ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz,
Professor am Berlinischen Gymnasium.

Vierten Bandes erstes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1786.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Vierten Bandes erstes Stück.

<Revision.>

Revision der drei ersten Bände dieses Magazins.

Moritz, Karl Philipp

Da ich die in diesen drei ersten Bänden gesammleten Fakta überblicke, so finde ich die meisten unter der Rubrik Seelenkrankheitskunde.

Zur Seelenheilkunde, Seelenzeichenkunde, u.s.w. sind weit weniger Beiträge eingelaufen. — Es scheinet, als ob die Krankheiten der Seele schon an und für sich selbst, so wie alles Fürchterliche und Grauenvolle, am meisten die Aufmerksamkeit erregen, und sogar bei dem Schauder, den sie oft erwecken, ein gewisses geheimes Vergnügen mit einfließen lassen, das in dem Wunsche, heftig erschüttert zu werden, seinen Grund hat.

[2]

Allein dieß kann freilich nicht im mindesten die Absicht bei dem Studium der menschlichen Seele seyn. Es kommt hier drauf an, wie diesen Krankheiten abzuhelfen ist. — Man soll ihren Quellen und Ursachen nachforschen; man soll untersuchen, wie sie aus der Aufhebung des Gleichgewichts zwischen den Seelenkräften entstehen, und wie dieß Gleichgewicht am besten wieder hergestellt werden könne.

Ferner bemerke ich, daß die eingelaufenen Beiträge zur Seelenkrankheitskunde selbst, größtentheils auf Beschreibungen von verschiedenen Aeußerungen des Wahnwitzes hinauslaufen. Freilich ist der Wahnwitz wohl eine Krankheit der Seele, indem ich mir unter derselben die vorstellende Kraft denke, welche durch den Wahnwitz am meisten leidet; aber er ist doch bei weitem nicht die einzige Krankheit derselben. Es giebt deren unzählige, welche oft freilich nahe genug an Wahnwitz grenzen, aber weil man sie nicht dafür ausgegeben wissen will, das menschliche Leben oft gerade am meisten verbittern.

Es scheint als habe man sich durch den Ausdruck Gemüthskrankheit täuschen lassen, womit man im gemeinen Leben, was ich Seelenkrankheit nenne, zu bezeichnen pflegt, und immer eine Art von Wahnwitz oder Melancholie darunter versteht.

Man hat sich noch nicht daran gewöhnt, den Geitz, die Verschwendung, die Spielsucht, den [3]Neid, die Trägheit, die Eitelkeit u.s.w. unter die Gemüths- oder Seelenkrankheiten zu rechnen, und auf specifische Mittel dagegen zu denken.

Dieß kömmt nun freilich wohl daher, daß derjenige, der eine solche Krankheit hat, gleich dem Schwindsüchtigen, immer am wenigsten glaubt, daß er sie habe. Und doch ist dieß freilich bittere Geständniß seiner Schwächen gegen sich selbst, gerade die angelegentlichste Sache bei der so nothwendigen Ausübung des γνωθι σ᾽αυτον (Kenne dich selbst) welches immer der Hauptpunkt bleibt, wohin sich alle Erfahrungen in Ansehung der menschlichen Seele vereinigen müssen.

Ich wünschte daher auf einige Gesichtspunkte Aufmerksamkeit zu erregen, wodurch der Beobachtungsgeist auf dasjenige hingelenkt würde, was unsre eigentliche Wohlfahrt am nächsten angeht, und wovon das eigentliche Glück unsres Lebens abhängt. —

Das eigentliche Glück unsres Lebens aber hängt doch wohl davon ab, daß wir so wenig, wie möglich, neidisch, habsüchtig, eitel, träge, wollüstig, rachsüchtig u.s.w. sind; denn alles dieß sind ja Krankheiten der Seele, die uns oft mehr, wie irgend eine körperliche Krankheit, die Tage unsres Lebens verbittern können.

Da nun das Wesen der Seele vorzüglich in ihrer vorstellenden Kraft besteht, so muß auch der Ursprung der Seelenkrankheiten, in irgend ei-[4]ner zur Gewohnheit gewordenen unzweckmäßigen Aeußerung dieser Kraft zu suchen seyn. Denn wenn ich hier z.B. von der Trägheit rede, so rede ich nicht von ihr, in so fern sie im Körper, sondern in so fern sie in der vorstellenden Kraft der Seele gegründet ist, und also auch durch eine beßre Lenkung derselben ihr wieder abgeholfen werden kann.

Eben so wenig aber, wie es dem Lahmen etwas helfen würde, wenn ich ihm sagen wollte, bewege dich — eben so wenig würd' ich dadurch auf den Trägen wirken, wenn ich ihm sagte: sei nicht träge, oder wenn ich ihm auch zu beweisen suchte, daß es unrecht sey, träge zu seyn.

Ich muß vielmehr der Ursach seiner Trägheit in irgend einer verwöhnten Richtung seiner vorstellenden Kraft nachspähen, und der vorzüglich entgegen zu arbeiten suchen.

Nun finde ich aber, daß dasjenige, was mich in Thätigkeit erhält, immer das Zusammendenken von Ursach und Wirkung ist, indem ich mir die letztere nur möglich denke, wenn die erstere vorhergegangen ist.

Ich schließe also, daß der Unthätige, der Träge seinen Geist verwöhnt hat, Wirkung und Ursach gehörig zusammenzudenken. Er denkt sich angenehme Wirkungen, ohne auf die Ursach oder die thätige Kraft Rücksicht zu nehmen, wodurch sie allein möglich gemacht werden können.

[5]

Mein Bestreben wird also dahin gehen, die Federkraft der Gedanken, den gehörigen Ton in den Vorstellungen wieder herzustellen, wodurch sie in die nöthige Verbindung gebracht werden, die dazu erfordert wird, wenn sie Handlungen veranlassen sollen. —

Ich werde die Vorstellungen von den Ursachen, in die Vorstellungen von den Wirkungen, die auf eine schädliche Weise voneinander getrennt waren, aufs neue wieder zu verflechten suchen.

Ohne dem Trägen jemals irgend einen Vorwurf über seine Trägheit zu machen, oder ihm nur den Nahmen Trägheit zu nennen, werde ich, so lange die Kur dauert, ihn in allem, was er um sich her erblickt, in allen Bequemlichkeiten, die er genießt, die Unmöglichkeit der Wirkung, ohne die Ursach, so lange bemerken lassen, bis seine vorstellende Kraft sich endlich selbst zu dieser immerwährenden Richtung im Denken wieder gewöhnt; so daß an irgend einer angenehmen Idee aus der Region der Vorstellungen von den Wirkungen, sich immer aus der Region der Vorstellungen von den Ursachen, die minder angenehme, wodurch jene allein wirklich gemacht werden kann, unwillkürlich anschließt.

So scheint es, daß der Neid vorzüglich in einem Mißbrauch der vergleichenden Kraft der Seele gegründet ist.

[6]

In einer zu großen Aufmerksamkeit auf die Verhältnisse der Dinge, ohne Rücksicht auf die Dinge selbst.

Statt daß ich also die Vorstellungen des Trägen mehr in Verbindung, in Wirkung und Gegenwirkung aufeinander zu bringen suche, muß ich die Vorstellungen des Neidischen, so lange die Seelenkur dauert, vom Morgen bis an den Abend, bei allen Gegenständen, die er um sich her erblickt, zu isoliren suchen. Ich muß ihn durch Uebung lehren, das, womit sich seine Denkkraft beschäftiget, ganz an und für sich, und in sich vollendet, ohne Rücksicht auf irgend etwas anders, zu betrachten. —

Die Habsucht scheint in einer Verwöhnung der vorstellenden Kraft zu liegen, sich mit den Dingen außer sich zu oft zusammen zu denken; wodurch man am Ende unfähig wird, die gehörigen Grenzlinien zwischen seinem Ich, und den nächsten Umkreisen desselben zu ziehen. Wo also die Anlage zu dieser Seelenkrankheit bemerkt wird, da kömmt es wohl vorzüglich darauf an, daß man der verwöhnten Denkkraft vom Morgen bis an den Abend, dadurch entgegen zu arbeiten sucht, daß man bei der Betrachtung aller äußern Gegenstände, die Grenzlinie zwischen denselben und unsrem Ich so genau wie möglich zieht. — Daß man ihren abstechenden Unwerth gegen das denkende Wesen immer auffallender macht. — Und die ganze Summe von Vorstellungen, die unter dem Haben be-[7]griffen sind, gegen diejenigen, die das Seyn in sich faßt, auf alle Weise zu schwächen und zu verdunkeln sucht.

Bei dem Verschwender, der sich selber nur zu sehr genug ist, sieht man leicht, daß man den ganz entgegengesetzten Weg wird gehen müssen.

Die vorstellende Kraft des Wollüstigen ist zu sehr auf seinen Körper als Materie geheftet. — Man lehre ihn unablässig den wunderbaren Bau und Zusammensetzung desselben, wodurch er zu Bewegung und Eindruck fähig wird, und die Einbildungskraft des Wollüstigen wird, wenn sie nicht in hohem Grade verderbt ist, gereinigt werden.

Die Eitelkeit entsteht aus einer Verwöhnung unsrer Denkkraft, wo wir unser eignes Ich nicht nur zum Gegenstande, sondern auch zugleich zum Zweck unsres Denkens machen. Wir können und müssen unser eignes Ich nothwendig zum Gegenstande unsres Denkens machen, wenn wir je in die Natur unsres Wesens tiefer eindringen wollen; aber ein edles Gemüth wird doch vorzüglich zu dieser Aufmerksamkeit auf sich selber angespornt, um auch andern dadurch nützlich zu seyn. — Der eitle Mensch hingegen denkt nichts, als sich, und denkt sich, und alles übrige, was er denkt, auch bloß um seinetwillen. — Er ist immer der Mittelpunkt von allem. —

[8]

Dieser Verwöhnung der Denkkraft wird vielleicht am besten durch ein zweckmäßiges Studium der Geschichte und Astronomie entgegengearbeitet werden können. — Diese Seelenkrankheit ist übrigens vielleicht am schwersten zu heilen; sie ist zu sehr in das Innerste des Menschen verwebt; man müßte ihn gleichsam aus sich selbst herausreißen. — Wenn die Kur nicht gefährlicher wäre, als die Krankheit, so würde man sie vielleicht noch am ersten unterdrücken können, indem man bei einem sehr eitlen Menschen die vergleichende und Verhältnisse beobachtende Kraft der Seele vorzüglich zu erwecken suchte, wodurch aber wieder der Neid als eine neue und gefährlichere Seelenkrankheit verursacht werden würde.

Doch, ich breche für jetzt hier ab, um mich an alle Erzieher, Eltern, Lehrer und Prediger mit der angelegentlichsten Bitte zu wenden, doch auf ihre besondern Methoden, wodurch es ihnen gelungen ist, oder noch gelingt, irgend einer Seelenkrankheit, als Eitelkeit, Trägheit, Neid u.s.w. bei ihren Zöglingen, Freunden, oder Untergebnen, entgegen zu arbeiten, aufmerksam zu seyn, und diese Methoden zum Besten der Menschheit in diesem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde bekannt zu machen, welches doch nun einmal eine Veranlassung zur Mittheilung von dergleichen gemeinnützigen Bemerkungen seyn kann, [9]die gewiß für jedermann wichtig und lehrreich seyn müssen.

Der Wahnwitz ist doch immer größtentheils mit in dem Körper gegründet, und wird oft durch Mittel geheilet, die vorzüglich auf den Körper wirken. — Er kann also nicht der Hauptgegenstand der Erfahrungsseelenkunde seyn, sondern es kömmt vorzüglich auf die Natur unsrer vorstellenden Kraft, auf die Abweichungen und die gehörige Art des Einlenkens derselben an, wenn dieß Studium so nützlich seyn soll, als es doch wirklich seyn kann.

In dem ersten Stück des ersten Bandes finde ich nun unter der Rubrik zur Seelenkrankheitskunde folgende Personen aufgestellt:

Gottfried Friese, ein Mensch, der in seinem 24sten Jahre starb, ohne eigentlich gelebt zu haben, weil er nie in seinen Leben einen Strahl vom Menschenverstande bekommen hatte. — Ob es mehr dergleichen Personen geben mag? darauf sollte man doch aufmerksam seyn! —

Johann Matthias Klug, ein Mann, der die Rechtsgelehrsamkeit in ihrem ganzen Umfange, Weltweißheit und Geschichte verstand, und weil er glaubte, gegen die Religion des Königs von Preußen ein Buch geschrieben zu haben, sich sein ganzes übriges Leben hindurch, in eine Stube einsperrte. — In seiner Familie war etwas tief melancholisches, und er hatte viel mit dem Kopfe arbeiten müssen. — Merkwürdig ist der Umstand, daß er sich alle [10] Morgen seine Träume aufschrieb. — Wenn die Ideen, die man in Träumen gehabt hat, nicht gehörig wieder verdunkelt werden, sondern mit denen, die wir im Wachen haben, gleiche Kraft erhalten, so muß nothwendig eine Unordnung in der vorstellenden Kraft, eine Art von Wahnwitz daraus entstehen — und wer weiß, ob nicht jeder Wahnwitz zum Theil mit daher seinen Ursprung haben mag. Die Aufmerksamkeit des Herrn Klug, womit er seine Träume des Morgens aufschrieb, war gewiß eine Ursach mehr seinen Wahnwitz fortdauernd zu erhalten, so wie es ihm vielleicht zuerst geträumt haben mag, daß er das Buch, was er sich gegen den König von Preußen geschrieben zu haben einbildete, wirklich gedruckt sahe, und nun alle die fürchterlichen Folgen davon befürchtete, die ihn bewogen, sich lebenslang auf seine Stube einzusperren.

Der Musquetier, Friedrich Wilhelm Meyer, welcher im höchsten Lebensüberdruße, da er sich durch die Ermordung eines andern selbst den Tod zuziehen wollte, doch noch reflektirt zu haben gestand, ob er an der Krankenwärterin, die ihn geschimpft hatte, den Mord verüben solle, um sich zugleich zu rächen, oder an seinem noch schlafenden unschuldigen Kammeraden, den er also, da er gerade keine Sünde that, umbringen wollte. — Die Verzweiflung muß erstaunlich weit gehen, wenn sie solche kaltblütige Reflexionen zuläßt. —

[11]

Christian Philipp Schönfeld, ein spanischer Weber in Berlin, bei dem die Traumideen sich auch so stark mit den Wahrheitsideen vermischten, daß er die ungeheuren Schätze, von denen ihm des Nachts geträumt hatte, wirklich gehoben zu haben glaubte, und also in Ansehung dieses Punktes völlig wahnwitzig wurde.

Christian Gragert, ein Gensd'armes in Berlin, der durch das fleißige Lesen des Propheten Daniels dahin gebracht wurde, daß er sich in den Kopf setzte, Wunder thun zu können. — Es kömmt alles auf die Gewöhnung der Gedanken an. Auch der beste Kopf, der sich in die Lektüre von Wundern zu lange vertiefte, würde vielleicht am Ende unterliegen, wie vielmehr denn ein Mensch, der sich nie zu denken gewöhnt hat. — Merkwürdig würde aber eine Sammlung von Beispielen seyn, was eine eingeschränkte und oft wiederhohlte Lektüre auf das ganze Gedankensystem für einen Einfluß haben kann.

Der Kindermörder Seibel, welcher aus Lebensüberdruß ein Kind ermordete, das er zu dem Ende vorher viele Gebete und Sprüche aus der Bibel lehrte, um es recht fromm zu machen, ist in seiner Art ein sehr merkwürdiges Beispiel. Der Lebensüberdruß scheint eine eigne Seelenkrankheit zu seyn, welche wohl vorzügliche Aufmerksamkeit verdient, da sie so entsetzliche Wirkungen hervorbringt.

[12]

Bei dergleichen Faktis wird es also vorzüglich darauf ankommen, daß man den verschiedenen Quellen des Lebensüberdrusses nachzuspüren sucht. Ich werde diejenigen Beiträge von der Art, welche etwa künftig einlaufen möchten, wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes unter eine eigne Nebenrubrik zu ordnen suchen, worunter nun auch alle Geschichten von Selbstmördern gehören. Diejenigen, welche mir etwa künftig dergleichen mittheilen wollen, ersuche ich, doch ja so viel Umstände, wie möglich, von der Erziehung, Lebensart und Umständen der Personen beizubringen, welche durch den Selbstmord sowohl ein Gegenstand des Mitleids, als der Aufmerksamkeit der Nachgebliebnen geworden sind.

Ein Aufsatz von Herrn Jördens, wo derselbe von einer sonderbaren Wirkung erzählt, welche der Ausdruck und die Vorstellung vom Schlage gerührt seyn auf seine Einbildungskraft machte, kann auch noch mit zur Seelenkrankheitskunde gezogen werden: denn Herr J.. gesteht selbst, daß zu wenige Abwechselung in seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen und eine zu einförmige Lebensart seinen Geist für Ausartungen der Einbildungskraft empfänglicher gemacht hätten, und daher jene Vorstellung eine so außerordentliche Obergewalt in seiner Seele gewinnen konnte, daß sie dieselbe eine Zeitlang mit den schrecklichsten [13]Bildern des Todes anfüllte, und seinen Zustand dadurch höchst traurig machte.

Es kann wohl keine wichtigere Frage in der Seelenkunde geben, als die, wie man eine Idee herrschend machen, und eine herrschende Idee wieder unterdrücken könne; daher mehrere dergleichen und noch mehr detaillirte Erfahrungen, wie die von Herrn J... gewiß von großen Nutzen seyn würden.

Was aber die Träume des Herrn J... sowohl als des Herrn D. Knape betrift, welche von pag. 70 bis 84 des ersten Stücks des ersten Bandes dieses Magazins stehen, so ist, alles was von diesen Träumen eintraf, zugestanden, das Wunderbare und Auffallende davon, doch wohl mehr anscheinend, als wirklich.

Daß nehmlich dem Herrn D. K. träumte, es sey des folgenden Tages, Mittags gegen zwölf Uhr, wo gewöhnlich die Lotterie gezogen wurde, war schon ein Umstand, der eben so leicht von ihm geträumt werden, als am andern Tage eintreffen konnte, da seine Gedanken schon den Tag über sich mit der morgenden Lotterie beschäftiget hatten.

Daß gerade um die Zeit der Hofapotheker, bei dem er sich damals aufhielt, zu ihm herunterschickte, und ihm sagen ließ, daß er heraufkommen solle, war ein sehr gewöhnlicher Umstand, der ihm oft mochte geträumt haben, was Wunder nun, daß [14]er ihm gerade auch einmal in dieser Verbindung träumte.

Daß ihn derselbe zu dem Auktionskommissarius Mylius schickte, um zu fragen, ob dieser die kommitirten Bücher erstanden habe, gründet sich wahrscheinlich auf die Erinnerung an einen vorhergehenden Auftrag, den er wegen dieser Bücher schon an den Auktionskommissarius bekommen hatte. Und der Umstand, daß der Hofapotheker zu ihm sagte, er solle bald wieder kommen, kann sich sehr leicht auf eine Gewohnheit desselben gründen, immer das baldige Wiederkommen einzuschärfen; oder kann auch durch den Wunsch, länger Zeit zu haben, veranlaßt seyn, weil dem Herrn K. einfiel, sobald er seinen Auftrag ausgerichtet sogleich nach dem Generallotterieamte zu laufen, und zu sehn, ob seine Nummern herauskommen würden.

Dieß letztere würde ihm auch bei jedem andern Auftrage, den ihm der Hofapotheker hätte geben können, eingefallen seyn. — Was Wunder, daß unter hundert Träumen, die Herr K. vielleicht von der Art gehabt haben mochte, einmal diese beiden Umstände, daß er zum Auktionskommissarius Mylius geschickt wurde, und von da nach dem Generallotterieamte ging, im Traume und in der Wirklichkeit zusammentrafen?

Vielleicht konnte sogar der Wunsch, da ihn der Hofapotheker rufen ließ, daß er doch möchte in der Gegend des Generallotterieamts an der Jä-[15]gerbrücke verschickt werden, die Vorstellung von dem Auktionskommissarius Mylius hervorrufen, der wahrscheinlich unter den Leuten, wohin er geschickt zu werden pflegte, dem Lotterieamte noch mit am nächsten wohnte.

Der Umstand, daß er nun hier die gewöhnliche Zurüstung, und eine ansehnliche Menge Zuschauer fand, (die Lotterie wurde damals noch auf öffentlicher Straße gezogen) und daß er dem Weisenknaben die Augen verbinden sahe, will nun gar nichts sagen. Denn das mußte ja wohl immer eintreffen, so oft ihm von der Lotterie träumte.

Der Umstand scheint nun freilich merkwürdiger, daß gerade, da er hinkam, die Zahl 60 vorgezeigt und ausgerufen wurde, welches er für eine gute Vorbedeutung hielt, weil es eine von seinen Nummern war, und daß dieß am folgenden Tage buchstäblich so eintraf. —

Daß er aber wünschte, man möchte eilen, damit er sähe, ob seine beiden Nummern 60 und 22 herauskämen, ist wieder ein sehr unbedeutender Umstand, wenn er gleich eintraf; denn was war natürlicher, als dieser Wunsch, da ihm einmal geträumt hatte, er solle bald wieder zu Hause kommen, der Hofapotheker warte auf die Antwort.

Daß ihm nun aber träumte, seine beide Nummern wurden gezogen, war ja weit natürlicher, als daß ihm das Gegentheil hätte träumen sollen. — Die Phantasie ist ja in Träumen sich selbst gelassen, [16]warum soll sie sich nicht schaffen, was sie wünscht, da es in ihrer Macht stehet; wenn sie bei gesundem Körper ungehindert wirkt, pflegt dieß auch gemeiniglich zu geschehen. — Und unter hundert malen, wo dem Herrn K. geträumt haben mochte, daß seine Nummern herauskämen, wäre es ja wohl fast ein Wunder gewesen, wenn sein Traum nicht ein einzigesmal hätte eintreffen sollen.

Daß er nun zuletzt sagte: ich habe nicht länger Zeit, nun mögen sie ziehen, was sie wollen, und dann zu Hause ging, war ja wohl das natürlichste Resultat aus dem Vorhergehenden. Wenn alles Vorhergehende eintraf, so mußten ja nothwendig auch diese Worte eintreffen, er mochte sie nun bloß denken oder wirklich sagen.

Daß ihm aber den andern Morgen der Traum noch so deutlich vorschwebte, und daß er sogar die Erfüllung desselben ordentlich abwartete, läßt sich sehr gut aus der Begierde erklären, womit Personen, die in die Lotterie gesetzt haben, zuweilen dem Zeitpunkte ihrer Ziehung entgegen sehen. Diese Personen pflegen auch gemeiniglich sehr lebhaft zu träumen, und sich ihrer Träume sehr deutlich zu erinnern, weil sie sich gewöhnt haben auf Träume zu bauen, wie Herr K. auch vielleicht in seiner Kindheit mochte gethan haben. —

Da ich mich einmal auf die Erklärung der Träume eingelassen habe, so will ich noch einen Traum, welcher im ersten Stück des dritten Bandes steht, [17]herausheben, um zu sehn, in wie fern sich die Entstehung sowohl als die anscheinende Erfüllung desselben aus wahrscheinlichen und natürlichen Gründen zeigen läßt.

