ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: IV, Stück: 3 (1786)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz,
Professor am Berlinischen Gymnasium.

Vierten Bandes drittes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1786.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Vierten Bandes drittes Stück.

<Revision.>

Fortsetzung der Revision der drei ersten Bände dieses Magazins.

Moritz, Karl Philipp

Die Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, welche in psychologischer Rücksicht gewiß äußerst merkwürdig sind, haben in diesem Magazin, unter den mannichfaltigen Beiträgen zur Seelennaturkunde, eine eigne Rubrik erhalten, zu welcher, von verschiednen Verfassern, verschiedne Aufsätze eingelaufen sind.

Im ersten Stück des ersten Bandes S. 65 habe ich den ersten Aufsatz, mit der Ueberschrift: Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, geliefert, um diese Materie, wobei es auf wechselseitige Mittheilung von Beobachtungen vorzüglich ankömmt, zur Sprache zu bringen.

[2]

Wenn dasjenige, was jetzt unser Ich ausmacht, schon einmal in andern Verhältnissen da war, so müßten wohl nur die halberloschnen Kindheitsideen das feine unmerkliche Band seyn, wodurch unser gegenwärtiger Zustand an den vergangnen geknüpft würde; sie sind gleichsam ein zarter Faden, wodurch wir in der Kette der Wesen befestigt sind, um so viel wie möglich isolirte, für sich bestehende Wesen zu seyn.

Unsre Kindheit wäre dann der Lethe, aus welchem wir getrunken hätten, um uns nicht in dem vorhergehenden und nachfolgenden Ganzen zu verschwimmen, sondern eine individuelle, gehörig umgränzte Persönlichkeit zu haben.

Wir sind gleichsam in ein Labyrinth versetzt, woraus wir den Faden nicht wieder zurückfinden können, und ihn auch vielleicht nicht wieder zurückfinden sollen: wir knüpfen daher den Faden der Geschichte an, wo der Faden unsrer eignen Rückerinnerung reißt, und leben, wie unsre eigne Existenz uns schwindet, in der Existenz der Vorwelt zurück.

Noch gab es keinen Theseus, der aus diesem verwickelten Lebenslabyrinthe den Ausweg durch Rückerinnerung gefunden hätte, und wenn es einen gäbe, so würde man sehr strenge Beweise fordern, welche wir aufzustellen, schwerlich im Stande seyn würden: die Rückerinnerung würde also ihm [3]allein zu statten kommen, oder vielmehr nicht zu statten kommen; denn ein solcher Mensch müßte eine übernatürliche Stärke der Seele besitzen, oder die Aussicht, die sich ihm eröfnete, müßte ihn dem Wahnwitz nahe bringen, er müßte nothwendig seine isolirte Ichheit, seine Persönlichkeit verlieren: er würde lebend aufhören, zu seyn.

So lange die Welle über die umgebende Wasserfläche emporragt, und gewissermaßen von dieser Umgebung abgeschnitten ist, hat sie nur ein für sich bestehendes Daseyn; ist aber gegen das umgebende Ganze unendlich klein; sobald sie sich wieder in das umgebende Ganze verliert, ist sie mit denselben zwar größer, aber sie ist nun nicht mehr, was sie war; sie hat ihren Augenblick ausgedauert, und gerade dieselben Wassertropfen werden sich vielleicht nie wieder zusammen finden, um eine Welle zu bilden.

Dieß sind zwar Bilder und Gleichnisse; allein wegen der großen Aehnlichkeit zwischen der Geister und Körperwelt in ihren Verhältnissen, geben Bilder uns oft mehr Aufschlüsse, als Abstraktionen, wenn wir sie immer nur als Bilder betrachten.

Es ist nicht unangenehm, sich zuweilen in weiten dämmernden Aussichten, in Ahndungen und Träumen von einem vergangnen oder künftigen Daseyn andrer Art, wie das Gegenwärtige, zu [4]verlieren, sobald dieß Verlieren ein bloßes Spiel bleibt, und wir immer wieder zur gehörigen Zeit auf den gegenwärtigen Lebensfleck zurückkehren, von welchem unsre gewisseste Glückseligkeit abhängt, und wo wir sie gleichsam aus der ersten Hand erhalten.

So habe ich meiner Phantasie auch zuweilen das Spiel verstattet, in die frühesten Jahre der Kindheit unvermerkt bis dahin zurückzuschauen, wo es einem deucht, als ob man nahe dabei wäre, einen undurchdringlichen Vorhang aufzuziehen, der einem vor den Augen hängt, wovon man aber immer, ohne zu wissen wie, unvermerkt wieder abkömmt. — Nützlich aber kann dieser Gegenstand der Betrachtung nur dadurch werden, wenn wir untersuchen, was für einen Einfluß die frühesten Erinnerungen aus den Jahren der Kindheit auf unser gegenwärtiges wirkliches Leben haben? in wie fern sie die Grundlage aller unsrer folgenden Ideen ausmachen? und in wie fern sie sich immer unmerklich unter dieselben mischen, und ihnen eine Richtung geben, die sie sonst nicht würden genommen haben?

In einer Schrift, die ich unter dem Titel Anton Reiser, ein psychologischer Roman, a herausgegeben, und wovon ich in diesem Magazin einige Fragmente mitgetheilt habe, sind sehr viele hierin einschlagende Beobachtungen enthalten: die Erinnerungen aus Anton Reisers frühesten Kinder-[5]jahren waren es vorzüglich, die seinen Charakter und zum Theil auch seine nachherigen Schicksale bestimmt haben. Ich werde mich bei mehreren Gelegenheiten künftig auf diesen psychologischen Roman beziehen müssen, weil er die stärkste Sammlung von Beobachtungen der menschlichen Seele enthält, die ich zu machen Gelegenheit gehabt habe.

Merkwürdig ist es nun, daß in dem Aufsatz des Herrn Fischer, welcher im 2ten St. des ersten Bandes S. 82 steht, gerade ein dem meinigen entgegengesetztes Resultat, aus den Beobachtungen desselben erfolgt.

Ich erinnere mich aus meiner frühesten Kindheit überhaupt mehr der Farben als der Gestalten und verhältnismäßigen Größen der Dinge, und glaubte mir dieß daraus erklären zu können, daß überhaupt in der Kindheit die Einbildungskraft am stärksten und lebhaftesten wirkt, und dieß also wohl ziemlich allgemein zutreffen möchte; bis ich aus den Aufsatz des Herrn F.. sehe, daß bei ihm sich überall die Vorstellungen von Figuren und Gestalten unauslöschlich eingeprägt, die Erinnerungen an Farben aber so dunkel und ungewiß sind, daß sie sich fast gar nicht fixirt zu haben scheinen. Weiß und Schwarz, als die beiden abstechendsten Farben, scheinen sich bei ihm noch am stärksten eingeprägt zu haben.

[6]

Noch merkwürdiger ist die Beobachtung des Herrn F., daß die Eindrücke der Farben, nach der Beschaffenheit seines Auges, bei ihm sehr lebhaft, die Vorstellungen von Figur und Umriß hingegen sehr undeutlich und unbestimmt und sogar unrichtig sind, wie er aus andern Beobachtungen, die er über sein Gesicht angestellt hat, weiß.

Und demohngeachtet sind ihm die Farben der Dinge fast gänzlich aus dem Gedächtniß entschwunden, und die Gestalten und Umrisse haben sich dagegen unauslöschlich eingeprägt.

Er baut hierauf den Satz: daß es bei Fixirung sinnlicher Vorstellungen weder auf die Lebhaftigkeit des sinnlichen Eindrucks, noch auf die Dauer desselben, noch auf die innere Deutlichkeit der Vorstellungen ankömmt; sondern daß dieß alles höchstens nur mitwirkende Ursachen sind; und daß zu der Fixirung der Ideen irgend eine nicht von außen, sondern durch innere Anlagen mehr oder weniger bestimmte Richtung der Seelenthätigkeit erfordert werde, die entweder in der Organisation des Gehirns, oder in den innersten Anlagen der Seelenkräfte gegründet ist.

Herr F. hält diese Auflösung selbst für unvollkommen, weil der Begriff einer besondern Richtung der Seelenthätigkeit höchstens klar aber nicht deutlich ist. — Indes ist es doch an-[7]genehm, wenn man durch dergleichen Betrachtungen sich die persönliche, von Zufälligkeiten unabhängige, und in sich selbst gegründete Existenz seiner Seele gleichsam sichern kann.

Herr F. sieht eine senkrecht vor ihm stehende Linie so undeutlich, daß sie fast einem Strich gleicht, den man mit sehr flüßiger Dinte auf Löschpapier macht, und er weiß aus Erfahrung, daß ihm die Breite der Gegenstände in Vergleichung mit ihrer Höhe immer etwas zu groß erscheint.

Demohngeachtet maß seine Seele von seiner frühesten Kindheit an, trotz seinem Auge; und die Vorliebe zur Mathematik ist von seiner frühesten Kindheit an beständig bei ihm überwiegend geblieben.

Unsre Sprache verläßt uns aber, sobald es nun auf die Entwickelung desjenigen ankömmt, was denn eigentlich unsre Ideen fixirt? Wir müssen uns alsdann mit figürlichen oder ganz allgemeinen Ausdrücken behelfen.

Innerste Anlage der Seelenkräfte z.B. Was heißt das, Anlage? Ein Grund, woran sich etwas legen kann, das die Gestalt von dem annimmt, woran es sich legt, oder wodurch die Unterlage gleichsam fortgesetzt wird, wie bei der Pflanze, und bei dem Thier. Die Anlage, dasjenige, woran sich fremde Theile legen können, um mit dem wachsenden Körper eins zu werden, ist da; aber wie legen sich diese Theile an? [8]wo ist der erste, und allererste Grundstoff zur Anlage, oder vielmehr, wo und wann wird er eigentlich zur Anlage? Fragen, die wir vielleicht gar nicht thun sollten, weil es uns unzufrieden macht, daß wir sie uns nie sollen beantworten können.

Und doch sollte man glauben, es müßte uns leichter seyn, die ersten Grundfäden von den wunderbaren Gewebe unsrer Gedanken aufzufinden, als das Geheimnißvolle in den Wachsthum des Thiers und der Pflanze auszuspähen; weil die Ideen doch dasjenige sind, was uns einmal, in der ganzen Welt, am allernächsten liegt, und was wir am meisten zu unsrer eignen Disposition haben. — Um uns aber hier einen Weg zu bahnen, müssen wir erst mit der Sprache weiter vorwärts dringen, und daher ist das Studium der Sprache in psychologischer Rücksicht wohl kein unnützes Studium.

Indes gehört auch das vorzüglich hierher, was Herr Pockels im zweiten Stück des zweiten Bandes S. 18 über den Mangel unsrer Jugenderinnerungen sagt: »Es scheint, sagt er, als wenn uns die Natur recht mit Fleiß den ersten unvollkommnen Zustand unsrer Existenz habe verbergen wollen, indem sie uns unfähig machte, uns der ersten Erfahrungen unsres Lebens zu erinnern; so lehrreich es auch in der That für den menschlichen Verstand seyn würde, wenn er die Reihe unsrer nach und nach erlangten sinnlichen Begriffe, oder [9]besser, den ersten großen Wirrwar desselben überschauen könnte.«

Aus diesen Wirrwar der Begriffe, welcher durch die erste zu große Herbeifuhr neuer Begriffe, die durch fünf Kanäle auf einmal mitgetheilt werden, entsteht, leitet Herr P. das wichtige Bedürfniß der Sprache und die bereitwilligste Annahme derselben schon in der frühesten Jugend, noch vor der völligen Ausbildung unsrer Sprachorganen, her; indem er zugleich voraussetzt, daß die Natur, welche bei den größten scheinbaren Unordnungen, nie die ihr eignen Gesetze der Ordnung und Harmonie aus den Augen verliert, eben diese weise Absicht, uns die Sprache zum Bedürfniß zu machen, bei dem ersten Wirrwar unsrer Begriffe gehabt habe.

Durch das Reden lernt das Kind bald deutlich denken, und so entsteht ursprünglich seine Seelenthätigkeit, die sich in der Folge in die tiefsinnigsten Untersuchungen einlassen kann, aus einer anfänglichen Konfusion seiner ersten Ideen.

Man siehet, wie Herr P. diesen Gegenstand auf eine ganz neue Seite gekehrt hat, um ihn für das Nachdenken fruchtbar zu machen, welches ihm vortreflich gelungen ist: denn die Entstehung, von Licht und Ordnung aus dem Chaos, und daß bloß das Chaos da war, damit Licht und Ordnung daraus entstehen sollte, ist eine so herzerhebende große Idee, daß schon allein um dieser [10]Idee willen, die Art, wie Herr P. diesen Gegenstand behandelt hat, nicht unnütz seyn würde, wenn er auch weiter in kein System von Lehrsätzen eingriffe.

Die Urkraft der Seele, die vielleicht jahrtausende hindurch geschlummert hat, kann nur durch gewaltige Hindernisse in Bewegung gesetzt werden; und in Bewegung soll sie gesetzt werden; sie soll nicht vollkommen seyn, sondern vollkommen zu werden suchen; sie soll nicht Kenntnisse besitzen, sondern Kenntnisse zu erlangen streben; sie wird, wie die elastische Feder in sich selbst zurückgedrängt, um wieder aufzuspringen. — —

In dieser ersten Grundkraft der Seele, Hindernisse zu überwinden, ihren Thätigkeitstrieb auf etwas zu richten, das ihm entgegensteht, auf etwas, woran sie einen Widerstand findet, und das man daher auch einen Gegenstand nennt; hierin treffen die beiden Aufsätze des Herr F. und des Herrn P., die sonst nichts miteinander gemein haben, wieder zusammen, und mußten darin zusammentreffen, weil hier der letzte Gränzpunkt ist, wo sich jede Untersuchung irgend eines menschlichen Geistes zu endigen scheinet.

Im dritten Stück des zweiten Bandes S. 103 steht ein Pendant zu dem im ersten St. des ersten Bandes S. 65 u.s.w. enthaltnen Aufsatze, welcher in seiner Art sonderbar genug ist. Der V. erzählt nehmlich von sich, daß er von seiner frühe-[11]sten Jugend an, bei sich selbst übergränzt gewesen sey, er habe einmal weiße Bären vor dem Hause seiner Eltern tanzen, und einen Papagei in der Stube seiner Großmutter, gesehen, welche beide Dinge doch, nach der Versicherung seiner Mutter, ihm seit seiner Geburt niemals unter die Augen gekommen sind.

Der V. konnte seiner Mutter von dem Papagei die detaillirtesten Beschreibungen geben, wo er gehangen, was er für artikulirte Töne nachgesprochen, u.s.w. und diese Beschreibungen trafen zu; denn es hatte lange vor seiner Geburt wirklich an denselben Orte ein Papagei gehangen, der eben jene artikulirten Töne hervorbrachte.

Der V. ist aber weit entfernt, dieß für etwas Wunderbares oder Unerklärliches zu halten, sondern er setzt, als gewiß, voraus, daß man ihm in seiner frühesten Jugend von diesen Dingen vielleicht erzählt und vorgeplaudert habe, als: da in der Ecke saß ein Papagei, der konnte das und das sprechen, u.s.w. wie man Kindern denn wohl allerlei dergleichen vorzuplaudern pflegt. Er führt also diese sonderbare Art von Erinnerungen eigentlich nur als ein Beispiel an, wie von dergleichen Dingen, die einem in der frühesten Kindheit vielleicht von dem Gesinde oder den Wärterinnen vorgesagt werden, sich die Bilder der jungen Seele so stark eindrücken können, daß man sie nachher, wenn man die [12] Erzählung vergessen hat, für selbst gesehene Gegenstände hält.

Ich füge noch hinzu: daß dieß insbesondre alsdann statt finden kann, wenn irgend eine Erzählung die kindische Einbildungskraft so stark rührt, daß der sinnliche Eindruck von den umgebenden Gegenständen dadurch überwogen und verdunkelt wird, und auf die Weise ein bloßes Ideal oder Phantom sich in die Reihe der Wirklichkeiten gleichsam hineinstiehlt; wie denn dieß zuweilen der Fall bei sehr lebhaften Träumen ist, wo man auch manchmal in Gefahr geräth, die Wirklichkeit mit dem Traume zu verwechseln.

Indes ist es immer merkwürdig, daß der Verfasser des Aufsatzes, der damals noch nie einen Papagei gesehen hatte, seiner Mutter sogar die ganze Farbe des Papageien auf das genaueste und zutreffendste zu sagen wußte, da ihm doch diese Farbe nicht so gut, als die artikulirten Töne, durch die Erzählung deutlich gemacht seyn konnte.

Man sieht aber auch aus diesem Beispiele, wie wir durch die Erzählung andrer, oder durch die Geschichte gleichsam zurückleben, und die Eindrücke, welche wir auf die Weise erhalten, beinahe den wirklichen sinnlichen Eindrücken an Lebhaftigkeit gleich werden können. Durch die Tradition oder Geschichte fällt unser Leben mit dem Leben derer, die vor uns gewesen sind, gleichsam zusammen, und macht mit ihm ein Ganzes aus, wo [13]sich, so wie hier, die Grenzen ineinander zu verlieren scheinen. — —

Der Aufsatz vom Herrn Spatzier im zweiten Stück des dritten Bandes S. 93 bis 114 enthält einige vortrefliche pädagogische Bemerkungen, in wie fern Erzieher der ersten Quelle der öfters sonderbaren Gewohnheiten, Neigungen und Abweichungen nachspüren, und bei der Ausrottung schädlicher und Empfangung guter Neigungen, immer wo möglich, einen Hinblick auf ihr ganzes Selbst, besonders auf die Umstände, die Gesellschaft, und auf die Personen werfen sollen, die sie zuerst umgaben, und von denen sie den ersten Gebrauch ihrer Sinnen lernten.

Herr Sp. führt das Beispiel eines Knaben an, der sich sonst nie durch Reitzbarkeit und Schnelligkeit der Empfindung im mindesten ausgezeichnet hatte, und nun auf einmal durch eine ganz simple Melodie so äußerst lebhaft gerührt wurde, daß er unwillkührlich die größten ihm sonst nie gewöhnlichen Ausschweifungen beging; welches Herr Sp. sich nicht anders zu erklären weiß, als daß in seiner frühesten Kindheit etwa eine ähnliche Melodie, die ihm seine Mutter oder seine Amme vorgesungen haben kann, sich in seiner zarten Seele festgesetzt hatte, und nun durch den Zufall wieder aufgeweckt wurde, und in eine lebhafte Empfindung überging.

Herr Sp. betrachtet nun ferner die Materie von den Erinnerungen aus den frühesten Jahren der [14]Kindheit vorzüglich in pädagogische Rücksicht: »zum musikalischen Talent, Leichtigkeit von Tönen afficirt zu werden, und sie in ihrer Verbindung zu fassen, ist vielleicht schon der Keim in den ersten Tagen der Kindheit gelegt, u.s.w.; vielleicht drückten sich die ersten Töne den zarten Fibern des Gehirns zu mächtig ein, ruhten, wie ein feiner Staub, auf der Maschine, bis sie von erschütterter Thätigkeit angestoßen, sich mit dem heiligen Denkmark mischten, und sich unter die übrigen Ideen gesellten. Ist die Seele nur im allerfeinsten Verstande materiel, glaubt der Verfasser, so ließe sich der Traum schon hören, und wenigstens so viel daraus abziehen, daß die ersten Eindrücke, welche die Seele durch irgend einen Sinn auffaßt, sehr mächtig seyn müssen, u.s.w.«

Allein der V. scheint hier wohl zu weit zu gehen, und der Macht der ersten Eindrücke zu viel zuzuschreiben, indem er fast das ganze künftige Eigenthümliche des Genies auf Rechnung derselben schreibt. Nach dieser Voraussetzung wäre es denn freilich möglich, vermittelst der ersten Eindrücke, die man mit Fleiß zu veranstalten suchte, Künstler und Genies von jeder Art hervorzubringen. — Aber so läßt der Geist der Menschen sich nicht von Menschen schaffen: er arbeitet sich selbst durch alle Hindernisse, und auch durch die Gewalt der ersten Eindrücke mit seiner angebohren eigenthümlichen Kraft hindurch. Die Grenzen der Pädagogik er-[15]strecken sich wohl auf die Ausbildung, aber nicht bis auf die Bildung der Anlagen der Seele.

Der Aufsatz des Herrn Fischer, welcher im zweiten Stück des ersten Bandes S. 82 steht, verdient daher vorzüglich mit diesem Aufsatze verglichen, und dieser durch jenem zum Theil berichtigt zu werden.

Einige Scenen aus seiner eignen Kindheit, die Herr Sp. hier mittheilt, sind ebenfalls mehr in pädagogischer als psychologischer Rücksicht merkwürdig.

Im dritten Stück des dritten Bandes S. 42 findet sich noch ein Beitrag zu den Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, der sich dadurch auszeichnet, daß die unangenehmen Vorfälle mehrentheils einen stärkern Eindruck, als die angenehmen, auf den Verfasser gemacht haben, welches bei mehrern Personen, die ich kenne, und die von melancholischer Stimmung des Gemüths sind, statt findet. Nun ist die Frage: ob die häufigen unangenehmen Eindrücke in der Kindheit, jene melancholische Stimmung des Gemüths, oder ob die melancholische Stimmung des Gemüths, welche vorher schon da war, die unangenehmen Eindrücke hervorgebracht habe?

In alle dem, was der V. des Aufsatzes von sich erzählt, findet der V. dieser Revision sehr viel Aehnliches mit seinen eignen Erfahrungen und Beobachtungen, die nicht nur im Allgemeinen, son-[16]dern sogar in den besondern Umständen mit diesen zusammentreffen: er ist es sich ebenfalls bewußt, daß die unangenehmen Eindrücke von seiner Kindheit an, bei ihm das Uebergewicht gehabt haben; nur bleibt es ihm noch immer zweifelhaft, ob dieß Uebergewicht durch die größre Menge der unangenehmen Eindrücke, oder durch eine besondre melancholische Stimmung des Gemüths, bewirkt wurde, die vielleicht schon von seiner Geburt an, in sein Daseyn verwebt war. Er hat oft in einsamen Stunden über diesen unwiderstehlichen Hang seiner Seele zur Traurigkeit nachgedacht, der ihn oft schon wieder traurig machte, indem er im Begriff war, den Grund dieser Traurigkeit aufzufinden. Er glaubte, einst zu bemerken, daß diese Traurigkeit bloß in einer gewissen Trägheit der Seele gegründet sey; daß es manchmal wirklich bequemer sey, traurig, als vergnügt zu seyn; daß die unangenehmen Eindrücke leichter sind, als die angenehmen, weil sie die Seele nicht so erfüllen, und ihrer Thätigkeit nicht so viel Stoff geben, als die reichern und vollern angenehmern Eindrücke; woher nun aber gerade bei ihm wieder diese Trägheit, die einen solchen unerklärlichen Abscheu vor dem reichen und vollen der angenehmen Eindrücke verursacht, welcher mit dem Eckel vor den Speisen so viel Aehnliches hat? — Hier sah' er Dunkelheit und Nacht vor sich. — —

(Die Fortsetzung künftig.)

Erläuterungen:

a: Moritz 1785-1790.

[17]

Zur Seelenkrankheitskunde.

