ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 2 (1788)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

C. P. Moritz und C. F. Pockels.

Sechsten Bandes zweites Stück.

Berlin
bei August Mylius 1788.

[II]

Nachricht.

Von diesem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde sollen allemal drei Stücke, jedes sieben bis neun Bogen stark, einen mäßigen Band ausmachen. Einzeln gilt das Stück 10 Groschen, und der ganze Band 1 Rthlr. 6 Gr. Eine gewisse Zeit der Herausgabe kann nicht bestimmt werden, sondern es kömmt darauf an, wie sehr die Materialien und Beiträge sich anhäufen werden.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Sechsten Bandes zweites Stück.

<Revision.>

Fortsetzung der Revision des 4ten, 5ten und 6ten Bandes dieses Magazins.

Pockels, C. F.

Die fortgesetzten Bände dieses Magazins enthalten wieder eine Menge, zum Theil sehr interessanter Aufsätze zur Erfahrungsseelenlehre, und verdienen eben sowohl, wie die drei erstern, eine genaue psychologische Beleuchtung; — theils deswegen, um verschiedene Gegenstände der empirischen Psychologie, und so manches sonderbare Phänomen menschlicher Empfindungen in ein helleres Licht zu setzen; theils auch, und woran jetzt jedem Schriftsteller so viel gelegen seyn sollte, um den immer mehr einreissenden Glauben an die Einwürkung guter oder böser Geister auf das Gemüth und die [2]Handlungen der Menschen mit Gründen der Vernunft zu widerlegen, und durch Aufdeckung seiner unreinen Quellen zu beschämen.

Einige Aufsätze dieses Magazins, dessen erste und vornehmste Absicht Vernunftaufklärung über die Natur unsrer Seele, ihrer Kräfte und Empfindungen ist, haben zwar selbst das Ansehn, als ob sie wohl eher jenen lächerlichen Geisterglauben befördern, als hindern, und statt der Aufklärung Verfinsterung bewürken könnten; allein sie sind in keiner andern Absicht aufgenommen worden, als vernünftige Leser zum Nachdenken und Forschen über dergleichen Materien zu reizen, und gelegentlich neuen Stoff zur Bearbeitung noch so manches unangebauten Feldes der Psychologie zu liefern.

Ueberhaupt ist bei Fortsetzung dieses Magazins, das den Beifall der aufgeklärtesten Männer gefunden hat, und, zur Freude und Aufmunterung der Herausgeber, von vielen in Ausarbeitung psychologischer Schriften gebraucht worden ist, immer darauf Rücksicht genommen worden, — nicht sowohl eine, etwa einem oder dem andern von den Herausgebern eigene, Theorie der Seelenlehre beim Publikum geltend zu machen; sondern durch eine zweckmässige, vom sel. Mendelsohn angegebene, Zusammenstellung merkwürdiger psychologischer Phänomene, neue und interessante Materialien zum [3]Nachdenken über sich selbst zu liefern, — der Pädagogik, die ohne ein genaues Studium der empirischen und rationalen Seelenkunde, die mißlichste aller Wissenschaften ist, lehrreiche Winke zu geben, — dem Aberglauben und der Schwärmerei entgegen zu würken,— die Heilmittel gegen Krankheiten des Verstandes und der Einbildungskraft aufzufinden und zu untersuchen, — und die Speculation über die Natur unsres Geistes und seiner transcendentalen Vorstellungen zu zeigen, wie unsicher man bei jedem Raisonnement über eine immaterielle Substanz, dergleichen unsre Seele seyn soll, verfährt, wenn man dabei die Theorie der Erfahrung aus dem Auge verliert, und einer bloß abstracten Vorstellungsart, in den Untersuchungen über Form und Entwicklung der Denkkraft, folgen will. So leicht es sich auch aus einer richtigen Vergleichung der uns bekannten Eigenschaften der Materie mit der Natur des Gedankens und Selbstbewußtseyns folgern läßt, daß der menschlichen Seele eine unveränderliche, von Organisation und körperlichem Einfluß unabhängige Denkform, als letzte Bedingung der Begriffe, eigenthümlich sey, ohne welche sich nichts a priori erklären liesse: so werden wir doch bei den Handlungen unsres Geistes alle Augenblicke an den Einfluß unsrer Sinne, auf die Entstehung und Fortpflanzung unsrer Ideen und Empfindungen erinnert, und gegen jene ganz reinen Operationen der Seele, wenn sie auch als letzte Bedingungen [4]des Denkens, nach einer abstracten Philosophie ihre Richtigkeit haben sollten, mißtrauisch gemacht.

Je mehr wir die empirische Psychologie, oder die eigentliche Naturhistorie der menschlichen Seele studiren, und dem Ursprunge unsrer Begriffe nachzuspüren suchen, je mehr lernen wir es einsehn, was und wie viel die Erfahrung in jedem Moment der Denkkraft über die Form, Bildung und Entwickelung der letztern vermag, wie wir ohne jenes Vehikel keiner einzigen Ideenaufnahme fähig sind, wie die Erfahrung nach und nach einer jeden menschlichen Seele eine eigenthümliche Dimensionskraft ihrer Vorstellungen und Empfindungen, und eine nothwendige Richtung giebt, und wie endlich die feinsten Abstractionen des Denkens selbst, und die moralischen Begriffe von unserm Willen sich vermöge der Sprache, der Imagination, und der auf Vergleichungen beruhenden Schlußkraft auf empirische Grundsätze beziehen, die in der Natur unsrer Gefühle ihren Grund haben. Das Studium der menschlichen Seele kann daher der Kenntniß unsrer Organe, ihrer Einflüsse und Würkungen auf die ganze Ideenmasse des Menschen, ihrer Krankheiten und Vollkommenheiten auf keine Weise entbehren, und dieses Studium kann für jeden nachdenkenden Kopf äusserst lehrreich und interressant werden, ohne daß man grade mit Gewißheit angeben kann, was wir vielleicht nie werden können, ob unsrer Seele das [5] Denken als einer immateriellen, oder bloß materiellen Substanz zugeschrieben werden müsse.

Nach dieser kurzen Einleitung will ich nun die verschiedenen Aufsätze in den drei letzten Bänden der Erfahrungsseelenkunde zu revidiren anfangen, welche gewisse Krankheiten und Verirrungen der menschlichen Vorstellungskraft und Imagination betreffen, und zum Theil sehr lehrreiche Winke enthalten, wie man sich vor dergleichen Uebeln sichern und davon befreien könne.


Im 4ten Bande, 1tes Stück S. 70. ff. steht ein lesenswürdiger Aufsatz von einem jungen aufgeklärten Gelehrten, Hrn. Lenz, welcher sich jetzt in Göttingen aufhält, und obigen Aufsatzes wegen mancherlei Verdrüßlichkeiten gehabt haben soll.

Daß übrigens einem jungen Mädgen von neun bis zehn Jahren, deren Eltern pietistisch gesinnt waren, und ihrem Kinde fürchterlich-schreckliche Begriffe von Teufel, Hölle und Verdammniß mogten beigebracht haben, nach einem frölich zugebrachten Geburtstage, — wobei das Blut in eine stärkere Bewegung gekommen war, — des Abends beim Zubettegehn der Teufel erscheint, und sie zu verschlingen droht, konnte sehr natürlich zugehn, indem zu der gehabten vermeinten Erscheinung schon alle [6]Bilder und Materialien in der Seele des Kindes bereit lagen, die vielleicht nur eines stärkern Blutstoßes bedurften, um mit aller Helligkeit und Lebhaftigkeit eines wirklichen Bildes hervorzutreten. Dergleichen Bilder mahlt die Seele oft mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit in einem Augenblicke aus, und das schnelle Erscheinen des Imaginationsbildes fällt uns dann um so viel mehr auf, weil wir gar nicht daran gearbeitet zu haben scheinen. Bei einem so jungen Kinde wäre eine so lebhaft imaginirte Vision freilich nicht wohl erklärbar, wenn man, was schon vorausgesetzt worden ist, nicht theils mit Gewißheit annehmen könnte, daß die Eltern ihrem Kinde von demTeufel so manches mögen vorgeschwatzt haben; theils auch dem Mädgen allerlei gemahlte Bilder von jenem Gespenste der Einbildungskraft vorschweben mogten.Vielleicht konnte auch einer von dem Gesinde oder den Hausleuten sich wirklich, aus Scherz, in die Gestalt des Teufels verkleidet haben, wodurch der heftige Schreck des Mädgens, und die darauf sich natürlich gründende vierteljährige Krankheit derselben veranlaßt wurde. Erfahrnen Aerzten sind sonderbare Fälle genug bekannt, welche traurige, und oft fürchterliche, Würkungen ein plötzliches Schrecken, oder eine dergleichen gehabte Vision der Einbildungskraft, sonderlich bei jungen noch nervenschwachen Leuten nach sich ziehn kann. — Uebrigens kann auch vorerwähnte Geschichte lehren, wie abgeschmackt und [7]zugleich gefährlich es sey, junge Kinderseelen, wie fast allgemein noch zur Schande der Pädagogik geschieht, mit jenen höllischen Bildern anzufüllen, und ihrer Einbildungskraft eine so schiefe und unvernünftige Richtung zu geben. Mögte man doch endlich einmal, zur Ehre der menschlichen Vernunft, die Lehre von bösen auf uns würkenden Geistern, denen so offenbar eine furchtsame und mißgeleitete Imagination ihr Daseyn gegeben hat, ganz aus der Erziehung und dem Religionsunterrichte der Menschen verbannen, und weit edlere, nutzbarere und zweckmässigere Begriffe an ihre Stelle setzen! — —

Wenn der Herr Einsender des obigen Aufsatzes von sich erzählt, daß er von seinem sechsten Jahre an bis in's siebente öfters des Nachts eine weiße Gestalt gesehn, darüber geweint, und gebeten habe, das garstige Ding wegzuschaffen: so rührte dies unstreitig von irgend einer Erzählung von einem weisgekleideten Geiste, davon die Ammen und alten Mütterchen leider! den Kindern so viel zu erzählen wissen, her, die auf die junge Seele einen lebhaften Eindruck gemacht hatte, — so wie sich überhaupt die folgenden, an sich beobachteten, Phänomene des Herrn Lenz aus einer sehr lebhaften Einbildungskraft, aus einer von ihm selbst angegebenen Anlage zum Nachtwandeln, aus einem sehr feinen Nervensystem, und die nächst folgende Erzählung aus einer Art Schwindel erklären lassen, ob gleich der Ver-[8]fasser es nicht Schwindel nennen will. — Allein aus so frühen Jahren des Lebens kann man sich selten noch mit Gewißheit besinnen, in welchem Nebenzustande die Seele sich bei gewissen heftigen Empfindungen befunden habe.

»Einige Jahre darauf, heißt es, begegnete es mir mehrere Jahre hintereinander fast alle Nächte, daß ich, nachdem ich mich schlafen gelegt hatte, ganz sonderbare Auftritte hatte. Dies waren die, von denen ich mich in keiner menschlichen Sprache, wegen ihrer Ungewöhnlichkeit, wegen der bloß dunkeln Vorstellungen, in denen sie mir vorschweben, und wegen des damaligen Mangels an Beobachtungsgeist über mich selbst, nicht auslassen kann; es ging mit mir alles wie in einer Scheibe herum, dazu gesellten sich schöpferische Vorstellungen von unendlichen Millionen Zeiten und Räumen, die ich zu durchwandern hatte. Der Gedanke der Unmöglichkeit, je diese Reise, dieses Unermeßliche, das ich immer wie in einem unaufhörlichen Kreise vor mir sah, zu vollenden (und dies alles im wachenden Zustande), verursachte in mir ausserordentliche Bänglichkeit, in der ich mich oft nicht enthalten konnte, mit einem Satz aus dem Bette und ängstlichem Zurückwandern in die Stube, wo mein Vater gewöhnlich noch am Schreibtische saß, jenem Schrecken zu entgehn.« — Alles dies sind Phänomene eines ängstlichen Schwindels, welcher oft die son-[9]derbarsten Empfindungen und Vorstellungen in der Seele veranlaßt, die man freilich in keiner Sprache ausdrücken kann, weil es nur vorübergehende verworrene Sensationen sind. Die Bänglichkeit entstand aus der Lage des Körpers, indem das Blut sich nach dem Gehirn hindrängte, und jene Bilder erzeugen half, wie aus dem Zusatze des Herrn Verfassers selbst erhellet, daß er diese feindseligen Bilder oft nachher dadurch zu verbannen wußte, wenn er sich nur schnell im Bette aufrichtete (wodurch das Blut wieder vom Kopfe herabgeleitet wurde), dann zum Besinnen kam — u.s.w.

Zur nähern Erklärung jener Phänomene muß man auch noch die vom Herrn Verfasser selbst erzählten Umstände hinzunehmen, »daß er überhaupt etwas kränklich und engbrüstig war, daß er eine schlechte Diät beobachtete, des Abends gemeiniglich viel Kartoffeln aß u.s.w. Es ist bekannt, welche schwermüthige Träume ein überladener Magen verursachen kann. Von einer Unordnung in seinem feinen Nervensystem kamen dann auch wohl jene sonderbaren Gefühlsvorstellungen her, indem ihm oft, wenn er zu Bette war, alles, was er anfühlte, eine ganz rauhe und höckrigte Oberfläche zu haben schien. Es sey das unausstehlichste Gefühl gewesen, welches ihn oft vermogt habe, die Finger zusammen zu knebeln, um nicht die Bettdecke oder sich selbst mit den Fingerspitzen zu berühren« (wo sich bekannt-[10]lich eine Menge sehr empfindlicher Nerven vereinigen). Ich kenne jemand, der noch eine andre sonderbare Empfindung an seinen Fingern wahrnimmt. Wenn er sich zu Bette gelegt hat, scheinen sie ihm oft auf einmal anzuschwellen, und zwar mit einem heftigen Schmerz, und endlich eine solche ungeheure Länge zu bekommen, daß er sich, um sich von dieser Empfindung zu befreien, schnell aus dem Bette machen, und sich wieder ganz ermuntern muß.

Die Erscheinung der blauen Figur im Keller erklärt der Herr Einsender selbst ganz richtig dadurch, daß durch die Bewegung des Auges aus dem hellesten Tageslicht in einen dunkeln Ort im Sehnerven eine Veränderung der Farben bewürkt worden sey, und die Phantasie das Bild vollends ausgemahlt habe. Vielleicht hatten mehrere Menschen von langen Zeiten her auch einmal wegen Beschaffenheit der dortigen Luft und andrer Localumstände die nämliche Empfindung gehabt, und dadurch war dann der Volksglaube entstanden, daß sich in der Gegend eine blaue Figur sehn ließe.

Das bekannte Feuersprechen ist nichts weiter, als ein alberner Volksaberglaube, und die Facta, die man gemeiniglich davon erzählt, sind entweder ersonnen, oder das Feuer hat sich durch einen andern Umstand, aber wahrlich nicht durch das so genannte Besprechen, gelegt. Ein Landesherr sollte [11]doch durchaus nicht dem Aberglauben seiner Unterthanen auf eine solche Art fröhnen, wie von dem Grafen Reus in Gera erzählt wird! Die Formeln, welche die Feuerbeschwörer hermurmeln, und die Ceremonieen, die sie dabei beobachten, sind höchst lächerlich und unvernünftig. Es verlohnt aber der Mühe nicht, sie abzuschreiben.

Der alte Bötticher zu Gera, ein vorgegebener Feuerprophet, ist gewiß ein alter abergläubiger Mann, dem es bisweilen im Kopfe spuken mag, und der vielleicht durch eine einzige, zufällig eingetroffene, Feuerprophezeihung durch das leichtgläubige Volk in den Prophetenrang erhoben worden ist. Jede Stadt hat dergleichen alberne Menschen aufzuweisen, die sich der Pöbel zu Gegenständen seines Erstaunens und seiner Bewunderung gewählt hat, und die nicht selten eine nicht geringe Gewalt auch über den vornehmen Pöbel zu behaupten pflegen.


Noch einige Belege zu dem Aufsatze: Ein unglücklicher Hang zum Theater. 4ter Band, 1tes Stück, S. 85. ff.

Dies ist die Aufschrift einer Sammlung an sich ziemlich unbedeutender Briefe, ob ihre Herausgabe gleich in B— viel Aufsehn gemacht zu haben scheint. Für die Psychologie haben sie freilich kei-[12]nen andern Werth, als daß sie den sonderbaren Uebergang einer verschrobenen Phantasie von Comedie zur Predigt, und von der Predigt zur Comedie anschaulich machen können; ein Uebergang, der sich bei einem jungen Mann, welcher von einer lebhaften Neigung zum Theater beherrscht wird, oder irgend einmal beherrscht wurde, sehr natürlich denken läßt, zumal wenn man dazu nimmt, daß es zwischen den Actionen des Schauspielers und so manches Geistlichen eine große Aehnlichkeit giebt. Uebrigens leuchtet aus den Briefen ein gutes ehrliches Herz hervor, das nur durch gewisse Umstände, durch eine Anlage zur Hypochondrie, und wahrscheinlich durch eine unglückliche Liebe, vielleicht auch durch eine verstimmte Neigung zur Thätigkeit und Eitelkeit, die Quelle überspannter Empfindungen und jener unseligen Liebe zum Theater wurde. In einer andern Lage, unter andern Umständen, würde der junge Mann, der Talente verräth, gewiß ein sehr brauchbarer Bürger des Staats geworden seyn.

Man wird übrigens wenig lebhafte Leute finden, welche nicht einmal eine Lust zum Theater in sich bemerkt haben sollten, und es ist von einigen unsrer besten Teutschen Köpfe bekannt, daß sie alle Gründe der Vernunft nöthig hatten, um sich nicht dem Theater zu widmen, wovon ich sonderbare Beispiele erzählen könnte. Die Sache ist ganz natürlich. Die [13]menschliche Seele läßt sich erstaunlich gern auf eine angenehme Art täuschen, und die Täuschung ist ihr unzählig oft mehr werth, als Realität. Die im Schauspiel vorgestellten, in einem kurzen Zeitraum zusammengedrängten, mit den lebhaftesten Farben geschilderten Auftritte des menschlichen Lebens reissen die Einbildungskraft mit sich fort. Der Wechsel der dadurch hervorgebrachten Empfindungen gewährt der Vorstellungskraft eine leichte Thätigkeit, spannt die Seele, erhebt das Gefühl für große Handlungen und Ideen, und bringt uns gemeiniglich dahin, daß wir gern Triebfedern in der Intrigue des Stücks seyn mögten. Der erwartete und nach wenigen Augenblicken entschiedene Ausgang des Stücks, worin sich alles auf eine geschickte Art concentrirt, worauf wir vorher aufmerksam gemacht wurden, verschafft unsern Gefühlen gemeiniglich eine völlige Genugthuung. Wir sehn die ganze Scene vor Augen, anstatt daß wir im gemeinen menschlichen Leben nicht immer die Rollen ausspielen sehn, und wenn dies geschieht, durch die Länge der Zeit die gehörige Aufmerksamkeit und Spannung der Seele verlieren. Durch alle jene Umstände wird nun so äusserst leicht die Liebe zum Theater in jungen lebhaften Gemüthern erzeugt, und oft bis zur höchsten Höhe gebracht, wenn sich eine zärtliche Neigung des Herzens mit in's Spiel mischt, was beim Verfasser obiger Briefe sehr wahrscheinlich der Fall seyn mogte.

