ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz.

Dritten Bandes zweites Stück.

Berlin
bei August Mylius 1785.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Dritten Bandes zweites Stück.

Zur Seelenkrankheitskunde.

I.

Jakob Varmeier,

(ein Mörder nach einem apocryphischen Buche in der Bibel.) a

Evers, Karl Friedrich

Jakob Varmeier, aus Osnabrück in Westphalen gebürtig, dessen Vater gleichfalls Jakob genannt, Licentiatus Juris und Praktikus, wie auch Rath- und Gaugraf im Dienste des Bischofs daselbst war, widmete sich den Wissenschaften, und, nachdem er die Schule seines Geburtsorts verlassen, der Rechtsgelahrtheit anfänglich zu Helmstädt zwei Jahre, hernach aber von Anno 1614 zu Rostock, übte [2]sich hiernächst im Disputiren, las Kollegia und war, wegen seines Fleisses, guten Sitten, ehrbaren und frommen Wandels, bei Hohen und Niedrigen, besonders auch in Rostock, beliebt.

Die praktische Rechtsgelehrsamkeit desto näher kennen zu lernen und demnächst in Ausübung zu bringen, bewarb er sich um die Sekretairstelle bei dem der Zeit zu Sternberg befindlichen Hof- und Landgericht. Ihm ward solche im September 1626 übertragen; jedoch, obgleich seine Vorgesetzten sehr wohl mit ihm zufrieden waren, resignirte er einige Zeit hernach, ging wieder nach Rostock, befaste sich mit der Advokatur und ward, etwa im Jahr 1630, in die Zahl der Kandidaten zur Doktorwürde auf sein Ansuchen aufgenommen.

Inzwischen hatte er sich — das Jahr ist aus den Akten nicht zu ersehen — verehliget, und wohnte nebst seiner Schwiegermutter zu Rostock in einem ihr eigenthümlichen Hause am Markte.

Sein Gemüthscharakter — dieser hat in die Folge der Geschichte einen zu wichtigen Einfluß, als daß er unberührt bleiben könnte. Schon in den kindlichen Jahren war er von seinen Brüdern durch sein blödes und melancholisches Temperament sehr abstechend, dahero er auch alle rauschende Spiele der Jugend vermied.

Beunruhigende Gedanken machten seine Nächte schlaflos. Während des Auffenthalts bei seinem [3]Oheim, der Sekretär in Lübeck war, etwa im Jahr 1622 nahm seine Schwermuth so sehr überhand, daß er sogar bei einer Promenade auf dem Walle, wäre er nicht daran verhindert, sich davon gestürzet, oder sonst etwas gefährliches vorgenommen hätte, welches veranlaßte, daß jener mit ihm nach Osnabrück zu seinen Eltern reisete, woselbst seine Krankheit noch eine ziemliche Zeit angehalten, welche ihn denn auch fast zu allen Dingen verdrossen und oft untüchtig machte.

Denn kaum hatte er im Jahr 1624 zu Neuenkloster die Hofmeisterstelle bei zwei adelichen Knaben von Powisch angenommen, als er sie schon wieder nach drei Wochen verließ; während seiner Hofgerichtsbedienung überfiel ihn abermal der Paroxismus und veranlassete sein Dimissionsgesuch; selbst der Vorsatz, wegen seiner Promotion ward durch melancholische Rezidive von Zeit zu Zeit verzögert; von schwermüthigen Gedanken gequälet, verzweifelte er zuweilen an seiner Seeligkeit, war darin einem Kinde gleich, bildete sich ein, er könne nicht sprechen, oder etwas zu Papier bringen, wesfalls, wäre er nicht in solchen Anfällen von seinem Beichtvater und guten Freunden getröstet, die Verzweiflung ihn leicht ganz dahin gerissen haben möchte.

In dieser traurigen Situation befand er sich sehr oft, besonders in den letzten Jahren, vielleicht [4]auch in dem schrecklichsten Zeitpunkte seines Lebens, welchem ich mich jetzo nähere.

Schon oben ist bemerket, daß er bei seiner Schwiegermutter seine Wohnung gehabt. Dieses bequeme und am Markte in Rostock belegene Haus war für den dasigen Kommendanten, den Kaiserl. Obristen Heinrich Ludwig von Hazfeld zum Quartier ausersehen, daher er und seine Schwiegermutter auf Verlangen des Magistrats solches räumen mußten. Hiedurch, vielleicht auch durch seine Wissenschaften, wovon der Obriste ein Liebhaber war, erhielt er Gelegenheit, dessen Bekanntschaft und Zutrauen sich zu erwerben, so daß er die Erlaubniß hatte, unangemeldet zu ihm kommen zu dürfen. Unglückliche Erlaubniß!

Im Jahr 1631 den 20sten Januar Donnerstags in der Nacht erwachte Jakob Varmeier um 12 Uhr mit den Gedanken, wegen des betrübten Kriegswesens und daß Gott den Obristen von Hazfeld durch einen schleunigen Tod von dieser Welt abfodern wollte, wobei ein grausamer Antrieb, welchen er, auch unter der Marter, für eine göttliche Eingebung, vel singularem Inspirationem divinam hielt, daß jene That durch ihn geschehen sollte, sich seiner ganzen Seele bemächtigte.

Gebet, Seufzen und Thränen, sowohl in dieser Nacht, als nachher, solcher Gedanken und deren Ausführung überhoben zu seyn, konnten den öfteren Antrieb dazu nicht hemmen, vielmehr ver-[5]spürte er Tages darauf, den 21sten d.M., als er sich vorgenommen, seinen Beichtvater hierüber zu Rathe ziehen, eine neue sogenannte Instruktion, daß es niemand vor vollbrachter That wissen und er solche verrichten müste.

Um 1 Uhr bemerkten Tages verfügte er sich zu dem Obristen von Hazfeld in der alleinigen Absicht, Schuzbriefe für einige Personen zu bewirken. Verweilte in dem Vorgemache bei dem Zimmer desselben, und mit dem Gedanken oder Antriebe, daß die That durch ihn und mit keinem andern Instrument, als einem Beile, geschehen müste, beschäftiget, erblickte er im Gebet und Weggehen drei neue Beile vor dem Fenster, nahm das größte davon zu sich, jedoch mit dem Vorsatze, wenn Gott ihn von diesem Gedanken befreiet hätte, solches wieder dahin zu bringen.

Bei seiner Rückkunft erneuerte sich derselbe dahin, wie es von Gott beschlossen wäre, daß er die Exekution an dem Obristen verrichten und den Stiel zum Beile auf seinem Hausboden finden würde; er fand solchen würklich daselbst völlig geschickt dazu und bevestigte ihn in dem Beile mit wiederholten Flehen zu Gott, es nicht dahin kommen zu lassen.

Selbst der Anblick der Bibel auf seinem Zimmer vermehrte den Enthusiasmus; er las die Mordgeschichte Holofernes zu dreienmalen und exzerpirte einige Stellen aus dem Buche Judith Cap. 8,28. Cap.9,2-15. Cap. 10,9. Cap. 13,6. [6]und Cap. 16,16-21. mit Veränderung etlicher Worte, als statt Jerusalem, Rostock; statt Holofernes, Obrister; und statt ihr, mich; wobei er sich zwar den Zweifel machte, daß Holofernes ein Tyrann, der Obriste Hazfeld aber ein christlich frommer Herr, und ihr Beschützer wäre, jedoch durch einen geheimen Trieb abermal die Antwort erhielte: »es wäre gleichviel, Holofernes oder Hazfeld, er sollte nur die That, wie die Judith, ohne Wissen des Predigers noch eines andern Menschen, verrichten und nicht dafür halten, daß es sein, oder eines Menschen, sondern Gottes Werk wäre.«

Mit Beten und Fasten, um damit verschont zu bleiben, brachte er diesen und den folgenden Tag zu, allein auch in der Nacht darauf und am Sonnabend frühe — war der 22ste Januar — erneuerte sich der Antrieb, daß es nemlich noch an diesem Tage geschehen müste, weil es nicht sein, sondern ein allgemeines Stadt- und Landwerk wäre. Er entwarf demnach folgende Gebetsformel:

»Es wird begehret, ein christliches Gebet zu thun für eine hochwichtige Sache, die Gottes Ehre und dieses ganzen Landes Wohlfahrt betrifft, welches im Namen der heiligen Dreifaltigkeit forderlichst zu traktiren obhanden ist. Der Allerhöchste wolle dieselbe zu seines heiligen Namens Ehre, Wiedererlangung des lieben Friedens und der bedrängten Christenheit Aushelfung mäch-[7]tiglich dirigiren und ausschlagen lassen, um des himmlischen Friede-Fürsten Jesu Christi willen. Amen.«

und ließ selbige dem Prediger Deutsch bei der Heiligengeistkirche mit dem Ersuchen, solche von der Kanzel abzulesen, einhändigen, welcher es aber wohlbedächtlich unterließ.

Nun rückte die scheußliche Stunde heran, in welcher Schwärmerei und Wahnsinn einen Mann, der stets ein Freund der Religion, von frommen und stillen Wandel, der nie ein Thier, geschweige denn Menschen zu beleidigen fähig gewesen, zu einer mehr als barbarischen That muthig und vermögend machten. Am bemerkten Sonnabend, den 22sten Januar, frühe um sieben Uhr ging Jakob Varmeier zu dem Obristen von Hazfeld in der Absicht, um vorberührte Pässe, oder Schuzbriefe abermal zu sollizitiren. Des Beils sich erinnernd steckte er solches, nebst einem Stücke von einer Gardine, wiewohl erschrocken und mit dem Gedanken, wenn Gott es nicht haben wollte, daß er das Beil wohl wider weg- oder ins Wasser werfen könnte, unter dem linken Arm hinter den Gürtel.

Bei seiner Ankunft verweigerte der Page, ihn anzumelden, er bediente sich also der vom Obristen erhaltenen Freiheit, auch unangemeldet in sein Zimmer kommen zu dürfen, und zeigte demselben im Eintritte an, daß er wegen Pässe für Wittwen und Studenten käme, auch sonsten etwas geheimes vorzutra-[8]gen hätte, mit Bitte, den am Tische sitzenden Sekretär abtreten zu lassen.

Als solches geschehen, fing er von den Pässen an zu reden, grif auch, von dem vorigen Gedanken wiederum gereitzt, nach dem Beile, bedachte sich jedoch wieder, zu Gott seufzend, daß die That unterbleiben möchte. Indem aber der Obrist nach dem Fenster sahe, und der Antrieb bei ihm heftiger ward, ergrif er mit der rechten Hand jenes Mordgewehr, hieb demselben zuerst über den Kopf, ferner in den Hals, und da jener dadurch noch nicht völlig von dem Leibe getrennt war, schnitt er den übrigen Theil des Halses völlig ab, wickelte den Kopf in das bei sich gesteckte Stück der Gardine, ging damit, ohne von jemanden aufgehalten zu werden, über den Markt in das sogenannte Röslersche Haus, warf Kopf und Beil daselbst auf den Hausboden, verfügte sich hiernächst in den Keller desselben, und legte sich allda in ein Bett, mit fleißigem Gebete und in der Meinung, der Krieg könnte dadurch aufgehoben werden.

Dieses wäre nun der ganze Zusammenhang einer so sonderbaren, als schrecklichen Handlung, welche ich aus seinem eigenen, ganz freiwillig abgelegten und unter aller Marter unverändert wiederholten Bekenntnisse möglichst genau anzuführen, zweckmäßig geachtet habe, um die Moralität derselben desto zutreffender beurtheilen zu können.

[9]

Unmöglich konnte eine solche That, und eben so wenig der Thäter lange verborgen bleiben. Der Kaiserliche Obristlieutenant Golz von der Kron veranlaßte noch an selbigem Tage ein akademisches Patent, daß wer den Auffenthalt des Jakob Varmeiers wüste, solchen anzeigen, allenfalls auch, wo möglich, ihn persönlich liefern sollte.

Die Kaiserliche Besatzung hatte inzwischen schon einige Gewaltthätigkeiten ausgeübet, jedoch der Thäter ward bald in seinem Zufluchtsorte, dem Röslerschen Keller, entdeckt und damit auch alle Unruhe in der Stadt gestillet. Bei seiner Arretirung hatte seine unbesonnene Widersetzlichkeit die Folge, daß er von der Wache übel behandelt und verwundet wurde, und er ward nach dem sogenannten Zwinger vor dem Steinthore in Verhaft gebracht. Da er schon verschiedentlich extra Protocollum befragt worden und das ganze Faktum offenherzig gestanden hatte: so erfolgte das erste förmliche Verhör am 24. Januar Abends um 6 Uhr.

Er erzählte hierauf abermal und ungezwungen das ganze Faktum und dessen Veranlassung, so wie es schon oben aus diesem Protokoll angeführt worden, mit dem Beifügen, daß er nach vollbrachter That, welche ihm zwar nicht lieb, jedoch von Gott befohlen wäre, in diesem seinem Gefängniß eine solche Erquickung im Herzen empfunden, als wenn er schon im Himmel gewesen und grosses Triumphiren und Jubiliren gehört hätte, er sollte nur einige [10]Zeit leiden und bald aus dem Elende hinweggerissen werden.

Alles dieß fand freilich bei seinen Richtern keinen Glauben, sie vermutheten vielmehr, daß der Haß, wegen des von dem Obristen Hazfeld bezogenen Hauses, oder auch andere Leute ihn dazu verleitet hätten; aber von beiden versicherte er das Gegentheil und besonders, daß kein Mensch etwas davon gewußt habe. Zwei Papiere hatte man gefunden, erstlich den obbemerkten Auszug aus dem Buche Judith, und ferner einen Gesang oder Gedicht auf des Königs von Schweden Ankunft in Deutschland, von acht Strophen, dessen Anfang: Nun kommt der betrübten Heiland etc.

Auch hierüber befragt, gestand er, den ersten geschrieben zu haben, zum Verfasser des letztern aber gab er bei diesem Verhör einen Fremden an. Hierauf ward er dem Peiniger übergeben, welcher ihm die spanischen Stiefeln anlegte und solche viermal, nach und nach stärker, anschrob, jedoch auch dadurch kein anderes Geständniß, noch weniger aber Mitschuldige von ihm erzwingen konnte.

Für diesesmal erlassen, ward Tages darauf, den 25sten Januar Nachmittags um drei Uhr das zweite Verhör in seinem Gefängnisse gehalten.

Auf alle an ihn geschehene Fragen antwortete er blosserdings wie zuvor, und daß diese That weder aus Haß, noch Antrieb eines Menschen ge-[11]schehen; er wüßte gar wohl, daß es Sünde und wider Gottes Gebot wäre, jemanden am Leibe, Leben oder Gut zu beschädigen, jedoch wäre dieses ein extraordinarium, eine göttliche Eingebung und Befehl, dessen Vollziehung er durch sein öfteres Beten von sich nicht abwenden können.

Selbst die bei diesem zweiten Verhör widerholte Tortur, da er mit der Schraube auf dem linken Bein zu zweienmalen und sein Leib an unterschiedenen Orten derselben Seite, besonders auch der grosse Zehen des torquirten Fusses mit brennendem Schwefel gemartert wurde, konnte kein anders, ja nicht einmal das Geständniß, wie er diese That für Sünde hielte und sie bereuete, von ihm erpressen, weil er solche noch stets für einen Antrieb und Werk Gottes achtete, dem er nicht widerstehen können.

Nunmehro wurden auch des Inquisiten Schwiegermutter, Anna Schönermarken, und seine Ehegattin, Sophia von Nessen, von den dazu abgeordneten Räthen in ihrer Behausung über einige, besonders die Veranlassung dieses Verbrechens betreffende Fragen vernommen, welche jedoch nichts weiter darauf zu antworten wußten, als daß er in seinen vorherigen Anfällen und um diese Zeit grosse Herzensangst empfunden; daß er immer und noch an dem Morgen, wie die That geschehen, mit gottseligen Gedanken und Ge-[12]bete sich beschäftiget; daß er keinesweges, wegen Räumung des Hauses, einigen Haß gegen den Obristen geheget, sondern vielmehr erstere getröstet.

Es waren schon am 30. Januar die vorbemerkten beiden Protokolle vom 24sten und 25sten d.M. das von ihm entworfene Kirchengebet und 22ster Inquisitions-Artikel dem Inquisiten abschriftlich zugestellt, um solche durchzusehen, weil er am 1sten Februar darüber jedoch nur gütlich und ohne Tortur vernommen worden. Die Räthe Meier und Wasmund, nebst zweien Kaiserlichen Hauptleuten und dem Prediger Zacharias Deutsch bei der Heiligengeistkirche, kamen am bestimmten Tage zu ihm; er wiederholte, daß das in dem Protokoll erzählte Faktum völlig der Wahrheit gemäß wäre, besonders aber, daß kein Mensch zuvor einige Wissenschaft davon gehabt, und daß er weder aus Haß, Neid, bösem Vorsatze, wegen des Hauses, oder um Ehre und Gewinnst willen, noch in der Meinung, die Stadt dadurch von der Einquartierung zu befreien, jene That unternommen habe; er hätte auch vorhin nichts anders sagen können, als daß es ex singulari inspiratione divina geschehen, zumal er sich allezeit der Gottesfurcht beflissen, fleißig gebetet und sich Gott befohlen hätte, wäre also der Meinung gewesen, daß der Satan an ihm keine Macht haben könne.

Jedoch da er am vorigen Mittwoch seines Beichtvaters, Constantin Fiedlers, Pastoren bei [13]der St. Marienkirche und dessen Kollegen Meinung darüber verlanget, auch von jenem belehret worden, daß es nicht aus Gottes Eingebung, sondern des bösen Feindes List und Antriebe geschehen wäre, der auch, mit göttlicher Zulassung, die Allerheiligsten, wie den König David, verführen könnte, so hätte ihn Gott auf sein Gebet endlich erleuchtet, daß er nunmehro die That für Sünde hielte, selbige erkenne, und herzlich bereue. Die Inquisitional-Artikel bejahete, oder verneinete er übrigens, so ferne sie seinem vorigen und jetzigem Geständnisse gemäß oder zuwider, und bat sich am Schlusse einen Menschen aus, dem er etwas zu seiner Vertheidigung in ie Feder diktiren könnte, weil es ihm wegen seiner Schwachheit und der Wunden am Arm unmöglich wäre, aufzusetzen.

Die bis zu obigem Verhör standhafte Aeusserung des Inquisiten, daß er lediglich aus göttlicher Eingebung und Antrieb die Mordthat begangen, muste dem Wallensteinschen Ministerio selbst nicht ganz unerheblich geschienen haben; wenigstens ward durch ein Schreiben des Stadthalters vom 27sten Januar das gemeinsame Erachten der theologischen Fakultät, des Superintendenten und der gesammten Prediger in Rostock darüber verlangt. Dieses erfolgte unterm 3ten Februar. Wäre es nicht zu weitläuftig, so möchte es vielleicht, wegen der darin angebrachten Gründe, ganz gelesen zu werden verdienen; aber die Geduld des Lesers nicht zu ermü-[14]den, will ich nur folgendes daraus bemerklich machen: Es sei nemlich keinesweges aus der heiligen Schrift zu ersehen, daß eine solche grausame That aus göttlichem Antriebe herrühren könne, allenfalls müste durch einen besondern höhern Befehl, Genehmigung oder Wunder dem allgemeinen göttlichem Gesetze: Du sollst nicht tödten, derogiret werden. Der Beweis hievon mangele nun in gegenwärtigem Falle, es folge also, daß der Impulsus von einem andern Autore hergekommen, nemlich dem bösen Geiste, der ein Mörder vom Anfange, und welcher an Inquisiten, so das Zeugniß eines frommen und christlichen Verhaltens hätte, dabei aber stets zur Melancholei — ein balneum diaboli — geneigt gewesen, mit göttlicher Zulassung ein bequemes Subjekt zur Ausführung dieser That gefunden und ihn dazu getrieben hätte.

Der unglückliche Varmeier starb ein paar Tage darauf an der grausamen Folter, womit ihn zuletzt das militärische Gericht quälte.

Evers, Geheimer Archivarius und Hofrath zu Schwerin.

[15]

Erläuterungen:

a: Evers publizierte diesen Fall zuerst in der Zeitschrift Gelehrte Beiträge 1777/1778 (1777 Stück 51/52, 1778 Stück 1/2).

II.

Genesungsgeschichte eines Jünglings von einem dreimonathlichen Wahnwitz.

Anonym

Ein Jüngling von neunzehn Jahren, cholerisch-sanguinischen Temperaments, dessen Körper von Jugend auf stark und meist gesund, dessen Gemüth heiter war, und dem es nicht an Geisteskräften fehlte, bei welchen er durch anhaltenden Fleiß dasjenige hinreichend ersetzet hatte, was die Natur ihm an Geschwindigkeit, sich Begriffe zu eigen zu machen, versagte; der sich durch anständige Sitten überall beliebt gemacht, auch die Pflichten eines gehorsamen und wohlgearteten Sohnes gegen seinen Vater — seine Mutter hatte er schon im 7ten Jahr seines Alters verlohren — stets beobachtet hatte; wurde nach einem zu sehr angestrengten Schulfleiß hauptsächlich einige Monathe durch, wegen zweier ihm bevorstehenden öffentlichen Prüfungen, auf einmal, nach überstandener mit Ruhm vollendeter Uebung mit einer Schwere im Kopfe befallen, empfand Beängstigungen in der Brust, Trägheit in allen Gliedern, bekam einen vollen, langsamen, harten Puls, die Ausleerungen des Körpers wurden wenig und selten, der Appetit zum Essen geringer, der Nachtschlaf abwechselnd bald sehr unruhig und kurz, bald sehr tief und lang anhaltend.

[16]

Nachdem diese Zufälle auf das höchste gestiegen waren, so entstand eine solche Trägheit und Schwäche des ganzen Körpers, daß eine starke Traurigkeit und Tiefsinnigkeit des Gemüthes sich einfand, wodurch alle innere Verrichtungen des Nachdenkens, Ueberlegens, Beurtheilens unordentlich wurden, auch faßte er sogar einigemal den Entschluß, durch Strick und Messer sich dieses traurigen Zustandes zu entledigen.

Die hiergegen angewandten Mittel des Arztes übergehe ich, unter der bloßen Anzeige, daß ihm, da er zu keiner Aderlaß die ersten acht Wochen zu bringen war, als er es endlich geschehen ließ, nachhero wahrscheinlicherweise zu viel Blut abgezapfet worden ist.

Nach einem beinahe viermonathlichen Gebrauch erweichender und verdünnender Arzeneyen, verbunden mit einer Nelken- und Seydschützerwasserkur, ließen die körperlichen Beschwerden nach, und die Seelenkräfte wurden wieder stärker: aber, so wie während dieser Krankheit, Tiefsinn und Niedergeschlagenheit groß gewesen waren, entstand alsdann in einem kurzen Zeitpunkt eine solche Abwechselung hierin, daß eben eine so grosse Lebhaftigkeit des Geistes, Zufriedenheit, Freude und Vergnügen über das gewöhnliche ihm sonst eigenthümliche Maaß an deren Stelle trat.