Ueber einen Aufsatz im ersten Stück des dritten Bandes dieses Magazins mit der Ueberschrift: Eine Unglücksweissagung.

Bei dem Traume des Herrn Pastor U.. ist sogleich der Umstand sehr zu merken, daß er mit seinem Freunde sehr oft zusammen kam, und dieser vier Wochen vor seinem Ende immer von seinem sehr nahe bevorstehendem Tode zu sprechen pflegte.

Ja, daß ihm derselbe sogar eines Tages seinen Leichentext und verschiedene Umstände von seinem Lebenslauf, die dem Herrn Pastor U.. noch nicht bekannt waren, brachte, weil dieser ihm, der Gewohnheit gemäß, die Leichenrede halten sollte.

Nichts war ja wohl natürlicher, als daß dem Herrn Pastor U.. unter den Umständen von dem Tode seines Freundes träumen mußte, und eben so natürlich war es, daß ihm von einer gewaltsamen Todesart desselben träumte, da noch gar kein Anschein einer Krankheit bei ihm zu spüren war, und er also, wenn seine Ahndungen eintreffen sollten, nothwendig eines gewaltsamen Todes sterben mußte.

[18]

Daß nun aber die Einbildungskraft des Herrn Pastor U.. sich gerade scheugewordene Pferde dachte, wodurch der Tod seines Freundes bewirkt würde, folgte eben so natürlich, weil dieß, in Ansehung eines Mannes, der sich, wie sein Freund, der ein Prediger war, so weniger Gefahr auszusetzen pflegt, das nächste war, wornach seine Phantasie greifen konnte, da er ohnedem vielleicht schon gehört hatte, daß die Pferde seines Freundes sehr rasch, oder vielleicht gar schon eher einmal scheu geworden waren. —

Daß ihm nun aber unmittelbar darauf träumt, er sey in dem Hause seines Freundes, wo er eine ziemliche Anzahl verschiedner aus der Gemeinde findet, die ihren Prediger, der bei allen in großer Achtung stand, mit vielen Thränen beklagten; dieß will gar nichts sagen: es war der natürliche Gang der Einbildungskraft, so wie der natürliche Gang der Dinge, und wenn das erste in der wirklichen Welt geschahe, so mußte auch das zweite in der wirklichen Welt aller Wahrscheinlichkeit nach erfolgen; indem ein gewaltsamer Tod immer weit mehr Menschen, als ein natürlicher Tod, in der Wohnung des Verstorbenen zu versammlen pflegt. —

Daß nun freilich dem Herrn Pastor U.. träumte, wie der Körper seines Freundes auf einem Tische lag, und wie man an dessen Kopfe sehen konnte, daß er damit auf einen spitzigen Zacken gefallen sey, der durch den ganzen Kopf ge-[19]drungen, und bei der Schläfe wieder herausgekommen war, ist ein Umstand, der freilich merkwürdiger scheinet, allein der Herr Pastor sagt nicht, ob derselbe genau eingetroffen sey — und gesetzt, man erinnert sich auch eines Traums noch so deutlich, so ist doch bei der anscheinenden Erfüllung desselben gemeiniglich noch etwas zurückgeblieben, dessen man sich dann erst erinnert, und wo sich denn die Erinnerung mit der wirklichen Sache oft so sehr zu verschwimmen pflegt, daß es gar leicht ist, eines mit dem andern zu verwechseln. —

Nun bleibt freilich noch immer die Frage, warum stellte sich der Traum denn gerade an dem Morgen des Tages ein, da das Unglück geschahe? Gewiß war es keine andere Ursache, als weil der Herr Pastor U.. von seinem Freunde die Nachricht erhalten, daß derselbe an dem Tage eine kleine Spatzierfahrt nach der H.. machen würde, und ihn selbst dahin eingeladen hatte.

Da also die Besorgniß für seinen Freund schon einmal die Einbildungskraft des Herrn Pastor U.. erhitzt hatte, so war dieß ja wohl die natürlichste Veranlassung, wodurch die schon seit längerer Zeit gesammelten Bilder in derselben zum Ausbruch kamen, und sich in das Ganze eines Traums zusammenfügen mußten.

Eine eigentlich nicht hieher gehörige Frage ist die: wie kam es denn, daß die Ahndung des Freundes des Herrn Pastor U.. so genau eintraf?

[20]

Fürs erste kann man nicht sagen, daß sie genau eintraf, denn sie ging, wie es bei vielen Menschen geschiehet, auf sehr etwas Allgemeines und Unbestimmtes, auf einen nahe bevorstehenden Tod — die Art des Todes und die eigentliche Zeit desselben war auf keine Weise in dieser Ahndung mit begriffen.

Und nun ein paar Worte über das Eintreffen der Ahndung! — Ein Mensch, der seit einigen Wochen mit nichts, als dem Gedanken eines nahen Todes umgeht; der übrigens in seinem Körper noch keine Spur einer eigentlichen Krankheit bemerkt; der also seinen ihm so nahe bevorstehenden Tod nothwendig von einer äußern Ursache erwarten muß; dem also in jeder kleinen Gefahr, die ihm droht, das Bild des nahen Todes vorschwebt, kann der wohl bei irgend einer Gefahr Gegenwart des Geistes genug behalten, um sich gehörig dabei zu nehmen? wird er nicht vielmehr, da er doch nun einmal glaubt, es sey sein Schicksal jetzt zu sterben, sich lieber ohne alles Widerstreben in den Abgrund hinabziehen lassen, dem er doch nun einmal nicht glaubt entgehen zu können, und vor dem die Furcht noch schrecklicher, als das Schreckliche selber ist? — Auf diesen Umstand sollte man aufmerksamer seyn, und man würde vielleicht finden, daß traurige Ahndungen, die man sich in den Kopf gesetzt hat, weit öfter Ursachen als Vorbedeutungen des Todes sind.

[21]

Indes kann es nicht fehlen, daß ein Traum, der zufälliger Weise auf die Art eintrift, eine ganz besondre Wirkung auf die Seele thun muß. — Die Grenzlinien zwischen Wahrheit und Traum scheinen wegzufallen; man glaubt, man träume noch wachend.

Nichts ist daher natürlicher und wahrer gesagt, als die Worte der Frau des Herrn Pastor U.., da sie die Nachricht von dem Tode seines Freundes hörte: »Ists möglich, einen solchen Traum, der mir heute schon so viel Angst und Sorgen gemacht hat (der Herr Pastor U.. hatte ihn ihr gleich beim Aufstehen erzählt) schon erfüllt zu sehen! — wir träumen heute wohl alle — und wollte Gott, wir träumten, so hätten wir unsren Freund noch! —«

Diese Bemerkung, dieser Wunsch, wie tief sind beide im Innersten der Seele gegründet! —

Zuletzt bemerkt der Herr Pastor U.. noch, daß in dem Hause seines verstorbenen Freundes nicht einmal eine Veränderung des Anzuges bei mehr als hundert Personen anzutreffen war. — Vermuthlich, weil die Personen größtentheils Bauern waren, die immer ziemlich gleich gekleidet zu seyn pflegen, und weil die übrigen, da sie sich zu einem solchen Besuch nicht werden angeputzt haben, wahrscheinlich ihre gewöhnlichen Kleider trugen, worin sie der Herr Pastor U.. sonst im Wachen gesehen hatte, und also auch kein Grund vorhanden war, daß er sie im Traume hätte anders [22]sehen sollen. — Ueberdem ist es schwer, die Kleidung von hundert Menschen, wovon einer träumet, so genau im Gedächtniß zu behalten.


Wie die Traumideen sich mit den Wahrheitsideen vermischen können, davon stehen pag. 53 im ersten Stück des ersten Bandes dieses Magazins, unter der Ueberschrift wachender Traum, ein paar sehr merkwürdige Beispiele.


Ueberhaupt ist das Kapitel von den Träumen in der Seelenlehre, ohngeachtet seiner Wichtigkeit, noch zu wenig bearbeitet. Man hat noch zu wenige Erfahrungen darüber gesammlet, und diejenigen, welche man gesammlet hat, sind größtentheils schon mit einem gewissen Vorurtheil von ihrer bedeutenden Kraft niedergeschrieben worden.

Es verlohnt aber wohl der Mühe zur nähern Kenntniß dessen, was in uns denkt, auch auf seine Träume aufmerksam zu seyn. Jeder Traum, den wir haben, er scheine so unbedeutend wie er wolle, ist im Grunde eine merkwürdige Erscheinung, und gehört mit zu den Wundern, wovon wir täglich umgeben sind, ohne daß wir unsre Gedanken darauf richten.

Daß ein Mensch, wenn sein Körper in völliger Unthätigkeit da liegt, und alle Zugänge der [23]Sinne verschlossen sind, wodurch uns sonst die immerwährende Fluth von Ideen zuströmt, dennoch sieht, und hört, und schmeckt, und fühlt, ohne doch wirklich zu sehen, zu hören, zu schmecken, und zu fühlen, ist gewiß eins der sonderbarsten Phänomene in der menschlichen Natur, und der, welchem es unter allen Sterblichen zum erstenmale begegnet wäre, hätte es nothwendig für ein unbegreifliches Wunder halten müssen.

Da dieß Wunder so alltäglich geworden ist, scheint das Träumen eine so unbedeutende Sache zu seyn, bei der es nicht der Mühe verlohnt, mit seinen Gedanken zu verweilen; oder wer noch mit seinen Gedanken dabei verweilt, der thut es größtentheils aus unedlen und eigennützigen Absichten, oder aus einer kindischen Neugierde in Ansehung dessen, was ihm künftig begegnen wird.

Der Weise macht den Traum zum Gegenstande seiner Betrachtungen, um die Natur des Wesens zu erforschen, was in ihm denkt, und träumt; um durch den Unterschied zwischen Traum und Wahrheit die Wahrheit selbst auf festere Stützen zu stellen, um dem Gange der Phantasie und dem Gange des wohlgeordneten Denkens bis in seine verborgensten Schlupfwinkel nachzuspähen.

Jeder Traum, dessen man sich zufälliger Weise mit mehrerer Deutlichkeit erinnert, kann zu dergleichen Untersuchungen Stoff hergeben.

[24]

Ich werde daher künftig eine eigne untergeordnete Rubrik, in der Rubrik zur Seelennaturkunde, zu einer Sammlung an sich merkwürdiger, oder durch Reflexionen merkwürdig gemachter Träume bestimmen. Für jetzt genug hievon!


Beispiele des Lebensüberdrusses.

Sind im zweiten Stück des ersten Bandes die Geschichte des Musquetiers Daniel Völkners, die pag. 10, und des Inspektors Johann Peter Drieß, die pag. 18 steht.

Bei dem ersten war der Lebensüberdruß höchstwahrscheinlicher Weise durch überspannte Vorstellungen von der Glückseligkeit eines künftigen Lebens entstanden, die ihm das für eine hochgespannte Phantasie freilich eben nicht reitzende Leben eines gemeinen Soldaten eckelhaft und abgeschmackt machten. Um sich nun also ohne Selbstmord, wodurch er der Seligkeit verlustig zu werden glaubte, der Bürde dieses Lebens zu entledigen, ermordete er ein unschuldiges Kind, mit dem festen Gedanken sich dann noch vor seiner Hinrichtung wieder zu bekehren, um auf die Weise doch noch Gnade wieder zu erhalten. Er hatte also auf eine recht politische Art sich zugleich die Be-[25]freiung von diesem, und die gewisse Erlangung eines bessern Lebens zu verschaffen gesucht.

Ob nicht Lebensüberdruß bei so manchen Personen bloß aus dieser Ursach entstehen mag? — Ob nicht vielleicht eine große Anzahl Menschen dem Märtyrertode thörichter Weise entgegen eilten, weil ihre von Scenen des künftigen Lebens erhitzte Phantasie ihnen dieß Leben schaal und abgeschmackt machte.

Dieß sollten doch Prediger wohl erwägen, die sich oft so gern in reitzenden Schilderungen der Freuden des Himmels verlieren, ohne auf die schwachen Gemüther Rücksicht nehmen, denen sie dadurch alle die Freuden dieses Lebens, die sie sonst genießen könnten, zum Eckel machen. Sie sollten doch den Blick ihrer Zuhörer immer mehr auf dieß Leben heften, und ihnen das künftige Leben immer nur in ganz nothwendiger Verbindung mit diesem schildern.


Bei dem Inspektor Drieß war der Lebensüberdruß oder vielmehr die Sterbensbegierde aus einer ganz von jener verschiedenen Ursach entstanden. — Er affektirte nehmlich ein Freygeist und starker Geist zu seyn, und wollte sich zu Tode hungern, um Stärke des Geistes zu zeigen.

Er wollte von den Großen bemerkt seyn — und sobald er seinen Endzweck erreicht zu haben glaubte, indem ihn der Prinz Heinrich persönlich besuchte, so war er auf einmal von seinem rasenden [26]Entschluß, sich todt zu hungern, wieder hergestellt, und fand sich glücklich; da er aber merkte, daß man seine thörichte Eitelkeit bemerkt hatte, und sein ganzes Betragen für Affektation hielt, wie es denn auch wirklich war — so wurde er aufs neue wieder rasend, nicht darüber, daß er wirklich ein so eitler und schwacher Mensch gewesen, sondern daß er andern so vorgekommen war, und in dieser letzten Raserei, da er nun keinen Ausweg wieder zu glänzen mehr vor sich sahe, rennte er mit dem Kopf gegen die Wand, und stieß sich das Gehirn entzwei — ein erstaunliches Beispiel von einer unbegrenzten Eitelkeit, die man beinahe in ihrer Art groß nennen könnte, wenn sich Eitelkeit und groß zusammen denken ließe.

Wie sehr wünschte ich, daß mir jemand von der Erziehung und den vorhergehenden Schicksalen dieses Inspektor Drieß, bei dem ein sonst ungewöhnlicher Hang zur Eitelkeit solche entsetzliche Wirkungen hervorbringen konnte, mehrere authentische Nachrichten mittheilen möchte!

Hier sind also zwei Beispiele: Lebensüberdruß aus überspannten Phantasien von der Glückseeligkeit eines bessern Lebens und Lebensüberdruß aus Eitelkeit.

Zu der Geschichte Daniel Völkners steht eine Parallel im dritten Stück des ersten Bandes pag. 28 mit der Ueberschrift: Geschichte eines Selbstmords aus Verlangen seelig zu werden.[27]Die Herrnhuterin, von der hier die Rede ist, muß sich nicht solche Gewissensscrupel, wie Daniel Völkner, in Ansehung des Selbstmordes gemacht haben. — Sie wählte, um heimzugehen, den 17ten May; ein Tag, der ein großer Festtag bei der Brüdergemeine ist — und hatte sich mit einem Messer eine große Oefnung in die Seite des Unterleibes gemacht, wahrscheinlich um die Seitenwunde des Heilands nachzuahmen; denn kurz vorher hatte sie immer die Worte von sich hören lassen: In deine Wunden mein Heiland, Ja ? — Ja! das letztere ja war dann die Antwort des Heilandes gewesen, mit dem sie sich in den kindisch frömmelnden Ausdrücken der Herrnhuter auf die Art noch kurz vor ihrer That unterredete. — Da sie nun immer kränklich und bettlägerig war, so mußte ihr freilich dieß Leben, das sie sobald mit einem weit bessern, wovon ihre Phantasie erfüllt war, vertauschen konnte, sehr lästig werden.


Einer der merkwürdigsten Beiträge zu dem Kapitel vom Lebensüberdrusse ist der eigne Aufsatz eines Selbstmörders unmittelbar vor der That niedergeschrieben, welcher ebenfalls im dritten Stück des ersten Bandes pag. 32 steht.

Der Hofgerichtsassistenzrath Clooß, von dem sich dieser Aufsatz herschreibt, ist ein merkwürdiges Beispiel des Lebensüberdrusses nicht aus Eitelkeit, sondern aus Stolz.

[28]

Seine Geschichte kontrastirt daher auf eine sehr edle Art gegen die Geschichte des Inspektor Drieß. Eine Schwäche im Denken, die ihn unfähig machte, seinem Amte gehörig vorzustehen, und deren er sich selbst mehr als zu sehr bewußt war; die Furcht, daß diese immer zunehmende Schwäche ihn dareinst gänzlich unbrauchbar machen, und er dadurch der Welt und seiner Familie zur Last werden würde, war die Ursach daß er mit aller Kraft des Nachdenkens und der Ueberlegung, den Entschluß faßte, seinem Leben ein Ende zu machen. —

Die vortrefflichen Reflexionen des Herrn Regierungsrath Glave, über diesen Vorfall, erschöpfen den Gegenstand so vollkommen, daß ich nichts mehr hinzufügen darf. — Nicht leicht aber wird man Stolz und Eitelkeit auffallender gegeneinander kontrastirt finden, als wenn man die Beispiele dieser beiden Selbstmörder des Assistenzrath Clooß und des Inspektor Drieß zusammenhält.

Im ersten Stück des zweiten Bandes pag. 13 findet sich wieder ein neues Beispiel von einem Kindermörder aus Lebensüberdruß.

Man sieht diejenigen, welche aus Furcht vor der Sünde des Selbstmords, und vor den Verlust der Seeligkeit, der darauf steht, nicht dazu schreiten, und doch ihres Lebens loß seyn wollen, werden gemeiniglich Kindermörder. Davon finde ich hier nun schon das dritte oder vierte Beispiel.

[29]

Der Lebensüberdruß vertilgt also zwei Menschen, statt daß er sonst nur einen vertilgt haben würde. Und gemeiniglich pflegt er diese Wendung bei geringen Leuten, die nur einen sehr eingeschränkten Ideenkeim haben, zu nehmen.

Die Kindermörder in den vorhergehenden Beispielen waren gemeine Soldaten, und dieser letztre war ein Raschmachergeselle, welcher häufige Beängstigungen hatte, die er oft durchs Gebet zu vertreiben suchte. — Alle die Kindermörder, von denen noch die Rede gewesen ist, haben fleißig gebetet.

Bei diesem war bloß die Furcht, zur Arbeit zugleich untauglich zu werden, (denn wenn er seine Beängstigungen bekam, so rissen ihm immer viele Fäden) das, was ihn bewog, durch Ermordung eines Kindes seinem Leben ein Ende zu machen.

Wenn du doch nicht mehr wärst! fiel ihm plötzlich ein, allein er wollte sich nicht selbst vom Leben zum Tode bringen, sondern es mußte ihm wohl bequemer scheinen, vom Leben zum Tode gebracht zu werden. Er hatte nicht den Muth, seinen Tod selbst zu bewirken, sondern nur, ihn zu veranlassen. — Nicht sowohl die Begierde nach den Freuden des Himmels, als vielmehr die entsetzliche Furcht vor einem qualvollen Leben, schien seinen Mordentschluß zur Reife gebracht zu haben.


[30]

Noch ein Beispiel einer schwärmerischen Sehnsucht nach dem Tode, und damit verknüpften Lebensüberdrusses bei einer Frau, die durch ein vielleicht zu hartes Zureden des Predigers im Beichtstuhle, durch verschiedne biblische Sprüche, und ein schwärmerisches Lied, das sie sang, sich in dem Kopf setzte, sie habe einen Beruf zu sterben, und sie wolle und müsse sterben, wobei ihre Blicke wild und ihre Mienen bitter ernsthaft waren — ein merkwürdiger Umstand, der die nothwendige Stimmung der Seele bei allen denen, die im eigentlichen Verstande sterben wollen, auszudrücken scheint. — Bei dieser Frau kam aber freilich auch körperliche Krankheit dazu. Sie ist nachher völlig wieder hergestellt worden. — Hier ist also wiederum ein Beispiel des Lebensüberdrusses aus blosser religiöser Schwärmerei.


Im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 3 finde ich noch ein Beispiel vom Lebensüberdruß, das sich auf die äußre Lage zu gründen schien, worin sich die Person, welche die Bürde des Lebens abwarf, befand.

Es war eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, bis in ihr 23stes Jahr von einer Schwärmerin erzogen; ihr Mann kam ihr zu gleichgültig vor; sie war denen, die sie umgaben, lästig, weil sie weder Geschicklichkeit noch Aufmunterung [31]genug hatten, sich in die abwechselnden Launen einer eigensinnigen nervenkranken Person zu schicken.

Sie hätte müssen aus ihrer Verbindung eine Zeitlang herausgerissen werden, um mit vernünftigen und aufgeklärten Leuten Umgang zu haben; dann wäre ihr vielleicht zu helfen gewesen.

Man sieht auch hier, daß die überspannte schwärmerische Phantasie, welche von Kindheit auf bei ihr genährt war, und in die ihr Mann seinem Temperamente nach, gar nicht mit einstimmen konnte, die vorzüglichste Ursach zum Lebensüberdruß bei ihr gewesen ist. — Wie eckel mußte ihr eine Welt werden, wo im nächsten Cirkel, der sie umgab, ihr alles so kalt, so untheilnehmend, so unempfindlich schien.


Unter der Ueberschrift: ein neuer Werther, steht noch im zweiten Stück des dritten Bandes pag. 115 ein Beispiel des Lebensüberdrusses, welcher vermuthlich in einer lächerlichen Eitelkeit des jungen Menschen, der sich erschoß, gegründet war. —

Denn er hatte alles so eingerichtet, daß der Selbstmord recht brillant werden sollte. Er hatte sich noch vorher balbiert, einen neuen Zopf gemacht, und sich rein angezogen; dann hatte er Werthers Leiden pag. 218 aufgeschlagen auf den Tisch vor sich hingelegt.

Er wollte aber auch die That nicht ohne Zeugen verrichten, sondern da man des Morgens seine [32]Thüre eröfnete, stand er mit fliegendem Haar, in einer völlig tragischen Stellung da, hielt sich die Pistole, grade so wie das Muster, das er nachahmete, über das rechte Auge, drückte loß, und stürzte nieder.

Der junge Mensch schien nun einmal glänzen und eine Art von großer Rolle spielen zu wollen, sollte es auch mit Verlust seines Lebens seyn.

Dieß Beispiel verdient gewissermaßen neben das von dem Inspektor Drieß gestellt zu werden.


Also Lebensüberdruß aus Eitelkeit, aus Stolz; aus überspannter Begierde nach der Glückseeligkeit eines künftigen Lebens; aus religiöser Schwärmerei; aus Unzufriedenheit mit der wirklichen Welt, im Kontrast gegen die idealische Welt, die man sich selbst gebildet hat— dieß sind die verschiednen Arten des Lebensüberdrusses, worauf durch die angeführten Beispiele die Aufmerksamkeit gelenkt wird. —

Diese Krankheit der Seele, die im höchsten Grade unnatürlich und gewaltsam ist, scheint mit sehr schnellen Schritten vorwärts zu gehen, und alsdann gemeinlich zu einem fürchterlichen Ausbruche zu kommen. — Es ist also wohl der Mühe werth, darauf zu denken, wie man ihr gleich im Anfange, sobald man die erste Spur davon entdeckt, vorbeugen, ihre Fortschritte hemmen, [33]und die entflohne Lebenslust allmälig wieder erwecken können! — Heilungsmethoden dieser Krankheit werden also immer ein vorzüglicher Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde seyn.