[14]
Geständnisse über das Vermögen künftige (zufällige) Dinge vorherzusehen. 4ter Band, 1tes Stück, S. 110. ff.

Von einem Frauenzimmer eingeschickt. Ich habe mich über jenes vermeinte Vermögen, welches der Natur der menschlichen Seele, in so fern es sich auf bloß zufällige Dinge erstreckt, gradezu widerspricht, schon öfter erklärt. Freilich bleibt es immer auffallend, wenn eine gewisse Vorhersage (vielleicht im Scherz oder Zorn gesagt), hinterher zufälliger Weise, und wohl gar genau eintrift; allein dies beweist für jenes Vermögen nichts.


Auszug aus einem Briefe. Seite 113. ff. Speier etc. Dieser Brief rührt von einem jungen Gelehrten, Herrn Schlichting in Wien her, welcher mehrere sehr lehrreiche und interessante Aufsätze in dieses Magazin geliefert hat. Gegenwärtiger Brief ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Empfindungen, und ein Belag, wie frühzeitig schon das menschliche Herz einer gewissen religiösen Schwärmerei fähig sey, je nachdem die Seele mit dahin gehörigen Bildern frühzeitig angefüllt wurde. Herr Schlichting erzählt von seinem Bruder folgendes: »Mit dem eilften Jahre ging er (sein Bruder) mit einem Schulfreunde um, der desselben Temperaments war. — — Beide [15]lesen seit einiger Zeit her ausrufende Asceten und märchenvolle Lebensbeschreibungen der Heiligen. Unter andern zog die Lebensart und der heilige romantische Wandel der Waldbrüder ihre Aufmerksamkeit auf sich. Nichts lieber und ergötzender war ihnen, als ein Geschichtchen zu lesen, wie ein frommer Mensch sich entschloß, aus der Welt zu reisen; wie er sich ein ödes Plätzchen tief in der Wildniß unter den Wohnungen von Löwen, Bären, Tiegern, Schlangen, Wölfen und andern wilden Thieren auswählte; da sich aus vier Stangen ein Hüttchen baute, rohe wilde Kräuter zum Mittagsmahl speiste, den ganzen Tag zum Himmel erseufzte, und den Rücken blutig schlug, oder in Dornen zur Abkühlung des Fleisches sich wälzte. (Dieser hohe Grad mönchischer Schwärmerei war aber wohl bei jenen jungen Leuten noch nicht anzunehmen, da in diesen Jahren die Abneigung vor Schmerz noch so stark ist, und das eingebildetverdienstliche jener strengen Ausübungen der Seele des Kindes noch nicht einzuleuchten, wenigstens sie nicht zu gleichen Handlungen zu stimmen scheint. Die beiden jungen Schwärmer, davon Herr Schlichting erzählt, mogten andre Gründe, die Schilderungen des glücklichen ungebundenen Lebens des Einsiedlers; die Freiheit vom Joch elterlicher Erziehung; die Bilder des Abentheuerlichen, welches so leicht die Seele mit sich fort reißt, vielleicht auch ein gefühlvolles Herz für die Schönheiten der Natur, und [16]andre Local- und Gemüthsumstände der jungen Leute zu dem Entschluß, Einsiedler zu werden, bewegen.)

Sie fingen an, an einem einsamen Ort eine Stube auszuzieren; bald hing sie voll Bilder erdichteter Scenen und Personen. — — Endlich wurden die Bilder der Phantasie (vornehmlich durch ascetische Schriften des Jesuiten V—) in ihrer Seele so lebhaft, stark und dringend, daß sie sich nun schon aller ihrer übrigen Vorstellungen bemächtigte, und in dieser siegenden Darstellung nur nach ihrer Realität, sich nur nach wirklicher Befriedigung sehnten. — Sie entschlossen sich, dem Beispiel ihrer Heiligen zu folgen, packten Kleider und Wäsche ein, und Bücher, die von ihrer künftigen Lebensart handeln. Zur Nahrung wollten sie nichts bei sich haben, da ihnen die nächste beste Wurzel Speise war. — Sie bestimmten endlich die Zeit ihrer Pilgrimmsreise, und zwar die Nacht. Sie werden entdeckt, und die Eltern hindern natürlicher Weise den schwärmerischen Plan.« —

Je mehr Schwärmer man bei einer Religionssecte antrift, je schwärmerischer, die Einbildung nährender, sinnlicher und bildlicher pflegt dann auch das System ihrer Lehren zu seyn; ob gleich auch dies nicht allemal der Fall ist. Eine einzige sehr stark und lebhaft gedachte Idee ist fähig, ein lebhaftes, oder auch schwermüthiges Gemüth bis zu [17]einem erstaunlichen Grade von Fanatism hinaufzuspannen, und es darin zu erhalten, so lange nicht jene Idee verwischt wird, oder sich unter einer Menge ganz neuer anziehender Vorstellungen so verliert, daß die Seele nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit auf sie richten kann. Doch gewöhnlich kommen mehrere Hauptvorstellungen, und also auch mehrere Leidenschaften zusammen, die den Schwärmer bilden, und ihn zu jeder Seelenkur unfähig machen, sobald er sich in seiner Gemüthslage glücklich fühlt, und je größer er sich in einer Art von Weltverachtung vorkommt; — denn eine versteckte Eitelkeit liegt doch gemeiniglich zum Grunde, die sich nicht selten bis auf gewisse glänzende Vorzüge des Schwärmers in einer andern Welt beziehen; nicht zu gedenken, daß sehr viele Enthusiasten, Fanatiker, fromme Brüder, und wie sie alle heissen mögen, sich deswegen aus der Welt zurückzogen, weil sie in derselben verkannt wurden, und darinn nicht glänzen konnten. Ueberdem hat der stille Umgang mit Gott und himmlischen Wesen, das Gefühl einer innern Erbauung, das Lesen ascetischer Schriften, das Bekämpfen äußerer Versuchungen, etwas erstaunlich Hinreissendes für den menschlichen Geist, sobald er sich von den Geschäften des geselligen Lebens abgesondert, und sich ganz in sich selbst hineingesenkt hat, und es hat Menschen genug gegeben, die bei aller Aufgeklärtheit des Geistes endlich, freilich wohl sehr oft durch einen gewissen äussern Umstand zur [18]Schwärmerei übergingen, weil alles Forschen und Denken, weil Wissenschaften und gelehrte Kenntnisse ihnen jenes behagliche Gefühl des in sich selbst versunkenen Gemüths nicht verschaffen konnten. Die Schwächen des Alters und der Nerven, die beunruhigenden Zweifel über Religionswahrheiten, die so häufig mit wahrem ernstlichen Forschen nach Wahrheit verbunden sind, die Sehnsucht des Herzens nach einer innern Ruhe bei so vielen Ungewißheiten der Religionssysteme, und vornehmlich der heisse Wunsch, ein in der Jugend geführtes zügelloses Leben gleichsam wieder gut zu machen, sind sehr geschickt, die Neigung zur Schwärmerei anzufachen und zu unterhalten, und es ist nicht leicht ein Mensch vor ihren Anfällen sicher, wenn er sich nicht immer in dem Gefühl von dem hohen Werthe einer gesunden Vernunft zu erhalten weiß.


Seite 120. steht ein Brief, nebst einer Einlage von Gesichten und Erscheinungen, die Herr Pfarrer Müller in Augspurg eingeschickt hat. Da ich mich hierüber im ersten Stück des gegenwärtigen sechsten Bandes der Erfahrungsseelenkunde weitläuftig erklärt habe; so brauche ich's nicht hier zu thun.

C. F. Pockels.

(Die Fortsetzung folgt.)

[19]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

Aehnlicher Fall zu der im zweiten Stück des fünften Bandes erzählten sonderbaren Ohnmacht.

Köppen, Johann Heinrich Just

Ein verheirathetes, älteres, nervenschwaches Frauenzimmer unsrer Stadt, lag am Faulfieber krank. Da die Krankheit am heftigsten war, verlor sie Nachts um zwölf Uhr die Empfindung. Der Arzt fand, als er kam, sie völlig empfindungslos, nur daß die Pulsadern noch immer, wie am Abend, schlugen, und die Augen nicht ganz geschlossen waren. Alle Reizungsmittel, selbst heftiges Bürsten unter den Fußsohlen, vermogten keine Bewegung hervorzubringen. Die Umstehenden, welche wider die Versicherung des Arztes glaubten, daß sie nicht wieder erwachen würde, liessen ihr die letzte Oelung geben. Gegen vier Uhr erwachte sie. Sie hatte alles, was mit ihr vorgenommen worden war, deutlich empfunden; was in ziemlicher Entfernung vom Bette, und nicht laut war ge- [20] sprochen worden, hatte sie genau gehört. Aber durch alle Anstrengung hatte sie es nicht dahin bringen können, durch Sprache, oder Mienen oder Bewegungen ihre Empfindungen auszudrücken.

Mein Gewährsmann ist unser würdiger Arzt Herr Doktor Brandis.

Hildesheim,
den 6ten Nov. 1787.

Köppen.

2.

Aus den Papieren eines Hypochondristen.

Anonym

Den 14ten November überfiel mich schnell die Idee, daß man mich ermorden wolle; ob ich gleich nicht den mindesten hinreichenden Grund zu diesem Glauben hatte, und ich überzeugt war, daß kein Mensch so feindselige Gesinnungen gegen mich hege. Leute, die mir heute mit Stricken in der Hand begegneten, hielt ich für abgeschickte Mörder. Ein Bauer kam hinter mir her ausser der Stadt. Ich blieb ängstlich stehen, und redete ihn, um ihn zu [21]intimidiren, wenn er etwa einen Anschlag auf mein Leben gemacht haben sollte, mit einem heftigen Ton an: wie das vor uns liegende Städtchen hiesse? Der Mann beantwortete meine Frage, ging vorüber, und ich empfand eine herzliche Freude, daß der Mann mir nicht mehr hinterm Rücken war. Ich hatte kurz vorher einen hohen Berg erstiegen, dadurch war wahrscheinlich mein Blut in eine heftige Bewegung gekommen, und die Bilder einer schwarzen Phantasie drängten sich dadurch um so viel stärker hervor. Heute Abend fand ich eine Neige Wasser in meinem Trinkglase stehen, ich vermuthete, daß Gift darin sey, und spülte das Glas erst sorgfältig aus, ob ich gleich wußte, daß ich die Neige Wasser selbst darin hatte stehn lassen.

Den 18ten Nov. Die Würkungen der ehlichen Umarmung auf meine Gemüthsstimmung werden immer gefährlicher, beschwerlicher und sonderbarer. O hätte ich das Ehebette nie bestiegen, hätte ich sonderlich in frühern Jahren die Ausbrüche meiner sinnlichen Einbildungskraft zu verhindern gesucht: so würde ich vielleicht der gesundeste Mann von der Welt seyn, anstatt, daß ich jetzt täglich meinem Tode entgegen sehe! Die Sinnlichkeit überrascht mich auch jetzt noch, wenn ich gleich nicht will, wenn ich mit Gründen der Vernunft dagegen kämpfe. Gemeiniglich fühle ich mich einige Stunden nach einer ehlichen Liebespflicht nicht grade ermattet, und [22]schwach zum Denken, sondern sehr heiter und aufgelegt, wissenschaftliche Untersuchungen anzufangen, auch bemerke ich dann einen heftigern als gewöhnlichen Kitzel zu launigen und witzigen Einfällen in mir; — aber der Zustand dauert nicht lange. Ich muß hinterher jeden Augenblick einer genossenen ehlichen Zärtlichkeit mit tagelangen Beängstigungen meiner Seele büßen. In diesem Zustande bin ich schrecklich mürrisch, glaube, die Menschen wollen mich ermorden, fürchte, bei allem guten Gewissen, das ich habe, von meinem Amte abgesetzt zu werden, und Hungers zu sterben, und fürchterliche Zweifel über die Zukunft und deren Ungewißheit verfolgen mich gleich Furien. Die Menschen, die ich sonst so sehr liebe, deren Umgang eines meiner ersten Bedürfnisse ist, werden mir unausstehlich, oft meinen herzlichsten Freunden geh ich aus dem Wege, und mein liebes Weib erscheint mir viel schlimmer, als es in der That ist. Was mir das für Mühe kostet, in Gesellschaften meinen Menschenabscheu zu verbergen, und meine üble Laune nicht in Grobheiten, oft gegen den Unschuldigsten, ausarten zu lassen, kann ich keinem beschreiben. Bricht sie wirklich aus: so schone ich keines Menschen, ich bereue es hinterher; aber ich bin viel zu stolz, als meine Fehler den Beleidigten abzubitten. Auch sehr scharf und fein ist in jenem Zustande nach einer ehlichen Umarmung mein physiognomisches Gefühl. Ich entdecke im Gesicht andrer, Züge des Herzens, die mir sonst [23]entwischten; — oder glaube, sie zu entdecken. Ein leiser Strich von Malice scheint mir auf jeder Stirn zu stehn. Jede Veränderung auf dem Gesicht des andern, sie sey so klein, als sie will, setzt mich in heftige Bewegungen. Ich fühle mich oft so aufgebracht, einem dummen Gesicht oder einem heimtükischen, das mir wenigstens so scheint, — Ohrfeigen zu geben. Die Ueberwindung, es nicht zu thun, kostet mir die größte Mühe. — — —

Den 20ten Nov. Ein satyrisches Gesicht eines Knaben machte mir heute viel Unruhe. Ich war über den Jungen so aufgebracht, ob er mir gleich nichts zu Leide gethan hatte, daß ich hingehn und ihm sagen wollte, daß er noch am Galgen sterben würde.

Den 23ten Nov. Der Grad der Sensibilité ist oft ganz erstaunlich bei mir, und meine beßten Freunde werden mir nicht selten unausstehlich. Gegen die zuvorkommendsten Beweise ihrer Liebe bin ich oft geflissentlich kalt, und erwiedre sie mit bittern Ausdrücken oder Grobheiten. Es schmerzt mich sehr, daß ich auf diese Art so manchen edeln Menschen von mir zurückgestoßen habe, und daß ich ihn jetzt nicht deswegen um Verzeihung bitten kann. Ich kann es mir selten erklären, woher jene Empfindlichkeit augenblicklich entsteht. Am öftersten scheint sie eine Folge von Mißtrauen gegen meine Nebenmenschen zu seyn, oder auch eine Einbildung, [24] daß meine Eitelkeit beleidigt worden sey. Wenn zwei Menschen sich in der Gesellschaft in's Ohr zischeln, werd ich bange, verliere die Gegenwart meines Geistes, weil ich glaube, daß man über mich übel spricht, — und ich gebe mir oft das Ansehn eines Satyrikers, um meine Nachbarn in Gesellschaft in Furcht zu setzen. Aengstlichkeit, unbeschreibliche Aengstlichkeit überfällt mich, wenn ein andrer in mein Spiel sieht, oder sich neben mich stellt, wenn ich das Clavier spiele.

Den 28ten Dec. Mein Freund gab mir heute eine Art Liquor, um meine Magenschmerzen zu tilgen, die so oft der Grund meiner fürchterlichen Launen sind; auf einmal erwachte in mir das unglückliche Mißtrauen, daß der Liquor Gift gewesen seyn könne, und zwar ein langsam verzehrendes Gift, gleich dem aqua tofana. a

Erläuterungen:

a: Ein starkes Gift.

[25]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Ueber den Zustand der Seele nach dem Tode.

Buhle, Johann Gottlieb Gerhard

Ein Gespräch.

Damas.

Was meinen Sie, womit ich mich gestern Abend beschäftigte, als ich vom Balle nach Hause gekommen war?

Theokles.

Das wollt ich wohl errathen. Sie machten eine Elegie. Nicht so?

Damas.

Ach nein! Der Ball war gestern für mich noch erbaulich genug. Aber ich war sehr mißvergnügt, und darum ging ich so früh wieder weg. Indessen auf meiner Stube wurde ich erst vollends melancholisch. Endlich schlug ich eine Schrift von Herder [26]auf, die zufällig auf meinem Tische lag, und stieß grade auf die Zeile: Alles in der Natur ruft uns zu: es muß nur einmal gelebt seyn! Wohl wahr, dacht' ich, und las nicht weiter; wenn es nach dem Tode nicht besser seyn wird, wie es jetzt im Leben ist: so lohnt es wahrlich der Mühe nicht, noch auf einen neuen Beweis — —

Theokles.

Für die Unsterblichkeit der Seele zu sinnen, wollen Sie sagen. Der Schluß mag richtig seyn, aber der Vordersatz? —

Damas.

Lassen Sie mich doch erst ausreden. Eben der Vordersatz wollte mir nicht ein. Kaum hatt' ich den Schluß gemacht, so fing ich auch schon an, nachzudenken, ob's denn wohl wirklich nach dem Tode nicht besser seyn mögte, wie es hier im Leben ist, gesetzt, daß die Unsterblichkeit der Seele bewiesen wäre? Und darüber ging mir noch der Abend angenehmer hin, wie ich anfangs glaubte.

Theokles.

Also haben Sie philosophirt. Nun, da bin ich neugierig. Was brachten Sie denn durch Ihre Speculation heraus?

[27]

Damas.

Nichts, gar nichts. Meine Phantasie schuf mir natürlicherweise manche Träume, aber meine Vernunft wußte sie zu würdigen. Das Resultat war, daß ich die Richtigkeit jener Lebensregel: Geniesse, soviel du kannst, und leide, soviel du mußt, mehr als jemals fühlte.

Theokles.

Was zählen Sie denn alles zu den Träumen der Phantasie? Nennen Sie alles so, was der Mensch, ohne die Lehren der Religion zu Hülfe zu nehmen, von dem Zustande nach dem Tode sich denkt und sich denken kann?

Damas.

Nicht anders. Denn alle die Ideen, welche wir uns von der Art der Existenz, und von den Freuden und Leiden machen, die uns nach dem Tode bevorstehn, sind aus Materialien zusammengesetzt, die wir hier im Leben einsammeln. Unsre Hoffnungen gründen sich allein auf unsre Erfahrungen; jene können sich also auch nur in dem Lande ihre Erfüllung mit Wahrscheinlichkeit versprechen, wo diese statt finden. Betrachten Sie selbst nur einmal die mannichfaltigen Vorstellungen, die jeder, in gesunden Tagen, sich von dem Seyn nach dem Tode macht. Wie ähnlich sind diese oft den sonderbarsten [28]Träumen! Ein jeder idealisirt sich jenseit des Grabes die gute Seite seines gegenwärtigen Verhältnisses, und den gewöhnlichen Menschen mag das vergnügen, auch wohl beruhigen; aber der aufgeklärte Mann lächelt über die Seifenblase, die das Kind bewundert, weil es sie für etwas mehr als Seifenblase hält. Für ihn hat die Beschaffenheit seines gegenwärtigen Daseyns um soviel größern Werth, da er die Unsicherheit der Bürgschaft einsieht, welche die Vernunft ihm für die Fortdauer desselben, auch nur so, wie es hier ist, zu leisten vermag.

Theokles.