Man hielt diesen Zustand anfänglich für natürlich; und um gewahr zu werden, ob er von Dauer [17]seyn würde, wurden die zeither gebrauchten schwächenden Mittel bei Seite gesetzt, so daß sein weiteres Befinden ganz der Natur überlassen wurde, und man wollte erst nach einiger Zeit stärkende Arzeneyen brauchen lassen, wodurch eine bessere Mischung der flüßigen und mehrere Kraft der festen Theile des Körpers zuwege gebracht werden sollten.

In dieser Zwischenzeit nahm er weiter die gewöhnliche Erlernung der Wissenschaften vor, jedoch anfänglich mit Unterschied der Anstrengung, und mehr als blosser Zuhörer; kurz darauf aber mit so erneuertem und munterem Fleiß, daß er über seine eigene Arbeiten noch anderer ihre aus Freundschaft vertrat, mit einer Leichtigkeit, die ihm sonst nicht von Natur eigen war.

Hiebei fand er vielen Geschmack an Zerstreuung und gesellschaftlichem Vergnügen, so daß er an Geist und Körper zusehends genaß.

Dieser Zustand dauerte an vier bis fünf Wochen, wobei insbesondere seine Seelenkräfte über den gewöhnlichsten Grad stark ausgedehnt und thätig blieben. Plötzlich fanden sich kleine, wiewohl nicht auffallend zu bemerkende Verirrungen des Geistes ein; aber nicht lange hierauf wurden dieselben so heftig, daß Zorn, ja sogar Wuth und die größten verwirrten Uebereilungen erfolgten; doch in Tagesraum ließ dieser unnatürliche Zustand wieder bis zum Schein der zurückgekehrten Vernunft nach, zwar abwechselnd mit Zwischenzeiten, bis [18]nach zwei Tagen in der Nacht ein wüthender Paroxismus bei ihm entstand, wobei er, als derselbe nachließ, sehnlich zu seinem Vater und der Stiefmutter, die zwei Tagereisen weit entfernt waren, verlangte, einige Gemüthsfreunde von Lehrern und sonstigem Umgang zu sprechen wünschte, und als man ihm dieß gewährte, wieder ganz beruhiget wurde. Und da das Verlangen nach Hause zu reisen blieb, so wagte man es, unter Begleitung eines sichern Mannes, ihn den Morgen darauf dahin abzuschicken, wo er ganz unvermuthet den andern Abend glücklich eintraf.

Unterwegens hatte er in überspannten Ausdrücken mit der angetroffenen Post an einige zurückgelassene Verwandte und Freunde dankbar geschrieben, auch an dem einen Ort des Mittags, unter einem angenommenen fremden Namen und Charakter, sich bei einem Einwohner zu Gaste gebeten, war sehr gesprächig allda, so wie auch sonst unterwegens, gewesen, und langte dann so wohlbehalten in seine Heimath an. Wie schon erwähnt, seinen Eltern war von diesem Besuch nichts bewußt, — sie glaubten ihn den vorher verschiedentlich erhaltenen Nachrichten nach wieder hergestellet — und als er Abends um sieben Uhr im September-Monath in ihr Zimmer trat, mit einem hastigen und lauten Tone »guten Abend, lieber Vater! sagte, ich komme Sie zu besuchen;« versetzte der über diese unvermuthete Ankunft betroffene Vater: [19]»Gott! wo kommst Du her, lieber Sohn?« antwortete er hastig und mit verdrüßlichem Laut: »Sehen Sie mich etwa nicht gern, so reise ich gleich wieder fort;« welches Bezeigen seinem sonstigen ganz entgegen stand.

Nach kurzer Selbstsammlung und nachdem ich die Unrichtigkeit in seinem Gemüthe bemerkte, versetzte ich den erhaltenen Schrecken verbergend: »nein, liebster Sohn! Du bist mir herzlich angenehm, nur bist Du mir unvermuthet gekommen, und aus dieser geäußerten Befremdung schließest Du unrichtig das Gegentheil vom Willkommenseyn.«

»Ja, war die Erwiederung, das muß ich gestehen, ich bin jetzt ausserordentlich empfindlich, und wer nur im geringsten meine Ehre antasten will, gegen den bin ich augenblicklich aufgebracht.« Hierüber abbrechend erkundigte ich mich nach seinem und der verlassenen Verwandten Befinden, worauf er kurz antwortete, mittlerweile seine Stiefmutter wieder ins Zimmer kam, die ihn mit einer ihr gewöhnlichen sanften und heiteren Miene empfing, zu der er sagte, wo sind Sie gewesen, o nur nicht zu viele Umstände meinetwegen gemacht, das bringt mich gleich in Verlegenheit — und sein Ton klang abermals verdrüßlich.

Ehe ich weiter fortfahre, werde ich so eben gewahr, der Geschichtserzähler sey verrathen, was ich beym Anfang des Aufsatzes just nicht wollte; [20]indessen sei es, dieser einmal angesponnene Faden mag so fortgezogen werden, und gewiß wird er ohne fremden Zusatz abgesponnen werden.

Man hatte an dem Ort, wo er herkam, die Unvorsichtigkeit begangen — vermuthlich aus verlegener Beängstigung — meinen Sohn so plötzlich abzuschicken, ohne mich von seinem wahren Zustande vorhero benachrichtiget zu haben, und ein kurzer mitgegebener Brief zeigte bloß an, nach seinem Verlangen und zu seiner völligen Erholung käme er zu uns, so wie sein Begleiter, mit dem ich alleine sprach, nur angab, widersprechen ließe er sich nicht gern.

Erst zwei Tage darauf langte mit der Post die wahre Nachricht von seinem Zustand, des Arztes Krankheitsgeschichte an. Indem ich kaum mit dem Begleiter zu sprechen angefangen hatte, kam er sogleich nach und frug mich französisch: »warum ich mit selbigem besonders spräche? das wäre überflüßig und ihm unangenehm, er könne und würde mir alles selbst sagen und beantworten.« Bei Ueberreichung des Schreibens wollte er ihn auch lesen, welches ich zuließ, und da er an die Worte kam: »daß seinem Verlangen gemäß er zur Zerstreuung und völligen Erholung sich einige Wochen bei uns aufhalten würde, so sagte er: ja, lieber Vater, so ist es.« Wir setzten uns hierauf zum Abendbrod, wobei er sehr gesprächig wurde, sogleich die ihm noch vorgeschriebene Diät von selbst angab, [21]und von den Zurückgelassenen mancherlei erzählte, zwar ordentlich, doch mit geschwinderem und lauterem Ton, als sein natürlicher war.

Zuletzt kam er auf das Thema seiner, wegen der bevorstehenden Beziehung der Akademie, in Versen auszuarbeitenden Schulabschiedsrede, und zeigte mir in seinem Portefeuille einen kurzen bereits gemachten Anfang, der noch keiner Beurtheilung fähig war: hiebei aber las er ein bei Freunden auf dem Lande kürzlich verfertiges Gedicht vor, weshalb er vermeinte, Beifall bei der Frau vom Haus erhalten zu haben, ich aber fand deutliche Spuren des geschwächten Kopfs darinnen.

Ueberhaupt leuchtete viele Selbstzufriedenheit und Bewustseyn seines Ichs bei der Unterredung herfür, und da ich äusserlich dem Gedichtchen beipflichtete, so heiterte sich seine vorher etwas starre Miene völlig auf, und er ward vergnügt.

Gegen die Mutter hatte er während meiner Abwesenheit Händel erzählet, die er in der verlassenen Schule mit Lehrern, so wie mit dem Arzt kurz vor seiner Abreise gehabt habe, doch sie gebeten, mir davon nichts zu erwähnen: die gleiche Erzählung machte er den andern Nachmittag einem Vetter, doch mit demselbigen Ersuchen von Verschwiegenheit gegen mich.

In einem Zimmer legten wir uns zusammen nieder, kaum war eine Stunde vorbei, so setzte er sich hin, um zu schreiben. Ich frug ihn, was er [22]denn jetzt machen wolle? — »er könne nicht schlafen und wolle zu der Abschiedsrede Verse machen,« war die Erwiederung. Beiliegende Reime hat er zwei Nächte hintereinander, ohne weitere Feilung in einer Zeit von etwa sechs bis sieben Stunden aufgesetzet; das aufgegebene Thema war: die Tugend ist der wahre und sichere Weg zur Glückseeligkeit.

Zuweilen stand er vom Arbeiten auf, sah ob wir schliefen, legte sich ins Fenster, sang ein Liedchen, wobei sich äußerte, daß er gegen ein wohlgezogenes schönes Mädchen in seinem bisherigen Aufenthaltsort lebhafte Zuneigung hatte, auch wurde aufsteigender Liebestrieb, mehr als bloß platonisch, an ihm wahrgenommen.

Erst bei Tagesanbruch legte er sich wieder nieder und schlief ein paar Stunden. Früh um sieben Uhr kehrte sein Begleiter zurück, mit dem er die unterwegens gemachten Auslagen berechnete und unter meinem mitgebenden Brief vollständig ordentlich einige Zeilen hinzufügte.

Beim Anzug hatte er gegen die Mutter wieder verschiedenes von den vorhin erwähnten vorgefallenen Schulhändeln mit Heftigkeit erzählt. Mit mir war er zurückhaltend im Sprechen. Nach dem Mittagsessen legte er sich aufs Bett; anstatt aber zu schlafen, wollte er gegen das Dienstmädchen Jünglingstriebe ausüben und sprach Zoten; — gänzlich gegen seine sonstige Art sich zu betragen. [23]Nachmittags ging ich mit ihm spatzieren, er bezeigte Vergnügen über sein Hierseyn, und kaum athmeten wir freie Luft, so fing er an mir zu erzählen, wie er durch Lesung der Voltairischen und Lessingischen Schriften auch verschiedentlicher lateinischer Disputationes kein ächter Christ geworden sei, von der Religion eine geraume Zeit nichts gehalten habe, keinen zukünftigen Zustand mehr geglaubt, und in seinem erlittenen Tiefsinn habe er zweimal selbst Hand an sich legen wollen, einmal mit einem Strick, den er sich des Nachts schon im Bette umgebunden gehabt, sich zu erdrosseln, ein andermal wäre er im Begriff gewesen, sich in den Fluß zu stürzen, wozu aber just ein bekannter Offizier gekommen, der ihn gefragt, was er da machen wolle, und diese Begegnung habe ihn wieder ermannet. Kurz vor seiner Abreise hätte er einem seiner Schullehrer, der ein Herzensfreund sei, wegen der gehegten Religionszweifel Eröfnung gethan, der ihn wieder auf einen richtigeren Weg geleitet habe, so daß er hoffe, er werde durch mehrere Unterhaltung mit selbigem wieder seinen ehemaligen festgegründeten Glauben ganz zweifelsloß erhalten, auch könne er wieder mit Andacht beten, so wie er mit Ueberzeugung das letzteremal wieder der Communion beigewohnet, welches einige Zeit vorher nur der eingeführten Regel wegen von ihm geschehen sey.

[24]

Von seinem vielen Nachtaufsitzen und heimlichen Lesen, wie nicht weniger von vielfachen Arbeiten erwähnte er gleichfalls, und bezeigte völlige Selbstzufriedenheit mit den Graden seines erlernten Wissens.

Während diesen Erzählungen hatte ich nur meist in Sylben geantwortet; und da er eine Pause damit machte, so gab ich ihm mein Befremden zu erkennen, in Rücksicht der abgeänderten Religionsgesinnungen, die er sonst hier richtig gefaßt hatte, ob schon nicht nach dem gewöhnlichen Schlendrian, auch wundere es mich, da wir ehedem mehrmalen darüber zu meiner Zufriedenheit gesprochen hatten, wie er so geschwind sich vom Gegentheil habe blenden lassen können. Ja, versetzte er, alles war damals bloße Verstellung bei mir, so wie ich ebenfalls die paar Jahre in meinem Schulauffenthalt alle darmit geäffet habe.

Da Heuchelei nie in seinem Grundcharakter gekeimet hatte, und auch mein Erziehungsplan ihm just das Gegentheil eingepräget hatte; so stutzte ich zwar über seine Versicherung, zweifelte indessen doch an ihrer Richtigkeit, so wie an der, daß eine anhaltende Lesung von Voltairischen Schriften ihm Unglauben eingeprediget habe, ob schon er mir von beidem wiederhohlt die sichere Wahrheit behauptete.

Wir kehrten zur Stadt zurück, mit der Abrede hierüber ferner uns zu unterhalten. Der Abend ging mit Kartenspiel und leichtem Essen gut vor-[25]über, nur bei ersterem hatte der Widersprechungsgeist viel zu schaffen, und Leichtsinnigkeit im Spielen begleitete denselben. Die Nacht wurde so wie die vorhergehende, meist mit Dichten, zugebracht, und eben wieder so wenig Schlaf.

Der Morgen brachte mir die so sehnlich erwarteten Nachrichten wegen seines Verhaltens am verlassenen Orte mit, und ich eilte zu meinem Aesculap, sie ihm mitzutheilen. Nach bedächtiger Durchlesung derselben und Anhörung meiner Bemerkungen versicherte mich dieser einsichtsvolle und edelmüthige Arzt, er würde über seinen Zustand nachdenken und ihn besuchen, pflichtete auch in so weit überhaupt seinem Vorgänger in der Kurart bei, das häufige Aderlassen ausgenommen. Mittag und Nachmittag verstrichen wie am gestrigen Tag, gegen Abend gingen wir wieder spatzieren, und hierbei nahm augenscheinlich die innere Hitze bei ihm zu; so laut als wären wir auf dem Gang alleine, fing er an Fragen in Beziehung auf vorjährige Vorfallenheiten aufzuwerfen, die Anzüglichkeit mit sich führten; warf Tadel um sich gegen uns, wurde trotzend und endigte zuletzt völlig im Ton des Heautontimorumenos. a

Beim Eingang am Haus bestand er mit Widersetzlichkeit darauf, noch einen alten hiesigen Schulfreund zu besuchen, und ob der Abend gleich schon dämmerte, so fand ich doch rathsam, ihm den Besuch auf eine halbe Stunde zuzulassen, damit er nicht [26]ganz laut aufgebracht ins mütterliche Zimmer eintreten möchte. Zur bestimmten Zeit kam er zurück, legte sich wenig redend aufs Sopha, und sah blaß aus, so viel Röthe auch sonst seine Wangen durchschien.

Ich ermunterte ihn zum Spiel, allein es lief unruhiger und schlechter wie den vorigen Abend ab, beim Essen war er mürrisch und legte sich auch so nieder. Um zwölf Uhr saß er wieder am Schreibtisch, arbeitete die halbe Nacht, verbarg aber am Morgen seine Arbeit vor mir, da er die Verse von den zwei vorhergehenden Nächten von selbst weggelegt hatte. Ich erfuhr zeitig früh, nach seiner Erhohlung im Schlafzimmer von den Leuten, wie er bei dem gestrigen Abendbesuch Verdruß und Händel gehabt hätte; und daß er versiegelte Schriften an seinen Vetter, einen Juristen, geschickt; doch alles dieses verheimlichte er vor mir. Diese enthielten anzusagende Klagen vor Gericht gegen die Abendgesellschaften, und einer davon enthielt sogar den Handschuh. Eigentlich aber war er der beleidigende Theil gewesen, und da er es zu arg gemacht hatte, wieß man ihm, indem man ihn für betrunken hielt, die Thüre.

Hierauf zog er sich aufs beste an, und wollte ohne Wiederrede in einem Hause, worin er von jeher gut aufgenommen war, Besuch abstatten, wobei ich Mühe hatte, ihn so lange zurückzuhal-[27]ten, bis der Arzt da gewesen sey, der den Morgen kam.

Um zehn Uhr erschien selbiger, verordnete Arzney und rieth ihm an, zu Hause zu bleiben, wozu er sich nicht verstehen wollte, indem er meynte, der Gebrauch des verschriebenen Mittels könne auch ausser dem Hause statt finden. Ich versetzte, er müsse dem Herrn Doktor folgen, und nahm ihn bei der Hand mit anhaltender Vorstellung; hierauf gerieth er in solche Hitze, daß er mir auf die Hand schlug, spukte, und ihn vor Zorn der Schaum vor dem Mund stand, mit der beständigen Weigerung nicht zu Hause zu bleiben, zuletzt sprang er auf, ergrif den Fensterflügel und wollte hinausspringen, ja in der Hitze faßte er ein auf dem Tisch liegendes Messer und drohete sich damit zu wehren, schmiß auch Tisch und Stühle um.

Der Arzt besänftigte ihn einigermaßen, und es wurde zu dem neben uns wohnenden Geistlichen geschickt, für den er von jeher Achtung und Liebe geheget hatte. Wie der kam, und ihn umarmte, so empfing er ihn gerührt, und weinte heftig, versprach zu folgen und wollte mit ihm allein sprechen.

Nachdem der Arzt weggegangen war, so gingen wir aus dem Zimmer, und er erzählte dem Geistlichen die erwähnte Geschichte seines Unglaubens, schob mit die Schuld auf mich, wie ich ihn von früher Jugend an, weder zu Religionsbegriffen, noch Bibellesen und Beten angehalten hätte — [28]alles grundfalsch — sprach überdem gegen uns Beyde nichts als Vorwürfe; doch wurde er besänftigt, und versprach ihm zu folgen, auch auf seinen Rath nicht auszugehen. Wie wir wiederum hereinkamen, bezeigte er sich ganz gelassen gegen uns, und sowohl der Geistliche als der Arzt hatten versprochen Nachmittags wieder zu ihm zu kommen, worüber er Zufriedenheit äusserte.

Auf Anrathen des letztern ward ein Aufpasser unten ins Haus bestellt, damit er nicht unversehens hinauskommen möchte, weil er immer wünschte, den vorgehabten Besuch noch abzustatten, und bis zur Wiederkunft des Arztes keine Gewalt dagegen gebrauchet werden sollte, sondern er nur mit Zureden, da Güte Eindruck machte, davon abgehalten wurde.

Die Arzenei nahm er ohne Wiederrede, und hierüber ward es Mittag. Kurz vor Tisch ging er in ein anders Zimmer, wo aufgeschnittener Braten stand, hiervon verschluckte er gierig einige geschnittene Stücke, und setzte sich mit uns beim Zurückkehren zur Suppe, ohne es sich merken zu lassen, daß er das Fleisch, was untersaget war, gegessen hatte.

Voll Unzufriedenheit und mürrischem Wesen sprach er beym Essen von der mehreren Freiheit, die ihm nun bei seinem Alter gegeben werden müßte, hinzugehen, wo es ihm gut dünkte, ohne es vorhero anzuzeigen, auch wolle er zur Zerstreuung aufs Land reisen, doch nicht etwa zu den Großel-[29]tern, wo er sonst sehr gerne war — sondern wo es besser und vergnügter zuginge, tadelte unsre einförmige und eingezogene Lebensart, und wünschte sich wieder in seinen verlassenen Auffenthalt.

Man gab nach, wie solches geschehen könne, und nach vollendeter Mahlzeit wollte er sich aufs Bett legen, wo er wieder gegen die Leute sich entschooßte, und Liebestrieb ausüben wollte. Darauf ging er zum Wirth im Haus, sprach vielerlei mit Munterkeit und Zusammenhang; von da besuchte er einen daselbst befindlichen Handlungsdiener, vertauschte seine bessere Uhr gegen eine schlechtere von ihm, erwähnte gegen die Mutter des Tausches, doch gegen mich verschwieg er ihn, und so ging er wieder herunter zum plaudern. Unter dieser Zeit war der Doktor mit dem Geistlichen gekommen, und funden zur eigenen und allgemeinen Sicherheit unumgänglich nöthig, daß er befestiget werden müsse, und so dann auf den Waden spanische Fliegen gesetzt, wobei auch die Hände anfänglich gebunden werden sollten, um solche nicht etwa loßzureissen.

Nachdem ein lederner Gurt mit einem Schloß um den Leib zu legen und ein Strick zur Befestigung an die Bettpfosten herbeigeschaft worden, so ließ ich ihn heraufrufen, Arznei zu nehmen, und der Arzt, der Geistliche und ein Verwandter empfingen ihn im Schlafzimmer.

Wir Eltern waren zu beklemmt, um gegenwärtig seyn zu können, stellten ihm vor, daß zu [30]seinem Besten und zur Tilgung der Hitze im Kopf, die er selbst spürte, spanische Fliegen gesetzt werden sollten, und damit er sich nicht bei der spürenden Unruhe schaden könne, würde er auf kurze Zeit im Bett befestiget werden.

Anstatt, daß man besorget hatte, er würde heftig gegen diesen Vorschlag toben, war er bald willig, zog sich selbst aus, und ließ ruhig alles nöthige machen, worauf ich zu ihm kam, und bei der Versicherung, welche ich auf seine Frage gab, daß diese seine Lage nicht lange dauern würde, befriedigte er sich ganz, und ward auch gleich gegen den wachthabenden Soldaten gesprächig und freundlich.

Wie nach Verlauf einiger Stunden die Würkung der spanischen Fliegen anfing, sagte er es mir, und da ich ihm hierzu Glück wünschte, da dieser anfangende Schmerz ein gutes Merkmal sei, wurde er vergnügt und brauchte dabei die Arzney gelassen und willig. Nachts um zwölf Uhr zogen die Pflaster stark, er wurde unruhig, ließ mich rufen und tobte sehr. Ich redete ihm zu, und besänftigt ihn wiederum; allein gegen Morgen bei dem immer zunehmenden Schmerz brach er in laute Klagen und Schimpfen aus, wollte sich losmachen, und als er Widerstand fand, wüthete er gegen den Wächter, stieß mit dem Kopf an die Wand, und da sein Bette frei gestellet wurde, erboßte er sich so, daß er um sich biß und spukte, so daß noch ein Wächter herzu geholt werden mußte.

[31]

Gegen mich war er aufs heftigste aufgebracht, daß man so mit ihm umginge, ein gleiches gegen meine Frau, und überhaupt konnte man dem Eintritt einer völligen Raserei entgegen sehen.

Indessen nahm er die Arznei willig, nur mußten ihm Hände und Füsse gebunden werden, weil er sich der Pflaster mit Gewalt entledigen wollte.

Wie der Arzt kam, schimpfte er auf ihn, und verlangte einen andern. Nachmittags langte vom Lande sein Stiefgroßvater an, den er stets sehr lieb hatte, der Empfang war ziemlich freundlich, beym öfteren Sehen aber wurde Er ebenfalls mit Anspucken und Schimpfreden behandelt, so wie die Wärter.

Beide Männer, als Kenner der Symptomen dieser Krankheit, der Arzt und der Geistliche fanden nöthig, Schärfe anzuwenden, und es musten Ruthen gemacht werden. Als den dritten Tag früh der Arzt sich ihm näherte, spuckte er ihn an, da er aber von selbigem einige Schmitze auf das Gesäß erhielt, ward er gleich stiller. Der Balbier hatte beim Auf- und Zubinden der Pflaster viel zu schaffen, und mußte er, ohnerachtet daß er im Bett angebunden war, doch noch von beyden Wächtern dazu gehalten werden.