1.

<Der Steinleser>

Voß, Christian Daniel

In Wolfenbüttel lebt ein Mann, Namens Lauterbach; er hat in seiner Jugend Theologie studiert und sich mit vielem Eifer auf die orientalischen Sprachen gelegt, in welchen er es zu einer nicht ganz gewöhnlichen Geschicklichkeit gebracht haben soll. Auch hat er seine Dogmatik und die damit verwandten Wissenschaften auf das treulichste seinem Gedächtniß einverleibt, so, daß er noch jetzt manchem aufzurathen geben kann. Er ist einige funfzig Jahr alt, hat nie ein Amt bekleidet, sondern theils von einem kleinen Vermögen und den Unterstützungen seiner Verwandten, theils vom Abschreiben für Sachwalter sich genährt. Dieser Mann hat in seinem Aeußern viel Ernsthaftes und Anständiges, er kann über viele Dinge und zwar vernünftig und einsichtsvoll urtheilen; aber wenn man einige Saiten berührt, dann überstimmt ein Miston alles übrige, und der vernünftige Mann ist plötzlich in einen der seltsamsten Thoren verwandelt. Eine seiner sonderbarsten Grillen ist die, daß von der Beschaffenheit der Steine die [18]Begebenheiten in der Welt abhingen. Der eine verkündiget seiner Meinung nach Pest, der andere Krieg, der dritte Feuersbrunst, und so alle Unordnungen und Unglücksfälle, die nur immer in der Welt vorkommen. Er sondert daher solche bedeutende Steine sorgfältig, und wenn er sie alle besässe, so würde von ihm das Schicksal der ganzen Welt abhangen. Als vor einigen Jahren das große Erdbeben in Calabrien entstand, machte man ihm den Vorwurf: er wolle der Regierer der Welt seyn, und habe ein solches schreckliches Unglück nicht verhütet. Er entschuldigte sich kurz damit, daß er den Stein, von dem es abhänge, nicht habe habhaft werden können. Ist er aber in seiner Macht zu nehmen und vorzubeugen, so thut er es auch gewiß. Er kam z.B. zu einem seiner Bekannten: Sie haben da ein paar Steine auf Ihrem Hofe liegen, sagte er mit bedenklicher und sorgsamer Miene, die müssen Sie nothwendig gleich wegnehmen lassen, wenn Sie nicht wollen, daß Ihr Haus abbrennen soll. — »Aber woher wissen Sie das, und was können die Steine dazu beitragen?« — Sehn Sie, das will ich Ihnen gleich sagen, diese beide Steine hier, sind beide von sehr heißer und feuriger Natur. Wenn sie nun länger nebeneinander liegen, werden sie sich einander entzünden. Nichts natürlicher, wie das. — Oft bemerkt man ihn auf der Straße stillstehen, und seinen Blick unverwandt auf einen Stein richten. — [19]Wonach sehen Sie hier, Herr Lauterbach? »Uebel! sehr übel! wir werden bald theure Kornpreise haben. Sehen Sie nur hier diesen Stein. Es ist unvermeidlich!« —

Auf seinem Zimmer hat er eine große Sammlung von Kieselsteinen groß und klein. Diese zu berichtigen ist er unermüdet. Haben sie ihre Kraft verloren, dann wirft er sie weg und sucht andere. Er hat eine große Menge in Gestalt eines Menschenskelets gelegt, wovon ein jeder einen der innern oder äußern Theile des Menschen bedeutet. Mit Hülfe dieser (wenn er sie nehmlich alle komplet hat, welches inzwischen selten ist) kann er alle Krankheiten seiner Meinung nach kuriren. Kömmt einer zu ihm, und klagt: er habe die Schwindsucht und werde wohl seinem Grabe zu gehn müssen; so steht er ruhig auf, Hm! sagt er, die Krankheit sitzt in der Lunge, da wollen wir bald zukommen. Ich brauche nur diesen Stein hier umzudrehen, der bedeutet die Lunge. Nun können sie getrost nach Hause gehen. Ihre Krankheit wird sich gewiß geben. Hat er aber zum Unglück den Stein nicht, welcher den Theil, in dem der Sitz der Krankheit ist, bezeichnet, so sagt er es freimüthig, und entschuldigt sich, daß er nun nicht seinen Wunsch befriedigen könne. Es läßt sich hierbei gar nicht gedenken, daß dieß eine eigennützige Betrügerei sei, denn er läßt sich auf keine Weise für seine Kuren bezahlen. Auch giebt er allenthalben die untrüg-[20]lichsten Beweise seiner strengsten Rechtschaffenheit. Sein Widerwille gegen alle Vergehungen dieser Art geht so weit, daß wenn ihm von dem Advokaten Akten zum Abschreiben übergeben werden, er nur die abschreibt, deren Inhalt er für gerecht und gut erkennet. Ist aber der geringste Schein vom Gegentheil da, so schreibt er darunter, daß er die Sache für ungerecht erkenne und giebt sie unabgeschrieben zurück. Uebrigens läßt er sich auf eine Erörterung seiner Theorie von den Einwirkungen der Steine nicht ein; ohnerachtet aus ein und dem andern erhellet, daß er sich doch wohl eine gebildet haben muß.

In seinem Essen und Trinken ist er äußerst sonderbar. Meistentheils bereitet er sich selbst etwas zu. Nur selten können andere ihn bereden, mit ihnen zu speisen. Oft wenn er in zahlreicher Gesellschaft speiset, glaubt er doch, daß dieses oder jenes Gericht vergiftet sei, und weder Ueberredung noch Beispiel ist im Stande, ihn zu bewegen, davon zu essen. Sein Wasser schöpft er sich allemahl selbst, und zwar gegen den Strom. Etwas, was auf andere Weise geschöpft ist, trinkt er nie. Ich habe mir bisher vergebens Mühe gegeben, Nachricht von seiner Jugend und Erziehungsgeschichte zu erhalten. Sollte mir meine Bemühung in der Folge besser glücken, so werde ich nicht ermangeln, sie mitzutheilen.

C. D. Voß.

[21]

2.

Sonderbare hypochondrische Grille.

Voß, Christian Daniel

Ein guter ehrlicher Prediger auf dem Lande, der von dem Dämon der Hypochondrie übel geplagt wird, besuchte im vorigen Sommer einen meiner Bekannten in der Stadt. Er schien ganz ruhig und heiter zu seyn. Er blieb bis an den Abend, und weil es eben ein warmer Tag war, ward bei dem Abendessen eine Kalteschale aufgetragen, die die Gesellschaft, welche etwa aus drei oder vier Personen, den Prediger eingeschlossen, bestand, mit gutem Apetit verzehrte. Der Prediger ging diesen Abend noch nach seinem Wohnorte zurück. Nach etwa vierzehn Tagen kam er wieder, war in dem traurigsten Zustande und beklagte sich gegen die Schwester seines Bekannten aufs bitterste, daß er dem Tode nahe sei, und daß ihr Bruder ihn neulich durch die Kalteschale vergiftet habe; er habe gleich von dem Tage an das Gift in seinem Eingeweide auf das schmerzhafteste empfunden. Man stellte ihm vor, daß sich dieß überhaupt gar nicht gedenken lasse, daß sie alle mit davon gegessen, also sie ebenfalls dieß Unglück mit betroffen haben müßte u.s.w. aber alle diese Vorstellungen waren vergebens. Er ging äußerst zerrüttet nach Hause und trug sich so lange mit dieser Vorstellung, bis die Zeit sie auslöschte.

C. D. Voß.

[22]

3.

Auszug aus einem Briefe.

Gädicke

Besonders sind mir in Ew. Magazin u.s.w. merkwürdig aufgefallen:

1) Der Brief des Herrn Oberkonsistorialrath Spalding an seinen Freund Sulzer, über eine an sich selbst gemachte Erfahrung, im 1sten Bande 2tes Stück 38ste Seite. Und

2. Ew. eigene Anmerkung im 4ten B. 1stes St. 39ste Seite über die Genesungsgeschichte eines Jünglings von einem drey monatlichen Wahnwitz, in des 3ten B. 2tes St. 15te S.

daß auch diese gewissermaßen mit zur Seelenheilkunde gezogen werden könne; wenigstens grenzen Körperliche- und Seelenheilkunde hier so nahe aneinander, daß die Grenzlinien zwischen denselben kaum zu bemerken sind.

Erlauben Sie gütigst auch mir, daß ich zwey meiner selbst eigenen zuverläßigen Erfahrungen hierbei mittheile. Die erste derselben hat eine Aehnlichkeit mit der Spaldingschen. Die zweite zeiget, daß Körperliche- und Seelenheilkunde auch hier so nahe aneinander grenzen, daß die Grenzlinie zwischen denselben kaum zu bemerken ist.

Cammin den 20sten Mai 1786.

Gädicke.

K. Gemeinheits-Commissarius.

[23]

Die erste, der Spaldingschen ähnliche Erfahrung.

Gädicke

Als ich vor achtzehn Jahren noch auf meinem Landguthe B.. wohnte, und im Monath August die Gerstenerndte besorgte, ging ich, da ich denselben Morgen meine Dienstleute zum Binden vorausgeschickt hatte, eine Stunde hernach zu ihnen, um nachzusehen, ob alles befohlnermaßen befolget würde.

Ich war bei diesem guten Wetter ganz heiter und vergnügt, hatte keine andre Geschäfte weiter gehabt, und spatzierte um benannte Stunde ganz gemächlich nach; und dieser Spatziergang von Hause aus zu meinen Leuten bei der Gerste war nur ohngefähr an die fünfhundert Schritte.

Vergnügt kam ich auch bei ihnen an; fand, daß meinem Auftrage völlig nachgelebet war; folglich wurde auch meine Heiterkeit gar nicht unterbrochen. Aber nach einer Viertelstunde, da ich einem und dem andern etwas zur Arbeit gehöriges, wie gewöhnlich, gelassen in Erinnerung bringen und sagen wollte, fand ich mich unfähig, meine Gedanken durch die gehörige Zusammenfügung der Worte, nach der wahren Folge, ordentlich vorzubringen: vielmehr kam das hinterste Wort bald vorne, das mittelste bald hinten, das vorderste bald in die Mitte, und auch umgekehrt. Es war eine solche unordentliche Mischung dieser Worte, [24]daß keiner meiner Leute, die es zwar hörten, daß ich laut sprach, weder was davon verstehen, noch enträthseln konnte. Daher glaubten wohl einige, wie ich aus ihrem Aufsehen und Minen schloß: ich müßte wieder alle meine Gewohnheit entweder betrunken oder wohl gar verwirret im Kopfe seyn.

Aller meiner Vernunft war ich indessen ganz gewiß vollkommen mächtig; ich dachte ganz richtig; sahe dieses Auffallende nebst den Beurtheilungen von meinen Leuten ein: ich ließ mir aber doch nichts von meiner Verlegenheit, daß ich jetzt nicht ordentlich reden konnte, merken; vielmehr ging ich allmählig, dem Schein nach, mit guter Ueberlegung, freymüthig zurück nach Hause, um mich nicht zum Gelächter zu machen.

Unterwegens aber wurde mir diese meine Sprach- und unvermuthete Wortverwirrung doch sehr bedenklich. Es fiel mir ein, wie vielleicht eine Art von Lähmung meine Zunge befallen hätte, und dieser Zufall gar leicht endlich in eine völlige Vergessenheit der Sprache und eine wahre Stummheit übergehen könnte. Doch aber erwog ich ganz reiflich, daß ich ja noch alle Wörter sprechen könnte, die ich wollte; aber nur nicht in gehöriger Ordnung, sondern nur dem Sprachgebrauch zuwider, nicht in gehöriger Reihe, vielmehr ganz verwirrt durcheinander: folglich könne es wohl nicht so sehr an meiner Zunge selbst, als an meinem Gedächtniß fehlen. Um aber auch hiervon die Probe ferner zu [25]sehen, suchte ich diesen Gedanken nochmals vor mich bunt herzusagen; allein alle diese Worte konnte ich zwar deutlich vorbringen, aber doch nur unordentlich untereinander wie vorher, ohne außer dem Gedanken selbst, den ich im Sinne hatte, aus den Worten klug zu werden. Ich dachte also weiter, daß eine Aderlaße oder eine Laxanz, schleunig gebraucht, nur noch allein in der Geschwindigkeit mir helfen könnten. Die Aderlaß wählte ich.

Zu Ende dieses Schlusses kam ich in mein Haus, gab so viel mir möglich, meinen Leuten, theils durch confuse Worte, theils richtige Zeichen zu verstehen, daß sie Wasser zur Aderöfnung am Fuß hereinbringen müßten. Diese verstanden endlich meinen Sinn, besonders als ich den Schnepper und Fuß zeigte und mich setzte. Da ich nun in meinen jüngern Jahren Muse gehabt hatte, mich auch auf die Medicin zu legen, nebst einigen chirurgischen Instrumenten auch eine kleine Hausapotheke zum unentgeldlichen Gebrauch meiner Leute hielte, so war dieses, daß ich mir selbst zur Ader lassen wollte, so auffallend nicht. Zufällig, da es zu anderm nöthigen Küchengebrauch da war, bekam ich ohne Aufschub warmes Wasser in einem dazu schicklichen Gefässe, setzte den Fuß ein, und ließ mich selbst recht gut am Fuß zur Ader. Mein Blut war eben nicht in Wallung; dennoch aber ließ ich wohl bis zehn Unzen, welches etwas dicke war.

[26]

Noch während dieser Aderöfnung war ich schon im Stande wieder ordentlich zu sprechen; und scherzte schon beim Zubinden der Ader mit meinem Gärtner, welcher vor Bestürzung mir nicht recht helfen konnte.

Seit dieser Zeit habe ich dergleichen Zufall nie wieder gehabt. Ich glaube also das nächste und kräftigste Mittel erwählet zu haben, welches mir diese schleunige Hülfe brachte, und gleich so munter und frisch wieder machte, als ich vor diesem Zufall gewesen war.


Die zweite Erfahrung, der Genesungsgeschichte des Jünglings ähnlich.

Gädicke

Vor zehn Jahren kam der Fischer M.. aus dem Dorfe W.. zu mir nach meinem Guthe B.., welches ich damals selbst bewirthschaftete. Er entschuldigte sich, mir beschwerlich zu seyn; hoffte aber, daß ich wegen seines großen Unglücks nicht nur Mitleiden mit ihm haben, sondern auch nach meiner Einsicht ihm Rath und Hülfe ertheilen würde.

Er hätte ein Töchterchen von acht Jahren, dieses wäre ihm seit einem halben Jahre dermaßen krank, daß alle Medicin, die er nacheinander aus den nächstgelegenen Städten gehohlet, ohne die vielen Ausgaben zu scheuen, ganz und gar nicht angeschlagen hätte: vielmehr wäre dieses Kind von Zeit [27]zu Zeit immer schlechter geworden, dergestalt, daß es jetzo sich so gebährdete und handthierte, als wenn es ganz außer Verstande wäre; bisweilen tanzte, sprünge und singe es, zuweilen weine es betrübt und jämmerlich; und zuweilen verdrehe es die Augen, auch den Kopf dergestalt, daß das Gesicht hinten auf den Rücken hinkäme, und dergleichen widernatürliche und außerordentliche Bewegungen mache es mit andern Gliedern mehr. Zuweilen esse es mäßig, zuweilen gar viel, zuweilen gar nicht; und so wäre es auch mit dem Trinken, nachdem die Tage ohne Ordnung durcheinander kämen. Dessen Nachbaren meinten, es wäre vom bösen Geist besessen; sie hielten auch dafür, daß nur dieser durch geistliche Mittel auszutreiben wäre.

Was er davon glauben und urtheilen solle, wisse er nicht. Zwar hätte er auch dieserhalb seinen Beichtvater in C... um Rath gefraget; derselbe aber hätte ihm gesagt: daß wenn nur noch zu helfen wäre, ich dem Kinde vielleicht helfen könnte: auch da er überdem erfahren habe, daß ich meinen Guthsunterthanen in vielen kranken Zufällen gerathen hätte, und diese gesund worden; so hoffte er, daß ich auch ihm in diesem Unglück beistehen würde.

Mein Einwenden, daß es, da er doch schon so lange und so viel gebraucht, auch die Krankheit des Kindes immer zugenommen hätte, dergestalt, daß es auch schon am Verstande mangele und gar [28]dergleichen Verzuckungen bekäme, es wohl der beste Rath wäre, der Natur den Willen zu lassen, Geduld zu haben und sich der Vorsehung zu unterwerfen. Denn da seinem Kinde so viele, die ganz besonders dazu gesetzt wären, nicht helfen könnten, wäre auch mein Versuch wohl immer vergebens. Er weinte bitterlich und ging nach Hause.

Nach einigen Tagen traf ich dieses Fischers Beichtvater, den Herrn P. B.., in einer Gesellschaft; unter andern kamen wir auf dieses Kind des Fischers in W.., ich bat mir sein Urtheil darüber aus. Er sagte mir, wie die Verzuckungen des Kindes in aller Art, Gebährden und Handlungen so außerordentlich wären, daß, wenn man noch in den Jahren lebte, da man Beseßne glaubte und glauben müßte, dieses Kind gewiß vor eine Beseßne würde seyn gehalten worden. Er hätte den Fischer noch vor einigen Tagen besucht; es wäre ihm aber ein Grausen angekommen, diesem Kinde, welches eben in Verzuckungen gewesen, lange zuzusehen. Man könnte nur davon urtheilen, wenn man es selbst sähe.

Nach einer Woche darauf legte ich mit meiner Frau bei der Guthsherrschaft des Fischers M.. in W.. einen Besuch ab. Die Dame beklagte sich auch gegen meine Frau dieses Kindes wegen, wovon es schon im Dorfe durchgehends hieße, es wäre besessen; wünschte, daß ich dieses Töchterchen doch nur einmal sehen möchte; damit sie und [29]auch dessen Eltern mein Urtheil darüber hören könnten. Denn vielleicht fände ich das Kind anders, als ich mir vorstelle. Ich willigte sehr gerne ein. Denen Eltern wurde also dieses hinterbracht; und da das Kind eben sich am besten befand, es auch gutes Sommerwetter war, kam die Mutter mit ihm auf dem herrschaftlichen Hofe an, und der Vater folgte nach.

Sie war ein ziemlich herangewachsenes Mädchen von ungefähr acht Jahren und sahe abwechselnd bald roth bald blas aus: vielleicht verursachte meine und anderer Gegenwart anfänglich diese Veränderung ihrer Gesichtsfarbe. Ganz genau von mir betrachtet, sahe sie mich wieder dreist an; jedoch konnte sie nicht stille stehen, obschon ihre Mutter sie bei der linken Hand hielte. Sie bewegte sich mit Händen und Füssen, nebst Kopf beständig, und zuweilen so stark, als wenn sie schien tanzen zu wollen. Ihre Sprache war flüchtig, wild und meist unverständlich; wobei sie öfters ihre Mutter ansahe, und denn wieder weiter ihre Blicke wild herumwarf. Ich nahm sie an die Hand; sprach ihr freundlich zu; fragte: ob sie denn so sehr krank wäre, und was ihr eigentlich schmerzte? Nur verwirrte, kurze, nichtsbedeutende Antwort bekam ich; und die Bewegung ihrer Glieder nahm zu. Ich wollte ihren Puls erforschen; allein da sie die Arme und Hände niemals stille halten konnte, ja nicht einmahl auf einer Stelle ruhig stehen blieb, [30]war es mir unmöglich, ihn genau zu beobachten; sondern ich merkte nur soviel, daß er etwas voll schlug. Endlich fing sie mit dem Kopf und Halse immer mehr zu drehen an; murmelte ganz unverständliche Worte; kam auch mit Händen und Füssen in mehrere, theils zitternde Bewegungen: daher schlossen die Eltern, daß sie nun bald ihre fürchterliche Zufälle wieder bekommen würde. Sie baten mich gar sehr, ihnen doch Rath für dieses ihr elendes Kind zu ertheilen, und mich erbarmen zu lassen, ihm zu helfen, woran sie gar nicht zweifelten, daß ich es könnte, wenn ich nur wollte. Ihre Bemühung, um Hülfe für dasselbe, wäre bisher, da sie aus den umliegenden Städten schon genug Arzeneyen empfangen und dem Kinde eingegeben, ohne daß Linderung der Zufälle und der Krankheit erfolget, ohne Wirkung gewesen; vielmehr hätte es sich verschlimmert: sie könnten nun weiter nichts mehr thun, als dieses ihr elendes und verwirrtes Kind dem Schicksal und gewissen Tode überlassen.

Voll Mitleiden und Menschenliebe versprach ich, meine Sorgfalt zu Heilung desselben, nach bestem Wissen und Gewissen, anzuwenden; ich machte aber zu einer ausdrücklichen Bedingung: daß, währender Zeit ich ihm Verordnungen gäbe, die Eltern alle diese nicht nur genau befolgen, sondern auch noch überdem keine andre Mittel darneben gebrauchen müßten; sie mögten Nahmen haben wie, und von wem sie wollten. Hierauf sagte [31]ich ihnen, daß, da ich den folgenden Morgen früh um acht Uhr wieder durch ihr Dorf nach S.. reisen würde, wohin ich mir zur eigenen Aderöfnung einen Chirurgus von M.. bestellet hätte, sich die Mutter mit dem kranken Mädchen bereit halten mögte, mit mir dahin zu fahren, um ihr Kind zur Ader zu lassen. Sie gingen sämtlich wieder nach ihrer Wohnung; ich aber fuhr mit den Meinigen nach unserm Guthe zurück.

Des folgenden Morgens um die bestimmte Zeit traf ich auf meiner Reise nach S.. in W.. ein; nahm, nach genommener Abrede, die Mutter mit ihrem kranken Töchterchen mit in meinen Wagen dahin. Unterwegens meldete mir dieselbe: daß ihr Kind in dieser Nacht viel gelitten; es hätte sehr wild und irre geredet, viele und mit unter recht fürchterliche Verzuckungen gehabt, und große Hitze. Sie hätte Gott gebeten, es mit demselben entweder zum baldigen seeligen Ende kommen zu lassen. — Wir kamen mit unserem ziemlich ruhigen Kranken in S.. an: und da der geschickte Chirurgus D.. schon da war, war meine erste Sorge nur, dieses kranke Mädchen von ihm sogleich am Fuße zur Ader zu lassen. Welches derselbe denn auch, nachdem ich, nebst der Mutter, ihm alle Umstände der Kranken erzählet hatte, ohne Einwendung vornahm. Er hatte viele Mühe, den Fuß der Kranken, der beständig in Bewegung war, aus dem Wasser in eine solche ruhige Stellung zu brin-[32]gen, daß er die Ader gehörig öffnen konnte; endlich gelang es ihm, und die Ader blutete recht gut. Das Auffallenste hierbei war aber, daß die Kranke, statt sich davor zu fürchten oder gar zu erschrecken, an dieser ihrer Aderöffnung ein Vergnügen hatte, lustig spielte und oft lachte, wenn sie dem Bluten zusahe. Ja, da die Ader verbunden wurde, kaum darin zu willigen schien. Nach der Aderlaß legten sich die vorher so häufige Bewegungen der Gliedmaßen sehr merklich. Ein paar Stunden darauf, da ich meine Geschäfte daselbst verrichtet und mich auch der Chirurgus zur Ader gelassen hatte, reiseten wir wieder, und ich setzte Mutter und Tochter in ihrem Dorfe ab und bestellte den Vater Tages darauf zu mir nach B...