Darin haben Sie Recht, mein lieber Freund: jeder denkt sich die Zukunft jenseit des Grabes auf seine Weise. Die Volksvorstellungen davon richten sich immer nach dem Grade der Cultur, auf dem das Volk steht, und sind dem gemäß gröber oder feiner. Auch die Ideen, welche einzelne Menschen unter gebildeten Nationen darüber haben, verändern und modificiren sich gar sehr nach dem Charakter und der individuellen Lage derselben. Allein demungeachtet sollt ich glauben, daß nicht alle Ideen, welche wir uns von dem Zustande nach dem Tode machen können, bloße Träume wären; wenigstens eine Idee, die hohe Wahrscheinlichkeit hat, ist für mich kein Traum der Phantasie mehr.

[29]

Damas.

Nun, was sind denn das für Ideen vom künftigen Zustande, die Ihnen so wahrscheinlich dünken?

Theokles.

Das will ich Ihnen sagen; es ist nur eine einzige. Es scheint mir nämlich eine unumstößliche Wahrheit zu seyn, daß der Zustand des Menschen nach dem Tode, wenn einmal einer angenommen wird, mit dem, worin der Mensch im Leben war, eine gewisse allgemeine Aehnlichkeit haben werde. Entweder wir müssen eine völlige Umwandlung unsers ganzen Wesens nach dem Tode statt finden lassen; oder, wenn es das bleibt, was es ist, so muß auch Fortgang derselben Kraftäußerungen seyn, die wir hier an ihm beobachten. Das erste kann man nicht behaupten; es hiesse von der Gottheit voraussetzen, sie habe nicht die leichtesten und einfachsten Mittel zur Erreichung ihrer Absicht mit uns gewählt, oder sie habe bei der Schöpfung unweise gehandelt. Denn ich kann doch schlechterdings keinen Zweck ergründen, warum uns das höchste Wesen beim Anbeginne der Schöpfung grade so werden ließ, wie wir gegenwärtig sind, um, nach Vollendung der irdischen Laufbahn, unsre Substanz in ihrem Wesen zu vernichten, und in eine neue mit einem andern Wesen umzuschaffen, die erst für den Genuß des künftigen Zustandes empfänglich wäre; statt daß es [30]uns gleich ursprünglich so hätte bilden können, daß wir fähig gewesen wären, ohne vorhergehende totale Verwandlung in diesen künftigen Zustand überzugehn. Also ist nur das andre übrig. Das Grundwesen des Menschen bleibt nach dem Tode, wie es im Leben war; folglich bleibt ihm auch dieselbe Kraft und dieselbe Anwendung davon, und demnach muß der künftige Zustand des Menschen im Allgemeinen ähnlich dem Gegenwärtigen seyn.

Damas.

Wie denken Sie sich aber das Grundwesen des Menschen, das nach dem Tode übrig bleiben wird? Materiell oder geistig?

Theokles.

Ich denke es mir so, wie ich es mir als Mensch denken kann, also materiell und geistig zugleich. Geistig, insofern es Kraft ist, und materiell, insofern keine Kraft ohne ein Subjekt seyn kann, worin sie sich befindet, und wodurch sie erst fähig wird, ihre Würkungen, das heißt, ihr Daseyn für die menschliche Erkenntniß zu erweisen.

Damas.

Das begreif ich nicht. Wie kann das Materielle des Menschen unsterblich seyn? Wenn sich je Unsterblichkeit beweisen läßt, so kann sie von einem bloß geistigen Wesen im Menschen bewiesen werden. [31]Wir sehn ja vor Augen, was mit der Materie nach dem Tode vorgeht; sie wird in ihre Bestandtheile aufgelöst, und in tausend andre Formen zerstreut.

Theokles.

Sagen Sie mir, lieber Freund, was nennen Sie Geist?

Damas.

Das weiß ich nicht. Ein Etwas, das nicht Materie ist.

Theokles.

Damit bin ich eben so klug. Wenn also Materie die Positive wäre, so würde Geist die Negative seyn. Ich für mein Theil kenne nichts im Weltalle, als Materie, kann mir wenigstens nichts anders denken. Wenn es möglich wäre, alle Materie aus meiner Vorstellung zu verbannen, und mich selbst über die Schranken meiner Erkenntnißform, über Raum und Zeit, zu erheben, so würde Nichts übrig bleiben, und dieses Nichts wäre dann nach Ihrer Erklärung Geist.

Damas.

Aber es ist doch nichts ungereimtes, sich ausser der Materie noch Etwas zu denken, das nicht Materie ist, so wie ich mir außer einem absoluten Ganzen noch ein von diesem verschiedenes Ganze, und [32]noch eins, und so in einer unendlichen Progression fort, denken kann. Gesetzt also, der Mensch hat keine sinnliche Anschauung des Geistigen, so folgt doch daraus die Nichtexistenz desselben noch nicht. Ueberdies, wenn Sie nichts als Materie anerkennen wollen, so müssen Sie auch die Gottheit zu einem materiellen Wesen machen, und dann wird ein Spinozist aus Ihnen.

Theokles.

Erlauben Sie, so weit sind wir noch nicht. Sie nennen Geist ein Etwas, das nicht Materie ist. Gut. Räumen Sie denn diesem Etwas die Existenz ein, nicht bloß die in der Vorstellung, sondern auch in der Wirklichkeit?

Damas.

Allerdings. Ein Etwas, das nicht in der Wirklichkeit existirte, würde mir hier nicht helfen.

Theokles.

Also wäre dieses wirkliche Etwas doch eine Substanz?

Damas.

Ja, insofern es existirt.

[33]

Theokles.

Kann aber eine Substanz existiren, ohne einen Punkt im Raume einzunehmen, und einen Moment der Zeit auszufüllen?

Damas.

Nach menschlicher Erkenntnißart ist dies unmöglich.

Theokles.

Und als Menschen müssen wir doch nach menschlicher Erkenntnißart urtheilen.

Damas.

Allerdings.

Theokles.

Folglich, wenn der Geist eine Substanz seyn soll, so muß er auch, als Substanz, einen Punkt im leeren Raume ausfüllen, und ein Moment der Zeit einnehmen. Was aber kann dieses? Nichts anders, als das Materielle, und Sie müssen also Ihren Geist entweder materiell machen, und das wäre, nach Ihrer Erklärung desselben, ein Widerspruch, oder Sie müssen ihm das Prädicat der Substanz, und mithin sogleich die Existenz in der Wirklichkeit absprechen.

[34]

Damas.

Sie haben mich da freilich in ein Labyrinth geführt, woraus ich mich nicht finden kann. Die Existenz eines immateriellen Wesens kann ich mir als Mensch nicht anschaulich denken; aber auf der andern Seite, wenn ein Geist und seine Existenz nicht gedenkbar seyn soll, was fangen wir dann mit unserm Begriffe von der Gottheit an? Ist denn diese auch ein materielles Wesen? Ich mögte doch nicht gern Spinozist werden, weil ich mich vor dem Namen fürchte.

Theokles.

Wer wollte sich vor Namen fürchten? Wenn ich darum von der Wahrheit des Spinozismus überzeugt wäre, würde es mir sehr gleichgültig seyn, was die Welt von mir sagte: Plauderem mihi ipse domi. Aber auch ich bin kein Spinozist, und Sie sollen es noch weniger durch mich werden. Lassen Sie uns einmal die Sache von einer andern Seite ansehn. Wofür halten Sie die Ursache im Menschen, welche die Phänomene des Denkens und Handelns in ihm bewürkt? Halten Sie diese für ein leidendes oder thätiges Wesen?

Damas.

Natürlich für ein thätiges.

[35]

Theokles.

Was setzt Thätigkeit voraus?

Damas.

Eine Kraft.

Theokles.

Was ist Kraft?

Damas.

Ein selbständiges Prinzipium der Bewegung, dessen Daseyn wir da annehmen, wo wir eine Folge von Veränderungen, entweder in der physischen oder intellectuellen Welt, beobachten.

Theokles.

Damit haben Sie mir bloß erklärt, wie wir auf eine Kraft schliessen, aber nicht, was Kraft sey.

Damas.

Ich kann Ihnen nichts weiter erklären; das Wesen der Kraft kennt ja kein Mensch.

Theokles.

Also nur, weil wir Würkungen, Bewegungen finden, schliessen wir auf ein Prinzipium, das sie verursache. Die Natur dieses Prinzipiums selbst aber ist uns verborgen. Nun sagen Sie mir, was [36]finden Sie bei dem Menschen für Aeusserungen, die auf eine selbstständige Kraft in ihm schliessen lassen.

Damas.

Zuvörderst die unwillkührlichen Lebensverrichtungen, das Schlagen des Herzens, das Verdauen der genossenen Speisen, kurz alles, was zum thierischen Leben gehört, läßt mich auf eine besondre Kraft schliessen, auf ein Lebensprinzipium, das in dem Mechanismus des Körpers, und in dem ätherischen Hauche, der diesen Mechanismus bei seiner Erzeugung in Würksamkeit setzte, gegründet ist. Wiederum verrathen das Erkennen, das Verfolgen des Erkannten bis zu höhern Bedingungen, und die Aeusserungen des Willens, die von der Erkenntniß des Verstandes abhängen, eine besondre Kraft, die wir Denkkraft nennen. Unter beiden ist diejenige die edelste, welche die herrschende ist, und die andre zu ihren Bestrebungen gebraucht, also die Denkkraft.

Theokles.

Von welcher Kraft wissen wir gewiß, daß sie einmal aufhört zu würken?

Damas.

Von der Lebenskraft. Sie hört auf zu würken, sobald der Mechanismus des Körpers zerstört ist.

[37]

Theokles.

Wissen wir es aber auch von der Denkkraft?

Damas.

Das Räthsel vermag ich nicht zu lösen.

Theokles.

Es läßt sich vielleicht vermuthen, daß sie einmal zu würken aufhören werde, doch nicht gewiß behaupten; denn die Denkkraft und Lebenskraft würken, so lange sie in einer Substanz verbunden sind, mit einander und durch einander; aber jede von ihnen würkt doch auch in derselben Substanz gewissermaßen für sich, und unabhängig.

Damas.

Allein, wenn die Lebenskraft ganz aufhört zu würken, sollte damit nicht auch das Ende der Aeusserungen der Denkkraft verknüpft seyn?

Theokles.

Für unsre Beobachtung wohl, allein ob absolut? ist eine andre Frage. Eben weil der lebende Körper das Organ der Denkkraft ist, wodurch sie ihre Würkungen erweist, scheint es uns, daß, wenn der Körper stirbt, auch die Denkkraft aufhöre, die wir nur aus ihren Würkungen durch den Körper, so lange diese, vermöge des in ihm seyenden Lebens-[38]prinzipiums, für die Denkkraft, als äusseres Werkzeug, brauchbar war, erkannten. Aber der Künstler kann fortexistiren, wenn auch seine Instrumente vernichtet sind; und so, sollt ich meinen, wäre es auch mit der Denkkraft, gesetzt, daß ihr Organ, der Körper, zerstört würde.

Damas.

Nun, wir wollen die Fortdauer dieser Denkkraft nach dem Tode einmal annehmen; worein würden Sie denn ihr Wesen setzen?

Theokles.

Das weiß ich nicht. Sie sagten ja selbst, das Wesen einer Kraft kenne kein Mensch. Besser, wir nennen dasselbe ein unbekanntes Etwas, als wir nennen es Geist, das nur ein Titel ohne Gehalt ist. Und so würde ich es auch mit dem Begriffe von der Gottheit machen. Die Gottheit ist die Kraft aller Kräfte, und das unermeßliche Weltall ist ihr Organ, wodurch sie in die Unendlichkeit hin ihre Würkungen erstreckt; denn nur aus den Würkungen erkennen wir eine Urkraft oder eine Gottheit, und denken Sie sich einmal den Gedanken recht lebhaft; Sie werden eben so ehrfurchtsvoll niederfallen und anbeten, als sonst.

[39]

Damas.

Also nach dem Tode bliebe nur die Denkkraft des Menschen übrig, das heißt, die Kraft zu erkennen, das Erkannte zu gebrauchen, und nach der Erkenntniß zu wollen; die Natur dieser Kraft aber ist unerforschlich.—

Theokles.

Eben, weil sie unerforschlich ist, nannte ich sie vorher geistig. Ich dachte nicht, daß Sie einen andern Begriff mit dem Worte geistig verbänden, und bediente mich des Worts nur, weil ich kein anders zur Bezeichnung der Denkkraft, als Kraft, wußte; denn eigentlich giebt's gar keines dafür.

Damas.

Aber ich erinnere mich, Sie behaupteten auch, daß das Grundwesen des Menschen, welches nach dem Tode übrig bliebe, nicht bloß geistig, sondern zugleich materiell sey?

Theokles.

Das hab' ich freilich behauptet; allein ich gab Ihnen dabei den Grund an, warum? Keine Kraft kann ohne ein materielles Subjekt seyn, wenn sie fähig werden will, für unsre Erkenntniß ihre Würkungen zu erweisen. Denken Sie sich das Subject weg, und so mag die Kraft für sich übrig bleiben, [40]aber nach den Schranken unsers Verstandes ist sie alsdann nicht mehr gedenkbar. Wollen wir uns also innerhalb dieser Schranken halten, wie wir, als Menschen, wohl thun müssen, so müssen wir auch der nach dem Tode übrig bleibenden Denkkraft des Menschen ein materielles Organ einräumen.

Damas.

Aber die körperliche Maschine verliert ja durch den Tod nichts von ihren Theilen. Der Abgang des materiellen Theils, der zum Grundwesen gehört, und sich durch den Tod mit diesem von dem Körper trennt, müßte doch bemerklich seyn, wenn gleich unmittelbar nach dem Tode das Gehirn zergliedert wird. Demungeachtet hat noch kein Anatom, soviel ich weiß, diesen Abgang entdeckt.

Theokles.

Ganz richtig! Noch kein Anatom, so wie noch kein Mensch, hat auch je die feinste und subtilste Materie, die sich denken läßt, erkannt. Das Subject der Denkkraft kann materiell seyn, und dennoch unsinnlich, das heißt, unerkennbar für einen menschlichen Sinn. Und so nehmen ja die größten Physiologen ausser den sichtbaren Theilen des Gehirns noch eine feine Materie an, die sie bald Lebensgeist, bald Aether nennen, und die man in dem todten Körper nicht mehr suchen müsse. Den Ursprung der Ideen, deren die Seele sich bewußt wird, erklären [41]sie aus den Schwingungen oder dem Drucke, der durch die Einwürkung der äussern Gegenstände in diesem ätherischen unsichtbaren Theile des Gehirns entstehe. Sie legen nämlich diesem ätherischen Theile eben die Elasticität bei, wie der Materie des Lichts. Wenn man sich nun diese ätherische Materie in ihrer möglichen und höchsten Feinheit denkt, so wird es wenigstens nicht mehr so unbegreiflich, wie sie im Moment des Todes aus dem Körper entfliehn könne. Ihr Einwurf also scheint mir die Behauptung noch nicht umzustossen, daß, wenn die Seele nach dem Tode existirt, und zwar als eine Kraft, wir ihr auch ein Subject beilegen müssen, weil wir uns sonst keinen Begriff von ihrer Existenz zu machen im Stande sind.

Damas.

Ich will es zugeben; aber wo, lieber Freund, an welchem Orte sollen nun die Millionen von denkenden Subjecten existiren, die vor uns ihre körperliche Hüllen verlassen haben, und sie in den Jahrtausenden der Nachwelt noch verlassen werden? Sie wissen, daß man ihnen bald die Luft, bald irgend einen Planeten oder Fixstern zum Wohnplatze angewiesen hat. Ein neuerer Schriftsteller hat sogar eine Wanderung der geistigen Wesen in Rücksicht auf den Ort angenommen, und glaubt, wir Menschen mögten wohl schon im Monde existirt haben, würden in der Folge in einen der Sonne nähern Pla-[42]neten, und endlich in die Sonne selbst versetzt werden; natürlich denn weiter aus einem Sonnensysteme in's andre, damit es in den Ewigkeiten nicht an Reisestationen fehle. Diese Ideen haben mir einmal viel Vergnügen gemacht, und der Dichter kann sie vortreflich brauchen, aber sie gehören zu den Seifenblasen, wovon ich vorher sagte. Das einzige, was sich noch von dem Orte des künftigen Aufenthalts der Seelen mit Wahrscheinlichkeit sagen läßt, ist wohl, daß sie im Raume existiren werden. Allein auch hier tritt eine große Schwierigkeit ein. Der Raum ist unendlich, das heißt, ich kann ihn in meiner Vorstellung nach allen Richtungen ausdehnen, und komme nie an die Gränze. Aus der Unendlichkeit des Raumes folgt Unendlichkeit der Materie; denn einen leeren Raum giebt es an und für sich nicht; da Raum überhaupt an und für sich nichts, sondern bloße Bedingung der sinnlichen Erkenntniß ist. Wenn also die Materie unendlich seyn muß, so weiß ich nicht, wo die Seelen nach dem Tode, besonders bei den Eigenschaften, die Sie ihnen zuschreiben, Platz finden werden. Eine jede muß doch einen Theil des Raumes einnehmen, sey dieser Theil nun auch so klein er wolle, und doch giebt es keinen Theil des Raumes, der nicht schon Materie enthielte, also nicht schon für die Aufnahme eines neuen Subjects verschlossen wäre. Da kommt der besser weg, der Unsterblichkeit der Seele überhaupt leugnet. Alsdann erscheint das ganze Uni-[43]versum, wie ein ewiger Kreislauf von Veränderungen, wo aus demselben Stoffe unaufhörlich neue Gestalten und Formen entstehn, die sich nach einiger Zeit in denselben Stoff wieder auflösen.

Theokles.

Fürchten Sie nichts. Wenn ich nur die Unsterblichkeit der Seele mit mathematischer Strenge beweisen könnte; um den Ort ihres künftigen Aufenthalts würd' ich mir weiter keine Sorge machen. Wir können uns freilich denselben nicht anders, als im Raume, denken, aber warum können wir das nicht anders?

Damas.

Weil uns die Sinne keine andre Vorstellung von der Existenz einer Substanz möglich machen.

Theokles.

Also sind doch die Sinne nur allein an der Beschränkung dieser Vorstellung schuld?

Damas.

Ich glaub' es.

Theokles.

Wie nun? wenn die Sinne aufhören, die Werkzeuge zu seyn, wodurch die Seele allein Vorstellungen erhalten kann; wenn der Körper stirbt, [44]und die Denkkraft ihn verläßt, und für sich absolute existirt; sollte sie denn nicht eine andre Art von Existenz sich noch vorstellen können, als die im Raume?

Damas.

Es kömmt darauf an, ob die Seele, wenn sie vom Körper getrennt ist, überhaupt noch neue Vorstellungen bekommen kann, außer denen, die sie schon hat?

Theokles.

Warum nicht? Kann sie Vorstellungen bekommen durch das Medium des Körpers; wie viel mehr muß sie dieselben bekommen, wenn dieses Medium nicht mehr zwischen ihr und den Gegenständen ist, die sie sich vorstellt? In jenem Falle erhielt sie dieselben mittelbar; in diesem unmittelbar; in jenem sind die Vorstellungen beschränkt, in diesem unbeschränkt. Und vielleicht gehörte die Idee, daß Existenz nur im Raume möglich sey, zu den beschränkten. Ganz anders wird diese Idee werden, wenn die Vorstellung des Universums von der Seele unmittelbar empfangen, nicht erst, vermöge der Sinne, gebildet wird.

