrgenommenen Folge dieser Vorstellungen aufeinander bestimmt werden; das heißt, je öfter diese Vorstellungen, in einer Folge aufeinander wahrgenommen worden sind, desto wahrscheinlicher wird es, daß wenn hernach eine derselben wahrgenommen werden sollte, die andere auf sie folgen werde.

3) Der höchste Grad der Association ist, wenn die Vorstellungen beständig in einer Folge aufeinander und nie außer derselben wahrgenommen worden sind.

4) Der Grad der Association kann aber in den beiden associirten Vorstellungen verschieden seyn; wenn nehmlich die eine Vorstellung A beständig in einer Folge mit B, B hingegen auch außer dieser Folge wahrgenommen worden ist, alsdann ist die Wahrscheinlichkeit der Folge von B auf A [13]größer als die Wahrscheinlichkeit der Folge von A auf B.

5) Es giebt auch eine Ordnung in der Association; wenn nehmlich beständig A als vorhergehend, und B als darauf folgend wahrgenommen worden ist, so wird auf die Wahrnehmung von A, B gewiß folgen, nicht aber umgekehrt. Wer eine fremde Sprache durchs Uebersetzen in seine Muttersprache erlernt, wird bei einem vorkommenden Worte aus der fremden Sprache auf das demselben correspondirende Wort in seiner Muttersprache leicht fallen, nicht aber umgekehrt. Dieses habe ich sowohl an mir selbst als an andern beobachtet, hingegen hatte ich noch keine Gelegenheit, die Ordnung der Association auch im umgekehrten Falle zu beobachten. Sollte sich dieses auch bestätigen, so hat der Satz der Ordnung in der Association seine völlige Richtigkeit: wo nicht, so müssen wir ihn gänzlich verwerfen, indem die beobachtete Ordnung im ersten Falle sich aus No. 4. erklären läßt. Das Wort aus der fremden Sprache ist nie außer der Association mit dem ihm correspondirenden Worte aus der Muttersprache vorgekommen; hingegen ist dieses schon lange Zeit vor dieser Association gebraucht worden; folglich ist der Grad der Association des erstern größer, als der des leztern, indem es bei dem ersten der höchstmögliche Grad ist. Man erinnert sich daher leicht bei jenem an dieses, nicht aber umgekehrt.

[14]

6) Die Vorstellungen der Objecte gehen der Sprache, und diese der Schrift voraus. Dieses ist ein Erfahrungssatz, den jeder zugeben wird. Ein Kind hat lange vorher Vorstellungen, ehe es sie durch Worte ausdrücken lernt. Und die Schrift bestehet aus willkürlichen Zeichen der Töne, so wie die Sprache aus willkürlichen Zeichen der Vorstellungen. Das Bezeichnetwerdende muß aber dem Zeichen vorhergehen.

7) Aus 4. und 6. läßt sich erklären, warum ein Kind,, das eine Sache benennt, zugleich eine Vorstellung davon hat; wenn es z.B. sagt: ich will Zucker, so wird es sich gewiß mit nichts anderm abspeisen lassen. Es kann aber umgekehrt eine Vorstellung von einer Sache haben, ohne sie benennen zu können; wobei es sich eines allgemeinen Ausdrucks zu bedienen pflegt (weil dieser ihm öfter als der besondere Ausdruck vorgekommen ist), z.B. das Ding, etwas u.dgl. weil, obgleich die Vorstellungen mit ihren Nahmen in seiner Seele sind associirt worden, sie doch nicht in gleichem Grade associirt sind; indem die Vorstellung schon vor dieser Association, ihr Nahme hingegen erst durch dieselbe entstanden ist.

8) Das was an sich schwer zu bewerkstelligen ist, wird durch die Association erleichtert, man bekömmt die Fertigkeit in einer Kunst durch Uebung, d.h. durch öftere Wiederholung eben derselben Handlung. Wenn wir aber die Sache genauer betrach-[15]ten wollen, so werden wir finden, daß diese Fertigkeit nicht aus der Wiederholung eines jeden Theils der Handlung an sich,, sondern aus der Wiederholung ihrer Verbindung untereinander entspringet.

Wenn jemand z.B. einen Menschen abzeichnen will, so kann er nicht gleich Anfangs alle Züge richtig ausdrücken, er zeichnet blos diejenigen wenigen Züge, auf die sich seine Aufmerksamkeit erstreckt, richtig. Hernach wendet er seine Aufmerksamkeit auf die noch nicht richtig getroffenen Züge, und sucht sie auszudrücken, und mit den schon richtig getroffenen zu verbinden, u.s.w.; bis er auf diese Art das Ganze richtig zeichnen gelernt hat; je öfter er diese Handlung wiederholt, desto stärker werden diese Züge zu einem Ganzen in seiner Einbildungskraft verknüpft, so daß er zuletzt nur auf einige derselben seine Aufmerksamkeit zu richten braucht, und die andern von selbst folgen.

Durch die Association also wird mit einem kleinern Grade von Aufmerksamkeit (auf einige Züge) so viel verrichtet, als sonst mit einem größern Grade von Aufmerksamkeit (aufs Ganze) hätte verrichtet werden müssen.

Aus diesem allen läßt sich die gedachte Erscheinung auf folgende Art erklären.

Der Mann war an seinen Sprachwerkzeugen zum Theil gelähmt, oder welches wahrscheinlicher ist, er war während der Zeit seiner Lähmung in der [16]Sprache ausser Uebung gekommen; er konnte zwar sprechen, aber nur mit Schwierigkeit. Dieser Schwierigkeit mußte daher durch eine Association abgeholfen werden.

Nun ist freilich die Vorstellung eines Objects mit dem Schalle seines Nahmens in einer Association, indem man diesen durch Verknüpfung mit jener erlernt hat. Da aber die Vorstellung des Objects seinem Nahmen eine lange Zeit vorhergegangen ist, so ist diese Association nicht stark genug, um dasjenige zu bewerkstelligen, was ohne dieselbe unmöglich war. Und so ist es auch mit den von andern gehörten Worten beschaffen, indem man die Worte eher gehört, als sie auszusprechen gelernt hat. Hingegen ist die Association der Schriftzeichen, mit den ausgesprochenen Worten die größtmögliche, weil man jene beständig in einer Association mit diesen, aber nie außer derselben wahrgenommen hat; folglich kann sie stark genug seyn, um die erforderliche Wirkung hervorzubringen.

Salomon Maimon.

[17]

2.

Schreiben über Täuschung und besonders vom Traume.

Veit, Joseph

Aus einigen Aeusserungen welche in Ihrer Erfahrungsseelenkunde vorkommen, aus dem eigentlichen Zwecke welchen Sie sich vorgesetzt zu haben scheinen, und aus der Natur der Sache muß ich vermuthen, daß Ihnen wenigstens nunmehr, da Sie schon eine ziemliche Anzahl von Thatsachen gesammlet haben, auch Betrachtungen willkommen seyn werden, wenn sie Aufschlüsse zur Erklärung dieser Thatsachen enthalten, oder zur Feststellung psychologischer Gesetze beitragen.

In dieser Hinsicht theile ich Ihnen die Resultate mit, welche ich nach Durchlesung des ersten Stückes von dem ersten Bande ihrer psychologischen Schrift gefaßt habe. Sollten sie Ihrem Urtheile nach eine Stelle in Ihrer Seelenkunde verdienen, so habe ich meiner Seits nichts dagegen. Ich schreite zur Sache.

Die Verrücktheit, Faselei und der Traum haben das miteinander gemein, daß 1) in diesen Zuständen Gedankendinge für außer uns vorhandene Dinge gehalten werden. 2) haben wir in dem Augenblicke in dem dieser Trug geschiehet, oft ein Bewußtseyn von dem Truge. Man träumt, und weiß im Traume, daß man träumt; auch geben [18]Wahnsinnige in dem Zustande ihrer größten Verrücktheit manchmal sehr deutlich ein Bewußtseyn ihres Wahnsinnes zu erkennen.

Um nun diese Erscheinungen zu erklären, werde ich eine Frage aufwerfen, deren Beantwortung, wie man mit einem Blicke sehen wird, einiges Licht über diesen Gegenstand verbreiten muß. Es frägt sich nehmlich: da alle unsre Vorstellungen Beschaffenheiten unsers denkenden Wesens sind, woher kommt es, daß wir irgend etwas als ein Ding betrachten, welches außer uns wirklich ist, und so wenig von unsrer Vorstellung abhängt, daß es noch fortdauern kann, wenn auch unser denkendes Wesen, und mit ihm alle unsre Gedanken zernichtet werden sollten?

Ehe ich weiter rücke, bemerke ich noch, daß zur gegenwärtigen Absicht eine blos psychologische Beantwortung dieser Frage hinreichend ist; eine metaphysische Beantwortung aber zu nichts dienen würde. Man verlangt hier keine Beweise für die Wirklichkeit der außer uns befindlichen Dinge, sondern man will blos die Wege welche uns zu dieser Vorstellungsart leiten, und die psychologischen Gesetze kennen, nach denen wir etwas für außer uns wirklich halten; und dieses darum, damit wir die Täuschung welche im Traume und in der Verrüktheit vorgehet, desto besser einsehen mögen.

Wir werden also einige Blicke in uns selbst werfen müssen, und mehr erfordert es in der That nicht, um folgendes wahrzunehmen: von vielen [19]Vorstellungen sind wir uns genau bewußt, wie wir von den vorhergegangenen zu ihnen geleitet worden sind; von vielen andern wissen wir dieses zwar nicht, aber wir wissen doch überhaupt, daß eine stetige Fortrückung von Vorstellung zu Vorstellung nach dem Gesetze der Ideenverkettung und Vergesellschaftung in uns statt gehabt hat. Wenn wir uns zum Beispiel auf etwas zu erinnern bemühen, so sind wir uns die große Menge von Vorstellungen, welche wir durchwandert haben, nicht bewußt; aber wir wissen überhaupt, daß wir sie durchwandert haben, und wenn die Erinnerung wirklich geschiehet, sie eine Folge aller vorhergegangenen Vorstellungen gewesen ist, welche nach dem oben angezeigten Gesetze in uns hervorgebracht worden sind.

Aus diesen Bemerkungen müssen wir natürlich den Schluß ziehen: alle Ideen, welche blos in uns erzeugt werden, mithin alle Gedankendinge, sind eine Folge von vorhergegangenen Vorstellungen, und können nicht plötzlich, oder wie der Psycholog dies zu nennen pflegt, mittelst eines Sprunges entstehen.

Allein wir bemerken auch, daß es noch eine Art von Vorstellungen giebt, welche sich uns mit einemmale aufdringen, bei denen wir keine Spur eines stetigen oder vergesellschafteten Ideenganges wahrnehmen, so daß in der ganzen vorhergegangenen Ideenreihe, wenigstens unsrer Meinung nach, nichts enthalten war, welches darauf geleitet hätte. [20]Wenn z.B. indem ich dieses schreibe, ein Vogel vor meinen Augen vorüber streicht, so glaube ich überzeugt zu seyn, diese Vorstellung sey plötzlich in mir entstanden, weil zufolge meines besten Bewußtseyns in dem Vorhergegangenen kein Faden anzutreffen ist, den ich an den Begriff eines Vogels knüpfen könnte.

Demnach erzeugt der Satz: kein Gedankending entstehet mittelst eines Sprunges, nebst dem zweiten: es giebt Vorstellungen, welche, wenn ich meinen Wahrnehmungen trauen darf, mittelst eines Sprunges entstehen, den dritten: Die Vorstellungen von der letzten Art, oder bestimmter, die Vorstellungen, welche die Sinne darbieten, werden nicht blos in mir entsponnen, sind keine bloße Gedankendinge, sondern es giebt eine Wirklichkeit außer mir, welche sie in mir wirkt, oder veranlaßt. Nemlich: entweder die Vorstellungen welche wir durch die Sinne empfangen, sind nicht mit unsern übrigen Vorstellungen verbunden, obgleich die Dinge, welche auf die Sinne wirken, eine ununterbrochene Verbindung untereinander haben; oder der Faden ist in Absicht derselben nicht abgeschnitten; ich habe Vorstellungen von der ganzen Welt, und zwar diejenigen, welche blos in mir entstehen, beziehn sich unmittelbar auf mich, auf meine Eigenheiten, und auf Eindrücke, welche die sinnlichen Vorstellungen in mir zurückgelassen haben; die Vorstellungen aber welche durch die Wirkung äußerer Ge-[21]genstände in mir hervorgebracht werden, beziehn sich mehr auf die Verbindung des unendlichen und zum Theil von mir auch in dem gegenwärtigen Zustande anschaulichen Alls.

Von den Vorstellungen des innern Sinnes weiß ich im wachenden und mit Besonnenheit verbundenen Zustande wie ich zu ihnen gekommen bin, oder werde wenigstens die Spur von einer stetigen Gedankenverkettung gewahr; von den Vorstellungen aber, welche uns von aussen zuströmen, findet auch dies letztere nicht statt; nicht weil keine da ist, sondern weil sie für uns verloren geht; hauptsächlich darum, weil es schwer ist, in einem grenzenlosen und äusserst verwickelten All eine Spur zu bemerken.

Es scheint, daß die zuletzt angeführte Meinung, welche doch wenigstens möglich ist, wiederum alles das niederreisse, was vorher aufgebauet worden. Denn da vermöge derselben die Vorstellungen, welche uns die Sinne darbieten, von den vorhergegangenen nicht abgebrochen sind, so kann die anscheinende Unterbrechung keine außer uns vorhandene Wirklichkeit darthun.

Allein es ist bereits erinnert worden, daß blos der Weg und das Gesetz gesucht wird, nach denen wir uns bei dieser Beurtheilung richten; ein Gesetz, welches, da alles auf die Erklärung der Täuschung im Traume und in der Verrücktheit abzielt, den Grund angiebt, warum in den eben genannten Täu-[22]schungszuständen das Blendwerk sich erzeugen muß, dessen Ursprung hier enträthselt werden soll; mithin auch im wachenden und mit völliger Besonnenheit verbundenen Zustande zu Irrschlüssen leiten kann. Denn blos durch die Verirrung welche auch in dem eben beschriebenen Zustande möglich ist, kann die Verirrung erklärt werden, welche in den täuschenden Zuständen unstreitig statt hat.

Daß aber der wirkliche oder scheinbare Mangel einer Ideenverbindung zwischen einer Vorstellung und den vorhergegangenen uns auf eine außer uns vorhandene Wirklichkeit führt, beweisen viele Erfahrungen, von denen ich folgende heraushebe: Wenn ich in eben dem Augenblicke, in welchem ich das einsilbige Wort ja niederschreibe, es auch aussprechen höre, so werde ich zweifelhaft, ob man es wirklich ausgesprochen habe, oder ob in mir eine Täuschung vorgegangen sey, und ich würde nicht einmal daran zweifeln, sondern es für eine ausgemachte Täuschung halten, wenn sie im wachenden Zustande wahrscheinlich wäre.

Also wo wir keine plötzliche Abbrechung von der vorhergegangenen Gedankenreihe wahrnehmen, da schließen wir auch auf keine äussere Wirklichkeit, und wir wären lauter erklärte Egoisten, wenn die sinnlichen Vorstellungen, welche uns die äussern Gegenstände darbieten, mit unsrer Gedankenreihe gleichen Schritt hielten.

[23]

Demnach ist die Unterbrechung der Ideenstetigkeit der Weg der uns auf eine ausser uns vorhandene Wirklichkeit führt, und zum Theil auch ein Merkmaal, daran wir sie erkennen.

Ich sagte zum Theil, und dies vorsetzlich, denn nachdem man auf die Idee geführt worden, so bemerkt man noch andere Merkmaale derselben, welche es eben sind, die den Egoismus so lächerlich machen. Die wichtigsten derselben sind für uns hier von keinem Gebrauche, weil sie besonders auf unsern Zustand im Traume nicht angewandt werden können.

Ich werde daher nur eines einzigen Merkmaals gedenken, darnach wir uns richten, welches so schwankend ist, daß es zu Täuschungen verleitet und auch im Traume statt hat; ich meine nehmlich die Stärke der Vorstellung. Wir können mittelst der Einbildungskraft das Bild der Sonne in uns hervorbringen, aber die Kraft der Vorstellung einer mit Augen gesehenen Sonne, wirkt mit einer weit größern Stärke, als die Vorstellung, welche die Einbildungskraft uns gewährt.

Wie sehr aber dies Merkmaal irre führen kann, beweisen viele Beispiele, wovon ich nur ein einziges rügen werde. Man weiß, daß Dichter und Mahler von ihren eignen Gedankengeschöpfen getäuscht werden, und es hat Fälle gegeben, daß sie in Furcht und Schrecken gesetzt worden, mit einemmale in einen Winkel gekrochen oder zurükgefahren sind.

[24]

Ich enthalte mich, ein mehreres hierüber hinzuzufügen, da die Hauptsache sehr bekannt ist, und zur Erklärung des Truges, welcher in den täuschenden Zuständen in uns vorgehet, fast allgemein angewandt wird.

Ich begnüge mich, blos zu bemerken, daß wir alle Vorstellungen, welche uns die Einbildungskraft, und mithin auch die überspannte Einbildungskraft liefert, für das was sie sind, für Gedankendinge halten müssen, wenn wir nicht in dem Augenblicke in welchem uns das eingebildete Ding vor Augen schwebt, selbst die Spur der vorhergegangenen Ideenreihe, daher es entstanden ist, verloren haben.

Die Gründe welche für die Nothwendigkeit einer Reihenabbrechung zur Vorstellung einer Wirklichkeit vorgetragen worden, beweisen dieses noch um so mehr, wenn sie auf unstreitige Gedankendinge, auf die Bilder der Einbildungskraft angewandt werden.

Es stehet also fest: die Abbrechung von der vorhergegangenen Gedankenreihe ist eine Bedingung, ohne welche wir in keinem Falle etwas als ausser uns wirklich annehmen; und, daß ich es im Vorbeigehn bemerke, in Absicht der Vorstellung unsers eignen Daseyns verhält es sich gerade umgekehrt. Der Mensch vergißt, so zu sagen, sein eignes Ich, wenn er so sehr von Gegenstand zu Gegenstand eilt, daß ihm die innere Gedankenreihe abgebrochen scheinen muß.

[25]

Ich rücke nunmehr näher zum Ziele, und zwar zuförderst zur Erklärung der Haupterscheinungen in den täuschenden Zuständen, und um meine Meinung faßlicher zu machen, werde ich in der Folge einige Entstehungsarten von diesen Zuständen angeben.

Von allen täuschenden Zuständen ist der Traum der einzige, der fast allen Menschen aus eigner Erfahrung bekannt ist; man hat daher auch bestimmtere Begriffe von ihm, als von den übrigen; und man siehet sich oft gezwungen, von ihm auf die andern zu schliessen. In dieser Rüksicht verdient er die erste Stelle; zu dessen Erklärung aber etwas von unsern Vorstellungen im Schlafe vorausgeschickt werden muß.

In dem Zustande des tiefen Schlafes, worin auch kein Traum vorhanden ist, sind die dunklen Vorstellungen der Seele im Gleichgewicht, so daß keine derselben eine größere Stärke als die andre hat; keine ist die hervorstechende, die herrschende. Die Aufmerksamkeit, welche die Seele auf sich selbst und ihre Vorstellungen hat, ist in diesem Zustande äußerst schwach, aber nicht ganz unterdrückt, weil in ihm keine Vorstellung unterdrückt werden kann.

Daher kommt es, daß ein vor dem Schlafe gefaßter Vorsatz selbst in diesem Zustande eine Wirksamkeit hat, wie sehr viele Erfahrungen ausser allen Zweifel setzen; und daher kommt es ferner, daß die Schätzung des verstrichenen Zeit-[26]raums im Schlafe besser als im wachenden Zustande von statten gehet.

Denn da wir das Maß der vergangenen Zeit blos durch die Menge von Vorstellungen schätzen können, welche in uns aufeinander gefolgt sind: so wird dieses nur alsdann mit der Wahrheit übereinstimmen, 1) wenn die Vorstellungen, deren Zusammenzählung den Zeitraum bestimmen soll, gleichen Zeitraum einnehmen. 2) wird auch die Aufmerksamkeit auf sich und auf andre Vorstellungen sehr geringe seyn müssen, weil die Aufmerksamkeit Irrung im Zählen verursacht.

Man kann immer richtig hintereinander wegzählen, wenn man gar nichts dabei denkt, und selbst das nicht, daß man zählet. Ja dies ist es eben, was diese Operation so schwer macht, weil wir die Aufmerksamkeit vollends ablenken müssen. Ich werde mich in der Folge hierüber deutlicher bestimmen.

Da indessen diese beiden Erfordernisse im Schlafe vorhanden sind, so ist es kein Wunder, daß wir pünktlich in dem Augenblicke erwachen, wie wir es vor dem Schlafengehen gewünscht haben.