Da ich mich nun bei der Revision dieses Magazins eine Weile bloß mit den Krankheiten der Seele beschäftigt, so erregt dieß natürlicher Weise meine Aufmerksamkeit in sehr hohem Grade auf die eingelaufnen Beiträge

Zur Seelenheilkunde.

Allein es scheinet, als habe man diesen wichtigsten Theil der Erfahrungsseelenkunde gerade noch am allerwenigsten in Erwägung gezogen. —

Ich will daher auf einige Gesichtspunkte aufmerksam zu machen suchen, welche bei dieser Kunst, die noch mit so unsicherem Schritten geht, vielleicht einigermaßen zum Leitfaden dienen können.

So wie bei der Heilung der körperlichen Krankheiten die vorzüglichste Regel ist, daß man die Natur beobachte, ihren Absichten nicht entgegenwirke, sondern ihre Thätigkeit zu lenken suche — so scheint dieß ebenfalls bei der Heilung der Seelenkrankheiten eine der ersten Regeln zu seyn.

Das Verhältniß aller der von Kindheit auf gesammleten Ideen gegeneinander macht die individuelle Natur der menschlichen Seele aus.

[34]

Was dem Körper die Nahrungssäfte sind, das ist der Seele der immerwährende Zufluß neuer Ideen, wovon einige sich nach innern gewissen Reitze oder disponierenden Ursachen fest setzen, andre wieder verfliegen.

Der Mensch scheint vor den Thieren die Kraft zu haben, den Zufluß seiner Ideen selbst bestimmen, ihn auf gewisse Weise an- und ableiten, die Schleusen zuziehen und nach Gefallen wieder öfnen zu können. —

Diese Kraft wird aber zuweilen durch den Andrang der zuströmenden Ideen gehemmt, wenn in den Ideen, die schon in der Seele sind, das gehörige Gleichgewicht aufgehoben wird, und diese alsdenn auch ihre widerstehende Kraft verlieren.

Das Wesen der Seele besteht in der Thätigkeit, so wie das Wesen des Körpers in der Ausdehnung.

Was Hunger und Durst bei dem Körper sind, das ist der Thätigkeitstrieb bei der Seele.

Durch diesen wird sie zur immerwährenden Veränderung und Vermehrung ihrer Vorstellungen angetrieben.

Diesen Thätigkeitstrieb also gehörig zu lenken, oder wenn er erschlafft ist, ihn wieder herzustellen, ist ein Hauptgegenstand der Seelenheilkunde.

[35]

Wenn nun dieser Thätigkeitstrieb eine unrechte Richtung genommen hat, so entstehet dadurch eine Unordnung, oder Disharmonie in den von Kindheit auf gesammleten Vorstellungen; ein mißbilligendes Gefühl; wovon etwas ähnliches bei dem Körper statt findet, sobald der Nahrungstrieb sich gleichsam vergangen hat.

Von einer Krisis bei der Heilung der Seelenkrankheiten, wo die beßre Natur wieder die Oberhand gewinnt, hat man bisher noch wenig oder nichts bemerkt. — Aber daß bei den Seelenkrankheiten eben eine solche Krisis statt findet, ist gewiß, und der eigentliche Seelenarzt wird sie sicher bemerken.

Die frömmelnde Phantasie ist auf etwas von der Art gefallen, das im philosophischen Sinn genommen, gewiß eben nicht so unvernünftig ist. — Es muß nehmlich bei den Bekehrungen der so genannten Frommen immer ein gewisser Durchbruch statt finden, welcher mit der Krisis, die nothwendig bei den Seelenkrankheiten statt finden muß, viel Aehnliches hat.

Ueberhaupt hat sich jene frömmelnde Phantasie, ohngeachtet der unrechten Richtung, die sie genommen, doch noch weit mehr mit dem innern Seelenzustande beschäftiget, als die gewöhnliche Moral und Pädagogik.

[36]

Man hat doch dort den innern Seelenzustand eines Menschen seiner Aufmerksamkeit noch würdig gefunden, und ordentlich gewisse Epochen angenommen, nach welchen die allmälige Heilung des Seelenkranken erfolgen mußte. —

Man scheint dabei nach einem dunkeln Gefühl dem ganzen Proceß bei der Heilung körperlicher Krankheiten gefolgt zu seyn. —

Der Krankheitsstoff mußte durch die Traurigkeit der Seele über ihr Sündenelend gleichsam zubereitet, und alsdann durch die heftigsten Angriffe der Reue und Buße, durch die größte Seelenzerknirschung ausgestoßen werden, worauf dann erst der Durchbruch oder die wohlthätige Krisis erfolgte, die nun der Krankheit ein plötzliches Ende machte.

O, es giebt gewiß sehr viele, die diese wohlthätige Krisis empfunden haben, indem sie von Lastern und Ausschweifungen auf den Weg der Tugend wieder zurückkehrten. —

Möchten diese doch, wenn auch ohne Nennung ihrer Nahmen, zum Besten der Menschheit, die geheime Geschichte ihrer Verirrungen und ihrer Wiederkehr zum Guten in diesem Magazine zur Erfahrungsseelenkunde mittheilen; und sagen, wie es zuging, daß entweder ihre eigne beßre Natur sich wieder emporarbeitete, oder was für einen Weg irgend ein Freund, der ihr Helfer [37]und ihr Seelenarzt wurde, zur Heilung ihrer Krankheit mit ihnen einschlug!


Im dritten Stück des ersten Bandes pag. 102 steht ein Beitrag zur Seelenheilkunde, von einem ehemaligen Hypochondristen, welcher zum Beweise dienet, wie sehr wir über die durch Bücher und Umgang zuströmenden Ideen wachen müssen, wenn man die Seele, in der das Gleichgewicht der Ideen gegeneinander schon einmal gelitten hat, in einem gesunden Zustande erhalten will. — Dieser Beitrag ist ein wahres Seelenrezept für Hypochondristen, dessen sich schon Personen, die ich kenne, mit Nutzen bedient haben. —


Im zweiten Stück des zweiten Bandes pag. 129 steht ein merkwürdiges Beispiel, wie Zuchthäuser zu wirklichen Besserungshäusern gebraucht werden können, von einem Schuster, der dadurch, daß er beständig geschäftig und in Arbeit erhalten wurde, von den Lastern, die er vorher an sich hatte, gänzlich geheilt ward, und nachher noch ein wohlhabender Mann ward, der bei jeder guten Mahlzeit, die er that, auf die Gesundheit seines würdigen Zuchtmeisters im Raspelhause trank. — Solche Beispiele sollte man doch mehrere sammlen, um dadurch aufmerksamer auf diesen wichtigen Gegenstand zu werden. — In jenem Zuchthause war dafür gesorgt, daß bei den Strafbaren die Hoff- [38] nung nie erlöschen konnte, und daß Fleiß und Ordnung und gesittetes Betragen bemerkt wurden.


Im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 70 steht ein ähnliches Beispiel: Ein von dem verstorbenen Hofrath Akermann in Hannover gestiftetes Armenhaus hatte nehmlich durch seine Einrichtung einen so glücklichen Einfluß auf die Verbesserung der Gemüther, daß ein Bettelknabe, der in dasselbe aufgenommen war, und dessen Denkungsart durch eine lange Gewohnheit zu betteln schon einen sehr hohen Grad von Niederträchtigkeit angenommen hatte, nach einiger Zeit, da er anfing, mit seinem Zustande zufrieden zu werden, die edelsten Gesinnungen der Großmuth und Dankbarkeit äußerte.


Noch einige Aufsätze die Seelenheilkunde betreffend, stehen im ersten Stück des dritten Bandes von pag. 115 an. Der erste ist ein Brief von einem unstudierten Manne, der ohngeachtet des Schwärmerischen und Sonderbaren im Ausdruck mit vieler Naivität geschrieben ist; übrigens aber nicht sowohl ein Beitrag, als vielmehr nur einige Bemerkungen, die Seelenheilkunde betreffend, enthält. — Er räth nehmlich unter andern, daß der Seelenarzt eine Art Metastasis bei den Seelenkrankheiten solle zu bewirken suchen. — Der Seelenarzt muß bei den Kranken, wo die Gedanken [39]immer viel zu sehr auf einen Gegenstand hingeheftet sind, die Ideen zu vervielfältigen suchen — der Seelenarzt darf auch nicht einmal den Schein eines Arztes von sich blicken lassen, u.s.w.

Ein anderer Beitrag zur Seelenheilkunde, welcher unmittelbar auf diesen folgt, ist die Heilung eines jungen Menschen von einen unglücklichen Hang zum Theater. — Bei diesem jungen Menschen ging wirklich am Ende der Kur eine Art von Krisis vor. — Allein er hat nachher wieder Recidive a bekommen. —


Im zweiten Stück des dritten Bandes pag. 15 steht unter der Rubrik zur Seelenkrankheitskunde ein Aufsatz mit der Ueberschrift: Genesungsgeschichte eines Jünglings von einem dreimonathlichen Wahnwitz, welcher auch gewissermaßen mit zur Seelenheilkunde gezogen werden kann; wenigstens grenzen körperliche und Seelenheilkunde hier so nahe aneinander, daß die Grenzlinie zwischen denselben kaum zu bemerken ist. —


Der kleine Aufsatz zur Seelenheilkunde, welcher noch im dritten Stück des dritten Bandes pag. 27 stehet, enthält einige vortreffliche Bemerkungen. Dieser Aufsatz schreibt sich von der Madam Reiske her, welche die Sache gerade in dem rechten Gesichtspunkte genommen, und bei der Beschrei-[40]bung einiger Seelenkrankheiten zugleich sehr merkwürdige Winke zu ihrer Heilung mitgetheilt hat.

Bei einer Person, die sehr lebhaft träumte, und bei der sich die Traumideen vermuthlich mit den Wahrheitsideen vermischt hatten, so daß sie dieselben nicht mehr voneinander unterscheiden konnte, entstand dadurch zuletzt eine Art von Wahnwitz. —

Sie bildete sich nehmlich ein, mit ihrem Mann die Ehe gebrochen zu haben, und gerieth darüber in eine Art von Raserei. —

Die Madam R.. ließ sie endlich bei ihrer Meinung, die ihr niemand auszureden vermochte, und erinnerte sie an die religiösen Begriffe von Vergebung der Sünde und Heiland — allein die Verzweiflung über die eingebildete Sünde blieb noch immer da, bis die Madam R.. ihr sagte: Wenn wir keine Sünde gethan hätten, brauchten wir ja auch keinen Heiland. — So unrichtig und schädlich diese Vorstellungsart nun in anderer Rücksicht seyn mag, so that sie doch hier eine vortreffliche Wirkung, um die Seelenkranke von der Verzweiflung zu retten. — Diese Worte schlugen wie ein wohlgewähltes Arzneimittel bei ihr an, und von der Zeit fing sie an, ruhiger zu werden, arbeitete fleißig, und wurde völlig wieder hergestellt.

Die Madam R.. zieht hier das vortreffliche Resultat:

[41]

Daß man schwermüthigen Leuten nicht widersprechen, sondern nur ihre Aufmerksamkeit, gleichsam als von ohngefähr, auf etwas ihnen neues zu richten suchen müsse.

Möchte doch die Anwendung dieser Regel bei schwermüthigen Personen häufiger beobachtet werden! — dieß ist doch nun eine wirklich erprobte Erfahrung, und die Madam R.. liefert noch ein Beispiel von der Art, das nicht minder merkwürdig ist: es gelang ihr nehmlich bei einem jungen Frauenzimmer, die täglich des Nachmittags Anfälle von Wahnwitz hatte, diese Anfälle, so oft sie den Versuch machte, durch Erweckung ganz neuer Ideen, aufzuhalten, da man ihr sonst nur immer Sprüche aus der Bibel und Liederverse vorgesagt hatte, die sie selbst schon auswendig wußte, und wodurch sie gar nicht aus dem Kreise ihres gewöhnlichen Denkens herausgerissen wurde.

Die Madam R.. suchte ihr Begriffe vom Bauen unter dem Wasser, vom Weltgebäude, von Geographie, kurz von lauter ihr bisher ganz unbekannten Dingen beizubringen, und dieß fesselte die Aufmerksamkeit der Kranken so sehr, daß sie jedesmal glücklich über die Stunden des Wahnwitzes hinwegkam.

Noch ein merkwürdiges Beispiel, wie nahe die körperliche und Seelenheilkunde aneinander gränzen, ist auch die psychologische Beschreibung seiner eignen Krankheit vom Herrn D. [42] Markus Herz, welche im zweiten Stück des ersten Bandes pag. 44. steht.


Zur Seelenzeichenkunde.

Sind nicht so viele Beiträge, wie ich gewünscht hätte, eingelaufen; und doch ist dieß einer der wichtigsten Theile der Erfahrungsseelenkunde.

Die Nebeneinanderstellungen jugendlicher Charaktere vom Herrn Seidel und Herrn Müller sind noch das einzige, was hierüber geliefert ist.

Im zweiten Stück des ersten Bandes pag. 110 sind drei jugendliche Charaktere nebeneinander aufgestellt, welche ziemlich genau detaillirt sind.

Allein diese Nebeneinanderstellungen werden freilich dann erst vorzüglich nützlich werden, wenn das Tagebuch über die fernere Entwickelung dieser Charaktere fortgesetzt, und sie dann bis in ihre Jünglings- und männlichen Jahre verfolgt werden könnte.

Es giebt doch viele Schullehrer, die Konduitenlisten von ihren Untergebnen halten. — Wenn nun ein solcher Mann lange im Amte ist, so müßte er vortreffliche Bemerkungen über die Entwickelung der Charaktere machen können, indem er zwischen dem Betragen irgend eines Menschen, als Knabe und Jüngling auf Schulen, und als Mann in Ge-[43]schäften, als Ehemann und Hausvater Vergleichungen anstellte.

Der Rektor der Schule, wo der berühmte Thomson seinen jugendlichen Unterricht genoß, hatte immer schon gesagt, in dem jungen Menschen steckt etwas! und freuete sich nachher sehr, daß seine Prophezeiung eintraf. — Er hätte vielleicht aus dem Schulleben dieses Mannes wichtige Beiträge zu der Geschichte der Entwickelung seines Charakters, und seines Geistes liefern können.

Die Nebeneinanderstellung der Charaktere zweier Brüder, die im dritten Stück des ersten Bandes pag. 108 steht, wird gewiß einen jeden Leser auf die Geschichte der fernern Entwickelung dieser Charaktere aufmerksam machen, um deren Mittheilung ich den Herrn Verfasser ersuche.

Im zweiten Stück des zweiten Bandes pag. 124 sind wiederum zwei jugendliche Charaktere vom Herrn Seidel nebeneinander aufgestellt, wovon der letztre besonders sehr viel originelles hat. Diese beiden Charaktere von der Schilderung des Herrn Seidel mit den drei vorhergehenden zusammengenommen, will ich nach der Ordnung, wie sie folgen, A. B. C. D. E. nennen, damit man dasjenige, was Herr S.. künftig über die fernere Entwickelung dieser Charaktere mittheilen wird, gehörig wieder ordnen kann.

Der Aufsatz im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 105 betrift einen schon verstorbenen [44]Knaben, von vorzüglichen Anlagen, und leidet also keine Zusätze mehr.

Im ersten Stück des dritten Bandes pag. 107 sind nun schon einige merkwürdige Beiträge zur Geschichte der fernern Entwickelung, der einmal geschilderten Charaktere. — Ueber A. ist einiges gesagt, das mit dem Vorhergehenden zusammengenommen, nun schon einen nähern Aufschluß über den Charakter desselben giebt — so sind auch über D. verschiedne nicht unwichtige Bemerkungen über die Fortschritte seines Geistes mitgetheilt.

Ich hoffe, daß Herr S.. nun auch die übrigen von ihm geschilderten Charaktere auf die Weise nachhohlen wird.

Zuletzt schildert hier Herr S.. noch einen in seiner Art sehr merkwürdigen Knaben, dem er prophezeiet, daß er, wenn es noch Hofnarren oder Harlekine auf der Bühne gebe, er durch einen solchen Posten sein Glück machen könne; da dieß aber nicht der Fall wäre, sich damit begnügen müsse, in einem kleinern Zirkel für andre ein Lustigmacher zu seyn. Die Schilderung von diesem Knaben ist sehr treffend, und der Erfolg davon wird für jeden Beobachter der menschlichen Seelen, und besonders für den Erzieher merkwürdig seyn — wir wollen diesen Knaben E. nennen.

Auch Herr Spazier hat im zweiten Stück des dritten Bandes pag. 93 einen jugendlichen Charakter geschildert, der sich vorzüglich durch eine [45]Art von guthmütigem Phlegma auszeichnet, und bei dem dennoch ein musikalischer Satz, so oft er gespielt wurde, einen so wiedrigen Effekt that, daß er mit Thränen bat, doch diesen Satz nicht zu spielen.


Zur Seelennaturkunde.

Sind eine starke Anzahl Beiträge geliefert, die ich jetzt so nebeneinanderzustellen versuchen will, daß Resultate daraus können gezogen werden.

Um die Natur und das Wesen unserer innern vorstellenden Kraft zu erforschen, ist wohl die Aufmerksamkeit auf dasjenige, wodurch sich diese vorstellende Kraft vorzüglich äußert, oder die Aufmerksamkeit auf die

Sprache in psychologischer Rücksicht

eines der ersten Mittel. — Die Sprache mit ihrem ganzen Bau ist ein getreuer Abdruck unsrer vorstellenden Kraft, so wie diese wieder ein Abdruck der sie umgebenden Welt ist. —

Diese Betrachtung der Sprache in psychologischer Rücksicht habe ich vorzüglich zum Gegenstande meiner eignen Bearbeitungen gemacht, und daher fast in jedem Stück dieses Magazins einen Beitrag von der Art geliefert. — Auch Herr Pockels hat über diese Materie gedacht, und seine Gedanken darüber mitgetheilt — und in diesem Stück erfolgt [46]vom Herrn Rektor Bauer in Hirschberg ein wichtiger Aufsatz über Sprache in psychologischer Rücksicht.

Im ersten Stück des ersten Bandes pag. 92 habe ich vorzüglich die unpersönlichen Verba in der Rücksicht betrachtet, wie sie gleichsam die Grenzlinien ziehen, zwischen dem, was wir uns als abhängig, und dem, was wir uns als unabhängig von unsrer thätigen Kraft denken.

Und es kömmt doch sehr viel darauf an, diese Grenzlinien gehörig zu ziehen — sobald wir ich denke in mich dünkt verwandeln, so lassen wir das Denken gleichsam über uns herrschen, wir lassen es nach seinem eignen Gange, den es nimmt, in uns vorgehen, ohne etwas zu seiner Richtung auf einen Gegenstand beizutragen.

Die Seele entäußert sich eine Weile ihrer Ideenlenkenden Kraft, sie läßt die neue Vorstellungen, ohne oder doch nur mit einer schwachen Gegenwirkung in sich überströmen, indem sie sagt, mich wundert, mich freuet, mich gereuet, u.s.w.

Daher werden nun auch fast alle Leidenschaften durch die unpersönlichen Verba bezeichnet.

Man getraut sich kaum sein Ich oder seine thätige vorstellende Kraft darbei zu nennen, so wenig fühlt man sie. — Das, was man dunkel fühlt, hüllt man in das unbestimmte unpersönliche es ein.

[47]

Im zweiten Stück des ersten Bandes pag. 101 steht ein Aufsatz über die Präpositionen, welche ebenfalls vielen Stof zum Nachdenken über die Seele geben, ob es gleich beim ersten Anblick nicht so scheint. Denn da sie alle von körperlichen Verhältnissen hergenommen sind, so sollte man glauben, daß sie in Ansehung der Seele nur wenig bezeichnen könnten.

Allein da die Aufmerksamkeit der Menschen ehr auf das Körperliche als auf das Unkörperliche fiel, so wurde jenes auch natürlicher Weise zuerst benannt, und nachher bediente man sich derselben Benennungen im figürlichen oder metaphorischen Sinne, um auch das Unkörperliche zu bezeichnen.

Wir müssen daher, so oft wir uns über etwas Unkörperliches ausdrücken wollen, beständig in Metaphern reden. Denn selbst das Wort denken ist wahrscheinlicher zuerst eine Benennung von etwas Körperlichen gewesen, ob wir gleich itzt uns nichts körperliches mehr dabei denken. — Das lateinische Cogitare scheint aus dem Begriff des gewaltsamen Zusammenzwängens entstanden zu seyn, wovon man etwas ähnliches beim angestrengten Denken im Gehirn empfindet.

Vorstellung ist ein völliger metaphorischer Ausdruck: wir stellen die Sache gleichsam vor uns hin, um sie mit Muße betrachten zu können. Der Lateiner sagt mit einer philosophischem Benen-[48]nung repraesentatio, Wiedervergegenwärtigung. — Der Nahme detaillirt die Sache mehr, und drückt sie doch allgemeiner und nicht so sehr sinnlich aus, wie unser Vorstellung. Das ursprünglich griechische idea hingegen, ist eine noch weit simplere Metapher als Vorstellung; man begnügt sich mit der bloßen Vergleichung von Sehen, um sich einen Begriff von einem Begriffe zu machen.

Begriff ist eine sehr ausdruckvolle Metapher, ob das Bild gleich sehr körperlich ist. — Ich werde Meister von einer Sache, besitze sie, wenn ich sie umfasse, und dadurch mir zu eigen mache — so werde ich Herr einer Idee, wenn ich sie gleichsam mit allen meinen übrigen Ideen umfasse, deren ich mich zu gleicher Zeit auch bewußt bin.

Darum sagt Begriff auch mehr wie Vorstellung — durch den Begriff ist die Vorstellung in mir befestiget, an alle meine übrigen Vorstellungen, die ich schon hatte, gleichsam angeknüpft, und mit ihnen eins geworden.

Allein die Anwendung dieser Metaphern macht nun oft große Schwürigkeit, und verleitet auch oft zu Irrthümern, indem man das Körperliche, was man sich sonst dabei gedacht hat, nicht gehörig davon absondert — wenn man z.B. sagt, alles was da ist, ist in Gott, und sich nun denkt, daß Gott dieß alles umgiebt, indem er die Oberfläche [49]aller körperlichen Dinge durch seine Umgebung berührt.

So reden wir von etwas, das in der Seele vorgeht, und sind daher oft in Versuchung uns die Seele wie irgend eine umgebende Masse zu denken, worin das, was darin vorgeht, gleichsam Platz oder Raum hat. — Die mißverstandnen und unrecht angewandten Metaphern in der Sprache haben vielleicht am meisten zum Materialismus verleitet. —

Im dritten Stück des ersten Bandes pag. 122 habe ich über die kleinen Wörter da, jetzt, nicht, ist, u.s.w. einige Betrachtungen angestellt. — In diesen kleinsten Wörtern der Sprache ruhen die erhabensten Begriffe — sie sind es, welche das eigentliche Triebwerk unsres Denkens am meisten bezeichnen. —

Selbst der reine Begriff des Seyns läßt sich nicht gut von dem Begriff des Ortes trennen, welcher durch da bezeichnet wird; wir sagen weit öfter das Daseyn als das Seyn.