Damas.

Sie nehmen also an, daß nach dem Tode, wenn die Denkkraft nicht mehr durch die Sinne eingeschlossen wird, sie von dem Universum eine unbeschränkte [45]Idee erhalten werde? — Gern würd' ich Ihnen das zugeben, wenn ich dann nur noch einen Unterschied zwischen der menschlichen Seele und der Gottheit aufzufinden wüßte. Bloß diese hat, menschlich zu reden, eine unbeschränkte Idee vom Universum; nach Ihrer Meinung aber soll die Seele nach dem Tode sie auch haben; sie wäre also in Ansehung dieses Prädicats der Gottheit nicht nur ähnlich, was man allenfalls gestatten könnte, sondern sogar mathematisch gleich.

Theokles.

Sie haben mich nicht recht verstanden, lieber Freund. Es war nicht die Rede davon, daß die Seele eine unbeschränkte Idee des Universum im eigentlichsten Sinne, so wie sie der Gottheit zukömmt, haben werde, sondern nur, daß ihre Idee davon nicht mehr die Schranken haben würde, welche sie hat, so lange die Seele dieselbe durch die Sinne erhält. Ich behauptete, daß die Seele nach dem Tode, wo sie die Fesseln des Körpers abwirft, sich eine andre Existenz, als bloß im Raume, denken könne, und Sie zweifelten, ob die Seele überhaupt ohne Sinne neue Vorstellungen empfangen dürfte. Diesen Zweifel wollt' ich nur aus dem Wege räumen.

Damas.

Nun erst begreif ich Sie. Sie meinen nämlich:

[46]

1) Wir Menschen können uns, als Menschen, die Existenz der Seele nicht anders, als im Raume, vorstellen.

2) Im Raume aber kann die Seele nicht seyn, weil die Materie schon unendlich ist, und es gar keinen leeren Raum giebt, der nicht ausgefüllt werden könnte.

3) Gleichwohl fließt hieraus noch nicht, daß die Seele darum überhaupt nicht existiren könne. Denn, daß wir uns Existenz nicht anders, als im Raume, vorzustellen vermögen, daran sind unsre Sinne schuld. Wenn die Seele dereinst von diesen nicht mehr gehindert werden wird, kann sie sich eine andre Art der Existenz, als im Raume, vorstellen, und folglich kann sie doch seyn.

Theokles.

Jetzt fassen Sie das Resultat zusammen. Daß die Seele nach dem Tode existiren werde, haben wir vorausgesetzt, wo sie existiren, und wie sie existiren wird, wissen wir nicht, und können es als Menschen niemals ergründen.

Damas.

Wie wenig ist es doch, was der Mensch von der Zukunft jenseit des Grabes weiß!— Man sollte das einem jeden sagen. Denn ich habe Men-[47]schen sterben gesehn, welche die Todesangst um desto heftiger zerriß, weil sie von dem Zustande, der sie erwartete, mehr zu wissen glaubten, als sie wirklich wußten.

Theokles.

Eine sehr wahre Bemerkung, die Sie da machen! und woraus es sich erklären läßt, daß oft religiöse Menschen, besonders wenn sie mystische Religionsbegriffe haben, grade am unruhigsten sterben.

Damas.

Natürlich; es ist gewissermaßen Vorurtheil, daß der Tugendhafte immer ein sanftes Ende nehme. Es hängt alles von der Reihe der Bilder ab, welche der Seele in der Todesstunde vorschweben; manches auch von momentanen Eindrücken; denn diese können dem edlen Mann so gut, wie dem Bösewichte, den Tod schrecklich machen. Einer meiner geliebtesten Freunde träumte kurz vor seinem Tode, er sey schon in der Hölle, und alles Zureden konnte ihn nicht zu sich selbst bringen. Nachher entdeckte ich, daß die Ursache dieser seiner peinigenden Vorstellung ein Feuer war, welches nicht weit vom Bette im Camine brannte, und wovon die Flamme ihm in die Augen schien. Das Feuer wurde ausgelöscht, und er ward ruhiger. Nach einiger Zeit war der Tocht des Lichts sehr lang geworden; ich putzte das Licht, und es verbreitete sich plötz-[48]lich eine sanfte Helle im Zimmer. Auf den Sterbenden machte dies den glücklichen Eindruck, daß er sich einbildete, ihm sey die göttliche Gnade erschienen, und er werde selig werden. Im Entzücken darüber starb er. —

Theokles.

Wir sind von unserm Zwecke abgekommen. Es ist freilich wenig, was der Mensch von dem Zustande jenseit des Grabes weiß, aber aus dem Wenigen lassen sich doch einige fruchtbare Folgerungen ziehen.

Damas.

Und was wären das für welche?

Theokles.

Erstlich. Die Denkkraft strebt hienieden nach Erkenntniß des Wahren, Guten und Schönen; das wird sie auch jenseit des Grabes thun.

Zweitens. Je mehr einer hienieden seine Denkkraft geübt, und je besser er sie angewandt hat, auf einer desto höhern Stufe der Vollkommenheit und Glückseligkeit wird er nach dem Tode stehn.

Drittens. Je reiner, je edler, je erhabner die Vorstellungen sind, die ein Mensch hier im Leben eingesammelt hat, desto schönre Früchte werden sie ihm nach dem Tode bringen.

[49]

Viertens. Folglich wird das Bewußtseyn der Tugend beseligen, und das Bewußtseyn des Lasters foltern; und da, wo Sinnlichkeit den Tugendhaften nicht mehr zerstreun, und den Lasterhaften nicht mehr betäuben kann, ist dies Himmel und Hölle genug.

Damas.

Noch eins; glauben Sie auch, daß wir nach dem Tode uns wiedersehn werden?

Theokles.

Ob wiedersehen? — Das wird von den Organen abhängen, worin die Denkkraft nach dem Tode gehüllt werden wird. Aber, wenn die Freundschaft unsre Gesinnungen harmonisch macht, wenn wir sympathetisch empfinden, wenn wir gemeinschaftlich nach dem höchsten Wahren, Guten und Schönen streben, wenn wir uns zur Anbetung des Unendlichen vereinigen, dann werden wir uns wieder erkennen, wenn wir uns auch nicht wiedersehen.

Göttingen.

Buhle.

[50]

Zur Seelenheilkunde.

Pockels, C. F.

Die Beiträge zur Seelenheilkunde sind bisher immer noch die wenigsten gewesen, obgleich grade dieses Feld in einem Magazin der Erfahrungsseelenkunde am meisten bearbeitet zu werden verdiente. Jeder Mensch liegt an irgend einer Idee, an irgend einer Lieblingsgrille krank, und es ist uns unendlich viel daran gelegen, sonderlich bei der Erziehung, zu wissen, wie dieser oder jener von jener Krankheit geheilt wurde, durch welchen Ideenumtausch seine Vorstellungskraft eine bessere Richtung bekam, was Zeit, Umstände, Umgang, Lectüre dazu beitrugen, und wie überhaupt der menschliche Geist nicht nur vor Irrthümern in frühern Jahren bewahrt, sondern auch in spätern, sonderlich wenn jene Irrthümer einen großen Einfluß auf's practische Leben hatten, davon zurück gebracht werden konnte.

Die Curen der Seele haben viel Aehnlichkeit mit der Heilung körperlicher Krankheiten. In beiden Fällen muß der Patient oft Arzeneien gebrauchen, die sehr bitter sind, wenn sie eine gute Würkung haben sollen. Am bittersten kommen uns gemeiniglich die Heilmittel gegen die Krankheiten der [51] Seele vor; theils weil die wenigsten Menschen — so sehr es auch andre bemerken, an ihrer Seele krank zu seyn glauben, und also sich gegen die ihnen angebotenen Mittel sträuben; theils auch, weil die wenigsten Seelenärzte ihre Patienten mit weiser Schonung zu heilen wissen, sondern nach einer Methode verfahren, die den Schwächen jener unangemessen ist, und die Wunden mehr aufreißt, als heilt.

Welcher Menschenfreund wird sich nicht betrüben, wenn er um sich herschaut, und bemerkt, daß die meisten Leiden, die die Menschheit drücken, von uns selbst herrühren, daß ein Theil derselben sich durch einen unersättlichen Ehrgeitz, durch eine traurige Habsucht nach Titeln, Ehrenstellen, Belohnungen höchst unglücklich macht, und oft seine heiligsten Pflichten jenen Leidenschaften, die eine gesunde Philosophie nicht billigen kann, aufopfert; daß ein andrer Theil von Menschen durch einen überspannten Grad der Sinnlichkeit vor der Zeit verwelkt, und alle Kraft in Thätigkeit, allen Einfluß in's Beste der Gesellschaft durch einen erschlafften Körper, durch einen noch erschlafftern Geist verliert; daß wieder andere durch eine giftige Verläumdungssucht, durch einen unauslöschlichen Hang zum Betrügen und die Wahrheit zu verstecken, ihr Glück untergraben, und die Zufriedenheit vieler andern vielleicht auf immer stören; daß überhaupt die Unmäßigkeit der Leidenschaften und das aufgehobene [52] Gleichgewicht der menschlichen Seelenkräfte an allen den Uebeln Schuld sind, die von uns selbst herrühren, und den Erdkreis überschwemmen. — — Und welcher Menschenfreund wird, durch dergleichen Beobachtungen veranlaßt, nicht wünschen, daß durch eine genaue Kenntniß des menschlichen Herzens immer mehrere Heilmethoden jener Seelenkrankheiten in Gang gebracht werden mögten, und daß vornehmlich jeder aufgeklärte Erzieher es sich zur Pflicht machen mögte, auf die Mittel, Umstände, Lagen, Ideenverbindungen, moralischen Gefühle Acht zu geben, wodurch die Seele nach und nach, oder auch auf einmal zu einem gesunden Selbstbesinnen kommt.

Ich habe so manchmal darüber nachgedacht, woher es doch kommen möge, daß bei aller neuen Erziehungskunst und Aufklärung, wenn man das Ding beim Lichte betrachtet, die Menschen doch noch nicht viel besser geworden sind, und zu werden scheinen, und ich habe gefunden, daß noch nicht die genauste Aufmerksamkeit auf die Bildung junger Seelen gewandt werden müsse. Bei noch genauern Beobachtungen, und durch den Umgang mit vielerlei Erziehern und Zöglingen habe ich vornehmlich wahrgenommen, daß man den ersten versteckten Keimen des moralischen Uebels in den Kinderseelen nicht nur nicht fleißig genug nachspürt, sondern auch bei den ersten Aeußerungen der Sin-[53]neslust, des Ehrgeitzes, der Rechthaberei, des Eigensinnes, der Spottsucht und anderer Herzensseuchen zu sorglos ist, und das Uebel nicht auf eine weise und geschickte Art in der Geburt zu ersticken sucht. Man arbeitet immer zu sehr im Ganzen, hemmt nur den Ausbruch grober Fehler, und läßt die Cultur des besondern Menschen, oder jeder seiner individuellen Leidenschaften liegen. Freilich kostet dies sehr viel Menschenstudirung, sehr vielen pädagogischen Fleiß; allein der Garten wird immer verwildert bleiben, wenn nicht das Unkraut mit der Wurzel ausgerissen wird, und hie und da Nesseln stehen bleiben, die man auszureissen nicht der Mühe werth achtet.

Wie äusserst interessant müßte es daher nicht seyn, wenn mehrere aufmerksame Menschenkenner und Erzieher die Mittel der Welt bekannt machen wollten, wie sie diese und jene Leidenschaft ihrer Zöglinge zu bessern, zu mildern, und ihr eine gute Richtung geben lernten. Z.B. Wie sie ein eigensinniges Kind von seinem Eigensinn; eine Gemüthsart, die überall das Lächerliche aufsucht, von diesem Uebel; einen Knaben oder Mädgen von ihrer Verstellungskunst, wieder ein anders von der Neigung zu lügen u.s.w. geheilt haben. Eben so wichtig für die Belehrung der Menschen würden getreue Darstellungen von schon erwachsenen Männern und Frauenzimmern seyn: wie sie nach und nach über so manchen Fehler ihres Herzens Herren wurden, [54]und wie es ihnen gelang, durch die Stimme der Vernunft das Gewicht der Leidenschaft zu unterdrücken. Je genauer dergleichen Schilderungen wären, je nutzbarer würden sie seyn, und je leichter würden andere Menschen in ähnlichen Lagen dadurch zu gleichen Siegen über ihre Fehler vermogt werden. Wir werden selten dadurch zu einer moralischen Besserung gebracht, wenn man uns gradezu die Mittel und Regeln vorschreiben will. Stärker und mächtiger würken auf uns Beispiele und Schilderungen von andern Personen, worin wir uns gleichsam wie in einem Spiegel erblicken, und ohne daß sie an uns gerichtet zu seyn scheinen, uns nicht selten die edelsten Entschliessungen ablocken.

Ich bitte und ermuntre die bisherigen Mitarbeiter dieses Magazins, in ihrem Kreise, in ihrem Umgange und ihren Verhältnissen auf die Mittel aufmerksam zu seyn, wodurch Menschen von verjährten Fehlern des Herzens zurückkamen, oder auch davor bewahrt wurden, und jede ihrer Beobachtungen und Entdeckungen wird gewiß den Lesern der Erfahrungsseelenkunde äußerst willkommen seyn.

P.

[55]

Zur Seelenzeichenkunde.

Fragmente aus dem Tagebuch eines Beobachters Seinselbst.

M.

Die Furcht, lieber alles in der Welt als eitel, schmeichlerisch und heuchlerisch zu scheinen, hat mich von unzähligen, wenigstens gesetzmäßigen (wenn auch nicht der Quelle nach tugendhaften) Handlungen, besonders solchen, die an Großmuth gränzen, zurückgehalten. Denn der mögliche Gedanke andrer, ich wolle besser scheinen, als ich sey, war mir unerträglich; lieber wollte ich in der behaglichen Mittelmäßigkeit bleiben. Aber ist nicht eben diese Furcht ein Beweis von einer raffinirten Eitelkeit, und daß ich eben deswegen den Schein derselben haßte, weil ich wirklich eitel war? Zugleich ist's aber auch ein Beweis, daß ich mit ziemlicher Kälte viel über einen Entschluß zu denken pflegte, und über dem Denken die Wärme zum Handeln verlor.


Bei Anton Reisers Bemerkung (Th. 3. S. 176): »Mystik und Metaphysik treffen in so fern [56]wirklich zusammen, als jene oft eben das vermittelst der Einbildungskraft zufälligerweise herausgebracht hat, was in dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist,« fielen mir Kants Träume eines Geistersehers ein, in Beziehung auf seine jetzigen Schriften. a Kant realisirt jetzt durch ernste, kalte Philosophie seine Phantasieen und Träume; welches um so begreiflicher ist, da in jenem Buche doch ein Philosoph phantasirt hat, und diese sollen ja wohl öfters im Traume besser als im Wachen räsonniren. Vielleicht wahrer, inniger, origineller! Ob ich gleich kein Philosoph bin, so hab' ich doch oft die erhabensten, größten und befriedigendsten Blicke und Uebersichten im Schlafe — vielleicht sind sie aber nur alsdann im Verhältniß zu der schwächern und mattern Denkkraft größer, erhabner und befriedigender: denn dasjenige, dessen ich mich am Morgen noch deutlich davon erinnere, hat doch bei weitem diesen Werth nicht, den ich am Abend vorher zu fühlen glaubte, vielleicht weil ich früh mehr als Abends verlangte.


Beobachtungen über meinen Charakter: Wenig feine Empfindungen — wenig Rührung — intensiv und extensiv schwache Phantasie — schweres Denken; mühsames Schreiben — abstractes und subtiles Denken, zuweilen Spitzfindigkeit — Unglaube und Zweifelsucht — Kälte, langsame Prüfung, Furcht vor Uebereilung und Schwärme-[57]rei; beinahe Aergerlichkeit über den, mit dem ich nicht sympathisiren kann. — Achtung für's Gute, so fern es recht und erhaben ist. — Gewohnheit, das Mangelhafte, die Schranken des Guten und Bösen zu bemerken. — Mäßigung in der Liebe und im Abscheu, Billigkeit, affectfreies Urtheil — Gewohnheit, Unähnlichkeiten schnell zu bemerken, Scharfsinn. — Unterlassungssünden aus Mangel an Eifer. Diese halte ich meist für schlimmer, als Begehungssünden aus Stolz und gröberer Sinnlichkeit. — Uebergewicht der vorstellenden Kräfte. — Hang zur Sonderbarkeit. — Langsamer Wechsel der Vorstellungen. — Festigkeit einmal befestigter Meinungen und Gewohnheiten, weil solche Lagen der Vorstellungen, worin Neigungen anfangen, selten sind, also leichter vorhandne fortdauern, als neue entstehen. — Absondrung des Denkens vom Empfinden und Handeln. — Feste Freundschaft. Wenn auch äussere Ursachen Trennung veranlassen, und die Empfindung geschwächt ist, so ist doch die innerste verborgne Neigung kaum zu erschüttern. — Wenig Eitelkeit, viel Stolz. — Lebhafte Aeusserung und Gefühl eigner Mängel; Verbergung des Guten; eine gewisse Scham, gut zu scheinen, und Empfindungen, Eifer mit Worten zu zeigen, die Beifall erhalten könnten. — Schwierigkeit, sich jedesmal in die gehörige Stimmung zu versetzen. — Schwäche des Triebs, andern zu gefallen, in gewissen Stücken. —

[58]

Ich denke mehr in Gesellschaft, und fühle mehr in der Einsamkeit. Der abwesende Freund ist mir mehrentheils wichtiger und interessanter, meine Empfindungen für ihn zärter, zuweilen gar enthusiastisch, als der Freund, mit dem ich eben spreche. Es ist, als wenn mich etwas gewaltsam zurückzöge, wenn ich Freundschaftsgefühle in Worten ergiessen will; ich fürchte, zu wenig zu sagen, und doch vielleicht dem Freunde mehr sagen zu scheinen, als ich empfand. Will ich's doch, so erkaltet mit den Worten die Empfindung. Eine verworrne Empfindung von Schaam unterdrückt den Ausbruch von Gefühlen für's Gute, wo ein Zeuge dabei ist, und diese Scham schwächt auch so lange die Empfindung selbst. In erwachsnen Jahren hab' ich auch vielleicht nie aus eigner Rührung oder Mitleid in andrer Gegenwart geweint, selbst da, wo ich mit dem innersten Gefühl den Gedanken verband, daß vielleicht eine Thräne des Mitgefühls Trost für den geliebten Leidenden seyn würde. Kaum war ich allein, so ergoß sich das volle Herz in einen Strom von Thränen.