Man setze demnach: es werden jemanden nach einer jedesmaligen Ziehung der Lotterie die Nummern bekannt, welche herausgekommen sind, so wird er sich zwar im wachenden Zustande die Reihe [27]von Nummern, welche seit vielen Jahren gezogen worden, nicht erinnern, und wird daher noch weniger wissen, welche Nummern gar nicht oder weniger mal wie andere herausgekommen sind, aber im Schlafe wird ihm die Vorstellung aller seit vielen Jahren gezogenen Nummern und das Resultat, welches hierin zu fassen ist, mit eben der Stärke beiwohnen können, als jede andre Vorstellung, weil in diesem Zustande keine Vorstellung einen größern Grad von Stärke hat, als die andere; und wenn eben dieser Jemand ein Lotteriespieler ist, für den also dieses Resultat Interesse hat, so wird ihn diese Vorstellung wecken, er wird entweder völlig erwachen, oder in den mittleren Zustand gerathen, das ist: er wird träumen.

Wem diese Behauptung zu kühn scheint, den frage ich: ob denn die Verhältnisse, welche jedes Frauenzimmer ohne es zu wissen, mithin mittelst dunkler Vorstellungen berechnet, wenn es eine Melodie anhört, nicht eine weit verwickeltere Sache sind? Und ich frage ferner: ob dies nicht daher rührt, weil wir uns bei Anhörung einer Musik blos leidend verhalten, also keine Aufmerksamkeit zu verwenden brauchen? Denn Aufmerksamkeit nenne ich hier: die Bemühung etwas zu entdecken oder zu fassen; und wenn ich sage: es wird keine Aufmerksamkeit erfordert, so will ich zu verstehen geben, daß diese Bemühung unnöthig ist. Und daher behaupte ich: die Anhörung der Musik erfordert keine Aufmerk-[28]samkeit, weil die Töne schon als leidenschaftliche Ausdrücke eine Anziehung haben, welche fähig ist, unsre Aufmerksamkeit von allen Gegenständen weg zu wenden, und wir uns also blos leidend zu verhalten brauchen.

In eben dem erklärten Sinne hatte ich es auch genommen, als ich vorhin die Meinung äusserte, daß man bei dem Zählen — und wie ich jezt hinzusetze, auch bei dem gemeinen Rechnen, in so fern man blos nach einer erlernten Methode verfährt — die Aufmerksamkeit ablenken muß; denn das Zählen und das gemeine Rechnen ist weder eine Operation des Verstandes noch der Vernunft.

Der vortrefliche Doctor Bloch, dieser Mann der mit dem Talent, welches in Ausübung seiner Kunst eine conditio sine qua non ausmacht, mit dem gesunden Menschenverstande so sehr begabt ist, erzählt uns in seinen Bemerkungen eine Antwort des verewigten Mendelssohn auf die Frage: was denken Sie? —

»Nichts, ich zähle.«

Meiner Meinung nach war diese Antwort Mendelssohns, wie die seinige immer zu seyn pflegte, vieles mit wenigen Worten, treffend, scharfsinnig und wahr.

Aus dem was ich vorhin angeführt hatte, wird auch die Schwierigkeit begreiflich, die viele Männer von Genie finden, wenn sie den eigentlich mathematischen Kalkul bearbeiten sollen, ob sie ihn gleich [29]wohl verstehen, und gemeine Rechnungen mit Fertigkeit zu vollenden im Stande sind.

Denn der mathematische Kalkul erfordert zum Theil die Wegwendung der Aufmerksamkeit — in dem erklärten Sinne — und theils eine Anstrengung; das erstere in so ferne die Operationen des gemeinen Kalkuls darin vorkommen, und das letztere in Absicht der darin befindlichen Vernunftschlüsse. Dieser beständige Kontrast ist es, welcher auch einem Genie Verwirrung machen kann.

Wenn also der Wunsch des Herrn von Leibniz in Erfüllung käme, die Zahlzeichen so einzurichten daß das Resultat der Arithmetischen Operationen aus Gesetzen der Vernunft geschlossen werden könnte, so hätte dies wenigstens den Nutzen, daß die gemeinen sowohl als die mathematischen Rechnungen, mit weniger Mühe bearbeitet werden könnten; und der sonst gründliche und erfinderische Plouquet hat dennoch hierüber nicht so geurtheilt, wie er urtheilen sollte und pflegte.

Noch ausführlicher darf ich über diese Materie nicht seyn, denn ich eile zu einem großen Rechenmeister, zum Schlafe.

Ueberhaupt jedes Resultat das uns im wachenden Zustande darum verborgen bleibt, weil sowohl die Ideen, welche es voraussetzt, oder von denen es zusammengesetzt ist, als auch das Verfahren der Vernunft, welches erforderlich ist, um das Endurtheil zu fällen, von herrschenden Ideen oder Ver-[30]nunftverfahrungen unterdrückt worden, kann im Schlafe dennoch in uns entstehen, und wir würden, wenn in dem Augenblicke, in welchem uns das Resultat beiwohnt, ein Erwachen erfolgte, ein vollkommenes Bewußtseyn davon haben, wenn nicht die Operation des Erwachens davon ableitete, und die Vorstellungen vom äussern Gegenstande, welche uns von allen Seiten zuströhmen, das dunkle Resultat wiederum unterdrücken könnten. Es sind aber gleichwohl die glücklichen Einfälle daher erklärbar, welche man oft nach dem Erwachen hat.

Der hier angenommene Uebergang vom tiefen Schlafe zum Erwachen geschiehet aber äusserst selten, mehrentheils erfolgt nach ihm ein Traum. Wir werden daher den Einfluß betrachten müssen, welchen die Ideenreihe die wir im Schlafe hatten, auf die Vorstellungen im Traume hat; aber zuförderst werden wir die Eigenheiten dieses täuschenden Zustandes festsetzen, und daraus werden sich die Haupterscheinungen in demselben von selbst erklären.

Der Traum ist ein Mittelzustand, der zwischen unsern Zustand im Wachen und im tiefen Schlafe fällt, daher wird auch keine vollkommene Aufmerksamkeit auf die innere Ideenreihe statt haben, und da, wo wir im wachenden Zustande nur eine Spur wahrnehmen, werden wir im Traume gar nichts bemerken. Also werden wir kein sehr lebhaftes Bewußtseyn von unserm Daseyn haben; [31]denn dies hängt von der Wahrnehmung der innern Gedankenreihen ab; das Ich ist demnach in diesem Zustande nur schwebend.

Da nun ferner der Uebergang vom Schlafe zum Traume mittelst einer äussern Empfindung oder durch das besondere Interesse, welches eine gehabte Vorstellung für uns hat, geschiehet: so ist hiedurch die Anlage zu einer Herrschaft der Ideen gegeben, oder mit andern Worten, die Seele steht unter der Regierung der Einbildungskraft. Denn der Zustand darin herrschende Ideen und ein schwebendes Ich statt hat, enthält die Elemente zu einer Art von Einbildungskraft, welche man die täuschende und unterdrückende nennen könnte.

Die Fortsetzung künftig.

[32]

3.

Ueber Selbsttäuschung.

Moritz, Karl Philipp

In der menschlichen Natur giebt es gewiß kein unerklärbareres Phänomen, als die Möglichkeit, sich selber zu täuschen, gleichsam als ob man ein von sich selbst verschiedenes Wesen wäre, daß zweierlei Interesse hätte.

Da nun kein Mensch leicht den andern täuscht, ohne sich irgend einen Vortheil davon zu versprechen, so scheint es auch, als ob man sich selber unmöglich täuschen könne, ohne irgend einen Vortheil von dieser Täuschung zu erwarten, oder zu geniessen.

Wer aber hiebei betrogen wird, ist demohngeachtet niemand, als wir selbst; und doch wäre es ungereimt zu sagen, daß irgend ein Mensch die Absicht haben könnte, sich selbst im Ernst zu betrügen. —

Um dieses Räthsel aufzulösen sind die sonderbaren Beispiele von Selbsttäuschung in dem Leben der Menschen äusserst wichtig; und verdienen in jeder Rücksicht näher erwogen zu werden.

Offenbar findet der meiste Selbstbetrug bei den religiösen Empfindungen statt, welche man sich oft zu haben Mühe giebt, und am Ende wirklich zu haben glaubt, indem man bei leerem Herzen, in Ergiessungen des Danks und der Ehrfurcht ausbricht, die man nicht mehr für erkünstelt hält, und die es dennoch sind.

[33]

Dergleichen Ergiessungen finden sich häufig in diesem kleinen Buche, und dienen zum Beweise, bei welchem Grade von Frömmigkeit der Mensch dennoch gegen sich selber ein Heuchler seyn, und bei welchem Grade von Aufrichtigkeit er dennoch sich gegen sich selber verstellen könne.

Denn wer dergleichen Empfindungen in seinen Worten und Gebehrden lügt, um andre Menschen damit zu täuschen, bei dem läßt sich dies Verfahren leicht erklären; wer aber diese Empfindungen in sich selbst erkünstelt, um sie für sich zu haben, wenn auch niemand ausser ihm sie bemerkte, bei dem sollte man kaum noch Verstellung ahnden, wenn dieselbe nicht noch einen Schlupfwinkel hätte, nehmlich den, daß der Mensch auch vor sich selber eine Rolle zu spielen, im Stande ist.

Ein jeder sucht nehmlich, mehr oder weniger in irgend einer Stellung oder Mine, die ihm an andern wohlgefällt, auch sich selber wohl zu gefallen, und trägt das Fremde mehr oder weniger in sich über.

Und so wie nun die Neigungen verschieden sind, so findet der eine z.B. ein vorzügliches Wohlgefallen an dem äussern Ausdruck einer tiefen Andacht; der andre an dem äussern Ausdruck einer vorzüglichen innern Stärke und Seelengröße; und wieder ein andrer an dem Ausdruck eines sanften und ruhigen Charakters, dem eine vorzügliche Liebenswürdigkeit eigen ist.

[34]

Weil nun aber dies Wohlgefallen mehr an dem äussern Ausdruck, als an der innern Grundlage, mehr an dem Schein als an der Wirklichkeit haftet; so muß auch die Uebertragung des Fremden nothwendig steif und erkünstelt werden, weil man dieselbigen Erscheinungen ohne dieselbe Unterlage hervorbringen will.

Denn wenn man die Wirklichkeit dem Scheine vorzöge, so würde man kein Bedürfniß haben, das Fremde in sich zu übertragen, sondern man würde in sich selbst zurücksinken, um aus seiner eigenen Grundanlage, dasjenige herauszuarbeiten, was darin enthalten ist, sey es so viel oder so wenig es wolle.

Wen nun aber seine Neigung einmal zu dem Scheinbaren hinzieht, dem ist der Vorzug der Realität freilich nicht so leicht begreiflich zu machen. — Denn wenn die Realität mehr inneres Gewicht hat, so hat das Scheinbare wieder eine größere Ausbreitung.

Und der Mensch ist in diesem Falle größtentheils so beschaffen, daß wenn sich ihm die Gelegenheit dazu darbietet, er lieber etwas Ausgebreitetes blos scheinen, als etwas in sich Zurückgezogenes und Unbemerktes wirklich seyn will.

Was Wunder denn, daß auch selbst religiöse und tugendhafte Empfindungen, in einem übertriebenen und überspannten Grade, lieber von den Menschen erkünstelt werden, als daß sie sich mit [35]dem, wozu ihre Natur wirklich fähig und ihre Fiber gestimmt ist, begnügen sollten, welches immer noch mehr seyn würde, als alles, was sie durch erzwungene Nachahmung in sich hervorzubringen streben.

Es ist unglaublich, wie viele Menschen an dieser Krankheit leiden, welche das vernachlässigen was sie sind, ohne das je zu erreichen, wornach sie streben, weil das wornach sie streben nur eine fremde Oberfläche und nicht das Wesentliche ist, daß in ihnen so gut, wie in jedem andern verborgen liegt, und nur Ruhe und Stille der Seele erfordert, um aufzukeimen, und in Aeste und Zweige sich auszubreiten.

Es gehört eine gewisse Art von Verläugnung und Ertödtung dazu, um gänzlich auf den Schein Verzicht zu thun. — Aus dieser Ertödtung selber aber keimt bei demjenigen, welcher sich ihr unterzieht, sicher ein neues Leben hervor, daß allen Schimmer überwiegt.

Die Seele kann erst dann mit sich selber in ein dauerndes Gleichgewicht kommen, wenn Kraft und Wille harmonisch übereinstimmen. — Denn der Wille welcher die Kraft übersteigt, ist grade dasjenige was zum Scheine zwingt.

Wünsche nach etwas Höhern sind freilich deswegen unvermeidlich, weil so viele fremde Begriffe in eins überströmen, die uns etwas kennen lehren, das wir selbst nie zu erreichen im Stande sind. — [36]Wer sich aber in der Republik der Geister und mit dieser zusammen denkt, der wird auch jedes höhere Talent als ein gemeinschaftliches Gut betrachten, das allen verhältnißmäßig zugehört, und welches selbst dem der es besitzt, oft kein so reines und unvermischtes Vergnügen gewährt, als dem welcher sich mit stillem Genuß daran ergötzt.

Eine jede Seelenkraft die sich in ihrem Maaß ausbildet, ist, ganz ohne Vergleichung, für sich selbst das Höchste. — Niemand darf scheinen, um mit in Reihe und Glied zu stehen, sondern ein jeder hat den innern Gehalt und Werth dazu in sich selber.

Es ist der düstre umnebelte Blick, welcher den reichen Fond von Anlässen zu allem Großen und Schönen, der in der Menschheit schlummert nicht wahrnimmt, weil er nur auf sein Individuum sich beschränkt, und über dessen Grenzen nicht hinausgeht. —

Wer nun über das Wesentliche hinwegsieht, muß zu dem Unwesentlichen bei dem inwohnenden Triebe sich auszubreiten, nothwendig seine Zuflucht nehmen. — Die eigentliche Wurzel bleibt vernachlässigt und verdorret, indeß ein fremdartiges Gewebe sich umher spinnt.

Daß man nach dem alten Sprichwort so viele Bilder und Erscheinungen von Menschen, und wirkliche Menschen so wenig sieht, hat blos in dieser Sucht das Fremdartige in sich überzutragen, [37]seinen Grund, wodurch wahre innere Kraft und Würde unter den Menschen so selten werden.

Die Philosophie der Alten arbeitet daher immer auf den Satz hin, sich durch nichts Aeusseres blenden zu lassen, nichts anzustaunen und zu bewundern, sondern in sich selber den einzigen wahren Beruhigungspunkt zu finden, der uns alle äussern Dinge in ihrem gehörigen gemäßigten Lichte erscheinen, und unsre Wünsche uns auf das, was wir uns selber geben können, beschränken läßt.

Wenn irgend etwas fähig ist, vor der Selbsttäuschung zu bewahren, so ist es eine solche ruhige Stimmung der Seele, welche wie ein heiterer Spiegel, jede Art von Affektation und falschem Streben, das in uns sich regen will, uns augenblicklich selbst bemerken läßt, und uns wieder in den Zustand versetzt, wo wir über unsre eigne Thorheit lächeln. —

Moritz.

[38]

4.

Ueber Selbsttäuschung.

Maimon, Salomon

In Bezug auf den vorhergehenden Aufsatz.

Selbsttäuschung ist eine Neigung den äußern Schein einer Vollkommenheit durch Handlungen so auszudrücken daß man selbst sie zu besitzen glaubt. Die Unauflößligkeit der Frage: wie man sich selbst täuschen wollen kann?*) 1 beruhet, wie ich dafür halte, auf einer Verwechslung des Begriffes von Täuschen, mit dem von Betrügen. Ich werde mich daher bemühen den Unterschied dieser Begriffe anzugeben, wodurch diese Frage leicht aufgelößt werden wird.

Täuschung überhaupt heißt: die Vorstellung eines Gegenstandes für den Gegenstand selbst zu halten. »Wenn wir, sagt Sulzer, bei einem Gemälde vergessen daß es blos die todte Vorstellung einer Scene der Natur ist, und die Sache selbst zu sehen glauben; oder wenn wir eine Handlung auf der Schaubühne so natürlich vorgestellt sehn, daß wir dabei vergessen, daß was wir sehen blos Nachahmung ist, und die Schauspieler würklich für die Personen halten die sie vorstellen, so werden wir getäuscht. Es erhellet also hieraus, daß die gute Würkung der schönen Künste (in so fern sie Nachahmung der Natur sind) von der Täuschung abhängt.«

[39]

Die Täuschung eben so wie die (historische) Wahrheit beruhet entweder auf der Association der Einbildungskraft, und ist uns mit den Thieren gemein, oder auf einem falschen Urtheile. Ich will mich hierüber umständlicher erklären.

Wenn wir verschiedne Erscheinungen beständig miteinander in Zeit und Raum verknüpft wahrgenommen haben, so entsteht bei uns der Begrif eines Objekts das aus allen diesen Erscheinungen zusammengesetzt, und wovon jede insbesondere ein Merkmaal oder eine Vorstellung ist. Wir haben zum Beispiel beständig wahrgenommen, daß gelbe Farbe, vorzügliche Dichtigkeit und Schwere, Auflößbarkeit in Aquaregis, Schmelzbarkeit u.d.gl. in Zeit und Raum verknüpft sind, so daß wo und wenn die eine dieser Erscheinungen angetroffen wird, auch alle übrigen angetroffen werden. Es entsteht daher bei uns hieraus der Begriff eines besondern Objekts nehmlich des Goldes, dem alle diese Erscheinungen als Eigenschaften zukommen.

Wir erwarten also bei der Wahrnehmung der einen dieser Erscheinungen, die Wahrnehmung aller übrigen, worinn wir aber zuweilen getäuscht werden, weil diese Erscheinungen keine nothwendige Verknüpfung miteinander haben, sondern diese Verknüpfung in uns nach dem bekannten Erfahrungsgesetze der Association entsprungen ist; daher glaubt ein Kind bei Erblickung der Goldfarbe in der Feder [40]eines Pfau das Gold selbst zu erblicken; daher bellt ein Hund den Spiegel an, in dem er einen andern Hund zu erblicken glaubt, daher findet eine Henne keinen Anstoß, wenn man ihr aus Kreide verfertigte Eier stat der ihrigen unterlegt u.d.gl. mehr. Bei einem vernünftigen Menschen geschieht dieses entweder auf eben dieselbe Art, oder es kömmt noch ein falsches Urtheil hinzu, dieses nehmlich, was (in Ansehung einer Erfahrung) beständig ist, ist an sich nothwendig, welches wiederum auf einer falschen Umkehrung eines wahren Satzes; nehmlich: was an sich nothwendig ist, muß auch in Ansehung unserer Wahrnehmung beständig seyn, beruht.

Die Frage: ob die Sinne uns täuschen können, hat, wie ich dafür halte gar keine Bedeutung; denn soll es z.B. heissen: ist der Zucker, der mir süße schmekt, auch an sich (das Substratum dieser Empfindung) ausser meinem Empfindungsvermögen süße, so enthält es einen Widerspruch, daß nehmlich etwas ausser dem Empfindungsvermögen dennoch Empfindung sey; ist aber die Bedeutung davon diese, ob der süße Geschmack den ich mit der weissen Farbe u.s.w. verknüpft in dem Zucker wahrnehme, beständig damit verknüpft sey oder nicht, so ist im letztern Falle hier wiederum keine Täuschung, denn ein Gegenstand der die weisse Farbe, und die übrigen Eigenschaften des Zuckers ausser dem süßen Geschmacke hat, ist so wenig Zucker als das Platina Gold ist.

[41]

Die Täuschung liegt nicht in den sinnlichen Empfindungen an sich, sondern in ihrer Verknüpfung; ist diese Verknüpfung in unserer Wahrnehmung beständig, so nennen wir sie Wahrheit, wo nicht, so halten wir das, daß wir sie bisher für beständig gehalten haben, für eine Täuschung. Die Wahrheit beruht also auf der zufälligen Uebereinstimmung der Wahrnehmung dieser Verknüpfung mit dem Glauben an dieselbe. Die Täuschung hingegen auf der zufälligen Nichtübereinstimmung derselben. Der Glaube an sich aber hat in beiden Fällen keinen nothwendigen objektiven Grund. Aber wozu auch dieser? Der zufällige subjektive Grund ist schon hinreichend genug, so wohl zum Gebrauche im gemeinen Leben, als zur Erweiterung unsrer Erkenntniß in Ansehung der Natur, und ihrer Erscheinungen.