Dieser kam schon des Morgens früh zu mir mit Vermelden: wie die Kranke gegen vorige, diese Nacht sehr ruhig gelegen und auch wieder etwas ordentlich geschlafen hätte. Er wünschte sehnlich, daß dieses continuiren mögte, und ich ihm meinen fernern guten Rath geben wollte, mit fester Versicherung, mir in allen Vorschriften mit seiner Tochter ganz genau zu folgen.

Alle vorgemeldete widernatürliche Bewegungen, Verzuckungen und Verdrehungen hielte ich für Convulsiones; und die Ursache hiervon, glaubte ich in Würmern zu finden. Ich verfuhr daher also: daß ich nach der Aderöffnung erst innerlich temperirende und nächstdem eigentliche Wurmmit-[33]tel mit gehörigen Abführungen aus der nächsten öffentlichen Apotheke nehmen ließ. Diese schlugen auch merklich an; jedoch wollten noch Würmer selbst nicht mit abgehen, obgleich vieler Schleim erfolgte. Es mußten also die Wurmmittel und besonders mit asa foetida noch verstärket werden. Wie nun so continuiret wurde, gingen endlich in Zeit von sechs Wochen außerordentlich häufig Spulwürmer ab. Das kranke Mädchen wurde allmählig munter und gesund aussehend; und nach zwölf Wochen genaß es völlig, sowohl am Körper als auch am Verstande.

Der herzliche Dank der rechtschaffenen Eltern war mir für meine Bemühung die allerangenehmste Vergeltung. Das Mädchen selbst ist auch nachher immer gesund und recht stark und vernünftig herangewachsen, und ein gutes gesundes Dienstmädchen geworden, wie ich sie nachher selbst öfters im Dienst gesehen habe.


4.

Fragmente aus dem Tagebuche des verstorbnen R***.

R***

Ich bin der Sohn eines Predigers, in einem Lande gebohren, wo die Aufklärung noch in ihrem ersten Keimen liegt; und vielleicht zu einer Pflanze [34]nie gedeihen wird. Mein Vater wurde mir, noch ehe ich den süssen Vaternamen aussprechen konnte, entrissen, und ich blieb unter der Pflege einer zärtlichen Mutter, die bey dem besten Willen weder Geschicklichkeit genug besaß, mir richtige Begriffe von Gott und der Welt einzupflanzen, noch nach ihrer Lage und den Umständen des Orts sie mir konnte durch andre geben lassen. Bis in mein achtes Jahr wurde ich einem Lehrer überlassen, der mir mit dem Stock in der Hand Tugend und Christenthum nachdrücklich genug einzuprägen suchte. Diese Lehrart wirkte dermaßen auf meinen Körper, daß ich noch die Folgen davon empfinde, und weil meine Mutter selbst zu besorgen begann, ich möchte in dieser Schule eher zu einem Krüppel als zu einem Ritter und vernünftigen Mann geschlagen werden, so sah sie sich genöthigt, mich aus dieser Schule, wo alles auf eine höchst empfindliche Weise versinnlicht und fühlbar gemacht wurde, wegzunehmen. Ein wohlthätiger Freund, der Rektor einer benachbarten kleinen Stadtschule, nahm mich zu sich, verschafte mir Stipendien und Tische in der Stadt, und sorgte väterlich für mich. Er unterrichtete seine Schüler im Christenthum nach einem elenden Katechismus, schlug selten einmal um sich, und sah es gern, wenn wir im bloßen Kopf im Freyen herumliefen, auf Mauern kletterten, uns packten, Soldaten spielten, auf dem Eise klannerten u.s.w., wenn wir uns nur nicht miteinander zankten, und [35]unsre aufgegebnen Lektionen, welche in Auswendiglernung von Sprüchen und Vokabeln oder in Uebersetzungen aus Langens Colloquien bestanden, alle Tage gelernt hatten. War dieses nicht geschehen, dann setzte es freilich Verweise, und, waren diese fruchtlos, auch Schläge. Bei dieser Lehr- und Erziehungsweise befand ich mich immer noch besser als bei der erstern. Besonders wurde mein Körper so abgehärtet, daß ich, da ich nie Frost und Hitze, Regen und Schnee und alle mögliche Strapatzen scheute, mir so wenig Kränklichkeiten dadurch zuzog, daß ich vielmehr diesen Uebungen eine unerschütterte Gesundheit verdanke. — Dieß waren denn aber auch alle Vorzüge, die ich genoß. Außer dem Katechismus, Bibel, Nepos und Phädrus kannten wir kein andres Buch, es sei denn die Geschichte der Feen, woraus ich zuweilen meiner Wohlthäterin vorlesen mußte! Von der Natur, von Gott und der Tugend kannten wir nichts, als was uns der uns nur allzuunverständliche Katechismus sagte. Doch lehrte mir meine Vernunft Dankbarkeit gegen meine Wohlthäter, die ich denn auch wiewohl ganz mechanisch übte. Man konnte mich zu allem brauchen. Das Ansehen meiner Vorgesetzten war bei mir so groß, daß man mir etwas Böses hätte befehlen können, wie auch einmal der Fall war, und ich hätte es ohne es zu beraisonniren treufleißig ausgeübt. Daher machte man sich denn meine Dienstfertigkeit, [36]wie leicht zu erachten, zu Nutze, und ich mußte bei meinen Wohlthätern bis in meine Jünglingsjahre in der Wirthschaft mit Hand anlegen helfen, ich grub Möhrenland um, legte Erdbirnen, raufte Flachs, spaltete Holz, mit einem Wort, verrichtete alles, was zu einer Wirthschaft gehört. Hatte ich außer meinen Schulstunden meine andern Hausgeschäfte geendigt, dann war die übrige Zeit zu eigner beliebigen Disposition mir ganz überlassen. Ueberhaupt war man wegen meiner Gutwilligkeit und Gutherzigkeit sehr wohl mit mir zufrieden, und diese natürlichen Temperamentstugenden machten mich überall so beliebt, daß ich manche kleine Geschenke an Victualien und an Gelde bekam, welches letztere ich mir denn sammelte, um die nöthigen Kosten für Kleidungsstücke und Wäsche davon zu bestreiten. Bei allem dem blieb mein Geist ziemlich ungebildet, ja wurde zum Theil wohl gar verschroben. Ich hatte ein sehr weiches Herz und konnte bei der Musik eines Instruments in Thränen fast zerfließen, liebte die Natur und konnte mich an dem Kieseln eines kleinen Baches, an dem Gesange der Vögel oder an der Schönheit einer Blume ungemein ergötzen. Im Frühling mußte ich oft vor Sonnenaufgang mit den Bauern ins Holz, um den Bauern das Holz anzuweisen, das sie für den Rektor fahren mußten. Da stand ich oft auf den Höhen der Berge und verlor mich in Gedanken. Wie war mir kleinem Knaben zu [37]Muthe, als ich Städte und Berge unter meinen Füssen sah! Beim Aufgange der Sonne, beim Vogelgesang, beim Blöcken einer muthigen Heerde wurde ich oft bis zu Thränen gerührt, ohne mir die Ursache erklären zu können. Auch schuf sich allmählich meine Einbildungskraft, durch die Feenmährchen ohne Zweifel genährt, neue Bilder und Ideale. Diese Empfindungen machten mich sanft; ich wurde von Kindern, besonders den Mädchen des Orts, gern gesehen. Diesen sang ich ein Liedchen, so wie ich es von Mägden, in deren Gesellschaft ich öfters die Winterabende zubrachte, gelernt hatte; band ihnen Sträuschen, steckte sie an ihren Busen, küßte und neckte sie, doch in kindischer Unschuld! Auf Seiten mehrerer meiner Kameraden ging es aber nicht so unschuldig zu; wobei ich denn aber in meiner Einfalt und Unwissenheit kein Aergerniß nahm, da ich so oft Gelegenheit hatte, ähnliche wollüstige Scenen bei erwachsnen Jünglingen und Mädchen zu sehen, und also glauben mußte, es sei dieses nichts unrechtes. Einigemal gerieth meine Unschuld in Gesellschaft üppiger Mädchen in nicht geringe Gefahr. Ich trug eines Tags einer Arbeitsfrau, Magd und noch einem fünfzehnjährigen Mädchen Mittagsessen aufs Feld; zur Dankbarkeit machten sie sich über mich her, legten mich auf die Erde, und waren im Begriff noch mehr zu thun, hätte ich mich nicht noch losgerissen. Ich ergriff voll Wuth einen Knittel, [38]und schmiß dermaßen auf sie los, daß sie die Flucht ergriffen. Sie verklagten mich bei meiner Pflegemutter, und gaben vor, sie hätten mich nur kitzeln wollen; ich bekam daher noch dazu derbe Verweise.

Einst traf ich einen jungen Menschen in dem Winkel eines Gartens an, der sich mit der Selbstverderbung befleckte; allein ich ging ganz gleichgültig vorüber, ohne, was er vornahm, zu verstehen. Indeß mochte dieß Gesicht einen Eindruck zurückgelassen haben, der mir in der Folge sehr nachtheilig wurde.

Unter solchen Umständen erreichte ich mein vierzehntes Jahr. Itzt stieg auf einmal der Gedanke in mir auf, was ferner aus mir werden sollte? »So, dachte ich, kanns unmöglich bleiben, du lernst hier nichts weiter, und sollst doch studiren!« Ich lag meiner Mutter an, mich auf eine andre Schule zu schicken; allein ihre Umstände machten es ihr unmöglich. Zwar hatte ich Gelegenheit, Oekonomie und Kaufmannschaft zu lernen; aber es wurde mir versagt. Dieses alles machte mich nun äußerst niedergeschlagen; zumal da meine Pflegemutter anfing, mit mir unzufrieden zu werden, weil ich itzt zu viel Ehrgeitz hatte, um, wie sonst, mit dem Milchtopf ins Backhaus, mit dem Teller zum Fleischer und dem Napfe zum Kaufmann zu gehen. Ich weinte fast immer, vergaß die Gesellschaft meiner Gespielen, ging ganz allein, und wurde immer ernsthafter. Meine Lernbegierde [39]trieb mich an, Vokabeln fleißig zu lernen, in der Bibel und im Katechismus zu studiren. Ich fing an zu grübeln, und gerieth darüber auf manche Zweifel, die mich beunruhigten und manche Thräne kosteten. Niemand aber wieß mich zurechte, sondern man schalt mich, anstatt mir Trost einzusprechen, einen Narren.

Betrübt über mein Schicksal ging ich einst mit dem Rektor zu meiner Mutter. Unterwegs begegneten wir dem Herrn von S**, der mich noch als einen kleinen Jungen gekannt hatte. Er fragte mich nach meinem Befinden — allein ich konnte ihm vor Schluchzen nicht antworten. Er mochte diese Sprache verstehn, und redete deswegen bei Seite mit dem Rektor. Darauf empfahlen wir uns. Als wir eine Strecke Wegs gegangen waren, sagte mir der Rektor die erfreuliche Nachricht: daß der Herr von S** für mein ferneres Fortkommen sorgen und mich auf eine andre Schule bringen wolle. Froh über diese Botschaft erlangte ich wieder meine vorige Heiterkeit und wartete nun mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo ich Ordre bekommen würde, abzureisen. Sie kam. Ich verlies den Ort mit gerührtem Herzen, wo mirs in so manchem Betracht wohl gegangen war, wo ich so manches Gute, aber auch manches Böse gelernt hatte.

Ich eilte aus einem Städtchen, wo Wollust und Verschwendung einen großen Theil der Ein-[40]wohner arm und in äußerstes Elend versetzt hatte. Mehrere von den Mädchen, die ich als Knabe kannte, haben die Zeugen einer unerlaubten Lebensart zur Welt gebracht und leben zum Theil noch ohne Männer, und kämpfen mit Armuth und Verachtung. Sie waren nicht jene Unglückliche, die in einem Augenblick sich vergessen, und die eine allzugroße Zärtlichkeit zu einem Schritt verleitet, den sie nachher bereuen: Sie waren vielmehr Koketten, kannten nicht die sanfte, reine Liebe, die uns der Schöpfer so wohlthätig eingepflanzt hat, und überließen sich ungescheut ihren wollüstigen Begierden. Eben so dachten und handelten die mehresten Jünglinge dieser Stadt, ehmals zum Theil meine Kameraden, und sie hatten gleiches Schicksal mit jenen Mädchen.

Ich kam an den Ort an, wo ich durch die Güte des Herrn von S** mein Studiren fortzusetzen im Stande war. Kleinstädtisch von Jugend auf erzogen, kam ich hier wie in eine neue Welt, wo mir alles fremd war. Ich war so glücklich in kurzer Zeit für mich sehr vorteilhafte Bekanntschaften zu machen, auch fanden sich einige Freunde im vorzüglichern Verstande zu mir, durch deren Umgang ich noch mehr für die Wissenschaften gewonnen wurde. Ich legte mich mit dem angestrengtesten Fleiß auf das Studium der Griechen und Römer, und vergaß nicht die klassischen Werke der Deutschen im Fache der schönen Wissenschaften zu lesen. [41]Meine Erziehung und Liebe zur Natur machte, daß ich noch hier die Sommertage meistens unter freyem Himmel zubrachte, und einen Dichter in der Hand bald an den Ufern des Flusses, bald in den Schatten des Waldes herumirrte. Hier regten sich Gefühle, die ich zu beschreiben nicht im Stande bin. Aber eben diese empfindliche Stimmung meiner Seele war es, die mich unglücklich machte. Ich fühlte bald in mir eine Leere, die ich nicht auszufüllen wußte, ein Sehnen nach etwas, das ich nicht kannte. Ich beweinte oft in der Einsamkeit mein Schicksal, das doch äußerlich so gut war — Triebe wurden in mir rege, die ich vorher nie gekannt hatte, Begierden, die durch Träume erweckt wurden. Um diese zu stillen, ergriff ich unerfahrner, mit meiner Natur ganz unbekannter Jüngling (denn auf dieser ansehnlichen Schule machte man die Jugend mit Kenntniß der Natur, des menschlichen Körpers u.s.w. eben so wenig bekannt als in der Winkelschule, die ich in meiner Kindheit zuerst zu besuchen die Ehre hatte) gerade da ich Niemand hatte, der das Aufwachen meiner Natur bemerkt und ihm eine weise Richtung gegeben hätte, das unnatürlichste Mittel, und trieb von Zeit zu Zeit insgeheim ein Laster, das auf dieser Schule herrschend war. Es geschah nur selten, geschahe aber doch, und zwar, ohne zu wissen, daß es schädlich, daß es Sünde wäre, ohngeachtet mich bei diesem schändlichen Händewerk oft eine uner[42]klärbare Angst befiel. Itzt fiel mir jener Jüngling im Garten wieder ein, und mit ihm der Gedanke, es sei vielleicht Naturbedürfniß. Man hielt mich für einen stillen, sittsamen Jüngling, und siehe! ich war doch ein Bösewicht, ohne es selbst zu glauben. Ich bekam gute, praktische Religionsschriften in die Hände; meine Begriffe klärten sich auf: ich lernte einsehen, daß Religion in Handeln und Thun bestehe, ich fing an zu handeln — aber dabei trieb ich noch immer ein Laster fort, das meine Natur zerrüttete. In einer Gesellschaft hörte ich von der Abscheulichkeit eines Lasters sprechen, das ich der That, nicht aber dem Namen nach, kannte: ich ahndete etwas, und erkundigte mich deswegen, erfuhr also zu meinem Schrecken, daß es eben das Laster war, das ich trieb, und dessen gefährliche Folgen ich bald darauf aus Schriften noch mehr kennen lernte. Itzt wandte ich alle Kräfte an, dieses Laster gänzlich zu meiden, und nach vielen vergeblichen Kämpfen glückte es mir. Nachdem ich an Geist und Körper genesen war, empfand ich über meinen Sieg die unaussprechlichste Freude, sahe aber noch immer mit Schaudern in den Abgrund zurück, aus dem ich mich gerettet sahe. Angst, Schmerz und Qual sind die Freuden, womit dieß Laster seine Verehrer belohnt; ein verwundetes Gewissen, gestümpfter Verstand, siecher Körper oder gar baldiger Tod die Folgen davon.

(Die Fortsetzung folgt.)

[43]

5.

Verrückung aus Liebe.

Anonym

Ein Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren, welche die Natur außer allen Reitzen weiblicher Schönheit mit einem guten Herzen ausgestattet hatte, war der Stolz ihrer wohlhabenden Eltern. Ihre zärtliche Liebe zu ihrer einzigen Tochter machte, daß sie sie allzusehr verzärtelten und ein eigensinniges, mürrisches, empfindsames Geschöpf an ihr erzogen. Zu keiner weiblichen Arbeit angehalten, saß sie beständig und las in Büchern, zwar in lauter guten, als Gellerts und Weißens Schriften, aber selbst diese machten sie zu einer frommen Empfindsamen, die beständig betete und sang, und darüber alle Arbeit, sich selbst und die Menschen vergaß. Sie genoß selten der freien Luft und des gesellschaftlichen Umgangs, daher wurde sie zurückhaltend und schüchtern. Starkes Getränke, als Kaffee, genoß sie täglich, und an Appetit fehlte es ihr nie, daher wurde sie groß und stark, bekam aber ein unnatürliches Phlegma. Itzt trat sie in den Zeitpunkt, wo sich neue Gefühle in ihr regten, wo ihr Herz bei dem Anblick eines Mannes stärker als vordem schlug. Die Reitze des Mädchens und ihr Vermögen lockten manchen Verehrer herbei, aber keiner gefiel ihr, und ihr mürrisches und einfältiges Betragen verscheuchte einen nach dem an-[44]dern. Endlich erschien Einer, den sie zu besitzen wünschte, ein Offizier; er mochte ihr auf dem Ball, wo sie ihn kennen lernte, wohl manches Schöne gesagt haben, aber sie zu heurathen war ihm gewiß nicht in den Sinn gekommen; denn er kam nie wieder zum Vorschein. Doch hatte sie sich dieses in den Kopf gesetzt, und wurde darin von ihrer Freundin bestärkt, mit der sie über den Gegenstand ihrer Liebe briefwechselte. Zwei Jahre lang hing sie diesen Gedanken nach, und ließ einen andern, den ihre Mutter für sie bestimmt hatte, eben so lange vergeblich schmachten. Er wußte sich unterdeß bei gutwilligen Mädchen schadlos zu halten, und kam nur deswegen zurück, weil ihn ihr Geld lockte. Da nun das Zudringen der Eltern, das wiederholte Anhalten des jungen Mannes und seine verstellte Liebe das Mädchen preßten, so gab sie endlich das Jawort von sich. Itzt fing sie an, ihn wirklich unbegränzt zu lieben. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihn so lange unerhört gelassen. Alle ihre Nerven wurden durch die außerordentlichen Bewegungen ihres Gehirns erschüttert, überspannt, und sie unterlag der Stärke ihrer Empfindungen; denn ein ihr verursachtes Schrecken raubte ihr plötzlich allen Verstand. Mit starrem, fürchterlichen Blick saß sie da; bald brach sie in ein höhnisches Lächeln aus, bald sang und betete sie. Arzneien weigerte sie sich lange einzunehmen: einen Abend verstellte sich der Arzt in [45]ihren vorigen Liebhaber, besuchte sie, und brachte ihr, wie er vorgab, von seinem Bruder, einem Arzte, Medicin. Sie umarmte ihn sogleich, war außer sich vor Freude, und — nahm ein. Itzt ging ihr vermeinter Liebhaber weg; sie nahm zärtlichen Abschied von ihm, und schlief diese Nacht recht ruhig. Als er aber des andern Tages auf ihren Ruf nicht wieder kam, wurde ihr Zustand schlimmer. — Das ihr abgedrungene Jawort scheint sie gereut, und diese schreckliche Wirkungen gehabt zu haben.


6.

Ein physiologisch-psychologisches Problem.

Tiemann, Johann Ernst

Ew. etc. hab' ich neulich mündlich versprochen, Ihnen die Geschichte jener Frau, welche bei jeder Schwangerschaft das erste Glied ihres Fingers verloren hat, etwas umständlich zu überschreiben, wann ich zuvor in dieser Absicht noch einst diese Frau besuchet haben würde.

Die Frau, von welcher ich reden will, ist aus der Herrlichkeit Rheda gebürtig, und wohnet seit ihrer Ehe im Kirchsprengel Harsewinkel hiesigen Hochstifts als Eigenbehörige dieses Klosters Marienfeld, eine halbe Stunde von hier. Am Sonn-[46]abend den 9ten Juli ging ich wieder zu ihr. Sie erzählte mir alles wieder so und mit den nämlichen Umständen, als sie es schon vorhin zu drei verschiedenenmalen gethan hatte.

Sie sagte, drei oder auch vier Wochen nach einem fruchtbaren (empfänglichen) Beischlaf empfinde ich einen Schuß am ersten Glied eines Fingers; dann sage ich zu meinen Mann: nun ist es wieder ins reine, (das ist, ich bin ganz gewiß wiederum in gesegneten Umständen) das Glied des Fingers fängt dann an zu schwären, mit unausstehlicher Hitze zu brennen, allgemach verwandelt sich das Geschwür in eine mit hellem Wasser angefüllte Blase; nachdem ich diese mit einer Nadel durchgestochen, scheint das Fleisch um den Knochen in Fäulniß überzugehen: endlich fällt der Knochen des beschädigten ersten Gliedes heraus, und alsdann ist in Zeit von vierundzwanzig Stunden der verstümmelte Finger ganz wieder zugeheilet. Das Herausfallen des Knochens folget vier oder fünf Wochen nach dem ersten Schwären des Fingers. Die Glieder sind in folgender Ordnung abgefallen. Bei der ersten Schwangerschaft fiel an der linken Hand das erste Glied des Mittelfingers — bei der zweiten das erste Glied am Zeigefinger — bei der dritten das am kleinen oder Ohrfinger — bei der vierten am Daumen — bei der fünften an der rechten Hand das erste Glied des Zeigefingers — bei [47]der sechsten am kleinen oder Ohrfinger — bei der siebenten am Daumen.

Die Frau hatte zwar die herausgefallenen Knochen aufbewahrt, und versprach mir schon voriges Jahr dieselbe zu geben; allein nach allem möglichen Durchsuchen konnte sie keinen finden, welches ich sehr bedauerte.

Ich zweifele sehr, ob sie noch ein Glied verlieren wird, denn wenn sie mir gleich ihr Alter nicht sagen konnte, so ist sie doch schon achtzehn Jahr im Ehestande, und dem Ansehen nach näher an funfzig als fünfundvierzig. Die sieben Kinder sind noch alle frisch und munter. Einmahl war ich gegenwärtig, als mein Freund die Frau befrug, wie viel Kinder sie habe? statt der Antwort hob die Frau beide Hände in die Höhe und zeigte meinem Freund, daß sie nur noch drei ganze Finger, nämlich in der rechten Hand den Ring- und Mittelfinger, in der linken Hand den Ringfinger unverletzt übrig hätte.

Minden den 13ten September 1785.

Tiemann,

Kammerrath bei der Mindeschen Kr. und D. Kammer.