Den Tag über stieß er öfters Schaudern erregende Reden aus gegen Gott und Menschen, und uns Eltern vermaledeyte er bis in Abgrund, den Stiefgroßvater konnte er auch nicht leiden, spuckte [32]jedermann an, versuchte, sich in die Armen zu beissen, auch in die Zunge, jedoch da er Schmerz fühlte, und meinen Ernst sahe, wie man ihn allein lassen würde, ließ er hiermit nach. Unterweilen sprach er auch viel von einem zurückgelassenen Mädchen frölich, die seine ganze Liebe habe, und wollte zu ihr.

Die Wärter musten sich der Ruthe zuweilen bedienen, um ihn ruhiger und folgsamer zu machen; indessen nahm das wüthende Schreyen und Toben immer zu. Am Abend verlangte er ununterbrochen, wieder an den verlassenen Auffenthaltsort gebracht zu werden, wenn es auch in Ketten und Banden wäre; Schimpfen und Drohen ließ die ganze Nacht nicht nach, und die Raserei war äusserst heftig. Der hierauf folgende Tag war wie der vergangene, doch nahm er gehörig die Arzenei. Den kommenden Morgen ließ das Anspucken nach, und die Wächter vermochten mittelst der Drohung mit der Ruthe ihn zu bezwingen, auch bezeigte er sich gegen selbige folgsamer und gefälliger, nur gegen uns stieß er schändliche Reden aus, erzählte auch den Wächtern währender Abwesenheit häßliche Dinge von uns, mit dem Anstrich der Wahrheit. Die Idee der Liebe gegen das erwähnte Mädchen, zeigte sich ebenfalls äusserst lebhaft, wobei es nicht an höchst schlüpfrigen Ausdrücken fehlte. Eine neue Phantasie kam ihm nun in den Kopf, Husar zu werden, wozu er schon das Königliche Patent als [33]Cornet vom König nebst dem Säbel und Tasche erhalten zu haben glaubte, die wir Eltern ihm nur immer vorenthielten und weshalb er wiederholt den Wächtern anbefahl, alles bei uns abzufordern.

Hierzu mochte etwa ein Freund, der ihn besuchte, einige Veranlassung gegeben haben, welcher, durch seinen freundlichen Empfang getäuscht, ihn zur Zerstreuung von diesem und jenem, also auch unter andern vom Soldatenstande unterhalten hatte, das er sogleich mit freudiger Regung ergriff, da er so nun nicht mehr studiren könne, höchstens etwa eine der niedrigsten Stufen bei einem Collegio zu erhalten vermöchte, und also Soldat zu werden das beste sey; und von der Zeit an blieb diese Idee die herrschende während der Krankheit; seine Schlafmütze war die Husarenmütze, die Wärter mußten ihm Knoten in die Haare knüpfen, und wir sollten Pelz, Säbel und Patent überliefern, sonst würde es der Regimentsadjutant abfordern, dem er anbefohlen, es zu holen.

Vielleicht trug der Stand der beiden Wächter, die Soldaten waren, zu dieser Phantasie auch etwas bei. Dieselbe Lage und Aeußerungen verblieben am nächstfolgenden Tage; zeither hatte sich kein Schlaf eingefunden, Tag und Nacht sprach er ohne Unterlaß mit schreyendem Ton von Liebe, dem Soldatenstand, exercirte und kommandirte sehr laut, wobei Schimpfen und Verachtung, ja Haß gegen uns fortdauerte: dieß war indessen die erste Nacht, [34]wo er etwas schlief; doch war sein Schlaf von keiner Dauer und auch von keinem besseren Erfolg; denn beim Erwachen rasete er wie vorher fort, mitunter äußerte er onanitische Wollusttriebe, und die Unterlassung mußte mit Schärfe bewirket werden, sang lustige Arien und war Husar und unser Verläumder, vertraute den Wächtern Wahrheiten und Unwahrheiten an, und blieb gegen selbige meist gut gesinnt, wenn sie auch zur thätigen Bestrafung geschritten waren.

Am zehnten Tage riethen Arzt und Prediger an, wir Eltern sollten uns nicht vor ihm mehr sehen lassen, wenn er auch noch so heftig nach uns verlangte: dieß geschah, und er schickte mehrmalen nach uns, schrie heftig, daß wir kommen sollten, und lermte den Tag über wie sonst bis in die Nacht ohne Unterlaß, und schlief darauf einige Stunden.

Am eilften Tage nahm er ein abführendes Pulver früh, welches Abends wirkte, die spanischen Fliegen wurden geschärft, und die rasende Wuth fing an, sich zu mindern. Diesen Nachmittag ward er weichmüthig, wünschte uns zu sehen, sprach von Sterben, als etwas, das gewiß erfolgen würde, sehnte sich nach mir vorzüglich, doch immer im alten verworrenen Zustand, und abwechselnd mit Weinen und Lachen, und Untermischung eines frölichen Liedes oder Gesanges.

Der darauf folgende Tag war ziemlich ruhig, auch die Nacht: Nur Liebe, Wollusthang und der [35]Soldatenstand blieben seine Hauptideen und Empfindungen.

Am dreizehnten Tage wurde er wieder unruhiger und lermender, allein die Nacht schlief er etwas. Der vierzehnte war äußerst schlimm, vom Morgen an bis auf den Abend um neun Uhr rasete und plauderte er, ohne nur minutenlang zu schweigen; dann betete er auf seine sonst gewöhnliche Weise, und schlief von zehn bis gegen vier Uhr.

Das den fünfzehnten Tag eingenommene Abführungsmittel wirkte dießmal gut, und sein zwar beständiges Plaudern ward gelassener, und der Husar kommandirte nur gemach und hieb gegen die Türken nur schwach ein. Diese Ruhe dauerte aber nur bis gegen Abend, anstatt zu mediciniren wollte er Obst und überhaupt Essen: da er solches nicht bekam, schimpfte er auf uns wieder los, mischte lustiges Zeug mitunter, und foderte endlich die Arzeney, nahm aber das hernach angebotene Essen nicht an. Bis Nachts gegen zwölf Uhr war er gegen die Wächter äußerst muthwillig, doch ein paar Ruthenschmitze verschaften Stille und Schlaf bis Morgens um sechs Uhr.

Am sechzehnten Tage hielt ein ruhiges Betragen bis um vier Uhr Nachmittags an, dann schlief er zum erstenmal im Tag drei Stunden sanft, blieb bis vier Uhr Morgens auf gleiche ruhigere Weise wach, und wachte so früh gegen sechs auf, nahm seinen Thee und Arzenei gut zu sich, fiel Nach-[36]mittags in einigen Schlaf, erwachte aber mit Heftigkeit um vier Uhr, stieß die Medicin drei Stunden lang von sich, wüthete laut, und ihm mußte mit Hülfe der Ruthe die Arzenei beigebracht werden. Um sieben aß er Suppe, mußte nachher wieder durch Schärfe zum Einnehmen bewogen werden, worauf er von zwölf bis fünf Uhr schlafend zubrachte.

Den 18ten bis den 23sten Tag blieb abwechselnd die alte Lage, das Abführungsmittel wirkte nicht nach Wunsch, und die gewöhnliche auflösende Medicin mußte noch nicht genugsam eingegriffen haben: er fing an, dieselbe auch völlig überdrüßig zu werden, und der Arzt änderte beides ab; er bekam nun Tropfen und Pillen, und nun ging es mit dem Einnehmen und der Oefnung besser; der verworrene Zustand indessen und das unabläßige Plaudern Tag und Nacht dauerte fort; allein mehr lustig und frölich wie mürrisch. Mit den Wächtern ging er als Soldaten freundlich um, hingegen gegen die Dienstbothen war er das Gegentheil. Der Schlaf bei Nacht fand sich zu vier bis sechs Stunden ununterbrochen ein, und er erwachte auch meist heiter, bis wenn die Fliegenpflaster geschärft waren und die Bevestigung am Bett mittelst des Gurtes um den Leib ihn böse machte.

Am 24sten Tage kam unvermuthet vom Lande der Großvater zu ihm; er war den Morgen über wild gewesen, doch hatte er seine gewöhnliche Kost, Suppe, gekocht Obst und ein Butterschnittchen mit [37]Appetit gegessen, an dem es ihm überhaupt nicht fehlte. Um zwei Uhr empfing er den Besuch sehr vergnügt, sprach mitunter ordentlich und verlangte kurz darauf wieder Essen: weil ihm wegen des Medicin-Gebrauchs solches nicht gegeben werden durfte, fing er sogleich wieder an, zu schimpfen und zu lermen, welches sich in heftiges Weinen fünf viertel Stunden lang abänderte, wobei er über heftiges Kopfweh klagte, wieder vom Sterben sprach und viel Wasser mit Himbeeressig vermischt trank. Hierauf ward er ruhiger und brauchte auch willig Arzenei. Als er um sieben Suppe gegessen hatte, wollte er die Butterschnitte nicht nehmen, weil sie zu klein, und selbige von schwarzem Brod oder Semmel seyn sollte; tobend schrie er darnach, und die Ruthe mußte wieder herbeigeholt werden, worauf dieser vorher weinerliche und hernach lermende Paroxismus sich in volle Lustbarkeit verwandelte, und er stark und viel lachte.

Der Großvater ging hierauf wieder zu ihm, den er gut empfing, aber viel untereinander schwärmete, und erst am Morgen um vier Uhr einschlief. Zwei Tage drauf gingen ziemlich ruhig vorüber, so auch die Nächte, und es fanden sich anhaltendere, zusammenhängendere Gedanken ein. Hierbei fällt mir die Bemerkung ein, von dem außerordentlich feinen Gehör, so wie der lebhaften Einbildungs- und Erinnerungskraft, die er auch bei dem heftigsten Paroxismus zeigte. Sehr oft ging ich ohne [38]Pantoffeln an seine Stubenthür zu horchen, sofort ward er vermuthlich durch die leise Eröfnung der Thüre mich gewahr, redete dann oft gegen mich unanständig, und das einemal rief er laut aus: »Horcher an der Wand, hören ihre eigene Schand.« Meinen Gang auf dem Saal hörte er sogleich, und rief mich dann oft zu sich, welches aber, wie erwähnt, untersagt war. Eben so genau behielt er früh die Nahmen der beiden Soldatenwärter, welche täglich abwechselten, und wenn sie wiederkamen, rufte er sie sofort wieder bei ihren Namen, bemerkte auch augenblicklich ihre Leibes- und auch wohl Geistesmängel, satyrisirte darüber und hänselte sie ihrer Schwächen wegen. Einer von ihnen hatte was gelernt, und redete ihm mehrmalen zu, unterhielt ihn auch von Schulkenntnissen; den konnte er niemals leiden, vermuthlich wegen seiner Vorzüge.

Der 27ste Tag war wieder mürrischer und das beständige Sprechen nicht so laut, indessen begleiteten ihn sechs Oefnungen, und er schlief darauf acht Stunden, worauf ein ruhiger Tag erfolgte, auch Nachmittagsschlaf, nur wurde nachher sehr viel geplaudert und oft dabei gespucket. Nun öfnete sich der Leib immer fünf bis sechsmal. Nach vierstündigem Schlaf erwachte er den 29sten Tag lustig und singend; da aber der Arzt zu ihm kam, ging Schimpfen und Toben wieder an, und der Soldatenstand war wieder die Lieblingsmaterie. Zunge und Verwirrung blieben außerordentlich ge-[39]läufig, erst früh gegen fünf Uhr schlief er zwei Stunden, hatte die Nacht häufig sein klares Wasser getrunken, und der 30ste Tag verging stiller und besser. Eine sehr ruhige Nacht mit neunstündigem Schlaf verschafte ihm den folgenden Tag Ruhe, und er blieb lustig und guter Dinge, und lachte viel. Hingegen schlief er diese Nacht gar nicht, blieb aber am 32sten Morgen gelassen, doch Nachmittags kam wieder ein halbstündiges Lermen beim Einnehmen, hernach ward das verlassene liebe Mädchen der Hauptgegenstand des Sprechens.

Nach sieben Stunden Schlaf wachte er auf, und man fand, daß er den Haken am Gurt losgerissen hatte, so daß das Schloß nicht mehr bevestiget war, welches er sich ruhig wieder verbessern ließ, auch sich furchtsam bezeigte, daß solches vorgefallen sey. Inzwischen begegnete er dem Arzt trotzig, und das Schimpfen ging wieder an, welches abwechselnd dauerte, bis auf den Abend, wo die Ruthe und das Händezusammenbinden Stille verschaffen mußte. Von ein Uhr bis gegen sechs hatte er geschlafen, doch vorher eine ganz neue baumwollene Mütze in zwei Stücke zerrissen, und die Wächter ziemlich vexiert mit Heraus- und Hereinheben ins Bett.

Den 34sten Tag fing er wüthend an; dieß dauerte bis auf den Abend so, und Schärfe mußte angewendet werden. Einer guten Nacht folgte ein ruhiges Erwachen, und man vermochte, ihm ruhig [40]am Fuß eine Ader öfnen zu lassen, welches guten Erfolg hatte, so daß der 36ste Tag stille anfing, aber bei der Mittagssuppe war das Butterbrod zu klein, es wurde weggeworfen, da aber kein grössers erfolgte, aß er es gelassen. Den Abend besuchte ihn sein Freund der Geistliche, und die Unterredung war höflich, jedoch verwirrt. Der heftige Paroxismus hatte den nächsten Tag sich fast gar nicht gezeiget, und der Abgang blieb zeither so reichlich, als wenn er täglich sechs volle Schüsseln zu speisen kriegte.

Am 38sten Tage wollte er mit dem Arzte gar nicht sprechen, und versteckte sich unters Bett; indessen verfloß er ziemlich ruhig. Vor dem Einschlafen ward er bis ein Uhr wieder sehr laut, begehrte eine Aderlaß, doch schlief er hierauf fünf Stunden. Vorher aber hatte er das Schlößchen am Gurt wieder losgesprengt, und selbigen diesen Morgen völlig aufgeschnallt. Mit Schimpfen ließ er die Bevestigung geschehen, mußte wieder mit Gewalt zum Einnehmen gezwungen werden, und bis Nachmittags drei Uhr wüthete er gräßlich. Nachher sprach er mit den Leuten viel, wurde lustig, und auf Bitten brachten ihn die Wärter auf einen Stuhl ans Fenster, wo er eine Stunde vergnügt saß, und sich wieder willig niederlegte, auch dieser 39ste Tag gelassen beendiget wurde.

Mit heftigem Lermen wachte er am 40sten Morgen um 5 Uhr auf, daß wir ihn vernehmlich [41]im andern Zimmer hören konnten; nachdem er Thee getrunken und etwas Semmel gegessen, beruhigte er sich bis um acht Uhr, dann ging es wieder los, der Barbier konnte beim Fliegenpflasterverbinden nicht fertig mit ihm werden, gegen den Arzt, so nachgebend dieser sich auch bezeigte, war er äusserst mürrisch und drohend, aß außer der Suppe nichts und klagte über Kopfweh. So dauerte es bis um zwei Uhr, wo er zu weinen anfing, traurig wurde, und auch von gewissem baldigem Sterben sprach; keine Medicin nahm er mehr, und als der Zwang ihn dazu brachte, spuckte er sie erst weg, dann schluckte er sie zwar hinunter, brachte sie aber mit dem Finger im Halse wieder hervor, und brach sie mit Ungestüm nebst dem zu sich genommenen Obst fort. Um fünf Uhr ging das Weinen wieder an, er stöhnte viel und wollte sterben. Da der Arzt gern ein Clystier beigebracht haben wollte, so wurde er durch den Barbier, der durch Ernst und Scherz über ihn am meisten vermochte, dazu gebracht, doch unter dem Versprechen, ich sollte zu ihm kommen, welches diese Wochen her, auf Geheiß des Arztes, noch nicht geschehen war, so oft er auch gut und hart darnach verlangt hatte; auch die Mutter wünschte er den Abend zu sehen. Diese Zusage ward geleistet, wenn er sich würde ruhig haben ein Clystier setzen lassen, und nach geschehener Sache, die gut wirkte, kam ich allein zu ihm, umarmte ihn zärtlich, und ward freudig empfangen.

[42]

Vorher, ehe das Lavement gesetzt wurde, richtete er sich auf, hielt eine Predigt über die Unsterblichkeit der Seele, vollständig mit Einleitung und richtiger Eintheilung, auch Beobachtung des Gesanges, wie gewöhnlich. Mit philosophischen Gründen fing er den Beweis an, blieb eine Viertelstunde lang in der Ordnung, dann mischte er verwirrte Geschichte darunter, beschloß aber mit einer guten Anwendung.

Die Mutter folgte auf sein Verlangen mir nach, und er begehrte, daß ich ihm Lieder vorlesen sollte, worüber er um eilf Uhr einschlief und früh um sechs Uhr sein vorgeschriebenes Frühstück wohlschmeckend genoß. Um sieben war die Einnehmezeit, welches er von mir annahm, und bis Mittags um eilf Uhr sanft schlief, daß auch der Arzt, ohne ihn zu sprechen, wieder wegging. An diesem 41sten Tage bekam er zum erstenmal Kalbfleischsuppe, beides schmeckte ihm gut. Er schlief gut, nur weigerte er den Arzneigebrauch des Morgens, bis ich dazu kam, und war er diesen Tag über nur wenig mürrisch. In dieser Nacht versuchte er wieder — was schon mehrmalen geschehen war — die spanischen Fliegen loszubinden, und dieß gelang ihm zuweilen heimlich, so genau auch die Wächter aufpaßten; er hinterging sie oft, denn viele List und Verstellung war überhaupt bei seinem Betragen.

Weil er am 43sten Tage wiederum von den Leuten nicht einnehmen wollte, drang ich darauf, und [43]er folgte nachher immer. Am darauf folgenden, weil ich bemerkt hatte, daß die hellen Zwischenräume zunahmen, sich auch die anhaltende Soldatenidee, wenigstens in meiner Gegenwart, wo er stets ansichhaltender war, verwischte, legte ich ihm Gemälde und Kupferstiche vor, die er mit Vergnügen durchsah, und vorzüglich über die rothe Farbe eines kleinen Bildes heitere Empfindung äußerte, und sich lange dabei verweilte; bei den Kupferstichen ging es hurtiger, und es sollte immer Abwechselung kommen. Des Abends sprach er zu meiner unausdrückbaren Freude lange zusammenhängend mit mir; wir spielten Karten, zogen Dame, und alles geschah mit wenigen Fehlern. Auch mit dem Arzt hatte er sich gut unterhalten. Sowohl am Tage als die Nacht drauf erquickte ihn der Schlaf, und der 45ste Tag blieb dem vorigen gleich, insbesondere so lange ich bei ihm war; alsdann fing er mehr mit den Leuten allein zu reden an, und delirirte wieder, nur alles gemäßigt. Die zwei nächsten Tage wurden etwas mürrischer und verworrener zugebracht, allein im Ganzen ging es doch vorwärts.

Am 48sten Tage ward er zum erstenmal am Stocke von den Wärtern im Zimmer herumgeführt, und die Schwäche war nicht so stark, als man besorget hatte. Weil er den Tag über viel geschlafen, war er des Nachts unruhig, und hatte die Karten alle aufgelöst und zerrissen: jedoch erwachte er heiter, wollte wieder herumgehen, beim [44]Aufsteigen bildete er sich aber ein, der eine Fuß sey durch die spanische Fliege kürzer geworden, und wollte nicht auftreten. Viel Ueberredung kostete es, um ihm vom Gegentheil zu überführen; endlich gelang es, und er ging selbst ohne Stock eine Stunde lang auf und ab, bezeigte sich gegen den Arzt sehr gesittet, der Zusammenhang im Reden wuchs an, die Ueberlegung äußerte sich merklich, und so wurden fünf Tage mit Gehen, Sprechen, guter Wirkung der öfnenden Mittel, geschmackvollen Appetit und sanftem Schlaf trostvoll zugebracht.

Den 54sten Tag wollte er sich selbst gern mit etwas beschäftigen, hatte schon vorher eine Stunde im Kinderfreund gelesen, und die Mutter gab Farben, um einen Kupferstich zu illuminiren, wobei gut angefangen, hernach aber nur gesudelt wurde; gegen Abend ward wieder mehr gefaselt, um zehn spielte er mit den Wächtern Karte, allein konfus, ich ließ sie weglegen, und er schlief sieben Stunden. Nach dem Frühstück und Einnehmen ward wieder einige Stunden geschlafen, dann mochten die geschärften Pflaster ihn verdrießlich machen, indessen griff er Nachmittags wieder zum Malen; man wollte ihm bessere Anleitung dazu geben, er widersprach und glaubte es gut zu machen, sprach auch viel und unzufrieden untereinander bis gegen Abend, wo ich mich mit ihm unterhielt und Ordnung im Reden war; doch war die Nacht sehr unruhig und mit Schimpfen auf die Wächter bis drei [45]Uhr zugebracht. Um fünf erwachte er schon wieder. Dieser 56ste Tag ward auch mürrisch verbracht, und wollte er gar nichts vornehmen; der folgende erschien heiter und blieb so. Heute ging er auch wieder viel auf und ab. Eben so verfloß der 57ste.

Am 58sten fiel ihm eine Schreibtafel ein, die er glaubte mitgebracht zu haben, da man sie aber nicht fand, auch ungewiß war, ob er sie bei dem Anfang der Krankheit nicht weggeschenkt hatte — denn die ersten Wochen gab er alles an seine Wärter weg, und man mußte die Sachen verbergen — argwohnte er, die Mama wolle sie ihm nur nicht geben, ward darüber äußerst verdrießlich und hernach gegen den Wärter sehr zornig; indessen ging auch dieß vorüber, und dieß war die erste Nacht, wo nur ein Wächter bei ihm blieb.

Den 59sten stand er schon gegen sieben Uhr auf, ging herum, beschäftigte sich mit Malen und Lesen, jedoch nicht glücklicher als vorher, schlief Nachmittags, und gegen Abend war er beim Besuch seines geistlichen Freundes gut, nur auf die letzt, als ihm derselbe einiges nicht in seinen Kram dienendes anrieth, schwärmte er etwas verdrießlich. Nach einem siebenstündigen Schlaf erwachte er mürrisch, sprach übel aufgeräumt, weinte über ein trauriges zukünftiges Schicksal, und mein Zureden griff wenig ein, denn auch mit meiner Begegnung war er unzufrieden.

So fing der 61ste Tag auch wieder an; er bat mich, ihn sich allein zu überlassen, setzte sich im Win-[46]kel und war ganz Heautontimorumenos. Diesen Tag war der Soldat Wärter, welchen er nie wegen seiner Schulkenntnisse und Ermahnen leiden konnte. Schon seit einer Woche lag er des Tages unangebunden im Bette; einmal ging ich heraus, und weil er gegen mich höchst mürrisch sich betragen hatte, erinnerte ihn der Soldat, wie viel Mühe ich seinetwegen hätte, er solle es besser erkennen u.s.w. Plötzlich fuhr er aus dem Bette heraus, ohrfeigte denselben, und das Mädchen, die just im Zimmer war, erhielt mit dem Strick, der noch am Gurt war, auf Arm und Rücken einige Schläge. Man rief mich, ich konnte nicht sogleich ihn besänftigen; er schrie laut über unanständiges Begegnen der Leute, welches aber falsch war; doch mußte er sich wieder das Anbinden gefallen lassen. Dem herbeigeholten Arzt ward gleichfalls schnöde begegnet, aber wie derselbe befahl, auf die alte Art hart mit ihm umzugehen, wurde er geschmeidiger, zog sich gleich selbst aus, und rührte sich nicht aus dem Bette. Von zwei bis fünf Uhr des Nachmittags schlief er hierauf, war beim Erwachen artig und ordentlich gegen mich, und blieb es so.