Täuschung und (historischer) Betrug sind einander ähnlich, in so fern in beiden die Vorstellung für den Gegenstand selbst gehalten wird. Sie sind aber voneinander verschieden, in so fern ein Betrug durch seine Entdeckung vernichtet werden muß; Täuschung hingegen auch durch Ueberzeugung, daß sie Täuschung sey, nicht vernichtet wird. Ein Stock der zum Theil im Wasser, zum Theil aber ausser demselben ist, scheint an dem Orte wo er die Oberfläche des Wassers berührt gebrochen zu seyn. Wer von der Optik nichts versteht, und auch noch nicht durch Erfahrung diese Erscheinung zu [42]berichtigen gelernt hat, hält ihn für würklich gebrochen, er betrügt sich also hierin. Nachdem aber ihm dieser Betrug entdeckt wird (durch Vorzeigung desselben ausser dem Wasser, oder Erklärung dieser Erscheinung nach den Gesetzen der Optik) so wird derselbe sogleich vernichtet. Er wird nicht mehr glauben daß der Stock im Wasser gebrochen sey, sondern daß er blos gebrochen zu seyn scheine.

Das durch einen Hohlspiegel in der Luft hervorgebrachte Bild eines Gegenstandes scheint der Gegenstand selbst zu seyn. Derjenige der entweder von dem Daseyn des Hohlspiegels oder von seinen Eigenschaften aus der Optik nichts weiß, wird das Bild für den Gegenstand selbst halten. Man kann ihn aber seines Irrthums überführen wenn man ihn dasselbe befühlen läßt u.d.gl. mehr. Dieß sind Beispiele eines zu entdeckenden Betrugs, nicht aber der Täuschung. Was ist also Täuschung? Um diese Frage auflösen zu können sehe ich mich also gezwungen etwas weit auszuhohlen.

Ich habe schon bemerckt daß der Begriff eines besondern Objekts worauf sich die Vorstellung als Merkmaal beziehet, das sich aber selbst auf nichts ausser sich beziehet, eine Würkung der Association der Einbildungskraft ist, die verschiedene sinnliche Vorstellungen, wegen ihrer Verknüpfung in Zeit und Raum in ein einziges Objekt verknüpft; woraus nothwendig folgt, daß, indem Zeit und Raum das Band oder die Einheit dieses Mannig- [43] faltigen sind, sie nicht zugleich als Bestandtheile dieses Mannigfaltigen selbst gedacht werden können, d.h.: obgleich jedes wirkliche Objekt nur zu einer gewissen Zeit und in einem gewissen Raume existiren kann, es dennoch nicht durch diese Zeit und diesen Ort ein bestimmtes Objekt wird.

Man kann sich daher eben dasselbe Objekt zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten denken, ohne daß es deswegen aufhört, das nehmliche Objekt zu seyn. Die Bestimmungen von Zeit und Ort können also blos als zufällige Beschaffenheit oder als Zeichen, nicht aber als wesentliche Bestandtheile oder Eigenschaften desselben gedacht werden. Dieses muß noch mehr von den Nahmen die blos willkürliche Zeichen sind, gelten.

Wenn also die Begebenheiten des Königs Lear, Macbeth, Graf Essex und dergleichen auf dem Theater vorgestellt werden; so benimmt die Wahrheit, daß diese Begebenheiten nicht jezt, sondern vor einigen hundert Jahren, und nicht in Deutschland, sondern in England vorgefallen, und daß die Hauptperson nicht König Lear, sondern der Schauspieler ist, dieser Vorstellung nichts; indem diese zufällige Bestimmung abgerechnet, übrigens die wirkliche Begebenheit nicht blos vorgestellt, sondern vollständig dargestellt wird.

Hier geht also eine eigentlich sogenannte Täuschung vor, indem wir von der einen Seite gezwun-[44]gen sind, diese Vorstellung für den Gegenstand selbst zu halten, weil ihr nichts Wesentliches dazu mangelt, von der andern Seite aber uns anderwärts überzeugt finden, daß diese Vorstellung unter diesen zufälligen Bestimmungen würklich habe seyn können. Das Gemüth wanckt also beständig von der einen Vorstellungsart zur andern, d.h. es wird getäuscht.

Die Ueberzeugung von der Nichtwirklichkeit dieser Vorstellung hebt diese Täuschung nicht, sondern ist vielmehr ein Bestandtheil derselben. Hingegen kann aus der Ueberzeugung von der Nichtwirklichkeit des Gegenstandes, dessen Bild wir in der Luft schweben sehn, keine Täuschung entspringen. Wir müssen es blos für einen Schein, nicht aber für ein wirkliches Ding halten, indem ihm ein Bestandtheil der Wirklichkeit, nemlich das Fühlbare mangelt.

Ich bemerke aber: daß es in Ansehung der durch die schönen Künste hervorgebrachten Täuschung einen Unterschied giebt, zwischen den Werken der schönen Künste die blos als Nachahmung der Natur, und solchen, die schon in der Natur selbst gefallen. Im ersten Falle hebt die Täuschung vom Zero an, und steigt mit jedem Grade der Nachahmung, bis zu einer gewissen Stufe; von da sie wieder abzunehmen anfängt; d.h. die Täuschung hat in der Nachahmung ein Maximum. Im zweiten Falle aber, wo nehmlich die Wirkung im Gegenstande selbst gegründet ist, hat die Täuschung [45]gar keine Grenzen, und kann also nicht zu weit getrieben werden. Eine gemahlte Eidexe gefällt uns blos als Nachahmung der Natur, indem sie unsern Witz in Thätigkeit setzt, eine Vergleichung zwischen dem Gegenstande selbst und seiner Vorstellung anzustellen, und ihre Aehnlichkeiten ausfindig zu machen. Der Gegenstand selbst aber mißfällt uns. Hier hat also die Täuschung in Ansehung ihrer Wirkung Grenzen, sie darf nicht zu weit getrieben werden, so daß wir die gemahlte Eidexe für eine wirkliche halten sollten, weil sie uns alsdann mißfallen mußte. Aber dafür ist auch schon gesorgt; die Mahlerkunst wird es schwerlich so weit bringen, daß man ihre Vorstellungen für die Gegenstände selbst halten wird.

Der Künstler kann daher getrost die Täuschung so weit treiben, so weit es nur immer in seinem Vermögen ist, ohne zu besorgen, daß er ihre Grenzen überschreiten werde. Hingegen ist es mit der Vorstellung eines Ideals des Schönen, Großen, Erhabnen und Edlen ganz anders beschaffen. Hier kann die Täuschung in Ansehung ihrer Wirkung nicht zuweit getrieben werden. Sie ist hier nicht durch den Gegenstand selbst begrenzt, indem sie keine Nachahmung der wirklichen, sondern blos der möglichen Natur ist. Es lassen sich Grade des Schönen u.s.w. bis ins Unendliche denken. Sie ist auch nicht durch den Grund des Gefallens begrenzt, weil dieser hier auf der Vorzüglichkeit der Sache selbst beruht.

[46]

Die ästhetische Täuschung beruht also darauf, daß man eben dasselbe Ding zugleich als Gegenstand und Vorstellung betrachtet, indem man im ersten Falle blos auf das Wesentliche, im zweiten aber auch auf das Zufällige Rücksicht nimmt.

Ich komme nun zu einer andern Art Täuschung, welche die logische genannt werden kann. Sie ist der ästhetischen hierin ähnlich: daß in beiden die Vorstellung des Objekts für das Objekt selbst gehalten wird. Sie unterscheiden sich blos dadurch, daß in dieser die Vorstellung ein Bestandtheil des Gegenstandes selbst, in jener aber nicht Bestandtheil, sondern blos Form desselben ist. Das erste und auffallendste Beispiel hiervon kann uns die vorerwehnte Frage: können uns die Sinne täuschen? darbieten.

Ich habe schon bemerkt: daß diese Frage gar keine Bedeutung haben kann, und dahero unauflösbar bleiben muß, indem sowohl die einzelnen sinnlichen Eindrücke als die aus ihnen entspringenden Gegenstände der Anschauung keine Copien von irgend etwas ausser denselben sind, so daß man sie durch ihre Vergleichung mit ihren Originalen für Wahrheit oder Täuschung halten sollte; und doch zeigt diese oft aufgeworfene Frage, daß man sie immer als Copieen eines sich ausser ihnen befindlichen Originals denke. Ich werde mich daher bemühen die Entstehungsart dieser Illusion zu erklären.

[47]

Gewisse sinnliche Eindrücke werden uns als in Zeit und Raum verknüpft gegeben z.B. die weiße Farbe, Kälte und Flüssigkeit des Schnees u.d.gl. Aus dieser Association entspringt in uns der Begriff eines besondern für sich bestehenden Objekts (des Schnees) und der sich als Merkmaal auf ihn beziehenden Vorstellungen (weiße Farbe u.s.w.) Da aber die weiße Farbe z.B. nicht nur mit der Kälte im Schnee sondern auch mit dem Süßen im Zucker u.d.gl. verknüpft ist; so abstrahiren wir das Objekt von allen besondern Bestimmungen und betrachten die weiße Farbe als die Vorstellung eines bestimmbaren aber unbestimmten Objekts überhaupt.

Und da unser Abstraktionsvermögen einmal in Gang gerathen ist, so abstrahiren wir diese Vorstellung nicht nur von jedem bestimmten reellen Gegenstande der Anschauung, sondern von einem reellen Gegenstande überhaupt und beziehen sie bloß auf ein logisches Objekt, das wir aber dennoch (indem wir uns der Entstehungsart dieser Vorstellung bewust sind) als einen reellen Gegenstand betrachten. Wir werden also darin getäuscht, indem wir von der einen Seite gezwungen sind, diese Vorstellung ihrem Ursprunge nach auf ein reelles Objekt zu beziehen, von der andern Seite aber, dieses Objekt durch nichts bestimmen dürfen, weil wir diese Vorstellung bloß in Beziehung auf ein Objekt überhaupt betrachten; aber ich verspahre mir die Ausführung dieser Art Täuschung auf eine andere Gelegenheit.

[48]

Täuschen und Betrügen sind also an sich betrachtet voneinander verschieden, indem im Betrügen das Falsche in der Materie oder innern Form, beim Täuschen hingegen bloß in der äußern Form des Gegenstandes angetroffen wird. In Ansehung ihrer Würkung aber sind sie nicht nur von einander verschieden, sondern sogar einander entgegen gesetzt. Beim Betrügen wird der äußere Schein eines Gegenstandes mit Weglassung der innern Kraft wovon die Würkung oder der Nutzen abhängt, beobachtet, beim Täuschen wird im Gegentheil bloß auf die Würkung gesehen, und von den Eigenschaften des Gegenstandes nur so viel beibehalten, als zu dieser Absicht nöthig ist. Wenn man eine falsche Müntze für eine ächte ausgiebt so betrügt man, indem jene nicht eben den Nutzen als diese gewähren kann. Eine dramatische Vorstellung hat die Erregung gewisser Empfindungen und Leidenschaften zum Zweck. Wäre also vor unsern Augen, die Begebenheit so wie sie vorgestellt wird, würklich vorgefallen, so würde dadurch dieser Zweck vollkommen erreicht werden. Da aber dieses nicht geschiehet, so ist es für uns hinreichend, wenn die Vorstellung der Begebenheit selbst so nahe kommt, als zur Erreichung dieses Zwecks nöthig ist.

Hieraus läßt sich auch die vorgelegte Frage: wie kann man sich selbst täuschen wollen? leicht auflösen. Man kann sich keineswegs täuschen wollen, in so fern täuschen so viel als betrügen [49]heißt, d.h. man kann nicht wollen, die Vorstellung einer Vollkommenheit an sich für die Vollkommenheit selbst zu halten, wenn die Vollkommenheit selbst der Zweck ist. Man kann sich zwar hierin täuschen d.h. glauben, daß man diese Vollkommenheit würklich besitze, keineswegs aber sich täuschen wollen, indem dieses einen Widerspruch enthält. Denn täuschen wollen, heißt so viel als sich täuschen und dennoch wissen daß man sich täusche, d.h. sich nicht täuschen.

Ist hingegen nicht die Vollkommenheit selbst sondern ihre Würkung Zweck, so kann man sich allerdings täuschen wollen. Ein Mensch kann sich (aus Mangel an psychologischen Kenntnissen) zwar täuschen, aber nicht täuschen wollen, daß er nach Principien der Tugend handle, wenn er bei sich weiß, daß er nach der Maxime des Interesses handele. Hingegen kann ein Mensch, der aus Temperament tugendhaft ist, d.h. dessen Neigungen zufälligerweise mit den Gesetzen der Moral übereinstimmen, sich täuschen wollen, daß er nicht bloß pflichtmäßig sondern aus Pflicht handle, weil er nicht nur vom Gegentheil sich nicht überzeugen, sondern auch dadurch sich dieser Idee immer nähern und den Endzweck also am besten befördern kann, und daher auch auf das, aus der Vorstellung dieser Vollkommenheit entspringende Vergnügen mit Recht Anspruch machen darf. So wie ohngefähr diejenigen, die nach einem bestimm-[50]tenbestimm,ten Ziele schießen lernen, blos die Erlangung dieser Geschicklichkeit zum Endzweck haben, keinesweges aber das Treffen des bestimmten Ziels, dennoch aber dieses als Idee betrachten, wornach sie sich richten müssen, um diesen Zweck zu erreichen.

(Die Fortsetzung folgt.)

Fußnoten:

1: *) Siehe den vorhergehenden Aufsatz über Selbsttäuschung.

[51]

5.

Anmerkungen und Berichtigungen zu dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.

Goens, Rijklof Michael van

(Aus dem Französischen übersetzt.)

Da ich bei diesen Anmerkungen, Wahrheit und Nützlichkeit zur einzigen Absicht habe, und sie nur zu dem Privatgebrauch der Herausgeber bestimme, denen sie allein gewidmet sind, und welchen es frei stehet, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, sich sogar von meinen Bemerkungen oder Berichtigungen zuzueignen, was sie für wahr halten; so trage ich kein Bedenken, sowohl über den Plan der Herren Herausgeber, als über dessen Ausführung, eine strenge und trockene Kritik niederzuschreiben; und mag keine Zeit auf feine Wendungen und auf Höflichkeitsbezeugungen verwenden, welche die Schonung und die Hochachtung, die man den Talenten und den Werken solcher Männer schuldig ist, nothwendig erfordern würden, wenn diese Anmerkungen zum Druck bestimmt wären.

Da ich viel zu sagen habe, so gelte die Mühe, eine Menge Bemerkungen niederzuschreiben, welche sich mir bei Durchlesung dieses Werks aufgedrungen haben, für den sichersten Beweis von dem ungemeinen Interesse, welches ich für diese Unternehmung habe; für eine Unternehmung, die ich in Wahrheit [52]als eine der nützlichsten dieses Jahrhunderts betrachte, die ich, als Monarch, mit allem Nachdruck unterstützen würde. Ich würde alsdann die Kostenbestreitung auf mich nehmen; ich würde die Herausgeber in den Stand setzen, dieser Arbeit allein alle ihre Seelenkräfte zu widmen; ich würde die Gelehrten und die Weltweisen aller Länder aufmuntern, zu der Vervollkommnung dieses Werks herbei zu eilen.

Ersten Bandes 1tes Stück. S. 2. ff. (Fakta und kein moralisches Geschwätz, keinen Roman und keine Komödie — auch keine andere Bücher ausschreibe.) Der Versicherung, keine Bücher auszuschreiben, ist man in der Folge nicht treu geblieben. Indessen bin ich so weit entfernt, den Verfassern einen Vorwurf darüber zu machen, daß ich vielmehr zwei Magazine, zwei Sammlungen gewünscht hätte, davon das eine nur neue, — und das andere aus Büchern ausgeschriebene Fakta, aus Biographieen, aus dem Gebiete der Arzneigelartheit, der Weltweisheit u.s.w. enthalten hätte. Hätte man dann diese Fakta mit Ueberlegung gewählt, ohne den Geist des Endzwecks dabei aus den Augen zu setzen, so würde man vielleicht am Ende das zweite Magazin für das nützlichere erkannt haben.

S. 7. (Nachrichten von J. M. Klug.) Vor einiger Zeit starb zu London ein Sonderling, von dem alle öffentlichen Blätter sprachen. Er [53]hatte sich gleichfalls eine lange Reihe von Jahren hindurch, in ein Zimmer eingeschlossen, und betrug sich überhaupt vollkommen wie Hr. Klug, wiewohl aus ganz andern Bewegungsgründen.

Es wäre gewiß keine unnütze Arbeit, die authentischen Berichte, welche man von demselben ertheilt hat, nachzusuchen und bekannt zu machen. Sie werden dieselben in den englischen Magazinen und Zeitungen von 1787-88 finden. Ich glaube wenigstens, sie um diese Zeit gelesen zu haben; doch weiß ich nicht genau, wo? vielleicht in dem Universal-Magazin.

S. 15. Ich werde in der Folge öfters Gelegenheit haben, von Träumen zu reden, und von Journalen über Träume, deren Bekanntmachung ich mit Hr. Carl Bonnet sehr wünsche; wiewohl ich nicht überzeugt bin, daß sie jemals von irgend einem Nutzen seyn dürften. Und ich wünsche diese Bekanntmachung aus keiner andern Ursache, als, weil ich es für ein Grundprincipium halte, daß man in der Psychologie, so wie in der Chymie, nicht nur die Verfahrungsart kennen müsse, durch welche man wirklich ein Produkt hervorgebracht hat, sondern auch die, welche nichts hervorgebracht haben. Es ist noch problematisch, ob Erzählungen von Träumen die Seelenlehre bereichern? und die Auflösung dieses Problems ist von Wichtigkeit.

Bei dieser Gelegenheit will ich nur anmerken, daß sich unter Swedenborg's nachgelassenen Wer-[54]ken, die zu Stockholm aufbewahret werden, drei Bände von seinen Träumen befinden, die er mit großer Sorgfalt aufgezeichnet hat, und deren Mittheilung, meiner Meinung nach, um so interessanter seyn müßte, da sie ohne Zweifel auch die Merkmaale enthalten, wodurch er seine Somnia von dem unterschied, was er visa & audita nannte.*) 1

S. 19. Ich werde an einem andern Orte von Leuten reden, die, aus Ueberdruß am Leben, oder durch einen zufälligen Todtschlag, Mörder geworden, und ein merkwürdiges Beispiel anführen, welchem ich selbst beigewohnt habe. Der Mensch, von welchem hier die Rede ist, hat durch sein Betragen, z.B. gegen die Krankenwärterin, offenbare Beweise von seiner Bosheit gegeben, und scheint mir in so fern weniger merkwürdig, da er zu der Klasse der gemeinen Mörder gehöret.

S. 21. (Das Beständige, u.s.w.) Eine sehr richtige und gegründete Bemerkung. Allein, man sollte von ihr zu der Untersuchung übergehen, in wie fern die Errichtung der Manufakturen und sitzenden Gewerke, die bei uns ohne Vergleich zahlreicher sind, als sie bei den Alten waren, auf den Verfall des Menschengeschlechts Einfluß hat. Wieder ein Gegenstand zu einer Preisaufgabe! [55]und man müßte zu diesem Behuf in denjenigen europäischen Städten Bemerkungen machen, deren Einwohner sich hauptsächlich von Manufakturen ernähren; als: Manchester, Leiden, Lyon etc.

S. 26. VI. Ein wirklich merkwürdiger Fall in seiner Art, und desto merkwürdiger, da er nicht der Einzige ist; und von der Geschichte des Musquetiers Meyer S. 16. völlig abweicht.

S. 35. (Mir ist wenigstens) Eine Erfahrung des Verfassers die mir sehr merkwürdig scheinet, und ihn wohl veranlassen sollte, sich näher zu erklären, oder sich selbst in dieser Rüksicht tiefer zu durchforschen. Ich wenigstens muß gestehen, daß ich die Erscheinung eben so wenig kenne, als ich ihre Ursache zu errathen weiß. Mag die Unordnung in den Ideen, eine viertel Stunde, höchstens eine halbe Stunde nach dem Traume fortdauern; aber den ganzen Tag über! das ist sehr auffallend.

S. 38. Kleinjogg war schon todt, als ich nach der Schweiz kam; aber nach dem Urtheile aller unpartheiischen Beobachter, muß man den Enthusiasmus, mit welchem man von so vielen Seiten über ihn sprechen hört, merklich herabstimmen.

K. war ein redlicher, betriebsamer Bauer, der vor seines Gleichen das Talent sich gut auszudrücken, besaß. Hieraus läßt sich die hier erwähnte Erscheinung sehr einfach erklären.

[56]

Der Anblick eines biedern Ackermannes, verbunden mit der Einfachheit seiner Manier, ist sehr geschickt, Seelenruhe einzuflößen, auf einige Zeit den Eindruck der Leidenschaften zu vernichten, u.s.w.