[48]

Sollte die Einbildungskraft solche erstaunliche Wirkungen hervorbringen können, daß diese Frau, weil ein und eben dasselbe sich etwa zweimal zufälliger Weise ereignete, nun die Wiederkehr eben desselben Zufalls bei dem, was sie für die Ursach davon hielt, so gewiß erwartete, daß diese Erwartung auch wirklich eintraf? Und also nun etwas als Wirkung und Ursach aufeinander zu folgen schien, oder wirklich aufeinander folgte, wovon vorher ein jedes für sich, ohne das andre, erfolgt seyn würde? Ein physiologischer Grund möchte doch hier wohl schwerlich aufzufinden seyn.

M.

[49]

Zur Seelennaturkunde.

1.

Schack Fluurs Jugendgeschichte.

Zweites Stück.
Siehe des vierten Bandes zweites Stück der Erfahrungsseelenkunde.

Pockels, C. F.

Nach einem zweijährigen Unterrichte in der Dorfschule, worin Schack herzlich wenig gelernt hatte, nahm ihn sein Vater heraus, und fing ihn selbst zu unterrichten an, welches er auch mit einem unermüdeten Fleiß bis zu Schacks akademischen Jahren hin fortsetzte. Schack fühlte sich unbeschreiblich glücklich, daß er künftig nicht mehr in die Dorfschule gehen und unter den Bauerkindern sitzen durfte, welche ihm so weit unter seinem Stande zu seyn schienen. Es hatte ihn ausserdem vom Anfang an tief in der Seele gekränkt, daß er nicht an der großen Schultafel oben an sitzen durfte, sondern unter den ältesten Sohn des Schulmeisters gesetzt wurde; ein Umstand, wodurch sich P.. vornehmlich bei ihm verhaßt machte, und warum Schack seinen über ihn gesetz-[50]ten Mitschüler als einen Feind betrachtete, welcher seinem Stande und seiner Ehre im Wege stünde. Alles dieß hatte ihm die Dorfschule zu dem traurigsten Aufenthalte von der Welt gemacht, und er war daher auch der Erste, der es dem Schulmeister mit einer triumphirenden Miene verkündigte, daß er ferner nicht mehr unter seiner Zuchtruthe stehen würde, ein Glück, welches er noch an dem nehmlichen Tage in dem ganzen Dorfe mit tausend frölichen Luftsprüngen bekannt machte.

Schack wurde also von dieser Zeit an der Schüler seines guten Vaters, und gewiß konnte er keinen thätigern und fleißigern Lehrmeister bekommen als ihn. Anfangs genoß er seinen Unterricht mit zwei seiner Schwestern; bald aber widmete sich sein Vater ihm ganz allein. Es ist unglaublich, wie pünktlich und gewissenhaft der würdige Mann bei dem Erziehungsgeschäfte seines Sohns verfuhr, und wie unerschöpflich seine gute Laune dabei war. Seine Heiterkeit verlohr sich nie, wenn er Unterricht gab, sein Vortrag war äußerst angenehm und lebhaft, seine Aufmunterungen zur Aufmerksamkeit begleitete gemeiniglich ein unschuldiger wohl angebrachter Scherz, welcher zehnmal mehr als ein pädagogisches Schelten ausrichtete, und sein ganzes Benehmen während des Unterrichts flößte Zutrauen, Hochachtung und Liebe ein.

Die gute Laune des Schulmanns, pflegte er immer zu sagen, ist das vornehmste Mittel jun-[51]gen Leuten die Schule angenehm zu machen und ihnen die so natürliche Abneigung vor derselben zu benehmen. »Meine Kinder, sagte er oft, müssen es für keinen Sklavendienst halten, unterrichtet zu werden; sie müssen mit mir gleichsam nur Spaziergänge in den Wissenschaften zu machen glauben.« So heiter und aufgeweckt er aber auch in allen seinen Lehrstunden war, so wenig verlohr er doch dabei sein Ansehn, welches nicht selten bei aufgeräumten Schullehrern der Fall ist. Schack wurde bisweilen durch die fröliche Laune seines Vaters gereizt, mitten in den Lehrstunden muthwillig, und ließ alsdann gern seine Lustigkeit über die gehörigen Gränzen hinausschweifen; aber ein einziger ernster Blick seines Vaters brachte ihn gleich wieder zu sich selbst zurück.

Durch ein immer aufgeräumtes, aber zugleich ernstes Wesen, war es dem guten Vater vornehmlich geglückt, seine Kinder von übeln Launen, und von dem, bei den meisten jungen Leuten gewöhnlichen Hange zum Eigensinn zu heilen, welches noch immer für ein schweres Problem in der Erziehungskunst gehalten wird. »Wenn wir Eltern und Lehrer, sagte er oft, mit unsern Kindern und Zöglingen immer auf eine gefällige Art umgehen, wenn wir unsere Launen — mags doch auch bisweilen Mühe und Ueberwindung kosten — zu ihrer jugendlichen Frölichkeit herabstimmen; wenn wir vornehmlich selbst nie ohne Noth Launen und Eigen[52]sinn gegen sie an den Tag legen: so werden sie uns, selbst bei einiger Strenge, über alles lieben, werden inniges Zutrauen zu uns haben, und hierin muß gleichsam die Arzenei gegen ihren Eigensinn liegen, welcher durch harte Behandlungen eigentlich nur auf einige Zeit unterdrückt, aber gewiß nie ganz ausgerottet wird.«


So feurig und lebhaft der Pastor Fluur vermöge seines Temperaments war, so selten bediente er sich doch harter körperlicher Strafen, wenn Schack Unbesonnenheiten begangen hatte. Er zeigte ihm gemeiniglich mit einigen nachdrücklichen Worten das Unanständige seiner Handlungen, und nahm sich sehr in acht, durch lange moralische Predigten ihn gegen seine jugendlichen Fehler gleichgültig zu machen, welches gemeiniglich die unglückliche Folge des langen unnützen Moralisirens über kindische Unarten zu seyn pflegt. Nur darin beging vielleicht das zärtliche Herz des guten Vaters einen kleinen Fehler, daß er, wenn er Schacks Muthwillen bisweilen ernstlich bestrafen mußte, nachher gleich wieder zu viel herablassende Güte gegen ihn blicken ließ, und ihm hinterher nicht selten ein kleines Geschenk mit Gelde zu machen pflegte.

Es ist in der That eins von den wichtigsten Problemen in der Erziehungskunst, worüber Eltern und Lehrer nicht genug nachdenken können, welcher Strafen, und auf welche Art man sich derselben [53]bei Kindern zu ihrer moralischen Besserung bedienen müsse. Es ist bei der so großen Verschiedenheit der Gemüther, bei der verschiedenen Empfindlichkeit junger Kinder, und bei der oft durchs ganze Leben hindurch würkenden Dauer früherer Eindrücke durchaus nicht gleichgültig, womit, und wie man jene bestraft, und ich bin überzeugt, daß durch eine falsch angewandte Art der Strafen viel mehr junge Leute von Grund aus verdorben sind, als durch jenes zärtliche Nachgeben, welches Eltern so oft gegen ihre Kinder an den Tag legen. Viele Unarten der Kinder sollte man gar nicht, oder nur mit wenigen Worten bestrafen, wenn sie eine bloße Folge ihres Leichtsinns und ihrer Uebereilung sind. Weil Kinder in diesen Fällen nichts Böses gethan zu haben glauben, und weil sie selten schon richtige Begriffe über die Moralität ihrer Handlungen besitzen, die wir oft zu früh bei ihnen voraussetzen; so werden sie leicht Unrecht zu leiden glauben, wenn man sie deswegen bestraft; sie werden sich heimlich über ihre Eltern und Lehrer erboßen; ihre Liebe wird gegen sie in einen versteckten Haß verwandelt werden, und alle ihre Handlungen werden nach und nach in jene unglückliche Heuchelei ausarten, hinter welche sie sich mit einem desto größern Rechte zu verstecken suchen werden, je mehr man ihnen durch unüberlegte Strafen Unrecht gethan hat. Selbst diejenigen Strafen, die Kinder verdient haben, sollte man mit größter Vorsicht wählen, und dabei [54]nachdenken, ob sie auch mit dem zu bestrafenden Fehler in einem gehörigen Verhältnisse stehen. In den Augen der Eltern und Lehrer können sie vielleicht unbedeutend scheinen, können aus guten Absichten so und nicht anders gewählt seyn, und doch in dem Gemüthe junger Kinder die schrecklichsten Veränderungen hervorbringen. Vornehmlich aber hüte man sich doch ja, junge Leute durch Strafen oder auch nur durch Drohungen zur Verzweifelung zu bringen, welches oft leichter geschehen kann, als man glaubt. Die Erschütterungen, welche dadurch das Gemüth eines Kindes bekommt, können für sein ganzes Leben höchst gefährlich werden, und vielleicht auf immer dem Charakter des Kindes eine schiefe Richtung geben. Ich will aus Schacks Jugendgeschichte einen Fall anführen, welcher zwar den letztern Schaden für seinen Charakter nicht hatte; aber ihm eine der entsetzlichsten Entschließungen abzwang, wohin ein verzweiflungsvolles Gemüth gerathen kann.

Schack hatte hintereinander — er war damals ohngefähr zehn Jahre alt — einige Unarten begangen, die würklich ernstlich bestraft zu werden verdienten. Er furchte daher auch dießmal wirklich Schläge zu bekommen; aber er hatte sich geirrt. Sein Vater ließ ihn vor sich kommen, und empfing ihn mit einer äußern Ruhe, die ihn befremdete. Gleich einer Bildsäule stand jetzt Schack da, und erwartete sein Urtheil, indem er einen schüchternen Blick [55]nach dem andern auf seinen Vater warf; im Herzen aber schon froh war, daß sein Vater nicht sehr aufgebracht zu seyn schien. Aber seine Freude dauerte nur wenige Augenblicke, denn nach einer kleinen Pause fing sein Vater also zu reden an, indem er anfangs geflissentlich seinen innern Zorn verbiß: »Ich habe mir bisher alle Mühe gegeben, Dich zu bessern; ich habe oft erstaunliche Nachsicht mit Deinen Unarten gehabt, aber Du bist von Tage zu Tage schlimmer geworden. Dein Muthwille und Ungehorsam übersteigt jetzt alle Gränzen, und ich habe mir nun ernstlich vorgenommen, Dich nicht länger in meinem Hause zu behalten.« Bei diesen Worten überlief Schacken ein eiskalter Schauer, und er fing am ganzen Leibe zu zittern an. »Sieh hier! fuhr er fort, liegen Deine Sonntagskleider, und da steht ein Kober mit Victualien angefüllt. Diese Kleider und diesen Kober sollst Du nehmen, und gleich einem Handwerksburschen in die weite Welt hinein wandern. Wenn die Victualien verzehrt sind, so magst Du andere Leute um Brod ansprechen; aber ich werde mich nicht weiter um Dich ungerathenes Kind bekümmern. Weg aus meinen Augen!« und hier wies er ihm die Thür. Schack war durch diese schreckliche Sentenz außer aller Fassung gebracht, die Worte erstarben ihm auf der Zunge, er hatte nicht einmahl so viel Besinnungskraft, seinen Vater um eine Milderung seines Urtheils zu bitten, und er konnte es [56]auch nicht wagen, da ihm sein Vater mit sichtbarem Zorn im Gesichte gradezu die Thür gewiesen hatte. Er nahm daher seine Kleider und Victualien, indem seine ganze Seele von innerm Groll gegen seinen Vater glühete, und verließ mit einem verbißnen Trotz das väterliche Haus, ohne von jemand Abschied zu nehmen. Rächen willst du dich! dacht' er, seys auf welche Art es wolle. Sein Blut kochte vor Wuth. Er knirschte mit den Zähnen, stampfte grimmig zur Erde, und rannte wie ein wildes Thier davon. Aber an die Stelle seines innern Grolles trat bald eine unbeschreibliche Wehmuth. Ein heißer Thränenstrom brach ihm aus den Augen. Nun glaubt er auf einmahl der unglücklichste aller Menschen geworden zu seyn, die Bilder seiner genossenen jugendlichen Freuden stellten sich ihm der Reihe nach vor, und er glaubte, daß er nun auf ewig sie werde entbehren müssen. Besonders aber erfüllte ihn der Gedanke mit einem unendlichen Schmerz, daß er künftig sein Brod vor den Thüren anderer Leute suchen sollte. Sonst hatte er in seines Vaters Hause Brod unter die Bettler ausgetheilt; jetzt sollte er selbst als ein Bettler unter den Fenstern anderer Leute singen. Er wollte auf die Landstrasse hinaus; aber seine Knieen bebten; er konnte nicht weiter kommen, so sehr drückte ihn die Last, die auf seiner Seele lag, und verkroch sich daher hinter einem Hollunderstrauch an der Kirche, durch dessen Blätter er mit tausend [57]Thränen nach seinem väterlichen Hause blickte, welches ihm jetzt wie ein fürstlicher Pallast vorkam. Nie hat er wieder in seinem Leben so etwas Schreckliches als damals hinter dem Hollunderstrauche gefühlt. Sein Herz wurde von tausend fürchterlichen Empfindungen zugleich gefoltert. Er wollte umkehren, die Kniee seines Vaters umarmen, seiner Mutter sich zu Füssen werfen; aber er befurchte hart behandelt zurück geschickt zu werden. Der wilde, zornige Blick seines Vaters schwebte ihm vor den Augen, und auf der andern Seite das gränzenlose Elend, in welches er sich versetzt sah. Schon erblickte er sich in seiner zerlumpten Bettlerkleidung, hörte hinter sich her die Dorfhunde hetzen, und sah sich als einem von aller Welt verlassenen Menschen hinter einem Zaune sterben. Seine Phantasie war durch alle diese Schreckbilder auf den höchsten Grad gespannt, und in diesen Augenblicken der unbeschreiblichsten Angst gerieth er in dasjenige wilde Gefühl der Verzweifelung, in welcher unsere Natur, vom Schmerz überladen, das erste und beste Mittel ergreift, sich davon auf immer zu befreien, — — er beschloß sich umzubringen, und die Sale sollte sein Grab werden. Mit diesen Gedanken standen auf einmahl seine Thränen still, er richtete sich mit Entschlossenheit auf, fühlte sich auf einmahl stärker als er sich je wieder in seinem Leben gefühlt hat, und ging wüthend nach der Sale zu. Rächen willst du dich, dacht' er aufs neue, und du [58]kannst es auf keine bessere Art thun, als wenn du in die Sale springst; wie wird denn, dacht er weiter, dein Vater um dich jammern, wenn man deinen Leichnam aus dem Wasser gezogen hat, und wie wird er den Augenblick verfluchen, da er dich mit dem vermaledeiten Kober fortschickte. Es war ihm, als ob er seinen Vater neben seiner Leiche lebhaftig stehen sähe. An die Schmerzen des Todes dacht er nicht; — sein Entschluß war einmahl muthig gefaßt, und er hätte ihn wahrscheinlich ausgeführt, wenn ihn nicht ein Bote eingeholt hätte, der ihn zu seinem Vater zurückbringen sollte, und welcher ihm zugleich die Nachricht mitbrachte, daß sich seines Vaters Zorn gelegt habe. Die Empfindungen, die Schack dabei hatte, waren ein sonderbares Gemisch von Freude, daß er nun wieder zu seinen Eltern und Geschwistern, ohne ein Bettler zu werden, zurückkehren durfte, und von versöhnter Rache, daß er nicht von sich selbst zurückgekommen, sondern von seinem Vater ausdrücklich, und wie er glaubte, mit Aengstlichkeit wieder eingeladen war.


Um Schacks ganzen Charakter im Folgenden näher kennen zu lernen, will ich voraus anmerken, daß in ihm vom Anfang seines Denkens an ein heimlicher Trieb zur Ehrbegierde lag, ohnerachtet man ihn in dessen Kindheit nicht besonders angefacht hatte. Diesen Ehrgeitz verrieth er schon bei [59]seinen kindischen Spielen. Ueberall wollte er der Erste seyn, immer befehlen und nie gehorchen, immer anordnen und sich nicht widersprechen lassen. Er hatte die Leute ganz besonders lieb, die den Huth vor ihm abnahmen, so wie er die gar nicht ausstehen konnte, die vor ihm ohne jenes Zeichen der Ehrerbietung vorbeigingen. Wie er etwas größer geworden war, und seine ausgebreitetere Selbstthätigkeit auch seinem Ehrgefühl mehr Nahrung und Stärke gab, leuchtete dasselbe aus allen seinen Handlungen hervor, und er that eigentlich nichts gern, wo er keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Wenn er in der Kirche war, stellte er sich immer dahin, wo er von den meisten Leuten gesehen werden konnte, und strengte seine Kehle oft auf eine widernatürliche Art an, um die ganze Gemeinde zu überschreien, welches er auch täglich bei dem Abendgottesdienste that, welchen seine Mutter mit seinem übrigen Geschwister und dem Gesinde hielt. Um sich bei den unwissenden Bauern ein Ansehn zu geben, that er oft sehr gelehrt, und sprach eine halb Deutsch- und Lateinische Sprache, wohinter sie eine große Geschicklichkeit suchen sollten. Seine kindische Eitelkeit verführte ihn sogar manchmal zu den lächerlichsten Grillen. Er spatzierte z.B. nicht lieber als in hohlen Kornwegen, und freute sich unendlich, wenn der Wind die hohen Kornähren auf die Seite legte, und sie ihm gleichsam ihr Compliment machten. Aus eben [60]jener Eitelkeit wünschte er nichts mehr, als ein großer General zu werden. Stundenlang hörte er oft einem abgedankten Soldaten in seinem Dorfe zu, wenn er von den Schlachten des Königs von Preußen erzählte. Schacks Wangen glühten, er war mit seiner Seele auf dem Schlachtfelde, er ließ den Tod von Glied zu Glied durch die Armeen rasen, und konnte es durchaus nicht leiden, wenn die Oestreicher oder Franzosen auch eine Bataille gewonnen haben sollten.


Ehe ich zu den Methoden komme, nach welchen ihn sein Vater zu unterrichten pflegte, will ich noch einige seiner Vorstellungsarten erwähnen, wie sich Schack in seiner Kindheit allerlei geistige und abstrakte Gegenstände zu denken pflegte. Kinder denken bei den Worten, Gott, Ewigkeit, Dauer, Zeit, Raum, Seele, Unsterblichkeit etc. gemeiniglich gar nichts, weil alle diese Ideen außer ihrem sinnlichen Fassungskreise liegen; nach und nach verbinden sie irgend eine materielle Idee vermöge einer Association sinnlicher Vorstellungen damit, und mit dieser materiellen Idee behelfen sich die meisten Menschen Zeit ihres Lebens. Bei dem Worte Gott dachte sich Schack, wie die meisten Kinder, einen alten Mann mit einem langen Barte auf einem prächtigen Throne mit vielen Lichtern umgeben, so war wahrscheinlich das erste Bild beschaffen gewesen, welches Schack hierüber gesehen hatte. [61]Uebrigens hatte die Idee von Gott für ihn nicht viel Reizendes, sondern vielmehr etwas Furchtbares und Schreckliches, und es kam ihm daher immer besonders vor, daß er nach dem ersten Gebote zu gleicher Zeit Gott fürchten, lieben und vertrauen sollte. Wenn ein Gewitter kam, wurde ihm aber Gott noch fürchterlicher, und man konnte es ihm nicht ausreden, daß Gott nicht aus Zorn, sondern nach einer wohlthätigen Einrichtung der Natur dergleichen Luftbegebenheiten entstehen ließe. Desto liebenswürdiger für Schack war die Idee eines Heilandes. Er wünschte oft nichts sehnlicher, als zu den Zeiten desselben, und mit ihm in Gesellschaft gelebt zu haben. Kein Mensch kam ihm daher auch abscheulicher vor, als Judas, der ihn verrieth, und die Juden, welche ihn getödtet hatten. So oft er die Passionsgeschichte las, wurde er von einer heimlichen Wuth gegen die Juden durchdrungen, und erdachte sich allerlei Martern, die er sie würde haben ausstehen lassen, wenn er Christus oder nur damals ein Feldherr gewesen wäre. Immer verdacht' er es daher auch unserm Erlöser, daß er nicht die Legion Engel vom Himmel kommen ließ, die er gegen die Juden in seiner Gewalt zu haben behauptete. Nächst unserm Erlöser gefiel ihm in der evangelischen Geschichte der römische Hauptmann am besten, der Christum das Zeugniß eines göttlichen Menschen gab: hingegen erschien ihm Petrus in einem kleinen Lichte, so gern er ihn [62]auch immer in seinen Gedanken über alle Apostel hinwegzusetzen suchte, weil Jesus ihn selbst bisweilen vorgezogen hatte. Das einzige, was Schacken an dem Heilande nicht gefiel, war: daß er einmahl zu seiner Mutter gesagt hatte: Weib, ich habe mit dir nichts zu schaffen. Er meinte, so müßte ein Sohn nicht zu seiner Mutter reden.

Von der menschlichen Seele machte sich Schack lange Zeit keinen andern Begriff, als der durch das Bild im Orbispiktus veranlaßt wurde, wo die Seele als eine punktirte menschliche Schattenfigur vorgestellt wird. Er meinte, das Ding, was wir Seele nennen, sei im ganzen Körper, und konnte nicht begreifen, daß sie allein im Gehirn ihren Sitz haben solle, da man doch an allen Theilen des Leibes Gefühl hätte. Unter jener Schattenfigur stellte er sich nun auch jedes Gespenst vor, welches er für irgend eine wiedergekommene Seele hielt. Auf einmahl aber änderte sich sein Seelensystem durch eine sonderbare Erzählung seiner Mutter, und er hielt nun die Seele für eine Art Dunst, welcher sich beim Tode des Menschen in Gestalt eines Wölkchens vom Menschen absonderte und in den unendlichen Himmelsraum überginge. Die Geschichte, welche seinem System eine ganz neue Richtung gab, war folgende:

Schacks seliger Grosvater war im Anfange dieses Jahrhunderts in Wien Hofmeister bei den Kindern eines reichen Banquiers gewesen. Dieser [63]Mann hatte Schacks Grosvater herzlich geliebt, hatte ihn zum Vertrauten seines Herzens gemacht, und in seiner Freundschaft oft Trost gegen die Sorgen gesucht, die ihm von seinem coquetten Weibe gemacht wurden. Diese Frau hatte unter die unselige Klasse von Frauenzimmern gehört, welche ohnmöglich einem Manne treu bleiben, sondern immer mehrere Anbeter haben müssen, unter welchen sie ihr Herz theilen können. Des Herrn von Schiers Gattin, so hieß der Mann, war aber nicht bloß ein coquettes, sondern auch ein wirklich ausschweifendes Weib gewesen; sie hatte das Guth ihres Mannes verthan und an ihre wollüstigen Freunde verschwendet; hatte sich ganze Tage nicht um ihren arbeitsamen Mann bekümmert — und war nur immer allein ihren sinnlichen Vergnügungen nachgegangen. Herr von Schier war ein viel zu sanfter Mann gewesen, um der ganzen Sache durch entschlossene Widersetzung ein Ende machen zu können. Oft hatte ihn Schacks Grosvater im Stillen weinen sehen, und oft hatte er diesem mit einem Gefühl der Verzweifelung seine Leiden geklagt. Endlich hatten ihn Gram und Sorgen so sehr mitgenommen, daß er krank ward. Schacks Grosvater war seine einzige Gesellschaft auf seinem Krankenbette, und er starb auch in seinen Armen, nachdem er noch verschiedenemahl geäußert hatte, daß sein Geist noch nach dem Tode über die Ausschweifungen seines Weibes Ach und Weh schreien [64]würde. Nach einigen Tagen geht Schacks Grosvater in einem Saale des Hauses am hellen Tage spatziren. Seine Seele beschäftiget sich eben mit seinem abgeschiedenen Freunde, und siehe! er erblickt auf einmahl ein kleines blaues Wölkchen, welches sich an der Decke des Zimmers langsam hin- und herwälzt. Er beobachtet sie einige Zeit und folgt ihr nach, wie sie sich gegen das Fenster bewegt; aber in dem Augenblicke verschwindet sie, und er vernimmt ein lautes Ach! obgleich kein Mensch in und neben dem Zimmer gewesen war, — — und was war das für ein Ding, fragte Schack seine Mutter mit einer Neugierde, die ihm im Auge glühte, als sie ihm das erstemahl diese Geschichte erzählte? — Das war die Seele, erwiederte sie, und von Stund an dachte sich Schack die menschliche Seele als ein Wölkchen, welches vom Haupte des Menschen bei seinem Tode aufflöge und von den Engeln im Himmel getragen würde.