Allein auch diese Verbindung der Ideen verleitet uns zuweilen zu Irrthümern — weil wir z. B. sagen: das Daseyn Gottes, so heften wir die Vorstellung von ihm an die Vorstellung des Orts — wenn er ist, so muß er auch da, so muß er irgendwo seyn; als ob sich der reine Begriff des Seyns eines unkörperlichen Wesens nicht abgesondert vom Begriff des Ortes denken ließe.

[50]

Die kleinen Wörter aber, auch, wie, obgleich, denn, weil u.s.w., welche eigentlich an und für sich keinen Gegenstand in der Welt außer uns, sondern bloß die Art des Zusammenhanges unsrer Vorstellungen bezeichnen, sind gewiß äußerst merkwürdig, und geben einen reichen Stoff zum Nachdenken, ob sie gleich auch größtentheils auf die Weise nur im figürlichen Stande gebraucht werden. — Denn z.B. ist eigentlich von der Zeit hergenommen, so wie auch wenn, und weil, und da. Der Vergleichungspunkt liegt nehmlich darin, daß ich mir füglich zwei Ideen zu gleicher Zeit denken kann, ohne, daß sie sich einander aufheben. — In dieser Probe, die ich auf die Art bei der Zusammenstehung von zwei Ideenreihen anstelle, liegt eben die Stärke des Beweises — eben so wie in weil; daß ich die folgende Reihe von Ideen unbeschadet der gegenwärtigen zu gleicher Zeit denken kann, bürgt mir für ihre Wahrheit. — Ich werde hiervon in der Folge Veranlassung nehmen, diese kleinen Wörter ausführlich nacheinander durchzugehen, um dadurch einen Beitrag zu einer vollständigen Theorie des menschlichen Denkens zu liefern.


Im ersten Stück des zweiten Bandes pag. 118 habe ich einen Versuch gemacht aus den einzelnen Buchstaben, vermittelst deren sich unsre deutsche [51]Konjugation formirt, unsre verschiednen Vorstellungsarten von der Wirklichkeit herzuleiten —

st, d und t bezeichnen als bestimmende Laute in der deutschen Sprache vorzüglich die Wirklichkeitw die Art der Wirklichkeit oder die Beschaffenheit, und n hebt die angenommene Wirklichkeit wieder auf.

Ich glaube dieß hinlänglich mit Beispielen belegt zu haben.

Merkwürdig aber ist es, daß wir das nur unter gewissen Bedingungen Wirkliche, fast auf eben die Art wie das vergangne Wirkliche bezeichnen, indem wir bloß den Vokal gleichsam zu einem halben schwankenden Tone herabstimmen, und a z.B. in ä, o in ö, und u in ü verwandeln, als ich sang, ich sänge, ich trug, ich trüge, u.s.w.

Wie sehr mahlt hier der veränderte Laut des Vokals das Schwankende, die Ungewißheit, womit wir uns das nur unter Bedingungen Wirkliche vorstellen!

Eben so merkwürdig ist die Bezeichnung der gänzlichen mit Vollendung verknüpften Vergangenheit durch haben, welches hier ebenfalls nur figürlich gebraucht werden kann, weil es sonst immer einen Besitz anzeigt — und hier oft grade das Gegentheil des Besitzes anzuzeigen scheint, als: er hat gelebt, welches doch so viel heißt, als er hat sein Leben nicht mehr — allein die [52]Vorstellungsart läßt sich wohl am besten durch das beständige Streben nach etwas Zukünftigen erklären, wovon wir die Ideen zu haben wünschen — er hat gelebt heißt so viel: als er hat nun sein Leben vollständig dahin, er darf nun nichts erwarten. — Die Vollständigkeit aber oder das Vollendete wird durch die Silbe ge bezeichnet, wie ich hinlänglich erwiesen zu haben glaube.


Im zweiten Stück des zweiten Bandes pag. 111 steht die Fortsetzung dieser Untersuchung über die Mittelbegriffe vom Seyn und Haben, wodurch wir uns die Vergangenheit, und über den Mittelbegriff des Werdens, wodurch wir uns die Zukunft denken.

Alsdenn folgt ein Aufsatz über die Pronomina in psychologischer Rücksicht, zu welchen ich hier noch einige Bemerkungen hinzufügen will.

Es ist nehmlich sehr merkwürdig, daß man sein ich nur außer sich denkt, sobald ein anders handelndes Wesen von außen her auf uns wirkt, und uns gleichsam unser Daseyn außer uns fühlbar macht;

mich, dich, sich, sind nehmlich offenbar Zusammenziehungen aus mein ich, dein ich, sein ich — Nun fühle ich einen Widerstand zu sagen: mein Ich oder mich sieht dich, sondern ich sage: ich sehe dich — Indem mein Gedanke von mir selber ausgeht, kann ich mich unmöglich als Objekt [53]denken, eben so wenig, wie sich mein Auge, indem die Lichtstrahlen bloß von ihm ausgehen, ohne wieder zurückgeworfen zu werden, selber sehen kann. Allein sobald eine Idee von einem andern Wesen aus- und auf mich übergeht, und ich z.B. sage: du siehst mich, finde ich nicht den mindesten Widerstand, mir mein Ich als Objekt oder außer mir zu denken. Die reflektirte Denkkraft macht, daß ich mich selbst nun außer mir erblicke, so wie man vermittelst der zurückgeworfnen Lichtstrahlen sein Antlitz im Spiegel sieht. —

Wenn das eine Person oder ein vernünftig handelndes Wesen bezeichnende m, d und s statt des ich nun bloß mit ein zusammengesetzt wird, so daß mein, dein, sein daraus entsteht, so gewährt es uns einen außerordentlichen Vortheil im Denken, indem wir alles, was einer Sache zukömmt, oder eins mit ihr ausmacht, nach der Reihe durchgehen können, ohne doch der Hauptsache darüber zu vergessen, die beständig durch das m, oder d, oder s, gleichsam an das, was wir uns mit ihr vereint vorstellen, herangeklammert wird — Kurz, dieß sind fast die einzigen Wörter in der Sprache, wodurch wir zwei Vorstellungen zu gleicher Zeit zusammenfassen.


Im dritten Stück des zweiten Bandes pag. 93 steht ein Aufsatz von Herrn Pokels über dem [54] Anfang der Wortsprache in psychologischer Rücksicht.

Herr P... macht hier unter andern die sehr richtige Bemerkung, daß wir zur Bezeichnung solcher Prädikate sinnlicher Gegenstände, die den Geschmack, Geruch, und zum Theil auch das Gefühl des Menschen reitzen, uns noch am meisten der Gesichts- und Zeichensprache bedienen, und daß man sich wahrscheinlich am längsten der bloßen Zeichensprache bedient habe, ehe man eigne Wörter für diese Art von dunklen Begriffen erfand.

Herr P.. gründet mit hierauf die Hypothese, daß Jahrhunderte verflossen seyn können, ehe die Menschen die bloße Pantomimensprache mit der Wortsprache umtauschten.

Herr P.. glaubt, daß es leichter auszumachen sey, wie die Menschen auf die abstrakten Begriffe, als wie sie auf die Ausdrücke derselben gekommen sind. Eins ist wohl so schwer wie das andre — denn ohne fixierte Zeichen läßt sich gewiß eben so wenig abstrakt denken, als sich ohne Zahlen oder Zeichen algebraische Aufgaben würden auflösen lassen.

Dieser Aufsatz wird im ersten Stück des dritten Bandes pag. 75 fortgesetzt. Und Herr P.. beschäftigt sich darin vorzüglich mit der Entwickelung der Sprache bei Kindern.

[55]

Herr P.. bemerkt hier den wohltäthigen Einfluß der Menschenstimme auf das Ohr und Gemüth des Kindes, im Kontrast gegen das Unangenehme und wiedrige der Thierstimme, wovor Kinder gemeiniglich zu erschrecken pflegen, weil sie mit der Anlage derselben heterogen ist, u.s.w.

Das Kind weiß gemeiniglich schon eine große Anzahl Substantiva auszudrücken, ehe es Verba auszusprechen pflegt.

Von den Verbis drückt das Kind immer erst den Infinitif, nach und nach auch das Vergangne, am spätesten aber das Zukünftige aus — weil wir besonders den Begriff von der künftigen Zeit, allein durch Hülfe der Ursach und Wirkung vergleichenden Vernunft besitzen, und derselbe also mehr als thierischer Instinkt ist.

Die Kindersprache besteht anfangs nur aus einsilbigten Wörtern.

In keiner Epoche unsers Lebens sammlen wir wieder so viel neue Ideen, als in den ersten sechs oder acht Jahren unsers Lebens, wo wir eine Sprache mit etlichen tausend verschiednen Wörtern, und deren Verbindungen, Versetzungen, und Wendungen lernen.

In einem gesunden Zustande der Seele ist uns ein dunkler Begriff immer etwas unangenehmes — daher bei Kindern schon die starke Begierde sich deutlicher Vorstellungen zu verschaffen. —

[56]

Es ist sehr zu wünschen, daß Herr P.. diese Beobachtungen über die Kindersprache, seinem Versprechen gemäß, fortsetzen möge.


Endlich steht im dritten Stück des dritten Bandes pag. 110 noch ein Aufsatz, die einzelnen herrschenden Laute in der Sprache betreffend. — Ein Gegenstand, der ein sehr angenehmes Feld des Nachdenkens darbietet, und bei dessen Bearbeitung vorzüglich der Reichthum an bedeutenden Wurzelwörtern in der deutschen Sprache zu statten kommt. Ich lasse nun an diese Revision der Aufsätze über Sprache in psychologischer Rücksicht, sich sogleich den Aufsatz des Herrn Rektor Bauer anschließen, und werde in den nächsten Stück mit der angefangnen Revision fortfahren, zugleich aber auch einige merkwürdige mir zugesandte Beiträge liefern.

Erläuterungen:

a: Recidiv: Rückfall. Wiederauftreten einer Krankheit (Adelung 1811, Bd. 3, Sp. 1009f.).


Sprache in psychologischer Rücksicht.

Bauer, Carl Ludwig

Das Ontologische der Sprache und der Sprachen, das Abstrahiren allgemeiner Begriffe von dem Sprachgebrauche, eine Grammatica Philosophica, (dergleichen wohl niemand weniger geliefert hat, als der erste Erfinder dieser Benennung zu seinem Werke, Caspar Scioppius, welche Benennung mit besserm Rechte des Fr. Sanc- [57] tii Minervae zukömmt,) eine Grammaire raisonnée ist von jeher mein Lieblingsaugenmerk, und des Sal. Glassii Philologia S. in dieser Absicht mein liebstes Buch gewesen und geblieben.

Ja, es ist nichts, was den Sprachunterricht, was die Behandlung der Schriftsteller, der Deutschen wie der Griechen und Römer, der Neuern, wie der Alten so interessant, für den Lehrer und Schüler, und alle so gerühmte Aenderungen der Lehrmethode entbehrlich machen könnte, als dies Philosophiren über Sprachgebrauch und Schriften, welches ja eben die wahre Ernestische Lehrart ist, deren Kenner und Liebhaber alle Aenderungsvorschläge ruhig bei Seite legt und verachtet, weil man hier denken lernt und lehrt.

Erlauben Sie mir eine Bemerkung dieser Art in Ihr Magazin als einen kleinen Beitrag zu liefern. Sie betrift die Worte, welche an sich mittlerer Bedeutung und gleichsam neutral sind, und, da sie an sich weder das Gute noch das Schlimme bedeuten, erst durch Zusätze der Adiectiven oder Beschaffenheitswörter diese Einschränkung und Bestimmung erhalten; daher sie auch vocabula μέσα, media, heissen. Dergleichen sind die Worte, Leben, Gestalt, Glück, Nahme, Gewitter, Kraut, fortuna, valetudo, forma, fama, u. a. m. Was thun wir mit diesen Worten? Wir setzen Adjectiva darzu, z.B. gutes widriges Glück, fortuna secunda, adversa, [58]guter, böser Nahme oder Ruf, valetudo prospera, adversa, schöne, häsliche Gestalt; dies ist der Gebrauch, welcher der indifferenten Natur dieser Worte gemäs ist. Aber was thun wir hernach? Wir brauchen diese Wörter allein, ohne Zusatz eines Adiectivs, mit einer wahren Emphase, das ist, mit einem Nebenbegriffe, der nicht im Worte liegt, sondern aus dem Zusammenhange der Rede bestimmt und erkannt wird. So braucht der Ebräer das Wort Leben fast immer so, daß man den Nebenbegriff des glücklichen Lebens darzu denken mus; daher das ewige Leben. So heißt es im 20sten Psalme: er bat dich um Leben, d.i. um Glückseligkeit; im 37sten Psalme: bei dir ist (du bist) die Quelle des Lebens, d.i. du bist der Urheber und Geber alles Guten. Daher kömmt es erst, daß Tod in der Schrift so viel heißt, als Elend, weil der Gegensatz, Leben, den Nebenbegriff des Glücks hat. Das Wort Gestalt, lat. forma species, hat meist die Nebenidee der schönen, guten Gestalt; daher formosus, speciosus, schön, wohlgestalt; und informis, wie das Deutsche ungestalt, (in alten Büchern findet man auch ungeschaffen) lat. informis, deformis, ja auch Griechisch, ἄμορφος, allemahl so viel heißt, als übel gestalt; denn eine Gestalt an sich, hat auch der Ungestaltete häßliche. Inconditus, ungebildet, ist nie ohne den, hier verneinten, Nebenbegriff des wohl gemachten, und heißt, übel [59]eingericht: so, entstellen, verunstalten, eine üble Gestalt geben. Valetudo, heißt überhaupt, Befinden des Leibes; aber oft heißt es nicht nur Gesundheit, z.B. valetudinem tuam cura: si vales, bene est; valeo; sondern auch Krankheit, harte Krankheit, z.B. in gravem valetudinem incidit; gravi valetudine implicitus; So tempestas, Wetter, Gewitter, Ungewitter. Tempestas heißt indifferent, Wetter; aber, wenn man im Lateinischen sagt: magna tempestas, so heißt es Sturm, Donnerwetter, Wind, u.s.f. und der Deutsche sagt: es kam ein Wetter, ein rechtes Wetter. Mit dem Worte, Gewitter, ist es noch sonderbarer: Gewitter heißt schlechthin Wetter, Witterung, z.B. Schneegewitter, und im Sächsischen Kirchengebete: mit gutem bequemen Gewitter; Aber nun sprechen wir, ein Gewitter; da denken wir das fürchterliche, gefährliche hinzu; und doch hernach wiederum ein Ungewitter, als wenn Gewitter an sich eine gute, wenigstens angenehme Bedeutung hätte, und ein so schreckendes uns böse scheinendes, unangenehmes, schreckliches Wetter kein, nicht, (Un-) Gewitter wäre. Welcher Eigensinn des Sprachgebrauchs, oder vielmehr unsrer Denkart! So das Wort Unkraut, also nicht Kraut; als wenn schädliches, hinderliches Gewächs, kein Kraut wäre; so hat Kraut die Emphase des guten nützlichen Krauts. Daher auch [60]in der Niedersächsischen Predigt des alten Geistlichen in der Berliner Monatsschrift Untüg erklärt wird, Unzeug, gleichsam kein Zeug, d.i. kein taugliches Zeug; wiewohl ich dies lieber von tügen, taugen herleiten wollte, als untauglich. Und eben das Wort Zeug: Welche fatale Nebenidee hat es nicht im Deutschen, wenn wir gewisse Leute Zeug nennen, oder von Schriften, solches Zeug! Im Französischen, un homme de naissance, sans naissance, selbst fast im Deutschen, von Geburt, ohne Geburt, von Condition, d.i. Zustande, von Stande, Standsperson, lauter Emphasen des guten, des vorzüglichen: denn Geburt, Stand, hat doch jeder Mensch. Parvenir, gelangen, heißt im Französischen, wenn es allein ohne, zu etwas stehet, glücklich werden, zum Glücke gelangen: z.B. la païsanne parvenue, le Soldat parvenu; vous ne parviendrés jamais. Und eben der Franzos und Britte, wenn er homme, man, für Mann braucht, denkt er nicht das Wort Mensch mit der Emphase der vollkommnen Menschheit, des Verstandes, Muthes, der Stärke, der Macht und Regierung, welches immer Vorzüge des menschlichen Geschlechts sind oder seyn sollen ? Das deutsche Wort Thier ist auch artig; es hat eine Emphase auf beide Seiten: wenn wir sagen, ein Unthier: so verbinden wir mit dem Worte Thier den Begriff des gutartigen, wohlgebildeten, sanftmü-[61]thigen; wenn wir hingegen den Menschen von dem Thiere unterscheiden, und ihn doch nicht so schlechthin ein Thier nennen: da geben wir dem Worte Thier eine niedrige, entehrende Bedeutung. In dem Worte Ungeheuer steckt gewis auch eine deutsche emphatische Ableitung, die ein Adelung zeigen mag. Aber Unart, Ungezogen, es hat keine Art, sind lauter Emphasen des Guten: denn auch das unanständige hat eine Art, eine Beschaffenheit, auch der Ungezogne ward gezogen, nur schlecht: Aber so sprechen wir auch, ein Mensch ohne Conduite, keine Conduite, Aufführung haben, nehmlich gute, anständige; denn Conduite an sich, betragen, hat auch der ungeschliffenste, nur schlecht: so auch ungesittet, unmanierlich, d.i. ohne gute Sitten, Manieren hat ja jedermann. Mündig, unmündig, hat schlechterdings die emphatische Nebenidee des rechten, klugen, herzhaften, nützlichen Gebrauchs des Mundes, der den Kindern fehlt, die sonst wohl Mundes genung haben. Wie veränderlich ist ferner die Nebenidee in dem Worte zeitige Früchte, zeitig auf die Academie gehen, hat immer den Begriff des zu frühen, unzeitigen: und hingegen, zeitig kommen, aufstehen, die Sonne zeitiget die Früchte, hat die Idee der rechten, schicklichen Zeit. Unthat, d.i. keine That, heißt eine böse That, die doch auch That ist; und das Lateinische Facinus hat zwar nicht immer den Nebenbegriff der bösen That; wiewohl facinorosus [62]allemahl ein Bösewicht heißt; doch den Beigedanken einer allzu kühnen, immer etwas unrechten That. Aber argentum factum, gemachtes Silber, heißt künstlich, zierlich gearbeitetes Silberwerk: daher Cicero sagt: quodammodo facta oratio, gleichsam gemacht, d.i. künstlich bearbeitet. Das Wort Geschmack von moralischen Dingen, wenn es allein stehet, z.B. mit Geschmacke, ohne Geschmack, keinen Geschmack haben, ist nie ohne die Emphase des guten richtigen, reinen, gesunden Geschmacks. Wahn, wähnen heißt an sich nur glauben, meinen, sagen; daher erwähnen; dies kann auch wahr seyn; aber wenn wir schon vom Wahne reden, ist allezeit die Idee des falschen des Irrthums dabey. So ging es auch mit dem Worte Vorurtheil: Ein Vorurtheil kann ja auch wahr seyn, ist oft wahr; und die praejudicia im rechten Lateine und bei den Rechtsgelehrten sind sehr wahr und wichtig. Aber wer von uns denkt nicht so gleich an Irrthum, an falsches Urtheil, wenn er von Vorurtheilen hört? Das Wort Einbildung hat immer den Nebenbegriff des falschen, erdichteten, nicht existirenden, ob es gleich an sich die Kraft der Seele anzeigt, die auch wahre Begriffe aufbewahrt, und sich (wohl) einbildet. Das Griechische δοξα, welches eine Meinung heißt, hat die fast beständige Nebenidee der guten Meinung von jemanden, des Lobes, der Ehre. Aber das Lateinische Fama ist [63]und bleibt zwar indifferent zu gutem und bösem Rufe; und Livius unterscheidet sogar im 6sten Buche bei dem Marcus Manlius, famam magnam und bonam; und doch heißt infamis eigentlich, ohne Ruf, der einen schlechten Ruf hat; und im Gegentheile famosus, übel berüchtigt; daher libelli famosi, Schmähschriften. Wie willkührlich! Bei dem oben erwähnten Worte Wahn, Wähnen, erlauben Sie mir noch eine kleine Sprachanekdote, die zu dieser Sache eben nicht gehört, aber an sich nicht uneben, und einem Wortforscher wohl zu vergönnen ist: Navita de ventis, de bobus narrat (garrit) arator. In dem alten Originale oder itzt umgearbeiteten Syrischen Aramena, (womit dem Recensenten in der A. D. Bibl. der es nicht gesehn hat, allenfalls, gegen Sicherheit der Rücksendung, durch mich gedient werden könnte, finde ich immer gedruckt, Argwahn, nicht Argwohn; jenes ist gewiß recht, ein arger Wahn; was soll hier wohnen heissen. Indessen mag ich doch nicht so schreiben; lieber mit allen falsch in Dingen, die nicht Sünde oder schädlich sind, als allem recht.

Dies ist quaestio facti; so reden, so denken wir, nicht blos der Deutsche, sondern der Mensch (der Unterschied der Sprachen könnte eine Psychologie der Völker schon instruiren.) Aber warum? Ich glaube daher, weil die Worte gemacht sind, die eigentliche, völlige, vollkommne Sache [64]zu bezeichnen, welche es nicht ist, wenn sie wie verdorben ist, oder ihrer Bestimmung nicht gemäß ist. Ein Baum ohne Frucht, ist kein Baum, wenn der Baum Frucht tragen soll; und wenn Cicero sagt, in der Regierung des Gabinius und Piso wären keine Consuln gewesen: so legte er den Begriff zum Grunde, worzu ein Consul da wäre, was man von ihm erwartete; und den fand er nicht an diesen schlechten Menschen. Wenn er sagte, es sind keine Gerichte: so meynt er, keine ordentliche, gerechte, unpartheiische Gerichte; denn so sollen sie seyn, deswegen sind sie. Die Republik ist weg, spricht dieser Republikaner, es ist kein Staat mehr, seit dem Siege des Cäsar: nemlich, ein freyer Staat, wie ihn der Römer dachte, haben wollte, gehabt hatte. Mit einem Worte: Unsre Seele will alles ganz vollständig haben; es ist der Vollkommenheits-Trieb. Ja, wird man sagen, bei solchen Worten, denen die Emphase etwas Gutes, eine Vollkommenheit, Rechtmässigkeit beilegt; Aber wo der Nebenbegriff sich auf das schlechte, böse lenkt, wie bei den Worten Zeug, Thier, Wahn, Vorurtheil! Und wie manche Worte sind so nach und nach gleichsam ausgeartet, oder verschwärzt worden: Im Lateinischen fur welches erst so viel hieß, als Mensch, aus dem Griechischen Φίος, Φῦτος; dafür auch Φὼρ war, wie honos und honor, colos und color, hernach ein Leibeigner (wie im neuern Lateine [65] homo, homagium, Vasall, Huldigung;) dann gar einen Dieb? Welches Herabsinken! Latro hieß ein Diener (von λάτρης, λάτρεύειν,) dann ein Soldat, daher der lusus latrunculorum das Damen- oder Schachspiel, hernach ein Räuber, Mörder! Schalk, sonst ein Knecht. Wo rechnen wir diese Nebenbegriffe hin? Erstlich zur Denkart, welche gewöhnliche Nebenbegriffe mit Dingen verbindet, die sich immer, oft, meist dabei finden: dies ist im Verstande oder in der Phantasie. Aber im Willen! Vermuthlich der Haß gegen Leute, die mit ihrem sonst guten Stande so viele Uebelthaten verbanden, daß durch ihre ganze Lebensart der Nahme derselben, verhaßt und zum Abscheu wurde; so wie ehemahls und itzt der Nahme gewisser, besonders barbarischer grausamer oder alberner Völker in dieser oder jener Absicht, zum wirklichen anatonomastischen Vorwurfsnahmen geworden ist: Beispiele sind bekannt, und — verhaßt.