S. 39. I. Ein merkwürdiges Stück, von einer sehr interessanten Materie, die es wohl verdiente, daß man in einem kurzen Auszuge alle Data lieferte, welche wir schon anderweitig darüber haben; daß man z.B. die verschiedenen Methoden des l'Epée und des H. Heinecke mit einander vergliche. Man könnte noch dazu nehmen, was Wallis in seiner englischen Grammatik, Diderot in seinem Briefe über die Taubstummen, und, wenn ich nicht irre, auch Harris in seinem Hermes, davon gesagt haben. Einige nicht unbeträchtliche Beiträge befinden sich auch in den Streitschriften über den Ursprung der Sprache, in den Herderschen und Monbordöschen Werken, in Beauzée allgemeiner Sprachlehre, in dem großen Werke du Monde primitif, u.s.w.

S. 44. II. Eine gemeine, wiewohl ziemlich bemerkenswerthe Erfahrung. Ich kann wohl sagen, daß es mir wenigstens hundertmal in jedem Jahre meines Lebens so gegangen ist, und noch gehet. Hierbei ist zu merken, daß einem gewöhnlich ein Vers, und am häufigsten eine Strophe aus einem Liede in den Sinn kommt. Schwerlich ist einem [57]Menschen jemals der nehmliche Fall mit einem prosaischen Stücke erschienen.

S. 45. f. Eine noch alltäglichere Erfahrung, die nur alsdann interessant wird, wenn man sie allgemein, und zu einem Kapitel in der Seelenheilkunde macht. Es ist ein bewährtes Mittel gegen den Zorn, sich niederzusetzen. Man verstärkt ihn durch das Aufstehen, wenn man schon gesessen hat; und er steigt noch mehr, wenn man einige Schritte vorwärts thut u.s.w. Ueberhaupt besänftiget das Sitzen jeden starken Affekt, und die Bewegung bringet ihn wiederum in Aufruhr. Die Ruhe des Körpers theilet sich der Seele mit.

S. 46. f. S. 47. Sehr wahr! Ich bin überzeugt, daß die Wahl des Zimmers, worinn man den größten Theil seiner Zeit zubringet — ob es heiter oder finster, hoch oder niedrig, hell oder dunkel, ruhig oder geräuschvoll, so oder anders meublirt ist — einen so großen Einfluß auf die Laune und daher in der Folge auf den Charakter hat, daß es diesen nicht nur modifiziret, sondern sogar als ein sehr gutes Mittel dienen kann, ihm eine ganz andere Richtung zu geben.

Nach diesem Prinzip schließt man die zügellose Jugend ein, und arretiret übermüthige Militairspersonen; denn die Beraubung der Freiheit macht eben nicht den stärksten Eindruck; der Anblick des Gefängnisses thut weit mehr, ohne daß man es vermuthen sollte.

[58]

S. 47. III. Die Aerzte müssen entscheiden ob die Sensation, wovon hier die Rede ist, zu der Klasse des Alpdrückens gehöre? oder ob man durch eine gewisse Erschütterung der Nerven, im Traume zu fallen, zu fliegen, oder zu schwimmen glaube? die beiden letztern Erscheinungen gehören wenigstens nicht zu dem Alpdrücken; welches ich durch einige Erfahrungen an mir selbst, sehr genau kenne, und welches der Maler Fueßli in einem Gemälde nach seiner gewöhnlichen, d.h. nach Michael Angelo's Manier vortreflich idealisiret hat.

S. 50. f. (Es ist nicht anders etc.) Eine sehr feine, und meiner Einsicht nach, sehr richtige Beobachtung. Uebrigens konnte ich nicht die Hand, sondern den rechten Arm zuerst heben, an welchem die Hand, wie zerbrochen, hing.

S. 52. f. (Ich vermuthe u.s.w.) Das glaube ich nicht. Die Empfindung des eigentlichen Alpdrückens ist immer die, welche Fueßli dargestellet hat. Man glaubt eine ungeheure Last zu fühlen, die auf die Füße schwer niedersinkt, und durch die Beine, über Bauch und Brust gegen den Kopf fortrückt. Ehe sie in das Gesicht kommt, verschwindet die Erscheinung jedesmal.

S. 53. IV. Zerstreute Personen (die man fleißig beobachten sollte) können leicht stehend träumen, und ihre Träume für Wirklichkeit außer ihnen, halten. Die bekannteste zerstreute Person war M. de Brancas, von der alle Memoires des [59]Jahrhunderts Ludwigs des vierzehnten sprechen. Nach ihr folgt die zweite Hofdame der Königinn, von welcher diese in ihren eben erschienenen Briefen erzählt.

Der Herzog von Selly war ebenfalls dergleichen Abwesenheiten unterworfen, die so weit gingen, daß er öfters ohne Beinkleider zur Messe ging. Der verstorbene General Burmanix, Adjutant des verstorbenen Prinzen von Oranien, stieg zu Pferde, völlig gekleidet, aber ohne Beinkleider.

Newton war nicht weniger zerstreut. Er hatte eines Tages jemanden zum Mittagbrodt eingeladen, und blieb in seinem Zimmer beim Kalkuliren. Der Bediente entschuldiget seinen Herrn bei dem Fremden, sagt, daß er es nicht wage, ihn zu rufen; er wolle aber indessen die Suppe auftragen.

Der Eingeladene wartet noch ein wenig, ißt alsdann die Suppe, und schiebt die leere Schüssel in die Mitte des Tisches. Hierauf erscheint Newton, bittet seinen Freund um Verzeihung, und, mit den Worten: »Kommen Sie, kommen Sie, wir wollen geschwinde essen« faltet er die Hände zum Beten*) 2, öffnet dann die Schüssel, und ruft voll Unwillen aus: »Welche Zerstreuung! hatte ich doch gar vergessen, daß ich schon die Suppe zu mir genommen!«

[60]

S. 65. (Wenn die Ideen) Eine ähnliche Empfindung, deren Gegenstand aber ungleich merkwürdiger, ist die, welche eine Dame von vielem Geist oft zu haben versichert, und ich selbst einige mal sehr deutlich gefühlt habe. Es ist als ob ein Vorhang hinter mir rauschte, und mich, in die Vergangenheit zurück, in ein Zeitalter weit vor dem meinigen, versetzte.

Wenn ich die Seelenwanderung glaubte, so würde ich überzeugt seyn, an dem Hofe Ludwigs des vierzehnten gelebt zu haben, vielleicht, Ludwig der vierzehnte selbst gewesen zu seyn. Sollte es daher kommen, weil ich so viele Memoires von diesem Hofe gelesen habe? allein, warum kann ich niemals dergleichen Memoires lesen, ohne daß es mir ist, als wäre ich allen diesen Handlungen zugegen gewesen?

Ich stelle mir sogleich alle Personen, die Lage des Orts, das Costume u.s.w. auf das Lebhafteste vor. Die la Valcère macht einen ganz anderen Eindruck auf mich, wie Dido. Ich denke mir diese mit Mitleiden, an jene, mit einer Art von Unruhe.

S. 67. Die Erinnerung an Farbe vorzugsweise vor andern externis ist nicht allgemein. Mir sind Farben in meiner Kindheit niemals aufgefallen. Ich kann vierzehn Tage lang die nehmliche Person in der nehmlichen Kleidung sehen, ohne [61]darauf Acht zu haben, oder mich in der Folge an diese Farbe zu erinnern.

Ich billige also die Stuffenleiter S. 69. nicht. Die erste Regel S. 68. ist nicht zu bezweifeln, und in den Verhältnißbegriffen des Kindes gegründet.

S. 82. f. Lavaters Träume, die er in seinem Buch Pontius Pilatus V. III. p. 252 sqq. erzählt, verdienen hier einen Platz. An einem andern Orte will ich von Visionen reden, die mit dem hier erwähnten Traume Aehnlichkeit haben, z.B. die Swedenborgsche Vision von der Feuersbrunst seines Hauses.

S. 82. f. (Sprechen wir nicht sogar) Der Zufall thut hier viel; aber man muß dennoch untersuchen, ob nichts weiter dahinter ist? Das Sprüchwort: »Wenn man vom Teufel spricht, so ist er nicht weit,« d.h. »oft trift das ein, wovon man spricht,« ist allen Sprachen gemein.

Die Neger, und überhaupt die Wilden riechen das Wildpret auf der Jagd, zuweilen in einer Entfernung von einigen Meilen, indem sie sich zu Boden werfen, und den Kopf dicht an die Erde legen. Wir haben ohne Zweifel viele Instinkte und Fähigkeiten, die in uns schlafen, und nicht zur Reife kommen, weil wir sie ersticken.

Indessen ist eine einzige flüchtige Erscheinung in dem ganzen Laufe unsers Lebens hinreichend uns ihr Daseyn zu versichern. Ich weiß nicht ob ich zu dieser Klasse eine Fähigkeit rechnen kann, die ich mit [62]vielen Leuten, vorzüglich mit Militair-Personen gemein habe, welche, vermöge ihres Standes, genöthiget werden, oft Gebrauch davon zu machen.

Ich kann nehmlich selbst aus einem sehr tiefen Schlafe, schnell, zu der bestimmten Stunde, die ich mir des Abends fest in die Einbildungskraft geprägt habe, und sehr pünktlich, erwachen.

Bei einem entschiedenen und interessanten Zwecke, als: eine Reise, ein Spazierritt, eine Jagdpartie etc. war ich oft in diesem Falle.

S. 85. VIII. Die hier angeführte Erfahrung scheint mir auf keine Weise ausserordentlich. Es ist eine Würkung der Einbildungskraft, die von einer Idee, welche sie niemals gehabt, stark afficirt wird.

Ich habe einen Capitän von bewährtem Muthe gekannt, der bis zur Tollkühnheit gieng, und sich bei jedem Anlaß zeigte; und dennoch, so oft er von den Pocken sprechen hörte, wurde er bleich, bekam Ueblichkeiten, und starb auch wirklich, ohne diese Krankheit gehabt zu haben.

Ein anderer Mensch aus meiner Bekanntschaft, der ohngefähr 30 Jahr alt war, las, wie er glaubte, in seinem Leben zum erstenmal in einer englischen Bibel, in der ersten Epistel St. Johannis, die Worte: God is love (Gott ist die Liebe.) Diese Stelle wirkte so sehr auf ihn, daß er vom Stuhle aufsprang, die ganze Nacht in seiner Stube umhergieng, und unter einem Strom von Thränen, be-[63]ständig mit leiser Stimme wiederholte: God is love.

Es vergiengen mehr als zwei Jahre, ehe er diese drei Worte mit lauter Stimme, zumal in Gegenwart eines dritten, aussprechen konnte, ohne dermaßen zu weinen, daß er nicht weiter sprechen konnte.

Ich habe ihn sagen hören: daß die Empfindung, die ihn überkäme, so oft er an diese Worte denke, die entzückendste sey, die er jemals gehabt.

S. 107. f. Der hier vorgezeichnete Plan ist bewundernswürdig, und verdient von allen Pädagogen nachgeahmet zu werden, die Talent genug dazu besitzen.

S. 110. Diese Idee ist so nützlich als sinnreich. Hier ist ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: der Graf von S... bewarb sich um ein Regiment in H...schen Diensten, das vacant wurde.

Damals kannte ich ihn nicht von Person; aber die Grundsätze, zu welchen er sich aus Interesse bekannte, machten mich für ihn partheiisch. Die Kabale setzte sich ihm entgegen; bis endlich der P... ihm das Regiment antrug; und er sollte nun den Eid leisten, um es zu übernehmen.

Denselben Abend erfuhr ich, daß eine Kabale im Werke sey, um die Sache zu hintertreiben, ohngeachtet er von dem P... bereits ernannt war. Mein innigster Freund, der Herr Generaladjutant [64]von B.. kam mit dem Herrn von S.. dann und wann zusammen.

Ich setzte in großer Eil ein Billet auf, um dem letztern anzuzeigen, daß er sogleich den Eid leiste, und auf diese Art die gegen ihn gerichtete Kabale scheitern mache. Er thut es, und ist im Besitze des Regiments.

Ich erzähle alles dieses vorläufig, um zu zeigen, wie weit ich damals von jeder Partheilichkeit gegen den Herrn von S.. entfernt war. Er war mir völlig unbekannt, und ich hatte ihm dennoch einen wichtigen Dienst geleistet.

Einige Zeit hernach gieng ich eines Abends ins Schauspielhaus. Beim Hereintreten erschrecke ich über die Physiognomie eines neben mir stehenden Officiers. Sie war mir so verhaßt, so unausstehlich, daß ich mich gerne entfernt hätte; ich konnte mich kaum enthalten, ihm auf den Fuß zu treten, oder ins Gesicht zu speien. Kurz, ich habe niemals eine größere Abneigung gefühlt; ich konnte nicht länger ausdauern, und mußte mitten im Schauspiel herausgehen.

Wenige Tage darauf gehe ich zu meinem Freunde, welchem ich damals das Billet, den Herrn von S.. betreffend, geschrieben hatte. Ich finde ihn eben beim Nachtische mit seiner Frau und diesem abscheulichen Originalmenschen, der mich im Schauspiele so sehr empört hatte.

[65]

Ich stand wie versteinert. »Madame, sagte ich,« indem ich die Frau vom Hause bei Seite nahm, »um Gotteswillen! wer ist das Fratzengesicht das Sie hier bei sich haben?« wie? sie kennen ihn nicht? das ist ja der Herr v. S. Ich war wie aus den Wolken gefallen. Er überhäufte mich mit Höflichkeiten; aber er blieb mir immer so verhaßt, wie zuvor.

Bald darauf entwickelte sich sein Charakter immer mehr, bis er endlich während der Revolution die bekannte Rolle spielte.

Man begnadigte ihn, begnügte sich, ihn für infam zu erklären, zu verbannen u.s.w. Herr v. S. ist ziemlich hübsch, ein fader Blondin, sehr fein, und drückt sich gut aus. Die Frage ist nun: was hat mich so sehr im ersten Blicke gegen diesen Mann eingenommen? Ich kann es nicht begreifen; indessen hat der Erfolg mein physiognomisches Vorgefühl völlig bestätiget. Jetzt ist es bekannt, daß er ein äußerst niedriger Bösewicht ist. Man sagt, er habe schon im zehnten Jahre seiner Mutter den Dolch auf die Brust gesetzt, um Geld von ihr zu erpressen u.s.w.

Band I. Theil II. S. 1. f. Ich liebe diesen Herrn Nenke. Er scheint einen tiefdenkenden Geist zu haben; jedoch ist er ein wenig zu schnell, und es fehlt ihm an Präcision. Gleich in der zweiten Phrasis hätten ihn die Herausgeber, meiner Meinung nach, berichtigen sollen. Er sagt; daß [66]uns gewisse Tugenden — es sollte heissen: daß uns die Anlage zu gewissen Tugenden gleich wie zu gewissen Lastern etc. denn, im Grunde läßt es sich entweder gar nicht behaupten, oder doch nur von der Anlage.

S. 3. Diese Ideen sind bewundernswürdig aber nur in ihrem Grundsatze, nicht im Detail.

Doch ist die Hauptidee recht gut, nur eine Kleinigkeit liegt ihr im Wege, nehmlich die Gerichtshöfe mit Philosophen zu bevölkern, und diese, wenn sich ja einige finden sollten, zu vermögen, daß sie sich darauf befleißigten, den Verbrecher während des Verhörs vor der Bestrafung über die unmittelbaren und mittelbaren Ursachen auszufragen, welche das Verbrechen veranlaßt haben.*) 3 Nichts ist schöner in der Theorie und schwieriger in der Ausübung, weil, ich wiederhole es, die Glieder welche den grösten Theil dieser Gerichtshöfe ausmachen, in den meisten Ländern selten philosophischen Geist haben.

Man eilt die Sachen zu expediren, es mögen Kriminalfälle seyn oder nicht, denn es ist bald Mit-[67]tag. Dieß ist der Lauf der Welt, und die Idee die sich der Gelehrte in seinem Studierzimmer von diesen Dingen macht, ist himmelweit von dem unterschieden was man siehet, wenn man nahe dabei ist. Das schlimmste bei der Sache ist noch, daß die wenigen guten Köpfe, die vielleicht im Stande wären, solche idealisirte Vorschläge auszuführen, von ihren übrigen Mitarbeitern verlacht und muthlos gemacht werden.

S. 4. Ich kenne die Toskanischen Zuchthäuser nur aus der Beschreibung meines Freundes Howard, und dieser hat sich mehr um die Gefängnisse als um die Zuchthäuser bekümmert, allein künftiges Jahr bin ich gesonnen sie selbst zu besuchen. Indessen habe ich in einem andern Lande 10 Jahre lang verschiedene Zuchthäuser unter meiner Aufsicht gehabt, und weiß nur ein einziges Beispiel von einem jungen Menschen, der würklich darinn gebessert worden wäre, alle übrigen sind vielleicht noch böser darin geworden.

Ich gestehe daß die Einrichtung dieser Zuchthäuser äusserst elend war, aber ich war nicht im Stande sie auf bessern Fuß zu setzen. Ich hätte sie ganz und gar umschaffen müssen, und da stehen einem Zeit und Umstände immer im Wege. Der Mann im Amte hängt mehr von äussern Dingen ab, und alles Neuerungenmachen wird ihm schwieriger, als man es sich in seiner Studierstube wohl vorstellt.

[68]

Indessen könnten die Stubengelehrten etwas sehr Nützliches verrichten, woran noch niemand gedacht hat. Es giebt so viele Lesebücher für alle Stände, und für jedes Alter, aber noch gar keins für Züchtlinge, besonders in solchen Zuchthäusern, wo sie nicht arbeiten müssen. Die meisten fühlen in dieser Lage eine Begierde zu lesen, die so heftig werden kann, als der Hunger oder der Durst. Sie lesen oft Zeitungsblätter die 10 Jahr alt sind, so oft durch, daß sie sie endlich auswendig wissen. Noch hat man kein Buch, daß man diesen Menschen in die Hände geben könnte, um ihnen die Zeit zu kürzen, und sie zu gleicher Zeit zu bessern, und doch wäre nichts leichter als ein solches Buch zu schreiben, denn die Züchtlinge sind nichts weniger als delikat im Lesen; und um es recht zweckmäßig ausarbeiten zu können, müßte der Verfasser nur selbst einige Jahre in einem Zuchthause zugebracht haben. Die Gefängnisse haben ihre eigene Moral, ihre eigene Logik und ihre eigene Art zu empfinden, so wie die Klöster und die Seeschiffe.

S. 8. Z. 9. b. z. Ende. Diese Schildrung ist vortreflich, und die Bemerkungen sind sehr fein. Man siehet daraus, wie wenig ein Gelehrter, der aus seiner Studierstube tritt, zu Geschäften fähig ist, wie oft er sich irren, und aus diesem Grunde schlecht betragen kann. Ein Theil dieser Bemerkungen wirft zugleich ein grosses Licht auf den Streit, den Rousseau mit David Hume gehabt [69]hat, indem sie zeigen wie die Empfindlichkeit eines Gelehrten im Umgange mit einem Menschen aus der gewöhnlichen Welt, oft aufs entsetzlichste beleidigt wird; denn bei den gewöhnlichsten und unbedeutendsten Handlungen, wo der alltägliche Mensch gar nichts argwöhnt, wird der Gelehrte so lange grübeln und sich den Kopf darüber zerbrechen, bis er irgend eine besondre Absicht hineingelegt hat; In demselben Falle war der arme Werther!

No. 2. S. 10-18. Dieses Stück ist gewiß äusserst interessant. Das Herz blutet hier beim Lesen, zumal wenn man bedenkt, daß dieses bei weitem nicht das einzige Beispiel dieser Art ist. Soll ich meine Meinung darüber sagen, und mich der Verachtung und dem Hohngelächter eines sogenannten philosophischen Jahrhunderts aussetzen? Ich stände keinen Augenblick an, wenn diese Verachtung mich allein beträfe; aber sie fällt auf alles zurück, was ich nur sagen werde, es sey so vernünftig und gegründet als es nur wolle. Denn der Mensch ist nun einmal so: wer ihm in seiner Lieblingsmeinung widerspricht, findet auch in allen übrigen Stücken keinen Glauben. Ich schweige daher, und halte meine Gedanken über diesen Punkt zurück. Ich bitte nur auf folgende beide Umstände Acht zu haben. Der eine S. 15. »in dem Augenblick da der Mörder die so lange vorher durchdachte That begangen hat, fühlt er Reue;« und S. 17. »Niemals« — — — »Alsdann rieb er sich [70]die Stirne etc.« Wenn man aufmerksam und mit unpartheiischem Auge diese plötzlichen Uebergänge einer sonst so abgehärteten und festen Seele betrachtet, so wird man mir von diesen Uebergängen (nicht Veränderungen) keinen hinlänglichen Grund angeben können, ohne — den Einfluß einer äussern wirkenden Macht anzunehmen. Aber es ist Mode den Einfluß dieser Macht zu läugnen; und auch ich nehme ihn nur da an, wo ich sehr triftige Bewegungsgründe dazu habe. Sonst würde die Moral zu sehr darunter leiden, und ich will lieber Gefahr laufen zu wenig als zu viel anzunehmen; jedoch suche ich auch das Gegentheil, gar nichts anzunehmen, zu vermeiden. Aber sollte der Weltweise ein Sklave der Mode seyn! o fast schäme ich mich meines Jahrhunderts! Noch war keines der wahren Philosophie mehr zuwider. Man will sich frei machen von dem, was man Vorurtheil nennt, und geräth nun eben den wahren Vorurtheilen in die Hände.