Nach einem dreistündigen Schlaf weckte ihn am 62sten Tage ein heftiger Nachtsturm um ein Uhr, der Fensterscheiben entzweiriß, und nochmals um vier Uhr erweckte ihn ein morschgewordenes Stück Gesims, welches von der Stubendecke mit Krachen herabfiel und Staub um und auf sein Bette brach-[47]te; gegen die Wächter zeigte er sich deshalb voll Schreck und Furcht, wie ich zu ihm kam, erzählte er den Vorfall mit Unruhe und Besorgniß mehrerer Gefahr. Anfänglich hatte ich Mühe, ihn zu beruhigen, hernach aber wurde er überzeuget von der Unschädlichkeit für ihn, nahm den Arzt sehr gesittet und freundlich an, las und malte den Tag über mit weit besserem Erfolg wie sonst, und sprach mit mir vernünftig; doch, wenn ich abwesend war — wie schon bemerket worden — ging mit den Leuten wieder das geschwindere Sprechen und auch das unwahre Erzählen von Vorfällen am verlassenen Ort an, nur gemäßigter und schwächer.

Von heut an wurden die Fliegenpflaster weggelassen. Der 63ste Tag war vollständig ein ordentlicher zufriedener Zeitpunkt, und die Selbstbeschäftigungen gingen gut von statten, so wie seine Leibeskräfte merklich zunahmen, welche überhaupt, nach einem so langen heftigen Leiden, nicht allzusehr gesunken waren. Ein siebenstündiger Schlaf verursachte ein fröliches Erwachen und einen vollkommen heitern Tag. Es war mein Geburtstag; gleich früh beschäftigte er sich mit Malen, und da mir das Mädchen gesagt hatte, wie er feines Papier holen lassen, und schon einige Tage vorher bei seinem Vetter Band malen zu lassen hatte bestellen wollen, so vermuthete ich einen Glückwunsch und ließ ihn des Morgens meist allein. Wie wir bei Tisch saßen, schickte er auf einem Teller einen mit [48]Einfassung selbst gemalten halben Bogen, worin beiliegende Reime mit dem Pinsel geschrieben waren.

HORATIUS.

Grata superveniet, quae non sperabitur hora. b


Sie sind vorbei die Stunden
Von jugendlichem Lenz;
Für mich sind sie verschwunden;
Die Rose ist schon hin,

Die einst im Lenz Dir blühte,
Der Sterblichen Gewinn.
Du Rose! o Liebling der Götter,
Des Frühlings größter Stolz.

Du Schmuck der goldgeschmückten Flur!
O, daß die reizende Natur
Am heut'gen Freudenfest
Dich, meinen Vater, krönte!

O, daß Philomele
Mit Silberton
Doch baute ihr Nest!

Ihm müsse Autumnus selbst grünen
An Pallas milder Hand!
Stets sey das Gewebe des Lebens
So glatt, so rosenfarb und licht,
Als möglich ist!

Doch, was soll ich erst wünschen,
Dir alles erst wünschen,
Was Deiner so werth?
Das Glück erst beschweren,
Den Wunsch zu erhören,
Daß Dich es verehrt.

Nur unter Scherz und Küssen,
Muß er Dir froh verfließen

[49]

Der Winter des Lebens!
Nicht sey er vergebens,
Mein Herzenswunsch!
O, träf er doch ein!
Wie froh wollt' ich seyn.

Am nichtvergessenen 17ten Nov. 178-.

Voller Freude wurde er, wie ich ihn gerührt dafür umarmte, und Zähren flossen unsere Wangen herab. Wie eine schöne Sommernacht verfloß dieser frohe Tag eilig, und ein neunstundenlanger Schlaf hatte meinen lieben Genesenden augenscheinlich erquicket. Voll Zufriedenheit erwacht führte ich ihn am 64sten Morgen zum erstenmal in unser Wohnzimmer, wo ihm alles neu war; voll Vergnügen besah er die darin hängenden Bilder und ließ überhaupt viele Neubegierde blicken, sah alles durch, doch hielt er sich bei keinem lange auf. Ich ließ ihn laut lesen, welches mit Bedacht und Empfindung des Inhalts geschah, nur zu geschwind und mit zu lauter Stimme, die aber ihm angemessen der Sache schien.

Eine der vorigen ruhigen Nacht gleiche erfolgte hierauf, und so zwey ähnliche Tage; außer daß er den zweiten Abend, da er Griechisch und Latein mit Emphasi einige Zeit las, und die Mutter ihn davon abrieth, weil diese Beschäftigung noch zu zeitig und zu ernsthaft sey, verdrießlich wurde und in seine Stube verlangte, auch, da ich bei seinem Abendessen verblieb, darüber mit selbiger noch immer haderte; so wie ich bei dieser Gelegenheit eine wi-[50]drige Wendung seiner sonstigen Gesinnungen gegen die Stiefmutter anmerke, die er immer geachtet und geliebt. Diese widrige Gesinnung hatte sich während der Krankheit so fest eingewurzelt, daß es mir Ueberredungskunst und wirklich Mühe gekostet hat, ihn nach und nach ins alte Geleise gegen selbige zu leiten; und lange Zeit erst nach der völligen Wiedergenesung ist es mir gelungen, das alte Zutrauen wieder zu erregen und zu bevestigen.

Der 67ste Tag war wieder mit trüben Wolken umzogen. Noch mußte er auf Anrathen des Arztes den Gurt um den Leib behalten, und des Nachts zu mehrerer Sicherheit an der Bettstelle mit dem Strick bevestiget werden: dieß war ihm schon seit einigen Wochen ein Hauptanstoß gewesen, und da die Fliegenpflaster hinwegwaren, wollte er auch diesen nicht mehr dulden. Oft satyrisirte er über diese Vorsicht lachend, oft aber murrte er auch bitter und wehmüthig darüber; indessen kamen wir der Vorschrift des einsichtsvollen und sicher handelnden Arztes nach. Heut war er gleich des Morgens so gestimmt; Sanftmuth und Ernst vermochten von meiner Seite nichts zu bewirken, theils klagte er laut, theils weinend über diese ihm anscheinende Härte, und als am Abend der Geistliche ihn besuchte, machte selbiger auch mit seinen mancherlei Vorstellungen keinen Eindruck auf ihn, seine Gedanken dünkten ihm die richtigsten; so blieb er, und verließ uns unzufrieden, immer doch mehr [51]mir nachgebend als der Mutter, deren Belehrungen mit Unhöflichkeit erwiedert wurden; und sie beschloß daher, ihn nun ganz gehen zu lassen und gleichgültig sich zu bezeigen.

Er schien den folgenden Tag nicht darauf zu merken, war zwar aufgeräumter, weil der Barbier das Heilungspflaster von den Waden nahm und zum letztenmale bei ihm war, sonst aber betrug er sich, ausgenommen gegen mich, vier Tage lang etwas spöttisch und achtungsloß gegen dieselbe.

Am 72sten Tage schien helle Sonne bei ihm; der Arzt befreyete ihn vom Gurte, und nun zog Zufriedenheit, Folgsamkeit und anständiges Betragen gegen einen jeden bei ihm ein. So dauerte es fort, und die Munterkeit nebst richtiger Ueberlegung wuchsen sichtbar an. Der Gebrauch seiner zeitherigen auflösenden und abführenden Mittel endigte sich am 77sten Tage, wo er stärkende Tropfen erhielt, und Nachts und Tags viel und stärkend alle Tage schlief. Den folgenden Tag fuhr ich mit ihm zum erstenmal aus, Reden und Befragen blieb vollständig gut, und die Urtheilskraft hatte wieder Festigkeit bekommen. Herzlich vergnügt kamen wir nach Hause, und das Vesperbrodt war Nektar und Ambrosia für ihn.

Seitdem blieben auch die verdrießlichen Unterredungen aus; auch die unzüchtigen Reden und Geberden waren weg, wovon er besonders die obscönesten vorgebracht hatte; obschon ich außer allem Zweifel [52]versichert war und bin, weder dergleichen That noch Worte sind je von ihm in seinem natürlichen Zustande vorgenommen worden: gegentheils ist er für seine Jahre noch sehr schamhaft. Gegen uns äußerte er nichts mehr von der Neigung zum Soldatenstand; allein gegen die Wächter und übrigen Leute versicherte er es noch, und wünsche er nur, es mir schon vorgetragen zu haben.

Am 86sten Tage gingen die Wächter ab, und ich legte mich in seine Stube, wo auch die Nacht von nun an alles ruhig ablief, so wie der gute Schlaf die Kräfte merklich stärkte.

Den 89sten Tag ging ich mit ihm zu Fuß spatzieren, und am 92sten that er es in der Stadt allein, ohne daß Furcht oder Blödigkeit nach so langwieriger Stubenhütung bemerkt wurde. Den 94sten ging er mit dem Großvater zufrieden auf den Jahrmarkt, kam mit Beängstigungen nach Hause, die sich aber den folgenden Tag verloren hatten, und so fuhr er fort, seine alten Freunde zu besuchen, die nichts verändertes an ihm verspürten; und endlich wurde er den 107ten Tag von aller Arzenei freigesprochen, mit der Erlaubniß, mit uns die gewöhnlichen Speisen zu genießen, und seine alte Lebensart wieder anzufangen, doch zu ernste Beschäftigungen noch zu vermeiden.

So hatte also dieser schaudervolle Zustand über drei Monate hier gedauret, und wenn ich den vorhergegangenen Tiefsinn in seinem Schulort hinzu-[53]rechne, ist er an acht Monate Patient gewesen. Durch keine ausschweifende Lebensart hat er sich dieß Uebel zugezogen, denn vorerst hat er nie Neigung dazu unter meiner Aufsicht im geringsten spüren lassen; und an dem Schulorte war er bei Verwandten, die genau auf ihn Obacht hatten, und auch nie etwas dergleichen bemerket haben. Im Gegentheil, man hat ihn vom Fleiß zurückhalten und in Gesellschaften oft zwingen müssen, wo er aber denn auch gern war, wenn selbige nach seinem Geschmack waren. — Seine nun täglich zunehmende und daurende Gesundheit war mit keiner Abänderung seiner sonstigen Konstitution verbunden, als daß er die ersten Monate oft stiller wie gewöhnlich war; übrigens nahm er seine Schularbeiten für sich bald wieder vor, und mußte von den mathematischen Beschäftigungen abgehalten werden, nach denen er am liebsten griff.

Da mir hinterbracht wurde, sein Soldatenhang blieb unbeweglich, und er sich gegen mich darüber nicht ausließ, die Gelegenheit indessen entstand, wo ich meinem Oberen über ihn mündlich Nachricht zu geben hatte, so fing ich davon an, und foderte seine wahre Entschließung vorher darüber: das für und dawider wurde ventilirt, und das Resultat blieb dafür. Wie er dieses vom Herzen hatte, ward er wieder munterer, und es wurden Veranstaltungen getroffen, um diesen Endzweck vortheilhaft zu erreichen. Hierüber ging der Frühling und [54]ein Theil des Sommers vorbei, die er sehr heiter und gesellig zubrachte. Er bezeigte sich wirklich munterer und zufriedener, als in seinen jüngeren Jahren.

Um sich im Reiten zu üben, besuchte er seinen Großvater auf dem Lande, that mit diesem verschiedene kleine Reisen, ließ sichs wohl schmecken, und brachte drei Wochen nach seinen mir geschriebenen Nachrichten sehr vergnügt und auch nützlich zu. Ganz unvermuthet kam er mit diesem zurück, weil einige Tage vor der Abreise wieder kleine Anfälle von Ueberspannung und lautem Betragen bei Tag und Nacht bemerkt worden waren, welche vermuthlich durch zu gute reichliche Kost, übermäßige Bewegung bei der Hitze, mathematische und theologische Ausarbeitungen ihren Ursprung herhaben mochten.

Auf eine Aderlaß und die abführenden Mittel wurde sogleich der schlimmere Fortgang gehemmet. Indessen ereigneten sich einige hitzige Auftritte, wo ich Ernst anwenden mußte, um sie zu unterdrücken, und die wieder Spuren vom alten Uebel zeigten. Sie verloren sich aber bald, und Lustigkeit trat an die Stelle, wobei er beim Lesen von Dichtern eine Menge scharfsinniger Anspielungen auf Bekannte extemporirte, und Liebestrieb wiederum äußerte, doch gemäßigt und anständig; sonst spürte man keine Unordnungen, und nach Verlauf von acht Tagen genossen wir wieder der schönen Herbstwitte-[55]rung zusammen vergnügt und wie im gesundem Zustande.

Nur überraschende Hitze übereilte ihn zuweilen bei kleinen Anläßen. Doch wurden überzeugende Proben von Geistesfähigkeit abgelegt, indem er unter andern drei angehörte Predigten zu Hause so umständlich aufsetzte, nach Verlauf einer Stunde darauf, daß der Geistliche sie beim Durchlesen vollkommen seinen gehaltenen gleich fand.

Mein Amt erfoderte in diesen Monaten öftere Reisen aufs Land, wo er reitend und fahrend mich begleitete, vergnügt und artig war, nur zu freigebig sich gegen die Einwohner erwieß, welches seiner Börse nicht angemessen sich befand; doch streute er ohne alles Geräusch und heimlich seine Geschenke aus.

Zuweilen zeigte er in der Stadt beim Grüßen noch zu viel Höflichkeit, ohne den zu bemerkenden Unterschied des Standes; und nur ein Anschein von Beleidigung von jemand veranlaste zu hitzige Gegenbegegnung. In einigen Wochen darauf verlor sich aber dieses alles völlig; und durch ein bei einer gewissen Gelegenheit von mir gegen ihn geäußertes grosses Zutrauen in seine überlegende Beurtheilung ward er sichtlich dahin gebracht, sorgfältig auf sein Betragen gegen jedermann von selbst acht zu haben, und seitdem ist er vollständig der alte gute, gesittete Jüngling. Gott lasse ihn so fortfahren!

[56]

Folgende Anmerkungen will ich noch beifügen: Viel gelitten habe ich, und anfänglich konnte ich mich gar nicht überreden, daß dieses so schrecklich abgeänderte Betragen, und diese Aeußerungen eines sonst so gutgearteten Sohnes, natürliche Ereignisse der Art von Krankheit wären.

Ich kränkte mich innerlich; Verführung am fremden Ort, dachte ich, bringe manche Zote, manches pflichtwidrige Kindesbetragen hervor. Nur seine so oft wiederholten Betheuerungen von längst angewohnter Verstellung, und das lästerliche Ausstoßen gegen Schöpfer und Religion richteten mich auf, da ich ihn bis in das 16te Jahr um mich gehabt und seinen moralischen Charakter genau kennen gelernt hatte, daß es unmöglich sey, so plötzlich vom Guten ins Schlimme überzugehen, um so mehr, weil er die drittehalb Jahre seiner Abwesenheit wöchentlich die besten Zeugnisse von Fleiß und Aufführung von sämmtlichen Lehrern in zugeschickten sogenannten Conduitenzettels bei der achttägigen festgesetzten Conferenz ununterbrochen erhalten hatte. Auch die Funken von sonstiger Zuneigung, Gehorsam und Furcht gegen mich, welche bei den hellen Zwischenräumen durchsprühten, beruhigten mich dann und wann, und Hofnung gewann die Oberhand, da selbige bei dem voll Menschenliebe weisen Arzt, wegen der Jahre des Kranken und seiner mehrmaligen Erfahrung dergleichen Zufälle, nie sank, auch [57]mein guter Sohn werde wieder in seinem natürlichen Zustand zurückkehren.

Meine Vermuthungen der Entstehungsursachen dieser Schaudererregenden Unordnungen in seiner Maschine gehen dahin, daß die Begierde, hervorzuragen — denn von jeher war Ehrbegierde der Haupttrieb zum angestrengten Fleiß — über seine Mitschüler, wo er meistentheils den Preis davon getragen hatte, obschon Naturfähigkeiten nicht die ergiebigsten waren, den Kopf zu sehr angegriffen und hauptsächlich mit zu vielerlei für sich, ohne weise Gradation, überladen hatte. Hiezu trat ein Sterbefall eines geschätzten Freundes, den er in der Krankheit besorgt hatte, auch einige für sein weiches Herz empfindsame häusliche Ereignisse, welches zusammengenommen Nerven und Fibern, die zeither überspannt worden waren, auf einmal herabgeschwächt hatte; wozu noch das zwanzigjährige Alter eines sonst vollen, gesunden Jünglings bei guter Kraft und Enthaltsamkeit, auch manches beigetragen haben mag.

Fast bin ich überzeugt, nicht darüber im Irrthum zu seyn; so wie ich zugleich in diesem traurigen Zeitpunkt noch gewisser geworden bin, wie vielen Einfluß der Mechanismus des Körpers auf die Seelenwirkungen habe, und daß es Schwachheit sey, gleich über Materialisterei zu schreien, [58]wenn der philosophische Physiolog glaubet, daß materielle Dinge durch Mittelursachen etwas über geistige Wirkungen vermögen, und daß mechanische Veränderungen einigen Einfluß auf Denken und Wollen haben. Der körperliche so wie der geistige Theil des Menschen sind beides Theile eines Ganzen, und stehen folglich in der genauesten Verbindung miteinander.

Erläuterungen:

a: Aus dem Griechischen. Jemand, der sich selbst bestraft.

b: Horaz, Buch 1, Epistel 4, Zeile [13-]14: [Man denke sich, dass jeder Tag sein letzter sei;] die Stunde, auf die man sich nicht freut, wird als freudige Überraschung kommen.

III.

Geschichte eines im frühesten Jünglingsalter intendirten Brudermords.

V..w.g., J. Gottfried

Als ich, ungefähr im vierzehnten Jahre, mit meinem jüngsten leiblichen Bruder eine Zeitlang in einem Bette schlief, übereilte mich eines Abends, da ich etwas spät in dem Zimmer, wo wir schliefen, mit Schularbeit beschäftiget war, plötzlich der Schlaf; ich legte mich zu ihm nieder, nachdem er schon ziemlich lange sanft geruhet hatte. Aber statt des Schlafs überfiel mich nun eine fürchterliche Angst, ich hörte gleichsam eine Stimme, die mir sagte: nimm das auf dem Tische liegende Federmesser und stoß es ihm in den Hals —

[59]

Die brüderliche Liebe kämpfte mit dem vermeinten Berufe ihn zu tödten je länger je heftiger, ich bewunderte die sanfte Ruhe desselben, umarmte den so unbekümmert Schlafenden, küßte ihn, stand auf, ergriff das Messer — — legte es zusammen, verbarg es sorgfältig zwischen Bücher und Papier,legte mich wieder zu ihm nieder, umarmte ihn nochmals und — betete.

Meine Ruhe und Seelenstille kehrte nach und nach wieder, und unaussprechlich groß war meine Freude, daß mir kein anderes als gerade ein Einlegemesser zur Hand gewesen, und daß ich meinen lieben kleinen Bruder nun nicht tödten sollte. Ihn rettete also vom Tode und mich von der fürchterlichsten Angst und unmenschlichsten That, schwärzer in der Ausführung, als je eine Kainshandlung — das versteckte Einlegemesser und ein inbrünstiges Gebet, wodurch das verwirrte Gewebe meiner gegenwärtigen Ideen vereinfachet, die unwillkührlichen abgeleitet, und freiwilligere wieder herrschend wurden.

Wie fest nun dieser Mordentschluß bei mir war, beweiset theils die immer noch von ängstlichem Mißtrauen begleitete Freude, da der Paroxismus bereits vorüber war; theils, daß ich nicht an die daraufgesetzte Todesstrafe dachte, da ich doch damals von der, diesem Alter in solchem Falle bewilligten Begnadigung, zuverläßig noch nichts [60]wußte. Dieß erschwert die Ergründung der Ursachen dieses mörderischen Vorsatzes sehr, und die damals noch so wenig entwickelte Anlage des Kopfes und Herzens macht diesen in seiner Art einzigen Zustand des Gemüths noch unerklärbarer.

Woher also dieser Sturm — woher diese unerhörte Mordlust in einer so jungen Seele? Rachbegierde war es nicht, denn er hatte mich nicht beleidiget, jener nicht selten nach überspannter Seelenanstrengung tobende Geist des Unmuths und der Mißlaune, wenn die Thätigkeit durch irgend ein entgegenstrebendes Hinderniß, wie hier vom Schlafe, gehemmt wird, konnte es in diesen Jahren wohl auch nicht, so wenig als eigentliche Bosheit oder Verzweifelung, seyn. Unzufriedenheit, daß er so sanft schlief und ich nicht schlafen konnte, war vielleicht eine entfernt wirkende Triebfeder, wer weiß, selbst die Dunkelheit der Nacht, die mich damals oft zu schwarzen ängstlichen Gedanken veranlaßte, konnte hier mit im Spiele seyn. Freilich war es mir auch eben so recht nicht gelegen, einen Beischläfer zu haben, aber überzeugt von der Nothwendigkeit und guten Absicht meiner Aeltern, hatte ich mich schon längst darein ergeben.

Vielleicht, aber nur vielleicht, war es an einem Tage, wo ich einen Mörder vom Leben zum Tode hatte bringen sehen. Vor solchen schauder-[61]vollen Auftritten war ich in jenen Jahren, gewöhnlich des Delinquenten wegen, sehr ängstlich und bekümmert, sobald aber die Handlung geendigt war, empfand ich eine Art von Gleichgültigkeit und Verachtung des Todes.

Ist es nun mehr Stärke oder Schwäche der Seele, wenn sie oft zu raschen Entschließungen übergeht? Schwäche kann wenigstens eben sowohl eine Mutter grausamer als schändlicher Handlungen seyn. Jenes Selbstgeständniß beweißt, daß uns die geringfügigsten Umstände zu Handlungen von den wichtigsten Folgen verleiten können. Das frey und offen liegende spitzige Messer ängstigte mich eben so sehr, als es mich hinterher beruhigte, da ich es zusammengelegt und versteckt hatte. Durch diese Täuschung gewann meine Seele Zeit, jenen höllischen Todesengel zu besiegen, und ich schlief freudig ein.

Wer wünscht mir nicht Glück, daß ein so schrecklicher Gedanke seitdem nicht wieder in mir erwacht ist; so wie ich auch von dem innern heißen Drange, am unrechten Ort laut reden zu müssen, da ich mir öfters in der Kirche mit der Hand den Mund fest zuhalten mußte, seit einigen Jahren nichts mehr weiß.