Die männlichen Eigenschaften des Geistes zogen mich immer am stärksten an. Standhaftigkeit, Festigkeit, Duldsamkeit und Muth waren mir sehr bald die verehrungswürdigsten Eigenschaften eines Mannes, und ich dachte mir immer künftige Lagen meines erwachsnen Alters, wo ich diese auf eine [59]recht auszeichnende und glänzende Art ausüben und zeigen wollte; doch lag mir an dem Fecisse beinahe mehr. Der Umgang mit kleinen Kindern war mir mehrentheils zu fad, und ein Erwachsner, der mich in eine ernsthafte Unterredung zog, erwarb sich dadurch meine ganze Zuneigung. Jede eigentlich kindische Behandlung, die manchmal captatio benevolentiae seyn sollte, würkte grade das Gegentheil; ich fühlte mich gedemüthigt. Es war mir fast immer ärgerlich, wenn ich aus der Gesellschaft der Erwachsnen unter die Kinder verwiesen wurde.


Wie kommt's, daß mich in Wissenschaften, die ich eigentlich studire, nicht bloß im Vorbeigehn ansehe, beinahe nichts, was ich gearbeitet vorfinde, nur zur Hälfte befriedigt, daß mir's, wenn's Andre noch so gut finden, doch das Rechte nicht ist, und ich immer eine — oft nur dunkle, aber äusserst lebhafte — Ahndung von etwas Besserm fühle, die mir den Genuß dessen, was da ist, zur Hälfte verdirbt, und macht, daß ich's auch nicht so fortpflanze und brauche, wie es wohl gut wäre. Wo es dann geschehen muß, weil ich nichts Beßres weiß und habe, da geschieht's doch mit Widerwillen und Unlust, deren unzeitigen Ausbruch ich oft gewaltsam hemmen muß. Ist das Seelenkrankheit, oder was sonst?


[60]

An dem Mangel an Wärme und Enthusiasmus für's Gute, besonders für's Moralische, ist mein Hang zum Speculiren, zum Auflösen und Zergliedern, zum allgemeinen, abgezognen Denken, vornehmlich schuld. Gespaltne Strahlen wärmen minder als vereinte, und gespaltne Gedanken können das Herz nicht erwärmen, und ein kühles Herz kann nur aus Eitelkeit Eifer heuchlen. Ich finde immer Bedenklichkeiten gegen die Reinheit und den ächten Gehalt des Guten, und kann mich nicht schnell und feurig dafür interessiren. Ich finde es oft verdächtig, wenn auch das Herz zu wallen anfängt, diesen Aufwallungen mich preiß zu geben; besonders hält mich aber die Erinnerung an etwas zurück, das sich meiner öftern Bemerkung dargeboten hat. Ich meine dieses, daß wir öfters, um das glänzende Gute zu thun, einen Theil der Erfüllung unsrer stillen, eingeschränkten, nahen, aber deshalb nicht unheiligen Pflichten aufzuopfern pflegen. Ich bin eingeschränkt, und fühle es, daß ich's bin, und will nicht weiter würken, als ich kann. Es ist auch eine Art von Aufopferung, und die unedelste Art derselben wohl nicht, auf große Tugenden Verzicht zu thun, um die kleinern zu behaupten, und es ist eine Art von geistiger Enthaltsamkeit, die mir so wichtig scheint, als die körperliche nur immer seyn mag, welche darin besteht, seiner Sittlichkeit keinen höhern Schwung geben zu wollen, als man, ohne Schwindel und gefährlichen Fall zu befürchten, jetzt [61]eben aushalten kann. Auch der Trieb nach Erhöhung seiner edelsten Vollkommenheit, das heißt, der sittlichen, kann durch Ausschweifung und Ueberschnellung seinen eignen Endzweck aufhalten und hindern. — Der andre Hauptgrund meiner Kälte bei Veranlassungen, wo ich hätte warm seyn sollen, ist der Mangel an Biegsamkeit und Geschmeidigkeit meines Charakters, die mühsame und schleppende Umschmelzung der Gestalt und des Tons meiner Vorstellungen. Ich bin eben in andre Gedanken vertieft, in fremdartige Betrachtungen und Gefühle hineingezogen, die meine ganze Vorstellungskraft noch beschäftigen und fesseln. Nun kann nichts tiefe Eindrücke auf meine Seele machen, alles Heterogene wird abgestoßen, oder in meinen vorigen Gedankenkreis hineingezogen, wo es nun ganz anders aussieht, und ganz etwas anders würkt, als wenn außer dieser und in einer ganz andern Verbindung es mir sich darstellte. Am kältsten werde ich, wo die Begriffe des andern, mit dem ich eben zu thun habe, mir zu idealisch, seine Foderungen übertrieben, der Eifer schwärmerisch und von keiner allseitigen Vorstellung der Sache, wie sie in der wirklichen Welt ist und seyn kann, begleitet zu seyn scheint.

M.

Erläuterungen:

a: ">Kant 1766.

[62]

Belag zur Geschichte der Ahndungen.

Pockels, C. F.

Die Ahndungsgeschichte, welche Herr Bartels in seinen Briefen über Calabrien und Sicilien*) 1 S. 408 ff. erzählt, verdient sehr, in Ihrem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde aufbewahrt und psychologisch beleuchtet zu werden; ob das Phänomen gleich selbst nicht so unerklärbar seyn mag, als Herr Bartels glaubt. Hier ist die ganze Stelle:

»Es scheint, es liegen noch Kräfte in den Menschen, bis zu deren Entstehungsquelle bis jetzt das Auge des scharfsinnigsten Psychologen nicht hat dringen können, und unter diese gehört das Vermögen der Vorahndung oder der Vorempfindung zufälliger künftiger Dinge, bei nicht erhitzter Einbildungskraft. Alle die Hokus Pokus der Somnambuleurs und ihrer Lehrer lassen sich bis jetzt noch wohl, so viel ich glaube, durch Erhitzung der Einbildungskraft, Anstrengung der geschwächten Nerven, und Reiz des Zeugungstriebes, hervorgebracht gedenken; — aber [63]daß eine Frau alle die Schrecken des Erdbebens im Schlaf voraussah, und sie anzeigte, ihre Phantasie nicht erhitzt war, wie sie dies that, man auch gar nicht weiß, wie durch Ideenassociation die Vorstellungen grade jetzt in ihr erregt werden konnten, und sie doch alles vorher sah, und vorher verkündigte, das bleibt mir ein unerklärliches Phänomen. Sonderbar aber ist's, daß der größte Theil ähnlicher Entdeckungen fast immer an Weibern gemacht wird, aber es fast immer alte abgelebte Menschen, oder von zerrüttetem Nervensystem sind, bei denen wir diese Kräfte bemerken. Komme diese Kraft woher sie wolle, folgende Geschichte ist unläugbar wahr. (Ich habe verschiedene Zeugen davon gesprochen, und die Erzählung steht selbst ungefähr eben so in der Beschreibung des Erdbebens von der Akademie). Donna Lukrezia Ruffo, eine siebenzigjährige Frau, sah im Schlaf eine Nacht zuvor alle Schrecken des Erdbebens (1783), und ward dadurch so erschüttert, daß sie mit einem heftigen Klaggeschrei erwachte. Ihre Familie, aus dem Schlaf gestört, eilte furchtvoll zu ihr hin, und wie sie ihr die Ursache erzählte, und besonders eine genaue Beschreibung von der Seerevolution gab, ward sie verlacht. Ihr Schwiegersohn war hernach einer von denen, der sehr vom Meere gemißhandelt, verschlungen und wieder ausgeworfen ward, dann sich in eine Menge Netze verwickelte, und beinah so auf die traurigste Art erstickte.« So weit der Reisebeschreiber.

[64]

Wenn auch die Sache, wie sie hier erzählt wird, buchstäblich wahr seyn sollte (so leicht auch sonst den Reisebeschreibern etwas Wunderbares und Seltsames aufgebunden wird, — wovon fast alle Reisebeschreibungen die deutlichsten Beweise enthalten): so scheint sie doch für die Ahndungen nichts zu beweisen. Wer weiß denn erstlich gewiß, daß die Frau von aller erhitzten Einbildungskraft frei war, als sie den Traum hatte? Wer weiß, welche Bilder, Beschreibungen und Erzählungen von vergangenen Erdbeben ihr grade damals vorschwebten, als sie einschlief? In einem Lande, wo dergleichen schreckliche Naturphänomene öfter vorfallen, wo man die Kinder schon von Jugend auf mit Erzählung derselben unterhält, — ist's ja wohl nichts unnatürliches, von einem Erdbeben zu träumen. Die Frau war ohnedas alt; folglich sehr wahrscheinlich von einer ängstlichen und furchtsamen Gemüthsart, und von schwachen Nerven; — wie viele alte Weiber mögen dort von Erdbeben träumen! Also in dem Traum selbst liegt nichts ungewöhnliches, nichts unerklärbares. — Aber sie sah alle Schrecken des nachher erfolgten Erdbebens vorher? — Wenn sie einmal von einem Erdbeben träumte, so war es wieder sehr natürlich, daß ihr die Phantasie die Schrecken desselben vormalte; — sie sah vermöge dieser Phantasie Häuser umstürzen, Feuer aus der Erde hervorbrechen, die See in heftige Bewegung gerathen, und was sich sonst bei einem Erdbeben [65]schreckliches zutragen konnte. Alles dies waren natürliche Folgen einer einmal durch die Einbildungskraft entstandenen Ideenassociation, die man hier freilich, so wie überhaupt die Folge der Traumideen bei den meisten Menschen, nicht bestimmt angeben kann, weil die Seele im Schlaf über sich selbst zu reflectiren nicht sehr aufgelegt ist. — Aber sie sahe die Schrecken dieses wirklichen Erdbebens vorher? Hier entsteht nun die große Frage, die uns der Verfasser nicht beantwortet, ob sie die Schrecken des geträumten Erdbebens nur überhaupt, oder nach allen einzelnen Umständen so genau beschrieben habe, daß man die Erfüllung des Traums selbst im Detail nicht läugnen konnte. Jene Beschreibung überhaupt würde nichts beweisen; denn alle Erdbeben haben ja wohl in Absicht des mit sich führenden Schrecklichen eine Aehnlichkeit mit einander, — ja selbst bei einer genauern Erfüllung einzelner geträumter Umstände, die hernach beim Erdbeben wirklich vorfielen, konnte sich vieles noch durch einen bloßen Zufall ereignen, — vieles konnte das alte Weib auch hinterher geträumt zu haben glauben, was sie nicht geträumt hatte, wie gemeiniglich zur Erfüllung eines bedeutenden Traums so manches hinterher zugesetzt wird, um dem Dinge so recht den Anschein einer Ahndung zu geben.

Das, was bei der angeführten Erzählung am auffallendsten ist, besteht darin, daß die Donna [66]Ruffo grade die Nacht vorher von dem Erdbeben träumte. Allein, sollte man hiervon nicht lieber einen physischen Grund, als gewisse geheime Kräfte der Seele anzugeben suchen, die doch, so lange wir die denkende Substanz des Menschen nicht genauer kennen, — nichts als eine Hypothese bleiben werden, die durch die Neigung der Menschen zum Wunderbaren ihre vornehmste Stärke erhält. Wenn die Idee von einem Erdbeben in der Seele der siebenzigjährigen Frau entstand: so konnte die Veranlassung dazu aus einem physischen Vorgefühl von jener schrecklichen Revolution entstehn, welches sich mehrere Tage vorher nicht nur bei Menschen, sondern sogar bei Thieren zu äussern pflegt, wie ich aus mehrern Erzählungen von gebornen Italiänern und glaubwürdigen Männern weiß, die jenes ängstliche Vorgefühl wirklich empfunden haben. Nach der Erzählung dieser Männer fühlen viele Menschen vor einem bald entstehenden Erdbeben eine innere Bangigkeit, eine Mattigkeit in ihren Gliedern, ein schweres Athmen, welches wohl von der Veränderung der Luft abhängen mag, die vor jedem Erdbeben hergehn soll. Herr Bartels läugnet, daß wenigstens beim letztern Erdbeben die Menschen nichts davon vorher empfunden hätten; — aber wie leicht konnten selbst die Vorzeichen an Thieren einen ängstlichen Traum über eine nahe bevorstehende Erdrevolution hervorbringen, und die Veranlassung zu der Ideenassociation bei der Donna Ruffo [67]werden, die sich der Verfasser nicht erklären kann, da sie doch sehr natürlich in jenen Vorzeichen liegen konnte.

Nachdem er die Lufterscheinungen, die der Aberglaube in dortigen Gegenden für Vorzeichen halten wollte, als solche geläugnet hat, fährt er so fort: »Merkwürdiger sind unstreitig die Vorempfindungen, die sich an lebenden Geschöpfen zeigten. Nur der Mensch blieb von diesen Vorgefühlen frei; — (aber alle, und ein jeder?—wer kann das bestimmen?) weder auf seinen Körper, noch auf die Heiterkeit seines Geistes hatte es den geringsten Einfluß; seine Empfindungsnerven wurden durch das, was in den Thieren die quälendste Unruhe veranlaßte, nicht gerührt; ein Beweis, wie weit schärfer das Perceptionsvermögen durch den äussern Sinn bei den Thieren als bei den Menschen ist. Aber auch bei den Thieren selbst nahm man hier eine große Verschiedenheit wahr. Bei einigen äusserte es sich früher, schneller und heftiger, bei andern später, langsamer und gelinder. Diese Begebenheiten sind zu sonderbar, als daß ich Ihnen nicht das, was ich davon zuverlässig weiß, mittheilen sollte. Die Fische im Meer schienen kurze Zeit vorher, und während der ganzen traurigen Periode, wie in einem Taumel zu leben, eilten unruhig im Wasser, häufiger als sonst, in die Netze der Fischer, und büßten ihre Vorempfindung durch einen frühen Tod. [68]Die Vögel in der Luft durchkreutzten, wie von irgend einer Furcht gejagt, schreiend die Luft, und auch sie schienen weniger schlau, den Fallstricken der Menschen entgehn zu können: eben die Unruhe bemerkte man an Gänsen, Tauben, Hünern u.s.w. Unter den vierfüßigen Thieren schienen Hunde und Esel die zu seyn, auf die dies Vorgefühl am frühesten und heftigsten würkte; sie liefen mit wildem starren Blick furchtsam umher, und füllten mit schrecklichem Geheul und Geschrei die Luft. Pferde, Ochsen, Maulesel und andre ähnliche Thiere zitterten vorher am ganzen Körper, stampften wiehernd und brüllend den Boden, spitzten die Ohren, und ihr Auge rollte starr und argwöhnisch umher. In dem schrecklichen Moment selbst stemmten sie die Beine auf dem Boden von einander, damit sie sich vor dem Fall sicherten, und doch wurden sie oft niedergestürzt. Einige suchten kurz vorher vergeblich zu fliehen, wurden aber von dem Toben der Erde erreicht, und blieben unbeweglich stehn. Die Schweine schienen am wenigsten dies Vorgefühl zu äussern; aber die Katzen, obgleich später, als die Esel und Hunde, doch sehr heftig. Sie krümmten sich, ihr Haar fing an starr wie Borsten empor zu stehn, ihre Augen wurden blutig und wäßrig, und sie stellten ein schreckliches Klaggeschrei an.«

Daß übrigens obige Ahndungsgeschichte der Donna Ruffo durch Zeugen bestätigt wird, die [69]der Verfasser darüber gesprochen haben will, thut zur Verificirung einer wirklichen Ahndung nichts. Waren jene Zeugen aufgeklärte Leute, liessen sie sich nicht hintergehn, waren sie nicht schon für die Ahndungsgeschichte eingenommen, und hatten sie das Ding mit philosophischer Aufmerksamkeit geprüft? Die Menschen werden nur zu leicht betrogen, wenn es auf Wundererzählungen ankommt, und der scharfsinnigste Kopf muß grade alsdann selbst sehr auf seiner Hut seyn. Die Akademie zu Neapel hat die nämliche Geschichte erzählt, und fast eben so, wie der Verfasser; aber — wie oft haben sich die hochlöblichen Akademieen täuschen lassen!

Ich merke noch geflissentlich die Stelle aus des Verfassers Briefen an, daß nämlich dergleichen Phänomene fast immer an Weibern, an abgelebten und nervenkranken Personen jene Vorhersehungskräfte bemerkt werden sollen. Ich glaube aber, daß uns auch nichts als diese Bemerkung selbst gegen diese Kräfte mißtrauischer machen sollte. Die weibliche Phantasie ist, nach dem Zeugniß aller Psychologen und aller Zeiten, der größten Ausschweifungen fähig. Die Schwärmerei jeder Art hat immer in der Seele des andern Geschlechts eine freundliche Aufnahme gefunden, und die Geisterseherei, Traumdeuterei, Ahndungswuth, Vorherwisserei wird nie aussterben, so lange es Weiber giebt. — Abgelebte Personen sind schon darum [70]nicht mehr gültige Zeugen ihrer schwärmerischen Aussagen, von gewissen an sich bemerkten sonderbaren Phänomenen, weil sie oft die Schwäche des Geistes an richtigen Untersuchungen hindert, weil das Alter sehr abergläubig, furchtsam und leichtgläubig ist, und weil sein Hang zum Wunderbaren die Phantasie so leicht auf Abwege bringt. Nervenschwache Menschen endlich — — sollen die die Gefäße jener geheimen Kräfte der menschlichen Seele seyn? — O welche erbärmliche Maschinen hätte dann die Natur zur Darstellung ihrer Geheimnisse gewählt, und wie wenig könnte die Vernunft solchen Kräften trauen, die erst durch eine Erschlaftheit der Menschennatur sichtbar werden könnten.

Unterdessen scheinen unsre aufgeklärten Zeiten in der That jenen sonderbaren unpsychologischen Satz allgemein machen zu wollen, daß die Größe und Erhabenheit der Menschennatur erst durch gewisse vorhergegangene Erschlaffungen der Vernunft sichtbar werden können, und daß, um die Vollkommenheit derselben kennen zu lernen, allerlei ungewöhnliche Krisen der Empfindung vorhergehn müßten. Diesen Irrwahn haben nicht bloß die Bremischen Geschichten einer sonderbaren Gattung des neumodischen Wahnwitzes befördert, sondern es sind mehrere Umstände zusammengekommen, selbst von Seiten der religiösen Schwärmerei, um jenen Unsinn gültig zu machen. Eine natürliche Folge unsrer [71]neuen schwärmerischen Religionsbegriffe, die alles auf bloße Empfindungen reduciren wollen, und eben dadurch jedem schwachen Kopfe Gelegenheit geben, sich den Gesetzen eines vernünftigen Nachdenkens über religiöse Gegenstände zu entziehn, und seiner verworrenen Einbildungskraft, das, was das Größte, Erhabenste und Heiligste an dem Menschen ist, — seine gesunde Vernunft aufzuopfern.

Fußnoten:

1: *) Göttingen. 1787. 8. 1ster Theil. a

Erläuterungen:

a: Bartels 1787-1792,Bd. 1.

[72]

Fortsetzung des Lebens des H. Cardans.

Pockels, C. F.