Dum vitant stulti vitia

in contraria currunt.

Aber wir kommen nur dann erst auf den wahren Mittelweg, wenn wir lange genug in den Extremen herumgeschwärmt haben. Der Wagebalken geräth nur nach manchen Schwingungen auf beiden Seiten, in Ruhe. Unsre späten [71]Nachkommen im Jahre 2440 werden uns wacker auslachen. — Doch nein! sie werden zu weise seyn, um über die Verirrungen des menschlichen Geistes, oder wohl gar des menschlichen Herzens zu lachen — sie werden vielmehr die Ausschweifungen eines Jahrhunderts beweinen, das spottet, belacht und bezweifelt, statt gründlich durchzudenken, so wie wir die Barbarei, die Leichtgläubigkeit, und die Dummheit des mittlern Zeitalters beweinen oder belachen, je nachdem wir mehr Demokrite oder Heraklite sind.

S. 18. No. 3. Alles woran mein unsterblicher Freund M. Mendelssohn auch nur den entferntesten Antheil hat, muß interessant seyn. Gewiß dieses Stück ist es. Der Held gehört zu der zahlreichen Klasse der Wahnwitzigen aus Ehrgeiz; und ich fühle mich gezwungen zu gestehn (sollte es auch gegen einen Prinzen seyn, für den ich die tiefste Hochachtung hege, der aber in diesem Falle, wie es mir scheint, entweder gar nichts oder mehr hätte thun sollen), es war grausam, diesen Menschen mit einer Hoffnung zu körnen, die man doch gar nicht zu erfüllen dachte, und von deren Erfüllung, wie es sich von selbst verstehet, die Wiederherstellung seiner Vernunft abhing. So wie er war, hätte er der Gesellschaft nützlich seyn können. Die Worte S. 27. »Nennen Sie es Eitelkeit,« die er zu Mendelssohn sagte, tragen den Stempel einer nicht gemeinen Seele. Welch ein Trost für [72]einen Weisen, daß er, wenn er ein solches Beispiel des menschlichen Elends siehet sagen kann: dieser Elende welcher mein Bruder war, gieng für seine Mitbrüder verlohren, indem sie ihn ausstießen; Jetzt aber stehet er vor einem vollkommnen gerechten Richter, dessen Aussprüche nicht sind wie die unsern! Vielleicht war es bei einem ähnlichen Falle, als ein großer Mann aus dem Alterthum*) 4 ausrief: Ich sterbe vor Verlangen, Lust und Begierde, nach deinem Urtheil, o Gott! fünf tausend Jahre hindurch fühlt man nun schon die [73]Wahrheit: daß wenn auch alle Menschen zusammenträten, sie dennoch in fünftausend Fällen unrichtig urtheilen würden, und freut sich daher der letzten Urquelle die uns immer noch übrig bleibt. Doch es ist wahr! auch dieses alles hätte ich unterdrücken sollen; es ist nicht die Philosophie unsers Zeitalters.

S. 28. Ein sehr interessantes Stück. Die unvermuthete Entwicklung hat mich überrascht. Es wäre der Mühe werth, diesem jungen Menschen nachzuspüren, der auf dem besten Wege war, ein Heuchler und ein durchtriebner Betrüger zu werden. Wäre er es geworden, so würde die üble Erziehung seiner Eltern einzig und allein Schuld daran gewesen seyn.

S. 38. III. Was wäre nicht ein psychologisches Magazin werth, das aus lauter Beiträgen eines Spaldings, eines Sulzers, oder eines Mendelssohns bestände. Das einzige Mittel solche Männer zu bewegen, daß sie gern und oft ihre Beiträge liefern, ist wohl dieß, das Magazin selbst so vollkommen als möglich zu machen, indem man nichts als wirklich wichtige Fakta aufnimmt, alle unnütze Umständlichkeit vermeidet, jedes zweideutige Faktum daraus verbannt, und was noch mehr ist, sich eines unreifen und schielenden Raisonnements enthält.

Der Fall des Herrn Spalding war vorübergehend, und dauerte nur wenige Augenblicke, und ich finde ihn deshalb keinesweges so ausserordentlich. Wenn man in einem Zimmer schreibt, wo mehrere [74]Menschen zu gleicher Zeit sprechen, trägt es sich da nicht oft zu, daß man etwas hinschreibt, welches jene gesagt haben, das übrigens gar keinen Sinn hat, und gar nicht mit dem zusammenhängt, was man hat niederschreiben wollen? Man pflegt alsdann wohl zu sagen, ich bin verwirrt, oder zu den Sprechenden, stille! sie machen mich irre. Sollte die nehmliche Wirkung, die nehmliche Zerstreuung die hier von den äussern, mehr oder weniger verwirrten Eindrücken des Gehörs hervorgebracht wird, nicht auch von innern Ursachen, durch einen Zusammenfluß von mehr oder weniger verwirrten Ideen hervorgebracht werden können?

Ein Kaufmann versicherte mir in vollem Ernste, daß er einst ganz unvorsetzlich einen Wechsel folgenden Inhalts geschrieben habe: Gegen diesen meinen prima Wechselbrief zahlen Sie an die Ordre des Herrn N... die Summa von zwei hundert und zwanzig Flintenschüsse in Banco u.s.w.

Was die Identität der Seele betrift, die verwirrt, und sich zugleich dieser Verwirrung bewust ist, und sie richtig unterscheidet (S. 43.), so setze ich hinzu, daß die Seele in demselben Falle ist wenn sie träumt und das Bewußtseyn hat daß sie träumt oder doch sich bestrebet zu unterscheiden, ob sie träume oder nicht. Jenes ist mir selbst oft wiederfahren, und dieses dem Lavater, [75]so wie er in seinem Pilatus in der oben angeführten Stelle erzählt.

Die Anwendung die Hr. S. von dieser seiner eigenen Erfahrung auf das macht, was er an einem wahnwitzigen Kandidaten bemerkt hat, und wovon sich mehrere Beispiele finden, ist so sinnreich als wichtig. Es ist möglich, daß sie auch richtig ist. Die Auseinandersetzung der Erfahrung selbst ist mit der möglichsten Precision und Genauigkeit aufgesetzt; jedoch möchte ich Hr. S. fragen: ob das was er S. 41. die fremden mir so überlästigen Vorstellungen nennet, Bilder, Wörter, oder Ideen waren?

Ich wünschte übrigens, daß Hr. S. sich die Mühe genommen hätte, Ihnen die ähnlichen Erfahrungen zu liefern, die ihm sein Freund Sulzer mitgetheilet hat, und ich wundre mich, daß Sie nicht darum angehalten haben.

S. 44-73. Ich kann über diesen weitläuftigen Aufsatz des Hr. Herz nichts sagen, als daß er gut geschrieben ist, und sich mit Vergnügen lesen läßt. Indessen kann nach dem erstern Theile zu urtheilen, weder der Arzt noch der Psycholog viel daraus schöpfen. Es scheint daß dieß die einzige schwere Krankheit ist, die Hr. Herz überstanden hat, denn seine Sensationen, so schön er sie auch schildert, sind doch sehr alltäglich, z.B. das Vorgefühl der Krankheit S. 48. und 49. Die vielen Lichter die [76]in seinem Kopfe brannten, wenn das Delirium herankam, S. 54. 63. das Delirium selbst S. 54.

Dieser Zustand ist immer dem Traume gleich, nur mit dem Unterschiede, daß man hier wachend träumt, und die Phantasieen größtentheils ihren Grund in physischen Begebenheiten haben, so wie Hr. Herz mehrere sehr gut, und einige mit großem Scharfsinn erklärt hat, S. 56-58. Dann die Erhöhung oder Verstärkung der Sinne, besonders des Geruchs, S. 57. Die Neigung zum Komischen S. 59. 63. 64.

Dies sind alles Symptome, die mehr oder weniger sich in jeder schweren Krankheit besonders in bösartigen Fiebern zeigen. Ich kenne sie alle aus meinen eigenen Erfahrungen, nachdem ich ein Faulfieber mit einem beständigen Delirio, die bösartigsten Pocken mit einem dreitägigen methodischen Delirio, die Gelbsucht, und über alles eine andre äusserst zusammengesetzte Krankheit überstanden habe. Diese entstand aus einem Gifte, daß ich zu mir genommen hatte, und 5 Jahre hindurch spottete sie aller Kunst der Aerzte. Zulezt lag ich völlige neun Monathe im Bette, und litte Schmerzen, die jede Tortur übertreffen, bis ich endlich so völlig entkräftet, und ausgesaugt war, daß meine Genesung ein wahres Wunder, und in der Medizin fast einzig ist.

[77]

Der einzige wirklich merkwürdige, obgleich gar nicht ausserordentliche Punkt, und im Grunde dem Mediziner wichtiger als dem Psychologen, ist die unerwartete Krisis der Krankheit aus der S. 69. 70. angegebenen anscheinenden Ursache. Es fehlt jedoch ein höchst wichtiger Umstand, den Hr. Herz als Arzt doch hätte erwägen sollen, indem in ihm wahrscheinlicherweise die physische Ursache zur Krisis gelegen hat. Die Frage ist nehmlich: um wie viel war die Luft der Stube, in welcher Hr. Herz die ganze Zeit wider seinen Willen liegen mußte unreiner, als die der andern Stube, in welche ihn seine Schwiegermutter, zwar wider die Meinung der Aerzte, aber zu ihrer eigenen Zufriedenheit, und mit dem glücklichsten Erfolg für die Krankheit, legen ließ? Es ist aus vielen Ursachen, die ich der Kürze halber hier nicht anführen kann, sehr wahrscheinlich, daß die Luft in seinem Zimmer äusserst unrein und verderbt war, das heißt, daß man nach der alten Methode die Vorsicht welche man (besonders in faulen Krankheiten) als hauptsächlich betrachten sollte, nicht beobachtet hat, nehmlich den Kranken oft zu lüften, ihn eher zu kalt, als zu warm, und hauptsächlich äusserst reinlich zu halten. Diese Methode haben die Engländer zuerst aufgebracht, und die Erfahrung zeigt täglich, daß sie äusserst nützlich, oder vielmehr nothwendig ist.

Eine andre eben so gewöhnliche aber nicht minder wichtige Erfahrung, sowohl für den Psychologen [78]als für den Mediziner, ist diese: eine heftige und anhaltende Begierde, die der Kranke zeigt, wenn ihre Befriedigung auch gegen alle Regeln der Kunst wäre (wie es doch hier der Fall gar nicht war), ist sehr oft das wahre Mittel, welches die Natur uns anzeigt, die Krisis der Krankheit hervorzubringen. Man hat hievon die ausserordentlichsten Beispiele. Ich selbst habe ein solches an einem meiner Bedienten gesehen; ein Bursche der sonst sehr mäßig war, und sich von einem äusserst bösartigen Fieber in einer einzigen Nacht kurirte, indem er in dem Delirio eine Brandweinflasche fand, und sie in einem Zuge ausleerte. Was übrigens den Fall des Herrn Herz betrift, so glaube ich behaupten zu dürfen, daß man den Willen des Kranken allemal befolgen muß, wenn er in ein andres Zimmer, in einem andern Bette liegen oder mehr freie Luft haben will, und in manchen Fällen muß man ihn sogar dazu zwingen.

S. 74. Obgleich Lord Monboddo trotz seiner großen Gelehrsamkeit, in einem ganz originellen und fast einzigen Grade leichtgläubig ist, und ich ihn daher am wenigsten zur Bestätigung eines ausserordentlichen Faktums anführen würde; so hat dieser Fall hier doch nichts, weshalb man ihn gänzlich leugnen könnte. Es scheint eine Zusammensetzung aus dem S. Veits Tanz, und dem Somnambulismo zu seyn. Louping ist gar kein engli-[79]sches Wort, a Loping fever oder a Leaping fever ist die richtige Benennung.

Die Magnetisirer könnten diesen Fall zu ihrem Systeme benutzen.

S. 78. Es giebt in dieser Art weit stärkere Beispiele als das hier angeführte, welches zu den Fällen gehört, wo die Einbildungskraft von einer einzigen Idee zu stark gerührt wird. Die allgemeinen Bemerkungen S. 81. 82. verdienen nähere Erwägung.

S. 85. 86. Hier ist jemand, auf den die Farben in seiner Kindheit so wenig Eindruck gemacht haben, wie auf mich. Das Vorhergehende beweist vollkommen meine Idee, wenn ich in meinen obigen Bemerkungen behaupte, daß die Band 1. St. 1. S. 68. festgesetzte Regel in den Verhältnißbegriffen der Kinder ihren Grund hat.

Die folgenden Beobachtungen sind merkwürdig und sinnreich; aber ich glaube, der Verfasser hat sie S. 93. recht wohl beurtheilt.

S. 96. ff. Ich billige den Gedanken sehr, die Schriften der Wahnsinnigen zu sammeln und herauszugeben. Ich besitze selbst einige; und würde sie mittheilen, wenn sie französisch oder deutsch geschrieben wären. Uebersetzen lassen sich dergleichen Sachen nicht. Ich bemerke also nur 1) die frappante Aehnlichkeit in dem Character des Wahnsinns, der in diesen Schriften herrscht, mit der Erfahrung des Herrn Spalding S. 41. 42. und ich wundre [80]mich, daß diese Bemerkung den Herrn Herausgebern entgangen ist.

2) Wenn man den Versuch macht Wahnsinnige lesen zu lassen, so gehet es ihnen wie beim Schreiben. Sie lesen einige Worte, und den folgenden Zeilen schieben sie andere unter, die an der unrechten Stelle stehen, und keinen Sinn geben. Ganz so wie die Quittung des Herrn Spalding, wie der Wechsel meines Banquier's, und endlich wie die Reden der M. Hennert und der Arbeiter zu Babel.

3) Eine Menge Erfahrungen, welche ich selbst hierüber zu machen das Glück gehabt habe, berechtigen mich zu der Meinung, daß es uns immer so gehet, wenn wir im Traume lesen, oder lesen hören. Ich sage: das Glück; denn nur selten und durch einen glücklichen Zufall erwacht man aus dergleichen Träumen so sanft, daß man sich der Worte, welche man im Traume gelesen, erinnern kann. Ist der Zufall nicht günstig, so wird man sich sein ganzes Leben hindurch in Absicht dieser Träume trügen. Denn während dem Traume ist man mit der Lektüre sehr wohl zufrieden; man ist von dem Zusammenhange vollkommen überzeugt; man findet sogar Schönheiten, z.B. wenn es Verse sind.

Fünf und dreißig Jahre lang habe ich viel solche Träume für wirklich gehalten, vorzüglich wenn ich im Traume Briefe empfing, die ich durch und durch mit dem größten Interesse las. Endlich wieder-[81]fuhr es mir zweimal nacheinander, vor etwa zwei Jahren, daß ich sehr sanft aus einem Traume dieser Art, und sogar mitten in der Lektüre erwachte. Ich erinnerte mich noch deutlich der letzten Phrasen, die ich gelesen hatte. Es waren jedesmal anstatt Gedanken, nur Töne oder Wörter, kein Sinn, wieder eben so wie die Quittung des Herrn Spalding, u.s.w. Ich ziehe folgenden Schluß daraus: da Wörter nur willkürliche Zeichen (an und für sich ohne Bedeutung), und nur Mittel sind, durch welche wir Ideen von den äussern Gegenständen bekommen, es sey nun durch das Gehör oder durch das Gesicht; und da die Seele sowohl im Delirio als im Traume, und selbst im Wahnsinn, die Ideen, welche sie durch die äussern Gegenstände entstanden glaubt, doch nur von sich selbst empfängt; so müssen ihr die Zeichen gleichgültig seyn, durch welche sie diese Ideen zu erhalten glaubt, weil sie im Grunde alle Zeichen entbehren kann.

Nur die irrige Meinung, daß diese Ideen von aussen kommen, und die Gewohnheit, im gesunden und im wachenden Zustande nur durch artikulirte Töne, oder durch Schriftzeichen Ideen zu erwerben, überreden sie, daß diese Zeichen nothwendig sind. Sie erdichtet welche — so schlecht sie auch seyn mögen — in ihrem jetzigen Zustande, und begnügt sich damit, so wie man falsche Münze eben so gerne [82]wie die ächte nehmen würde, wenn man für jene, wie für diese, Waaren erhielte.

Eben so gehet es mit der Sprache, bei Leuten die noch auf der ersten Stufe der Verrücktheit stehen, d.h. bei welchen der Wahnsinn von aussen her, nicht von innen, kommt. Spalding glaubte seinen Candidaten in diesem Falle, so wie auch er selbst, und M. Hennert darin waren. In diesem Zustande kann die Seele nicht mehr die Zeichen, aber wohl noch die Begriffe beurtheilen. Ihre eigenen Gedanken betrachtet sie aus dem richtigen Gesichtspunkte; entscheidet, ob sie zusammenhängend sind u.s.w., aber diese Beurtheilungskraft mangelt ihr in Absicht der Zeichen, deren sie sich zur Ausdrückung ihrer Gedanken bedienet, sowohl im Sprechen als im Schreiben.

Hierin sind wiederum Unterabtheilungen. Die Einen glauben gut zu reden und zu schreiben, indeß sie nur Galimathias vorbringen; die Andern — wahnwitzig in geringerem Grade — vermuthen oder fühlen zuweilen, daß sie Galimathias schreiben oder sprechen; aber sie haben zu wenig Gedächtniß, sie besinnen sich nicht schnell genug auf passende Wörter, auf die richtigen willkürlichen Zeichen.

Im Kurzen: das Delirium, und der Wahnsinn, der nur ein verlängertes, zur Gewohnheit gewordenes und bestimmtes Delirium ist, sind nichts als der Zustand eines verlängerten, zur Gewohnheit gewordenen und bestimmten Traums; d.h. der [83] Wahnsinn ist im Vergleich mit dem Delirium, (versteht sich, mit dem vorübergehenden, in Fiebern und Krankheiten) was das Delirium gegen den bloßen Traum ist, und umgekehrt.

Wollte man verrückte Personen heilen, so müßte man sich Mühe geben, sie zu erwecken. Aber ehe man dazu gelanget, müßte man die Natur des Schlafs, und den physischen Zusammenhang, den der Zustand des Schlafs, mit dem Zustande des Träumens hat, genauer kennen. Wir wissen weiter nichts, als daß der Körper schläft, und der Geist, die Seele träumet, und es scheint eben so erweislich, daß eines ohne das andere bestehen kann; der Körper kann schlafen,ohne daß die Seele träumet. Ich glaube daher, daß vice versa die Seele träumen könne, ohne daß der Körper schläft; wie im Delirium und im Wahnsinn.

Ich zeichne hier nur die Aussenlinien (outlines) eines an Folgerungen sehr fruchtbaren Systems, für welches man aber noch viele Data sammlen, noch viele Untersuchungen anstellen muß, ehe man es zur Vollkommenheit bringen kann. Man müßte vorzüglich über den Schlaf, den Traum, die Somnambulen, über Personen im Delirium, über Verrückte, und — warum sollte ich es nicht sagen? — auch über Krampfhafte und Magnetisirte, Beobachtungen machen.

[84]

S. 100.f. Ich will einmal eine ganz ausserordentliche Frage, im Betreff der ersten hier erzählten Erfahrung machen: giebt es wohl einen einzigen Menschen — wenn er auch nur in sehr geringem Grade dem Schwindel unterworfen ist — dem nicht diese Idee mehr oder weniger in den Sinn käme, wenn er sehr aufmerksam darauf ist, und sich in der gegebenen Lage befindet? Die Seele hat eine äusserst seltsame Neigung sich alle möglichen Dinge vorzustellen und sie zu versuchen; und je entfernter die Möglichkeit ist, je vernünftiger die Gründe sind, welche sich der Ausführung entgegenstellen, (wie in dem gegenwärtigen Beispiele, die Gefahr den Hals zu brechen), je mehr der Körper widerstrebt, desto stärker fühlt sich die Seele angezogen.