Das Resultat ähnlicher Selbstgeständnisse und Erfahrungen wird am Ende unwidersprechlich dar-[62]auf hinauslaufen; es drängen sich oft Vorstellungen und Vorsätze auf, die wider unsern Willen zu lebhaft werden, wo die Freiheit der Handlungen in Gefahr kommt, weil sich unsre Seele in einem fieberähnlichen Zustande, in einem Stande der Sklaverei befindet, worin sie sich blos leidend zu verhalten scheint: und da die Seele überhaupt das Neue liebt, so handelt der Mensch oft in dieser Art von Betäubung nach dunklen Gefühlen und Empfindungen, die ihm selbst unerklärlich bleiben. Ferner: die Seelenkrankheiten haben, gleich den Krankheiten des Körpers, ihre Paroxismen, wo sich die Krankheit vermehrt; so auch ihre Intervalle, wo der Mensch ungesäumt Gegenstände und Gedanken verändern muß, um sich, immer doch mit nicht geringem Widerstande, von der Tyrannei widerstrebender Ideen loszuwinden.

V...s. in Br—g.

[63]

Zur Seelennaturkunde.

I.

Eine Selbstbeobachtung auf dem Todbette. a

Hufeland, Christoph Wilhelm

Ich schicke Ihnen hier eins der seltensten Dokumente von Selbstbeobachtung, das wenigstens dieser Seltenheit wegen Ihren Lesern nicht unangenehm seyn wird: — ein Fragment von Bemerkungen über sich selbst, die der Selbstbeobachter in seiner letzten sehr schweren Krankheit gemacht hat.

Hätte dieser Mann den Anfang Ihres Journals erlebt, er wäre gewiß einer der eifrigsten Beförderer desselben geworden; denn der Bildung der menschlichen Seele nachzuspüren war sein Lieblingsstudium. Als ein Mittel vom ersten Range dazu schätzte er nun freilich Selbstbeobachtung; allein diese Art von Beschäftigung, und die dadurch entstehende Selbstkenntniß war ihm noch in manchem andern Betracht äußerst wichtig und schätzbar.

Er hielt die Kenntniß des innern Zustandes seiner Seele und das Vermögen, jede Veränderung derselben schnell und richtig zu bemerken, für eine der edelsten Fähigkeiten des Menschen, für ein gros-[64]ses Mittel zur Tugend, für das wahre Mittel zur möglichstgrößten Wirksamkeit eines jeden —

Doch warum laß ich ihn nicht selbst reden, da ohnehin Gedanken über die Vortheile der Selbstkenntniß nirgends besser Platz finden können, als in einem Werke, welches das γνωθι σαυτον an der Stirne trägt? — Hier sind also seine eignen Worte:

»Ich will das nicht einmal anführen, in welche Verwirrung es den Menschen stürzt, wenn er sich unrichtig beurtheilt, und daß der Uebergang vom Guten zum Bösen gewöhnlich durch Selbstbetrug verursacht wird; nur das will ich bemerken: wie gewaltig müßte ein Geist nicht in allen andern Vollkommenheiten zunehmen, der seine Fähigkeiten, und den besten Gebrauch derselben, der die ganze Richtung seiner Neigungen völlig kennte! Wenn wir nur hier auf der Erde mit unsern Gedanken bleiben, was würde ein Mensch nicht ausrichten können, der eben keine außerordentlichen Naturgaben hätte, aber der diese »nun gerade auf das richtete, wozu sie eigentlich gestimmt sind; und seine Seelenstärke so wirken ließe, wie sie mit dem möglichstgrößten Erfolge wirken könnten! Dem ginge keine angewandte Bemühung verloren; seiner Seele ganze Kraft würde gehörig gebraucht, und er würde in diesem Stück dem ihm in diesem Leben erreichbaren Ziel nahe kommen, und das ist hoch.

»Kennte ein Mensch seiner Neigungen wahre Richtung, so würde er jetzt schon wissen, wieviel [65]jede zukünftige Sache ihm Vergnügen oder Schmerz verursachen würde; und dieß setzte ihn in den Stand, sein wahres und falsches Glück aufs genaueste zu unterscheiden. Und wie fest müßte sich nicht ein Mensch in der Tugend machen können, der sie immer von der Seite betrachtete, wo sie jedesmal für ihn den stärksten Reiz hätte, und die Mittel zu ihrer Beförderung wählte, die für ihn gerade die wirksamsten wären! Darum ist Selbstkenntniß mit dem Vermögen, richtig und schnell jede Veränderung seiner Seele zu bemerken, etwas sehr vorzügliches, darnach der Weise mit Eifer trachten und nicht aufhören muß, es auszubilden, bis er sich so genau kennt als Gott, das ist, niemals.«

Dieser große Werth, den Selbstkenntniß in seinen Augen hatte, und überdem die starke Neigung seiner Seele zu innrer ununterbrochner Wirksamkeit, und zu jeder Art des abstracten Denkens, die aus vorzüglicher innrer Anlage dazu entstanden war, und die er durch viele Arbeiten in der Mathematik und Philosophie noch immer mehr ausgebildet hatte, waren die Ursachen, daß er sich sehr früh zur Selbstbeobachtung gewöhnt hatte, und daher war seine Fertigkeit darin durch Uebung zu einem ungewöhnlichen Grade gestiegen, und er hatte dazu einen so großen Hang bekommen, daß er die Befriedigung desselben unter seine vornehmsten Vergnügungen rechnete.

[66]

Vermuthlich redete er fast ganz aus eigner Erfahrung in folgender Stelle: »Wer immer bei seinen Handlungen und Wünschen auf den ersten Grund derselben zurückgeht, und gleichsam so verfährt, als wenn er aus einzelnen Zügen eines Fremden dessen Character entwerfen wollte, der kommt zuletzt so weit, daß er die Fähigkeiten und Triebe seines Geistes, auch die sehr verborgenen, ziemlich genau bestimmen lernt. Und diese durch Vernunft und Aufmerksamkeit vermehrte Selbstkenntniß hat nun wieder die Folge, daß der Geist inskünftig auf jede kleine Veränderung, die in ihm vorgeht, acht giebt, und daß auch sogar sein Vermögen, die geringste andre Richtung der Vorstellungen in sich selbst zu bemerken zunimmt.«

Mit dieser Selbstbeobachtung war beinahe natürlich verbunden die genaueste Beobachtung aller seiner, auch der kleinsten, Schicksale, die Schätzung ihres wahren Werths in Beziehung auf ihn, und besonders ihrer Wirkungen auf seine Moralität. Diese Aufmerksamkeit hatte bei ihm dieselbe Folge, die sie bei jedem unbefangenen und aufrichtig Wahrheitsuchenden Beobachter haben muß; nemlich den unumschränktesten Glauben an Vorsehung; und wirklich, er hatte eine sehr hohe Stufe von Ergebung in den Willen Gottes erlangt; wie er sich auch auf der andern Seite einen seltnen Grad von Tugend und Selbstbeherrschung erworben hatte.

[67]

Dieser Mann bekam nun den 10ten Juni 1781 frühmorgens den ersten Blutsturz, nachdem er vorher einige Tage an einem leichten Schnupfenfieber krank gewesen war. Sobald nur sein Körper einigermaßen in Ruhe war, so nahm seine Aufmerksamkeit wieder ihre gewohnte Lieblingsrichtung auf den innern Zustand seiner Seele an, (wie man aus den nachfolgenden Blättern sehen wird) welches ohne die vorhergehende Uebung und Gewohnheit schwerlich mit der Anhaltsamkeit und Deutlichkeit möglich gewesen wäre.

So gefährlich indessen auch sein Zustand war, so ließ er nicht das mindeste von Kleinmuth merken. Ihm wurde nun ein sehr strenges Verhalten von seinen Aerzten verordnet, welches er auf das pünktlichste erfüllte; er vermied jede, auch die geringste Bewegung, lag fast unbeweglich still, sprach kein Wort, und alles, was er genoß, wurde mit der größten Sorgfalt abgemessen, damit er ja nichts mehr bekam, als er durfte, und damit er auf diese Art alle Pflichten der Selbsterhaltung erfüllte, die er sich und den seinigen schuldig war — er lebte damals fast blos von dickgekochtem Haberschleim.

Eben so suchte er auch seinen Geist in der gleichförmigsten Ruhe zu erhalten, und vermied jeden Anlas zu starken Empfindungen. Dieser Zustand der Unthätigkeit und Unbeweglichkeit währte ungefähr vier Wochen, während welchen er einige Rückfälle der Krankheit hatte. Endlich schien die Lunge [68]besser zu werden, und er durfte wieder außer dem Bette sitzen; nur das Reden und eine weniger strenge Diät erlaubte er sich noch nicht, und gehen konnte er nicht viel; in dieser Zeit hat er die folgenden Blätter geschrieben. Er befand sich aller seiner Beschwerden unerachtet jetzt in einer großen Heiterkeit, und erlaubte sich nun auch einige sanfte Gefühle, angenehme Rückerinnerungen oder schmeichelnde Hofnungen.

Nun stellte sich eine unmerkliche Auszehrung ein, mit noch immer anhaltender Schwäche verbunden. Seine Diät und Lebensart blieb noch die nehmliche; seine Seele befand sich in einer stillen, sanften Ruhe, und es schien, als wenn er nicht mehr nöthig hätte, seine Empfindlichkeit zu bekämpfen.

Vielleicht war er durch die lange Gewohnheit in eine gewisse Unempfindlichkeit versetzt, oder es war Folge von den allmählig sinkenden Kräften. Er hatte daher gar nichts von dem eigensinnigen, mürrischen Wesen, welches oft bei langwierigen Krankheiten ist; seine ganze Seele schien abgespannt zu seyn, er hofte und fürchtete nichts. Daher kam es auch wohl, daß er in dieser Zeit nichts mehr zu den folgenden Bemerkungen geschrieben hat. Dieß dauerte bis zu Anfang des Monats August.

Mit diesem Monat erhielt die Krankheit eine andere Wendung; er bekam mehr Heiterkeit und Lebhaftigkeit, erlaubte sich mehr zu reden, hatte viel heftigere Empfindungen, und der Mann, der [69]sonst so wenig Wünsche hatte, dem es in seinem kleinen Kreise so wohl war, machte jetzt viele weitaussehende Projecte. Diese Lebhaftigkeit stieg nun immer mehr, bis zum 21sten August, wo das Nervenfieber überhand nahm, und er in der Nacht anfing, heftig zu phantasiren. Des Morgens kam er wohl wieder zu sich, aber seine Seele hatte eine ganz andre Stimmung; er empfand alles mit der größten Heftigkeit, keine Ideen von seinem gewohnten Leben hatte er; dachte er noch zu leben, so waren es Reisen, neue Entwürfe u. dgl., die ihn beschäftigten; oder er unterhielt sich mit der Vorstellung des Himmels, und dachte sich schon im Kreis der Seligen. Diese Idee war aber doch meistens die bleibendste.

Mit großer Freude hofte er überhaupt auf die Entwickelung seines Schicksals, die nun nicht mehr weit entfernt seyn konnte. In solchem Zustande, bald mehr bald weniger bei sich, verlebte er seine letzten Tage.

Sonderbar war es, daß er einst in der Phantasie etwas sehr richtig berechnete, und überhaupt sich in dieser Zeit der arithmetischen Berechnung der Wahrscheinlichkeiten für und wider eine Sache bediente, um über sie zu urtheilen, weil ihm dieß sein Urtheil erleichterte; und hiebei verließ ihn die Richtigkeit der Berechnungen nicht, bis in seine letzten Tage — offenbar eine Folge davon, daß er sich ehemals so viel mit Mathematik beschäftigt hatte. [70]Nach dieser überspannten Heiterkeit versank er endlich in einen Schlummer, der sich den 26sten August mit seinem Tode endigte. Er starb im 30sten Jahre.

Ich glaube, diese kurze Krankengeschichte wird Ihren Lesern nicht ganz unangenehm seyn. Ich habe, soviel möglich, nichts darin aufgenommen, was nicht entweder zur Erklärung und Verständlichkeit des folgenden Aufsatzes dient, oder doch psychologische Bemerkungen, soviel äußere Beobachter sie machen konnten, enthält, die gewissermaßen zur Fortsetzung seiner Selbstbeobachtungen dienen könnten.

Ich hoffe nun, daß die folgenden Blätter völlig verständlich seyn werden. Die Bemerkungen selbst sind fast ohne alles Räsonnement; aber offenbar sind sie bei aller Treue, mit der sie angestellt sind, doch in der Absicht hingeschrieben, um einst darüber zu denken und zu räsonniren; wie denn auch schon zuweilen Fragen zum einstweiligen weitern Nachdenken aufgeworfen sind.

Man wird es mit mir bedauern, daß der Bemerkungen nicht mehrere sind; besonders da sie soviel Beweise von der grossen Herrschaft des Körpers über die Seele enthalten. Ich habe es gewagt, einige wenige Anmerkungen hinzuzusetzen, nicht um die Erklärungen des Beobachters zu ersetzen, sondern blos um meine Gedanken hie und da andern zum Fingerzeig weitern Nachdenkens dienen zu lassen.

H—d.

[71]
Bemerkungen über mich selbst in meiner Krankheit, die den 10. Junius 1781 anfing, von R.

Weber, Ernst Adolf

Heute (den 15ten Jul.) sind es nun fünf Wochen. Noch darf und kann ich nicht allein gehen, noch nicht viel reden, noch bin ich fast in allen Stücken eingeschränkter als andre Kranke in der Mitte ihrer Krankheit. Und doch weiß ich lange keine Zeit so vergnügt zugebracht zu haben, als diese letzten Tage, die immer in einem Gleise bleiben. — — Während mich andre beklagen, bin ich glücklich — war auch wohl zuweilen, wenn sie mich beneideten, elend.

Erstaunlicher Einfluß des Körpers! Sobald der Körper sich den 10ten Jun. durch den Auswurf des Bluts erleichtert hatte, war auch die Seele unbefangen und heiter.*) 1 Drei Möglichkeiten stellten sich mir vor: Wiederherstellung und längeres Leben mit noch mehrern Beschwerlichkeiten und ängstlicherer Vorsicht, als bisher; oder in einigen Ta-[72]gen tod; oder langsam nach verschiedenen Recidiven zum Tode schleichende Schwindsucht. Meine Einbildungskraft war vermögend, in jeder dieser Vorstellungen etwas Angenehmes zu finden, und dieses zu fassen.

Am wahrscheinlichsten war ihr der letzte Fall; den mittelsten konnte sie nicht wohl denken, eben weil ich mich so behaglich fühlte; und vom ersten hatte ich zu wenig Beispiele gegen die Menge der entgegengesetzten gesehen.

Eine Sache, deren Nothwendigkeit und Pflichtmäßigkeit ich erkannte, war neben der äußerlichen, die innerliche Ruhe. Abstrahirt also mußte werden von Ueberdenkung aller Folgen der Krankheit auf meine ganze äußerliche Lage, und dieß schwere Vorhaben ist mir noch bis jetzt (den 17ten Jul.) zum Erstaunen geglückt.

Ich habe bisher noch an das mancherlei Unangenehme, das nothwendigerweise, wenn es auch am glücklichsten geht, Folge dieses Vorfalls seyn muß, gar nicht oder kalt und ohne Theilnehmung gedacht; und es ist mir noch, Gott sey Dank! nicht schwer geworden, ihm die Lenkung desselben ungeheuchelt anzuvertrauen. Wie aber dieß mir Hypochondristen möglich gewesen ist, kann ich auf keine Weise begreifen, als I) aus der Leichtigkeit und Sparsamkeit der Nahrungsmittel; 2) dem Mangel dicken Bluts; 3) der Einförmigkeit aller mich umgebenden Gegenstände und Folge der Zeit; [73]und 4) als ich schon im Genesen war, aus der Mannichfaltigkeit, welche ich in die Einförmigkeit meiner Beschäftigungen, nebst etwas Ordnung und Zweck, gebracht hatte. — Eine von den möglichen beschwerlichen Folgen kehrte ich sogar in etwas Angenehmes um: nemlich die, vielleicht lange, vielleicht stetsanhaltende Entäußerung von manchen Genüssen des Lebens.

Mir hatte schon lange vorher das Beispiel des Mannes, der sich mit der größten Diät seine Unzen Nahrung zuwog, beneidenswürdig geschienen. c Ein Hauptgrund dagegen war: es möchte der Körper im Ganzen wohl gesund, und den Geist behaglich erhalten, aber beide schwächen. Allein jezt, da es nothwendig ward, fielen alle Gründe dagegen weg, und ich weidete nun meinen Blick mit der Aussicht in ein Leben voll Geistesbehaglichkeit mit ein paar leicht verschmerzten sinnlichen Aufopferungen erkauft.

Bei aller Indifferenz (ich weiß kein bessers Wort) aber war die Empfindlichkeit erstaunlich. Wer nur schnell, nicht einmal laut, redete, brachte meinen Puls gleich in Unordnung. Der bloße Anblick von mehr als höchstens drei Personen in meiner Kammer erhitzte mich. Diese so hochgespannte Empfindlichkeit hatte noch eine andre Folge. Jeder Keim von Trieb, jeder Ueberrest eines alten bedurfte nur die geringste Veranlassung, um die ganze Seele zu seinem Eigenthum zu machen; gleich klei-[74]nen Häufchen Pulver, die man nie bemerkt haben würde, wenn nicht das ganze Zimmer in Brand gerathen wäre, die nun aber, so wie an jedem die Flamme kömmt, den Glanz des übrigen überstralen. Die flüchtigen Regungen, welche sonst zuweilen durch die Seele fliegen, und ehe sie wahrgenommen werden, verschwinden, verwandelten sich bei mir in bleibende ausgemahlte Bilder; die unbemerkte vorübereilende gefällige und mißfällige Empfindung an etwas hielt nun an, und schien die Stelle eines festen Begehrens und Verabscheuens einnehmen zu wollen; denn alles, was gereizt ward, war in der gleichgültigen Lage der Seele Herr.

Dieß gab zum Theil schreckliche Phänomene; der Gedanke, den ich verfluchte, ward Bild, annehmliches Bild. Das heftige Mißfallen an diesem entdeckten bösen Zuge, und oft gar die Unfähigkeit, ihn nur so weit zu dämpfen, daß er nicht wirklicher Wunsch ward; und bei allen diesem, Kraftlosigkeit sich zu ermannen; die Zügel der Einbildungskraft zu ergreifen — das alles versetzte die Seele in — nicht Traurigkeit, sondern — Unmuth und Verdrießlichkeit. — Ich würde mich unendlich schämen, wenn zu solcher Zeit ein Mensch meine Seele hätte sehen können. Deswegen fühle ich mich auch zu schwach, einen einzelnen von diesen Fällen hier anzugeben, obgleich ich erwarten kann, daß diese Art von Erscheinung wohl von jedem redlichen Beobachter seiner selbst wahrgenommen ist.

[75]

Aber dieß scheint mir doch bemerkenswürdig. Da der Ausbruch jedes Triebes und jeder Gesinnung stärker sich auszeichnete, so hätte dieß bei den guten eben sowohl Statt finden müssen.

Lagen also in meiner Seele eben soviel gute als böse Triebe schlafend, so mußten sich beide unter diesen Umständen gleich häufig entdecken. Das war aber gar nicht der Fall. Es ist wahr, zuweilen überströmte ein gutes Gefühl die Seele eben so gänzlich, als ein böses; aber weder hatte das gute den Grad von Edelmuth, welchen das böse von Niederträchtigkeit; noch hatte ich so oft Ursache, mich des hellen Gedankens der Tugend zu freuen. — Ist denn nun meine Seele in gleichem Grade gut und böse? — Und woher rührt denn das merkliche Uebergewicht der Triebe, die ich seit so vielen Jahren, vielleicht vom Anfange meines vernünftigen Denkens an, nie ohne Abscheu und heftiges Gegenstreben der ganzen Seele gegen sie in mir bemerkt habe?*) 2 — Aber Gottlob! Unterschied ist zwischen Triebe haben und Triebe nähren.

[76]

Die Nacht vom 11ten zum 12ten Jun. war eine von den übelsten. Vor- und Nachmitternacht erfolgten zwei neue Blutstürze, das Blut tobte ungestüm durch alle Adern; Ideen von der verschiedensten Art kreuzten unordentlich durcheinander, und ich war halb im Zustande der Phantasie.

[77]

Was ich von den Vorstellungen dieser Nacht noch herausbringen kann, ist etwa dieß: Zur Genesung war alle Hofnung verschwunden, und des nahen gewissen Todes Bild schwebte mir vor. Hier kamen einige verwickelte Phänomene zum Vorschein. Wenn ich die Frage aufwarf: ob ich lieber jetzt sterben, oder meinen siechen Körper noch ein halb Jahr hinschleppen wollte? so wählte ich gleich mit Empressement das Letztre.

Die Todesfurcht schien also ganz die Oberhand zu haben. Analysirte ich aber diese Wahl weiter, so fand ich, daß meine Seele nicht den Tod heut und den Tod nach einem Jahr verglichen hatte, sondern es ging so zu: Sie dachte sich einen Schwindsüchtigen, freilich mit vielen Unbequemlichkeiten dem Grabe entgegenschleichend, der aber doch ein wenig reden, ein wenig gehen, ein wenig sich bewegen konnte. Ich hingegen lag, ohne Hand oder Fuß regen, ohne ein Wort reden zu dürfen, in der unbequemsten Stellung, die mir an manchen Orten empfindliche Schmerzen machte; mein Athem drängte sich durch die beklemmte Brust, und in dieser Verfassung sollte ich die Ankunft des Todes erwarten. Da war das Bild dessen, der doch ein wenig mehr Freiheit hatte als ich, offenbar angenehmer.

Bald präsentirte sich der Tod in einer andern Gestalt als Ende aller Unbequemlichkeiten und Besorgnisse. Ich fing wieder an zu husten, ein throm- [78] bus verschloß die Luftröhre, und den nächsten Augenblick waren alle die dunkeln Gegenstände um mich her verschwunden, ich lag ohne Bewegung und war der Erde entflohen. In dieser Gestalt mißfiel mir der Tod nicht, und ich machte noch mitten im Paroxismus die Bemerkung, ob es nicht Täuschung ist, daß wir den Tod fürchten sollen; ob nicht Todesfurcht bei jedem, Schauer vor dem, was den Tod begleitet, vorhergeht, oder folget, sey?

Die Zukunft nach dem Tode wirkte gar nicht auf mich. Kein lebhafter Gedanke von Ewigkeit, Sünde, Strafe — nichts davon! Ein unabsehliches Blachfeld, das ich nicht kannte, auf dem ich nicht wußte, wo ich war, war alles, was ich mir von der Zukunft dachte. Das Bild war nicht anziehend, aber auch nicht widrig.