Vielleicht bin ich zu weitläuftig gewesen, einige kindische Vorstellungsarten aus Schacks Seele mitzutheilen; allein ich glaube, daß es immer der Bemerkung werth ist, wie der menschliche Verstand sich nach und nach selbst Ideen schafft und seine Denkkraft zu äußern anfängt. So kindisch auch immer die ersten Vorstellungsarten der menschlichen Seele zu seyn pflegen, so siehet man doch immer daraus, daß sie sich schon frühzeitig an eine Kunst zu schließen gewöhnt, und ehe sie noch ihre Regeln [65]kennt, gleichsam durch einen innern Denkinstinkt ihren geistigen Wirkungskreis auszudehnen sucht. Vornehmlich lernt man auch aus solchen Beobachtungen, daß die menschliche Denkkraft durch einen in alle ihre Vorstellungen verwebten Hang zum Vergleichen sich am ersten aus dem Schlummer der Kindheit erhebt, und die Seele dadurch zum Bewußtseyn ihres eigenen Daseyns gelangt. Die Begriffe vom Verhältniß des Großen und Kleinen sind gleichsam die Urbegriffe der menschlichen Seele, ohne die sie sich anfangs nichts denken kann. Eine Gewohnheit, die ihr nach und nach so natürlich wird, daß sie keine deutliche Vorstellung von irgend einer Sache, selbst von abstrakten Gegenständen, haben kann, ohne sich dabei ein gewisses Maaß, eine Größe, eine Art Gränze zu denken. Wenn das Wesen der Seele ins Denken gesetzt wird, so könnte man eben sowohl sagen, daß das Wesen des Denkens, Vergleichen sey. Ein Satz, welcher offenbar dadurch aus der Erfahrung bewiesen werden kann, weil wir uns keine einzige ganz isolirte für sich bestehende Idee denken können, sondern bei unsern subtilsten Abstraktionen immer an die Analogie irgend einer ähnlichen Idee gebunden sind.


Schacks Schuljahre waren ohnstreitig die angenehmsten seines Lebens. Den Sommer hindurch gab ihm sein Vater in einer Stube Unterricht, von welcher man die vortreflichste Aussicht auf eine [66]weite Aue hatte. Vor ihr schlängelte sich die Saale in majestätischen Krümmungen zwischen lachenden Ufern hin, und verlor sich endlich zur Linken hinter dicken Eichenwäldern. Zur Rechten lag eine reitzende waldigte Insel, an deren einer Seite sich die Saale über einen Mühldamm rauschend hinwegstürzte, und von weiten das angenehmste Gemurmel verursachte. Ohngefähr hundert Schritt vor der Schulstube stand die neue Dorfkirche mit ihrem alten Thurme auf einer Anhöhe, und hinter ihr eröfnete sich ein paradiesisches Thal, welches von einer Menge sächsischer Dörfer, und weiter hin von einem großen Tannenwalde umkränzt wurde. In dieser Stube war es, wo der alte würdige Vater, dem die Natur das feinste Gefühl für die Schönheit ihrer Werke mitgetheilt hatte, seinen Kindern die großen Wahrheiten der Religion und Tugend einflößte, und wo sein Unterricht im Angesicht der schönen Natur täglich neue Reitze gewann. Schacks Seele ergreift jedesmahl eine unbeschreiblich süsse Wehmuth der Freude, wenn er sich auf jenes Plätzchen zurückdenkt, das sein Vater zum Unterrichte für ihn gewählt hatte. Er glaubt den reinen Aether noch einzuathmen, den er durch die offenen Fenster der Schulstube erhielt; noch hört er das ferne Geschrei der weidenden Heerden auf den seinem Schulzimmer gegenüberliegenden Wiesen, und das fröhliche Gekreisch der Bäuerinnen, welche jenseit der Saale die hohen Heu-[67]haufen thürmten. Noch sieht er mit innigster Freude die mit Steinkohlen beladenen Schiffe langsam die Saale hinunterfahren, und nie wird er die süssen Stunden vergessen, in welchen ihn sein guter Vater auf die liebreichste Art mit den Schönheiten der Natur bekannt machte. — O! es ist unbeschreiblich, welche wohltäthige, für das ganze Leben des Menschen wirksame Eindrücke der frühe Umgang mit der Natur in der Seele zurückläßt. Dieser Umgang eröffnet unser Herz zur Menschenliebe und Freundschaft, und giebt ihr eine Kraft und Stärke, die sie schwerlich durch eine finstere zwischen Mauren gelehrte Moral erhalten wird. Wer früh mit der schönen Natur vertraut umgehen lernt, wird die künftigen Leiden des Lebens nicht halb so sehr fühlen, als sie diejenigen fühlen müssen, welchen der Anblick der Schöpfung, dieses bezaubernde Erheiterungsmittel der Seele, keine einzige angenehme Empfindung einzuflößen vermag. Eltern und Lehrer! ich kenne keine größere Pflicht, die euch bei dem großen Erziehungsgeschäfte des Menschen obliegt, als eure Zöglinge mit den großen und kleinen Werken der Natur so frühzeitig als es geschehen kann bekannt zu machen. Was ihr darin versäumt, könnt ihr vielleicht nie wieder einhohlen. Begleitet doch ja recht oft eure Kinder auf lehrreichen Spatziergängen durch fruchtbare Felder und lachende Wiesen. Hier gebt ihnen Unterricht von den allen Menschen so anständigen Be-[68]griffen des Ackerbaues; hier flößt ihnen die erhabnen Wahrheiten von einer allgütigen Gottheit ein; hier zeigt ihnen auf eine anschauliche Weise, daß Alles, was Gott geschaffen, gut sey, und daß der, welcher alles so gut gemacht hat, welcher vornehmlich dem Menschen eine so schöne Welt zum Wohnplatze anwies, mit Recht unsere innigste Liebe verdiene, — und ihr werdet uns gewiß bessere Menschen, als zwischen euren finstern Wänden bilden, wo ihr so leicht eure eigene Heiterkeit verliert, und die Schule zu einem Sklavenstande eurer Kinder macht.


Schacks Schulstunden fingen Morgens um sieben Uhr mit einem kurzen Gebet an, welches für Schacks Herz bei offenen Fenstern, gegenüber die Kirche mit den um sie herstehenden Leichensteinen und den ruhig in Blumen liegenden Grabhügeln, allemahl etwas sehr Feierliches hatte. Oft stieg alsdann in seiner Seele eine stille Sehnsucht nach seinen Geschwistern auf, welche schon vor seiner Geburt aus der Welt gegangen waren; aber oft drang ihm auch mitten im Gebet ein Dolchstich durchs Herz, wenn er sichs dachte, daß er einst einmahl das Grab seines guten Vaters dort auch werde liegen sehen. Ein banger, schwermüthiger Gedanke, der vornehmlich alsdenn in ihm sehr lebhaft wurde, wenn sein Vater eine Leiche nach dem Kirchhofe begleitete.

[69]

Nach jenem Gebet wurde sogleich eine kurze Wiederholung der Lectionen des vorigen Tages angestellt. Schack mußte hier unter Anführung seines Vaters eine Uebersicht über den jedesmaligen Zuwachs seiner neuen Ideen halten. Eine Methode, die gewiß sehr vernünftig war, indem sie nicht nur die Aufmerksamkeit des Schülers beförderte, sondern auch nach und nach einigen Zusammenhang in das Gebäude seiner Begriffe brachte. Fluur war sehr für ein genaues Repetiren des Gelernten; aber gar nicht für jenes unsinnige Zusammenpfropfen von Schulkenntnissen, wobei es im Kopfe selten helle wird. Nichts lag dem guten Vater mehr am Herzen, als seinem Sohne von allen ihm vorkommenden Dingen, so viel möglich, deutliche Begriffe beizubringen, und ihn ans Selbstdenken zu gewöhnen. Um hierin seinen Verstand zu üben, gab er ihm täglich einen oder mehrere körperliche Gegenstände auf, deren einzelne Merkmahle er aufsuchen, und endlich aus den wesentlichsten eine Definition des Ganzen zusammensetzen mußte. Diese logische Uebung, welche auch der Herr von Rochow unter seinen Bauerkindern zur Schärfung ihres Verstandes mit dem glücklichsten Erfolg eingeführt hat, ist von unläugbarem Nutzen, so wenig sie auch in den meisten Schulen gebraucht wird. Sie befördert den Beobachtungsgeist junger Leute, die gemeiniglich Alles nur obenhin ansehen, und lehrt sie nach und nach Selbster-[70]findungen anstellen, wobei das Kind nicht leicht ermüdet, eben weil es selbst zu erfinden glaubt. Diese Uebung setzte der alte Fluur bald nachher mit geometrischen Figuren fort, aus deren Construktion er seinen Schüler die Euclidischen Sätze auf die leichteste Art zu folgern lehrte. Schack bekam von seinem Vater schon im zehnten Jahre einen wöchentlichen Unterricht in der Mathematik und Astrologie, eine Wissenschaft, zu welcher Schack eine ausserordentliche Neigung verrieth, auch bald darauf den Bauern des Dorfs darin Unterricht gab.

Nach jener Wiederholung seiner Lectionen verließ Schack die Schulstube, um seinem Vater einige Zeit zu seinen übrigen litterärischen Geschäften übrig zu lassen. Um neun Uhr fing der Unterricht wieder an, und es wurde nun ein Lateinischer Autor vorgenommen. Sein Vater hatte die besten Lateinischen Schriftsteller mehr als einmahl durchgelesen, so wie überhaupt die Alten seine Lieblingslektüre ausmachten. »Hier finde ich Perlen und Gold, pflegt' er zu seinen gelehrten Freunden oft zu sagen, was ich in den neuern Schriften nicht, wenigstens nicht so häufig finde; die Deutlichkeit, Correktheit und Ordnung der Gedanken, die hinreißende Schönheit des Styls, die männliche Kraft zu denken, wodurch sich die Alten so sichtbar auszeichnen, und worin sie immer unsere Muster bleiben müssen, scheinen selbst den besten Deutschen Schriftstellern nicht ganz zum Theil geworden zu [71]seyn.« Man kann leicht daraus abnehmen, wie sehr es sich der gute Vater angelegen seyn ließ, seinen Sohn frühzeitig mit diesen großen Quellen menschlicher Kenntnisse bekannt zu machen. Die besten Stellen, die er während des Erklärens eines Lateinischen Autors fand, wurden gleich angestrichen, und Schack mußte sie auswendig lernen, so daß er schon im zwölften Jahre eine Menge der vortreflichsten Stellen aus dem Phädrus, Cicero und Terenz auswendig herzusagen wußte.

Unter den Lateinern gefiel unserm Schack keiner so sehr als Terenz. Der Dialog des alten Comikers war seiner Einbildungskraft viel angemessener, als die trockenen Schriften des Cicero. In der That hat auch Terenz in der ganzen Art sich auszudrücken, in der Wahl seiner Bilder, in seinem natürlichen, nie überspannten, Witz, und in der Schilderung menschlicher Charaktere und Empfindungen so etwas ausserordentlich Hinreißendes und Einladendes, daß er leicht junge Leute fesselt, und in den Schulen fleißiger gelesen werden sollte.

Auf die Lateinische Stunde folgte eine andere, welcher Schack die meisten brauchbaren Kenntnisse zu danken hat, und an die er immer mit dem größten Vergnügen zurückdenken wird. In dieser Stunde pflegte der alte Fluur seinem Sohne die für ihn gemachten Auszüge aus den besten Deutschen Schriftstellern vorzulesen, welche er sich, da seine Pfarrstelle nichts weniger als einträglich war, [72]von seinen gelehrten Freunden zu leihen pflegte. Der fleißige Mann nutzte jedes Stündchen zu jenen Auszügen, und bei seinem Tode fanden sich einige Dutzende Bände, die mit Auszügen aus den besten Deutschen Autoren angefüllt waren. Sulzers und Bonnets Schriften über die Natur machten vornehmlich tiefe Eindrücke auf Schacks Seele, er verschlang jedes Wort darin, und wünschte nichts mehr, als dereinst einmahl so vortreflich, wie diese Männer, schreiben zu können. Er ahmte ihre Sprachausdrücke in seinen Deutschen Ausarbeitungen nach, und konnte es durchaus nicht leiden, wenn sie ihm von seinem Vater, weil sie wahrscheinlich an der unrechten Stelle angebracht waren, mit rother Dinte durchstrichen wurden.

Ueberhaupt waren die Stunden, in welchen sein Vater seine Exercitien corrigirte, die peinvollesten seines Lebens. Es drang ihm durch die Seele, wenn die Geburten seines Verstandes mit rother Dinte so unbarmherzig durchstrichen wurden. Sein Herz pochte bei jedem Federstriche seines Vaters, und er knirschte oft heimlich mit den Zähnen, wenn es sein Vater, wie er glaubte, zu arg machte; unbeschreiblich war hingegen seine Freude, wenn er ein Perge! bekam. Gab es ihm sein Vater nicht, so setzte er es oft selbst unter seine Ausarbeitungen, oder schrieb die Worte darunter: ut aliquid dixisse videatur, weil er meinte, daß sein Vater nur oft aus übeler Laune corrigirt hätte.

[73]

Schack hatte von Jugend auf eine unersättliche Begierde zum Lesen, und diese seine Lesewuth, um mich so auszudrücken, fiel zuerst auf die Geschichten des alten Testaments, welche man in der That sorgfältiger vor den Händen junger Leute verwahren sollte. Es ist unausbleiblich, daß nicht dadurch mancherlei unreife und unanständige Ideen in die Seele junger Kinder gebracht werden, und daß jene Geschichten ihre Neugierde nicht auf eine gefährliche Art reitzen sollten. Ich spreche hier vornehmlich von denjenigen Histörchen des alten Testaments, welche die Schamhaftigkeit beleidigen, und am liebsten von jungen Leuten gelesen werden. Schack verstand den eigentlichen Sinn der Geschichte des betrunkenen Lots, der Thamar und der Reinigungsgesetze der Juden zwar nicht; aber er war äußerst neugierig dahinter zu kommen, und es durchkreutzten seine Seele hunderterlei alberne Vorstellungen, welcher Sinn dahinter stecken möchte. Seine Eltern wagte er nicht zu fragen, weil er es für unanständig hielt; aber er verzweifelte doch nie irgend auf eine Art einmahl dahinter zu kommen. Er hatte von ohngefähr gehört, daß sein Vater in seiner Bibliothek ein ganz besonderes Buch verborgen habe, worin allerlei Misgeburten abgemahlt, und Regeln für angehende Hebammen enthalten wären. Nichts wünschte er mehr, als dieses Buch zu sehen und zu lesen, weil er darin ohnstreitig [74]einige Aufschlüsse über die Ehestandsgeschichtchen des alten Testaments zu finden hofte; allein alles Suchens ohnerachtet fand er das Buch nicht, hatte auch nicht Zeit genug, den ganzen Bücherschatz seines Vaters durchzuwühlen. Endlich war sein Vater einmahl verreist. Jetzt meinte Schack müßte er die Gelegenheit nutzen, um Buch für Buch zu durchblättern. Er fing bei den Duodezbänden an, a und hatte bereits eine ziemliche Anzahl durchsucht, als er zu seiner unaussprechlichen Freude hinter den Büchern das längst gewünschte Buch fand. Er zitterte vor Freude und Neugierde, als er es in seinen Händen hielt, sah und hörte nicht mehr, und verkroch sich in einem Winkel der Stube, um den neugefundenen Schatz näher kennen zu lernen. Die fürchterlichen Misgeburten, die darin mit Schweins- und Elephantenrüsseln abgezeichnet waren, erschütterten ihn zwar anfangs; aber diese waren es nicht eigentlich, was er suchte. Er hatte sich nun einmahl die Vorstellung gemacht, daß darin alle Geheimnisse des Ehestandes vorkommen müßten, er irrte sich; indessen glaubte er doch durch dieses Buch mehr Licht über eine Sache bekommen zu haben, wonach alle Kinder eine unersättliche Neugierde verrathen. Nachdem er die Hauptartikel des Buchs durchlaufen hatte, versteckte er das Buch wieder an seine Stelle, und beschloß es nächstens mit mehrerer Aufmerksamkeit durchzulesen. So unbedeutend der ganze Umstand in Schacks Ju-[75]gendgeschichte zu seyn scheint, so wichtig wurde er in Absicht seiner Folgen, die vielleicht bei der Fortsetzung dieser Geschichte zu vielerlei psychologischen Betrachtungen Anlaß geben können, wenn anders dieser ganze Roman fortgesetzt zu werden verdient. —

(Die Fortsetzung folgt.)

Erläuterungen:

a: Duodez: Das kleinste Buchformat, bei dem der Papierbogen in zwölf Blätter gebrochen wurde (DWb Bd. 2, Sp. 1566).

2.

Ein Traum.

Seidel, Johann Friedrich

Wenn sonderbare und in Erfüllung gegangene Träume merkwürdig und des Aufzeichnens werth sind: so wird es gewiß auch der folgende seyn.

**s, dem ich den Titel eines Rendanten geben will, hatte das Unglück, daß ihm durch einen Bedienten eine beträchtliche Summe Kassengelder entwendet wurden. Der Thäter hatte sich dadurch verdächtig genug gemacht, daß er plötzlich mit seinem Raube entwichen war, ohne daß man seinen Aufenthalt hätte entdecken können.

Man denke sich die Verlegenheit, worin dieser Mann durch solchen Verlust sich gesetzt sah, da er weiter kein Vermögen hatte, als das, was ihm sein Posten einbrachte. Das Fehlende sollte nun ersetzt werden; sollte schon in weniger Zeit als einen Monath ersetzt seyn, weil er alsdann Rechnung ablegen und seine Kasse folglich richtig seyn mußte. [76]Zwar hatte er Freunde, aber sie waren nicht in dem Zustande, daß sie ihm eine so ansehnliche Summe sogleich hätten vorschießen können. Er suchte alle noch so entfernte, begüterte Bekannte auf; und die Zeit der Berechnungskasse nahete bis auf wenige Tage heran, ohne daß er Hülfe zu finden wußte.

Nun träumt er in der einen Nacht, als ob ihm jemand sage: er möchte in die ** Straße, in das ** Haus gehen: beides, Straße und Haus waren ihm so deutlich durch bekanntere Häuser bezeichnet, daß er nicht irren konnte. In dem Hause nun solle er zwei Treppen hinaufgehn, sich aber auf der zweiten in acht nehmen, daß er nicht herunterfalle, und so würde er das nöthige Geld erhalten.

Am Morgen des folgenden Tages, da ihn dieser Traum noch ganz beschäftigt, kommt einer seiner Freunde zu ihm, dem er diese seine Traumgeschichte erzählt, und von dem er zugleich erfährt, wer in dem bezeichneten Hause in der zweiten Etage wohne; denn selbst wußte er dies nicht. Der Mann, den er da finden und der ihm Geld leihen sollte, war ihm so sehr unbekannt, daß er sich nur erinnerte, ihn ein einzigmal in einer grossen Gesellschaft gesehn zu haben; und da er von Träumen und Ahndungen nichts hielt: so fand er's nicht rathsam, deshalb zu einem ihm völlig Unbekannten hinzugehn.

[77]

Er sucht also denselben Tag aufs neue Hülfe; aber vergebens. Nun am zweiten Tage nach seinem gehabten Traum, glaubt er seiner eignen Ruhe auch noch das schuldig zu seyn: zu dem Unbekannten zu gehen. Besonders ermunterte ihn der Gedanke dazu, daß er nichts weiter zu befürchten habe, als allenfalls eine abschlägige Antwort zu hören, und die hatte er schon häufig genug erhalten. Er wagt es daher, und geht in das geträumte Haus; kommt die erste Treppe glücklich hinauf, und indem er auf die zweite gehn will: so erinnert er sich der Warnung, nicht herabzufallen.

Er geht langsam und bedächtig fort, und ist nun fast hinauf, als oben das eine Zimmer zur rechten Hand heftig und ganz geöffnet wird, und durch die schnell aufgerißne Thür sich zugleich eine kleine Gitterthür an der Treppe, die nicht befestigt war, einwärts nach der Treppe zu öffnet, so daß er durch diese ihm entgegenstossende Gitterthür leicht hätte in Gefahr gerathen können, getroffen zu werden, oder wohl gar herabzufallen. Gleich nach der Oefnung des Zimmers kömmt jemand heraus, der ihn um Verzeihung bittet, daß er durch die plötzliche Erweitrung seiner Thür, sein Heraufgehn aufgehalten und gehindert habe, und entschuldigt sich deshalb mit der Eilfertigkeit seiner Geschäfte.

**s vermuthet, daß dies eben derselbe Mann sei, zu dem er wolle, und trägt nun, da er doppelt bestürzt ist, sein Anliegen ohne Umwege vor. [78]Und man denke sich das Erstaunen, als **s hört: »Warum sind Sie nicht gestern gekommen? Ich habe eine noch größre Summe verliehen, und ich hätte sie Ihnen gern gegeben, wenn ich es eher gewußt hätte. Doch Sie sollen nicht ganz vergeblich Ihr Zutrauen in mich gesetzt haben. Sie brauchen jetzt Hülfe; derjenige aber, dem ich gestern ein Kapital ausgezahlt habe, hat es grade jetzt so nöthig nicht, und ich werde ihn zu bewegen suchen, noch einige Zeit zu warten, weil ich ihm bald das noch fehlende an der verlangten Summe geben kann.« — Dies geschah, und **s ward durch seinen Traum aus seiner Verlegenheit gerissen.

Dieser Mann, den ich **s nannte, lebt nicht mehr; indessen weiß ich doch nicht, ob es rathsam seyn sollte, seinen Namen zu nennen. Wenn ich ihn nennen wollte, so würden ihn tausend in Berlin als einen besonders rechtschaffnen und unverdächtigen Mann kennen. Und von ihm selbst, aus seinem Munde, hab' ich die Erzählung dieses Traums, der ihm selbst erst nach der Erfüllung desselben, aber auch so lange er lebte, merkwürdig war.*) 1

Seidel.