Ohne vollwichtige und siegende Bewegungsgründe, zu welchen man die durch Gewohnheit entstandene Ueberzeugung von der absoluten Unmöglichkeit der Sache, rechnen muß, würden wir, vermöge dieser allgemeinen Neigung, alles mögliche versuchen. Ein Kind streckt die Arme aus, um den Mond zu ergreifen, und eben diese Neigung hat die Erfindung der Schiffahrt, das Schwimmen, das Seiltanzen u.s.w. veranlaßt. Würde es sonst noch Menschen geben, welche gerne ein Universalmittel, die Quadratur des Zirkels u.s.w. erfinden wollen?

S. 110. ff. Ein vortrefliches Stück in Plan und Ausführung. Man kann diesen geschickten und [85]einsichtsvollen Pädagogen nicht genug zur Fortsetzung aufmuntern. Man muß in dieser Art viel thun, wenn man etwas gethan haben will. Eine Menge solcher Fälle muß in verschiedenen Rücksichten sehr nützlich seyn.

Band 1. St. 3. S. 1. I. Ein merkwürdiges und schön geschriebenes Stück, das aber eher in ein Magazin zur Erziehung als zur Erfahrungsseelenkunde gehört. Einige Stellen aus den Originalbriefen des H. R. G. die man S. 8. 12. 14. hervorgesucht hat, wären hier am besten angebracht gewesen, denn sie hätten besser als Facta, einen Blick in die Seele des R. G. werfen lassen.

S. 28. III. Ich erwartete von der Selbstmörderin, daß sie Schriften nachgelassen haben würde, woraus die Bewegungsgründe erhelleten, die man in ihr vermuthet. Durch die Art, wie der Fall hier erzählt wird, und durch die blos auf Wahrscheinlichkeit und Vermuthungen gegründeten Motive, verliert die ganze Geschichte an Interesse. Man hat eine Anekdote von einem Engländer, der sich zu Rom das Leben nahm, und ein Schreiben hinterließ, worin er als Ursache dieser Handlung, nach seinen eigenen Ausdrücken angab: daß er unmöglich der Ungeduld habe widerstehen können, zu erfahren, was das zukünftige Leben sey, und was darin vorginge.

[86]

Das Büchelchen, welches S. 30. erwähnt wird, heißt im Herrenhuterstyl das Loosbüchlein. Man verändert es alle Jahre.

Dieser Umstand erinnert mich an eine Geschichte, welche hier zu Basel vor 5 bis 6 Jahren vorgefallen. Eine junge, redliche, sehr religiöse Hausmutter war so unglücklich verheirathet worden, daß sie nach vielen Kränkungen, welche sie von ihrem Manne, einem groben, ungesitteten Menschen, hatte erleiden müssen, an einem Nachmittage auf ein Lusthaus, das sie ausserhalb der Stadt besaßen, ganz einsam ging, etwas Wein und Brodt mitnahm, davon sie ohngefähr ein Drittheil verzehrte, dann wahrscheinlicherweise ein zu ihrer Gemüthsstimmung passendes Lied, aus einem Buche sang, welches sie offen auf dem Tische liegen ließ, mit einem Zeichen an der folgenden Stelle, und nach allen diesen Verrichtungen sich ersäufte.

Hier ist die Strophe, welche sie bezeichnet hatte:

Die Noth, o Herr, hat kein Gesetz,

Die mich jetzt hart umringet;

Drum das für keine Frechheit schätz,

Wozu die Angst mich zwinget.

Wer blind, wer krank ist, sehnet sich

Nach Licht und Heilung ängstiglich;

Ich Todter such das Leben!

u.s.w.

[87]

S. 32. IV. Wieder ein Stück von einer Art, die man in einem Magazine wie dieses nicht genug wünschen kann. Ausser den Faktis — und vielleicht auch diese nicht einmal ausgenommen — giebt es keine merkwürdigere, keine wahrhaft nützlichere Stücke, als Schriften der Verrückten, der Wahnsinnigen, der tief melancholischen u.s.w., lauter Personen, die für die Psychologie äusserst wichtig sind: auch von sehr boshaften Leuten sollte man zu diesem Behufe Schriften sammeln. Ich bemerke noch im Vorbeigehen, daß die Stärke des Arguments gegen den Selbstmord, welches der Verfasser des Briefs über Werther in Engels Philosoph für die Welt so schön ausführt, auf der Widerlegung des Sophismi beruhet, welcher den armen Clooß S. 37. verführt hat. Daß wir nehmlich, wenn wir uns einen Arm abnehmen lassen, die daraus entstehenden Folgen wohl kennen; aber nicht also der Selbstmörder u.s.w.

Das Argument S. 39. ist noch weit wichtiger, und muß unter den gegebenen Umständen, von allen Triebfedern am meisten zum Selbstmord verleiten. Es beweiset, wie unendlich wichtig die einzige Idee ist, welche man ihm entgegenstellen kann; daß man nehmlich ein unbegränztes Vertrauen in eine unendlich weise und gütige Vorsicht setzen müsse.

Ich kann mich nicht enthalten, eine allgemeine Bemerkung hieher zu setzen, welche die Seelenheilkunde betrift, den Theil ihres Plans, den Sie [88]mit Recht für den wichtigsten halten. Ich meine die folgende:

Der Selbstmord gehört zu den Materien, worüber man sich sehr frühzeitig, durchdachte Grundsätze festsetzen, das Für und Wider wohl erwägen, und alsdann mit sich selbst die feierliche und heilige Verbindlichkeit eingehen müßte (und sollte es auch des größeren Eindrucks wegen schriftlich seyn,) »niemals von dem Resultate seiner Betrachtungen abzuweichen, sich durch keine Umstände, vorzüglich durch sich selbst nicht dazu bewegen zu lassen, daß man von diesen Betrachtungen einen Augenblick abweiche, ohne sich zugleich an alle die Grundsätze mit Vorsatz zu erinnern, an alle die Beweisgründe, durch welche man zu dem Resultate gelanget ist.«

Ich erinnere mich noch an die Anwendung, welche Ihr vortreflicher Mitbürger und Gönner, der verewigte Mendelssohn, von dem nehmlichen Grundsatze, auf die Religion gemacht hat. »Man muß die Subtilitäten alle, wenigstens einmal in seinem Leben, klauben und ins Reine bringen, wenn man den Schlingen der Sophistik entgehen will; auch die Religionsstreitigkeiten gehören hieher.«*) 5 Ich behaupte: daß noch weit mehr [89]der Selbstmord hieher gehöret; weil der Augenblick, in welchem man sich in eine Untersuchung über den Selbstmord einlassen will, gewöhnlich zu gar keiner Untersuchung geschickt ist. Man billiget in diesem Augenblicke die Handlung, fühlt sich dazu geneigt, und ist ohnehin ausser Stande zu denken, weil die Versuchung zum Selbstmorde schon einen gewissen Grad der Verwirrung, wenigstens eine heftige Erschütterung des Geistes voraussetzt, einen Zustand, der mit der Kaltblütigkeit völlig im Widerspruche stehet, und keiner unpartheiischen Ueberlegung des Für und Wider einer Handlung, Raum gestattet.

Wenig Personen haben mehr Recht, über den Selbstmord zu sprechen, als ich; weil ich überzeugt bin, daß wenig Personen einen so hartnäckigen, ausdauernden Hang gehabt haben, sich das Leben zu rauben, als ich. Ich entsinne mich noch sehr deutlich meines ersten Vorsatzes in dieser Art, da ich erst sechs Jahre alt war. Meine Eltern hatten mich, meiner Meinung nach, ungerecht gestraft; und doch hatte man mich blos in [90]ein Zimmer eingeschlossen, das mir noch jetzt vollkommen gegenwärtig ist; vorzüglich denke ich sehr lebhaft an ein Klavier, woran ich mich lehnte, mit dem Kopfe in den Händen, und in der Trunkenheit meines Schmerzes, oder vielmehr meiner kindischen Empfindlichkeit. Selbst den Gang meiner damaligen Ideen weiß ich noch sehr wohl. Mein erster Gedanke war ein lebhafter Wunsch, daß meine Eltern jetzt sterben möchten. Inzwischen war ich so weit von jedem Gedanken an Vatermord entfernt, daß vielmehr eben der äusserst geringe Grad von Wahrscheinlichkeit, (meine Eltern waren damals noch jung und gesund) sogleich diesen Wunsch entfernte, um einem andern Platz zu machen: ich wünschte meinen eigenen Tod. Ich kannte die Zärtlichkeit meiner Eltern für mich. Ich war überzeugt, daß mein Tod die heftigste Strafe für die Ungerechtigkeit seyn müßte, welche sie an mir verübt hatten; und der Gedanke, mir selbst das Leben zu rauben, hatte eine ganz andre Würkung auf mich, als jener erste Wunsch nach dem Tode meiner Eltern gehabt hatte. So unzugänglich ich jeder Idee gewesen war, den Tod meiner Eltern selbst zu verüben, so heftig fühlte ich mich zum Selbstmorde aus innerem Wohlgefallen angezogen. Nur die Mittel machten mich verlegen; und ich stand in Gedanken vertieft, um welche zu ersinnen, als man, nach Verlauf einer halben Stunde kommt, um mich aus meinem Gefängnisse zu entlassen.

[91]

Seit dieser Zeit habe ich mehr als dreißig Jahre hindurch Neigung zum Selbstmord in der nehmlichen Ideenfolge gehabt. Nur der erste, schnell aufsteigende Wunsch nach dem Tode der Personen, welche die Ursache meines Verdrusses gewesen waren, hat sich schon in meinem zwölften oder dreizehnten Jahre so vollkommen verlohren, daß es mir in den Zeiten, wo mir die Menschen Ungerechtigkeiten erwiesen, die gewiß von größerer Wichtigkeit waren, als die, von welchen J. J. Rousseau, Linguet und andere, die ganze Welt ertönen ließen, dennoch nicht widerfahren ist, einen Augenblick das geringste Unglück (eine rechtmäßige und gerichtliche Strafe ausgenommen, worinn ich aber keinen Einfluß gehabt hätte) den Leuten zu wünschen, über welche ich am meisten zu klagen hatte; nicht einmal dem Bedienten, der mich vergiftet, noch den Leuten, welche mir Steine in die Straße geworfen, oder denen, die einen jungen Menschen, der mir den Bart putzte, durch Geld dazu verleiten wollten, mir die Kehle abzuschneiden u.s.w. Nur die Neigung zum Selbstmorde ist mir geblieben, bis auf die Zeiten meiner außerordentlichen Kränkungen, wo, durch die Gnade Gottes (denn von Vernunft war keine Spur in meinen damaligen Handlungen) jeder Gedanke zum Selbstmorde aus meiner Seele vertilgt war, in der er seit mehr als dreißig Jahren geherrscht hatte; oder, wie die Engländer sagen: where she had been uppermost all that [92] time (wo er, diese ganze Zeit über herrschend gewesen war).

So lange ich gesonnen war mir das Leben zu rauben, war es niemals aus Vernunft. Im Gegentheil; Vernunftgründe waren jedesmal dagegen. Ich hatte eine Neigung zum Selbstmorde, wie zu einer Sünde; ich betrachtete ihn, wie das letzte Hülfsmittel; und da ich zum Glücke der Handlung selbst nicht unterlag, so war mir der Gedanke in der Folge sehr nützlich. Er flößte mir Muth ein; ich ertrug jedes Uebel mit mehr Gelassenheit, wenn ich bedachte daß ich doch dieses Mittel mich zu befreien, immer in Händen habe.

Nichts desto weniger war ich mehr als einmal der Vollstreckung nahe. Ja, ich warf eines Tages ein Paar sehr schöne Pistolen in das Wasser, mit welchen ich des Abends aus der Stadt gegangen war, mit dem festen Vorsatze die That endlich einmal zu begehen. Für diesesmal hat mir nur das Präservatif, welches ich eben erwähnt, Einhalt thun können. Doch war die Stimme der Ueberlegung sehr schwach; und nur einer plötzlichen Anstrengung der Vernunft, und dem großen Mißtrauen gegen mich selbst, habe ich es zu verdanken, daß ich dem lebhaften Antriebe nachgab, und die Werkzeuge der Zerstörung, die ich schon in Händen hatte, in den Fluß warf.

Ein andermal, (und zwar zum letztenmale) nahm ich ein Paar Pistolen mit auf das Land, wo [93]ich einige Wochen zubringen wollte, zu dem nehmlichen Endzwecke, wiewohl mit dem lebhaften Wunsche, mich des Mordes enthalten zu können. Das Mittel, welches mich damals rettete, wird Ihnen gewiß durch seine Sonderbarkeit merkwürdig werden, und Ihnen beweisen, daß ich mich auch der Seelenheilkunde beflissen habe. Es war eine Karte, die ich in meine Tasche gesteckt hatte; und ich hatte mir es zum Gesetze gemacht, diese Karte zu lesen, so oft ich allein seyn würde, aber vorzüglich, regelmäßig in dem Augenblicke des Erwachens, und des Schlafengehens. Auf dieser Karte standen aus einem Buche, welches ich immer nur in meiner Muttersprache gelesen habe, die Worte geschrieben: the cup, which my father has given me, shall not I drink it! (den Becher, welchen mir mein Vater gab, soll ich ihn nicht ausleeren!) Seit dieser Epoche bin ich überzeugt, daß ich die angeführten Worte niemals werde mit lauter Stimme aussprechen können, ohne bis in das Innere meines Herzens davon durchdrungen zu werden, ohne daß sie Stundenlang in meinen Ohren, oder vielmehr, im Grunde meiner Seele, wiederhallten.

Ich beschließe diese psychologischen Bekenntnisse mit folgender Anmerkung: ich bin nehmlich in meiner Neigung zum Selbstmorde niemals durch die Furcht vor dem Tode aufgehalten oder gestöret worden. Selbst in meinen stärksten Krankheiten [94]ist mir diese Furcht nicht eingekommen. Im Gegentheil: je näher ich dem Tode war, je mehr verlohr er von seiner Schrecklichkeit für mich.

Zwar kenne ich die Empfindung, welche man Furcht vor dem Tode nennet, aus Erfahrung; aber ich habe diese Erfahrung immer nur im Zustande der vollkommenen Gesundheit gemacht. Ich mache sie noch jetzt, so oft ich an Schlagfluß, Wassersucht, u.s.w. denke; und ich kann nach dem Beispiel des großen Turenne in Wahrheit sagen: daß ich zwar nicht den Tod, aber wohl den Schmerz als ein wahres Uebel fürchte, da ich Schmerzen ausgestanden habe, die auf der Folterbank nicht quälender seyn können. Ich gestehe, daß ich mit einer schrecklichen Furcht an den Krebs, an Raserei, denke. Ja, ich könnte diese Furcht bis zur Ohnmacht treiben, wenn ich ihr nicht mit Gewalt Einhalt thäte.

Die Bemerkungen des Hr. Glave, sind zwar ein wenig gesucht, aber vorzüglich die S. 40. über die Verschiedenheit zwischen dem armen Clooß und Werther, sind mir aus der Seele geschrieben, (ich bediene mich gerne dieser deutschen Redensart, weil sie vortreflich ist, und in jeder andern Sprache fehlt.) Seine letzte Phrasis S. 45. ist eine der schönsten, erhabensten Stellen die ich kenne. Wie werden einst alle Weise dieser Erde sich im Staube [95]bücken, wenn sie ein vollkommnes Wesen, einen Menschen wie diesen Clooß richten hören!

Heilige, mit frommem, kaltem Herzen,

Gehn vorüber, und verdammen dich!

Ich allein, ich fühle deine Schmerzen,

Theures Opfer, und beweine dich!

Werde weinen noch am letzten Tage,

Wenn der Richter unsre Thaten wiegt!

u.s.w.

Ein großes Genie hat diese ungemein schöne Stelle der armen Lotte angedichtet, wie sie einer Person gegen über sitzt, die im Grunde nur aus Enthusiasmus, d.h. aus Schwärmerei und einer großen Schwäche, zusammengesetzt war. Hr. Glave hat es bereits gesagt: Clooß war ein ganz anderer Mensch, hatte weit edlere Bewegungsgründe als Werther.

S. 46-76. Mein verewigter Freund Mendelssohn war ein gelassener Denker, und handelte mit Wärme. Sobald die Reihe wieder an das Denken kam, nahm er auch seine alte Gelassenheit wieder an. Ich kann ihn nicht würdiger, und nicht mit mehr Wahrheit loben; und ich würde ihn entehren, wenn ich diesem Muster so unähnlich seyn, wenn ich ihn mit Enthusiasmus loben wollte. Glücklich, wem der günstige Zufall ward, daß er ihm mit Eifer, mit Wärme dienen konnte. Wer ihn loben will, darf nur richtig urtheilen; und man urtheilet gewiß desto richtiger, je gelassener [96]man denkt. Ich sage darum von diesem Stücke nichts mehr, als daß ich gerne für dieses Einzige den Preis des ganzen Magazins bezahlt hätte.

Beinahe keine Abhandlung von Moses Mendelssohn trägt mehr den Stempel seines Geistes und seines vortreflichen Kopfs, als diese. Es ist ein wahres Kleinod! Ich hatte sie noch nicht gelesen, als ich die vorhergehenden Anmerkungen schrieb. Ich vernichte sie dennoch nicht; denn ich bin nur Geschichtschreiber, nur ein armseeliger Handlanger, aber mein Freund Mendelssohn ist Architekt; er setzt die Materialien zusammen, welche man ihm darreicht, und erschaft ein prächtiges Gebäude. Ich wünschte, daß er auch die meinigen besessen hätte; sie wären ihm nicht unnütz gewesen, wiewohl sie noch ziemlich unvollkommen sind.

Ach, meine Herren! wie vortreflich wäre ein Magazin für die Erfahrungsseelenkunde, zu welchem ein Beobachter wie Spalding die Beiträge lieferte, und ein Mendelssohn sie kommentirte! Finden Sie ein solches aus, und ich verspreche Ihnen, daß ich sie mit meinen Packeten nicht mehr belästigen will. Ich bin überzeugt, sie halten es für keinen Vorwurf, wenn ich behaupte, daß sie es nicht finden werden.

Ich hatte mir vorgenommen zu der erwähnten Abhandlung flüchtige Anmerkungen hinzuwerfen; aber, nun ich die angezeichneten Stellen überlese, werde ich gewahr, daß meine Bemerkungen eben [97]so viel Lobsprüche für jede einzelne Stelle gewesen wären; und ich glaube fest, daß ein Werk, wie das Ihrige, für keinen Leser geschrieben ist, dem man bei jedem Stücke einen Fingerzeig geben müßte, damit er die Schönheit fühle.

1. 3. S. 76. ff. II. Ohne Zweifel hat der Taubstumme die meisten Ideen, von welchen hier gesprochen wird, durch die Erziehung, und von aussen her erworben. Auch ist das Merkwürdige in der Erscheinung gar nicht, daß er die Ideen empfangen hat; nur der starke Eindruck, welchen diese Ideen in ihm gemacht haben, die Begierde, mit welcher er sie erlernet, und die tiefen Wurzeln, die sie in seinem Herzen mehr als in seinem Kopfe gefaßt haben, verdienen Aufmerksamkeit. Welche Aehnlichkeit, zwischen diesem Taubstummen mit dem Blindgebornen, von dem in der h. S. gesagt wird: daß er mehr Glauben hatte, als einer in ganz Israel! und welcher Contrast mit den metaphysischen Sophismen eines Diderot, über die religiösen Begriffe der Unglücklichen dieser Art! Ohne Zweifel hat ein Blindgeborner und ein Taubstummer, der niemals von einem ewigen Wesen reden hörte, ganz andere Begriffe von dem Ursprung und von der Natur der Dinge, als wir.

Er hat eben darum eine ganz andere Religion, so wie jeder Mensch nach seiner individuellen Weise, seine eigene hat. Aber man bringe nur dieser Art Leuten Begriffe von Gott, von einem Heilande, von [98]dem zukünftige Leben, bei; und man wird sehen, daß sie dergleichen Ideen weit begieriger auffassen, viel inniger davon durchdrungen werden, ungleich stärker sich damit beschäftigen. Ach! sie bedürfen ja des Trostes so sehr; und sie haben viel weniger Zerstreuung, weniger Interesse sich zu täuschen, als wir.

S. 82. III. Ein neuer Beweis zu meiner eben angestellten Bemerkung. Dieses ganze Stück macht der Menschenliebe und der aufgeklärten Frömmigkeit des würdigen Pastors P. und seines redlichen Schulmeisters, ungemein viel Ehre.

Mit Vergnügen würde ich die Bekanntmachung der beiden S. 84 und 87 citirten Stücke sehen. Man kann nicht genug Lehrmethoden für Blindgeborne und Taubstumme, bekannt machen. Auch könnten Sie die beiden Brochuren des Diderot über diese Materie in einer Uebersetzung, oder doch wenigstens im Auszug liefern. Sie enthalten, unter vielen Sophismen, auch einige feine und psychologische Beobachtungen.