Was dem Unangenehmen das Uebergewicht gab, war das Schauervolle, was Ungewißheit immer mit sich führt. Und hieraus entstand denn natürlich der Wunsch, lieber noch von dieser Seite des Styx das gegenüber liegende Ufer etwas zu betrachten, als gleich überzuschiffen. Kurz alles, was sich der Seele vormahlte, waren schwebende Bilder, die, nie ruhig, immer eins vor dem andern vorbeitanzten. In dem Augenblick, da sie vorschwebten, fällte die Seele schnelle Urtheile und Wahrnehmungen — denn sie war nicht matt, sie [79]war gereizt.*) 3 — Von Gegenständen des gemeinen Lebens, Bekannten, Freunde u.s.w. kamen keine Bilder vor.**) 4

Der darauffolgende Tag (den 12ten Jun.) war wieder etwas ruhiger. Die Nacht darauf kamen von neuem zwei Blutstürze, die mich aber weniger unruhig machten. Ich wollte doch etwas, soviel ich konnte, meine Seele zu dem grossem Schritte bereiten, aber ich fand das, was ich immer geglaubt und mit Nachdruck eingeschärft habe, sehr wahr, daß es auf dem Krankenbette, so lange die Krankheit Ernst, schwerlich angeht, sich zum Tode vorzubereiten. Das einzige, was, wie ich mich erinnere, etwas wirkte, war der Gedanke: Gott betrübt die Menschen nicht von Herzen. Die grosse, lange Reihe von Folgerungen aus demselben in meiner gegenwärtigen Lage schwebte meinem Blick vor, und gab Stärkung.

Fußnoten:

1: *) Als nemlich das Gehirn von dem Blute, wodurch es gedruckt worden, sich erleichtert hatte, so wurden seine Bewegungen leichter und ungehinderter, und die Ideen heller. — Ueberhaupt enthalten diese Blätter viele, zum Theil neue, zum Theil aber auch sonst schon bekannte, Beobachtungen zur Lehre von den materiellen Ideen, oder wie Platner Aphor. I. Theil, b §. 298. wie ich glaube, sehr gut nennt, von den Bewegfertigkeiten in den Gehirnfibern.

2: *) Dieß geschieht oft bei vorzüglicher Schwachheit des Körpers; und viele treue Selbstbeobachter werden vermuthlich dieselbe Bemerkung gemacht haben. — Vielleicht kann man dieß so erklären: das Blut und die Säfte des groben Körpers tobten umher, wirkten durch Bewegung, Stoß, Druck oder Berührung auf den feinen Nervengeist, und weckten dadurch die verschiedensten Ideen. Die guten, als solche, an die der Geist ohnehin schon gewohnt war, fielen durch nichts auf; destomehr aber zogen die seltner gereizten bösen die Aufmerksamkeit der Seele durch ihre Neuheit auf sich; und da die Seele ihrer Aufmerksamkeit ohnehin nicht mächtig war, so wurden diese durch den stärkern Reiz so hell und wirkend. Vielleicht wäre bei bösen Menschen das Gegentheil erfolgt; vielleicht läßt sich ein Theil der beruffnen Bekehrungsgeschichten auf dem Todbette mit aus diesem Phänomen erklären. Wenigstens wird man mir es, wie ich hoffe, vergeben, wenn ich ein psychologisches Problem lieber aus der Philosophie als aus der Theologie zu erklären suche, obgleich es viele Erklärungen von entgegengesetzter Art von theologisirenden Philosophen, besonders aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, giebt. — Ein analoger Fall ist bei den figirten Ideen; d nehmlich wie bei einer grossen Schwäche des Gehirns eine sehr unbedeutende Idee sogar leicht figirt werden kann, so kann bei einer beträchtlichen Unordnung und Unruhe desselben manche schlechte wider Willen sehr lebhaft werden. — Das im Texte angeführte Gleichniß von kleinen Häufchen Pulver u.s.w. scheint mir für dieß Phänomen ganz unpassend zu seyn.
Noch will ich hier bemerken, wie offenbar sich das Gegenstreben der Seele hiebei von den vorgestellten Ideen so sehr unterscheidet; wie denn auch in Spaldings Fall, dessen in einem der vorigen Hefte gedacht worden, e die vorgehaltnen Ideen von der Einwirkung der Seele sich auch bei dem Selbstbeobachter merklich unterschieden gezeigt haben.

3: *) Weil hier überhaupt die Thätigkeit des Nervengeistes äußerst unruhig war, so war es natürlich, daß die Vorstellungen in unordentlicher Reihe aufeinander folgten. Eben dieser Unruhe wegen waren die Ideen auch in ihrer Lebhaftigkeit sehr verschieden.

4: **) Auch dieß ist sehr erklärbar. Die heftige Spannung der Aufmerksamkeit auf den einen Gegenstand machte, daß er seine Ort- und Zeitverhältnisse vergaß; wie dieß bei tiefem Nachdenken oft zutrift, und besonders hier, da überdem noch die äußern Sinne in einer großen Betäubung lagen, um desto eher zutreffen konnte.

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag s. Goldmann 2015, S. 73-85.

b: Platner 1784, S. 91.

c: Vgl. Goldmann 2015, S. 83f.

d: Vgl. Goldmann 2015, S. 84.

e: MzE I,2,38-43.

[80]

II.

Handlung ohne Bewußtseyn der Triebfedern, oder die Macht der dunkeln Ideen.

Wedekind, Georg Christian Gottlieb

Diepholtz den 4ten Januar 1785.

Im Sommer 1783 mußte ich eine Reise nach Göttingen machen. Bekanntlich ists mit dem Verreisen eines Arztes immer so eine Sache — und darum freute ich mich recht sehr, alle meine Patienten auf so erwünschter Besserung zu sehen, daß ihnen schriftliche Instructionen ein vollkommenes Genüge leisten konnten.

Frau Pastorin Soltenborn befand sich mit unter der Anzahl der Reconvalescenten, die ich zurücklassen mußte, und nach allen medicinischen Gründen zu urtheilen, konnte ich ihrentwegen ganz unbesorgt seyn. Zwar hatte sie einen schwachen und empfindlichen Körper, und war auch, durch Schuld ihrer ehemaligen Kinderwärterin, auf der einen Seite etwas verwachsen; aber demohngeachtet genoß sie immer eine gute Gesundheit.

Etwa ein Vierteljahr vor ihrer letzten Krankheit bemerkte ich, daß sie auf einmal sehr blaß wurde, und mit verstörtem Gesicht plötzlich die Gesellschaft, worin ich mich auch befand, verließ. Nachher sagte sie mir, es wäre ihr auf einmal übel geworden, und sie hätte heftiges Herzklopfen und starke Beängstigung gespürt. Weil aber diese Zu-[81]fälle fast eben so geschwind, als sie entstanden, wieder vergangen waren, so glaubte sie sich zu einer neuen Schwangerschaft Glück wünschen zu können. Doch sahe sie sich zwar bald in ihrer Erwartung getäuscht, indessen befand sie sich wohl.

Die Krankheit, womit meine seelige Freundin im vorigen Sommer befallen wurde, war nichts anders, als ein gelindes und gutartiges anhaltendes Fieber, welches sie sich wahrscheinlich durch vieles Wachen und ängstliches Sorgen, bei den Krankheiten ihrer Kinder, zugezogen hatte. Kühlende und ausleerende Mittel hatten so gute Wirkung, daß am sechsten Tage wenig Fieberhaftes mehr wahrzunehmen war, die Patientin sich größtentheils außer Bett aufhalten konnte und ihr Appetit zurückkehrte. Kurz alle Zeichen einer baldigen völligen Genesung waren vorhanden.

Nun hätte ich zwar gut und gern schon am dritten Tage der Krankheit meiner Patientin reisen können, so wie ichs mir auch vorgesetzt hatte; aber ich weiß nicht, was es war, was ich so bedenklich bei meiner Patientin fand. — Soviel weiß ich wenigstens, daß ich es mir nicht angeben oder erklären konnte, was es war. Wie ich sechs Tage lang meine Patientin recht genau beobachtet und noch gar nicht hatte finden können, warum ich mich beunruhigte, so entschloß ich mich, abzureisen. Um recht sicher zu gehen, brachte ich eine Instruction, die auf alle Fälle, die ich mir als möglich bei [82]der Krankheit dachte, eingerichtet war, zu Papier, und erklärte diese meinem Apotheker, dem ich in meiner Abwesenheit alle meine Kranken übertrug, aufs genaueste.

Kaum war ich eine halbe Stunde weit von Diepholtz, nach meiner Abreise, entfernt, als sich allerlei ängstliche Vorstellungen, über den baldigen Tod meiner Kranken, von neuem recht lebhaft bei mir einfanden. Durch meine Abreise glaubte ich die Pflichten als Arzt und Freund verletzt zu haben — ich stellte mir die Folgen meines Vergehens von der schlimmsten Seite vor, kurz meine Imagination mahlte mir die schrecklichsten Bilder. Von der andern Seite bemühte ich mich mit kalter Vernunft das Täuschende meiner Imagination aufzudecken. Recht unpartheyisch wiederholte ich mir in Gedanken die Geschichte des Verlaufs und Entstehens und aller Zufälle der Krankheit; aber so sehr auch meine Pathologie und Semiotik mich fest überzeugten, daß es mit der Krankheit nichts auf sich habe, so vermogte doch meine Vernunft nichts gegen meine innere Empfindung. Ich fühlte es, daß die letztere mit der erstern davon lief, und ich konnte es nicht ändern. — So war ich nun im heftigsten Selbstkampf beinah zwei Meilen weit weggeritten, als sich meiner Brust eine so grosse Beklemmung bemächtigte und mein Herz so heftig zu schlagen anfing, daß ich nicht weiter reiten konnte. Noch einmal erwägte ich, was das Publikum von meiner [83]Rückkehr urtheilen würde, und wie nothwendig meine Reise wäre; — aber alles umsonst! Fast unwillkührlich wandte ich mein Pferd und jagte so geschwind es laufen konnte, nach Diepholtz zurück. Kaum war ich wieder in die Stadt geritten, als ich es recht lebhaft fühlte, wie närrisch ich gehandelt hatte. — Gern hätte ich von neuem meine Reise angetreten, aber mein Pferd schwitzte genug für heute. — Mit einem rechten Verlegenheitsgesichte ritt ich vor dem Hause meiner Kranken vorbei und wußte gar nicht, was ich machen sollte, als ich sie am Fenster stehen und mich freundlich grüßen sahe. Es war mir nicht möglich, eine andere Ursach meiner Rückkehr zu erdichten, — und meiner Patientin wars nicht möglich, sich des Lachens zu enthalten.

Nachdem ich nochmals alle Umstände der Krankheit genau erwogen und mich von dem Ungrunde meiner Bangigkeit überzeugt hatte, ritt ich am folgendem Morgen von neuem ab. Zwar war ich jetzt in soweit Herr über mich, daß ich nicht wieder linksum machte; aber die quälenden Vorstellungen vom nahen Tode meiner Kranken, die konnte nichts unterdrücken. Umsonst bemühten sich meine Göttingischen Freunde, mich zu zerstreuen, und umsonst besuchte ich die Oerter wieder, wo ich als Kind und als Jüngling soviel Freude genossen hatte. — Nichts, nichts wollte mir behagen. Darum hielt ich mich nur zwei Tage in Göttingen auf, und mach-[84]te mich eilig auf meine fast zwanzig Meilen weite Rückreise, ohne mich erst ordentlich ausgeruht zu haben.

Meine Tour ging über Rinteln, wo ich meinen alten Freund den Herrn Professor Kümmel besuchte; auch machte ich daselbst einer vornehmen Dame mein Kompliment. Aber Himmel, wie erschrack ich, als mir diese die Nachricht vom Tode der Frau Pastorin S. noch ganz warm mittheilte! Ich weiß fast selbst nicht, wie ich zum Hause herauskam, und wohl ein Paar Stunden ging ich herum, ohne zu bemerken, wo, bis ich wieder zu meinem Freund Kümmel kam. Die unerschöpfliche Beredsamkeit und der muntere Witz dieses gelehrten Mannes konnten nur bei mir ihrer Wirkung verfehlen; seine gütige Bemühung, mich zu erheitern, war umsonst. Es konnte nicht fehlen, daß die heftige Erschütterung meines Gemüths von üblen Folgen auf meine Gesundheit begleitet werden mußte. — Erst nach ein Paar Tagen, die ich in dem Hause meines gelehrten Freundes, unter der entkräftenden Bemühung, meinen Gram zu verbeissen, zugebracht hatte, befand ich mich wieder im Stande, meine Rückreise von neuem anzutreten.

Niemand konnte mich hier besser trösten, als, wer hätte es denken sollen? der Gatte meiner seeligen Freundin. Er versicherte mir, seine seelige Frau habe sich nach meiner Abreise, bis auf die letzte Stunde ihres Lebens, wohlbefunden. Auf ein-[85]mal habe sie aber gesagt, es knacke ihr was in der Brust, und da sei sie in fünf Minuten mit einem starken Röcheln verschieden. Nach dem Tode habe man gefunden, daß ihre eine Seite ganz blau gewesen wäre. Etwa eine Stunde vor dem Tode seiner seeligen Frau, fuhr mein Freund fort, habe er einen Brief an mich auf die Post gesandt, worin er mir versichert hatte, daß hier alles gesund und seine Frau fast völlig hergestellt wäre. Darum habe er mich auch gebeten, ja recht mit ruhigem Geist die Wonne der ungebundenen Freiheit in Göttingen zu schmecken und sie auch einige Tage länger zu genießen, als ichs vorher willens gewesen wäre u.s.f. Diesen Brief, der fünf Tage nach meiner Abreise geschrieben war, hatte ich nun freilich nicht erhalten können.

Nun erfuhr ich auch von einer Person, welcher die seelige Pastorin, unter dem Beding der geheimsten Verschwiegenheit, es anvertraut hatte, daß sie schon seit vielen Jahren auf der Seite, wohin sie verwachsen war, öfters Stiche hinter den Rippen empfunden und allda ein Pflaster getragen hätte. Mir, und auch sonst keinem Menschen, hatte die seelige Frau hievon nicht das geringste gesagt, weil Leute, die solche Fehler an sich haben, sie gern verbergen mögen.

Während der Krankheit hatte die seelige Frau keinen beträchtlichen Husten, auch klagte sie nicht über Engbrüstigkeit; und doch ist es gewiß genug, [86]daß ein besonders situirtes und plötzlich aufgebrochenes Geschwur die wahre Ursach des Todes gewesen seyn müsse. Doch ich rede hier nicht als Arzt.

Woher kams, daß ich bei allen den guten Umständen, die ich bei der Krankheit (an der nun freilich eigentlich auch die Patientin nicht starb) wahrnahm, so besorgt wegen eines schlimmen Ausgangs derselben war? Von dem innerlichen Fehler, woran die Patientin starb, konnte ich keine deutliche Idee haben, konnte sein Daseyn gar nicht vermuthen. Wenigstens weiß ich mich nicht zu erinnern, daß ich je daran gedacht hätte.

Aber sollte ich deswegen wohl nicht vielleicht eine dunkle Idee von einem solchen Fehler gehabt haben können? Finden doch solche dunkle Ideen bei den sogenannten Ahndungen, wenn sie eintreffen, auch wohl statt.

Folgt nicht aus dieser Erzählung, daß die dunkeln Ideen, solche nehmlich, deren Entstehen und Verhältnisse wir nicht genau kennen, uns oft zum Handeln determiniren? Folgt nicht ferner, daß die dunkeln Ideen und Vorstellungen, wenn sie nur die lebhaftesten sind, uns zu Handlungen zwingen, die uns klare Ideen widerrathen? Folgt nicht endlich hieraus die Bestätigung des Satzes, den der junge Jerusalem so evident erwiesen hat, und den ich so gewiß als mein Daseyn glaube, daß unser Handeln unwillkührlich ist. Haller lehrte den Satz, auf den stärksten Reiz der Muskelfaser [87]folgt die stärkste Reaction, und der stärkere Reiz vernichtet den schwächern (lumen maius obscurat minus). Ists mit der moralischen Reizbarkeit nicht eben so? Der Reiz kann wirken, ohne daß wir ihn kennen.

Allem diesem füge ich nur noch die Anmerkung bei, daß, ob ich gleich eine sehr lebhafte Imagination besitze, mich doch mein medicinisches Studium, welches ich eifrig treibe, gewöhnt, nach klaren Begriffen zu handeln. — Endlich gehöre ich auch ganz und gar nicht zu den zuckersüßen und empfindsamen Modeärzten, sondern bin zum strengen Ernst geneigt.

Fräulein von May, ein mit einer sehr lebhaften Imagination begabtes aber dabei sehr scharfsinniges und kluges Frauenzimmer von etwa fünfzig Jahren, zog mich wegen einer Unpäßlichkeit zu Rathe. Ich stellte ihr vor, daß keine Arznei ihr geschwinder helfen würde, als ein Brechtrank, und sie entschloß sich auch wirklich, ohne sonderliche Widerrede, am folgenden Morgen diese Arznei zu nehmen. Eine andere Arznei würde ich gern meiner Patientin verordnet haben, wenn mir der überaus grosse Widerwillen, den sie von jeher gegen Brechmittel gehegt hatte, bekannt gewesen wäre. Die Arznei wurde noch des Abends geholt, und die Patientin legte sich mit den angstvollsten Gedanken an das morgen [88]einzunehmende Vomitiv schlafen. Des Morgens um vier Uhr stand sie schon auf und weckte ihr Mädchen, welches ihr die Arznei reichen und Thee zum Nachtrinken bereiten sollte. So wie das Mädchen erzählte, sah das Fräulein schon, ehe es die Arznei nahm, ganz verstöhrt aus, und sprach ganz ungereimte närrische Dinge. Völlig wahnwitzig nahm das Fräulein den Brechtrank ein. Etwa eine Stunde nachher ließ mich die Frau Mutter des Fräuleins, die über den sonderbaren Zustand ihrer Tochter äußerst beunruhigt war, zu sich rufen. Die Patientin delirirte in einem hin und sprach von allerlei Dingen, die größtentheils, wie bei vielen Arten von Verirrungen, an und für sich gar nicht unvernünftig, nur nicht am rechten Ort gesagt waren. Besonders redete sie viel von ihrem nahen Tode, den sie dem Brechmittel beizumessen hätte, und wodurch sie öffentlich an den Tag legte, welch ein grosses Zutrauen sie in mich setzte, da sie auf mein Anrathen ein Mittel genommen habe, wovon sie die tödliche Wirkung vorhergesehen hätte u.s.f. Das Erbrechen erfolgte übrigens so, wie ich es gewünscht hatte, und hielt nicht viel über eine Stunde an. Während dem Erbrechen schlug der Puls etwas lebhaft, nachher aber ganz natürlich. Der Wahnwitz dauerte bis um ein Uhr des Nachmittags, da die Patientin in einen tiefen Schlaf verfiel, woraus sie nach einigen Stunden, an Seel und Leib gesund, wieder erwachte. Weil ich dieses nicht an-[89]ders erwartet hatte, so verordnete ich auch keine andere Arznei, als des Nachmittags um drei Uhr eine gute Dosis Laudanum. Nachher wußte sich das Fräulein weiter nichts von dem Vorgange der ganzen Sache zu erinnern, als, daß sie Abends vorher zu Bette gegangen, und daß sie sich wunderte, wie sie in die Kleider und in ein anderes Bette gekommen wäre.

Offenbar hat hier nicht das Brechmittel, sondern die Furcht vor dem Brechmittel, den Wahnwitz, der als ein wahrer Traum anfing und in den Zustand eines Nachtwandlers gewissermaßen sich umänderte, hervorgebracht.

D. G. Ch. G. Wedekind,
Königl. und Churf. Physikus der Grafschaft
Diepholtz.

III.

Die natürliche Religion eines Taubstummen.

Moritz, Karl Philipp

Wenn er ausdrücken will ich weiß nicht, so zeigt er mit dem Finger auf die Stirn, und schüttelt dabei mit dem Kopfe. Will er sagen ich [90] glaube nicht, so ist dieselbe Pantomime mit einer gewissen vernachläßigenden oder wegwerfenden Bewegung der Hand verknüpft.

Nun wohnte ich mit ihm in einem Garten und es war im Frühlinge. Die Bäume fingen gerade an, Blätter zu gewinnen, und das erste junge Grün keimte auf dem Boden.

Wir standen zusammen am Fenster. Ich habe schon von ihm erzählt, daß ihm durch Zeichen von seiner Mutter, schon in seiner Kindheit, fast alle religiösen Begriffe von Christo u.s.w. beigebracht waren.

Da ich nun seine Pantomime wußte, wodurch er das Glauben bezeichnete, so wollte ich einen Versuch machen, ob wohl eine Art Ueberzeugung von diesen Dingen bei ihm statt fände.

Ich machte also mit ausgebreiteten Armen, wie eines Gekreuzigten, die Pantomime, worunter er sich Christum dachte, und zeigte mit Kopfschütteln, und einer Bewegung der Hand, auf die Stirne, welche bei ihm so viel hieß, als: ich glaube nicht!

Seine Antwort hierauf war, daß er mit ausgespreizten Fingern die Krallen des Teufels nachahmte, welcher mich wegen dieses Unglaubens hohlen würde.

[91]Ich wiederholte meine vorige Pantomime, daß ich auch nicht an den Teufel glaubte.

Dann zeigte er mit dem Finger gen Himmel, und fuhr sich mit der geballten Faust langsam auf den Kopf herab; welches so viel hieß, als Gott würde mich, wenn ich gleich den Teufel nicht glaubte, mit seinem Donner strafen.

Da er nun in der geoffenbarten Religion so fest zu seyn schien, so wollte ich noch seinen Glauben in der natürlichen Religion prüfen. Ich zeigte mit dem Finger gen Himmel, und dann auf meine Stirne, und schüttelte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß ich auch nicht an Gott glaubte. —

Aber wie rührte mich der Anblick, als ich sahe, daß eine Thräne sich aus seinem Auge drängte, und seine aus Lächeln, Wehmuth und Unwillen zusammengesetzte Miene, womit er aus dem offenstehenden Fenster auf die grünen Bäume und die aufkeimenden Pflanzen hinzeigte, die Gott, wie er durch seine Pantomime ausdrückte, aus der Erde wachsen ließe; und die Blumen, indem er sich stellte, als ob er sie mit der Hand in die Höhe führte, um daran zu riechen; und dann wieder mit dem Finger gen Himmel zeigte, daß auch diese Gott habe hervorwachsen lassen.

[92]

Ich suchte jezt durch eine Pantomime ihm zu bezeichnen, daß ich glaube, die Erde bringe diese Blumen von selbst hervor — als er mit verdoppelter Lebhaftigkeit durch ein Geräusch mit dem Munde, und eine Bewegung mit den Händen den herabströmenden Regen bedeutete, den Gott schicke, um die Erde zu befruchten.

Es ging so weit, daß sein Unwille über meinen letztern Zweifel beinahe in eine Art von Zorn und Drohung ausartete; da er doch die beiden erstern Zweifel mir viel leichter hatte hingehn lassen.

Da ich ihm nun nach einer Weile ernsthaft versicherte, daß ich einen Gott glaubte, und er aus meiner Miene die Wahrheit schloß, so heiterte sich sein Gesicht wieder auf, er blickte mich lächelnd an, und zeigte noch einmal triumphirend auf den Garten und die Blüthen, und von den Blüthen zum Himmel. — —

M.

[93]

Zur Seelenzeichenkunde.

I.

Beobachtung jugendlicher Charaktere.