Fußnoten:

1: *) Der Herausgeber hat diesen Mann persönlich und genau gekannt.
M.

[79]

3.

Einzelne Bemerkungen über Träume.

Voß, Christian Daniel

Mit dem innigsten Vergnügen lege ich das erste Stück dieses 86sten Jahrgangs, worin Sie eine Revision über die drei ersten Bände anstellen, aus der Hand. Unter den vielen Wichtigen und Bemerkungswerthen dieses Aufsatzes ist mir vorzüglich das, was Sie über Träume sagen, aufgefallen; weil es mit dem übereinstimmt, was ich schon mehrmahle über diesen Gegenstand gedacht habe. Ein Traum, sei er auch noch so kurz und unbedeutend, sollte, wie mir deucht, für den Psychologen immer einer der wichtigsten Erscheinungen seyn. Ich kann freilich nicht begreifen, wie es zugeht, daß ich denke, wachend und bei völligem Bewußtseyn denke; aber noch weit weniger, wie ich träume. Man hat es an Erklärung nicht fehlen lassen (wie man denn damit gemeiniglich eben nicht sehr karg ist) aber diese sind größtentheils nichts weiter, als was die meisten Erklärungen psychologischer Erscheinungen sind — künstlich versteckte Geständnisse, daß man es nicht wisse.

Ich habe mich gewundert, in Ihrem Journal bisher so wenig über diesen Gegenstand gefunden zu haben. Einige wenige Erzählungen von prophetischen Träumen, die Sie selbst in Ihrer Revision anführen. Aber diese, wenn es wirklich [80]solche giebt, würden, wie ich glaube, mehr in Rücksicht des prophetischen Gefühls unserer Seele wichtig seyn, als in so fern es Träume sind. Ich setze mit Vorbedacht hinzu, wenn es wirklich solche giebt. Träume, die in den Augen Unwissender und alter abergläubischer Weiber was bedeuten, werden gewiß in jeder Nacht viele tausende geträumt. Aber obgleich manche davon von Zeit zu Zeit wohl eintreffen, und sie sich daher gewiß noch lange in ihrem Rufe erhalten werden, so verdienen sie, ohne weitere Gründe, wohl eben nicht hieher gerechnet zu werden. Aber auch selbst die merkwürdigen, ungewöhnlichen sind und bleiben eben, wie Ahndungen überhaupt, immer unsicher, um so mehr, weil man selbst nicht einmahl der Erzählung dessen, der sie gehabt hat, als untrüglich glauben kann. Man weiß, wie sehr wallendes Blut und gereitzte Nerven auf die Einbildungskraft wirken, und wie leicht auch den Vernünftigen eine erregte Einbildungskraft täuscht; wie leicht sie halbempfundene Dinge, ohne es zu wissen, weiter ausmahlt, und eine Idee mehrere andre verwandte erweckt, und ohne sich's bewust zu seyn, mit sich verbindet. Dazu kömmt noch, daß meistens solche merkwürdige Träume erst dann erzählt werden, wenn sie schon eingetroffen sind, oder an dem sind einzutreffen, und wenn man denn den Zwischenraum der Zeit, die leichte Verwechselung der Ideen, die Täuschung unsers Gedächtnisses abrechnet, so wird manches [81]Merkwürdige zum Alltäglichen herabsinken. Gewiß würde, insbesondere auf die Rechnung des letztern, viel kommen, denn diese Schwäche, mit einer lebhaften Einbildungskraft verbunden, bringt viele und mannichfaltige Wirkungen hervor. Jeder Traum, auch der, der seines Inhalts wegen nicht vorzügliche Aufmerksamkeit erregt, ist für mich äußerst merkwürdig. Selbst der Schlaf an sich schon ist es. Der Mensch wandelte einher in Thätigkeit und Kraft — und nun ist Erschlafung, Unempfindlichkeit und Unthätigkeit über ihn hergefallen. Es ist natürlich, sagt man, der Mensch ist ermüdet. Aber bin ich nun klüger? — Woher kömmt diese Ermüdung? — Von angesträngter, anhaltender Thätigkeit? — Warum ermüdet das immer thätige Herz und der übrige unablässige Mechanismus des Körpers nicht? — Eben weil es Mechanismus ist. — Was erklärt mir das? — Der Mechanismus der Uhr hört unmittelbar auf, wenn die Federkraft nachläßt. Die Federkraft der Seele erschlaft auch nie. — Und doch vergeht Wirksamkeit der Sinne im Schlafe, doch scheinen die Verbindungswerkzeuge zwischen den äußern Gliedmaßen und der Seele gelöset, scheint sie die Faden, woran sie jene bewegt, losgelassen und wenigstens auf eine Zeitlang bei Seite gelegt zu haben.

Sie hat nicht diese Faden bei Seite gelegt. — Dieser schlafende Mensch wirft sich umher, — er bewegt einen Arm — er bewegt ihn mit Heftig-[82]keit — er weint — er lächelt — er murmelt unverständlich — er redet deutlich! — Was ist ihm? sieht er etwas, das ihn beunruhigt? — empfindet er etwas von Außen? — Nein! er träumt. — Was ist dieser Traum? — Ist es die fortgesetzte Reihe der Gedanken, mit denen er sich vor seinem Einschlafen beschäftigte? — Selten oder nie. Es ist eine Wiederhohlung, oft Jahre lang vorher erlebter Begebenheiten, oft an demselben Tage begangner Handlungen. Vorstellung derselben Handlungen und Begebenheiten, aber an ganz verschiedenen Orten, und durch ganz verschiedene Personen. — Doch sind es oft solche, die, als wir sie erlebten und thaten, keinen starken Eindruck auf unsere Seele zu machen schienen. — Was sehr merkwürdig ist: Dinge, die uns sehr nahe angehn und heftig erschüttern, werden uns nicht leicht gleich darauf im Schlafe wieder vorkommen. — Ich habe vielfache Erfahrungen, daß ein zärtliches Weib einen Gatten, ein Sohn seinen Vater, ein Liebhaber seine Geliebte verloren; — plötzlich ausgebrochne Feuersbrünste Habe und Gut verzehrt, empfindliche Beschimpfungen, Ehre und guten Nahmen gekränkt haben u.s.w. — Der Schlaf der ersten darauffolgenden Nacht, war freilich nicht der sanfteste; tausend Träume jagten einander, aber keiner war die Vorstellung des so eben erlebten. Diese erfolgte erst, nachdem sich der Sturm der Seele etwas gelegt hatte.

[83]

Oft aber ist der Traum etwas ganz anderes. Die seltsamste Zusammensetzung grotesker Ideen. Die bundschattigsten Bilder tanzen untereinander umher; und der Traum des vernünftigsten Mannes gleicht dem Wahnwitze. — Wieder andere träumen die zusammenhängendsten Geschichten, aber nicht solche, die sie wirklich erlebt haben, sondern neue, die die Seele in dem Augenblicke erst zu erfinden scheint. Wir sehn im Traume unsere Wünsche erfüllt; wir fühlen die ängstlichste Besorgniß, vor einem zu erwartenden Uebel; wir fühlen die lebhafteste Freude, gerathen in die unangenehmste Verlegenheit; empfinden Zorn und Schmerz. Merkwürdig scheint es, daß sich sehr oft dunkele Gefühle des gegenwärtigen körperlichen Unvermögens in unsere Träume mischen; z.B. ein nothwendiges Geschäft ruft uns ab, und wir können mit unsern Anzuge nicht fertig werden; — oder wir gerathen in Streit, selbst in Schlägerei, aber wir fühlen mit Unwillen, daß unsere Arme keine Kraft und unsere Schläge also von der Luft aufgefangen werden und gar keinen Nachdruck haben. —

Dieß Unvermögen merken wir nicht in Dingen, die unsern Geist betreffen. — Der Furchtsame hält hier vor großen Versammlungen Reden voll Feuer und Leben; wir reden fremde Sprachen, die wir kaum lesen können, und wachend nur zu reden wünschen, mit großer Fertigkeit; — wir halten lange zusammenhängende Gespräche, deren Inhalt [84]wir uns freilich deutlicher bewust sind, als den Inhalt des eben vorher angeführten; sind in wichtigen Aemtern, unter schweren Geschäften und verwalten sie mit Ruhm und Ehre.

Im Traume versetzen wir uns ganz aus unserer Lage, vergessen unsere Verhältnisse. Wir erdenken Begebenheiten, die schlechterdings mit unsern wirklichen Zustande gar keine Verbindung, wenigstens in so fern man es bemerken kann, haben, und wovon uns nie vorher ein Gedanke in den Sinn gekommen ist.

Alles dieses ist unendlich verschieden nach der Beschaffenheit unseres Körpers und unsers Gesundheitszustandes, und wenn wir völlig gesund sind, träumen wir gar nicht, und wenn wir recht lebhaft und viel geträumt haben, sind wir beim Erwachen müde und entkräftet.

Wie viel Unerklärliches, wie viel Widersprechendes findet sich nicht in allen diesen? —

Doch ich begnüge mich, diesen wenigen hingeworfenen Bemerkungen einen Traum anzuhängen, der mir immer einiger Aufmerksamkeit werth scheint. Er ist mir von einem meiner Freunde erzählt; ich kenne die äußere Umstände genau, und kann für die Zuverläßigkeit einstehn.

Eine weitläuftige Verwandtin von ihm, eine verheirathete Frau, ohngefähr vierzig Jahr alt, in deren Haus er nur selten und nicht ohne besondere Veranlassung kömmt, erzählt ihm eines Tages fol-[85]genden Traum gehabt zu haben: O** (mein Freund) kömmt zu ihr, in ihr Haus, in die Wohnstube, wo sie sich allein befindet, und thut ihr einen bescheidenen, aber offenherzigen Heirathsantrag. Sie geräth anfangs darüber in Verlegenheit, ohne ihn jedoch abzuweisen, äußert sie Bedenklichkeiten und macht ihm Einwürfe, die die Absicht seiner Anwerbung betreffen; — er sucht diese auf eine anständige Weise aus dem Wege zu räumen und zu widerlegen, und hierdurch entsteht eine lange Unterredung, deren sie sich von Wort zu Wort erinnert. Sie läuft darauf hinaus, daß sie sich endlich entschließt, zwar immer noch mit einer gewissen Aengstlichkeit, ihm das Jawort zu geben. Er beschenkt sie darauf mit einem Ringe, und sie, um ein Gleiches zu thun, geht in ihr Kabinet, wo sich ihr Geschmeide befindet. Indem sie hier nach einem Ringe sucht, denkt sie der Sache von neuen wieder nach, und indem sie das Unschickliche dieser Verbindung (er ist etwa fünfundzwanzig Jahr alt) recht lebhaft empfindet, wünscht sie ihr gegebenes Wort wieder zurücknehmen zu können. Doch fürchtet sie auf der andern Seite wieder, er möge sich dadurch beleidigt finden, und auch das will sie nicht gern. Nachdem sie so eine Zeitlang mit sich selbst gekämpft hat, und ihre Unruhe immer größer geworden ist, entschließt sie sich endlich, noch einmahl zurückzugehn, und ihn auf den Unterschied ihres Alters und die Unannehmlichkeiten, die in der Folge daraus entstehen könn-[86]ten, aufmerksam zu machen; auf den Fall aber, daß er diesen Vorstellungen nicht Gehör geben sollte, nimmt sie einen Ring mit zurück. Inzwischen läßt er es doch zu dieser Extremität nicht kommen, er findet ihre Vorstellungen vernünftig, und sie werden am Ende dahin eins, daß sie immer seine Freundin bleibe, ihm gern mit Rath und That, wo sie könnte, beistehen wolle, aber übrigens wollten sie in dem Verhältnisse gegen einander bleiben, in welchem sie sich jetzt befänden. Und so scheiden sie friedlich auseinander. Natürlich waren ihr, bei der ganzen Verhandlung, ihr Mann und ihre Kinder, die sie beide gewiß sehr liebt, und die am Leben und gesund sind, gar nicht eingefallen. Sie war auch nicht in ihrer Vorstellung etwa Wittwe, sondern in allem Betracht frei und ledig. Auf der andern Seite ist O** gar nicht in dem Zustande, daß ihm einfallen könnte, zu heirathen; nochmehr, er hat mehrmal geäußert, daß er durch gegründete Ursachen bewogen, bis jetzt den Entschluß habe, niemals zu heirathen. Er hatte sie in seinem Leben nicht unter vier Augen gesprochen, geschweige ihr etwas gesagt, was nur auf die entfernteste Weise Beziehung dahin haben könnte. Einen Umstand muß ich doch auch anführen : Es hatte um diese Zeit ein junger Mann ein sehr reiches Mädchen geheirathet, und dadurch ein, von vielen beneidetes, Glück gemacht. Dieß hatte an diesem Orte Gelegenheit zu vielen Unterhaltungen gegeben, woran [87]auch sie häufig Theil genommen haben mochte. Doch erinnert sich O** nicht, mit ihr davon gesprochen zu haben. Ich gebe dem Beurtheiler anheim, ob dieser Umstand einiges Licht über den vorstehenden Traum werfen kann.

L. D. Voß.

4.

Fortsetzung der Folge meines Lebens.

Schlichting, Johann Ludwig

Speier vom 17ten März 1786.

Ich muste nun auch bald in die Schule gehen; ich lernte lesen und schreiben, und nicht lange, so fing ich schon an, Latein zu lernen, Nomina zu dekliniren und Verba zu conjugiren, u.s.f.

Als wir dann so mit einander in die Schule gingen, Du schon weiter warst, als ich, und mir so halfst, daß ich auch voran kommen soll; dann, wenn wir unsere Studirzeit geendigt hatten, so vergnügt miteinander spielten, oder sonst uns lustig machten und ergötzten; da waren's Sonnen-Freudetage, da waren wir Brüderfreunde!

Von diesem Zeitraume will ich einige Fälle erzählen, deren ich mich erinnern kann, und beleuchtende Züge für meinen Seelenzustand sind. Sie ereigneten sich in meinem siebenten und achten Jahre.

[88]

Es waren ohngefähr unser zehn, die auf dem Dorfe, da wir wohnten, in der Schule die Lateinische Sprache lernen wollten. Der Schulmeister wußte nicht das Wesentliche von dem Ausserwesentlichen, das Nutzbare von dem Unnutzbaren, ja selbst nicht von dem Schädlichen zu unterscheiden. Die ganze Lehrmethode war mechanisch, und er gab sich wenig Mühe, seinen Unterricht gründlich zu machen, oder dem Kinde in den gehörten und gelernten Sachen Gründlichkeit zu verschaffen; in Strafen kannte er keinen Zweck, folglich auch keine Maaß, sie waren also, wie die Aufgaben, mehrentheils unangemessen.

Einmal machten wir einen oder den andern Fehler in die Aufgabe, Du wirst Dich dieses Falles noch erinnern können? lieber Bruder! es wandelte den guten Schulmeister die Lust zu strafen an; die, wie es schien, ihm sein einziges Mittel war, ihn einer bösen Laune zu entreißen, und die selbstgemachte, leere Kapritzen erzeugende Grillen zu vertreiben. Einige hatten einen Fehler, andere mehrere; einige hatten strafbarere, andere nicht so strafbare Fehler gemacht; einige waren fähiger, andere nicht so fähig; einige waren schon längere Zeit Schüler, andere nur erst Angänger. — Doch dieses zu betrachten, wäre ihm zu umständlich gewesen, und es war über seinen gewöhnlichen Gesichtspunkt. Alle mußten sich zur Ruthe bereit halten, und nun ging's an; die Ruthe stieg von der [89]älteren Haut auf die jüngere, und ich hatte das Vergnügen allen zuzusehen. Nun kam die Reihe auch an mich; aber ich hielt das Verfahren des Lehrers für unangemessen, zweckwidrig und unvernünftig; folglich für ungerecht. Nein, dieß thue ich nicht, Herr Schulmeister, sagte ich, die Strafe ist zu streng. Der Schulmeister, der von mir, als der ich immer einer der stillsten und folgsamsten war, diese Widersetzung nicht vermuthete, stutzte und sprach: Wie? nachdem alle andere geduldig ihre Strafe litten, so willst Du Dich widersetzen? Nur nicht lange gezaudert und gleich her. Ich war aber gleich gefaßt, und packte ganz gelassen meine Bücher zusammen; ging ohne ein Wort zu reden, ohne eine zornige oder saure oder lächerliche Mine zu machen, ganz stille zur Thüre hinaus. Doch machte dieses Verfahren des Schulmeisters solchen Eindruck auf mich, daß es mir, verbunden mit den Verweisen meiner Eltern, die freilich entweder nur anscheinend, aber doch nicht von vieler Bedeutung waren, die Lust beim Mittagessen benahm. Das Bewußtseyn und die Ueberzeugung hingegen von der Ungerechtigkeit des Schulmeisters und die daraus fließende Rechtfertigung meiner That gewährten mir wiederum die reinste Zufriedenheit.

Der Nachmittag war schulfrei; am Abend schon kam der Herr Schulmeister, versprach mich nicht zu strafen, ich soll nur wieder in die Schule [90]kommen. Schwer hielt es, mich auch durch dieses Versprechen zu bewegen, den Unterricht eines solchen Mannes anzuhören, und unter seinen Befehlen zu stehen. Doch er hielt wirklich sein Versprechen; denn er sahe meine Empfindlichkeit, ohne Eigensinn, Ungeduld, Zorn oder eine andere Leidenschaft begleitet; und vielleicht brachte ihn dieser Vorfall auch zur Kenntniß seiner unvernünftigen Behandlungen; mich wenigstens schonte er immer in einer minder wichtigen Sache.

Du wirst Dich noch wohl, mein Lieber! an das erinnern können, was ich eben erzählte. Doch darf ich hier eines Umstandes nicht vergessen, der den größten Theil meines thätigen Lebens von dessen Anbeginn mit der Note seines Gepräges bezeichnete, folglich auch an dem erzählten Vorfalle seinen Antheil hatte.

Kinder haben das stärkste Gefühl von Unrecht. Du wirst selbst schon von dieser Wahrheit überzeugt seyn, wenn Du Dich in die Gefühle Deiner Kindheit zurückdenkst, die sogleich durch den unbedeutendsten, misfälligen Ton, durch jede Behandlung oder einen anderweitigen Anlaß, der eben nicht zu rechter Zeit, und just, da das Köpfchen nicht gut gestellt war, kam, gereitzt wurden; da wird manches als Unrecht, als Beleidigung angeklagt, das freilich dieses nicht, sondern vielmehr das Gegentheil war, und nur nicht dem Eigensinne des kleinen Stutzköpfchen schmeichelte; den Au-[91]genblick sieht man das Mäulchen hängen, den andern schon wieder lachen; wie ein günstiger Umstand die trotzende Mine wieder aufheiterte, oder das beleidigte Köpfchen befriedigt ist.

In Hinsicht auf diese kindische Eigenheit hatte ich doch noch was Individuelles: Du weist, lieber Bruder, unsre Mutter hatte auch die Gewohnheit, ein Vergnügen darin zu suchen, wenn sie selbst Mitleiden in dem Gefühle eines Unrechts mit sich haben konnte; und dieses zu haben, schuf sie sich Unrecht, wo keines war, und machte unschuldige, gute, scherzende Handlungen zu boshaften Beleidigungen, die man nur verübte, um sie zu betrüben und zu schikaniren; einen Funken betrachtete sie schon als eine allgemeine verheerende Feuersbrunst; und Klage übers Unrechtleiden, mörderische Vorwürfe, die bittersten Thränengüsse und herzbeklemmendes Schluchzen waren ihr so süsse, daß sie dann nur glücklich zu seyn schien.

Versunken in den wesentvollsten Strom ihrer Empfindung fühlte sie die beruhigendeste Selbstzufriedenheit. Nur solche Empfindungen, begleitet mit den heftigsten Ausbrüchen von Thränen, verzehrten ihren Kummer; nur diese versüßten ihre Leiden; nur diese entladeten ihr Herz von seiner Bürde; Leiden war der Trost ihrer Leiden. Aber, nicht nur das Unrechtleiden war der Vorwurf dieser Leidenschaft, sondern auch jeder Anschein von Unglück, den sie gleich zur Ruin ihres Hauses in [92]ihrer Einbildung schuf. So klagte sie unaufhörlich über Schicksal, Noth, Dürftigkeit; redete immer von Umsturz ihres Hauses, von tödtenden Kummer, von Verzweiflung; wo sie freilich zuweilen nicht ganz Unrecht hatte, aber doch Gegenwart und Zukunft im schwärzesten Gemälde betrachtete. Wie viele Zeit brachte ich vergebens zu, wie viele Vorstellungen, wie viele Bitten waren fruchtlos, ihr die Sache in ihrer wahren Gestalt zu zeigen, sie von dem Ungrunde ihrer Klage zu überzeugen, sie zurechte zu weisen? Sich dem Schmerzgefühle überlassend antwortete sie mir nur mit denen Worten: »Wie? Du verschwörst Dich auch gegen mich, gegen Deine Mutter? mich zu martern, mich zu tödten? Geh' hin zu meinen Feinden, und laß mich, laß mich sterben.« Von seiner ganzen geäußerten Macht dahingerissen, war sie gegen alles Resonnement gefühllos und mistrauisch.

Und gewiß eben dies auszeichnende karakteristische Merkmal der Mutter pflanzte sich auf mich und auf uns alle, mehr oder weniger, fort: auf Dich am wenigsten; bei Dir waren noch nicht Gründe und Anläße genug da, daß sich diese eben so unglückliche als schrankenlose Leidenschaft dazumal in eben der Stärke, als nachher, äußern sollte; das Leichtsinnige Deines Karakters vermehrte noch die Schwierigkeit, dieselbe Leidenschaft bei Dir zu werden. Du weißt doch, daß ich und [93]alle unsre übrigen Geschwister außerordentlich geneigt zu klagen und zum Thränenvergießen bei der geringsten, unbedeutendsten Vorstellung waren, daß wir, oder die Eltern, oder sonst ein guter, unschuldiger Mensch unrecht leide. Ich weiß, wie beruhigend für mich war dieses Gefühl, und wie erquickend eine Thräne. Und um Ueberzeugung zu haben, denn oft war ich offenbar selbst auch Ursache des Unrechts, suchte ich alle mögliche Gründe auf, für die Wahrheit meiner Empfindung, und um die entgegengesetzte Gründe zu verdunkeln, zu entnerven. Eben dies thut auch unsre Mutter.

Jemehr ich an Belesenheit, Kenntniß und eigener Verstandseinsicht zunahm, destomehr sah ich das Lächerliche dieser Gewohnheit ein; suchte sie auszurotten, und vermogt' es nicht. Aber, mich ganz gegen Unrecht unempfindlich zu machen, hielt ich auch pflichtwidrig; und nun, wenn ich Unrecht zu leiden glaube, so erwäge ich die Gründe für und wider auf das genaueste, und schlage mich nachher gerne zum Uebergewicht; und wenn dieses auf meine Seite fällt, so habe ich Wochenlang zu arbeiten, bis die Betrübniß, die Selbstlast und der stille Kummer, die mein Herz und alle meine Sinnen bis zur Betäubung, zu dem schmerzhaftesten Gefühle dahinreißen, aus meiner Brust entweichen. Aber der Gedanke der Beleidigung wird nie aus meinem Andenken verlöschen; und mein Gemüth wird sich nicht ehe wieder der vollen Heiterkeit, und [94]mein Gesicht des muntern lächelnden Wesens freuen dürfen, ohne zuvor sich auch der Befriedigung für das gereitzte Gefühl mit freuen zu können; die zuweilen allein nur in des andern Bewußtseyn, mich beleidigt zu haben, bestehen kann; aber oft auch in der Versicherung vorkommenden Beleidigungen.