Noch eine Bemerkung, mit Ihrer Erlaubniß, zur National-Seelenkunde aus der Sprache, die mir immer wichtig und der Prüfung werth geschienen hat. Nur der Teutsche hat besondere Worte für die physicalischen Handlungen der Thiere: in allen andern Sprachen, die mir etwa bekannt sind, selbst in der Ebräischen, im Griechischen, Lateinischen, Italienischen, Französischen, sogar im Englischen, das doch vom Deutschen herstammt, essen, trinken, sterben die Thiere, wie wir; nur bei [66]den Deutschen fressen, saufen, verrecken sie. Woher dieser Menschenstolz? Diese uns eigne Herabsetzung der Thiere, die mir nicht gefällt; der ich, ohne übertriebne Liebe oder Vorurtheile gegen die Thiere, doch Pflichten wenigstens an den Thieren, wenn auch nicht gegen sie, glaube, und ein solcher Freund und Patron der Thiere bin, daß ich, z.B. keinen Hund, keine Katze aufjage, wenn sie auf einem Stuhle liegen; sondern mir, oder jemanden anders, lieber einen leeren Stuhl herbei hole und dem Muhamed, wo nicht nachahme, doch applaudire, der seinen Rockermel abschnitt und liegen ließ, weil eine Katze darauf lag. Doch bei welchem Volke, ja von welchem Volke, ist das alberne Vorurtheil der Unehrlichkeit derer, die mit todten Thieren zu thun haben? Oder ist es Genauigkeit der Sprache? Wenigstens hat der Deutsche für die Begattung fast jeder Thiere ein eignes Wort, falzen, rammeln, horsten, beschellen, bespringen, belegen, u.s.f. Dies kann Jägersprache seyn, die ohnedies das besondere affectirt. Woher jenes komme, sage ich mit dem Horaz, quaerere distuli; Nec scire fas est omnia; doch ist der Teutsche auch wieder demüthig; nur der Teutsche hat ein eignes Wort, sündigen für die Vergehungen gegen Gott; Beten, Gebet nur zu Gott, welches in keiner andern Sprache so unterscheidend ist, selbst im Ebräischen, wo sündigen wenigstens auch gegen Menschen gebraucht wird, [67]z.E. wie der Oberschenke sagt: ich denke an meine Sünde, nehmlich gegen Joseph; und Jacob zum Laban: was ist meine Sünde?

Aber eine Sache wird mir wenigstens, (denn, wer willkührliche Hypothesen liebt, macht sich alles leicht,) ein Geheimniß unsrer Seele, in ihrem Verhalten gegen den Sprachgebrauch und die Erlernung der Muttersprache bleiben. Sie haben, mein Herr, vortrefliche, scharfsinnige, sowohl erfahrungsmässige, als abstrahirte Bemerkungen mitgetheilt, wie Kinder nach und nach reden lernen. Ich weiß, daß Nachahmung und Vorsagen auch hier das meiste, wohl alles thut; aber daraus läßt sich nur die blosse, gerade Benennung der Sache, durch den Nominativ, erklären; auch allenfalls der Kindermodus; der Infinitiv; wiewohl auch hier schon mehr Feinheit steckt; warum nehmen sie, die Kinder, diesen Modus, der die allgemeine abstrahirte Idee des Verbums ist? Aber wer lehrt dann die Kinder die andern Casus nicht kennen, das kann paradigmatisch geschehen, wiewohl es nicht geschiehet, bis das Kind Lateinisch decliniren lernt; nein, sondern brauchen, recht brauchen? Das Haus meines Vaters, meiner Mutter Bruder, ich will es dem Vater sagen: wer lehrt dies die Kinder? Wer lehrt sie die subtile Beziehung des Genitivs, des Besitzes, des Eigenthums, des jemanden gehörigen zu dem Besitzer? die Beziehung der Handlung auf ihren Gegenstand, im Da-[68]tive und Accusative? Aber mit den Verbis ist es doch noch wunderbarer. Wer lehrt sie die gegenwärtige, geschehene Zeit von der vergangnen, die geschehene Handlung von der künftigen unterscheiden? Wer lehrt sie auf das (t) merken, ich liebte: Ja wer lehrt sie sagen: ich will, ich werde lernen? Noch mehr: anomalische, abweichende Verba: ich as, ich wollte, ich fuhr? Freilich sprechen auch wohl, nicht nur Kinder, auch Frauenzimmer, er singte: aber dies ist schon Analogie vom, ich hörte, nur falsch angewendet, wie jener Franzos machte: ich gehe, ich gieng also: ich stehe, ich stieng. Auch sagte einmahl ein kleines Mädchen zu mir: ich habe die Mama gebittet; aber dies ist selten; meist reden sie ordentlich. Wer lehrt sie dies, da wir das Teutsche nie förmlich, nie grammatisch in der Kindheit lernen! Wer lehrt sie jedes Tempus am rechten Orte brauchen? Dies ist schon Vernunft, Ueberlegung! Aber wie hat sie sich entwickelt? Gewiß, in der Muttersprache selbst, in der nationalen Organisation darzu, z.B. zum Englischen th, zum Französischen eu, u, in liegt Anlage, wo ich mit Erlaubniß, oder ohne Erlaubniß aller Neuern, Deum ex machina, schöpferische Grundeinrichtung, so lange erkenne, bis mir es jemand näher aus Mittelursachen erklärt.

Was ich oben vom Genitive sagte, ist in den Morgenländischen, das ist, in den Sprachen der [69]Menschen nicht so besonders, wo der Genitiv, ohne Aenderung, nur nach dem regierenden Casu gesetzt, und aus dem vorhergehenden Namen erkennt wird; aber in Sprachen, wo entweder Artikel, oder Endbuchstaben, die Casus machen, da will es gewiß mehr sagen.

Da die Morgenländischen Sprachen die ältesten sind, und besonders die Ebräische alle historische Beweise, wo nicht der ersten, doch dieser am nächsten kommenden, Sprache hat: so ist der philosophirende Sprachforscher, der sprachverständige Philosoph, der psychologische Grammatiker, der grammatische Psychologe, wie Sie wollen, auf alle Weise berechtigt und instruirt, aus ihnen den ersten Gang der menschlichen Seele zu abstrahiren. Dieser zeigt sich sogleich in der ersten Conformation dieser Sprachen, wo das Substantivum allemahl nach, und zwar meist ohne die Verbindung seyn, stehet; z.B. Gott gut, Baum groß: recht wie es in der Seele zugehet; erst die Sache, dann ihre Beschaffenheit. Aber warum ist in den Morgenländischen Sprachen die dritte Person des verbi die Wurzel, das erste Grundwort, aus dem andere Personen erst durch Zusätze gebildet werden? Dies scheint mit dem Grundsatze nicht recht übereinzustimmen, daß jeder Mensch zuerst sich selbst denke; das glaube ich auch eben nicht: Kinder wissen von sich selbst nichts ausdrücklich, und werden zuerst und am lebhaftesten von den Dingen [70]ausser ihnen durch die Sinne gerühret; so wie ich eben nicht glauben muß, daß Adams erster Gedanke war: wer bin ich? Woher? Sondern er sahe zuerst Himmel, Sonne, Thiere, Bäume, was ihm in die Augen fiel. Aber warum ist die vergangne Zeit die erste in den Morgenländischen Sprachen? Wusten die ersten Einrichter dieser Sprachen, daß die Zeit nicht einmahl eigentlich gegenwärtig ist? Oder war es erzählender Styl, was sie gesehen, gehört hatten ? Was schon, und zwar so schnell vorbei war? Doch ist ihr Präteritum freylich auch Präsens, worzu sie zwar eigentlich das Participium brauchen.

Hirschberg.

M. Carl Ludwig Bauer,

Rektor der Evangelischen Gnadenschule von Hirschberg.

Auszug aus einem Briefe.

Lenz, Carl Gotthold

Jena den 29sten Juni 1785.

Hier ereignete sich voriges Jahr eine sonderbare Krankengeschichte. Eines Bürgersmannes Töchterlein von neun bis zehn Jahren, deren Eltern pietistisch gesinnt waren und ihrem Mädchen fürchterlich schreckliche Begriffe von Teufel, Hölle und Verdammniß mochten beigebracht haben, beging [71]mit ihren Gespielinnen ihren Geburtstag mit kindischer Fröhlichkeit. Als sie des Abends in ihre Kammer zu Bette gehen will, erscheint ihr der Teufel und droht sie zu verschlingen; mit schrecklichem Geschrei kommt sie zurück in der Eltern Stube, und fällt todt vor ihren Füßen nieder. — Auf Herbeirufen des Arztes erholt sie sich nach etlichen Stunden wieder, erzählt, was ihr begegnet, und daß sie gewiß glaube, verdammt zu werden, verfällt in eine langwierige Nervenkrankheit, und sah noch vor einem Vierteljahr, da ich sie sahe, todtenblas aus. Die Wahrheit der Geschichte muß der hiesige Professor Starke bezeugen können, unter dessen Aufsicht die Patientin von einem jungen Studirenden kurirt wurde.

Ein paar andre Erfahrungen über eine besondre Aeußerung der Phantasie im vollblütigen Zustande theile ich Ihnen aus dem Briefe meines Vaters in Gera mit, der sie mir auf mein Bitten sendete. Ich könnte Ihnen selbst aus eigner Erfahrung einige sonderbare Ereignisse, die ich für sehr wichtig halte, erzählen, wenn ich Worte fände, unaussprechliche Dinge zu erzählen. Ungefähr von meinem sechsten bis siebenten Jahr an sahe ich öfters des Nachts eine weiße Gestalt vor meinen Augen, weinte darüber, bat das garstge Ding weg zu thun; die neben mir schlafenden sagten mir, sie sähen ja nichts, endlich — verschwand es von selbst.

[72]

Einige Jahre drauf begegnete es mir mehrere Jahre hintereinander fast alle Nachte, daß ich, nachdem ich mich schlafen gelegt hatte, ganz sonderbare Auftritte hatte.

Dieß waren die, von denen ich mich in keiner menschlichen Sprache wegen ihrer Ungewöhnlichkeit, wegen der blos dunkeln Vorstellungen, in denen sie mir vorschweben, und wegen dem damaligen Mangel an Beobachtungsgeist über mich selbst, nicht auslassen kann. Es ging alles mit mir, wie in der Scheibe herum, (es war aber kein Schwindel) dazu gesellten sich schöpferische Vorstellungen von unendlichen, Millionenzeiten und Räumen, die ich zu durchwandern hatte, der Gedanke der Unmöglichkeit je diese Reise, dieses Unermeßliche, das ich immer wie in einem unaufhörlichen Kreise vor mir sah, zu vollenden, (und dies alles im wachenden Zustand) verursachte in mir ausserordentliche Bänglichkeit, in der ich mich oft nicht enthalten konnte, mit einem Satz aus dem Bette und ängstlichem Zurückwandern in die Stube, wo mein Vater gewöhnlich noch am Schreibtisch saß, jenen Schrecken zu entgehen.

Wenn ich mich erhohlt hatte, wuste ich selbst nicht, wie mir zu Muthe war, ich sah, daß nichts außer mir war, was mich ängstigte, und doch ging ich mit Grauen wieder zu Bette. Wenn ich mich da bei völligem Bewustseyn meiner selbst und der Nichtigkeit meiner Angst zu erhalten suchte, hatte [73]ich nichts zu befürchten: so bald mich aber in einem Halbschlummer dieses verlies, kam der vorige Feind wieder, den ich öfters nachher dadurch zu verbannen wuste, wenn ich mich nur schnell im Bette aufrichtete, dann zum Besinnen kam, und einsah, daß meine Angst eitel war.

So wenig ich meiner Angst oft widerstehen konnte, mich wieder in die Stube zum Vater zu begeben, sobald brachte mich doch die Anrede des Vaters: Was willst du denn wieder? zum Bewustseyn.

Ich sagte nie die Ursache, weil ich fürchtete ausgelacht zu werden, da ich mich gar nicht über meine Erscheinungen erklären konnte, sondern gab gewöhnlich vor zu dursten, und nachdem ich getrunken, begab ich mich traurig wieder an den Ort des Schreckens.

Ich weiß nicht, ob in den nemlichen Jahren oder vielleicht etwas früher hatte ich eine ziemliche Anlage zum Nachtwandeln. Ich stand einsmahls um Mitternacht auf, kleidete mich etwas an, ging zum Zimmer, das ich aufschloß, hinaus, nahm auf dem Vorsaal ein Körbchen mit Kraute, und eilte zum Saale damit hinaus, um im Hofe meine Kaninchen, die ich hielt, zu füttern. Der Schall von der Klingel der Saalthüre hatte Jemanden erweckt, der mir nachlief, mich nach vielem Widersprechen zurück, und zum Bewustseyn brachte, wo ich beschämt wieder zu Bette schlich. —

[74]

Etwas erkläre ich mir freylich von diesen Erscheinungen daher, daß ich überhaupt etwas kränklich und engbrüstig war, daß ich eine schlechte Diät beobachtete, mich des Abends hauptsächlich im Winter (wo ich am meisten mit diesen Uebeln geplagt gewesen zu seyn mich erinnere) voll Kartoffeln stopfte, bald aufs Essen schlafen ging — aber freilich das Wesentliche der oben genannten Erscheinung ist mir unerklärbar.

Zu eben der Zeit in abwechselnden Perioden hatte ich noch sonderbare Gefühlsvorstellungen. Sehr oft, wenn ich zu Bette war, schien mir alles, was ich anfühlte, eine ganz rauhe, höckrichte Oberfläche zu haben; es war das unausstehlichste Gefühl, das man sich denken kann, welches mich oft vermochte die Finger zusammen zu knebeln, um nicht die Bettdecke oder mich selbst mit den Fingerspitzen zu berühren, aber vergebens! denn nun berührte ich doch meine eigne Hand, und ich fand keine Lindrung. —

Ich glaube, im erwachsnern Alter haben sich diese sonderbaren Erscheinungen zum Theil dadurch verloren, daß ich besser die Gesundheitsvorschriften beobachtet habe. Demungeachtet kam in meinem achtzehnten Jahre jene Gefühlsvorstellung zuweilen wieder, hat mich aber nun längst gänzlich verlassen.

Noch Eines besondern Umstandes aus der Geschichte meines Lebens muß ich gedenken. Nahe [75]bei Gera ist in einem Thale, Martinsgrund genannt, ein Waldhaus, wo wir einmal in großer Gesellschaft waren. Ich werde hinunter in den Keller geschickt, um etwas herauf zu holen. Springend öffne ich den Keller, und sehe vor mir eine weibliche Figur in blauem Habit, die aber gleich wieder verschwindet. Erschrocken spring ich zurück, und erzähl es.

Als ich mehr zu Verstande kam, erklärte ich mir es sehr natürlich, ich war in vollem Sprunge aus dem hellsten Tageslicht in einen dunklen Keller gekommen, wie leicht konnte dadurch im Sehnerven eine Veränderung der Farben u.s.w. bewirkt werden, und die Phantasie trug dann das ihrige bei, das Bild auszumahlen.

Aber wie erstaunte ich, als ich mehrere Jahre drauf hörte, was noch nie jemand in unsrer Familie gewust hatte, es sei eine alte Sage, es ließe sich in der Gegend eine blaue Figur, die man den Blaumantel nennte, sehen! —

Was soll man wohl zu dem Besprechen oder Versprechen des Feuers denken? Der itzige reg. Graf Reuß in Gera war immer in Ruf, dieses zu können. Ich weiß es selbst, daß so oft auf seinen Gütern Feuer war, er (und wenn es um Mitternacht war) mit seinem Husaren zu Pferde dahin eilte. Sobald er kam, war alles froh, seinen Retter zu sehen. Er ließ in aller Geschwindigkeit um das brennende Gebäude rund herum einen Platz zum [76]Vorbereiten machen, wo er dann mit Blitzesgeschwindigkeit herumsprengte, und — das Feuer griff dann nie weiter um sich. Sollte hierbei etwas die plötzliche Zertheilung der Luft oder die Isolirung des im Brand stehenden Hauses thun? Man sagt, bei diesem Umreiten müsse der Reuter so schnell als möglich vorbeieilen, weil das Feuer ihn ordentlich zu verfolgen schien. — Schade, daß unser Graf, da er vor mehrern Jahren einmal gestürzt ist, kein Pferd mehr besteigt und also auch seine heilsame Kunst nicht mehr in Ausübung bringt!

Noch eine merkwürdige Anekdote aus meiner Vaterstadt Gera, die dort notorisch ist! Ein noch lebender alter Bötticher pflegte von Zeit zu Zeit bevorstehende Unglücksfälle vorher zu sagen, die nach der Sage des Volks immer eingetroffen wären. Er glaubte, die Anzeigen davon in der Christnacht zu bekommen! Einmal prophezeihte er auch mit Namen des Tages, der Straße, und der Zeit Feuer in unsrer Stadt. Es war an einem Herbsttage, als wir gegen Abend in unsrer Gasse überall Truppe Leute stehen, und herumirren sahen. Bald darauf erschien der Stadtknecht, der dem in unserm Hause wohnenden Burgermeister meldete, daß so viele Leute zusammenliefen, und alle sprächen, es werde Feuer diesen Abend in der Gasse auskommen. Nach gegebnen Befehlen Wache und Spritzen herbei zu schaffen, weil man nicht wissen könne, ob nicht Diebe Feuer angelegt haben möchten, wurde der [77]Knecht entlassen. Bald darauf kam er zurück, und da wir mit ihm noch im Vorhaus sprechen, entsteht ein Feuerlerm. Wir fahren schnell in die Stube, und sehen schon die ganze Gasse von Feuer erleuchtet. Es war in eines Kaufmanns Hobelspänkammer durch Verwahrlosung einer mit dem Licht hineingehenden Magd ausgekommen, und brannte das Trockenhaus ab. Ein Glück war es, daß so viele Menschen und Spritzen schon zum Löschen bereit da waren! — Man zog den Böttiger gefänglich ein, konnte aber durch alles Ausfragen nichts sicheres von ihm erfahren, woher er seine Kunst habe?

Acht Tage vor dem großen Geraischen Brande kamen Sprützen fünf Stunden weit von Gera dahin, weil in der Ferne ihnen Gera in Brand zu stehen geschienen hatte. Nach der Hand legte man dieses als eine Vorbedeutung des bald darauf erfolgten Brandes aus. Allein die Sonne, welche an jenem Tage einen über der Stadt befindlichen Nebel niedergedrückt hatte, mochte die Gestalt des mit Feuer vermischten Dampfes in der Ferne gebildet haben, und hatte noch mehrere Menschen getäuscht. Aber sonderbar gnug ists, daß man noch mehrere Geschichten der Art erzählt und wirklich in unsrer Gegend weiß, wo auf die nehmliche Weise vor einem Brande die Erscheinung des in Flammen stehenden Gebäudes vorhergegangen. Mehrere Anzeigen des Geraischen Brandes, welche theils vorher schon auf ein bevorstehendes Unglück gedeu-[78]tet worden, theils erst nachher dahin gezogen worden, übergehe ich geflissentlich.

Carl Gotthold Lenz,

der Philosophie Beflißner in Jena.

Ueber die Beobachtung jugendlicher Charaktere.

Seidel, Johann Friedrich

Die Schildrungen jugendlicher Charaktere können freilich nicht so sicher und so wahr den männlichen Charakter bezeichnen, daß man bei jener schon für zuverläßig bestimmen könnte, wie dieser künftig einmal beschaffen seyn müsse.

Der Umstände können viel und mannigfaltige seyn, die eine so starke Umändrung möglich machen, daß dadurch das vorige Gemähide so unkennbar und fremd wird, daß es alsdann vielleicht seinen ganzen Werth verloren zu haben scheint, den es ehmals hatte.

Allein es wird doch gleichwohl nicht ganz umsonst da gewesen seyn. Ein wirkliches Gemählde, welches der Künstler von dem Gesichte eines Kindes verfertigt, wird vielleicht nichts mehr mit dem erwachsnen Manne ähnlich haben; und ich denke immer, man werde gleichwohl jenes mit Wohlgefallen betrachten, wenn man weiß, daß es damals ein richtiger und wahrer Abdruck war.

[79]

Auch können für den Kenner vielleicht noch einige Züge übrig geblieben seyn, die mit ins männliche Alter hinübergingen; und in beiden Fällen bleibt es angenehm zu wissen: so sahest du damals, und so siehst du itzt aus.

Bei der Zeichnung jugendlicher Seelen, ihrer Neigungen und Aeußrungen derselben, hat es sicher noch mehr auf sich. Selten geht doch so eine Verwandlung im Großen vor, daß alles das, was die Seele des Kindes charakterisirte, ganz verloren gegangen, ganz umgeschaffen und verändert seyn, und daß man nun gleichsam einen sich weit ausbreitenden Strom finden sollte, der mit seiner Quelle nicht in Verbindung stände.

Den Erwachsnen zu schildern halte ich für eine weit mißlichere und unzuverlässigere Sache. Tausend Umstände können beitragen, oder schon gewirkt haben, die einander entgegengesetzt waren, welche also die Seele mit umstimmen, und ihr eine ganz andre Richtung geben können, als man grade vermuthet, indem man seine Zeichnung unternimmt.

Die jugendliche Seele ist noch so offen, ist noch ein so reiner, unverdorbner Spiegel, daß man grade hindurch, und das sehen kann, was im Grunde zu sehen ist; wenn man bei dem Manne wenigstens befürchten muß, daß er das nicht ist, was er zu seyn scheint.

Und dann ist es dem menschlichen Gemüthe einmal eigen, auch in die Zukunft zu sehen, und [80]so weit es menschliche Klugheit zuläßt, bei ähnlichen Dingen auf ähnliche Wirkungen zu schließen: daß es also immer angenehm und nützlich seyn kann, wahrscheinlich zu bestimmen: aus diesem Kinde kann ein solcher Mann werden!