Spazier, Karl

Ich hatte einen Zögling, der etwas über eilf Jahre alt, schwerfällig und von stärkern Gliedern war, als sie in den Jahren zu seyn pflegen. Seine Seele war, und ist zum Theil noch, was man gemeine Seele zu nennen pflegt; außer einem ziemlich glücklichen Gedächtniß, zeichnet sie sich weder durch vorzügliche Anlagen, noch durch Reizbarkeit und Schnelligkeit der Empfindung aus. Er äußert wenig Theilnehmung an äußern Gegenständen; ich habe ihn öfters rührenden Scenen ohne sichtbare Theilnehmung beiwohnen, interessante Geschichten und Erzählungen mit anhören sehen, ohne daß er darüber besondere Mitfreude oder Traurigkeit geäußert hätte. Er bleibt in seiner behaglichen Ruhe, in der ihm allein wohl ist, und aus der ihn selten etwas, am wenigsten Musik herauszubringen im Stande ist. Dabei ist er ein äußerst gutmüthiger Knabe, wen er einmal liebt, an dem hängt er mit Leib und Seele; aber ein Druck der Hand, ein poßierliches Hinzudrängen zu ihm, ist alles, was man in dem Fall von ihm erwarten kann. [94]Selten überrascht man ihn bei einem treuherzigen Gespräche; nie hat er mich seiner Liebe zu mir versichert, aber ich weiß gewiß, daß er mich herzlich lieb hat, und um destomehr, je weniger er in dem Falle gewesen ist, es mir sagen zu dürfen.

Diese Schilderung mußte des Folgenden wegen vorhergehen. — Ich hatte die Gewohnheit, meine Kinder öfters, besonders in den langen Winterabenden, um mich her zu versammlen, ihnen entweder etwas vorzulesen oder vorzuerzählen, oder auch wohl auf dem Klaviere vorzuspielen und mit ihnen gemeinschaftlich einen Gesang anzustimmen, überzeugt von der wohlthätigen Wirkung der Harmonie auf weiche Kinderseelen. Ich hatte oft und viel gespielt, ohne daß jemals dieser Zögling das geringste Zeichen von Theilnehmung merken ließ. An einem Abend spielte ich zufällig eine Stelle aus Türks Sieg der Maurerei, wo die Hörner in leichten Sext- und Quintengängen eine simple Melodie spielen, und plötzlich sprang er vom Tische auf, umfaßte mich sehr heftig und begleitete mit dem ganzen Körper und unmäßigen Sprüngen jede Bewegung so nachdrücklich, daß mir seine Begleitung sehr beschwerlich fiel. Mit jeder Wiederholung dieser Stelle nahm seine Entzückung zu, sein Gesicht ward so heiter und froh, als ich es vorher nie gesehen hatte, und die Bewegungen seines Körpers gränzten ans Konvulsivische. Ja, [95]am Ende machte es ihm eine schmerzhafte Empfindung, er bat mich aufzuhören, und selbst dann, wenn er schon im Begriff war ins Bette zu steigen, und in einer Entfernung von dreien Zimmern den Satz spielen hörte, kam er mit flehendem Geschrei hervorgerannt und unterbrach mich. Mein Bitten, sich doch in seiner Ausgelassenheit zu mäßigen, mein Verbieten endlich, das Gelächter, dem er sich dabei aussetzte, der Spott der kleinern, meine Versuche ihn festhalten zu lassen, alles half eine Zeitlang nichts, und er riß sich entweder loß, oder er strengte sich bis zur gänzlichen Erschlaffung an. Daß er nicht affektirte, nicht betrog, dafür bürgte mir seine ehrliche Einfalt und sein natürliches Unvermögen, eine ihm so fremde Rolle zu spielen; und warum sollte er es auch thun? Niemand konnte weniger geneigt seyn, sich bemerkt zu machen, als er; überdem bewiesen seine Thränen und das Mißvergnügen, dem ihn die allgemeine Neugierde und Verspottung der andern Zöglinge aussetzten, das Gegentheil zur Genüge.

Ich spielte die Stelle lange nicht mehr, um ihn ganz davon abzuführen und dem ganzen Spiel ein Ende zu machen; oder ich mischte die Stelle so sehr unter fremde Sachen, wich in der Form und Harmonie so aus, daß er mich bei seiner gänzlichen Unwissenheit in der Musik, und bei seinem [96]Mangel alles musikalischen Gehörs, unmöglich hintergehen konnte. Aber dennoch merkte er den Satz, wenn er noch so sonderbar mit andern verbunden war, und er that gleiche Wirkung auf ihn. Wie denn am Ende sich alles abstumpft, so verlor sich auch bei ihm diese zufällig erregte Reizbarkeit, man that ihm Gewalt an, hatte ihn beständig zum Besten, und peinigte ihn vom Morgen bis zum Abend damit.

Ich kann mir diese sonderbare Begebenheit nicht anders erklären, als daß in seiner frühesten Kindheit eine ähnliche Melodie, die ihm seine Mutter oder seine Amme vorgesungen haben kann, sich in seiner zarten Seele festgesetzt hatte, nun durch den Zufall wieder aufgeweckt wurde und in eine lebhafte Empfindung überging. Mir schien der Vorfall des Aufzeichnens immer werth zu seyn, und ich wünsche, daß er wenigstens dazu diene, Erzieher aufmerksamer auf die Aeußerungen ihrer Kinder zu machen, und ihnen Gelegenheit gebe, den ersten Quellen ihrer öfters sonderbaren Gewohnheiten, Neigungen und Abneigungen nachzuspüren, bei Ausrottung schädlicher, und Einpflanzung guter Neigungen immer, wo möglich, einen Hinblick auf ihr ganzes Selbst, besonders auf ihren Unterricht, auf die Umstände, auf die Gesellschaft und auf die Personen zu werfen, die sie zuerst umgaben und von denen sie den ersten Gebrauch ih-[97]rer Sinne lernten, und so auf dieser Grundlage fortzubauen. Wie wichtig dieß freilich etwas mühsame Studium, hingegen wie schädlich die Vernachläßigung dieser Bemühung sey, lehrt die Erfahrung den, der sich selbst einmal in dem Falle befand, wo man auf verkehrte Voraussetzung ihn verkehrt behandelte, wo man ihn zu etwas determinirte, wovon kein Funke in seiner Seele lag, oder wo man ihn von etwas zurückzog, wohin sein inneres Streben ging, und seinen Anlagen und Empfindungen gerade entgegenarbeitete.

Die ersten Jahre des Lebens, wahrlich sie sind die wichtigsten. Das entschieden schon Montagne, Locke, Rousseau, und Dank diesen und vielen andern verehrungswürdigen Männern unserer Zeit, daß sie sich mit solcher Wärme der Säuglinge und Unmündigen öffentlich annahmen. Leichter wärs freilich immer gewesen, das Verderben und die Ausartung der menschlichen Seele auf die sündhafte Natur zu assekuriren, und das, was Mütter und Väter und Ammen und Schulmeister verdarben, nach dem Stammbaum in gerader Linie bis zum Adam hinauf, auf die Vorwelt zu schieben, als durch Streben und Forschen und Wegräumen schon in der ersten Lebensperiode die Erziehung anzufangen. Und doch haben die Folgen davon von jeher sichtbar seyn müssen. Vorausgesetzt, was nun bewiesen genug ist, daß wir ohne bestimm-[98]te Neigungen auf die Welt kommen, und das abgerechnet, woran die nothwendig individuelle Verschiedenheit der Organisation und die von den Eltern uns mitgetheilte Empfänglichkeit, die ich Empfindungsfähigkeit nennen möchte, Theil hat, so ist gewiß, daß in dieser Periode der Grund zu sehr vielen gelegt wird, was uns noch in spätem Jahren karakterisirt. Nur ein Beispiel. Musikalisches Talent, Leichtigkeit, von Tönen afficirt zu werden und sie in ihrer Verbindung zu fassen, die sich augenscheinlich bei einem Kinde mehr als bei dem andern, besonders bey dem Genie, äussert; das durch das stete Unterhalten und Studiren der Harmonie beförderte Gefühl für Schönheit und Kunst; — vielleicht liegt dazu schon der Keim in den ersten Tagen der Kindheit, wurde vielleicht schon im ersten Moment des Daseins, bei dem ersten wundervollen Entwinden des Embryons aus dem Schooße der nachtvollen Dunkelheit der Seele eingewebt, eingepflanzt: vielleicht faste die noch schlummernde Seele einen Ton auf, der sie erschütterte und bis in ihr Innerstes erbeben machte: oder — wenn es nicht zu sinnlich ist — vielleicht drückten sich die Töne den zarten Fibern seines Gehirns zu stark, zu mächtig ein, ruhten wie feiner Staub auf der Maschine, bis sie, von erschütternder Thätigkeit angestoßen, sich mit dem heiligen Denkmarke vermischten und sich unter die übrigen Ideen gesellten. Kann seyn, wir wissens nicht. [99]Ist aber die Seele nur im allerfeinsten Verstande materiel, so läßt sich der Traum schon hören, und wenigstens soviel daraus abziehen, daß die ersten Eindrücke, die die Seele durch irgend einen Sinn auffast, sehr mächtig seyn müssen.

Die Empfindungen, in den ersten Jahren erweckt und hervorgebracht, halten sich sehr lange, und sie lassen sich mindern, auf einen andern Zweck leiten, aber, wie ich glaube, nie ganz aufheben. Es bleibt gewiß immer etwas übrig, was wir aus unsern Jugendjahren ins reifere Alter mit hinübernehmen, eine Art der Empfindung, der Neigung, eine gewisse Form zu denken und die Gegenstände unserm Denken und Empfinden anzupassen, die, sie mag auch mit der Zeit noch so künstlich modificirt worden seyn, doch immer den scharfsichtigen Beobachter das erste Jugendgepräge unverkennbar bemerken läßt. Die Schwärmerei in der Liebe, z.B. die das Herz eines Jünglings ansteckt, der von einiger lebhaften Empfindung ist, kann nach mehrern Jahren zu erkalten scheinen; ja, er kann es sogar dahin bringen, alles das, was ihm ehemals so heilig und von seiner Glückseeligkeit so unzertrennlich schien, nun im vollen Ernst lächerlich zu finden, und auf Empfindeley und platonische Seelenschwärmerey Epigrammen zu machen; aber man glaube ja nicht, daß nun seine Empfindsamkeit ganz aufgehört hat, und aus ihm ein ganz anderes We-[100]sen geworden ist. Er kann dem Tone der Welt, ja seinem Verstande selbst das Opfer bringen; aber in seinem Herzen glimmt immer noch ein Funken der Schwärmerey fort, der sich bald entzündet und unvermuthet irgendwo auflodert. Der Mann mit der ersten herrschenden Empfindung findet sich immer wieder. Sterne, Petrarka und unser großer vaterländischer Dichter W. würden sich auf dem Wege, der am weitesten von ihrem Herzen abführt, wiederfinden lassen, und ich rechne es dem letztern als große Kenntniß des menschlichen Herzens an, daß er seinem Agathon in seinen spätem Jahren eben die Reizbarkeit, eben die Fühlbarkeit, nur in einem andern Grade, giebt, die er in den bezaubernden Myrthenhainen des delphischen Apolls früh einsog. — Ich hatte einen Freund, der sich von aller Empfindsamkeit, zu der sein Temperament und die Nahrung der Modeschriftsteller ihn trieben, mit gewiß männlichem Muthe losgemacht hatte, der am Ende selbst Religionsempfindungen verwarf, und alles auf kalte Schlüsse und strenge philosophische Beweise gründen wollte. Aber ich sah ihn öfters, wenn er unter eine Bauergemeine trat und einen einfachen Choral in herzlichlautem Tone von einer Orgel begleitet, von andächtigen Landleuten ihrem Gotte entgegentönen hörte; da überwältigte ihn seine Empfindung so sehr, daß er wie ein Kind in Thränen zerfloß. Ich sah ihn einmal vor süßer Wehmuth hinter einem [101]Kirchstuhle unbemerkt niedersinken, und sich da dem unwiderstehlichen Ausbruche seines Gefühls überlassen.

Er hatte als Kind und Knabe mit seinem Vater die Versammlungen der mährischen Brüder fast alle Abend besuchen müssen, und die Bilder, die damals seine junge Phantasie erhitzten, waren in Empfindungen übergegangen und drangen sich ihm noch in seinen spätem Jahren mit ungemeiner Lebhaftigkeit auf.

Es erfolgt aus dem allen nun wohl von selbst, wie sehr man uns vor falschen, verderblichen Bildern in Acht nehmen müsse. Schade, ewig Schade, daß die Kraft der schönen Künste nur zu oft in verrätherische Hände kömmt, warum wollen wir uns nicht vor der Sünde hüten, und wahrlich das Tödten der Unschuld — durch thätliche Verführung, leichtsinnige Reden und Schriften, durch schlüpfrige Gemälde, im Grunde alles Eins — ist eine der größten. — Warum wollen wir unsere Kinder und Zöglinge, durch Veranlassung schädliche Dinge früh zu sehen und zu hören, um das herrlichste Geschenk des Himmels, um den Sonnenschein ihrer Unschuld bringen, an dem sich ihre Seelen bis zum männlichen Alter hin erwärmen sollten? —

[102]

Es folgt ferner daraus, wie gut es wäre, wenn man Allem, was den jungen Menschen umgiebt, das Gepräge des Geschmacks, der Anmuth, der Ordnung und Schicklichkeit geben, und ihm dadurch schon früh Gelegenheit verschaffen könnte, seinen Geist und sein Herz durch das Gefühl des Vollkommenen zu reitzen, und seine Empfindungen und alle Seelenkräfte allmälig an dem Anschauen des Schönen und Guten zu entwickeln und zu verfeinern. Alles reizt den Geist zu Beobachtung solcher Dinge, wodurch er selbst seine Ausbildung bekömmt, und alles flößt dem Herzen durch die angenehmen Empfindungen, die von jedem Gegenstande erweckt werden, ein sanftes Gefühl ein. Und dieß ist das wahre Gefühl, das man erregen, anfachen muß, seiner darf sich auch der gesetzteste Mann nicht schämen. Nicht jene leere, schale Empfindelei, woran unser halbes Deutschland seine Söhne und Töchter darnieder liegen sahe. Weise Leitung ist also nöthig, damit unsere Empfindungen stufenweise so geleitet und gemäßigt unterhalten werden, daß sie uns zur Ausübung des von der Vernunft erkannten Guten Wärme geben und uns zum lebhaftern und stärkern Genuß der edlern Menschenfreuden zu jeder Zeit empfänglich machen.

Die Frage: wie und wiefern muß man Kindern die Religion versinnlichen und sie zur Andacht [103]gewöhnen, damit sie vor religiöser Schwärmerei verwahrt und zu vernünftigen, warmen Gottesverehrern gebildet werden — liegt hier gar nicht aus dem Wege. Ich wünschte sie von einem Andern, der mir an Kräften und Erfahrung weit überlegen wäre, in ihrem ganzen Umfange beantwortet zu sehen, weil sie von äusserster Wichtigkeit ist, und sich nach dem, was der geschickte Kinderschriftsteller Salzmann darüber gesagt hat,*) 1 noch immer viel interessanter sagen lassen müßte.

Was könnte man endlich in den Jahren für den Künstler thun, der überhaupt schnelle und scharfe Empfindungen haben und leicht das schöne in der Natur und in den Werken der Kunst fühlen und wahrnehmen muß. Aus diesen Theil der Erziehung, da man auf Leitung und Richtung der Empfindungen Rücksicht nähme, ließe sich allerdings viel von der Beförderung des Zwecks und der Wirkung oder Nichtwirkung der schönen Künste, erklären, die mehrentheils auch darum noch nicht in aller ihrer Kraft, auf menschliche Seelen haben wirken können, weil diese zu wenig Sinn, vorbereitetes Gefühl und die gehörige Empfänglichkeit dafür hatten.

Geleitet müssen die Empfindungen immer werden, sie mögen seyn von welcher Art sie wollen. [104]Freilich giebts dabei manche mislungene Versuche, und gewissenhaftes Studium der menschlichen Seele ist darum das erste Erforderniß eines Erziehers. Erfahrung auch; denn es gehöret ein scharfes Auge dazu, wahre Empfindungen von geheuchelten und scheinbaren, die vom Eigensinn, der Laune, der Disposition des Körpers oder von einem andern zufälligen Umstande abhängen, zu unterscheiden. Indessen darf man die Natur doch schlechterdings nicht in allen Fällen sich selbst überlassen. Soll der Jüngling seine Ideen und Empfindungen, selbst, so gut er kann, bilden, entwickeln und berichtigen, so ist die Gefahr unvermeidlich. Eigene Erfahrung ist zwar unterrichtend, aber sie kömmt in den mehrsten Fällen auch theuer zu stehen. Man wird öfters das traurige Opfer seines empfindungsvollen, jeder Leidenschaft entgegen glühenden Herzens, und macht sich unglücklich, ehe man sich einen Spruch der Weisheit daraus abstrahirt hat. — Zur Bestätigung dieser Wahrheit schließ' ich mit den Worten eines großen Dichters, den man hoffentlich an der Sprache erkennen wird:

»Es giebt ein zweifelhaftes Licht, worin die Grenzen der Tugend und der Untugend schwimmen; worin Schönheit und Grazien dem Laster einen Glanz mittheilen, der seine Häslichkeit übergoldet, der ihm sogar die Farbe und Anmuth der [105]Tugend giebt. Es ist allzuleicht, in dieser verführerischen Dämmerung sich aus dem Bezirke der letztern in eine unmerkliche Spirallinie zu verlieren, deren Mittelpunkt ein süßes Vergessen unsrer selbst und unsrer Pflichten ist.«

Fußnoten:

1: *) Ueber die wirksamsten Mittel, Kindern Religion beizubringen. a

Erläuterungen:

a: Salzmann 1780.

II.

Einige Scenen aus meiner Kindheit.

Spazier, Karl

So oft ich im Herbste spaziren gehe und besonders gelbgewordene Baumblätter herabgeworfen sehe, so oft fällt mir eine Scene aus meiner ersten Kindheit ein. Ich konnte noch nicht über sechs Jahre alt seyn, als ich an einem Sonnabend um eilf Uhr aus der Schule kam. Auf meinem Wege nach Hause sang ich mir etwas von dem Liede, das zum Schlüsse der Woche gesungen worden war, und meine junge Seele hing besonders an dem Bilde, das im ersten Psalm vorkömmt, und wo der Fromme mit einem Baume verglichen wird, der an Wasserbächen stehe. Dies Bild war in diesem Liede nachgeahmt, und ich kann nicht sagen, mit welcher Freude ich das Bild bey mir unterhielt, und mit welcher Innigkeit und herzlichen, kindischen Einfalt ich besonders die Worte sang:

[106]

Seine Blätter werden alt,

Und doch niemals ungestalt.

Gott giebt Glück zu seinen Thaten,

Was er macht muß wohlgerathen. a

Mehr noch als bei allem fühlte ich bei dem Worte: Und doch niemals ungestalt, wo ein beruhigender Uebergang der Harmonie ist, und wo sich der Gesang aus dem feierlichen Mollton mit ungemeiner Kühnheit in den zunächst verwandten Durton auflöst. Freilich versteht sich, daß ich mir das jetzt denke, was damals nur dunkle Empfindung war. Aber es rührte mich doch vorzüglich, und noch jetzt singe und spiele ich mir die Stelle mit mehr Wohlgefallen, als sich von der simpeln Wirkung eines gut aufgelösten Akkords erwarten läßt; es drängen sich mir alle die Ideen von meiner Kindheit auf, wo mir jeder Gegenstand der ewig schönen Schöpfung noch neu war, und diese Neuheit einem jeden Gegenstand einen Reiz gab, der mit jedem Genusse schwächer wird. — Vorzüglich erinnerlich ist mir noch dieses — und das vermehrte die Stärke des Eindrucks. — Wie ich so im besten Singen begriffen war, befand ich mich unter einem großen Nußbaum. Ein heftiger Herbstwind, der den ganzen Tag über anhielt, rauschte stark in die dürren Baumblätter, und ich stand mitten in lauter gelben Nußblättern. Das [107]Rauschen meines Fußes in denselben war mir etwas schreckhaft, und noch jetzt gehe ich nicht gern durch einen Haufen zusammengewehter Blätter. Ich weiß noch eben, wie ich unter dem Baume dastand, und mit einer gewissen Wehmut in die halb entblätterten Aeste lange Zeit hinauf sahe, bis mein Bruder hinzu kam und mich nach Hause rief.

Diese Erzählung soll mir zu einer und der andern Folgerung Anlas geben.

Erstlich. Diese Verse von dem einfachen Gesänge begleitet, rührten mich, drückten sich mir ein, ich hatte Wohlgefallen an ihrer Wiederholung. Wie kams, daß ich von alle dem, was ich die übrigen Vormittagsstunden gehört und gesehen, — doch nein, was mir eingebläut worden war, nichts behielt und noch weniger jetzt das Geringste davon weiß, da hingegen ich mir jene Scene lebhaft, bis auf jede Kleinigkeit vormalen und nachempfinden kann, was ich damals empfand? Ohne Zweifel, weil die Worte simpel, verständlich und — bildlich waren. Ich habe nachher mit unglaublicher Anstrengung Vokabeln und grammatikalische Regeln, und noch dazu in Versen gelernt, und konnte sie unter dem aufgehobenen Zepter meines despotischen Schulmonarchen ohne Anstoß hersagen. Aber ich [108]verstand sie nicht, nicht einmal die einzelnen Worte, aus denen sie zusammengesetzt waren, sie interessirten mich unendlich weniger als mein Kräusel, und für die schreckliche Qual, die ich bei Erlernung der Regel: mascula sunt thorax, wo sich alle Wörter in x endigen und wo dem Gedächtniß nichts zu Hülfe kömmt, als allenfalls der gleichförmige Schall der ausgesprochenen Silbe ex, ist mir jetzt nichts mehr übrig geblieben als der Anfang davon und das traurige Andenken an die damaligen Zeiten.

Es ist beinahe überflüssig zu erinnern, wie sehr beim ersten Unterricht es darauf ankomme, mit Kindern in schicklichen Bildern zu reden; ihnen alles, so viel es geschehen kann, zu versinnlichen; sie nichts lernen zu lassen, was sie nicht verstehen können, was nicht aus ihrer Sphäre hergenommen ist, oder nicht durch irgend eine Beziehung darauf deutlich gemacht werden kann. Besonders heilsam wäre es aber, wenn jeder Lehrer bei Gedächtnißübungen — die allerdings für sich als Vorbereitung zum Sprach- und wissenschaftlichen Unterricht nöthig und dienlich sind — etwas mehr sich auf die Gesetze der Einbildungskraft und des Gedächtnisses, die auf jenen beruht, verstände, durch Aehnlichkeit, Aneinanderkettung und Beziehung der Ideen aufeinander, das meist so martervolle Auswendiglernen den [109]Kindern erleichterte; wodurch er zugleich einen Zweck mehr erreichen, ihren Verstand beschäftigen und ihre Thätigkeit mehr und zweckmäßiger anregen und unterhalten, und ihnen dadurch Lust und Neigung zum Lernen überhaupt einflößen würde.