Dies Gefühl des Unrechtleidens steht in dem sonderbar auffallendsten Kontrast mit dem, eines widrigen Schicksals, oder, wie man's nennt, eines Unglücks; denn wahrhaft, kein Vorwurf kann mir gleichgültiger, meinen traurig tiefsinnigen Besorgnissen minder interessant seyn, als eine Versetzung in ein übleres Verhältniß; so lange noch der eiserne Zepter, der verfolgende giftige Dolch nur Verschlimmerung, Vergiftung äußerer glänzenden Verhältnisse zum Ziele haben, noch nicht die Seele angreifen, noch nicht Verachtung, Verunehrung, Beleidigung mit sich führen, dem Herzen noch nicht das Unschuldsgefühl und die Ueberzeugung der Unverdientheit, seine Freunde, rauben.

Soll ich nun sagen, ob das bei mir so prädominirende Unrechtsgefühl wirklich etwas Gutes oder nicht Gutes für den Menschen sei: Ich glaube doch mit gegründeterem Rechte im allgemeinen sagen zu dürfen, daß es kein Unglück für einen Menschen sei. — Ein Herz, das gefühllos und gleichgültig gegen jede Sottise ist, die ihm gemacht wird, ist ein Abscheu. Empfänglich für jeden Reitz des Guten und Bösen, der Billigkeit und Unbilligkeit, soll [95]es freilich nicht Laune, nicht Eigensinn seyn, sondern begleitet von den Regeln der Klugheit und Weisheit; begleitet von den Grundsätzen einer richtigen Imputation; begleitet von einer allseitigen Sach- und Menschenkenntniß; begränzt von Vernunft und Männlichkeit soll es seyn, dieses Gefühl. Aber wer Aufklärung seiner Selbst, Rechtschaffenheit und Selbstzufriedenheit lieb hat, der lasse es in sein Herz strömen, und fühle. Unglück ist dieses Gefühl, wenn es ohne jene freundschaftliche Begleiter, ohne jene Schranken fortwallt; und den begonnenen Paroxismus so forttraben läßt; wenigstens der Selbstruhe und dem behaglichen Zustand des Körpers nachtheilig.

J. L. A. Schl**.

5.

Sprache in psychologischer Rücksicht.

Das Verbum seyn.

Moritz, Karl Philipp

Dieß in seiner Art einzige Verbum, welches allen übrigen erst seine Natur und Wesen mittheilen muß, wenn sie wirkliche Verba werden sollen, und welches den höchsten und letzten aller unsrer Begriffe ausdrückt, hat in allen uns bekannten Sprachen eine unregelmäßige Abwechselung: die Vergan-[96]genheit wird mit einem ganz andern Worte, als die Gegenwart, und die erste Person der gegenwärtigen Zeit wiederum mit einem andern Worte, als die zweite oder dritte Person, u.s.w. bezeichnet.

Das Wort bin im Deutschen, wodurch wir unser eigentliches Selbstgefühl, unsre Ichheit bezeichnen, hat nicht die mindeste Aehnlichkeit mit seyn, wodurch wir nicht sowohl das wirkliche seyn, als vielmehr die bloße Idee des Seyns, flach und allgemein benennen.

Eben so ist auch bin von ist unterschieden, worunter wir uns das Daseyn eines dritten Wesens denken, das wir nicht wie uns selber, oder wie eine Person, zu der wir reden, wirklich anschauend erkennen, sondern es uns nur in unsrem Ideenkreise vorstellen.

bin und bist bezeichnet das unwillkürlich empfindsame, oder anschaulich erkannte Daseyn, ist hingegen das durch Anstrengung der Denkkraft erkannte Daseyn eines Wesens.

Ich kann daher nie sagen: ich ist, weil ich mein eigenes Daseyn nicht anders als unwillkührlich empfinden und anschaulich erkennen kann — eben so wenig kann ich sagen: du ist, weil ich von einer Person, die ich anrede, auch unmöglich eine andre, als eine anschauende Erkenntniß haben kann.

Woher nun aber der erstaunliche Unterschied zwischen bin, ist, war, gewesen und seyn, da [97]alle diese ganz voneinander verschiednen Wörter doch im Grunde nur Modifikationen eines und eben desselben Begriffes ausdrücken?

Vielleicht ist dieß gerade der einzige Begriff, dessen Modifikationen zugleich sein Wesen ändern. —

Das vergangne seyn z.B. ist eben so wesentlich von dem gegenwärtigen seyn verschieden, als die Vergangenheit selbst von der Gegenwart verschieden ist; was Wunder also, daß man diese, im Grunde ganz voneinander verschiedne Begriffe, auch durch ganz verschiedne Wörter zu bezeichnen suchte?

Um die anschauende Erkenntniß von dem Daseyn eines Dinges zu bezeichnen, bedient sich die Deutsche Sprache des zirkumskribirenden, oder ein Ding auf sich selbst einschränkenden b

ich bin — du bist.

Woher dieß b grade bei der ersten und zweiten Person, das nachher nie wieder vorkommt? — Die Silbe be vor ein Verbum gesetzt, bedeutet, daß sich die Handlung, welche durch das Verbum bezeichnet wird, gleichsam um etwas rund herum erstrecken soll — als von schneiden, beschneiden, von sehen, besehen, von leuchten, beleuchten. — Man sieht hieraus, daß es als Wurzellaut sehr gut gebraucht werden könne, um die isolirte, durch sich selbst umschränkte, und aus der Masse der übrigen Dinge herausgehobne Persönlichkeit, oder Selbstgefühl zu bezeichnen, welches wir durch [98]den zweiten Wurzellaut n in bin gleichsam in uns hineinziehen, statt, daß wir es durch das st in bist gleichsam aus uns herausstoßen. —

Die zweite Person bist ist auf die Weise aus der ersten und dritten Person zusammengesetzt — das b von der ersten Person bedeutet die anschauende Erkenntniß, welche wir von einem Wesen außer uns haben, das vor uns da steht; und das st bezeichnet die Anstrengung unsrer Denkkraft, wodurch wir uns dasselbe demungeachtet, als außer uns vorstellen — also ist:

bin bist
in uns hineingedachtes aus uns herausgedachtes
Selbstgefühl Selbstgefühl
ist
eine objektivische
Erkenntniß.

Bei ist fällt das zirkumskribirende persönlichmachende, aus dem Zusammenhange der Dinge herausschneidende b ganz weg — weil wir vermöge desselben das Daseyn der Dinge in ihrem Zusammenhange, oder die Wahrheit erkennen sollen — es bezeichnet die außer sich wirkende, sich selbst vergessende angestrengte Denkkraft in ihrer Selbstthätigkeit.

Wenn wir nun erwägen, was für eine erstaunliche Verschiedenheit zwischen unsrem Selbstge-[99]fühl, oder dem Gefühl unsres eignen Daseyn, und unsrer Vorstellung von dem Daseyn fremder Wesen außer uns, ist; dürfen wir uns dann noch wohl wundern, daß die Sprache diese so sehr voneinander verschiednen Begriffe, auch durch ganz verschiedne Wörter bezeichnet hat?

In der Mehrheit verliert sich dieser festbestimmte Unterschied, und verschwimmt sich gleichsam in dem Begriffe der Mehrheit. Indem ich mein Daseyn mit dem Daseyn andrer mir ähnlicher Wesen zugleich denke, und mein und ihr Daseyn gleichsam miteinander vermische; so muß sich mein bestimmtes Selbstgefühl zu der bloßen allgemeinen Idee des Seyns herabstimmen, so daß die Vorstellung von meinem eignen Seyn, mit der Vorstellung von dem Seyn der Personen außer mir, einstimmig wird; denn ohne diese Einstimmung würde ich nicht wir sagen können.

Ich bin — wir sind

sind also wirklich wesentlich voneinander verschiedne Begriffe, wovon der letztre die bloße Idee des Seyns nur mit einem schwachen schwankenden Urtheile ausdrückt, welches durch das hintangefügte d ausgedrückt wird. Das Urtheil von der Mehrheit muß aber nothwendig schwächer und schwankender seyn, als das von der Einheit, weil es das voneinander verschiedne unter einen Gesichtspunkt zusammenfaßt,und also von jedem einzelnen desto [100]unbestimmtere Begriffe geben muß, von je mehreren es zu gleicher Zeit einen Begriff geben will.

In dem Begriffe von der Mehrheit verlieren sich die deutlichen Unterschiede. Dieß kann vermöge der Natur der Sache nicht wohl anders seyn: denn um uns die Mehrheit zu denken, muß die Unterscheidung der Vergleichung weichen. — Die zu bestimmten Unterschiede müssen verschwinden, wenn mehrere Sachen unter einen Gesichtspunkt gebracht werden sollen — es muß nur noch gerade so viel Unterschied übrig bleiben, als nöthig ist, um die Dinge außereinander zu halten, und sie zählbar zu machen.

Darum fallen auch gemeinlich in der Sprache in der mehrern Zahl die Unterschiede weg, welche in der einfachen Zahl ausgedrückt werden. So verliert sich zum Beispiele der Unterschied des Geschlechts von dem Artikel der, die, das, im Plural in das am schwächsten bezeichnende die; — und es ist sehr merkwürdig, daß in der Deutschen Sprache die Mehrheit fast immer, wie das weibliche Geschlecht bezeichnet wird, als:

M. F. N.
der die das
Plur.
die die die
M. F. N.
er sie es
[101]
Plur.
sie sie sie
M. F. N.
sein ihr sein
Plur.
ihr ihr ihr.

Das weibliche Geschlecht wird schwächer mit weniger Nachdruck als das männliche bezeichnet — das männliche stärker und rauher klingende r fällt weg; das männliche Kraft und Thätigkeit ausdrückende der schmilzt in das sanfte Leiden und Nachgeben bezeichnende die hin. —

Indem man nun die Mehrheit bezeichnen wollte, so mußte man nothwendig den schwächsten Ausdruck des Einzelnen wählen; denn das Einzelne soll gleichsam in der Vorstellung verschwinden, um dem Begriffe der Mehrheit Platz zu machen.

Daher sind auch wahrscheinlich alle abgezogne Begriffe, die sich in heit, keit, ung, u.s.w. endigen, Feminina: denn sie sind, so wie die Mehrheit, das Resultat von Einzelnheiten, die gleichsam in Schatten gestellt, nur schwach bezeichnet, und fast vergessen werden sollen, um dem Resultat, das aus ihnen erwächst, Platz zu machen. —

Die abstrakten Begriffe gränzen selbst schon sehr nahe an den Plural, und haben daher größtentheils keinen Plural; ich kann nicht sagen: die Gerechtigkeiten, die Güten — denn Gerechtig [102] keit, Güte, sind selbst schon etwas Zusammengenommenes, aus Einzelnheiten erwachsnes, und der Artikel die, welcher vor denselben steht, kann fast eben so gut wie ein Zeichen des Plurals, als wie ein Zeichen des Femininums betrachtet werden.

Von dem Plural zu dem abstrakten Begriffe ist nur ein unmerklicher Uebergang.

Die Menschen sind sterblich, und

der Mensch (das Abstraktum) ist sterblich

sagt fast einerlei — und wenn der Artikel die im Plural nicht statt des Pronomens steht, als die Menschen, welche u.s.w., so umfaßt er ja alle Dinge einer Art, und macht daher die Mehrheit selbst zu einem abstrakten Begriffe.

Ich kehre nach dieser Ausschweifung zu dem Plural von ich bin zurück, wo sich also nach eben dem Gesetz des Denkens die bestimmten Unterschiede, und selbst die genauere Bezeichnung des Daseyns, in den herrschenden Begriff von der Mehrheit der Personen verliert. Diese Mehrheit ist selbst schon ein abstrakter Begriff, und kann daher auch nur mit dem abgezognen Begriffe des Daseyns zusammenschmelzen, welcher durch sind ausgedrückt wird.

Ehe ich in diesen Untersuchungen weiter fortgehe, will ich mein Nachdenken erst zu einer Vergleichung mehreren Sprachen miteinander zurückrufen, um mich nicht durch einseitiges Beobachten zu Hypothesen, welche zu gewagt sind, verleiten zu lassen.

[103]

Ich will daher zuerst eine Vergleichung zwischen zwei sehr nahe verwandten, und doch in Ansehung des Verbums seyn, sehr voneinander unterschiednen Sprachen, der Deutschen und der Englischen versuchen.

Es giebt verschiedne Wörter im Deutschen, welche im Englischen durch ganz andre Wörter, die mit denselben in Ansehung ihrer einzelnen Laute nicht die mindeste Aehnlichkeit haben, übersetzt werden müssen. Von der Art sind z.B. sterben, die, die Art, kind — demohngeachtet aber sind die Wörter sterben und Art, in dem Wörtervorrath der Englischen Sprache auch vorhanden, aber sie haben ihre allgemeine Bedeutung verlohren, und eine speziellere angenommen — starve heißt, bloß vor Hunger sterben, und thou art heißt du bist — das Englische die und dead hingegen finden wir in unsrem todt wieder, wo es den leidenden, und tödten, wo es den thätigen Begriff des Todes bezeichnet. Was also im Englischen nur eine spezielle Art des Todleidens bezeichnet, das drückt im Deutschen das Todleiden im Allgemeinen aus, vielleicht weil man sich die Entziehung oder Entbehrung der Nahrungsmittel als den Hauptumstand bei dem Todleiden, und alles Sterben sich auf gewisse Weise, wie im Verschmachten oder Verhungern dachte.

Das Englische Kind ist uns in dem Worte Kind übrig geblieben, wo es nun zwar nicht mehr [104]die Art oder Beschaffenheit im Allgemeinen, aber doch immer noch die fortgepflanzte Art eines bestimmten Wesens bezeichnet; wenn wir Kind metaphorisch gebrauchen, als z.B. Gotteskinder, so heißt dieß doch so viel, als Wesen seiner Art — der Hauptbegriff ist also immer noch derselbe.

So wie nun aber das Englische Kind im Deutschen eine speziellere Bedeutung erhalten hat, eben so hat das Deutsche Art im Englischen wieder eine speziellere Bedeutung, indem es nur das Daseyn, und also auch zugleich dabei die Art des Daseyns derjenigen Person bezeichnet, die ich anrede, thou art, du bist. — Der Ausdruck des Begriffes von Art, von Beschaffenheit muß also im Englischen dazu dienen, um das gegenwärtige bestimmteste Daseyn, ohne eigentliche deutliche Rücksicht auf die Beschaffenheit dieses Daseyns auszudrücken — wir sagen: die Art, der Engländer sagt: du Art, das heißt: du bist so beschaffen, wie folget;thou art good, du bist gut beschaffen, deine Art ist gut. — Der Engländer zieht in den anschaulichen Begriff von dem Daseyn der Person, mit der er spricht, die Art oder Beschaffenheit derselben mit hinein. Und von diesem Begriffe der Art, mit Weglassung des t am Ende, ist auch der Plural abgeleitet:

we are, ye are, they are.

Bei der ersten Person

I am

[105]

bleibt nur noch eine schwache Spur des Begriffes übrig; der Vokal mit dem Schluß des Mundes, vermöge des m, bezeichnet das eigne Selbstgefühl.

Unser bin aber finden wir im Englischen been wieder, welches gewesen, und be, welches seyn heißt; und die Spur von unsrem gewesen finden wir wieder in dem Englischen, I was, ich war; und unser bist in dem Englischen thou beest, der zweiten Person des Konjunktivs.

Man kann sich das seyn nicht ohne die Art oder Beschaffenheit des Seyns, das was nicht ohne das wie denken. Es ist daher nicht zu verwundern, daß diese beiden Begriffe bei jeder Gelegenheit ineinanderfließen, und in verschiednen Sprachen einer für den andern genommen werden.

Nur ist es merkwürdig, daß in der Deutschen Sprache Wesen die Art des Seyns oder die Eigenschaften bedeutet, und daß das vergangne seyn ebenfalls durch gewesen bezeichnet wird. —

Die Silbe ge hat in der Deutschen Sprache eine zusammenfassende Kraft, so wird z.B. von Murmeln das zusammengefaßte Murmeln, Gemurmel, von kommen das zusammengefaßte vollendete kommen, gekommen genannt — ich bin gekommender Bach hat gemurmelt — so heißt es also nun auch: er ist gewesen, wenn ich mir das successive Seyn als vergangen, vollendet, und zusammengefaßt denke. —

[106]

Wir geben dem Begriffe des Seyns Persönlichkeit, indem wir Wesen sagen. Wesen ist das auf ein Individuum beschränkte Seynein Seyn kann ich nicht sagen, weil das seyn nicht eins oder einzig seyn kann, aber wohl ein Wesen, weil die Art des Seyns einzig seyn kann.

Daß nun aber durch gewesen das vergangne Seyn ausgedrückt wird, scheint darin seinen Grund zu haben, weil das vergangne Seyn gleichsam etwas Vollendetes, Ganzes ist: das vergangne Seyn ist gleichsam ein Wesen geworden, weil es nicht mehr wird, sondern schon wirklich ist, was es seyn soll.

Das Wesen eines Dinges ist also sein vollendetes, nicht mehr werdendes, sondern von jeher vorhandenes Seyn

Wie? wo? was? Weise; Wesen

sind alles Wörter einer Wurzel, des die Beschaffenheit, oder die Art bezeichnenden w.

Was ist ein Ding?

welches Wesen hat ein Ding?

auf welche Weise geschieht ein Ding?

In der Deutschen Sprache bezeichnet das w fast durchgängig die Beschaffenheit im Gegensatz gegen die Wirklichkeit, die durch d ausgedrückt wird. — Darum kann ich auch sagen: das Wesen eines Dinges, aber nicht das Ding eines Wesens; denn die Wirklichkeit muß der Beschaffenheit nothwendig zur Unterlage dienen.

[107]

Wie sehr nun aber diese beiden Begriffe in den Köpfen der Menschen sich vermischt und untereinander verwirrt haben, davon mag gleich die Verschiedenheit der Englischen und Deutschen Sprache zum Beispiel dienen: wir bezeichnen den Begriff der Beschaffenheit vorzüglich in dem Begriffe des vergangnen Seyns, der Engländer aber vorzüglich in dem Begriff des gegenwärtigen Seyns; er sagt thou art, und wir sagen ich bin gewesen.

Diese Vermischung der Begriffe hat aber einen großen Einfluß auf unsre erhabensten Kenntnisse, wo wir das seyn selbst wieder zu einer Beschaffenheit von sich selber machen, da es doch rein und abgesondert gedacht werden, und nicht in den Begriff der Art übergehen soll.

Die Deutsche Sprache scheint dem Gange der Natur getreu geblieben zu seyn, indem sie sich erst in das vergangne Seyn die Art oder Beschaffenheit mit hineindenkt : ich war, ich bin gewesen. — Denn alsdann erst hat die Seele Muße erhalten, nachdem sie das Seyn empfunden hat, auch die Art desselben zu erkennen.

Das noch nicht völlig vergangne sowohl, als das völlig vergangne Seyn wird beides mit dem eine Beschaffenheit ausdrückenden w bezeichnet: war — gewesen. —

Wir sagen daher nicht die Istheit, sondern die Wahrheit, weil wir uns in den Begriff der Wahrheit nothwendig die Beschaffenheit eines Ge-[108]genstandes, und nicht nur sein gegenwärtiges, sondern auch sein vergangnes Daseyn mit hineindenken müssen;

war aber bezeichnet das noch nicht völlig vergangne, abgeschnittne, sondern sich an etwas folgendes anknüpfende Seyn — wenn ich sage: es war Nacht, so erwartet jedermann noch etwas hierauf folgendes, oder sich an das Nachtseyn anschließendes — das Nachtseyn dauerte noch fort, während daß etwas anders seinen Anfang nahm; das war knüpft und kettet das folgende unauflößlich an das vorhergehende, es bringt in die Erzählung Wahrheit, das ist nothwendige Verknüpfung, Verbindung des Geschehenen — ich kann nicht an der Istheit einer gegenwärtigen Sache, aber wohl an der Wahrheit einer vergangnen zweifeln. — Das ist bei einer Sache erwecket bei mir einen anschaulichen Begriff, strengt meine Denkkraft nicht an — aber das war bei einer Sache läßt mich forschen, in welchem Zusammenhange sie mit den übrigen Dingen steht. — Um den Begriff von der Wahrheit zu erhalten, muß ich die Gegenwart halb in die Vergangenheit zurückschieben: ich muß ist in war verwandeln — oder vielmehr ich muß mir beides, wo möglich, zusammendenken —

dieser Baum ist grün

das ist wahr (war)

[109]

er ist grün — dieser Augenblick ist nun verschwunden — und er war grün, während daß ich anfing zu denken: er ist grün. Ich kann mich erst in dem zweiten Augenblick fassen, und sagen: es ist wahr, daß der Baum grün ist: denn ich sehe ihn noch eben so, wie ich ihn vor einem Augenblick sah, es ist fast einerlei, wenn ich sage

daß der Baum grün ist, ist wahr,

und: der Baum ist grün und war grün.

Die deutsche Sprache scheint also den Begriff des Wahren von dem Begriffe des noch nicht völlig vergangnen, in Rücksicht auf das Gegenwärtige, herzuleiten: und diese Vorstellungsart ist schon der Natur unsrer Seele gemäß. Das noch nicht völlig Vergangne, in Rücksicht auf das Gegenwärtige, ist gleichsam das Wiederfangen der einen Idee, die entschlüpfen will, indeß man die andre noch festhält, wodurch das Wahrheitsgefühl, oder das Gefühl, daß etwas ist und war, entsteht — ich will mich von der Wahrheit einer Idee von irgend einem äußern Gegenstande überzeugen, und es ist kein andres Mittel, als daß ich den noch nicht völlig vergangnen, sondern in der Einbildungskraft zurückgebliebenen Eindruck vergleiche, und untersuche, ob eben das, was ist, auch war, und ob das, was war, auch noch ist.

Wenn ich unter dem übereinandergelegten Mittel- und Zeigefinger statt eines Kügelchens zwei zu fühlen glaube, so hat dieß Gefühl zwar Istheit, [110]aber keine Wahrheit — oder vielmehr das war und ist fließt zu sehr in eins zusammen: dieselbe Kugel, die bis jetzt unter dem einen Finger war, ist zu gleicher Zeit unter dem andern — weil nun ein und eben derselbe Eindruck nicht zugleich vergangen und gegenwärtig seyn kann, so finde ich mich genöthigt zwei voneinander verschiedne Eindrücke anzunehmen.

Ich kann also nicht eigentlich sagen, daß ich unter den übereinandergelegten Fingern zwei Kügelchen statt eines fühle, sondern ich schließe dieß bloß, weil sonst immer zwei Kügelchen erfordert werden, um dieselbe Empfindung bei mir hervorzubringen, die jetzt durch eins hervorgebracht wird.