So äußern sich itzt die Kräfte seiner Seele, und so werden sie sich künftig äußern! So viel, oder so wenig verspricht er für die Zukunft! —

Für den Pädagogen kömmt dann noch der unmittelbare Vortheil hinzu: daß er Menschenkenntniß sammelt; daß er verschiedene Fähigkeiten und verschiedene Neigungen, verschieden behandelt, und dadurch ungleich nützlicher wird, als wenn er alles, was Kind oder Knabe heißt, gleich behandeln, gleich einschränken oder anspornen wollte.

Von irgend einer Seite wird es also immer etwas werth seyn, jugendliche Charaktere zu entwerfen, und sie dann zu lesen und wieder zu nutzen.

Ich werde also von Zeit zu Zeit fortfahren, mit Genauigkeit zu beobachten, und das Beobachtete ohne Schminke und Zusatz wieder zu erzählen.


Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere.

**, den ich bereits ehemals geschildert, ist nicht mehr ganz das, was er sonst war. Sein drolligtes Wesen hat er zwar noch so ziemlich be-[81]halten, aber seine Flatterhaftigkeit, sein Leichtsinn, macht es tadelnswerther als ehemals.

Seine Begierde, eine höhere Stufe zu erlangen, hat vieles von dem Eifer und der Freude verloren, womit sie sonst verbunden war, und dies vielleicht bloß deshalb, weil er wirklich eine Klasse höher hinauf gerückt ist.

Seine Kenntnisse verdienten dieß, aber seinen Jahren nach wäre es vielleicht gut gewesen, wenn es nicht geschehen wäre.

Er scheint sich nun durch mehr Geräusch, durch äußre Nebenbeschäftigungen gleichsam ein Ansehn geben zu wollen, damit er bemerkt werde, und eben so viel gelte, als ein andrer, der größer ist.

Diesen Zug hab ich sehr häufig bei ihm beobachtet, und er ist überall bei ihm sichtbar. Sein Gang ist hüpfender, sein Auge schalkhafter, seine Bewegungen mit den Händen mannigfaltiger und seine Sprache stärker und lebhafter geworden. Wenn er glaubt unbemerkt zu seyn, so mischt er sich unter die Größern, und ersetzt wenigstens durch seine Dreistigkeit, was ihm an Leibesstärke abgeht.

Gegen Verweise scheint er gleichgültiger oder eigentlich launischer geworden zu seyn, nur bei Aufmuntrungen bleibt er sich völlig gleich.

Da funkelt in seinem Auge das Guthmüthige, das Herzliche, und da zeigt sich in der kleinsten von seinen Minen lebhaft empfundne Freude, die [82]dann durch den ganzen Körper dringt, um alles, was an ihm ist, in Bewegung zu setzen.

Diese Gutmüthigkeit ist mir auch noch Bürge, daß sich jenes flatterhafte Wesen nie in wirkliche Unart verwandeln, und daß sein Ehrtrieb nicht ganz unterdrückt oder in Schein und Blendwerksliebe ausarten werde.

Seine brüderliche Liebe ist noch ganz und ungeschwächt vorhanden, und ich gestehe, daß ich mich auch bei kleinen Neckereien, die er mit seinem Bruder vorhat, doch über die Mäßigung freue, mit der dies geschieht, und überhaupt über die ganze Art, mit der er dabei handelt.

Man sieht es ihm und seinem Bruder an, daß sie sich beide gut sind, daß sie sich nahe angehören, und daß sie in keinem Stücke sich fremd seyn wollen.

Das scheint wirklich bei ihm nicht mehr Anlage, sondern wirklicher, fester Charakter zu seyn, der in allgemeinere Menschenliebe übergeht, und ihn sicher zum guten, glücklichen, und nützlichen Menschen machen wird.


** ist ein Knabe von etwa zwölf Jahren, und es fehlt ihm nicht an Anlage und Fleiß, brauchbar zu werden.

Er faßt ziemlich schnell, und wenn irgend etwas mit Ernst verlangt wird, so ist er in seinen Aufsätzen und schriftlichen Wiederholungen ziemlich pünktlich. Aber seine Seele scheint durch irgend [83]etwas verstimmt und aus dem graden Geleise der Natur herausgekommen zu seyn.

Sein Auge ist finster, es verengt sich, ohne kurzsichtig zu seyn, und sein Blick ist fast immer zur Erde geheftet.

In seiner Stirn liegen einige Falten, die etwas tückisches und hartherziges verrathen, und die überhaupt seinem Gesichte nicht vortheilhaft sind.

Er weiß seinen Mund durch eine kleine Biegung kleiner zu machen, und dadurch entsteht zugleich eine merkliche Bewegung an der Nase, die kein eigentliches Naserümpfen ist, aber doch dergleichen Dienste thun soll.

Alles dies ist freilich keine Empfehlung für ihn, aber dies gilt auch von seinen Handlungen selbst.

Er weiß durch mannigfaltige Krümmungen irgend einen seiner Mitschüler zu berühren, ohne daß dieser den Thäter allemal wissen kann.

Auch wenn er dabei betroffen wird, weiß er sich eine Art von Gegenwart des Geistes zu geben, und er geräth gleichsam in ein Erstaunen darüber, daß er dieß gewesen, dieß gethan haben sollte.

Auch drückt er sich eben so in seinen Worten aus: »Ich? ich weiß ja gar nichts davon! Ich habe still gesessen! Ich habe mich nicht bewegt« — und dabei wendet er sich häufig zu seinem Nebenschüler, und will, daß dieser ein Zeuge für ihn und seine Unschuld seyn soll.

[84]

Wenn man ihn nicht beobachtet, ihn nicht etwas kennt, so nimmt er durch seine äußre Scheinheiligkeit ein, und macht es einem schwer, das Gegentheil von dem zu glauben, was er sagt und behauptet. Wenn man ihn aber auch kennt, und selbst Augenzeuge gewesen ist: so läugnet er fort, und bleibt sehr hartnäckig bei dem, was er einmal gesagt hat.

Strafe ist ihm wirklich nicht gleichgültig, sondern sie scheint ihm etwas Erniedrigendes an sich zu haben; aber er leidet sie mit einer verzweifelt tückischen Miene, von der ich, wenn sie noch einige Jahre so bleiben sollte, alles befürchten würde.

Andre zu tadeln und tadeln zu hören, sie geringschätzig zu machen, scheint ihn zu freuen.

Bei dem Lobe andrer ist er in sich gekehrt, murmelt etwas vor sich, welches er überhaupt oft und bei vielen Gelegenheiten thut, besonders, wenn er erinnert wird, und weiß, ehe man sichs versieht, irgend etwas dagegen einzuwenden.

Er ist dabei äußerst wild und störrig in seinem ganzen Betragen. Alle seine Geräusche sind hörbarer als der übrigen. Er klettert, schimpft, wirft und stößt um sich, und giebt bei dem allen immer genau Acht, ob er auch bemerkt werden könnte, um alsdenn auf einmal still zu seyn, und die Unschuld selbst zu scheinen. —

Seidel.

[85]

Noch einige Belege zu dem Aufsatze: ein unglücklicher Hang zum Theater.*) 1

Moritz, Karl Philipp

*** den 8ten October 1783.

Lieber ***,

So bin ich denn wieder im Hause meines Vaters! wie freuete ich mich, ihn noch einmal zu umarmen. Dir danke ich tausendmal für alles das, was Du mir durch deinen Umgang gewähret, für die Aufheiterung meiner Seele, für die guten beigebrachten Grundsätze, und besonders, daß Du mich so aufmerksam auf die Natur gemacht. Alles dieses will ich zu nutzen suchen. Heute Morgen bin ich mit einer großen Rührung meines Herzens aufgestanden, und meine schöne Stube, Bücher, der Anblick der Vaterstadt, alles das Andenken an die vielen hier mir wohlwollenden Menschen, und ich weiß nicht, was alles rief mir zu, bleib im Hause deines Vaters; vor dem 10ten geht keine Post ab, um G. zu antworten. Da werde ich ihm also was Entscheidendes schreiben müssen.

Da ich dieß schreibe, bin ich auch noch sehr geneigt, hier zu bleiben. Möchte ich mir doch Bürge bleiben können, den Gedanken durchzusetzen, hier erst ein vernünftiger Mensch zu werden.

[86]

Nun Dir nochmals tausend Dank für die gute Aufnahme — für alles, alles, was Du mir Gutes erwiesen hast; tausend Dank Dir, liebster Bruder und Herzensfreund dafür gesagt!

Verzeih mir nochmals alle die Wiederwärtigkeiten und gewiß oft mißvergnügten Augenblicke, die ich Dir gemacht.

Besonders meine Abreise, daß ich so eilig war. Entschuldige sie mit Sehnsucht nach meinen Eltern. Ich reisete doch über Halberstadt, und kam eher hier an, als die Helmstädter Post. Ich vergesse Dich gewiß nicht. Leb recht wohl! behalte mich ja lieb, und wünsche mir lauter Gutes. Sei versichert, daß ich aus meinem Aufenthalte bei Dir tausend Gutes gelernet habe, aufmerksam auf die Natur und ihre Freuden geworden bin.

Ich küsse Dich einen Bruderkuß auf Deine Lippen; bleib gesund, und suche Dein Leben so lange zu erhalten, als es möglich ist. Ich bin nun wohl im Hause meines Vaters! daß doch alles möge gut hinausgeführt werden! Leb' wohl, mein Guter!


*** den 18ten October 1783.

Lieber ***,

Schon vorigen Festtag hätte ich an Dich geschrieben, ich erwartete aber von Dir einen Brief, worin Du mir vieles zu sagen hättest, wie ich aus Deinem Schreiben an meinen Vater ersah; ich [87]kann aber diese Gelegenheit nicht vorbei lassen, Dir von meinem itzigen Zustande, so viel mir Zeit und Munterkeit des Geistes erlaubt, Nachricht zu geben.

Schon in Halberstadt stimmte sich meine Seele ganz anders, sie ward so weich und eindrucksvoll, ich erinnerte mich an alle die angenehmen Stunden, die ich dort zugebracht; kurz die Reise von da bis B** in einer gar nicht kalten Nacht war für mich sehr angenehm.

Voller Herzensrührung fuhr ich durch B**, aber doch freudig, in meiner Vaterstadt zu seyn, von der ich mich doch so weit und vielleicht auf ewig entfernen wollte.

Meine Eltern nahmen mich gütigst auf, und meine Mutter hatte sich schon über meinen Brief, der mich anmeldete, herzlich gefreuet.

So war ich denn im Hause meines Vaters, das ich unmöglich sobald verlassen konnte. Kurz ich beschloß hier diesen Winter zu bleiben, und schrieb es den Freitag G. höflichst ab; mein Vater gab mir Anleitung G. so zu schreiben, daß er aufhören müßte Vater zu seyn, wenn er mich nicht entschuldigen wollte.

Der Gedanke ist nun ganz aus meiner Seele verbannet, ich habe hier schon wieder Freunde gesucht, und sie auch gefunden, alle nehmen mich freudig auf, und sehen mich gerne, ich selbst bin nur noch furchtsam, alles ist für mich hier neu, ich bin ein Fremdling selbst hier, wo ich erzogen bin.

[88]

Sonderbar! am vorigen Sonntag, da mich ein Freund mit zur Aufführung einer französischen Comödie nahm, wo alle die Eltern der Kinder waren, die sie spielten, und alle meine vorigen Freunde und Bekannte, afficierte mich das Alles, was da vorging, und was ich da sah, so sehr, daß ich nach Endigung derselben die Gesellschaft verlassen, und zu Hause gehen mußte: ich bekam ein heftiges Flußfieber, der Arzt kam den Montag, den Diensttag mußte ich ein Vomitiv einnehmen, und bis heute darf ich noch nicht ausgehen, so rührte mich alles: anfangs konnte ich fast nirgends im Hause gehen, ohne zu weinen: ich kann Dir nicht sagen, wie mich alles afficiert, und wie ich alles bereue.

Auch herrscht itzt eine solche Ruhe in meiner Seele: sobald ich wieder ausgehn darf, werde ich Freunde besuchen, mir täglich Bewegung machen, lesen und thätig seyn, so viel ich kann, und einmal die häußlichen Freuden so recht genießen: ich finde itzt einen grossen Geschmack am Predigen, und werde meine beiden Collegien von Leß rezetiren, seine Moral und practische Dogmatik auch in den neuern Sprachen lesen, und überhaupt, wenn ich nur erst völlig wieder besser bin, mich so einrichten, daß ich immer thätig bin.

Mein guter Vater hat eine herzliche Freude, Du kannst es gar nicht glauben; er will mir ein [89]schönes neues Clavier schenken zu meinem Vergnügen, und thut alles.

Alle die mich sehen, freuen sich. Der Hofrath G. nahm mich freudig auf; er glaubte, ich käme von Leipzig; ich sagte ihm aber, ich sei in einer hypochondrischen Lage gewesen, und habe Leipzig verlassen müssen.

Der würdige Abt J. — diesem allein hatte es mein Vater anvertrauet, um Beruhigung zu haben — den Tag vor meiner Ankunft war dieser Greis selbst bei meinem Vater gewesen, weil ihn mein Vater zweimal vergeblich besucht, und hatte sich über meinen Brief gefreuet; »nun, hatte er gesagt, bin ich heute ruhig! nun will ich seine Gesundheit trinken. Nehmen Sie ihn ja freundschaftlich auf, tragen Sie ihn,« sagen Sie ihm, ich wüßte alles, und wenn er nicht zu mir kommen will: so will ich wieder kommen: stell Dir vor! Aber ich hatte nun auf einmal so ein Herz, weil ich fest in meiner Seele war, nun kein C. zu werden. Ich gieng zu ihm: »Nun, sagte er, ich freue mich Sie noch wohl zu sehen, ich glaubte Sie nie wieder gesehn zu haben.« Er redete freundschaftlich mit mir, und freuete sich, daß ich meinen Entschluß geändert, er gab mir die Hand, und voll Rührung ergriff ich sie fest, und küßte sie. Kommen Sie zuweilen zu mir, Sie sind mir immer willkommen.

[90]

Sieh, so bin ich auf einmal von dem Gedanken befreiet. Dir aber, liebster ***, bin ich tausend Dank schuldig für Deine vielen Bemühungen, die Du meinetwegen gehabt, itzt sehe ich es erst recht ein, was Du an mir gethan hast, ich werde es gewiß nicht vergessen.

Vergieb mir ja alles das Widrige, was ich Dir etwa vorgebracht, und worüber Du oft wohl mißvergnügt geworden, ja solltest Du gar Deine letzte Unpäßlichkeit durch mein Betragen erhalten haben: so vergieb das alles meinem verwirrten Zustande: ach! wie wünscht ich itzt erst zu Dir zu kommen, wie wollte ich Dich itzt besser nutzen.

Aber laß uns unsere weite Trennung durch einen öftern Briefwechsel ersetzen. Schreib mir ja bald was Du machst; bist Du wieder munter, wie geht Dirs itzt in Deiner Eremitage? sitz ja nicht zu viel, und mach Dir Bewegung, schone Dich ja, und erkälte Dich nicht: ich hatte mich hier gebadet, und der Arzt glaubt, ich habe mich dadurch verkältet, und schiebt mein Flußfieber darauf.

Rathe mir nun recht brüderlich, wie Du glaubst, daß ich mich hier einrichten müsse. Gellerten, den Du kennst, habe ich wieder zu meinem Freunde gewählt, und er soll wieder mein bester Freund werden: schreib mir ja recht viel, wie ich mich hier betragen und einrichten soll.

Wenn Deine Reise fertig ist, bitte ich mir ein Exemplar aus, es wird mich an die Stunden [91]erinnern, da Du mir das vorlasest. Solltest Du mal eine Reise machen, so komm hieher, und besuche mich, mein Logie und alles steht Dir zu Diensten, wie wollten wir hier zusammen spatzieren gehen: ich wollte Dir B**s Gegenden alle bekannt machen.

Wo nicht eher, so doch auf das Frühjahr besuchst Du mich einmal. Thue es ja. Die Truppen aus Amerika sind hier wieder gekommen, und sind itzt in Wolfenbüttel, das den Ort sehr lebhaft und nahrhaft macht. Der König von Schweden hat sich hier auch einige Tage aufgehalten, und reiset von hier nach Italien.

Nun noch eine Frage: wir haben hier in einigen Monathen wieder die italienischen Operisten, soll ich wohl die Operette besuchen, was meinst Du, oder soll ich wohl etwas Theatralisches lesen, ich bitte mir Deinen Rath aus. Was lese ich wohl itzt in meiner Lage am vorteilhaftesten, das mich wieder immer mehr und mehr aufheitert. Antworte mir bald und viel, ich vergesse Dich gewiß nicht, behalt mich lieb und denke fleißig auf Deinen Spatziergängen an

Deinen Freund


Den 29sten December 1783.

Wie lebst Du denn itzt, mein Bester, in diesen Wintertagen in Deiner Eremitage? ach! gewiß [92]vergnügter und zufriedener als ich hier mitten in der Stadt B** auf dem Kohlmarkte? ob ich gleich wohl mehr Ursache hätte freudig als mißvergnügt zu seyn: so muß ich es Dir, als meinem Herzensfreunde doch aufrichtig gestehen, daß ich wieder ganze Wochenlang die schwermüthigsten Launen gehabt: es dauert mich, Dich vielleicht dadurch zu betrüben, aber ich wollte gern so mal mein ganzes Herz ausschütten, und doch habe ich zu keinem größeres Zutrauen, als zu Dir, Du weißt ja warum? —

Mein Geist ist wieder lebhaft und feurig und kann wieder thätig seyn, nur fehlt es ihm hier an Muth; auf meiner Stube beim Buche bin ich heiter, aber sobald ich nur einen Blick auf die Straße thue, bin ich niedergeschlagen, der Anblick meiner Zeitgenoßen kränkt mich, besonders diese Festtage hindurch sind sie alle thätig, ich nicht.

So gerne möchte ich predigen, nur kann ich hier nicht das Herz faßen: es herrscht solche Rastlosigkeit in meiner Seele, ich kann nicht für den gegenwärtigen Anblick leben, dieß kränkt mich, und macht mir meine Tage trübe, keine frohe Aussicht auf den Tag, der Gedanke, Du kannst doch nichts zum Wohl der menschlichen Gesellschaft verrichten, Du bist itzt für sie todt, ach! wie betrübt mich das?

Ich kann nicht dabei zu Kräften kommen. Ach! die unglückliche unreife Idee, in welches Labyrinth hat sie mich versenkt, ach! wie thätig muß [93]ich nun werden in einem Posten, den ich mit jedes Genehmigung ergreifen kann, und wobei ich für mich Beruhigung habe.

Wie gerne wünschte ich bald, ach! recht bald einen solchen Posten zu erhalten, der mich in Thätigkeit setzte; äußere Veranlassung muß ich haben zu arbeiten, ich arbeite immer noch mal so viel, als wenn ich mir ganz überlassen bin. Du weißt ja meine Kräfte.

Ich könnte immer für irgend ein Institut brauchbar werden, so viel Latein, Griechisch besonders kann ich ja, daß ich ein paar Autoren erklären könnte, wenn ich nur solche Gelegenheit hätte: Du weißt ja, wie bald ich mich wieder der Englischen Sprache bemächtigen kann, wenn ich darin was leisten müßte: und so auch Französisch.

Vor einigen Tagen, den 20sten, bin ich erst dreiundzwanzig Jahr alt geworden. Was könnte ich nicht noch leisten. Ach! die unglückliche Idee, welcher Lebensfreuden hat sie mich beraubt, mich bald um allen meinen Verstand gebracht!

Du hattest gewiß Recht, daß ich erst auswärts etwa ein Amt erhalten müßte, um hier wieder Jedermann dreist unter die Augen zu kommen; ach! hätte ich doch damals so gedacht, wie ich bei Dir war, wie viel weiter wäre ich doch nun schon.

Mein theuerster J. wünscht es auch recht sehr, mich auswärts um einen Fleck der Thätigkeit zu bemühen. Wenn wir doch noch zusam-[94]men gemeinschaftlich Hand in Hand geschlagen zum Wohl der menschlichen Gesellschaft arbeiten könnten, oder Du mir doch durch Dein brüderliches Zurechtweisen und Anleiten hierin nützlich würdest.

Mit welcher Freude und Eifer würde ich eine horazische Ode oder sonst einen Autor erklären, und vielleicht durch Deklamation oder durch einen muntern Vortrag Beifall gewinnen.

Seitdem jene unglückliche Idee aus meiner Seele verbannt ist, bin ich ganz anders geworden. Nur ein vorgestecktes Ziel fehlt mir, wornach ich arbeite; was könnte nun vielleicht noch aus mir werden! ich meyne, wie könnte ich mich vervollkommen; und welche Ruhe der Seele und welche Freudigkeit des Gewissens könnte ich haben! Du kennst mich ja, daß es in meiner itzigen Lage wohl schwer ist, mich so völlig zum Prediger zu bilden.

Ich glaube, in irgend so einem Posten an einem Institute würde ich mich zum aufgeklärten Menschen bilden, und dann mit zunehmenden Jahren, wenn ich wieder in Ruf bin, und das Bewußtseyn einer wohlangewandten Zeit habe, könnte ich noch ein guter Prediger werden. Hundert Thaler will mir mein Vater jährlich geben; sieh doch zu, mein Bester, wie Du mir hilfst.

Schreib mir doch bald, und unterrichte mich von Dessau, was es für eine Bewandniß damit [95]hat. Eine Condition zu übernehmen bringt mich nicht viel weiter, und erwirbt mir keinen Ruf. Recht oft denke ich an die Zeit, die wir zusammen verlebt haben: aber am meisten und nicht ohne Herzensrührung dachte ich an Dich, als ich neulich Deine ...... las. Wie war mir da die Erimitage, der weiße Tisch, Dein Bette, alles gegenwärtig und lebhaft: wie dachte ich da so recht bewegt an Dich, mein Busenfreund, dem ich noch in diesem Jahre mein Herz ausgeschüttet habe, und nun ruhiger bin.

Schreib mir doch bald, was Du machst? Du arbeitest nun wohl schon etwas Künstliches bei Deinem Tischler ! ich weiß nicht, hier mitten in der faden Stadt, beim Geräusche der Karossen, und dem Anblick der vielen auflaurenden Leute sind mir jene Natur-Ideen bald ganz verschwunden; jene einfache patriarchalische Lebensart ist mir noch immer theuer und werth; ich fand mich doch dabei wohl, und ziehe sie alle den Seele stumpfmachenden Mahlzeiten sogenannter B** vor. Wenn man nicht brav isset und trinkt, so verachtet man sie nach ihrer Meinung. Doch bin ich nicht in dem Falle.

Hier im Hause meines Vaters habe ich mich so ganz in mich versenkt, und lebe ruhig, still und einsam.

[96]

Nur fehlt mir Muth und Aufmunterung, mein Geist kann nicht so wirken, wie er nun gern wollte: ich trage dieß gelassen, weil ich es wohl selbst verschuldet.

Doch möchte ich bald, ach! bald aus dieser unthätigen Lage gerissen werden, — zum Wohl der menschlichen Gesellschaft arbeiten. Wenn ich itzt bei Dir wäre, wie wollten wir zusammen arbeiten.