»Als ich mehr zum Knaben heranwuchs, und sich obige Erscheinungen verloren hatten, so traten zwei andre an ihre Stelle, die hernach beständig blieben, und noch jetzt vorhanden sind, obgleich, nachdem ich meine Probleme geschrieben, und meinen Freunden bekannt gemacht hatte, eine jener Erscheinungen bisweilen aufhörte. Die eine besteht darin, daß ich, so oft ich die Augen gen Himmel richte, den Mond sehe; die andre sonderbare Eigenschaft ist die (welche ich zufällig bemerkt habe), daß, wenn ich dazwischen komme, wenn sich Leute streiten, kein Blut vergossen, auch keiner verwundet wird. Ich habe mich daher mit Vorbedacht zwischen Zänker und Aufrührer gemischt, und es ist niemals einer dann verwundet worden. Wenn ich in Gesellschaft mit Jägern war, so habe ich sogar bemerkt, daß das Wild weder durch Spiesse, noch durch Hunde verwundet wurde, und ich habe mich hierin nie getäuscht; so daß, als ich einstmals den Fürsten Niglovani auf die Jagd begleitete, und ein Haase gefangen wurde, den man den Zähnen der Hunde entriß, derselbe ganz unbeschädigt war, worüber alle erstaunten. Bloß bei freiwilligen Abzapfungen des Bluts, und bei Hinrichtung öffentlicher [73]Verbrecher äussert sich jene sonderbare Eigenschaft meiner Natur nicht.« —

»Etwas anders ganz sonderbares in meinem Leben ist auch das, daß ich dann aus meinen traurigen Lagen herauskam, wenn gar keine Hülfe mehr da zu seyn schien. Und ob dies gleich ganz natürlich zuging, so machte doch die Art und Weise, daß es häufig, ja beständig so kam, daß man es übernatürlich nennen mögte.« — (Eben so, ob gleich das obige Gesicht mit dem Hahn natürlich zuging, so war es doch wunderbar, daß das nämliche Gesicht so und auf die nämliche Art wiederkam.)*) 1

»Ich will noch zwei Beispiele erzählen, wie ich auf einmal durch eine besondre Leitung des Himmels aus meiner traurigen Lage herausgerissen wurde. Es war 1543 im Sommer, um welche Zeit ich täglich gewohnt war, das Haus des Ant. Vicomerati, eines Patriciers unsrer Stadt, zu besuchen, und daselbst den ganzen Tag hindurch Schach zu spielen. [74]Wir spielten um ein bis vier Realen jedes Spiel, so daß ich, da ich zu siegen gewohnt war, fast jeden Tag ein Goldstück, bald auch mehr, bald weniger mit wegtrug. Der Mann gab sein Geld gern, und ich hatte einen doppelten Gewinn, mein Gold und meinen Sieg im Schachspiel. Ich kam aber dadurch so herunter, daß ich schon über zwei Jahre weder auf meine Künste, noch auf meinen Verdienst, noch auf meinen Ruf und die Studien Rücksicht genommen hatte. Eines Tags, gegen Ende des Augusts, nahm mich der Mann, entweder weil sein öftres Verlieren im Spiel ihn zu gereuen anfing, oder weil er sahe, daß ich von meinem Vorsatz auf keine Art abgebracht werden konnte, vor, und zwang mich zu schwören, daß ich niemals des Spiels wegen wiederkommen wollte. Ich schwur bei allen Göttern, und von diesem Tage an legte ich mich ganz auf die Studien.«

(Ein andermal nöthigt ihn der Einsturz seines Hauses sein Vaterland zu verlassen.)

»Ich will noch ein Beispiel, obgleich von einer etwas andern Art, erzählen. Ich lag eben an einem Brustgeschwür krank, woran ich schon oft bis zur Verzweiflung gelitten hatte, und las in den Collectaneen meines Vaters, wenn jemand des Morgens früh um acht Uhr den 1sten April die Mutter Maria mit gebeugtem Knie und dem Vater Unser [75]und mit dem englischen Gruß die heil. Jungfrau anriefe, daß sie bei ihrem Sohn um eine erlaubte Sache eine Fürbitte einlegen mögte, man seine Bitte erfüllt sehn würde. Ich bemerkte den Tag und die Stunde, verrichtete mein Gebet, und wurde noch in dem nämlichen Jahre kurirt. Lange Zeit drauf wurde ich auch auf die nämliche Art vom Podagra kurirt; ob ich mich hierbei auch gleich der Arzneikunst bediente.«

»Nun will ich auch noch vier sehr sonderbare Phänomene in Absicht meines ältesten Sohns anführen, davon sich das eine an seinem Tauftage, das andre in seinem letzten Lebensjahre, das dritte in der Stunde, als er sein Verbrechen, warum er hingerichtet wurde, bekannte, das vierte vom ersten Tage seiner Gefangenschaft an, bis an seinen Todestag, ereignet hat.«

Man höre folgende abergläubige Grillen eines Mannes, der übrigens als ein so großer Kopf, als ein Prodigium der Gelehrsamkeit bekannt ist. —

»Mein ältester Sohn war 1534 gebohren. Als er getauft war, schien die Sonne sehr hell in's Zimmer, — um die fünfte und sechste Stunde des Tages. Alle waren nach der Gewohnheit bei der Wöchnerinn gegenwärtig, das Kind und die Wärterinn ausgenommen. Der Vorhang war vom Fenster [76]weggenommen, und hing an der Wand, als auf einmal eine große Horniß hereinkam. Sie umflatterte das Kind, alle Anwesende fürchteten sich, sie that aber keinem etwas, sondern flog mit einem so heftigen Geräusch gegen den Vorhang, als wenn eine Trommel geschlagen würde. Wir liefen hinzu; fanden nichts, und doch hatte sie auch nicht hinauskommen können, da wir sie genau mit unsern Augen verfolgten. Alle prophezeihten daraus nichts Gutes; aber keiner muthmaßte doch einen so traurigen Tod des Kindes.«

»In dem Jahre, als mein Sohn umgebracht wurde, schenkte ich ihm ein neues seidenes Kleid, wie es die Aerzte zu tragen pflegen. Mit diesem Kleide ging er eines Sonntags vor das Thor, wo sich ein Fleischer aufhielt. Eins seiner Schweine sprang aus dem Kothe auf, rannte auf meinen Sohn zu, und beschmuzte ihn so abscheulich, daß die Fleischer und Nachbarn mit Spiessen das Schwein wegzutreiben suchten, bis mein Sohn sich endlich selbst durch die Flucht von ihm befreite. Wider seine Gewohnheit kam er sehr betrübt zu mir, erzählte alles, und fragte: was das Ding zu bedeuten hätte? Ich antwortete ihm: er mögte sich in Acht nehmen, daß, da er ein so schweinisches Leben führe, er nicht auch einmal ein solches Ende nehme! — ob er gleich, sein Würfelspielen und seine Unmäßigkeit im Essen und Trinken ausgenommen, der beßte Junge war, und ein schuldloses Leben führte.«

[77]

»Es war im Hornung, a und der Anfang des nächstfolgenden Jahrs, als ich mich zu Pavia aufhielt, und dort Collegia las, als ich von ungefähr meine Hand besah, und unten an meinem rechten Goldfinger das Bild eines blutigen Schwerdtes erblickte. Ich gerieth in ein plötzliches Schrecken. Den nämlichen Abend kam ein Bote zu Fuß mit Briefen von meinem Schwiegersohn, worin er mir meldete, daß mein Sohn gefangen sey, und daß ich nach Mailand kommen mögte. Von diesem Tage an ließ sich dieses Zeichen dreiundfunfzig Tage lang sehen, es stieg immer höher. Am letzten Tage war es bis zur obersten Fingerspitze hinaufgerückt, und sah flammend blutroth aus. Ich, ob ich gleich nicht so etwas vermuthete, war vor Schrecken doch ganz ausser mir, wußte nicht, was ich sagen oder denken sollte, — um Mitternacht wurde mein Sohn mit einem Schwerdte hingerichtet, den Morgen drauf war das Zeichen auf meinem Finger fast ganz verschwunden, den Tag drauf war nichts mehr davon zu sehn.«

»Beinahe zwanzig Tage vorher, als er gefangen saß, studirte ich in meiner Bibliothek, und hörte eine Stimme, als wenn jemand etwas Bejammernswürdiges bekannte, das bald ein Ende nehmen sollte; es war, als wenn mir das Herz geöffnet, zerfleischt und aus dem Leibe gerissen würde. Wüthend sprang ich auf, lief in den Hof, fand da Leute, von de-[78]nen ich das Haus gemiethet hatte, und schriee laut aus (indem ich wohl wußte, wie sehr ich meinem Sohn helfen konnte, wenn er sein Verbrechen nicht eingestehn, oder gar daran unschuldig seyn würde,): »Ach! weil er sich des Todes seiner Frau bewußt ist, und ihn nun bekannt hat, so wird er zum Tode verdammt und mit dem Beil hingerichtet werden.« Ich kleidete mich sogleich an und ging auf den Markt, wo ich meinen Schwiegersohn sehr traurig fand. Wo wollen Sie hin? fragt' er. Ich besorge, war meine Antwort, daß mein Sohn alles bekannt hat. So ist's, erwiederte er, er hat eben alles bekannt; ich hatte jemand ausgeschickt, der horchen sollte, und dieser hat mir den ganzen Verlauf der Sache erzählt.«

»Zu andern Eigenheiten meiner Natur gehört auch die, daß mein Fleisch bisweilen wie Schwefel und Weihrauch riecht.«

»Auch dies war sonderbar an mir, daß ich, da ich frei von Sorgen war, selbst mit Beihülfe meiner Lehrer, weder den Archimedes noch Ptolomäus verstehn konnte; im hohen Alter hingegen, dreissig Jahre darnach, von Geschäften umringt, von Sorgen gehindert, hab' ich beide, ohne andre Beihülfe, deutlich verstehn können.«


Es wird selten ein großer Mann ohne einen kleinen Aberglauben irgend einer Art gefunden wer-[79]den. Die Aufgeklärtheit der Vernunft, der Scharfsinn des Geistes schützt nicht immer vor allerlei Vorurtheilen, die man entweder schon in der Jugend eingesogen hat, oder in spätern Jahren aus einer gewissen Anhänglichkeit an dem Wunderbaren anzunehmen pflegt, sonderlich wenn sich Privatneigungen bei Annahme jener Vorurtheile mit in's Spiel mischen. Jeder große Kopf scheint irgend eine Stelle an sich zu haben, die man nicht stark berühren darf, ohne sehr deutliche Vernunftblößen, ich will nicht sagen, ohne eine kleine Tinktur von Wahnsinn zu bemerken. Die menschliche Seele hat gleichsam ihre Fächer; — mehrere können mit den vortreflichsten Kenntnissen und mit einer lichtvollen Helle der Vernunft angefüllt seyn; aber ein einziges kann dem ungeachtet Unsinn enthalten. Daher das unbegreifliche Eclipsiren so vieler vortreflichen Köpfe, daher das unbegreifliche Ankleben derselben an gewissen, sonderlich Religionsirrthümern, daher ihr Scharfsinn in andern Fächern, z.B. in der Mathematik, und ihr blinder Glaube an theologische Wahrheiten, die der Vernunft schnurgrade entgegen stehn.

Cardan*) 2 vereinigte in seinem Kopfe eine ungeheure Masse gelehrter Kenntnisse. Lessing schätzte [80]ihn erstaunlich hoch, und seine Schriften verrathen oft eine durchdachte Philosophie, die man in damaligen Zeiten nicht hätte erwarten sollen. Aber bei seinen vortreflichsten Gedanken, sonderlich in der praktischen Philosophie, bei seiner großen Menschenkenntniß, bei seiner reifen Lectüre der Alten sieht man dem ungeachtet immer einen Schwärmer, der sich Dinge erträumte, die nicht waren, und die doch in seinen Augen sonnenklare Wahrheiten zu seyn schienen. Seine Neigung zum Sonderbaren, die in tausend physischen und moralischen Stimmungen seiner Natur ihren Grund haben mogten, hielt ihm sehr oft ein falsches Glas vor, durch welches er anders als andre Menschen sah. Eine stete Aufmerksamkeit auf sich selbst, und die Würkungen seiner Phantasie, ließ ihn Wunderdinge an sich wahrnehmen, die ganz natürlich zugingen, und seine Kränklichkeit des Körpers erzeugte nach und nach in ihm eine Eigenthümlichkeit der Laune, über die er nicht mehr Herr zu werden vermogte. Zugleich lag der Grund zu seinen vielen und sonderbaren Ideen mit in den Umständen des damaligen Zeitalters, und in der Art, wie man sich damals gelehrte Kenntnisse erwarb. Wer irgend einen Ruf als Gelehrter haben wollte, mußte sich mit auf die Astrologie legen, was sonderlich im sechszehnten Jahrhundert in Italien der Fall war. Diese Wissenschaft, welche bei den meisten in eine bloße Sterndeuterei ausartete, verwirrte damals sehr viele Köpfe, und gewöhnte [81]sie leicht an den Gedanken, zukünftige Dinge vorhersehn zu können, und lenkte auf ihre Verehrer eine ängstliche Aufmerksamkeit in Absicht der Schicksale ihres Lebens. An eine gesunde, von so vielen physischen Hypothesen gereinigte, Philosophie war überhaupt genommen noch nicht zu gedenken, der Glaube an geheime Wunderkräfte der Natur beherrschte noch alle gelehrte Köpfe, und der geheime Stolz stellte deswegen eine Menge von sonderbaren Männern damaliger Zeit auf, die an sich ausserordentliche Dinge wahrgenommen haben wollten, worunter Cardan gewiß den ersten Platz behauptet.

Es sind schon in dem Vorhergehenden eine Menge dergleichen sonderbarer Phänomene von Cardan erzählt worden. Manches Ueberflüssige, was nicht hierher gehört, hab' ich aus seiner Erzählung ausgelassen. Vielleicht dürfte die Fortsetzung seiner Lebensbeschreibung manchem Leser des Magazins noch interessanter als das vorhergehende vorkommen, indeß glaub' ich, wird doch keiner sich von ihm hinreissen lassen, seinen Träumereien Glauben beizumessen, sondern wird sein Leben immer aus dem Gesichtspunkte eines ausserordentlichen gelehrten Schwärmers betrachten.

Im 37sten Kapitel seiner Biographie fährt er fort die sonderbaren Eigenschaften, die er an sich wahrgenommen, zu erzählen, wozu denn auch seine [82]Träume gehören, die nach seiner Meinung sehr richtige Vorbedeutungen seiner Schicksale gewesen sind. Wie leicht konnte sich Cardan eine Erfüllung derselben erträumen, da ihm unzählige Unglücksfälle Gelegenheit gaben, sie auf gewisse vorhergehabte Traumbilder zu appliciren!


»Um das Jahr 1534, da ich mich noch zu nichts bestimmt hatte, und meine Sachen sehr schlecht standen, sah' ich mich einst des Morgens im Traume, als ob ich am Fuße eines mir rechter Hand liegenden Berges umher lief. Zugleich erblickte ich eine ungeheure Menge Menschen von allerlei Ständen, Geschlechtern und Altern, nämlich von Weibern, Männern, Greisen, Knaben, Kindern, Armen und Reichen, die alle verschieden gekleidet waren. Ich fragte, nach welchem Ziele wir nun eigentlich alle liefen? und einer von denselben antwortete mir: zum Tode! Ich erschrack. Da ich grade den Berg zur linken Hand hatte, wand ich mich so, daß ich ihn zur rechten bekam, und fing an, die Weinreben, welche von der Stelle an, wo ich stand, bis in die Mitte des Berges mit dürren Zweigen, wie im Herbst, bedeckt und ohne Trauben waren, zu ergreifen und auf den Berg hinanzuklettern. Anfangs ging es sehr mühsam, da der Berg oder Hügel am Fuße ziemlich steil war; als ich aber die steile Stelle überstiegen hatte, wurde es mir vermöge der [83]Weinreben leicht hinaufzusteigen. Ich kam auf den Gipfel und erblickte, indem ich begierig war, über denselben fortzuschreiten, eine Menge nackter und steiler Steinklumpen, und es fehlte nicht viel, daß ich mich nicht in die tiefe Erde warf, und in den finstern Abgrund hinabstürzte; so daß mich dieser Traum, obgleich schon funfzig Jahre verflossen sind, wenn ich daran denke, noch erschreckt und traurig macht. Ich wand mich daher zur Rechten, ging weiter, ohne daß ich vor Furcht wußte, wohin, und erblickte mich endlich im Vorhofe eines Bauerhauses, welches mit Spreu, Binsen und Schilf bedeckt war, und führte einen Knaben von ungefähr zwölf Jahren in einem aschfarbigen Kleide an meiner rechten Hand, — wo ich dann erwachte.«

Nun höre man, wie Cardan sich selbst diesen Traum, der ein ganz gewöhnlicher Traum war — erklärt und auslegt. »Dieser Traum deutete offenbar die Unsterblichkeit meines Namens, meine beständigen und ungeheuren Arbeiten und Mühseligkeiten, mein Gefängniß, meine große Furcht und Traurigkeit, meine harte Lage wegen der Steine, meinen fruchtlosen Zustand wegen des Mangels an Bäumen und nützlichen Kräutern, aber doch auch meiner einstweilen angenehmen, einförmigen und bessern Schicksale an. Mein Traum hat mich belehrt, daß ich einen beständigen Ruhm haben würde; denn die Weinreben bringen eine jährliche Ernd-[84]te. Der Knabe zeigte meinen guten Schutzgeist an, oder vielleicht auch meinen Enkel. Das Bauerhaus in der Einöde, die Hoffnung zur Ruhe. — Der Schrecken und der Abgrund, den ich erblickte, hat den Fall meines Sohns anzeigen können.«

»Ein andermal träumte es mir, als ob ich vom Körper getrennt im Mondhimmel war, und mich über meinen einsamen Zustand beklagte, als ich auf einmal folgende Stimme meines Vaters vernahm: Ich bin dir von Gott zu deinem Wächter gegeben. Alles ist hier voll von Seelen, die du aber nicht siehst, so daß du weder mit mir noch mit ihnen reden kannst. Du wirst aber in diesem Himmel siebentausend Jahre bleiben, und eben so lange in den andern Planeten, bis zum achten, alsdann wirst du in's Reich Gottes eingehn! Diesen Traum hab' ich mir so ausgelegt: Die Seele meines Vaters zeigte meinen Schutzgeist, der Mond die Grammatik, Mercur die Geometrie und Arithmetik, Venus die Musik, die Weissagungsgabe und die Dichtkunst, die Sonne die Sittenlehre, Jupiter die Naturlehre, Mars die Medicin, Saturn den Ackerbau, die Kräuterkunde und die übrigen geringern Wissenschaften, der achte die Erndtelese, nämlich die Weisheit und andre Studien u.s.w. an.«

Er erzählt noch einige andre Träume, die wir übergehn können. Merkwürdig ist's, mit welcher [85]Ueberzeugung, daß jenes alles auf eine wirklich wunderbare Art und auf eigenthümliche Veranlassung Gottes geschehn sey, er seine Traumerzählung schließt. »Zu meinen Verdiensten, sagt er, kann man alles dies nicht rechnen. Es sind Geschenke Gottes, der keinem etwas, am wenigsten mir, schuldig ist. Diejenigen irren sich auch gröblich, welche sich einbilden, daß jene Dinge von mir aus einer eiteln und mächtigen Ruhmbegierde, wovon ich ganz entfernt bin, ersonnen worden wären, — und warum sollte ich endlich das Gute, was ich nicht durch mich, sondern durch Gottes Gnade besitze, mit solchen Märchen und Fabeln zu verunstalten suchen?«

Im 38sten Kapitel berührt er fünf besondre Eigenschaften, durch welche er unterstützt worden ist.