Der einzige Vorwurf, den ich gegenwärtigem Stücke machen könnte, ist, daß es gerade in dem Augenblicke schließt, wo es am interessantesten zu werden anfängt.

S. 102. f. Richtig und gut! In den Zeiten, wo ich der Schwermuth am meisten nachhing, hatte ich immer einen Band von Tristram Shandy auf meinem Schreibepult, und J. Miller war mir [99]mehr werth als Petrarka. Noch jetzt sehe ich meine Freunde, den Dottor Bolonese, den Signor Fastidio di Fastidii, und den Kapitain Spavento und den lieben Policinello u.s.w. lieber auf dem Theater als alle Mahomete und Mithridate, im tragischen Cothurn. Die letztern interessiren und zerstreuen mich nur in den Stücken des Shakespear, wenn ich mich einschließe, um in der Einsamkeit darüber nachzudenken, oder wenn Garrik oder die Mistr. Siddons sie durch ihr einziges Spiel beleben.

Indessen thun in dem letzteren Falle Young's Nachtgedanken die nehmlichen Dienste. Auch diese haben weder mich noch manchen andern jemals in Betrübniß versetzt. Ich bin alsdann in der nehmlichen Stimmung, als wenn ich mich von den erdichteten Unglücksfällen des König Lear, des Othello, oder des Hamlet erschüttern lasse. (Ich sage dies mit der unbegränzten Bewunderung, welche dem grösten Genie aller Zeiten gebühret.)

Es ist noch die Frage, ob J. Miller, und Till Eulenspiegel — es verstehet sich, daß ich von dem alten rede; — das non plus ultra der Heilungsmittel in dem non plus ultra der Melancholie, sind, wie Ihr Anonymus anzunehmen scheint. Ich kenne Grade der Melancholie oder der Hypochondrie, die bei weitem noch nicht die äußersten sind, wo ich noch [100]ganz andere Heilmittel gebrauchen mußte. Und diese Heilmittel waren — Noten schreiben — eine mathematische oder algebraische Aufgabe auflösen — mit Samuel Johnson kalkuliren, von welcher Breite und Dicke ein silberner Gürtel um die Erdkugel und mit dem Meridian parallel, seyn müßte, wenn sein Werth den Betrag der englischen Nationalschulden nach geendigtem Kriege Anno 1785, ausmachen sollte. — Oder endlich: ein Mittel, das mir allein eigen, und das würksamste von allen war, das ich aber ohne Nutzen nennen würde, weil wenig Personen in einer solchen Lage sind, daß sie den Nutzen davon ziehen könnten, welcher mir daraus erwuchs, und mich daher wenige verstehen könnten.

Was ich hinwiederum in dem Aufsatze Ihres Anonymus nicht verstehe, ist die Stelle S. 104, »die Teutschheit« u.s.w. Ich kenne nicht nur Winkel in Deutschland, die unter dem Joche des Despotismus seufzen, sondern Deutsche, sehr republikanische, sehr freie, oft als glüklich citirte Staaten, wo das Verhältniß der Selbstmörder, gegen die Londoner, wie 5:3, ist.

S. 105. II. Ein Theil dieses Stücks ist weit gründlicher in den Büchern des Tissot und Anderer, über die Gesundheit der Gelehrten, behandelt, und vorzüglich in dem letzten Bande des vortreflichen, medizinischen, und klassischen Werks des Kämpe. Ein anderer [101]Theil scheint meinen eben erwähnten Erfahrungen geradezu zu widersprechen, — Erfahrungen, die nichts desto weniger, mit Genauigkeit und Wahrheit über den Gebrauch der abstrakten Meditationen als Heilmittel gegen die Melancholie, angestellet sind.

Ich glaube, daß man hier wohl unterscheiden müsse. Wenn die Melancholie nur reine Hypochondrie ist, und in bloß physischen Ursachen ihren Ursprung hat, so taugen die letzteren Mittel gewiß nicht; aber, sind es drückende Sorgen, unerhörte Kränkungen, die jeder Bemühung sie zu vergessen, trotzen, dann giebt es auch gewiß kein besseres Mittel sich zu zerstreuen, als starke, willkürlich gewählte, abstrakte Materien.

Ich begnüge mich, Ihnen diese Bemerkungen über den ersten Theil Ihres Magazins vorläufig mitzutheilen, und die Fortsetzung soll gänzlich von Ihrem Befehl abhängen.

Eine einzige Note will ich noch hinzusetzen, über einen Brief, den ich Ihnen vor ungefähr vier Jahren schrieb, und den Sie gütigst im 4. Heft des zweiten Theils dieses Magazins aufnahmen. In diesem Briefe hat sich ein sehr erheblicher Druckfehler eingeschlichen, und ohne Zweifel war meine unleserliche Hand Schuld daran. In dem eben angeführten Hefte S. 87 steht Arzt in Mietau, und soll heissen Arzt in Mayland.

[102]

Die Journale, und mich dünkt, nahmentlich das Journal etranger, sprachen damals sehr viel von diesem Arzte und seinen Erfahrungen. Die Versuche die er mit seinen Gemüthskranken machte, bestanden, wie ich mich erinnere, hauptsächlich darin, daß er die Verstopfungen im Gehirne zu heben suchte, indem er den Zufluß des Bluts und der Säfte, von dem Kopfe mehr nach den untern Theilen leitete.

Er bewerkstelligte dies entweder nach der alten Methode durch Fußbäder, Aderlässe u.s.w., oder nach einer andern sehr würksamen Methode dadurch, daß er diejenigen Theile des Körpers, die man ohne Gefahr reizen kann, als die Hinterbacken u.a., brennen oder bis aufs Blut peitschen ließ.

Wenn ich diesen Sommer, so wie ich hoffe, nach Mayland reise, so nehme ich mir vor, diesen Arzt und seine Versuche genauer kennen zu lernen. Ich habe immer geglaubt, daß wir aus allzugroßer Verzärtelung und Verfeinerung, aufgehört haben nach der Methode der Alten und der noch heutigen Wilden, eine große Menge von Krankheiten durch Schmerzen und durchs Brennen zu heilen. Indessen fängt es bei der Gicht schon an Grundsatz zu werden, daß man sie feindseelig behandeln müsse. So verfahren die Bauern, und man findet die Gicht unter ihnen weit seltener, als unter den Städtern.

[103]

Nirgend ist diese Behandlungsart aber anwendbarer als bei Wahnwitzigen; denn nichts heftet den Verstand so sehr auf einen Punkt als die körperlichen Schmerzen, und Peitschen ist die einzige Art, anhaltende Schmerzen hervorzubringen, ohne physische Gefahr befürchten zu dürfen. Indessen muß man nicht auf den Rücken peitschen, weil man Gefahr läuft der Brust zu schaden, sondern auf gut russisch, die Hinterbacken, der Kranke sey übrigens männlichen oder weiblichen Geschlechts.

Wir müßten also nur noch untersuchen, welche Veränderungen der Zusammenfluß des Bluts, der Säfte u.s.w., den wir durch diese Behandlungsart in einem vom Kopfe ganz entfernten, und blos körperlichen Theile hervorbringen, auf den Kopf selbst würken wird. Dies war es, was unser Arzt zu Mayland versuchen wollte, und ich gebe seiner Theorie völligen Beifall.*) 6 Ich hätte wohl gewünscht, diese Versuche selbst anstellen zu können, ich durfte es aber nicht wagen. Man würde mich gesteinigt haben, wenn ich einen Wahnwitzigen hätte peitschen lassen. Es giebt eine Art Menschen, die nicht über ihre Nase wegsehen können, und diese können eine solche Idee nicht ertragen. [104]Man ist immer gewohnt, das Peitschen als eine Züchtigung moralischer Uebel zu betrachten, und nun fällt es schwer, es als ein medizinisches Mittel, oder als einen physischen Versuch anzusehen. Aus allzugroßer Empfindlichkeit sind wir weichlich und verzärtelt worden.

In mehreren Staaten werden die Hausdiebe, die man anderwärts am Leben straft, so vorsichtig gepeitscht, daß es keinen größern Eindruck machen kann, als wenn man ihnen mit einem sanften Zeuge über die Haut führe. Ich habe irgendwo ein Monument des Rousseau gesehen, welches ihn selbst vorstellt wie er ein Schild zerbricht, worauf nach der alten Methode, ein Schulmeister seinen Schüler brav durchpeitscht. Hat der Knabe blos seine Vokabeln vergessen, so billige ich freilich dieses Verfahren auch nicht; hat er aber seinen Mitschüler betrogen oder verrathen, warum sollte er nicht geprügelt werden? Pfui über eine solche Bestrafung, die den Zögling herabwürdigt, schrei't mit Jean Jaques das ganze Chor unsrer neumodischen Philosophen mit dem butterweichen Herzen, und dem steinharten Kopfe!

Trotz dem hat aber England so viele große Männer, so viele starke Geister und edle Herzen beiderlei Geschlechts hervorgebracht, die alle in ihren Schulen mehr als hundertmal mögen durchgeprügelt worden seyn! Eitelkeit der Eitelkeiten! Un-[105]sre neumodische Philosophie, und besonders die empfindelnde ist gewiß die Krone aller Eitelkeiten.

Man will sich der Natur nähern, und entfernt sich immer mehr von ihr; man will uns mehr Kraft geben, und macht uns nur gedrückter und weichlicher. In der That, ich kenne nichts Verächtlicheres! Man spricht von nichts als von Vorurtheilen, wann werden wir aber einmal diese Modevorurtheile ablegen, die uns von den alten Vorurtheilen befreien sollen, und nichts leisten als Neue an die Stelle der Alten zu setzen, die am Ende nicht schlimmer, und vielleicht nicht einmal so schlimm seyn werden!

Ich will nur im Vorbeigehen noch eine Stelle meines Briefes IV. 2. S. 93 berühren, die wie mich dünkt einer der dortigen Journalisten herausgehoben hat. Die Rede ist von einem Frauenzimmer, welche von einer sehr heftigen Gemüthskrankheit geheilt wurde, und die ich über die Sensationen und Empfindungen während ihrer Krankheit befragte. Ich sage in Ihrer Uebersetzung: »Ich hörte verschiedene Dinge von ihr, welche von der Art sind, daß ich sie nie offenbaren werde.« Ueber diese Erklärung ereifert sich der Herr, und macht mir den Proceß. Er kann sich mit seiner ärmlichen Einbildungskraft nicht denken, daß es Dinge geben kann, die eine Person nach überstandener Gemüthskrankheit für Sensationen oder gemachte Erfahrungen ausgiebt, und die der Vernünftige, dem sie [106]sich anvertrauet hat, nicht rathsam findet, öffentlich bekannt zu machen.

Ich werde dem Herrn mit seiner Erlaubniß folgendes Dilemma vorlegen. Die moralischen oder physischen Erscheinungen, die ich durch die Erzählungen dieser Person erfahren habe, mußten auf Resultate führen, die entweder ausschweifend, und würklich wahnsinnig waren, oder aber auf solche die zwar anscheinend wahr, aber doch zweideutig, zweifelhaft, und wohl gar gefährlich waren. In dem einen Falle, würde es der Mühe nicht gelohnt haben sie zu erzählen, und im andern Falle, erinnere sich der Herr jenes Philosophen der einst sagte: wenn ich alle Wahrheiten in meiner zugemachten Hand hätte, so würde ich mich wohl hüten, sie zu öffnen. Nun so mache einen Finger nach dem andern auf, erwiderte ihm zwar jener; aber wenn einen Finger aufmachen so viel heißt als die Büchse der Pandora öffnen, von der man im voraus weiß, daß sie nun durch den Misbrauch dem alle Dinge bei dem Menschen unterworfen sind, eine unendliche Menge Uebel, so wie in unsrem Falle, eine unendliche Menge Irrthümer, und falscher Systeme verbreiten wird; ist es dann nicht besser, die Hand fest zu zu halten, und auch nicht einen Finger aufzumachen?

Ich wenigstens denke so, und wenn Ihr Journalist andrer Meinung ist; so scheint es wohl, er habe in seinem Leben wenig außerordentliche, würk-[107]lich außer dem gemeinen Weltlauf liegende Sachen gesehen.

Ich denke über diesen Punkt völlig wie eine gewisse äußerst schätzbare und geistreiche Person, die ich zwar nicht gradezu anbete, aber doch innigst verehre; ein Weib nach meinem Herzen: kurz, die heilige Jungfrau. Diese hatte in ihrem Leben viel außerordentliche Dinge an sich erfahren, und viele sich an andern zutragen sehen. Aber es ist bekannt, daß sie alles bemerkte, und alles in ihr Herz verschloß.

Die Erfahrung hat gezeigt, wie wohl sie daran gethan hat. Laßt uns dieses Beispiel nachahmen, laßt uns schwatzen, streiten, psychologische Magazine herausgeben, so viel wir nur wollen, aber uns hüten, alles zu sagen, was wir zu wissen, oder erfahren zu haben glauben.

Der erste, der erschrocken zu seinem Nachbar sagte, ich habe einen Geist gesehen, hatte vielleicht würklich Einen gesehen, aber er hätte schweigen sollen. Nun hat er allen Kindern und alten Weibern einen Floh ins Ohr gesetzt, sie glauben jetzt alle zu sehen, wo es nichts zu sehen giebt.

Van Goens.

Fußnoten:

1: *) Ich weiß keinen schicklicheren Ort Ihnen anzuzeigen, daß ich Schwedenborg persönlich gekannt habe.

2: *) Newton war noch bürgerlich genug, um vor Tische zu beten.

3: *) Meißner hat in seinen Skizzen eine Sammlung von Originalfaktis verschiedener Verbrecher angefangen. Unglücklicherweise weiß ich nicht, ob er sie fortgesetzt hat, ich habe die letzten Bände nicht gesehen. Der Entwurf war sehr interessant, und verdiente Aufmunterung, sowohl zum Vortheil der Seelenlehre, als der Kriminalgesetze.

4: *) Es ist nicht mehr Mode diesen großen Mann zu citiren, und zwar einer Schwachheit halber, die er doch selbst bereut hat. Wohl aber citirt man Heinrich IV. der jenem unter allen Menschen vielleicht am meisten, sowohl in den guten als bösen Eigenschaften gleich war, jedoch mit dem Unterschiede, daß Heinrich die nehmlichen Schwachheiten hatte, sie aber nicht bereute, daß er bei weitem so aufgeklärt nicht war als jener, daß er kein so grosses Genie, kein so vortreflicher Dichter war, und überdem nur einen Augenblick regierte. Aber man verschluckt begierig, das was Baile gegen den erstern gesammelt hat, statt daß Niemand das liest, was ein unpartheiischer Zuschauer über den letztern gesammelt hat, (ich meine Sir George Carew, Gesandten der Königin Elisabeth an Heinrichs Hof,) der gewiß mehr im Stande war Heinrich den IV. richtig zu beurtheilen, als Baile den David.

5: *) In dem Original wird hier eine Stelle aus Mendelssohns Brief an Lavater, über dessen Zueignungsschrift zu dem Buche des C. Bonnet citirt. Weil ich dieses nicht besitze, so habe ich eine homogene Stelle aus den Morgenstunden 1te. Ausg. Berl. 86. S. 23. dafür gewählt, wo jedoch die letzten Worte, »auch die Relig.« u.s.w. gänzlich fehlen.
Uebersetzer.

6: *) In der vortreflichen Abhandlung des Herrn Mendelssohn über die Erfahrung des Herrn Spalding, finden sich Bemerkungen, die auf eben diesen Weg führen.

[108]

6.

Die Leiden der Poesie.

Moritz, Karl Philipp

Diese geheimen Leiden waren es, womit R... beinahe von seiner Kindheit an, zu kämpfen hatte.

Wenn ihn der Reitz der Dichtkunst unwillkürlich anwandelte, so entstand zuerst eine wehmüthige Empfindung in seiner Seele, er dachte sich ein Etwas, worin er sich selbst verlohr, wogegen alles, was er je gehört, gelesen oder gedacht hatte, sich verlohr, und dessen Daseyn, wenn es nun würklich von ihm vorgestellt wäre, ein bisher noch ungefühltes unnennbares Vergnügen verursachen würde.

Nun war aber noch nicht ausgemacht, ob dies ein Trauerspiel, oder eine Romanze, oder ein Elegisches Gedicht werden sollte; genug, es mußte etwas seyn, das würklich eine solche Empfindung erweckte, wovon der Dichter schon gewissermaßen ein Vorgefühl gehabt hatte.

In den Momenten dieses seeligen Vorgefühls konnte die Zunge nur stammelnde einzelne Laute hervorbringen.

Etwa wie die in einigen Klopstockschen Oden, zwischen denen die Lücken des Ausdrucks mit Punkten ausgefüllt sind.

Diese einzelnen Laute aber bezeichneten denn immer das Allgemeine von groß, erhaben, Wonnethränen, und dergleichen. —

[109]

Dies dauerte denn so lange, bis die Empfindung in sich selbst wieder zurücksank, ohne auch nur ein paar vernünftige Zeilen, zum Anfange von etwas Bestimmten, ausgebohren zu haben.

Nun war also während dieser Krisis nichts Schönes entstanden, woran sich die Seele nachher hätte festhalten können, und alles andre, was würklich schon da war, wurde nun keines Blicks mehr gewürdiget.

Es war, als ob die Seele eine dunkle Vorstellung von etwas gehabt hätte, was sie selbst nicht seyn konnte, und wodurch ihr eigenes Daseyn ihr verächtlich wurde.

Es ist wohl ein untrügliches Zeichen, daß einer keinen Beruf zum Dichter habe, den blos eine Empfindung im Allgemeinen zum Dichten veranlaßt, und bei dem nicht schon die bestimmte Scene, die er dichten will, noch eher als diese Empfindung, oder wenigstens zugleich mit der Empfindung da ist. Kurz, wer nicht während der Empfindung zugleich einen Blick in das ganze Detaille der Scene werfen kann, der hat nur Empfindung, aber kein Dichtungsvermögen.

Und gewiß ist nichts gefährlicher, als einem solchen täuschenden Hange sich zu überlassen; die warnende Stimme kann nicht früh genug dem Jüngling zurufen, sein Innerstes zu prüfen, ob nicht der Wunsch bei ihm an die Stelle der Kraft tritt, und [110]weil er diese Stelle nie ausfüllen kann, ein ewiges Unbehagen die Strafe verbotenen Genusses bleibt.

Dies war der Fall bei R..., der die besten Stunden seines Lebens, durch mislungene Versuche trübte, durch unnützes Streben nach einem täuschenden Blendwerke, das immer vor seiner Seele schwebte, und wenn er es nun zu umfassen glaubte, plötzlich in Rauch und Nebel verschwand.

Wenn nun je der Reiz des Poetischen bei einem Menschen mit seinem Leben und seinen Schicksalen kontrastirt, so war es bei R..., der von seiner Kindheit an in einer Sphäre war, die ihn bis zum Staube niederdrückte, und wo er bis zum Poetischen zu gelangen, immer erst eine Stufe der Menschenbildung überspringen mußte, ohne sich auf der folgenden erhalten zu können.

So gieng es ihm nun jetzt wieder in seiner äußerlichen Lage; er hatte eigentlich keine Stube für sich, sondern mußte, da es nun anfing kälter zu werden, mit in der gemeinschaftlichen Stube wohnen, deren Einwohner, wenn ausgefegt wurde, so lange herausgehen mußten.

In dieser Stube wohnte die ganze Familie, nebst R... und noch einem Studenten, und jeder nahm seine Besuche von Fremden darin an; es wurde darin erzählt, von Kindern gelärmt, gesungen, gezankt und geschrieen; und dies war nun die nächste Umgebung, worin R... seine philosophische Abhandlung über die Empfindsamkeit schreiben, [111]und seine poetischen Ideale außer sich darstellen wollte.

Hier sollte nun das Trauerspiel Siegwart geschrieben werden, das sich mit seiner Einkehr bei dem Einsiedler anhub, welches immer R...s Lieblingsidee war, und die Lieblingsidee aller jungen Leute zu seyn pflegt, welche sich einbilden, einen Beruf zur Dichtkunst zu haben.

Dies ist sehr natürlich, weil der Zustand eines Einsiedlers gewissermaßen an sich selber schon Poesie ist, und der Dichter seinen Stoff schon beinahe vorgearbeitet findet.

Wer aber zuerst auf solche Gegenstände fällt, bei dem ist es auch fast immer ein Zeichen, daß bei ihm keine ächte poetische Ader statt finde, weil er die Poesie in den Gegenständen sucht, die in ihm selber schon liegen müßte, um jeden Gegenstand, der sich seiner Einbildungskraft darbietet, zu verschönern.

So ist die Wahl des Schrecklichen ebenfalls ein schlimmes Zeichen, wenn das vermeinte poetische Genie gleich zuerst darauf verfällt; denn freilich macht sich hier das Poetische auch schon von selber, und die innere Leerheit und Unfruchtbarkeit soll durch den äußern Stoff ersetzt werden.