Wenn ich denn so einmal irgend etwas in eine periodische Schrift einrücken könnte, und dadurch in Ruf käme;

Glaub sicherlich, mein Bester, damit ich Dir auch nichts verheele, daß ich mich itzt tausendmal bei Dir wünsche; wie könnten wir nun vergnügt seyn, da jene unglückliche Idee, die mich so zurückgebracht hat, mich nun nicht mehr beherrschet; ach! ich muß es Dir nur frei bekennen, ich kränke und gräme mich hier so in der Stille, daß ich nicht thätig seyn kann, und hier deßwegen so im übeln Ruf bin.

Denn heißt es, der Mensch hat nichts gelernet, er prediget nicht. Solche Vorwürfe mache ich mir selbst: ach! wäre ich itzt bei Dir, wie könnte ich nun dreist zum Professor ** gehen, und um Information bitten, ich wüßte gewiß, daß es mir gelingen würde: an Dir hatte ich doch einen Freund, mit dem ich mich unterhalten, über meinen [97]Zustand sprechen, ihm mein Leiden klagen, und dadurch Linderung von ihm hoffen konnte.

Ach! ich habe noch verschiedenes auf meinem Herzen, das ich dem Briefe nicht anvertrauen mag, und was ich nur so Dir allein klagen möchte; ich bin hier wie ein Fremdling in meinem Vaterlande, ich kann mich hier nicht so producieren, wie ich gerne wünschte, ich vergesse hier mein Leiden nicht; ich Elender!

Ich dächte immer, daß ich doch jährlich fünfzig Rthlr. dort leicht verdienen würde durch Information, wenn mir nun mein Vater hundert Rthlr. gäbe, so könnte ich doch ein Jahr mich dort aufhalten. Schreib mir doch ja bald, ob Du in B. zu bleiben gedenkest? Wenn mir das noch fehl schlagen sollte, oder ich sonst keine Hofnung hätte; so thue mir doch die freundschaftliche brüderliche Versicherung, ob Du mich wohl nicht wieder bei Dir aufnehmen wolltest: Du könntest mich ganz allein dann noch retten: glaub gewiß, meine Seele ist jetzt so gestimmt, daß sie es wohl fühlt, was Du für mich gewesen bist: und jene Unruhe, die ich Dir machte, war nur eine Folge jener unglücklichen Idee. Ich war noch immer unentschlüßig.

Wenn ich nun mit der Idee zu Dir komme, ein rechtschaffener nützlicher Mensch zu werden, wie [98]vergnügt wollten wir denn zusammen leben! Nun, mein Bester, schreib mir ja bald wieder, was Du machst, und ob Du gesund bist, das verlange ich besonders gerne von Dir zu erfahren: und wünsche Dir recht viel Gutes, und besonders das edelste Gut der Menschen, die Gesundheit; möchte doch das neue Jahr für mich ein erfreuliches Jahr seyn, und mich aus meiner Unruhe reißen, und zum Ziel der Thätigkeit verhelfen.

Dir wünsche ich auch recht viel Gutes zum neuen Jahre und empfehle mich Deiner fernern Freundschaft und Bruderliebe; verlaß ja mit Deinen freundschaftlichen Gesinnungen und Deiner thätigen Hülfe nicht Deinen Freund und Bruder, der Dich gewiß itzt in Gedanken an sein Herz drücket, und Dir das Beste wünschet. So leb denn wohl, mein bester, lieber **, leb wohl, und vergiß nicht u.s.w.


[99]

Folgende Briefe, in welchen sich schon der erste Keim zu der unglücklichen Theatergrille zeigt, werden mit den vorhergehenden zusammengenommen kein unwichtiger Beitrag zur nähern Kenntniß einer mißleitenden Phantasie seyn.

Den 9ten Februar 1781.

Mein Bester,*) 2

So eben komme ich aus der Oper Armida (es schlägt ein Viertel auf Zehne) noch ganz voll von den bezaubernden Tönen der herrlichen Arien und Recitative dieser Oper, dieses Meisterstücks des berühmten Dresdener Kapellmeisters Herrn Naumann. Und nun noch ein paar Worte an Dich.

Du machst Dich gewiß auf einen rechten langen Brief gefaßt. Du denkst — — versprochenermaßen — muß er recht lang seyn, und auch lang werden können.

Nun, Du sollst denn recht gedacht haben. Also ermüde nicht viel zu lesen; verzeih, wenn ich nicht systematisch schreibe, ich kann es dießmal nicht; so wie mir was einfallen wird, schreibe ich es nieder, mein Herz ist zu voll, sieh! wüßtest Du es, wie es für Dich schlägt; ja, den-[100]ken kann ich freilich nicht immer an Dich; aber Dich auch vergessen — kann ich nie.

Wie könnte ich böse auf Dich seyn! oder wie könnte gar Dein kurzes Stillschweigen dieß verursachen. Nein, Du schreibst nun recht oft an mich, und dann sollst Du auch bald wieder etwas von mir, und recht viel hören.

Ja, ich kenne Dich — glaube Dich ganz zu kennen. Ich weiß auch, woran Dein langes Stillschweigen gelegen hat. Anhaltende Arbeiten, dachte ich gleich, müssen daran schuld seyn, und Dein Brief bestätigte mir dieses.

Nun schreib, wie Du auch mir versprichst, recht oft. Schreib mir Deine glücklichen (und auch, wenn sich dergleichen zuweilen äußern) Deine minder glücklichen Schicksaale, keiner wird an beiden mehr Antheil nehmen, als Dein lieber Freund und treuer Bruder.

Ach! noch sind wir fern, noch von einander getrennt, gewiß noch einige Jahre, langer Zeitraum! ach! möchte uns doch einmal die Göttin Fortuna zusammen an Einen Ort führen, gern, gern wollte ich ihr einen Kranz winden. Denn dies wäre so mein Lieblingsgedanke.

Wir beide an Einem Ort (und das an dem Ort, wo Du itzt bist,) zu B., soll ich noch mehr wünschen, an Einem Institute, gemeinschaftliche Arbeiter für die Jugend, oder doch beide Redner für das Volk, und dann doch Ein Geschäfte! o Wonne-[101]Gedanke, o meine Lieblings-Grille — Mittel-Punkt meiner Wünsche, wohin sie sich alle sehnen.

Du, und ich, in B.! — nur freilich noch auf ein paar Jahre ein vergeblicher Wunsch. —

Dem Hange zur Traurigkeit suche so viel als möglich nicht nachzuhängen, ich weiß es selbst aus Erfahrung, giebt man einmal einem traurigen Gedanken Platz in der Seele: so sucht er sich in ihr zu befestigen, und selbst die Waffen der Vernunft vermögen nichts gegen ihn. Suche Dich alsdann so viel als möglich zu zerstreuen: damit solche Gedanken nicht bei Dir einwurzeln.

So schreibt ein Student schon aus seiner Erfahrung dem durch Schicksale geprüften Manne Regeln vor.

Ich wollte Dir wohl meine schwachen Versuche von Predigten zuschicken, allein ich habe solche nur Einmal schriftlich liegen, und dazu etwas unleserlich. Am 2ten Februar kam ich hier Abends um acht Uhr an, und an dem darauf folgenden Sonntage als am 4ten Februar predigte ich zuerst hier vor dem Petri Thore über das Evangelium am Tage der Reinigung Maria, Luc. 4, 22-32. und nahm von dem herrlichen Ende des frommen Simeon eine Veranlassung die angelegentliche Wahrheit zu betrachten:

»Nur der wahre Christ, der Freund Gottes und der Tugend kann nicht anders als mit Freuden an den Tod denken.«

[102]

a) Die Ueberzeugung eines ruhigen und guten Gewissens.

b) Die Versicherung einer seeligen Unsterblichkeit.

c) Der Ausgang aus einer leidensvollen Welt.

d) Der Eingang in eine seelige Ewigkeit.

Dies waren die vier Gründe, womit ich zeigte, warum der wahre Christ etc. sein Leben ruhig beschließen könnte. Die Predigt fieng ich mit den drei ersten Versen aus dem Liede von Gellert an: Meine Lebenszeit verstreichet etc. und dem letzten: Tritt im Geist zum Grabe oft hin. Nach dem Thema wiederholte ich den dritten Vers: Nur ein Herz das Jesum liebt etc. und beschloß meine Predigt mit dem letzten Vers No. 570 aus dem Braunschweigischen Gesangbuche: a Ich will dich noch im Tode erheben. (Dieß Lied ist vom Professor Eschenburg.) Es schlägt zwölf Uhr, ich bin müde.


Den 10ten Februar.

Nun, meine Erstgeburt der Predigt habe ich einer Landgemeine zu R.. nahe bei H.. am 2ten Advent 1780 gehalten, über das Evangelium Luc. 21. Und es werden Zeichen geschehen etc. Ich predigte die Gewißheit eines künftigen allgemeinen Weltgerichts, (fieng meine Predigt mit dem Vers 1. aus dem Liede 243 an: »Schon ist der Tag von [103] Gott bestimmt etc.) das sagt uns schon die Vernunft, das bestätigt uns die Schrift, das bezeuget uns unser Gewissen. Darauf folgte dieser Vers:

Tag des Gerichts! Du wirst erscheinen,
Wie Schrift, Vernunft, Gewissen zeigt!
Hörst auf die Wahrheit zu verneinen,
Schweigt alle — Zweifler — Spötter —
schweigt!
Glaubt mit uns, das ist eure Pflicht,
Ein allgemeines Weltgericht.

Eins mußt Du mir erlauben Dir aus dieser Predigt zu schreiben, eine Stelle, die gewiß meine Reise nach B. schuff. Sie ist diese:

»Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht; d.h. Eher können Himmel und Erde vergehen, als daß diese meine Reden nicht erfüllet werden. Jesus verband die Verkündigung dieses allgemeinen Gerichts mit der Verkündigung des Gerichts über Jerusalem. Wo ist jetzt diese Stadt? Sie ist Asche, und was sie ist, wird einst die Welt seyn. Alsdenn aber, wenn jener Gerichtstag des Herrn gleich einem nächtlichen Diebe kömmt, dann werden die Himmel mit Krachen zergehen etc. Nun besonders diese Worte: — Wo seyd ihr dann, ihr königlichen prachtvollen Städte, Ihr kleinen Welten, mit euren bis an den Himmel reichenden [104]Zierden, bei deren Anblick der Verstand des Sterblichen schwindelt, und kein menschliches Auge sie erreichet? Wo bleiben dann eure bis in die Wolken gethürmten Palläste: Ihr, die Ihr durch eure Größe und durch den Reichthum eurer Pracht jeden sich euch nähernden Wanderer (ich dachte hier an die Leipziger Straße) täuscht, und in Erstaunen setzt: wo seyd Ihr dann? oder was seyd Ihr dann? — Asche! Zertrümmern werdet Ihr, Ihr Palläste, Ihr, die Ihr oft sich Götter dünkende Bewohner faßt, Sitze des Wohllebens und »der Ueppigkeit, deren goldenes Getäfel oft viele Schandthaten deckt.« Mein Schluß war dieser:

»Großer und erhabener Richter, sei mir dann nicht schrecklich, dann nicht, wenn ich einst vor deinem Richterstuhl erscheine, gieb, daß ich alsdann würdig befunden werde, zu entfliehen, in allem, das alsdann schreckliches geschehen soll. Amen! Weltrichter und Heiland, — Wenn ich dich dann mit allen Engeln Gottes schauen werde, so will ich dir noch danken, daß du meines Angesichts Hülfe und mein Gott bist.« (Dieß war eine Nachahmung des Schlußes Deiner Predigt.) Nun der Schluß dieser: Ich habe einen guten Kampf gekämpfet, ich habe den Lauf vollendet etc. Nun Herr, wirst du mir auch beilegen die Krone der Gerechtigkeit, die du mir geben willst an jenem Tage, nicht mir aber allein, sondern auch allen, die deine Erscheinung lieb haben. [105](Eine laute feierliche Declamation denke Dir hierzu. —)

Tag des Gerichts! wenn du wirst kommen,
Dann werden wir es völlig sehn,
Wohin die Sünder und die Frommen,
Geschieden von einander gehn;
Gerechte gehn zum Leben ein,
Die Sünder ein zur ewigen Pein.
So lief es recht gut mit dieser ersten Predigt ab.

Ein englisches Buch the life of David Garrick Esq. (Lond. 1780) ich kann es hier nicht haben, ich schicke auch dafür 8 Gr., solches ist noch nicht übersetzt, ich wollte mich daran machen, und das Manuscript Dir dann zuschicken, und es in B.. drucken lassen, was sagst Du dazu? Ich hätte große Lust.

Es ist nicht stark, ich würde bald damit fertig, und ich möchte, wo nicht Autor, doch nur Uebersetzer seyn, das heißt, gern einmal was drucken lassen.

Voller Begierde gieng ich zu Gebler hin, aber er hatte es nicht; ich glaube, der vierte Theil wäre schon übersetzt, wenn ich es vor acht Tagen gehabt hätte. Du erzeigst mir also eine große Gefälligkeit, wenn Du mir beides bald, sobald als möglich schickest.

Wenn Du mir einige Musikalien schicken könntest, ganz neue, so würdest Du mich als einen [106]großen Liebhaber der Musik sehr verbinden. Wenn Du von Reichards kleinen Clavierstücken Rondeaux etc. mir etwas schicken könntest oder aus Robert und Calliste die Arie: Uebermannt von tausend Leiden etc. b


Den 11ten Februar.

Heute predigte Herr Pastor B. an St. Martini (der noch immer hier zu den besten Rednern und guten Schilderern der menschlichen Charaktere gerechnet wird) über die Epistel. Vor acht Tagen predigte er in der Brüdernkirche des Nachmittags, wo ich auch zum Kreutzkloster geprediget; es war mir sehr angenehm, einen solchen Mann über dasselbe Evangelium an dem Tage noch hören zu können. Er hatte eine sonderbare Materie, ganz entfernt von der meinigen, nämlich »die Schätzung der Greise« war sein Thema; von dem Simeon hergenommen. So soll er itzt überhaupt ganz neue Materien aufbringen. Neuerlich im Weihnachten in der Schloßkapelle die Sendung Jesu, als den höchsten Beweiß der Vaterliebe Gottes: und man muß andere nicht zu sehr rühmen, und wie man im Lobe verfahren soll.

Lauter neue Sachen sollen der Inhalt gewesen seyn. Die Predigt von der Schätzung der Greise, die ich nun selbst gehört, hatte freilich viel Neues, gute Schilderungen der menschlichen Charaktere [107]bis auf das Kleinste ist seine große Stärke, er detaillirt den Menschen sehr gut, in den besten dazu gewählten deutschen Ausdrücken, er verräth große Menschenkenntniß und Studium derselben, sein Vortrag ist Plan und daher beliebt. Meiner Meinung ist auch diese Popularität im Reden das Schwerste, und man kann sich leichter an das Erhabene gewöhnen, und es fällt einem nicht so schwer, ich weiß dieß aus Erfahrung; ich hinke auch gern zu diesen kleinen Fehler hin, ich gestehe es Dir frei, ich liebe das Pathetische im Ausdruck, und es wird mir auch nicht sauer den hohen Ausdruck zu finden, eher als den regulären und eben so verständlichen und nicht mehr sagenden Ausdruck.

Ach! laß mich so noch ein bischen mit Dir schwatzen, wir haben ja lange nicht mit einander geschwatzt.

Noch gestern bin ich mit in der Probe zur Oper: die Eifersucht des Bauren etc. gewesen, die am Dienstag gegeben werden soll. Kömmt der Bischof von Osnabrück, der itzt zu Hannover ist, so wird hier eine große Oper im Opernhause auf dem Hagemarkte gegeben. Die wünschte ich wirklich zu sehen, und der zu gefallen, käme ich denn wahrlich von H.. einen Abend wieder herüber. —

Jetzt schlägt es neun Uhr, und ich will A.. in der Schloßkapelle hören. Nun, er hat gere-[108]det von dem sündlichen Klagen der Menschen über die Vorsehung des Höchsten. Er hat die Quellen dieser Klagen gezeigt, und die Natur und Beschaffenheit der göttlichen Vorsehung genauer erwogen. Die Kirche war ziemlich voll, alle Fürstliche waren darin, der Herzog und die Herzogin, Erbprinz, und alle andere Prinzen, die verwittwete Herzogin, und die Aebtißin.

Ich dachte gleich an den König von Preußen, wie ich seine ehrwürdige Schwester sah. Kurz, ich hätte heute wohl in der Schloßkirche predigen mögen. Die Prediger im Ministerio werden nun alle in einen Wagen vom Hofe abgeholt. Herr Pesch, der berühmte Musikus, fällt mir dabei ein, hat vom regierenden Herzoge einen herrlichen Pelz zum Geschenk bekommen, da ihm im Orchester gefroren, er sowohl als Herr Marcus spielen beide im Orchester mit, man erwartet sonst diese beiden nicht im Orchester, es ist mit zweiunddreißig Personen besetzt. Sie haben zwei Capellmeister selbst bei sich, der Prager spielt den Flügel, der Wiener agirt mit; Saporetti, zwei Frauenzimmer, die von Berlin, und unmittelbar von Leipzig hieher gekommen, agiren und singen mit vielem Beifalle; die eine habe ich am Freitage in Armida selbst singen hören, sie singt herrlich. Adispirates affetto-tremar, diese Arie sang sie vortreflich.

Madam Bologna singt auch herrlich, und die beiden Castraten Calcandi und Patrazzi bleiben Ca-[109]straten, ich habe noch nie einen Castraten singen hören, es war mir sehr auffallend, einen koloßalischen Menschen mit einer Kanarien-Stimme zu hören. Armida hat mir sehr gefallen, es hat erschütternde Scenen. Z.E. der Marsch, den das Orchester spielt, wenn die Soldaten unter Anführung ihres Helden über das Theater marschiren, hierbei ward mir kalt und warm, auch bei der Scene, wenn ein Gewitter die Soldaten aus ihrem Lager zerstreuet, und Armida über das Theater im Siegeswagen fährt, und selbst ins Lager kömmt. Solches Eclatante und Brillante habe ich noch nicht gesehen.

Herr Pastor B.. predigte in der Epistel heute über die Verläugnung der Welt bei der Uebung des Christenthums, und Herr Pastor H.. schilderte den Neid schrecklich in der Doctorspredigt über das Evangelium.

Künftigen Mittwoch den 14ten Februar wird Armida zum zweitenmal gespielt, dann bin ich wohl schon wieder in Helmstädt. Ich bin

Dein ewiggetreuer

P * *

Leb wohl — — Adieu, mein Bester!

Symb. Man! Know thyself all wisdom centres there c

Fußnoten:

1: *) Diesen Brief erhielt ich von ihm, unmittelbar darauf, als er von mir wieder zu seinen Eltern nach B. gereißt war.

2: *) Nichts ist sonderbarer in diesen Briefen, als der immerwährende schnelle Uebergang von Komödie zu Predigt und von Predigt zu Komödie, gerade in dem Punkte, worin beide in der Phantasie des Schreibenden immer zusammen trafen.

Erläuterungen:

a: Eschenburg und Küster 1780.

b: Robert und Kalliste oder der Sieg der Treue. Komische Oper von Pietro Alessandro Guglielmi, 1767 uraufgeführt. Eschenburg übersetzte die Oper (Uraufführung 1775) und publizierte die Arien und Gesänge in seiner deutschen Übersetzung (Eschenburg 1775).

c: Edward Young, The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death, and Immortality. "Night 4. The Christian Triumph", Z. 484.


[110]

Geständnisse über das Vermögen künftige Dinge vorherzusehen.

***

Woher es kömmt, daß man mir mehr zutraut, als wirklich mein Wissen ist, weiß ich nicht; genug, man zwang mich aus Scherz Prophetin zu werden.

Blos aus Geselligkeit, nachdem ich mich genug geweigert, sage ich jemanden allerlei Dinge, von denen ich behaupte, sie würden nie eintreffen.

Im Scherz gefodert, im Scherz gesagt, wie es zugegangen, daß es eingetroffen, weiß ich mir noch jetzt nicht zu erklären.

Nachher sollte und muste ich den Weissagergeist haben; da ich aber sah, daß es bisweilen dazu diente, kleine Händel bei meinem Geschlechte zu stören, so nutzte ich die Einbildung meines Nächsten von mir zu einen guten moralischen Endzweck, glaubte hin und wieder Nutzen zu stiften.

Aber wie es nun geht, das Außerordentliche setzt in Ruf.

Da ich fand, daß der Glaube an mein Vorhersagen künftiger Dinge zu sehr befestiget ward, hielt ich ein, sagte nur aus Gefälligkeit gemeine Sachen, ließ es mir aber merken, daß mir solche Forderungen zuwider wären, und so hat es aufgehört.

Nie habe ich etwas gesagt, was den Hörer in Schrecken setzen konnte. Aber lassen Sie sich einige Dinge erzählen:

[111]

Eine Krankheit meines Mannes machte es nothwendig nachher mit mir ins Bad zu gehn. Dort trift man, wie Sie wissen, der Gesellschaft viel.

Ein Land-Cavalier hatte sich zur Lust, jemanden zu überraschen, im Predigerrock versteckt.

Der Scherz glückte; der Mann, dem es galt, verkannte ihn. Ich aber sagte: spotten Sie nicht mit dem schwarzen Rock, vielleicht kommt noch unter vierundzwanzig Stunden ein Bothe, und meldet Ihnen etwas, wo sie wirklich nachher einen tragen müssen. Wann es aber geschiehet, so bedeutet es eine reiche Erbschaft; auch liegt der Kranke Ihrem Herzen nicht nahe, wohl aber der Frau Gemahlin, gehen Sie zu dieser, um sie zu trösten.

Wirklich sagte ich dies, um seine Lust zu dämpfen, er nimmt es auch so; nachdem er ins Haus tritt, findet er schon den Bothen.

Sein Schwager wird gemeldet, verlangte ihn zu sprechen, wenige Stunden seines Lebens wären nur übrig.

Der Cavalier reist, der Schwager stirbt, die Frau erbt ansehnlich, die die Schwester des Todten war.

Ich gestehe, mir war dieß, wie manches andere, unbegreiflich.

Eben der Art sind manche Dinge vorgefallen, die ich nicht hersetzen kann, um nicht zu weitläuftig zu werden.

[112]

Doch noch eins in anderer Art: mit einer meiner Freundinnen besuchte ich einen Garten, wir sind alleine, lange will sie sich nicht aufhalten, weil ihr Mann Besuch auf den Abend erwartet, ich sage also: gehn Sie, noch einen Freund werden Sie finden, der Ihnen lieb ist, der andere aber, den Sie erwarten, wird Ihnen sehr zur Plage werden.

Sie lacht, sieht ein, warum ich dieß sage, weil ich sie von ihrem Hause nicht länger abhalten will, und aus Scherz dieß letztre einmische.

Die Antwort war: der Gast, den wir erwarten, ist der beste Mann, kann nie quälen.

Da sie in ihr Haus tritt, findet sie wirklich einen lieben Freund vom Lande, sie lacht, sagt, daß sie diesen Besuch schon vorher gewußt; ihr Gatte wundert sich, sie erzählt, was ich gesagt, auch daß die noch zu erwartende Person zur Last fallen würde.