»Bisher, fährt er fort, hab' ich von mir als einem Manne gesprochen, der sogar bisweilen unter andern Menschen in Absicht seiner Natur und seiner Wissenschaft stand. Nun will ich aber von meiner in der That wunderbaren Natur reden, die um soviel bewundernswürdiger ist, da in mir etwas liegt, wovon ich nicht weiß, was es ist, was nicht aus mir durch eigne Kräfte hervorgebracht wird, was meine Kräfte übersteigt, und was ich am Ende des 1526sten Jahres oder am Anfange des folgenden entdeckt habe, so daß seit [86]der Zeit 46 Jahre verflossen sind. Ich nehme nämlich wahr, daß etwas von aussen mit einem Geräusch, und zwar grade von der Seite in mein Ohr schallt, wo von mir gesprochen wird. Ist's etwas Gutes, so gelangt es, es mag nun von der rechten oder linken Seite herkommen, in mein rechtes Ohr, und macht ein ordentliches Geräusch; ist's etwas Böses, so ist das Geräusch tumultuarisch, und kommt grade von der Stelle her, wo die tumultuarischen Stimmen entstehn. Wenn die Sache öfters übel abläuft, so wird die Stimme, da sie auf der linken Seite geendigt werden sollte, angestrengter, und die Töne vermehren sich.« Er erzählt noch mehr von dieser Gabe, fremde Stimmen zu hören, welche mit dem 1568sten Jahre verschwand; ferner behauptet er, daß er vermöge der Träume kurz bevorstehende Dinge (33 Jahre lang) habe vorhersehn können. Was er von einem gewissen Glanze sagt, der ihn gegen seine Nebenbuhler geschützt, und zu seinen Arbeiten und Geschäften auf eine angenehme Art aufgeholfen habe, ist wie so vieles, was er über seine geheimen Kräfte geschrieben hat, unverständlich, ob er gleich jenen Glanz, wo nicht für eine wirklich göttliche Sache, aber doch für ein Meisterstück der menschlichen Natur erklärt. Cardan glaubt, daß ihm jene Eigenschaften von Gott zum Troste bei seinen mannichfaltigen Leiden gegeben worden sind, und führt noch zuletzt im 38sten Kapitel an, daß auch dies ein sehr sonderbares Phänomen gewe-[87]sen sey, daß er nie von seinem Unglück befreit worden, als bis er habe verzweifeln wollen, bis keine Hoffnung mehr für ihn dagewesen sey, und daß er dann immer in neue Abgründe hinabgestürzt sey, wenn es mit ihm gut gestanden. »Mein Leben, sagt er, glich einem Schiff mit drei Ruderbänken, das bei den Ungewittern bald in den tiefsten Abgrund geworfen, bald auf die höchsten Wogen hinaufgeschleudert wird. O wie oft hab' ich bei mir dieses mein klägliches Schicksal beweint! — nicht nur, weil alles sehr übel ging, und alle Hoffnung verschwunden war, sondern weil ich auch meine Schicksale nicht so einrichten konnte, wie ich wollte, und keinen Ausweg zu meiner Rettung vor mir sah. — Aber nach zwei bis drei Monaten war alles ohne meine Bemühung und mein Zuthun verändert« u.s.w.

Kap. 39. handelt von seiner Gelehrsamkeit.

»Ich habe die Sprachkunst, so wie auch das Griechische, Französische und Spanische nie gelernt, bin aber, ich weiß nicht wie, zur Kenntniß dieser Sprachen gelangt. (An einem andern Orte sagt er ausdrücklich, daß er die Lateinische Sprache durch eine Art Wunderwerk auf einmal gelernt.) Eben so wenig hab' ich von der Rhetorik, Optik und der Wissenschaft von Gewichten verstanden, indem ich gar keinen Fleiß darauf gewandt. Die Astronomie ist mir auch unbekannt geblieben, weil sie mir [88]zu schwer schien, desto eifriger und bis zur Narrheit hab' ich die Musik getrieben, und mich nicht minder in der Theorie verloren. Auf die Geographie, die polemische Philosophie, Moral, Jurisprudenz und Theologie hab' ich mich nicht gelegt, weil sie zu weitläuftige und von meinem Plan entfernte Wissenschaften sind, und den ganzen Fleiß eines Mannes erfoderten. Ich habe aber mich doch auch mit keiner bösen, schädlichen und eiteln Wissenschaft abgegeben, daher ich mich der Chiromantie, c der Kunst Gifte zu bereiten und der Chymie, so wie auch der Physiognomie enthalten habe, weil letztere eine weitläuftige, höchst schwere Sache ist, ein starkes Gedächtniß und scharfe Sinne nöthig hat, die mir fehlen. Mit der Magie, welche sich auf Zaubereien gründet, mit Citiren der Geister oder Verstorbenen hab' ich mich auch nicht beschäftigt. Unter den lobenswürdigen Wissenschaften hab' ich vernachlässigt die Botanik, weil mir das Gedächtniß fehlte, den Ackerbau, weil man ihn mehr praktisch üben, als bloß im Kopfe haben muß; die Anatomie, wovon mich vieles abgeschreckt hat. Verse hab' ich auch nicht gemacht, ausser wenn es nöthig war, und das sehr wenige. Warum mögen mir nun so viele Wissenschaften zugeschrieben worden seyn, woran ich nicht gedacht habe, wenn man nicht meinen Ruf in der Medicin dadurch hat verringern wollen?

Pluribus intentus minor est ad singula sensus.

[89]

Auf die Astrologie, welche künftige Dinge vorherzusagen lehrt, hab' ich mich mehr, als ich gesollt, gelegt, und ihr zu meinem Unglück Glauben beigemessen. Von der natürlichen Astrologie hab' ich keinen Gebrauch gemacht, denn ich habe sie erst seit drei Jahren, nämlich in einem Alter von ungefähr 71 Jahren, erlernt.«

»Die Wissenschaften, die ich aber wirklich verstanden habe, sind folgende: die Geometrie, Arithmetik, theoretische und praktische Medicin, die Dialektik, die natürliche Magie, das Schachspiel, die Lateinische und andre Sprachen, theoretische Musik. Die Schiffskunst hab' ich nicht gelernt, auch nicht die Kriegs- und Baukunst. — Wenn man alle vorzügliche Wissenschaften auf sechsunddreissig rechnet: so hab' ich mich um sechsundzwanzig derselben gar nicht bekümmert, sondern nur zehn davon getrieben. Verschiedne haben mir aber eine größre Kenntniß und Erfahrung zugeschrieben, wegen der Darstellung meiner Ideen, welche durch ein tiefes und festes Nachsinnen, und die Verbindung mit mehrern richtig verstandenen Sachen unterhalten wird. — Zu der Anzahl jener zehn Wissenschaften rechne ich nun noch die Kenntniß sehr vieler Geschichten, welche, ob sie gleich keine eigentliche Wissenschaft ausmacht, doch viel zur Zierde dessen, was darin enthalten ist, gereicht. Ich muß noch dies hinzusetzen, indem ich zugleich einen jeden [90]ermahne, daß man sich eher mit wenigem als mit vielem, aber mit anhaltendem Fleiß beschäftigen müsse. Vorzüglich muß man vor allen Dingen diejenigen Kenntnisse suchen, welche dem menschlichen Geschlecht, und zuvörderst uns selbst, nützlich sind; muß zusammenhängende und wahre Prinzipien annehmen, die alten nicht aus Haß oder Ehrgeitz verlassen, sondern bald die bald jene als die besten versuchen. Ob du dich gleich berühmt zu machen oder einen Vortheil daraus zu ziehn suchst, so ist's doch besser, eine neue Wahrheit vollkommen zu bearbeiten, als tausend zu verfolgen und — nichts zu Stande zu bringen.«

Das 40ste Kapitel seines Buchs handelt von seinen glücklichen Curen, die er an sehr vielen Kranken verrichtet, und deren Anzahl er auf 180 rechnet. Er betheuert, daß er auch hier nichts aus Ruhmbegierde oder mit Unwahrheit gesagt habe.

»Es war der 22ste December 1557, da mir es sehr wohl zu gehn schien. Es war Mitternacht, ich hatte noch nicht einschlafen können, als ich aber einschlafen wollte, kam es mir vor, als wenn mein Bette und das ganze Schlafzimmer eine Erschütterung litte. Ich glaubte, es wär' ein Erdbeben. Endlich überfiel mich der Schlaf, und ich fragte, sobald es Tag geworden war, den Simon Sosia, [91]der jetzt hier zu Rom lebt, und in einem Rollbette lag, ob er etwas gemerkt habe? Eine Erschütterung der Stube und des Bettes, war seine Antwort. Um welche Zeit? fragt' ich weiter; um sechs oder sieben Uhr, erwiederte er. Ich begab mich darauf auf den Markt, und erkundigte mich bei mehrern, ob sie in der vergangenen Nacht ein Erdbeben verspürt hätten? Keiner bejahete es. Ich ging nach Hause, und siehe! ein Bedienter kam sehr traurig zu mir gelaufen, und erzählte mir, daß Johann Baptista (mein Sohn), die Brandoria Serona, seine Geliebte, die aber äusserst arm war, zum Weibe genommen habe. Hinc dolor, hinc lachrymae! Ich gehe zu ihm, und finde, daß alles geschehn ist. — Ich hielt es für einen göttlichen Wink, welcher mir des Nachts den am vorhergehenden Abend gefaßten Entschluß meines Sohns habe entdecken wollen; denn sobald es Tag geworden war, ging ich zu meinem Sohn, eh' er das Haus verließ, und sagte ihm: (nicht bloß weil ich durch jene Erscheinung aufmerksam gemacht wurde, sondern er mir selbst sehr zerstreut vorkam,) Mein Sohn, nimm dich heute in Acht, damit du nicht ein großes Unglück stiftest. Ich weiß noch die Stelle, wo ich's ihm sagte, ich war an der Thür, weiß aber nicht, ob ich etwas von der Erschütterung hinzufügte. Nicht lange darauf fühle ich nochmals, daß das Zimmer bebt; ich fühle mit der Hand um [92]mich her, und merke, daß mir das Herz heftig klopft; denn ich lag auf der linken Seite. Ich wandte mich um, und das Beben des Zimmers und das Herzklopfen hörte auf. Ich legte mich wieder auf die linke Seite, und beides kam wieder, daher ich denn schloß, daß eins aus dem andern entstand. Ich wußte wohl, daß das Beben der Stube und des Bettes vermöge des Herzklopfens eine natürliche Erscheinung war, ich sah' aber nicht ein, wie die erste Erschütterung entstanden seyn sollte; ich habe nur bemerkt, daß sie eine doppelte Erschütterung war, eine natürliche, welche aus dem Klopfen des Herzens entstand, und eine andre, die durch meinen Schutzgeist, vermöge des ersten, hervorgebracht wurde. —

Ein ähnlicher Zufall trug sich 1531 zu. Eine sanfte Hündinn bellte wider ihre Gewohnheit unaufhörlich fort; — die Raben saßen auf dem Dachgipfel und krächzten ungewöhnlich; — ein Knabe spaltete Holz, und es sprangen Feuerfunken heraus, — — ich heiratete plötzlich meine Frau, und seit der Zeit ist mir viel Uebels begegnet. Doch, setzt der große, aber äusserst abergläubige Mann hinzu, waren nicht alle dergleichen Dinge von einem göttlichen Einflusse. Denn als ich ungefähr dreizehn Jahr alt war, ergrif auf dem Ambrosischen Felde ein Rabe meine Rockfalte, und wollte sie nicht los [93]lassen, ob ich ihn gleich mit Gewalt mit mir fortzog, und wegjagen wollte, und doch ist mir damals viele Jahre hindurch, so wie auch den Meinen, nichts Uebels begegnet.

»In meiner Jugend konnt' ich auch das, was in der Stube war, im Finstern eben so gut sehn, als wenn ich Licht gehabt hätte. Aber nicht lange nachher ist diese Fähigkeit verschwunden.«

Es ist unbegreiflich, welche Kleinigkeiten der Mensch für gewisse Vorherbedeutungen halten kann, wenn einmal seine Seele an den Glauben an dergleichen Dinge gewöhnt ist. Im Februar 1565 brennt ihm das Bette zweimal an, und daraus macht er den Schluß, daß er nicht in Bononien bleiben würde. 1552 steigt eine stille Haushündinn, die zu Hause geblieben ist, auf den Tisch, und reißt seine Hefte zu öffentlichen Vorlesungen entzwei, läßt hingegen sein Buch de fato, welches näher vor ihr lag, unberührt liegen, und dies soll dann wieder ein Vorzeichen gewesen seyn, daß er am Ende des Jahrs aufgehört habe, acht Jahre lang keine öffentlichen Vorlesungen zu halten. Ein andermal löst sich die Binde auf, woran ein Smaragd an seinem Halse angehängt ist; noch ein andermal findet er, daß die Ringe, welche er an seinen Fingern trug, alle an einem einzigen sitzen, und dies hält er dann [94]wiederum für Vorbedeutungen seiner Einkerkerung und Befreiung, so wie andrer Uebel, die darauf erfolgt sind.

Vornehmlich schreibt sich Cardan eine Fähigkeit zu, den Ausgang der Krankheiten auf's gewisseste vorhergesehn und bestimmt zu haben, was die eigentliche Ursache des Todes seyn würde. Er stellt darüber mit vielen kostbare Wetten an, und er gewinnt sie jedesmahl. Er führt noch ein Paar sonderbare Beispiele seiner Vorhersehungsgabe im 43sten Kapitel seines Buchs an.

»Ein gewisser J. St. Biffo glaubte, daß ich die Chiromantie verstünde; er kam zu mir und bat mich, daß ich ihm etwas in Absicht seines Lebens prophezeihn mögte. Ich erwiederte, seine Bekannten hätten ihn betrogen, ich sey kein Chiromant; demungeachtet dringt er in mich, und ich erkläre: daß er es mir nicht übel nehmen möge, wenn ich ihm etwas sehr hartes vorhersagen würde, — er stehe in Gefahr, im kurzem aufgehangen zu werden. Noch in derselben Woche wird er ergriffen, man bringt ihn auf die Folter, er läugnet sein Verbrechen mit vieler Hartnäckigkeit, nichts destoweniger wurde er nach sechs Monaten aufgehangen, nachdem man ihm vorher die Hand abgehauen hatte.«

[95]

»Nicht so zufällig kann das genannt werden, was sich mit dem Paul Eufomia, einem jungen Menschen, und meinem sonstigen Alumnus zugetragen hat. Er war völlig gesund; eines Abends ließ ich mir Papier geben, und schrieb darauf: »daß er, wenn er sich nicht hütete, in kurzem sterben werde.« Nicht Sterndeuterei, oder ein mir bekannter Streich, den man dem jungen Mann spielen wollte, lag bei diesem Vorherwissen zum Grunde; ich gebe die Ursachen an, — binnen sechs bis acht Tagen wird er krank, und stirbt in eben so viel Tagen darauf wirklich.« —

»Was soll ich von einer andern Begebenheit zu Rom sagen? Soviel Gäste da waren, soviel können sie noch bezeugen. Ich erklärte, daß, wenn sie es mir nicht übel auslegen würden, ich ihnen etwas sagen wolle. Einer aus der Gesellschaft antwortete: Du willst gewiß den Tod eines unter uns vorherverkündigen? Meine Antwort war: ja! Und noch in diesem Jahre, am 1sten December starb er auch wirklich.«

Im 43sten Kapitel fährt Cardan fort die Sonderbarkeiten, die er an sich bemerkt haben will, und die er hier gar res prorsus supra naturam nennt, zu beschreiben. Ich führe auch diese als Beläge der erstaunlichen Stärke einer hypochondrischen Einbildungskraft über den Verstand der größten Köpfe an. —

[96]

»Als ich zu Pavia studirte, hört' ich einst des Morgens, eh' ich ganz aufgewacht war, an der Wand einen Stoß; das angränzende Zimmer war ganz leer, — als ich ganz aufwachte, hört' ich den Stoß nochmals, als wenn er mit einem Hammer geschähe. Ich erfuhr darauf, daß um die nämliche Stunde des Abends Galeazius, mein vertrauter Freund, gestorben sey. Doch kann die ganze Sache natürlich zugegangen seyn. Erstlich kann das ganze Phänomen seinen Grund in einem Traume gehabt haben. Zweitens konnte das Schlagen an der Wand von einer natürlichen Ursache herrühren. Endlich drittens konnten meine Bekannten, da sie mich wegen jenes Phänomens niedergeschlagen sahn, und ich aus Furcht den ganzen Tag zu Hause blieb, den Tod meines Freundes fingirt und auf die angezeigte Stunde verlegt haben, ob er gleich viel eher gestorben seyn konnte. Daher ich die Sache auch nicht weiter wunderbar nennen will.« Ganz anders urtheilt Cardan von folgenden Erscheinungen.

»Es war das 1536ste Jahr, als ich einst, ich glaube, es war im Julius, aus dem Speisezimmer herausging. Ich roch sogleich einen heftigen Gestank, als wenn eben eine Menge Wachskerzen ausgelöscht wären. Ich rief meinem Knaben, und fragte ihn: ob er einen Geruch empfände? O welch ein Wachsgeruch! antwortete er — ich hieß ihn [97]schweigen, fragte die Magd und meine Frau, alle bewunderten die Sache, meine Mutter ausgenommen, welche, wie ich glaube, wegen des Schnupfens nichts roch. Ich glaubte gleich, daß dieses wunderbare Phänomen den Tod von jemand anzeigen müßte, ich begab mich wieder in mein Bette, konnte aber nicht einschlafen. Aber nun trug sich noch etwas seltsameres zu. Ich hörte deutlich auf der öffentlichen Straße Schweine grunzen, obgleich keine vorhanden waren, und Enten schnattern, welches die ganze Nacht dauerte. Von so vielen Erscheinungen niedergeschlagen, wußte ich nicht, was ich des Morgens machen sollte. Ich lief von der Frühstückzeit an ausser der Stadt herum, kehre endlich wieder nach meinem Hause zurück, und erblicke meine Mutter, welche mich antrieb, dem vom Blitz getroffenen Nachbar zu Hülfe zu eilen, — ich lief hinzu und fand ihn todt.«

»Noch eine andre Erscheinung ist folgende. Als meine Mutter in den letzten Zügen lag, hört' ich, ob ich gleich bei hellem Sonnenlichte nichts sahe, funfzehn Schläge — so ungefähr, als wenn das Wasser tropfenweise auf das Pflaster fällt. Die Nacht vorher zählte ich von dergleichen Schlägen an die 120. Aber ich stand bei mir an, ob nicht vielleicht einer meiner Hausleute mir bei meiner Angst einen Streich spielen wollte, weil die Schläge von der [98]rechten Hand kamen. — Nicht lange darauf hört' ich das Geräusch eines mit Brettern beladenen Wagens, als ob sie mit einmal abgeladen würden, mein Bette zitterte, und — meine Mutter war unterdessen gestorben, weiß aber nicht, setzt er hinzu, was die Schläge bedeutet haben. Ich will das übergehn, was mir in der Mitte des Junius 1570 begegnet ist. Es kam mir vor, als wenn jemand des Nachts bei verschlossenen Thüren und Fenstern in meinem Zimmer herumwanderte.« —

Alles Vorhergehende übertrift an schwärmerischer Einbildungskraft und ungewöhnlichem Unsinn folgendes.