Dies war der Fall bei R... schon in H... auf der Schule, wo er Meineid, Blutschande und Vatermord, in einem Trauerspiele zusammen zu häufen suchte, das der Meineid heissen sollte, und [112]wobei er sich dann immer die würkliche Aufführung dieses Stücks, und zugleich den Effekt dachte, den es auf die Zuschauer machen würde.

Dies zweite Zeichen sollte ebenfalls für jeden, der sich wegen seines poetischen Berufs sorgfältig prüft, schon abschrekkend seyn.

Denn der wahre Dichter und Künstler findet und hoft seine Belohnung nicht erst in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnügen, und würde dieselbe nicht für verlohren halten, wenn sie auch niemanden zu Gesicht kommen sollte. Sein Werk zieht ihn unwillkürlich an sich, in ihm selber liegt die Kraft zu seinen Fortschritten, und die Ehre ist nur der Sporn, der ihn antreibt.

Die bloße Ruhmbegier kann wohl die Begier einhauchen, ein großes Werk zu beginnen, allein die Kraft dazu kann sie dem nie gewähren, der sie nicht schon besaß, ehe er selbst die Ruhmbegier noch kannte.

Noch ein drittes schlimmes Zeichen ist, wenn junge Dichter ihren Stoff sehr gerne aus dem Entfernten und Unbekannten nehmen; wenn sie gerne morgenländische Vorstellungsarten, und dergleichen bearbeiten, wo alles von den Scenen des gewöhnlichen nächsten Lebens der Menschen ganz verschieden ist; und wo also auch der Stoff schon von selber poetisch wird.

[113]

Dies war denn auch der Fall bei R...; er gieng schon mit einem Gedichte über die Schöpfung schwanger, wo der Stoff nun freilich der allerentfernteste war, den die Einbildungskraft sich denken konnte, und wo er statt des Detail, vor dem er sich scheute, lauter große Massen vor sich fand, deren Darstellung man denn für die eigentlich erhabene Poesie hält; und wozu die unberufenen jungen Dichter immer weit mehr Lust haben, als zu dem, was dem Menschen nahe liegt; denn in dies letztere muß freilich ihr Genie die Erhabenheit erst herein tragen, welche sie in jenem schon vor sich zu finden glauben.

R...s äußere Lage wurde hiebei mit jedem Tage drückender, weil die gehofte Unterstützung aus H... nicht erfolgte, und seine Hausleute ihn immer mehr mit schielen Blicken ansahen, je mehr sie inne wurden, daß er weder Geld besitze, noch welches zu hoffen habe.

Sein Frühstück und Abendbrodt, was er hier genoß, war er nicht im Stande zu bezahlen, und man ließ ihm deutlich merken, daß man nicht länger Willens sey, ihm zu borgen; da man also keinen Nutzen von ihm ziehen konnte, und er überdem ein trauriger Gesellschafter war, so war es natürlich, daß man seiner loß zu seyn wünschte, und ihm die Wohnung aufkündigte.

So wenig auffallend dieß nun an sich war, so tragisch nahm es R...

[114]

Der Gedanke des Lästigseyns, und daß er von den Leuten, unter denen er lebte, gleichsam nur geduldet würde, machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhaßt.

Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drängten sich zusammen.

Er häufte selber alle Schmach auf sich, und wollte verzweiflungsvoll sich einem blinden Schicksale aufs Neue überlassen.

Nun gieng er zu F..., um Abschied von ihm zu nehmen, ohne ihm eine eigentliche Ursache sagen zu können, weswegen er Erfurt wieder verlassen wolle.

Der Doktor F... schob diesen Entschluß auf seine Melancholie, redete ihm zu, daß er bleiben solle, und entließ ihn nicht eher, bis R... ihm versprochen hatte, wenigstens heute und morgen noch nicht abzureisen.

Diese Theilnehmung an seinem Schicksale war nun zwar für R... sehr schmeichelhaft; sobald er sich aber wieder allein befand, verfolgte der Gedanke des Lästigseyns in seiner nächsten Umgebung ihn wie ein quälender Geist, er hatte nirgends Ruhe noch Rast; streifte in den einsamsten Gegenden von Erfurt umher, in der Gegend des Karthäuserklosters, wohin er sich nun im Ernst, wie nach einem sichern Zufluchtsorte sehnte, und wehmüthig nach den stillen Mauren hinüberblickte.

[115]

Dann irrte er weiter umher, bis es Abend wurde, wo der Himmel sich mit Wolken überzog, und ein starker Regen fiel, der ihn bald bis auf die Haut durchnetzte.

Der Fieberfrost, welcher sich nun zu den innern Unruhen seines Gemüths gesellte, trieb ihn in Sturm und Regen umher, bei altem Gemäuer und durch einsame öde Straßen, denn in seine bisherige Wohnung zurückzukehren, davon konnte er den Gedanken nicht ertragen.

Er stieg die hohe Treppe zu dem alten Dom hinauf, band sich ein Tuch um den Kopf, und suchte sich unter altem Gemäuer eine Weile vor dem Regen zu schützen.

Vor Müdigkeit fiel er hier in eine Art von betäubendem Schlummer, aus dem er durch einen neuen Regenguß, und durch das Getöse des Windes wieder erweckt wurde.

Indem ihm nun der Regen ins Gesicht schlug, fiel ihm die Stelle aus dem Lear ein: to shut me out, in such a night as this! (Die Thüren vor mir zu verschließen, in einer Nacht wie diese!) Und nun spielte er die Rolle des Lear in seiner eigenen Verzweifelung durch, und vergaß sich in dem Schicksale Lears, der von seinen eigenen Töchtern verbannt, in der stürmischen Nacht umherirrt, und die Elemente auffordert, die entsetzliche Beleidigung zu rächen.

[116]

Diese Scene hielt ihn hin, daß er sich eine Zeitlang den Zustand, worin er war, mit einer Art von Wollust dachte, bis auch dies Gefühl abgestumpft wurde, und ihm nun am Ende nichts als die leere Würklichkeit übrig blieb, welche ihn in ein lautes Hohngelächter über sich selbst ausbrechen ließ.

In dieser Stimmung kehrte er wieder zu dem alten Dom zurück, der nun schon eröfnet war, und wo die Chorherren sich zur Frühmette bei Licht versammleten.

Das alte gothische Gebäude, die wenigen Lichter, der Widerschein von den hohen Fenstern, machten auf R..., der die ganze Nacht umher geirrt war, und sich hier auf eine Bank niedersetzte, einen wunderbaren Eindruck.

Er war, wie in einer Behausung, vor dem Regen geschützt, und doch war dies keine Wohnung für die Lebenden.

Wer vor dem Leben selber eine Freistatt suchte, den schien dies dunkle Gewölbe einzuladen, und wer eine Nacht, wie R... die vergangene, durchlebt hatte, konnte wohl geneigt seyn, diesem Rufe zu folgen.

R... fühlte sich auf der Bank im Dom in eine Art von Abgeschiedenheit und Stille versetzt, die etwas unbeschreiblich Angenehmes für ihn hatte, die ihn auf einmal allen Sorgen und allem Gram entrückte, und ihn das Vergangene vergessen machte.

[117]

Er hatte aus dem Lethe getrunken, und fühlte sich in das Land des Friedens sanft hinüberschlummern.

Dabei heftete sich immer sein Blick auf den blassen Widerschein von den hohen Fenstern, und dieser war es vorzüglich, welcher ihn in eine neue Welt zu versetzen schien: es war dies eine majestätische Schlafkammer, in welcher er seine Augen aufschlug, nachdem er die Nacht wild durchträumt hatte.

Denn wie Träume eines Fieberkranken, waren freilich solche Zeitpunkte in R...s Leben, aber sie waren doch einmal darin, und hatten ihren Grund in seinen Schicksalen von seiner Kindheit an.

Denn war es nicht immer Selbstverachtung, zurückgedrängtes Selbstgefühl, wodurch er in einen solchen Zustand versetzt wurde? Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwährenden Druck von außen bei ihm bewirkt, woran freilich mehr der Zufall Schuld war, als die Menschen?

Als der Tag angebrochen war, kehrte R... mit ruhigem Gemüthe aus dem Dom zurück, und begegnete auf der Straße seinem Freunde N..., der schon früh ein Kollegium besuchte, und welcher erschrak, da er R...n ins Gesicht sahe, so sehr hatte diese Nacht ihn abgemattet und entstellt.

N... ruhete nicht eher, bis R... ihm seinen ganzen Zustand entdeckt hatte.

[118]

Nach freundschaftlichen Vorwürfen, daß R... nicht mehr Zutrauen zu ihm gehabt, brachte er ihn wieder nach seiner alten Wohnung, suchte ihn dort den Leuten in einem andern Lichte darzustellen, und tilgte die geringe Schuld seines Freundes.

Diese aufrichtige Theilnehmung seines Freundes, stärkte bei R... wieder das erkrankte Selbstgefühl, er war gewissermaßen stolz auf seinen Freund, und ehrte sich in ihm.

Nun bedung er sich aus, um allein seyn zu können, einen Verschlag auf dem Boden des Hauses zu beziehen, wohin man ihm auch ein Bette gab, und wo er nun wieder, ganz sich selbst gelassen, ein paar nicht unangenehme Wochen zubrachte.

Er laß und studirte hier oben, und würde in dieser Abgezogenheit völlig glücklich gewesen seyn, wenn ihn sein Gedicht über die Schöpfung nicht gequält hätte, welches machte, daß er oft wieder in eine Art von Verzweiflung gerieth, wenn er Dinge ausdrücken wollte, die er zu fühlen glaubte, und die ihm doch über allen Ausdruck waren.

Was ihm die meiste Qual machte, war die Beschreibung des Chaos, welche beinahe den ganzen ersten Gesang seines Gedichts einnahm, und worauf er mit seiner kranken Einbildungskraft am liebsten verweilen mochte, aber immer für seine ungeheuren und grotesken Vorstellungen keine Ausdrücke finden konnte.

[119]

Er dachte sich eine Art von falscher täuschender Bildung in das Chaos hinein, welche im Nu wieder zum Traume und Blendwerke wurde; eine Bildung die weit schöner, als die wirkliche, aber eben deswegen von keinem Bestande, und keiner Dauer war.

Eine falsche Sonne stieg am Horizonte herauf, und kündigte einen glänzenden Tag an. —

Der bodenlose Morast überzog sich unter ihrem trügerischen Einflusse mit einer Kruste auf welcher Blumen sproßten, Quellen rauschten; plötzlich arbeiteten sich die entgegenstrebenden Kräfte empor, der Sturm heulte aus dem Abgrunde, die Finsterniß brach mit allen ihren Schrecknissen aus ihrem verborgenen Hinterhalte hervor, und verschlang den neugebornen Tag wieder in ein furchtbares Grab.

Die immer in sich selbst zurückgedrängten Kräfte bearbeiteten sich mit Grimm nach allen Seiten sich auszudehnen, und seufzten unter dem lastenden Widerstande.

Die Wasserwogen krümmten sich und klagten unter dem heulenden Windstoße.

In der Tiefe brüllten die eingeschlossenen Flammen, das Erdreich das sich hob, der Felsen der sich gründete, versanken mit donnerndem Getöse wieder in den alles verschlingenden Abgrund. —

Mit dergleichen ungeheuren Bildern, zerarbeitete sich R...s Phantasie in den Stunden, wo sein Innres selbst ein Chaos war, in welchem der [120]Strahl des ruhigen Denkens nicht leuchtete, wo die Kräfte der Seele ihr Gleichgewicht verlohren, und das Gemüth sich verfinstert hatte; wo der Reiz des Wirklichen vor ihm verschwand, und Traum und Wahn ihm lieber war, als Ordnung, Licht und Wahrheit.

Und alle diese Erscheinungen gründeten sich gewissermaßen wieder in dem Idealismus, wozu er sich schon natürlich neigte, und worin er durch die philosophischen Systeme, die er in H... studierte sich noch mehr bestärkt fand.

Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz wo sein Fuß ruhen konnte.

Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte.

Dieß war es, was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Böden und Dachkammern trieb, wo er oft in phantastischen Träumen noch seine vergnügtesten Stunden zubrachte, und dieß war es was ihm zugleich für das Romantische, und Theatralische, den unwiderstehlichen Trieb einflößte.

Durch seinen gegenwärtigen innern und äußern Zustand, war er nun wiederum in der idealischen Welt verlohren, was Wunder also, daß bei der ersten Veranlassung seine alte Leidenschaft wieder Feuer fing, und er wiederum seine Gedanken auf das Theater heftete, welches bei ihm nicht sowohl Kunstbedürfniß, als Lebensbedürfniß war.

[121]
R...s Schreiben an seinen Freund.

Dies Schreiben war denn ganz im Tone der Wertherschen Briefe abgefaßt.

Die patriarchalischen Ideen mußten auf alle Weise wieder erweckt werden; nur Schade, daß es hier nicht wohl ohne Affektation geschehen konnte.

Denn um diesen Brief schreiben zu können, schafte sich R... erst einen Theetopf an, und lieh sich eine Tasse, und weil er kein Holz im Hause hatte, kaufte er sich Stroh, welches man in Erfurt zum Brennen braucht, um sich selber in seinem Stübchen, in dem kleinen Oefchen seinen Thee zu kochen, womit er endlich, nachdem er vor Rauch beinahe erstickt war, zu Stande kam.

Und als dies nun nur erst einmal geschehen war, so schrieb er gleichsam triumphirend an seinen Freund.

Jetzt, mein Lieber! bin ich in einer Lage, welche ich mir nicht reizender wünschen könnte. Ich blicke aus meinem kleinen Fenster über die weite Flur hinaus, sehe ganz in der Ferne eine Reihe Bäumchen auf einem kleinen Hügel hervorragen, und denke an Dich, mein Lieber u.s.w. Ich habe die Schlüssel dieser einsamen Wohnung, und bin hier Herr im Hause und Garten, u.s.w. Wenn ich denn manchmal so da sitze, an dem kleinen Oefchen, und mir selbst meinen Thee koche, u.s.w.

In dem Tone gieng es fort, und ward ein stattlicher und langer Brief; und als nun R... es [122]nicht über das Herz bringen konnte, diesen schönen Brief nicht auch seinem kritischen Freunde, dem Doktor S... zu zeigen: so verdarb dieser vollends die Sache, indem er ihm nach seiner gutmüthigen Höflichkeit das Kompliment machte: wenn ihm R...s Gegenwart nicht selbst zu lieb wäre, so würde er wünschen, entfernt zu seyn, um nur solche Briefe von R... zu erhalten.

Und nun war auf einmal, der beinahe zur Ruhe gebrachte Dichtungstrieb bei R... wieder angefacht. Er suchte nun zuerst sein Gedicht über die Schöpfung vollends durch das Chaos durchzuführen, und hub mit neuer Qual an, in der Darstellung von gräßlichen Widersprüchen und ungeheuren labyrinthischen Verwickelungen der Gedanken sich zu verlieren, bis endlich folgende beide Hexameter, die er aus der Bibel nahm, ihn aus einer Hölle von Begriffen erlößten.

Auf dem stillen Gewässer rauschte
Die Stimme des Ewigen
Sanft daher, und sprach: es werde Licht!
Und es ward Licht.

Merkwürdig war es, daß ihm nun die Lust vergieng, dies Gedicht weiter fortzuführen, sobald der Stoff nicht fürchterlich mehr war.

Er suchte also nun einen Stoff aus, der immer fürchterlich bleiben mußte, und den er in mehreren [123]Gesängen bearbeiten wollte; was konnte dies wohl anders seyn, als der Tod selber!

Dabei war es ihm eine schmeichelhafte Idee, daß er, als ein Jüngling, sich einen so ernsten Gegenstand zu besingen wählte; daher hub er denn auch sein Gedicht an:

Ein Jüngling, der schon früh den Kelch
der Leiden trank, u.s.w.

Als er nun aber zum Werke schritt, und den ersten Gesang seines Gedichts, wovon er den Titel schon recht schön hingeschrieben hatte, wirklich bearbeiten wollte, fand er sich in seiner Hofnung, einen Reichthum von fürchterlichen Bildern vor sich zu finden, auf das Bitterste getäuscht.

Die Flügel sanken ihm, und er fühlte seine Seele wie gelähmt, da er nichts, als eine weite Leere, eine schwarze Oede vor sich erblickte, wo sich nun nicht einmal das vergeblich aufarbeitende Leben, wie bei der Schilderung des Chaos anbringen ließ, sondern eine ewige Nacht alle Gestalten verdeckte, und ein ewiger Schlaf alle Bewegungen fesselte.

Er strengte mit einer Art von Wuth seine Einbildungskraft an, in diese Dunkelheit Bilder hineinzutragen, allein sie schwärzten sich, wie auf Herkules Haupte die grünen Blätter seines Pappelkranzes, da er sich, um den Cerberus zu fangen, dem Hause des Pluto nahte. Alles was er niederschreiben wollte, lößte sich in Rauch und Nebel auf, und das weiße Papier blieb unbeschrieben.

[124]

Unter diesen immer wiederholten vergeblichen Anstrengungen eines falschen Dichtungstriebes, erlag er endlich, und verfiel selbst in eine Art von Lethargie und völligem Lebensüberdruß.

Er warf sich eines Abends mit den Kleidern aufs Bette, und blieb die Nacht und den ganzen folgenden Tag in einer Art von Schlafsucht liegen, aus der ihn erst am Abend des folgenden Tages, wo es grade Weihnachten war, ein Bote von seinem Gönner dem Regierungsrath Sp... weckte, dessen Frau an R... ein sehr großes Weihnachtsbrodt zum Geschenk übersandte.

Dies war nun gerade, was ihn in seiner unwiderstehlichen Schlafsucht noch bestärkte. Er schloß sich mit diesem großen Brode ein, und lebte vierzehn Tage davon, weil er nur wenig genoß, indem er Tag und Nacht, wo nicht in einem immerwährenden Schlafe, doch, die letzten Tage ausgenommen, in einem beständigen Schlummer, im Bette zubrachte. Hiezu kam nun freilich der Umstand, daß er kein Holz hatte, um einzuheizen; er hätte aber auch nur ein Wort sagen dürfen, um dies Bedürfniß zu befriedigen, wenn es ihm nicht gewissermaßen lieb gewesen wäre, den Mangel des Holzes als einen Beweggrund zu dieser sonderbaren Lebensart vorschützen zu können.

R... wurde in diesem Zustande auch von seinen Freunden nicht gestört, weil er gegen diese oft den [125]Wunsch geäußert hatte, daß er nur einmal ein paar Wochen lang ganz einsam zu seyn wünschte.

Nun hatte aber dieser Zustand eine sonderbare Wirkung auf R..: die ersten acht Tage brachte er in einer Art von gänzlicher Abspannung und Gleichgültigkeit zu, wodurch er den Zustand, den er vergeblich zu besingen gestrebt hatte, nun gewissermaßen in sich selber darstellte. Er schien aus dem Lethe getrunken zu haben, und kein Fünkchen von Lebenslust mehr bei ihm übrig zu seyn.

Die letztern acht Tage aber, war er in einem Zustande, den er, wenn er ihn isoliert betrachtet, unter die glücklichsten seines Lebens zählen muß.

Durch die lange fortdauernde Abspannung hatten sich allmälig die schlafenden Kräfte wieder erholt.

Sein Schlummer wurde immer sanfter; durch seine Adern schien sich ein neues Leben zu verbreiten; seine jugendlichen Hofnungen erwachten wieder eine nach der andern; Ruhm und Beifall krönten ihn wieder; schöne Träume ließen ihn in eine goldne Zukunft blicken. Er war von diesem langen Schlafe wie berauscht, und fühlte sich in einem angenehmen Taumel, so oft er von dem süßen Schlummer ein wenig aufdämmerte.

Sein Wachen selber war ein fortgesetzter Traum, und er hätte alles darum gegeben in diesem Zustande ewig bleiben zu dürfen.

[126]

Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Ueber den Plan des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.
Auszug aus einem Briefe an den Herausgeber, von Herrn Salomon Maimon. 1
Zur Seelennaturkunde.
1. Wirkung des Denkvermögens auf die Sprachwerkzeuge, von Herrn Salomon Maimon. 8
2. Schreiben über Täuschung und besonders vom Traume, von Herrn Veit. 17
3. Ueber Selbsttäuschung, von dem Herausgeber. 32
4. Ueber Selbsttäuschung. In Bezug auf den vorhergehenden Aufsatz. Von Herrn Salomon Maimon. 38
5. Anmerkungen und Berichtigungen zu dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Vom Herrn van Goens. Aus dem Französischen übersetzt. 51
6. Die Leiden der Poesie, von dem Herausgeber. 108