Das eine Kügelchen kann sonst nie zugleich unter beiden Fingern seyn: lege ich aber beide Finger übereinander, so fühle ich eine und dieselbe Kugel zugleich unter beiden Fingern, und schließe daher, daß es zwei Kugeln sind, weil dasjenige, was war, unmöglich in demselben Augenblick, wo es war, auch ist; indem aber das Kügelchen sanft unter den Fingern rollt, so entschlüpft das ist dem war, und das war dem ist; der gegenwärtige Augenblick verschwimmt sich in den vergangnen, und der vergangne in den gegenwärtigen, wie Farben, die im Wiederschein ineinanderspielen; — darum muß auch dasjenige, was man unter den übereinandergelegten Fingern reibt, nothwendig gerundet seyn, wenn es die Täuschung hervorbringen [111]soll: man lege einen ekkichten Körper unter die Finger, und er wird sich unsrem Gefühl nicht verdoppeln. — Die Grenzlinien zwischen dem ist und war der Berührung sind hier schärfer, sie können sich nicht ineinander verlieren.

Unser ganzes Wissen beruht auf dem genauesten Unterschied zwischen ist und war. Ein und eben dieselbe Sache ist in diesem Augenblick nicht mehr, was sie war, und war nicht das, was sie ist — ihre Warheit aber kann nur erkannt, die Istheit kann bloß empfunden werden.


Merkwürdig ist es, daß der Engländer sagt: l have been, gleichsam wie, ich habe gebinnt — und der Deutsche: ich bin gewesen. — Das bin, welches bei dem Deutschen das gegenwärtige, eigentlich mit Selbstgefühl verknüpfte seyn bezeichnet, drückt im Englischen das völlig vergangne seyn aus, welches wir uns, eben so wie die Zukunft, nicht anders als mittelbar durch die Vorstellung von dem gegenwärtigen seyn denken können; und daher die völlige Vergangenheit, sowohl als die Zukunft, nothwendig immer durch zwei Begriffe ausdrücken müssen — ich bin gewesen — ich werde seyn. — Die Silbe ge in gewesen, bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, das kollektive, zusammengenommne seyn, welches nur völlig vorbei ist, und als ein Ganzes gedacht wird, zu dessen Rückerinnerung wir aber unser gegenwär-[112]tiges Selbstgefühl nothwendig zusammennehmen müssen: wir können nicht sagen: ich gewesen, sondern sehen uns genöthiget zu sagen: ich bin gewesen — wenn man sagen wollte:

ich bin war,

so würde sich bin und war einander aufheben. —

Die Gegenwart und die noch nicht völlige Vergangenheit, oder der eigentliche Uebergang des Vergangnen ins Gegenwärtige muß immer bestimmt und fest bleiben, weil hiervon unsre Vorstellung von dem Unterschied des Vergangnen und Gegenwärtigen, und im Grunde unser ganzes Denken abhängt. Das völlig vergangne Seyn hingegen, welches gleichsam aus der Reihe und Verkettung der wirklichen Dinge herausgehoben, nur noch in der Einbildungskraft statt findet, kann schon eher mit dem gegenwärtigen, wirklichen Daseyn zusammengedacht werden, ohne daß eins das andre aufhebt; ich kann nicht sagen:

ich bin war — aber wohl:

ich bin gewesen.

Der Engländer sagt: ich habe gewesen — er denkt sein zusammengenommenes durchlebtes seyn mehr aus sich heraus, und rechnet es zu dem, was er hat, was er besitzt, so wie wir auch sagen: ich habe gelebt, und nicht ich bin gelebt — wir rechnen unser zusammengenommenes vergangnes Leben, das von Zeit zu Zeit Momentweise von uns ausgegangen, und am Ende ganz [113]und vollständig wieder in unser Gedächtniß zurückgefallen ist, auch zu demjenigen, was wir nun gleichsam erst ruhig besitzen, was wir nicht erst künftig bekommen sollen, sondern schon wirklich haben.

Haben — bekommen

Vergangenheit — Zukunft.

Allein dasjenige Vergangne, was nicht sowohl von uns ausgegangen, als vielmehr in uns geblieben, oder sogleich wieder in uns zurückgefallen ist, bezeichnet die Deutsche Sprache lieber durch den Mittelbegriff des gegenwärtigen seyns, als durch den Begriff des habens, als

ich bin gegangen,

ich bin gekommen, und so auch:

ich bin gewesen —

Gehen und kommen sind zwar Aeußerungen unsrer thätigen Kraft, die aber immer in sich selbst zurückfallen, um sich von neuem zu äußern, ohne daß sie auf einen Gegenstand außer uns unmittelbar wirkten. — Das Gehen z.B. ist vielmehr eine Rückwirkung unsrer bewegenden Kräfte auf sich selbst, wodurch unser Körper irgend einem Ziele, wohin sich unsre thätige Kraft richtet, näher gebracht wird. — Daher bin ich gekommen, bin gegangen; und das völlig vergangne kommen, und vergangne gehen, gehört mehr zu meinem gegenwärtigen seyn, als zu meinem gegenwärtigen haben, weil es mehr in mir geblieben, als von mir ausge- [114] gangen ist. — Eben das findet nun auch von meinem völlig vergangnen seyn statt, welches nie von mir eigentlich hat ausgehn können, sondern beständig in mir gebliehen ist. Das seyn fällt nothwendig in sich selbst zurück, darum sagen wir: ich bin gewesen. Der Engländer denkt sich aber demohngeachtet das völlig vergangne seyn, als etwas von ihm Ausgegangnes, und sagt: I have been (ich habe gewesen).

Eben so sonderbar ist, daß dasjenige, was im Deutschen das eigentlichste wirklichste Daseyn, oder das Selbstgefühl bezeichnet, im Englischen die bloße schwankende Idee des seyns ausdrückt.

ich bin — I am

seyn — to be.

Unser bin finden wir also im Englischen Infinitiv wieder, wo wir es gerade am wenigsten suchen sollten.

Unsre Wurzellaute des Verbum seyn, sind b, w, s, davon finden wir den Wurzellaut w in Ansehung der Bezeichnung der noch nicht völligen Vergangenheit, den Wurzellaut b in der Bezeichnung der völligen, in bloße Idee verwandelten Vergangenheit, und in dem Infinitiv wieder; der Wurzellaut s aber, der doch auch in dem Lateinischen Verbum sum der herrschende Laut ist, findet sich im Englischen gar nicht, und scheint ganz verdrängt zu seyn.

[115]

An die Stelle des b in der ersten Person ist im Englischen der Vokal a mit dem Konsonant, I am, thou art, getreten, welcher auch im Plural die Stelle des s vertritt: we are, ye are, they are; und an die Stelle des s im Infinitiv ist im Englischen wieder das b getreten, to be, seyn: das b vertritt auch die Stelle des w in been, gewesen, und in being, einer der da ist, oder ein Wesen.

Welch eine Verschiedenheit zwischen zwei so nahe verwandten Sprachen, wie die Englische und die Deutsche ! —

Derselbe Wurzellaut, welcher bei uns das eigentliche Selbstgefühl oder das empfundne seyn bezeichnet, drückt im Englischen die bloße schwankende Idee oder das bloß erkannte und nicht eigentlich empfundne seyn aus — und das empfundne seyn wird wieder durch einen von dem unsrigen so verschiedenen Wurzellaut (I am) angezeigt, als ob ganz verschiedene Begriffe durch das ich bin, und I am ausgedrückt werden sollten.

Sum, je suis, I am, ich bin,

alles fast ganz verschiedne Laute, welche doch ein und eben dieselbe Sache bezeichnen, die doch in allen Ländern und unter allen Völkern nothwendig auf einerlei Art gedacht werden müssen u.s.w.


[116]

Zur Seelenzeichenkunde.

Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

Seidel, Johann Friedrich

1.

** Dessen ich im 2ten Stücke des ersten Bandes S. 112 erwähnte, hat sich in den verfloßnen drittehalb Jahren fast um nichts geändert. Auf seinem Gesichte sieht man noch die schuldlose jugendliche Freude, die man allen Menschen wünschen möchte. Fast immer bemerkt man ein Lächeln an ihm, so sanft und so gefällig, daß man es, bei ihm wenigstens, lieber siehet, als wenn es mit mehr Ernst vermischt wäre. Er ist beständig froh und heiter. Eine Kleinigkeit, womit er tändelt, eine freundliche Anrede scheint ihm noch alles zu seyn, was seines Wunsches werth ist. Aber eben daher ist er auch in seinen Kenntnissen wenig weiter gekommen. Er findet es noch nicht wichtig genug, sich anzustrengen, und stundenlang seine Gedanken und seine Aufmerksamkeit auf Dinge zu heften, deren Nutzen er nicht einsieht, und alle Vorstellungen darüber scheinen ihm gar sehr unbedeutend zu seyn. Indessen hört er sie aufmerksam und mit innerer Behaglichkeit an, etwa wie er ein Feenmährchen an-[117]hören würde, wobei er weiter nichts zu thun hat, als aufzumerken und es dann allenfalls wieder zu vergessen. Wenn aber etwas Interesse für ihn hat, wenn etwas grade für ihn erheblich ist, dann sieht man ihm die ganze Neigung an, die ihn beseelt, recht viel von dieser Sache zu hören. Dann scheint sich sein Körper vorwärts zu neigen, gerade als ob er mehr von der Sache hören könnte, wenn sein Ohr sich dem Schall der Worte mehr genähert hat. Er fragt alsdann nach demjenigen, was er nicht recht verstanden hat, oder was er etwa außerdem davon wissen möchte. Auch erzählt er gern, was er schon davon gehört hat.

Beschäftigt muß er immer seyn. Ehe man sichs versieht, hat er mit seinem Mitschüler ein Gespräch angefangen, oder er hat kleine Spielwerke, die ihn zerstreuen, die seinen Beifall und keinen geringen Werth für ihn haben, auch wenn sie weiter niemand bemerkt und niemand schön findet. Es ist nichts seltenes, daß er über dergleichen Tändeleien ein kleines Gelächter erhebt, und es dann, obgleich etwas beschämt, aber doch treuherzig genug gesteht, wenn man ihn nach der Ursach davon fragt. Ein Verweis darüber ist ihm empfindlich; seine Scham wird sichtbar und endigt sich gemeiniglich mit Thränen, die ihm schnell entstürzen. Und dann scheint er alles feiner und stärker zu empfinden. Erinnerungen fruchten nun mehr und prägen sich tiefer bei ihm ein, als sonst. Ein Blick eines seiner Mit-[118]schüler, auch wenn er noch so gleichgültig wäre, dünkt ihn Beleidigung zu seyn, und er will wenigstens in der ersten Hitze ihn dafür bestraft wissen. Aber schnell ist alles vorüber. Seine Munterkeit ist wieder da; er hat alles vergeben und vergessen, so wie er glaubt, man habe eben dasselbe gethan, und wisse nichts mehr von dem, was so eben mit ihm vorgefallen war. Sein Auge ist hell, aber etwas schalkhaft. Alle seine Unarten sind ohne Tücke und grenzen ans Kindische. Wenn ihn irgend jemand einer leichtsinnigen Handlung beschuldigt, so will er sich rechtfertigen, aber indem er etwas hervorbringen will: so geräth er ins Stecken, er spricht einige abgebrochne, nicht ganz zusammenhängende Worte, schweigt plötzlich still und fängt zu weinen an, nicht aus Unwillen, daß er nichts zu seiner Vertheidigung zu sagen weiß, sondern aus Empfindung des Unrechts, das er gethan hat.

Ich hoffe noch immer, wenn sein Charakter etwas fester und bestimmter geworden ist, viel Gutes, sowohl von seinem Verstande, als auch von seinem Herzen.

2.

** Ein Knabe, ungefähr von neun Jahren, hat in seinem Gesichte viel Angenehmes. Seine Lebhaftigkeit ist mit freundlichem Ernst vermischt, und beides wird durch eine Offenherzigkeit, die immer sehr [119]sichtbar bleibt, ungemein verschönert. Seine äußern Bewegungen haben etwas Gefälliges, Ungezwungenes, und entfernen sich ungeachtet seiner Munterkeit nur äußerst selten von der Grenze des Schicklichen. Er hält viel auf Ordnung, auf Reinlichkeit, ohne es im geringsten merken zu lassen, daß er deshalb mehr thue, als er eigentlich thun müsse. Er ist durch einen Blick zu regieren. Sein Kopf ist voll Anlage, und seine Wißbegierde und Achtsamkeit scheint für sein Alter überaus groß und uneingeschränkt zu seyn. Sein Auge ist fast immer auf den Lehrer geheftet, und seine Mitschüler scheinen ihm dann zu unbedeutend zu seyn, als daß sie ihn stören und seine Aufmerksamkeit oder seinen Unwillen, nachdem es kommt, auch nur eine Minute lang auf sich richten sollten. Es ist, als ob alles in seiner Seele rege und thätig würde, wenn ihn etwas vorzüglich interessirt; und, wie gesagt, alles ist ihm wissenswürdig. Sein Auge glüht, seine Minen werden vollzähliger, und sein ganzer Körper geräth in Bewegung, wenn er eine Frage, die einem andern vorgelegt wird, beantworten kann, und sie doch gerade jetzt nicht beantworten soll. Er will in dem Augenblicke Herr und Meister über diese seine Begierde seyn, und er wird es mit großer Anstrengung, nur daß im ersten Kampf mit sich ein Laut, ein Ach! oder: Ich weiß es, fast unwillkührlich herausströmt; oder er wendet sein Auge schnell zu dem Antwortenden, nicht als ob er eine Ant-[120]wort hören, sondern zugleich sein Urtheil über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit derselben sagen sollte. Wenn er selbst gefragt wird: so ist Freude und Anstrengung gleich groß. Weiß er nicht gleich zu antworten: so ist es, als ob er nach einer Sache sähe, die in einer großen Entfernung von ihm ist. Bei dem kleinsten Geräusch andrer zeigt er dann eine Art von Unwillen, und mehr als einmal pflegt er durch sein: Still doch! alles rund herum in Ruhe zu bringen, damit er nur jetzt ungestört nachdenken könne. Irgend etwas weiß er immer zu antworten, und selten ist es etwas ganz Unrichtiges. Seine Aufmerksamkeit ist schlechterdings nicht von der gemeinen und gewöhnlichen Art, sondern immer mit Nachdenken verbunden. Es kommt mir vor, daß er sich selbst schon gewisse Gesetze gemacht habe, wie er seine Kenntnisse vermehren und Wahrheit finden wolle; und das sind diese zwei: bei einigen Dingen Schwierigkeit auf Schwierigkeit zu häufen, um zu sehn, ob sie alle gehoben werden können; und dann: Dinge zu vertheidigen, gleichsam um andre geneigter zu machen, ihre Einwendungen dagegen vorzubringen. Als ich einmal gesagt hatte, daß man auf einem hohen Berge die dunkeln Wolken unter sich habe, und wie durch einen Nebel nach der Erde sehn müsse: so fiel ihm mit einemmale der Gedanke ein, wie man wieder herunterkommen, wie man den Weg wieder finden und vermeiden könne, daß man nicht herunterfalle, [121]und er wußte dies, durch seine eigne Aengstlichkeit dabei, recht eigentlich erheblich zu machen. Am Ende freut er sich dann über Belehrung und Aufklärung. Ein andermal, da ich vom Nutzen des Regens in Ansehung der Feldfrüchte redete, meinte er, daß man die Felder ja begießen könnte; und bei jeder Erklärung, wie mühsam und fast unmöglich dies sei, wußte er für seine Meinung immer neue Gründe, neue Stützen zu finden. Man könne ja Spritzen oder Schläuche gebrauchen, und auf die Art oft und schnell begießen, damit die Feuchtigkeit in die Erde eindränge. Als ich von dem Unglück sprach, das ein Wolkenbruch verursachen könnte, hatte er gleich Menschen, Kähne, und große, lange, starke Thaue in Bereitschaft, um die Unglücklichen in Sicherheit zu bringen, oder er ließ sie die Kunst zu schwimmen verstehn, und sich auf die Art retten. Und bis jetzt wenigstens ist dieses weder Zweifelsucht noch Eigensinn bei ihm, sondern Streben, das zu begreifen und zu behalten, was er hört. Auch fällt er nicht auf fremde Gedanken, sondern immer hält er sich an das, wovon die Rede ist. So einen Schüler muß man lieben; so einen Schüler muß man aber auch, wie ich denke, vor andern herausheben, ihn ohne Nachtheil andrer mehr beschäftigen, ihn genauer ins Auge fassen, da er sich selbst so gern, so ganz und unverstellt sehen läßt.

Seidel.


[122]

Einige Bemerkungen über etliche im ersten Stücke des zweiten Bandes des Magazins befindliche Aufsätze.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Zweifel an eigener Existenz von Hrn. F. A. Stroth. Folgende Gedanken erklären mir einigermaßen die Entstehungsart dieser Zweifel. Der Fall ins Wasser, mit dem sie als Folgen verbunden waren, geschah, als Hr. St. noch ein rascher Knabe war, und in den Jahren, da das Feuer der Einbildungskraft ganz eigenmächtig herrscht, wo es ganz frei und ungehindert, nach dem jedesmaligen Verhältniß äußerer und innerer, vorhergehender und gegenwärtiger Umstände stärker oder schwächer um sich greift, seine Herrschaft über den ganzen thätigen und leidenden Menschen verbreitet, sich aller andern Ideen und Erkenntnißquellen bemächtigt und sie ihren Ausbrechungen unterordnet. Er geschah in einem Alter, da die Begriffe von Existenz, Tod und einem andern Leben so eingeschränkt, so unbestimmt, verworren und meistentheils unrichtig sind, wo Erfahrungen und so lebhafte, deutliche und währende Eindrücke des Gegenwärtigen, Vergangenen und sogar solche Eindrücke des Sinnlichgegenwärtigen zu sehr mangeln, als daß sie nicht von jedem etwas stärkern Anlaße verdunkelt und schwankend und ungewiß gemacht werden könnten.

[123]

Alle diese Betrachtungen und vielleicht noch das Individuelle zusammengenommen, kann ich mir schon begreiflich machen, wie sich Zweifel an eigener Existenz mit dem Sturz ins Wasser und einer sehr nahen schon betäubenden Todesgefahr als Gedankenfolge verbinden könne; und wie die zuverlässigste sowohl als die natürlichste Auflösung dieser Zweifel die Veränderung des Wohnortes und also die Veränderung der alten gewohnten, und immer dieselbe Idee erweckenden Gegenstände sei. Da siehet man denn neue und immer neue Gegenstände, die eine ganz andere Modifikation in der Vorstellung und neue Eindrücke hervorbringen müssen; mit diesen kömmt die Ueberzeugung von seinem irrigen Wahne und der vorigen Täuschung; der getäuschte beginnt nun seinem Zustande näher nachzudenken, Grund, Wirkung und Wirklichkeit unbefangner nachzuforschen, und sieht das Elysium noch weit von sich entfernt.

Todesahndung.

Ein junger Mensch, eingezogen und sittsam, doch munter, bestimmte das Jahr, den Tag, die Stunde seines Todes, ohne auch nur wahrscheinliche vorhergehende Gründe. Könnte man diese Vorhersagung nicht aus folgenden Gründen erklären?

Sein Bruder starb; er fühlte den Verlust; er ging ihm sehr nahe, und lag schwerdrückend auf sei-[124]ner Seele. Ohne allen Einfluß auf diese, ohne alle Wirkung auf ihre Kräfte und Aeußerungen konnte wol die Unvergeßlichkeit dieses empfindlichen Verlustes, und das immer gleichstarke Schmerzengefühl nicht bestehen. Natürlich war es also, wenn die Phantasie ihm ähnliche Wirkungen spann, wenn Todesgefühle ihn umschwebten und seine betäubte Gedanken ins Grab sanken. Wir wissen, wie leicht unsere Träume an dergleichen phantastischem Gedränge Antheil nehmen, sich ganz nach ihnen richten, aber auch, daß sie zu der Sache immer noch etwas zusetzen, sie anwenden und mehr bestimmen. So entstand bei diesem jungen Menschen ganz natürlicherweise der Traum: du wirst auch sterben; du wirst nach drei Jahren an demselben Sterbetag deines Bruders sterben. Dies war nur Traum, aber lebhaft genug für ihn, um ihn für Wahrheit, für ein seines Ausganges gewisses Ahndungsgefühl zu halten; die Wirkung, die dieser Traum, in Hinsicht auf seine Einbildungskraft, hervorbrachte, und die sich auch aus der nachher gefundenen Aufzeichnung des ganzen Traumes vernehmen läßt, diese war hinreichend, ihn nach allmähligen Zubereitungen, Modifikationen und Schwächungen des Körpers und seiner Kräfte, den bekannten Folgen starker Eindrücke auf die Einbildungskraft gemäß, zur Wirklichkeit zu bringen. Und nun, da der Moment der Entscheidung schon nahe war, da stieg die Ueberzeugung und Gewiß-[125]heit seiner Einbildung, welche von ihrer ersten Entstehung bis jetzt ununterbrochen seine ganze Seele einnahm, nun auch zum höchsten Grad ihrer Stärke und ihres wirksamen Einflusses; brachte in kurzer Zeit die Veränderungen der Lebenskräfte hervor, von denen der Tod unzertrennlich ist; dies gaben die öfteren Paroxysmen und die offenbare Verwirrung des Kopfes deutlich zu erkennen.

So hängt oft in einiger Betrachtung ganz willkürlich die Bestimmung der Todesstunde von der Stärke der Einbildungskraft ab. Wiewohl auch wiederum bei solchen Fällen manche Betrügereien mitunter laufen können, das Subjekt mag nun für Gründe haben, welche es will, und dieser kann es gewiß mehrere haben. Es ist möglich, daß der Mensch seine Todesgeschichte in dergleichen Umstände verhüllet, die sie auf einer ganz andern Seite vorstellen, und also das Wahre nicht sehen lassen.

Z. L. A. Schl.

[<126>]

Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Revision der drei ersten Bände dieses Magazins. 1.
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Ein Aufsatz von Herrn C. D. Voß. 17.
2. Sonderbare hypochondrische Grille, von Hrn. C. D. Voß. 21.
3. Auszug aus einem Briefe, von Hrn. K. Gemeinheits-Commissarius Gädicke zu Cammin 22.
4. Fragmente aus dem Tagebuche des verstorbnen R***. 33.
5. Verrückung aus Liebe. 43.
6. Ein physiologisch-psychologisches Problem, von Hrn. Tiemann, Kammerrath bei der Mindeschen Kr. und D. Kammer. 45.
Zur Seelennaturkunde.
1. Schack Fluurs Jugendgeschichte, 2tes Stück. 49.
2. Ein Traum, von Hrn. Seidel. 75.
3. Einzelne Bemerkungen über Träume, von Hrn. C. D. Voß. 79.
4. Fortsetzung der Folge meines Lebens, von Hrn. Z. L. A. Schl. in Speier. 87.
5. Sprache in psychologischer Rücksicht. 95.
Zur Seelenzeichenkunde.
Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere, von Hrn. Seidel. 116.
Einige Bemerkungen über etliche im ersten Stück des zweiten Bandes des Magazins befindliche Aufsätze. Von Hrn. Z. L. A. Schl. 122.