»Wer mag wohl der Mann gewesen seyn, fragt Cardan, welcher mir in meinem zwanzigsten Jahre den Lateinischen Apulejus verkaufte, und sogleich wieder wegging? Ich war damals nur ein einzigesmal in der (Lateinischen) Schule gewesen, hatte noch gar keine Kenntnisse in dieser Sprache erlangt, hatte den Apulejus bloß deswegen gekauft, weil er vergoldet war — und den andern Tag darauf war ich soweit in der Lateinischen Sprache, als ich jetzt bin, hatte auch zugleich das Griechische, Spanische und Französische mit gelernt, daß ich Bücher darin lesen konnte, — ob ich gleich von der Sprache und den grammaticalischen Regeln vorher nichts wußte. Im [99]Jahr 1560 im Monat Mai, da ich wegen des Todes meines Sohns den Schlaf nach und nach verloren hatte, bat ich Gott, daß er sich meiner erbarmen mögte, indem ich wegen meines beständigen Wachens entweder sterben, oder wahnwitzig werden, oder mein Amt nothwendig niederlegen müsse. — Geschähe das Letztere, so könnte ich nicht mehr ein ehrbares Leben führen; geschäh' es, daß ich wahnwitzig würde, so würde ich ein Spott aller Leute werden, würde den Rest meines Vermögens verzehren, und alle Hoffnung meines Unterkommens verlieren, da ich in meinem Alter meine Lebensart nicht mehr verändern könnte: — ich bäte also, daß er (Gott) mich möge sterben lassen, da dies einmal doch das Schicksal aller Menschen sey, — und legte mich sogleich in's Bette. Die Stunde verstrich langsam, ich war gezwungen, um zehn Uhr aufzustehn, weil ich nicht länger als höchstens zwei Stunden im Bette bleiben konnte. Plötzlich überfiel mich aber der Schlaf, und es kam mir so vor, als hört' ich aus der Dunkelheit eine Stimme; woher? und von wem? sie kam, konnte ich nicht wegen der Finsterniß unterscheiden. Was klagst du, worüber beunruhigst du dich? eh' ich noch antwortete, fuhr sie fort: über den Tod deines Sohns? Ich antwortete, ja allerdings! Darauf antwortete es mir wieder: lege den Stein, welchen du an deinen Hals gehangen, in den Mund, und so lange [100]du ihn darin hältst, wirst du an deinen Sohn nicht denken! Ich erwachte sogleich, und dachte darüber nach, was mein Smaragd mit dem Nichtdenken an meinen Sohn für eine Verbindung haben könne; — ich that es, und was unglaublich scheinen mögte, ich vergaß alles, was meinen Sohn betraf, theils damals, als ich wieder in Schlaf kam, theils in dem darauf folgenden ganzen Jahre und einem halben. Inzwischen, wenn ich aß, oder öffentliche Vorlesungen hielt, und ich dann den wohlthätigen Smaragd nicht gebrauchen konnte, wurd' ich bis zum Todesschweiß gequält.«

In der Nacht vor dem 13ten August 1572 hörte ich von der rechten Seite her ein entsetzliches Geräusch. Ich hatte Licht angezündet, wachte, und es war nicht weit von der zweiten Nachtstunde. Es kam mir so vor, als wenn ein Wagen mit Brettern abgeladen würde. Ich sehe mich um, es war im Eingange meines Schlafgemachs, wo ein Knabe schlief. Die Thür stand offen, und ich sehe auf einmal einen Bauer hereinkommen — blicke ihn scharf an, und — höre von ihm folgende Worte: Te sin casa. Worauf er sogleich verschwand. Ich kannte weder die Sprache, noch sein Gesicht, noch verstand auch, was obige Worte sagen wollten.

Im Monat April 1570 trug sich folgendes zu. Als ich eben ein Gutachten für meinen Patron den [101] Cardinal Morono geschrieben hatte, war mir ein Bogen davon auf die Erde gefallen. Ich war mißvergnügt darüber, stehe auf, und siehe! das Blatt hebt sich zugleich mit mir in die Höhe, fliegt nach dem Tische hin, und bleibt an seinem Querbalken emporgerichtet hängen. Voller Bewunderung rufe ich dem Rodülph, und zeige ihm den wunderbaren Vorfall; er sahe aber die Bewegung nicht, und ich habe nicht begreifen können, was die Sache mag bedeutet haben.«

Cardan erzählt in diesem Kapitel noch mehr dergleichen Histörchen, und sagt am Ende desselben, daß er sehr viele nicht einmal berührt habe.

Das 44ste Kapitel handelt von seinen neuen Entdeckungen in der Dialektik, Arithmetik, Naturlehre, Moralphilosophie und Medicin. Darauf folgt im 45sten Kapitel das lange Verzeichniß seiner mathematischen, astronomischen, physischen, moralischen, vermischten, medicinischen, theologischen und andrer Schriften. Er erinnert noch einmal, daß er öfters im Traume zum Schreiben angereitzt worden sey, und daß ihn zugleich das Verlangen, seinen Namen zu verewigen, dahin vermogt habe. Ausser der ungeheuren Menge seiner noch vorhandenen Schriften hatte er im 37sten Jahre neun seiner Bücher ganz verbrannt, weil er einsahe, daß sie [102]eben keinen Nutzen stiften würden. Im Jahr 1573 verbrannte er noch 120 Bücher, und zog nur das Beste davon aus. So interessant übrigens das ganze Kapitel für den Litterator seyn mag, so zwecklos wäre es hier noch mehr von seinen gelehrten Arbeiten zu sagen.

Im 46sten Kapitel, de me ipso überschrieben, gesteht Cardan ein, daß es ihn, ungeachtet seiner unzähligen erduldeten Uebel, nicht gereut, gelebt zu haben, und schätzt sich vornehmlich deswegen glücklich, daß er von so vielen und erhabnen Dingen eine gewisse und seltne Kenntniß besessen habe, und daß er nun (in seinem Alter) wisse, daß die Natur des Menschen an der Gottheit selbst Antheil habe.

Das 47ste Kapitel handelt von seinem Schutzgeist, dessen er schon oft im Vorhergehenden gedenkt. Er nennt eine Menge großer Leute, die einen dergleichen Schutzgeist gehabt haben sollen, worunter er sich ausdrücklich rechnet, und die Anmerkung dabei macht, daß alle, die einen dergleichen Dämon gehabt hätten, Socrates und er ausgenommen, sehr glückliche Menschen gewesen wären.

»Daß mir ein solcher Dämon beigewohnt, sagt er, davon bin ich schon längst überzeugt gewesen, hab' es aber nicht eher begriffen, auf welche Art er [103]mich von bevorstehenden Zufällen unterrichtet, als nach meinem 74sten Lebensjahre, als ich mein Leben zu beschreiben anfing.« Diesem Schutzgeist schreibt er nun alle die im Vorhergehenden erzählten sonderbaren Zufälle zu, und glaubt, daß es ohne eine solche göttliche Hülfe unmöglich gewesen, so viel Dinge mit größter Deutlichkeit vorherzusehn, ohne sich darin zu irren. Er glaubt, daß jene oben erzählten Vorbedeutungen an Raben und Hunden daher gerührt hätten, indem der Schutzgeist auf die unvernünftigen Seelen der Thiere eben sowohl als auf die Menschen würken könne, daß er in diesen durch gewisse Schattenbilder, oder auch durch glänzende Gegenstände Furcht und Schrecken erregen könne.

Er theilt alle Schutzgeister in folgende Klassen ein. Schutzgeister, die gewisse Uebel verhindern, wie der des Socrates war; Warnungsschutzgeister, wie der beim Tode des Cicero; lehrende Schutzgeister, die uns durch Träume, Thiere, äussere Zufälle, durch geheime Erinnerungen, daß wir uns an einen gewissen Ort begeben sollen, oder durch Täuschung eines oder mehrerer unsrer Sinne, desgleichen durch natürliche und unnatürliche Begebenheiten von zukünftigen Dingen Nachricht ertheilen. Die Schutzgeister sind ferner von guter und böser Art.

[104]

»Es bleiben hierbei, fährt er fort, allerlei Zweifel übrig; warum grade für mich, und nicht eben so für andre der Schutzgeist soviel Sorge trägt, da ich, wie einige meinen, keine Vorzüge in Absicht meiner Gelehrsamkeit besitze; — oder soll ich mir jene Sorgfalt des Schutzgeistes wegen meiner unermeßlichen Wahrheits- und Weisheitsliebe, oder meiner Verachtung äusserer Güter, selbst bei meiner Armuth, oder meiner Neigung zur Gerechtigkeit, oder soll ich alles Gott allein zuschreiben, der dies nach einem ihm allein bekannten Endzweck an mir thut?

Noch mehr! warum warnt mich der Schutzgeist nicht gradezu, warum bald auf diese, bald auf jene Art; soll ich etwa, wie z.B. durch jenes unordentliche Geräusch, ein Vertrauen auf Gott setzen lernen, daß er alles sieht, ob ich ihn gleich nicht sehe? Er konnte mich ja auch durch einen Traum, durch ein andres Wunder deutlicher unterrichten; aber jene Art mag vielleicht mehr eine göttliche Sorgfalt für mich anzeigen; — — doch, fährt er fort, es wäre thörigt, über dergleichen Dinge sich mit voreiligen Untersuchungen abzugeben.«

Uebrigens läugnet Cardan nicht, daß sich auch der Schutzgeist wirklich irren könne. Man höre, wie er dies zu erklären und seinen Schutzgeist zu ret-[105]ten sucht: »Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Ursache jener Vorzeichen, nämlich der Schutzgeist, so wie die ganze Natur, eine gewisse bestimmte Bewegung hat, und so wie in der immer in ihrem Gleise bleibenden Natur aus einem Fehler der Materie unförmliche Geschöpfe entstehn können; so kann es auch in Absicht jener Geister Gebrechen geben. Ich glaube nicht, daß der Schutzgeist seiner Natur nach edler als die Vernunft sey, und dennoch irrt sich oft diese wegen der Materie, die auch für das Instrument jenes Geistes gehalten werden muß. Und gleichwie in gewissen Jahren aus Mangel der Sonnenwürkung viele unförmliche Geschöpfe entstehn: so können auch durch die auf den Körper oder die Seele würkende himmlische Kraft, die verhindert worden ist, Unvollkommenheiten und Irrthümer in der auf gewisse Zeichen gegründeten Vorhererkenntniß künftiger Dinge entstehn. Da der Schutzgeist ein immaterielles Wesen ist, und als ein gutes Geschöpf von Gott abhängt; so zeigt er nach dem Willen Gottes das Künftige richtig an, und irrt sich nie; denn die menschliche Natur ist an sich so eingerichtet, daß sie der Seele das richtig anzeigen muß, was sie von dem Geiste empfängt; allein das Instrument, wodurch sie Unterricht geben will, ist nicht immer zur Aufnahme jener Vorhererkenntnisse gut eingerichtet« u.s.w.

[106]

Im 48sten Kapitel führt er die Zeugnisse von 73 gelehrten Männern an, die in ihren Schriften seiner mit Ehren gedacht haben. Selbst seine Feinde gestanden ihm eine ungeheure Gelehrsamkeit zu; und Scaliger, sein Erzfeind, nannte ihn das tiefsinnigste, glücklichste und unvergleichlichste Genie.


Sehr auffallend sind vornehmlich die im Vorhergehenden erzählten fabelhaften Grillen des grossen Mannes, wenn man sie mit den durchdachten Untersuchungen mathematischer und philosophischer Wahrheiten vergleicht, die in seinen Schriften häufig vorkommen. In diesen Untersuchungen bemerkt man auf allen Seiten einen scharfsinnigen Denker, und in obigen Erzählungen seiner an sich bemerkten sonderbaren Phänomene einen Schwärmer, dessen Einbildungskraft alle Augenblicke mit ihm davon läuft, und der die allerunbedeutendsten Kleinigkeiten für Vorzeichen gewisser Begebenheiten, oder Winke seines guten Dämons hält. Diese letzte Idee haben überhaupt mehrere große Köpfe gehabt, — und sie hat so etwas Behagliches, der menschlichen Eitelkeit Schmeichelndes, und bei unsern mannigfaltigen Schwachheiten und Leiden so etwas Tröstendes an sich, daß die meisten Menschen sich geneigt fühlen, an gewisse uns begleitende Schutzgeister zu glauben, und sie sich unter allerlei Gestalten zu denken. Die [107]Menschen suchen sich gar zu gern die Beweise von einer sie bewachenden göttlichen Providenz so anschaulich als möglich zu machen, und es ist den meisten leichter, sich in Gedanken einen gewissen Schutzgeist zu wählen, der alle ihre Angelegenheiten auf göttliche Veranlassung besorgt, als sich die Harmonie des Ganzen, worin die Schicksale eines jeden einzelnen weislich mit eingeschlossen sind, in Beziehung auf sich, deutlich vorzustellen. Jeder Mensch ist überdem geneigt, entweder, weil er sich für ein sehr wichtiges Individuum hält, oder weil er sehr sonderbare Phänomene an sich wirklich, wenigstens in gewissen Zeiten, zu bemerken glaubt, sich leicht in eine nähere Verbindung mit der Gottheit hineinzuträumen, und gleichsam durch ein Zwischensubject die Lücke auszufüllen, die zwischen ihm und der Gottheit ist. In dieser Idee wird er nun durch eine Menge von Umständen bestärkt, die selbst ein philosophisches Raisonnement über die Kette aller Wesen, vom Wurm bis zur Gottheit hinan, so sehr dies auch noch bloße Hypothese seyn mag, zu bestätigen sucht. Es kommt ihm sehr natürlich vor, daß mit dem Menschen die Grade der Erkenntniß und Geistesvollkommenheit noch nicht aufhören, sondern von Stuffe zu Stuffe in Wesen ausser uns, immer weiter vorrücken müßten. Da diese Wesen, insofern sie sich nicht durch Sinne und Erfahrungen deutlich beweisen lassen, immer idealische Geschöpfe [108]bleiben; so behält die menschliche Einbildungskraft die Freiheit, in dieselben Kenntnisse, und Fähigkeiten hineinzudenken, soviel sie will, sich Geschöpfe zu schaffen, die die Gottheit wohl nie geschaffen haben mag, und ihnen eine Macht über die menschlichen Angelegenheiten, und sogar einen Einfluß auf unsern Verstand und Willen zuzugestehn, den sie nicht haben können. Die ewige Ordnung aller Dinge, die nie aus ihrem Gleise weicht, immer durch die genaueste Verbindung zwischen Ursach und Würkung dieselbe bleibt, und die Schicksale eines jeden einzelnen, so wie die Denkungs- und Handlungsart aller, an unverletzliche Gesetze bindet, macht, um mich so auszudrücken, den Succurs jener aussermenschlichen Wesen völlig unnöthig und unbegreiflich. Die Gottheit, jene ewige und weise Ordnung aller Dinge und Kräfte, bedarf zur Regierung ihres unendlichen Reichs keiner Boten und Gesandten, und keiner Dämonen, um die Menschen zu warnen, da sie ihnen die Vernunft zu Lehrern und Erkenntnißquelle aller Wahrheit gegeben hat. —

Ich komme nach dieser Episode auf Cardan zurück. Es ist sehr begreiflich, wie ein Mann von seinem melancholischen und finstern Temperament, ein Mann, der so unzählich viel Uebel ausgestanden hatte, und in sich gewisse Vorzüge vor andern Menschen zu bemerken glaubte, auf den Gedanken kom-[109]men konnte, daß ihn ein Dämon begleiten müsse. — Er fand die Beispiele ähnlicher Meinungen in andern großen Köpfen vor, seine Leiden hatten oft eine sehr sonderbare Wendung genommen; die genaue Aufmerksamkeit auf alle seine körperlichen Empfindungen hatte ihm die Erfüllung gewisser vorhergesehenen Begebenheiten (freilich auf eine ganz natürliche Art) sehn lassen, — das Alter kam hinzu, das so leicht abergläubig werden kann, und alle diese Umstände mußten jenen Glauben an einen Dämon bestärken helfen. Auch würkte vielleicht das Ausserordentliche jener Meinung auf ihn so stark, daß er schon des Ausserordentlichen wegen, was bei den Hypochondristen so viele Würkung thut, an jener Meinung ein Behagen fand; so wie Lessing wahrscheinlich des Ausserordentlichen wegen ein Vertheidiger von der Seelenwanderung der Menschen war.

Cardan hat die Idee von einem ihn begleitenden Dämon auch nicht gleich anfangs gehabt, sondern erst in seinem spätern Alter angenommen, nachdem er nämlich sein Leben zu beschreiben anfing, und nochmals einen genauen Blick auf alle seine Schicksale warf. Am Ende seines Lebens mogten ihm viele derselben in einem ganz neuen Lichte erscheinen, und vieles konnte ihm, durch die Schwächen des Alters verführt, wunderbar vorkommen, was jeder unbefangne Leser seiner Schriften ganz natürlich [110]findet. Ueberdem ist wohl nicht zu läugnen, daß Cardan öfters an einer Art melancholischen Wahnwitzes krank gelegen hat, der ihm Dinge zeigte, die nicht existirten, und seine Einbildungskraft mit Wunderbildern anfüllte. Gabriel Naudäus, welcher die Schriften Cardans vielleicht mehr als jeder andrer studirt hat, hat ein eigenes Urtheil über jenen sonderbaren Mann abgefaßt, und sein ganzes Temperament auf eine sehr gute psychologische Art beleuchtet, was im folgenden Stück, nebst dem Rest von Cardans Lebensbeschreibung vorkommen wird.

P.

(Die Fortsetzung folgt.)

Fußnoten:

1: *) Ein lebhaftes Bild der Imagination, das sich durch irgend einen Umstand tief der Seele eingedrückt hat, pflegt im Wachen sowohl als im Schlafen augenblicklich wieder zu erscheinen, daher das öftere Träumen von dem Hahn, da die Idee ohnedas mit einer innern Furcht verbunden war, sehr natürlich zuging.
P.

2: *) Leibnitz sagt von ihm: Qui étoit affectivement un grand homme avec tout ses défauts, & auroit été incomparable sans ces défauts. E. Théodicée pag. 435. b

Erläuterungen:

a: Februar.

b: Leibniz 1710.

c: Die Kunst des Handlesens.

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Fortsetzung der Revision der drei ersten Bände dieses Magazins. 1
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Aehnlicher Fall zu der im zweiten Stück des fünften Bandes erzählten sonderbaren Ohnmacht. 19
2. Aus den Papieren eines Hypochondristen<.> 20
Zur Seelennaturkunde.
Ueber den Zustand der Seele nach dem Tode. Ein Gespräch. 25
Zur Seelenheilkunde. 50
[<112>]

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Zur Seelenzeichenkunde.
Fragmente aus dem Tagebuch eines Beobachters Seinselbst. 55
Belag zur Geschichte der Ahndungen. 62
Fortsetzung des Lebens des H. Cardans. 72