Man hält dies ohnmöglich; der Mann kömmt, hat sich durch einen andern Freund zum Trunk reitzen lassen, seiner Stärke zu viel getraut; kurz, er ist unausstehlich, und geräth zuletzt in einen Zustand, wo man ihn in sein Quartier bringen muß.

G** den 23sten October 1785.

***


[113]

Auszug aus einem Briefe.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Speier den 29sten December 1785.

Mein Bruder, ein Jahr älter als ich, hatte eine Imagination, die sehr lebhaft und empfänglich war, und deswegen auf einem Vorwurf nicht lange aushielt, die alte Idee von jeder neuen sinnlichern und also reitzbarern verdrungen wurde; überhaupt war ihm der Eindruck in seiner Einbildungskraft von minder interessierenden Gegenständen und Vorstellungen, in dem Moment eines fühlbarern dahinreißendern, nur augenblicklicher Eindruck — nur vorbeistreichende Lüftchen, und sein Blick blieb nur so lange auf demselben, bis ein plötzlicher stürmischer Windstoß das alte Gebäude der Phantasie erschütterte und den Grund zerstörte.

Mit eilf Jahren ging er mit einem Schulfreunde um, der desselben Temperaments war; dieselbe Viertelstunde zum ersten Erscheinungsmoment unter den Erdesöhnen hatte; dieselbe Milch zur Nahrung sog. Beide lasen einige Zeit her ausrufende Aszeten und mährchenvolle Lebensbeschreibungen von Heiligen.

Unter andern zog die Lebensart und der heilige romantische Wandel der Waldbrüder ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Nichts lieber und ergötzender war ihnen, als ein Geschichtchen zu lesen: wie ein frommer Mensch sich entschloß aus der Welt zu reisen; wie er sich [114]ein ödes Plätzchen tief in der Wildniß unter den Wohnungen von Löwen, Bären, Tiegern, Schlangen, Wölfen und andern wilden Thieren auswählte; sich da aus vier Stangen ein Hüttchen bauete; rohe wilde Kräuter zum Mittagsmal speißte; den ganzen Tag zum Himmel verseufzte und den Rücken blutig schlug, oder in Dornen zur Abkühlung des Fleisches sich wälzte; wie er bald diese, bald jene Versuchung vom Teufel ausstehen mußte, der ihm nun in seiner wahren anerkannten Gestalt, mit Hörnern, einer Adlersnase, mit Schwanz, zottigen Geisenfüssen und Drachenflügeln; ein andermal in der Maske eines schönen, reitzenden Weibes, eines verstellten Seraphs, oder eines alten Mannes, und wer weiß, in wie vielen tollen durch Aberglauben erzeugten Gestalten noch erschien; dann in seinem Grabe schlief; die wildesten Thiere zu seinen Freunden hatte, und also aus Haß gegen das Menschengeschlecht, aus dem dümmsten Mißverständnisse und der unverschämtesten Schwärmerei, den Menschen auszog, auf allen Vieren kroch, und seine Vernunft zur Bestialität herabstimmte. — Genug, solche Geschichtchen, die sie für göttliche Wahrheiten hielten, waren ihnen die anzüglichsten — ihre Lieblingsgedanken und Beschäftigungen.

Sie fingen an, an einem einsamen Orte eine Stube auszuzieren; bald hing sie voll Bilder erdichteter Scenen und Personen; und sammelten [115]Lebensbeschreibungen der vierzehn Nothhelfer und der übrigen Heiligen.

Die ersten hatten einen redlichen Jesuiten, die andern den berühmten ehrwürdigen Kapuziner Martin B.. zum Verfasser, treflich gewählt! aber sie in ihrer Schwärmerei nur mehr zu stärken; Und so wurde in feierlicher Stille, in geistlichen Versenkungen der größte Theil des Tages durchgebracht, und die Phantasie durch immer mehr sich vermehrende, angenehme schmeichelnde Geburten des zügellosesten Wahnsinnes, auch allmälig zu höherm Grade von Lebhaftigkeit angefeuret.

Endlich wurden die Bilder der Phantasie in ihrer Seele so lebhaft, stark und dringend, daß sie sich nun schon aller übrigen Vorstellungen bemächtigten; und in dieser siegenden Darstellung nur nach ihrer Realität, sich nur nach wirklicher Befriedigung sehnten; mit Ungestüm die Hülle des drangvollen Herzens, des phantasierenden Kopfes, in die Hülle von Wirklichkeit, von sinnlichen Befriedigungen auszugießen.

Sie entschloßen sich, dem Beispiel ihrer Helden zu folgen, ihnen ihre Thorheiten, ihren religiösen Unsinn thätig nachzumachen, so wie sie, Menschen, Welt und allen Freuden des gesellschaftlichen Lebens zu entsagen, und unter Thieren im Walde als Thier zu leben. Sie entschloßen sich, Kleider und etwas Wäsche zusammenzupacken; und Bücher, die von ihrer künftigen Lebensart handel-[116]ten, durften ja nicht zurückbleiben; denn aus diesen wählten sie ihre Vorgänger zum Muster und unverbrüchlichen Siegel ihrer Handlungsweise, ihres Wandels, und ihrer ganzen Einrichtung.

Von Kleidungsstücken sollten sie nur etwas weniges mitnehmen; denn was brauchen sie viel in ihrer Wildniß, und im Nothfalle giebt es ja Thierhäute, Pflanzen und Blätter.

Zur Nahrung wollten sie nichts bei sich haben, da ihnen die nächste beste Wurzel Speise war.

Nun sahen sie schon mit Entzücken vor sich hin, wie bald ihr Leben heilig, Gott und die Engel ihre Freunde und Gesellschafter seyn würden! wie sie bald durch himmlische Gesichter und Entzückungen begnadigt, die Himmelsseeligkeiten schmecken, und in ruhigen, einsamen, geistlichen Unterredungen, in ungestörter Andacht und in den frommen, seeligen Empfindungen bei aszetischen, schwärmerischen Betrachtungen zufrieden und glücklich seyn würden, dann getrost und wonnevoll die Stunde der Auflösung hienieden, ihrer Aufnahme unter die schon verklärten Mitbrüder und der allgemeinen Verehrung ihrer Verdienste und Heiligkeit, zu umarmen! Romanenmäßiger konnte ihr wirklicher Gemüthszustand nicht seyn.

Sie wollten nun als religiöse Donquixote auf moralische Abentheuer ausziehen.

Sie bestimmten also die Zeit ihrer Pilgrimsreise, und zwar die Nacht.

[117]

Nun kam sie herbei die Nacht, und ein Zufall verhinderte die Ausführung des ganzen Projektes.

Mein Bruder hatte das, was er zusammenpackte, hinter eine Bude in das Kelterhaus gesteckt; gegen Abend kam der Eigenthümer des Hauses aus irgend einer Ursache hieher, und entdeckte zuletzt den Bündel; Sogleich zeigt er's meinen Aeltern an, diese den Aeltern seines Gesellschafters, und so wurden an demselben Abend alle ihre wonnereichen Aussichten untergraben, ihre Freuden und Hoffnungen zernichtet.

Nachher kam ihnen der Gedanke nicht wieder; denn man nahm ihnen ihre erbaulichen Bücher, und folglich verlöschte das Feuer, da es an Nahrung mangelte.

Nur ein und eine halbe Stunde weit bewohnte auch ein Waldbruder einen mit Wildniß bedeckten Berg bei H...ch; dieser Umstand mochte auch noch viel zur Bestättigung ihres Entschlusses beigetragen haben.

Sie wollten erst zu dem gehen, um sich von ihm wegen der gewählten Lebensart berichtigen, und näher belehren lassen; dann über Berg und Thal, über Wald und Heiden ihre Wallfahrt bis zu einem für ihren Aufenthalt bequemen Ort fortsetzen. —

Uebrigens sieht man aus diesem jugendlichen Fragmente, wie das Kind so alles sinnlichen empfänglich ist, wie seine Anlagen in Hinsicht auf ihre entwickelte Richtung durch jeden der Einbildungs-[118]kraft schmeichelnden Eindruck stimmbar sind, wie aber auch schwärmende Vorstellungen in dem Kreise eines religiösen Interesses alle andere verdunkeln, und über den ganzen Menschen siegen.


Als einen Beitrag zur Seelenheilkunde setze ich noch folgendem Aufsatz aus meinem Tagebuche bei: er ist vom 20sten December 1785.

Der Himmel war trübe, und dichte Luft umnebelte die Aussicht. Aus dieser Ursache war es ein unangenehmer finsterer Tag. Gegen Abend begann es kalt zu werden, und die Nacht wurde schneedrohend.

So gegen die Abenddämmerung ging ich an den Rhein spatzieren. Alles sah da so feierlich aus; so still umher forderte alles mein Augenmerk. Die Bäume entblättert, die ganze Flur kahl; bei diesem Anblick entzückte mich ein heiliges Ehrfurchtsgefühl für die Natur, die auch im Winter nicht nachläßt, uns zu überzeugen, wie eine gute, liebevolle, zärtliche Mutter sie ist!

Wie sie bei jeder ihrer Veränderungen das Geschöpf noch mit tausend der reinsten, sättigendsten Freuden zu vergnügen sucht! wie sie Liebe und Glück über ihre Kinder in ewigen Ergießungen verbreitet! wie sie jedem mit offner, segenvoller Brust entgegeneilt, und in ihre beglückende Arme einschließt!

[119]

Noch leere Schiffe, der am Mastbaume klatternde Booze, noch andere um ihn beschäftigte Schiffer; die dahin wallende Fluthen des Rheines, die durch den Wasserfall genährte gegenüberstehende Insel; die schauervolle hie und da von einem Hofe unterbrochene Aussicht; das graue, halbdunkle der sich endigenden Dämmerung; dann meine zwei kleinen stillen Begleiter. —

Dieses alles mit vorerwähnten Gefühlen leitete mich zur entscheidenden Einrichtung und Einschränkung meiner Geschäfte und meiner Aussichten in das Künftige; brachte mich zur Bestimmung der Anzahl und der Auswahl der Gegenstände meiner Arbeiten; flößte so meiner Seele Beruhigung ein, die den tröstlichsten Ausgang und die schmeichelhaftesten Folgen meinen Augen darlegte; erregte Begierden, aber auch schnellen Entschluß zur Ausführung oder Stillung derselben.

So waren sie gleich befriedigt, und ich hatte den vergnügtesten Abend; denn so still und ruhig alles um mich herum war, so war es auch in meiner Seele. Alles ging mit so vieler Gleichheit, Deutlichkeit und Geläufigkeit vor, daß keine Leidenschaft eine andere störte, keine das Maas überschritt und Empörung im innern verursachte, mich des glücklichen Zustandes, indem ich mich befand, entriße, und Verworrenheit oder Unzufriedenheit in meine Züge brachte.

[120]

Und immer werde ich nun die Natur umarmen, wenn aufbrausende Leidenschaften mich bestürmen, wenn eitle, stolze, unumschränkte Begierden mich beunruhigen, wenn innere anwandelnde Finsterniß, unüberwindliche düstere Temperamentslage, alles verbitternder Gram und Kummer des Herzens, leidige hypochondrische Schwermuthsgefühle mir mein Leben unerträglich und freudenlos machen.

Immer will ich da dieß göttliche Mittel anwenden, von meiner Krankheit geheilt, meinen Schmerzen entrissen zu werden; und mich wieder in dem Kreise der Lebenden zu sehen; wieder mein Blut im Körper so sanft und gesund hinwallen zu fühlen — zu fühlen, daß meine Organen wieder offen und zur Empfänglichkeit der Freude gestimmt sind.

Joh. Ludw. David Schlichting.


Ein Brief nebst einer Einlage von Gesichten und Erscheinungen.

Müller, Melchior Ludwig

Augsburg, den 11ten Jan. 1785.

Von der berichteten Affaire in Ihrem Magazin Gebrauch zu machen, überlasse ich Ihrem eigenen Gutbefinden, mir scheint sie in manchem Betracht [121]eines weiteren Nachdenkens und Untersuchens nicht ganz unwürdig; sie kann Aufschluß bei ähnlichen Fällen geben.

Ein hoher Grad der Einbildungs- und Vorstellungskraft abwesender und wirklicher Undinge als gegenwärtig, und so auch gehörter Stimmen, mag wohl alles verursachet haben. Demungeachtet warens doch Seelenwirkungen. —

Jene Weibsperson, die die überschickte Aufsätze verfasset, bleibt bei ihrem übrigens ganz gutem Verstande, noch auf das standhafteste dabei alles so gesehen und gehört zu haben, wie sie beschrieben hat.

Uebrigens ist sie ruhig eines sehr gesetzten Charakters, grübelt im geringsten nicht ferner nach. Ich habe manche, mir von ihr übergebene Aufsätze, noch zurück behalten, um das erste Päckchen, so ich Ihnen überschickt habe, nicht zu dicke zu machen.

Sollten Sie diese Sache einer weiteren Untersuchung werth halten, so steht alles, was ich noch in Händen habe, zu Ihren Befehlen; auch bin ich zu jeder weiterer Auskunft erbötig.

M. Ludwig Müller,

Pfarrer zum heiligen Creutz.


[122]
Die Einlage des obigen Briefes.

Wahrhaftige Anzeigung gesehener Gesichte und Erscheinungen Gottes. Von mir Unterschrieben.

Es heist bei mir: das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte, und meine Zuversicht setze auf den Herrn, daß ich verkündige alle sein Thun u.s.w.

Nemlich was er an Seiten meiner von vorzüglichen Gnaden erwiesen hat, denn im vierten Jahre meines Lebens, als ich mich noch mit kindischen Spielen beschäftigte, und die Magd mit meiner seligen Schwester, die ein halb Jahr alt war, auf die Gasse ging, nachdem sie vorher in einer Bibel, in Folio, gelesen hatte und solche auf dem Tisch liegen ließ, (es war unter einer Sonntäglichen Abendspredigt gewesen) nahm ich das Buch, warf es vom Tisch auf die Bank, und wälzte es mit Händen und Füßen an einen Ort, wo ich gesessen, und stellte die Füße darauf, um desto bequemer meine Puppe an- und auskleiden zu können.

Ich hatte diese Stellung kaum eine Minute behalten, so hörte ich eine Stimme neben mir sagen: Thue gleich dies Buch wieder an seinen Ort; als ich aber niemand sahe, so that ich es nicht. Die Stimme aber sagte noch einmal ernstlich, gleich [123]sollte ich es thun, und es war als wenn mir jemand ins Gesicht faßte. Ich that es gleich mit Furcht und Zittern, konnte aber das Buch nicht auf den Tisch legen, sondern ich rief das Dienstmädchen, sie sollte geschwinde kommen, und das Buch weglegen. Als sie kam und mich allein sahe, zankte sie mit mir und sagte: wer es mich geheißen hätte, sie zu rufen, da doch Niemand da sey.

Bei zunehmenden Jahren war das meine einzige Freude und größtes Verlangen gewesen zu wissen, was doch in diesem Buche möchte enthalten seyn; und ich schäme mich nicht zu bekennen, daß ich solches in meinem Leben zweimal ausgelesen habe, allein das erstemal mit sehr schwachem Verstand und Begriff, bis es nach und nach durch öftere Anhörung der Predigten und Bücher mir begreiflicher gemacht worden.

Im siebenten Jahr meines Lebens war ich nebst meiner Schwester mit kindischen Sachen beschäftigt. Als im Sommer einsmals durch die Stubenkammerthüre eine große helle Flamme erschien, die in der Mitte länglicht weiß war, und so groß als ein sechswochen Kind; es blieb in solcher Stellung am Ofen bei einer halben Stunde, darnach fuhr das weiße Licht voran wieder durch die Kammerthüre, und das Feuer ihm nach. Wir folgten ihm auch nach, fanden aber nichts in der Kammer als meinen Vater und Mutter mit Briefeschreiben beschäftiget. Sie haben aber nichts [124]davon gesehen, und schalten uns aus und sagten: daß außer dem Kristkindlein niemals was zu sehen sei; es blieb uns aber immer im Andenken.

1770 wie ich mit meinem Mann von Straßburg wegen großer Theurung a abreiste, erschien mir Morgens um halb fünf Uhr der Erlöser wie im Traum, und redte bei einer halben Stunde mit mir, ich achtete aber nicht auf seine Reden vor großer Freude, und gedachte nur an das, was ich hernach Alles mit ihm reden wollte, als er aber ausgeredet hatte, verschwand er.

1771 im Monath December erhielte ich immer widrige Zuschriften von meinem Mann, welcher in Augsburg war, und ich in meinem Vaterlande; diese bewogen mich den Entschluß zu fassen, aufzuhören zu beten, und gedachte, es sei doch vergeblich, Gott der Herr erhöre und gedenke doch nicht an mich, und am Sonntag Abend dankte ich Gott noch vor alles zum letztenmale, war aber willens doch noch in die Kirche zu gehen, ich ging zu Bette.

Morgens erwachte ich, ich wuste nicht, welche Zeit es war. Mit einemmale wurde es heller Tag zu meiner größten Verwunderung, und neben meinem Bette saß eine himmlische Mannsperson von etliche sechzig Jahr alt im blauen Gewande. Sein Angesicht war wie weiß und rother Crystall, sein Haar lichthell; er sahe mich sehr beweglich an, und sagte: halt an, halt ein, halt aus; ich redete kein Wort, sondern gedachte, wie muß ich das ver-[125]stehen, da gab mir auf der andern Seite eine junge Person von achtzehn Jahren zur Antwort, die auch so schön war, halt an am Gebet, halt ein im Vertrauen gegen Gott, halt aus in deinen Anfechtungen. Während daß sie so redeten, war es wie ein Sonnenschein an der Diele gewesen, der ging hin und her, und hernach in die Kammer; als er fort war, war es als wenn man mir Haare ausraufte, es war aber erträglich. Der Schein kam wieder, und der Schmerz verging; er ging wieder dahin, da war mirs am Rücken als wenn man mir mit Zangen das Fleisch herunterrisse; er kam wieder, da wurde es wieder besser. Der Schein ging wieder weg, da wars, als wenn man mir die Schulterblätter auseinanderrisse und das Herz aus seiner Stelle nahm, und solches zwischen den Schultern sterben ließe; ich gedachte, das ist gewiß die Stunde des Todes, und da ließ sich noch neben der jungen Person der Teufel sehen; er kam hinter der Bettstelle am Rücken hervor, ich sahe aber nur einen Arm, zwei Spannen dicken Schwanz, wie eine Schlange, und so den Hals und halben Kopf. Ich hatte ihn nicht ganz gesehn, denn die junge Person stieß ihn mit dem Ellbogen zurück. Sie hielte mit der einen Hand die Hauptnath und die andere streckte sie gegen die Fußnath; so ausgespannt stund sie von Anfang bis zu Ende. Da kam der Schein wieder, und beide Personen sahen ihn sehr traurig an, und die [126]junge Person sagte zu ihm: Herr, laß es genug seyn! und wiederholte es dreimahl; in während er dieß sagte, sahe ich an ihm grosse weiße Flügel wie Blitz, und wuste also, daß es ein Engel Gottes war; darnach ging der Schein weg, die Personen verschwanden, und der Tag wurde wieder in die Nacht verwandelt, und mir wurde das Herz wieder in seine Stelle gesetzt, und der Schmerz verging und ich stund gleich auf. Da war es fünf Uhr.

1772. Vor meiner Abreise von Lindau hatte ich die gnädige Erscheinung des Erlösers wieder gehabt, Morgens um halb fünf Uhr, auch wie im Traume und allemal weiß in der Kleidung und Person.

1773. Als ich nun mein Vaterland wieder verließ und zu meinem Ehegatten hinkam, machte er mir das Leben so bitter, denn er glaubte, daß ich daran sterben sollte; da entschloß ich mich, wider meine Gemüthsart, mit ihm zu raufen und zu schlagen, welcher dann zuerst todt ist, der sei todt, denn ich dachte, ich könnte Lebenslang eine solche widrige Ehe mit ihm haben, (wie es nachgehens auch geschehn war) und es stehe wohl in der heiligen Schrift: dieser Zeit Leiden ist nicht werth der Herrlichkeit, die an uns soll offenbahrt werden, aber mein Leiden sei grösser, und ging, wie allemahl, mit vielen Thränen zu Bette; Morgens erwachte [127]ich um vier Uhr. Da war es einsmal, als ob ich in Lindau in meiner Eltern Haus auf der Diele stand, und sahe am Himmel einen Pudelhund gehn. Als er vorbei war, so that sich der Himmel auf bis herunter zu mir, und meine Augen wurden mir geändert, solche Klarheiten zu sehen, denn ich sahe viele 100000 Meilwegs weit; die Wohnung Gottes war in der Mitte mit blauen Wolken umgeben, und ringsherum lauter Klarheiten von so schönen Farben, die die Welt nicht hat, und in einer jeden Farbe standen viele Millionen Menschen, gekleidet, wie die Klarheiten waren; z.E. in der rothen roth, in der gelben gelb, und sie sahen alle der Wohnung Gottes zu. Darnach kam ein sehr schönes Frauenzimmer aus dieser Wohnung heraus, gekleidet mit vielerlei Himmelsglanz und eine Krone auf dem Haupte, und von drei Engeln begleitet; einer führte sie an der rechten Hand und der andere an der linken, der dritte ging nebenher und zeigte ihr die Personen, die in den Klarheiten standen; sie sahen sie alle an. Hernach wurde der Himmel wieder zugeschlossen, und in einer Minute wieder aufgethan, wie vorhin, allein das Frauenzimmer und die Engel waren nicht mehr zu sehen, sondern der Erlöser kam mit einem Gefolge aus der Wohnung Gottes heraus zu mir herunter durch alle die Klarheiten, und sahen mich, wie der Erlöser, lächelnd an; sie waren alle, wie er, weiß gekleidet, und wo sie gingen, war weiße Klarheit. [128]Als er so nahe bei mir war, daß ich mit der Hand seinen Fuß reichen konnte, erschrack ich, und war in meinem Bette. Es war halb fünf Uhr, und ich stand auf, und gedachte, daß mein Leiden nichts sey gegen jene Herrlichkeit.


Erläuterungen:

a: Vgl. Erl. zu II,1,45.

Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Revision der drei ersten Bände dieses Magazins. 1.
Sprache in psychologischer Rücksicht, vom Herrn Rektor Bauer in Hirschberg. 56.
Auszug aus einem Briefe über Ahndungen und Feuerbesprechen. 70.
Ueber die Zeichnung jugendlicher Charaktere, von Herrn Seidel. 78.
Nebeneinanderstellung jugendlicher Charaktere, von Herrn Seidel. 80.
Belege zu dem Aufsatze: ein unglücklicher Hang zum Theater. 85.
Geständnisse über das Vermögen künftige Dinge vorherzusehn, von Madam ***. 110.
Auszug aus einem Briefe über religiöse Schwärmerei, nebst einem Beitrag zur Seelenheilkunde. 113.
Noch ein Brief, nebst einer Einlage von Gesichten und Erscheinungen. 120.