Zweitens. Man hört und lernt oft etwas besser wegen der äussern Umstände oder der Gemüthslage, in der man sich befindet. Was auf diese Weise interessirt, setzt sich in der Seele mehr fest, verwebt sich gleichsam mit dem Empfindungssystem, und daher ist in der Zukunft ein zufälliges Wort, ein Zeichen, ein Laut, eine Idee, die der in der Seele schlummernden Idee analog ist, im Stande, mit einemmale alle ähnliche Ideen zu wecken und Leben in die ganze Seele zu bringen. Daher die Kunstgriffe des verständigen Erziehers und des öffentlichen Redners, Kinder und das Volk zu rühren, von so erstaunlicher Wirkung seyn können. Wie gut wäre es also, wenn Erzieher auf diese Erfahrung fortbauen, die Umstände und Merkmale an jedem Orte der Unterweisung, auf dem Felde und in dem Lehrzimmer, vervielfältigen, und, bei dem Vorsatz, einem Kinde eine Sache, eine Wahrheit eindrücklich zu machen, schickliche Gelegenheiten dazu veranlassen, und Zeit und Umstände wählen wollten, die auf die Seele desselben besonders wir-[110]ken, als z.B. Tod, Krankheit, Trennung von den Seinigen oder denen, die ihm lieb sind, Geburtstagsfeier, ein ausserordentlicher Spaziergang, eine einsame Unterredung an einem besonderen Orte u.s.w. die Nebenumstände, die Hülle, in der etwas gekleidet ist, thun nach den Gesetzen der Einbildungskraft öfters das meiste, und ein konkreter Fall, eine Fabel, eine Geschichte und Erzählung sind für das Kind mehr werth, als tausend abstrackte Wahrheiten, für die es keinen Sinn hat. Es abstrahirt zwar seit dem ersten Tag seines Lebens, macht bald Schlüsse, ohne es zu wissen: aber das ist etwas anders; daran ist mehrentheils Sprache, Redegebrauch und Nachahmung schuld.

Drittens. Wie behutsam muß man bei der Wahl der ersten Eindrücke und Bilder seyn, die man, soviel es in unsrer Gewalt steht, in ihnen rege macht und ihnen vor die Seele führt! Wie viel Vorsichtigkeitsregeln sind dabei zu beobachten, weil dergleichen Eindrücke in spätern Jahren sehr oft unerklärbare Neigungen, Abneigungen, Launen und Gewohnheiten erzeugen, und sich nicht selten in unerkannte Motive zu Handlungen formiren! Schon daraus, wenns auch an sich nicht schon schädlich wäre, erhellet, wie sehr man sich in Acht nehmen müsse, Kindern unschickliche und schreckhafte Vor-[111]stellungen von Gott, und abergläubische Schilderungen von der Hölle und Gespenstern beizubringen, und ihnen grämliche, menschenfeindliche Bilder von der Welt und andern Menschen zu entwerfen. Warum wollen wir ihnen nicht lieber, soviel wir können, alles unter der Gestalt des Angenehmen darstellen und ihnen schon die ersten Scenen ihres frohen Jugendalters im voraus verfinstern, da sie überdem noch manchen Regentag erleben müssen und des dicken Nebels noch genug übrig bleibt, der ihnen die freie Aussicht benehmen wird.

Viertens. Es ist vielleicht gut, Kindern, besonders solchen, auf die wenig oder gar keine eigentliche Erziehung gewandt werden kann, einen simpeln, kräftigen Spruch, ein gutes, faßliches Lied beizubringen, das ihnen vielleicht im Alter, wenn sie den Katechismus sammt der Glaubenslehre längst vergessen haben, noch übrig bleibt und ihnen Trost und Erbauung gewährt. Es scheint sich daraus erklären zu lassen, warum der gemeine Mann und besonders alte Leute so steif auf alte Lieder halten, und es scheint gewissermaßen grausam zu seyn, ihnen alte umgeänderte, oder ganz neue Lieder und Gesangbücher aufdringen zu wollen, ihnen einen Spruch zu rauben, an dem manchmal ihre ganze Beruhigung und Trost im Leiden, ja vielleicht ihre ganze Religion hängt.

[112]

Fünftens. Sehr gut ists auch wohl, wenn man den Gesang mehr zu einem Hülfsmittel der bessern Erziehung und Ausbildung erhebt und ihn allgemeiner macht. Versteht sich, nur den guten, einfachen Liedergesang. Sollte man auch nicht überall den Zweck erreichen, daß dadurch der Sinn für Harmonie und Wohlklang, musikalisches Gefühl und folglich Verfeinerung der Seele, sofern sie davon abhängt, befördert wird, so kann man ihn doch zum Vergnügen, zur Aufheiterung und dazu brauchen, wozu der Arzt seinen Gold- und Silberschaum braucht, zur Einfassung gewisser Lehren, die ohne Zusatz genossen, dem Kinde nur zu bitter seyn und entweder gar nicht genossen oder bald vorbeigegangen seyn würden.

Noch eine Scene aus meinen Schuljahren.

Spazier, Karl

Ich war noch ein kleiner Knabe und konnte kaum lesen. Mein Lehrer, den ich wegen der Pfefferkuchen, die er alle Sonnabend austheilte, ungemein lieb gewann, schrieb nach der Hähnischen Litteralmethode, lauter Reihen Namen und Anfangsbuchstaben von Wörtern an die Tafel, von denen ich noch nichts verstand. Ich, der ich durch ihn nicht beschäftigt werden [113]konnte und als ein lebhafter Knabe doch unterhalten seyn wollte, machte mir dadurch selbst Beschäftigung, daß ich theils mit meinen Nachbaren spielte, theils Kirschkerne, die ich zu dem Ende mit in die Schule genommen hatte, bald in die Tasche hinein, bald herauszählte, und wenn ich konnte, verstohlen aufknackte. Ein unversehner derber Schlag auf die Hand verleidete mir indeß dieß Händespiel und ich sahe nun auf die Tafel. Mein Blick und meine freudige Mine, mit der ich dem Manne nie von der Hand wegsahe, nahmen ihn wieder für mich ein! Er hielt das für Aufmerksamkeit auf die Sachen, die er anschrieb, und im Grunde das, was mich anzog, waren seine Hemdeknöpfe, die ich von ungefähr zu Gesichte bekam, und die von Glas, in Silber eingefast waren, und eine rothe Folie zur Unterlage hatten. Mit jeder Bewegung der Hand, die durch das Anschreiben geschähe, bewegten sich auch die Knöpfe, und mit innigem Wohlgefallen bemerkte ich, wie sie sich an dem weißen Hemde stießen und schimmerten. Mir ist noch, als sähe ich die Mine des ehrlichen Mannes, mit der er mir entgegenlächelte und sich mir nahete. Mit jeder Annäherung verdoppelte sich meine Freude, denn die lieben Knöpfe kamen mir dadurch näher, und nicht froher war ich, als wenn er mir mit Wohlgefallen die Haare [114]und dann die Knöpfe mein Haupthaar berührten. —

Lehrer und Erzieher, wie oft werdet ihr von dem kleinsten Kinde hintergangen! Aber noch öfter seyd ihr es selbst, die ihr euch hintergeht. Hätte mein Lehrer damals verstanden, daß Aufmerksamkeit für Kinder eigentlich Anstrengung der Seele ist, und daß ein starres, ununterbrochenes Hinsehen auf eine Tafel voll unverständlicher Wörter entweder Betrug oder Einfalt beweisen, so würde ein Knabe, wie ich, ihn nicht haben betrügen, und er in Austheilung der Belohnungen und Strafen gerechter seyn können.

Karl Spazier,
Lehrer am Dessauischen Erziehungs-Institut.

Erläuterungen:

a: Gedicht von dem evangelisch-lutherischen Theologen und bedeutenden Kirchenlieddichter Paul Gerhardt, "Wohl dem Menschen, der nicht wandelt", Erstdruck 1653.

[115]

Nachtrag zur Seelenkrankheitskunde.

I.

Ein neuer Werther. a

Sch., K. R.

Auszug aus einem Briefe.

Nunmehr machen Sie sich gefast, die traurige Geschichte des L .....*) 1 ganz ausführlich, und dabey Sachen zu hören, die über alle Ihre Erwartung gehen.

[116]

Ich mußte verreisen, als er noch an demjenigen Stücke zeichnete, so er zum Geburtstage seines Herrn Vaters gemacht hat, dieses war ihm schon vorher zweimal verunglückt, und es gefiel mir sehr, daß er dessen ohngeachtet Lust hatte, es auch zum drittenmal zu machen.

Ich empfahl ihm daher Fleiß und gute Aufführung, bat ihn, seine Eltern zu grüßen, und gab ihm Vorschrift, was er arbeiten sollte, während meiner Abwesenheit.

Hätte er nicht gerade die Arbeit vorgehabt, und wäre ich nicht, meine Reise zu beschleunigen, gezwungen gewesen, so hätte ich beschlossen ihn mitzunehmen. Indessen versicherte mir meine Frau in allen Briefen: L..... ist fleißig und gehet wenig aus.

Ich schrieb also: den Sonntag als den ersten Feyertag oder Sonnabend vorher hoffte ich wieder einzutreffen, kam aber schon den Donnerstag als den 12ten Mai eben zurück, als meine Frau im Begriff war, nach dem Thiergarten zu ziehen, wo wir alle Jahre wohnen.

Er kam herunter gelaufen, und schien sich über meine Ankunft zu freuen, hatte aber den Landconducteur B..., der auch zurückgeblieben war, und eben, als ich ankam, im Fenster lag, gleich gefragt, da dieser ihm sagt, der [117]Kr. Rath kommt: ist auch L... mit dabey? Dieser ist ebenfalls ein Conducteur, den ich bey mir habe, der aber schon verpflichtet ist, und in Königl. Diensten stehet.

Ich hatte noch nichts gegessen, als ich um 3 Uhr Nachmittags ankam, setzte mich zu Tische und ließ ihn mit B... herunter zu mir rufen. Er erzählte mir, daß er einen Brief von seinem Herrn Vater erhalten, und daß er auch an seine Mutter geschrieben hätte.

Ich frug ihn: was er gearbeitet habe? alles was ich ihm aufgegeben, war die Antwort, und da ich von meiner Frau gleich bei meiner Ankunft die Nachricht erhalte, daß er sich gut aufgeführet und fleißig gearbeitet, so war ich damit zufrieden, folgte meiner Frau nach dem Thiergarten, und hatte meinen Wagen bestellet, daß ich den 13ten Freitags um 7 Uhr wieder in der Stadt seyn wollte.

Der Conducteur L... war zu seinen Verwandten gegangen, und kommt Abends wieder zu Haus, gehet mit dem B... zu rechter Zeit schlafen; und weil L..... nicht mit will: so fragen sie ihn: warum nicht? er müße noch schreiben, giebt er zur Antwort, hat sich aber vorher barbiret, rein angezogen, und sich einen neuen Zopf gemacht, so daß die andern ihn fragen: warum er das thue? darauf antwortete er: der Kr. Rath kommt morgen zeitig herein, da muß ich gleich fertig seyn.

[118]

Kurz L... und B... gehen zu Bette. Nachmitternacht ungefähr kommt L..... nach der Stube, wo sie schlafen, gehet nach seinem Koffer, und langt sich etwas heraus, darüber erwacht L... und sagt: sind Sie doch noch nicht zu Bette! O ich habe Sie wohl gestöret? das schadet nichts: und so schläft L... wieder ein.

Des Morgens frühe, da mein Bedienter um sechs Uhr hinzukommt, und auch in die Stube, wo die Conducteurs arbeiten, herein will, um Nachtigallen zu füttern, findet er solche zugeschlossen; er gehet nach der Stube, wo sie schlafen, und siehet, daß L....s Bette noch gemacht, worüber er, so wie die übrigen beiden Conducteurs, die beim Anziehen begriffen, sich wundern, zusammen nach der Stube gehen, mit Gewalt die Thür eröfnen wollen, aber so wenig damit als mit dem stärksten Lerm daran, das geringste ausrichten können.

Sie gehen also in meine Stube, wo man auch durch eine Thür hereinkommen kann, allein auch diese, welche ich beständig verschlossen gehalten, können sie nicht öfnen.

Von ohngefähr siehet sich mein Bedienter um, und wird ein Bund Schlüssel gewahr, passet alle durch und findet den dazu gehörigen. Er ruft [119]die beiden Conducteurs und sagt, ich kann nun aufschließen, allein aber gehe ich nicht hinein.

Sie kommen also, um mit dabey zu seyn. Mein Bedienter schließet auf, und da er die Thüre, so nach inwendig aufgehet, kaum einen Fuß breit aufgemacht, so siehet er den L..... vollkommen angezogen, mit fliegendem Haar ganz weiß als Kreide stehen, und saget schon die Worte: Herr L..... — um weiter zu sprechen: was fehlet Ihnen? aber ehe er letzteres sagen kann, hebt er schon die Pistole in die Höhe, setzt solche ins rechte Auge, und Knall und Fall ist eins.

Alles aufs äußerste erschrocken, läuft bestürzt die Treppe herunter — nachdem sie sich vom Schreck erhohlet, gehen sie zusammen wieder herauf und finden ihn todt, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben, auf dem Gesichte zur Erden liegend, und im Blute schwimmend. Auf seinem Tisch lieget der Werther aufgeschlagen S. 218, wo es heißt: es ist zwölf — sie sind geladen, u.s.w.

Eine ganze Schachtel voll Kugeln und über ein halb Pfund Pulver liegt auf dem Tische. Aus den Betten, die auf der Stube stehen, hatte er sich zwei Unterbetten herausgenommen, auf ein Canapee gelegt, und vermuthlich die Nacht darauf geschlafen.

[120]

Aus allem vorhergehenden schließe ich, daß er mir den Schreck zugedacht hat, ihn sich todtschießen zu sehen; denn er wußte, daß ich um 7 Uhr kommen wollte, daß zu der Thür kein andrer als ich den Schlüssel hatte: und wollte vermuthlich so lange warten, bis ich die Stube öfnen würde.

Fußnoten:

1: *) Dieser L..... war schon in seinem achtzehnten Lebensjahre durch allerlei Ausschweifungen sehr berüchtigt. Da er seinen Eltern die ängstlichsten Sorgen verursacht hatte, wurde er nach Berlin geschickt. Hier betrug er sich eine Zeitlang gut, alsdann fing er wieder an, auszuschweifen, schlich sich auch einmal des Nachts aus dem Hause weg, worin er in Pension war, und ging in ein H...haus. Als er hier alles zugesetzt hatte, lieh er eine Pistole, kaufte Pulver und Schrot und ging in die Hasenheide, um sich zu erschießen. Er saß auf der Erde, hatte das Pulver vor sich liegen, und wollte die Pistole zubereiten, als ein Funke ins Pulver fiel, welches aufflog, und ihn versengte. Ganz betäubt von Schreck fiel er um, sah aber einen Mann, den er bat, nach seinem Hause zu gehen, und zu bitten, daß man ihn in einer Kutsche abholen möchte, welches auch geschahe. Ein halbes Jahr nachher erschoß er sich wirklich, wie in diesem Briefe des Herrn K. R. Sch. beschrieben steht.

Erläuterungen:

a: Dieser Fall wird erwähnt in Büsching 1783. Der Protagonist wird beschrieben als ein »sehr junger Mensch aus H- -, der sich hier zu Berlin am 20. May 1780 erschoß«, S. 39.

II.

Verrückung aus Liebe.

Anonym

In H.....t lebte noch im Jahr .... ein Fräulein von N....tz, die eine jüngere Schwester bei sich hatte, welche sinnloß war. Diese Person aber ist seit ihrem funfzehnten Jahre in diesen traurigen Zustand gekommen; die ältere Schwester erzählte, daß eine Liebschaft die Veranlassung dazu gegeben.

Sie hatte sich nehmlich wider Wissen ihrer Eltern mit einem jungen Edelmann versprochen, verschiedentlich heimliche Zusammenkünfte mit selbigem gehabt, welches aber den Eltern entdecket worden, die denn diesen Umgang ihr untersaget, und sie an einen andern hatten verheyrathen wollen, gegen den sie vielen Widerwillen bezeugte, und nicht zu bewegen war, seine Bewerbung anzunehmen.

[121]

Während dieser Zeit hat sie noch Briefe mit ihrem Liebhaber gewechselt, auch von ihm verschiedene Präsente erhalten, worunter das einemal Backwerk gewesen, wovon sie noch ihrer Schwester angeboten, die es aber nicht annehmen wollte; worauf sich die Nacht nach dem Genuß dieses Backwerkes eine Art von Melancholie bei dem Fräulein, und einige Tage darnach eine Wuth äußerte, auf die eine völlige Verwirrung des Verstandes erfolgte, die auch bei aller gebrauchten Medecin bei ihr unheilbar geblieben ist.

Die Familie und die Schwester behaupteten zu der Zeit, da ich sie kennen lernte, noch immer, daß in diesem Backwerke etwas müsse gewesen seyn, was der gemeine Mann einen Liebestrank heist. In wie weit diese Sage ihren Grund hat, kann ich als Frauenzimmer nicht beurtheilen, ob ich schon glaube, daß es Betrüger geben mag, die leichtgläubigen Liebhabern und Liebhaberinnen schädliche Sachen als Mittel zu beständiger Liebe verschaffen, die aber dann eine so unglückliche Würkung, als eben diese, verursachen können. —

Doch wieder zu dem Betragen dieser Unglücklichen: da ich sie das erstemal sahe, mochte sie 38 bis 39 Jahr seyn; sie ging frei herum, da sie keinem Menschen etwas zu Leide that, und betrug sich Tage, auch oft Wochen lang ganz ordentlich, indem sie sich dann und wann mit Stricken beschäftigte; hingegen [122]aber war sie auch viele Monate ganz ohne Verstand, sprach bloß von ihren Liebhabern, die sich um sie betrübten, nennte ihre Anzüge, und bot allen, die ihre Schwestern besuchten, einen oder den andern an, nur den rothgekleideten, bat sie, ihr nicht zu nehmen; vermuthlich mußte ihr erster Liebhaber so gekleidet gewesen seyn.

Bei dergleichen Paroxismen genoß sie nichts, außer etwas rohe Erbsen, Hafer oder Weitzen, von welchem Getreide sie immer in ihrem Koffer vorräthig hatte, und oft hat sie zu vierzehn Tagen ohne alle Nahrung zugebracht; schickten wärend dieser Zeit ihr gute Freunde etwas zu essen, so nahm sie es zwar an, aß aber nicht davon, oft aber warf sie es auch dem Ueberbringer nach; eben so wenig sprach sie mit jemand, da sie doch sonst sehr gesprächig gewesen war; sobald sie aber des Abends zu Bette ging, ward sie laut, sang bald geistliche Lieder, bald Arien, sprach viel mit ihrem Liebhaber, änderte die Stimme, als wenn man ihr antwortete, sang alle Stunden dem Nachtwächter nach, und blieb so unruhig bis gegen Morgen, wo sie denn wieder stille ward, außer, daß wenn die Schwester ihr zuredete, sie selbige mit Schimpf und Fluchworten von sich wieß.

Bei diesem starken Paroxismus saß sie beständig in einer sehr unbequemen Stellung auf einem Stuhle, so daß sie die Füße [123]auf den Sitz des Stuhles zog, beide Hände hielt sie an den Kopf und die Ellbogen setzte sie auf die Knie; es war besonders, daß sie in dieser Stellung Tagelang ohne sich zu bewegen sitzen konnte, diese Stellung auch nur die Nacht verließ. —

Nun starb ihre Schwester, die sie bisher bei sich gehabt hatte — da diese Personen kein Vermögen hatten, und meist von andrer Wohlthaten lebten, so ward die Unglückliche zu ihres Vaters Bruder, der als ihr nächster noch lebender Verwandter für sie sorgen sollte, und auch die Vermögensumstände dazu besaß, geschickt; dieser aber hatte sie mit vielem Ungestüm von sich gewiesen, und sie ward wieder zurück nach H......t gebracht, wo sie in das Hospital gegeben wurde; bei dem Tode ihrer Schwester und bei dem harten Betragen ihrer Verwandten hatte sie heftig geweinet, welches sie sonst nicht gethan, da sie nur zwei Leidenschaften in ihrer Thorheit zeigte, entweder viele Freude und Lachen, oder ein mürrisches Betragen.

Schon vor dem Tode ihrer Schwester flüchtete ich mit meinen Eltern aus Schlesien, da die russische Armee durch Pohlen in diese Gegend kam; und ich kann daher nur noch erzählen, was mit dieser Person weiter vorfiel, weil ein Oncle von mir Augenzeuge davon gewesen. Diesen Oncle [124]hatte sich die Unglückliche zu ihrer Zuflucht gewählet, und da derselbe unter dem dortstehenden Regiment gewesen, nachher aber im Orte wohnte, so hatte sie sich nach der Zeit fast immer an ihn gewendet, und ihn mit Aufträgen beschweret. —

In dem Jahre 1759 ward H......t von den Russen in die Asche geleget; währendem Brande lief alles aus dem Hospital, und die unglückliche v. N......tz rettete sich in einen alten Stall, der noch stehen geblieben, und nahe an dem Bartsch-Strome a stand; ob durch ein Ohngefähr oder mit Vorsatz die Thüre dieses Stalles ist zugeschlossen worden, kann man nicht mit Gewißheit sagen; genug diese Person und noch eine Hospitalitin sind 3 Tage dort versperret gewesen, die letztere ist aber gleich den ersten Tag darinn gestorben; mein Oncle, der den dritten Tag nach dem Brande in diese Gegend des Stalles kommt, höret daraus rufen, er gehet näher, und fragt wer dort sey? die N......tz erkennet ihn an der Stimme und bittet, ihr herauszuhelfen, indem sie schon einige Tage eine Todte zu ihrer Gesellschafterin hätte; da kein Schlüssel zum aufmachen da ist, läßt er den Stall aufschlagen, und findet die Leiche schon in der Verwesung, die Fräulein v. N......tz aber in einem ganz vernünftigen Zustande.

[125](Z.E. sie trug, so lange ich sie kannte, einen Rock und Contusch, welche ganz mit allen Arten von Flecken besetzet waren; denn sie nehete sich selbst Flecke von allen Farben, es mochte Seide oder Wolle seyn, wenn sie sie nur habhaft werden konnte, auf diesen Anzug, so daß man von dem würklichen Zeuge, woraus das Kleid bestand, nichts zu sehen bekam, und wie dieser Anzug war auch ihr Kopfputz beschaffen.)

Sie sagt also, wie sie aus dem flnstern Orte kommt: Gott! was habe ich für einen Anzug! Liebster Herr L.... schaffen Sie mir doch eine andre Kleidung, so kann mich kein Mensch sehen, das ist ein Harlequinsanzug.

Da das Hospital stehen geblieben war, so bringt sie mein Oncle selbst dahin, und es werden ihr andre Kleider gegeben; In diesem vernünftigen Zustande ist sie etwa vier Wochen geblieben; mein Oncle war nach diesem Vorfalle bald nach Breslau gereiset, da seine Wohnung mit im Feuer aufgegangen war, um sich dort einige Zeit aufzuhalten; eines Tages gehet er auf der Straße, und hört sich verschiednemal rufen; auf einmal steht die v. N......tz neben ihm, allein wieder in dem alten vielfarbigten Anzuge worüber sie noch ein schmutziges Hemde trug, welches sie in Form einer Enveloppe um sich gehangen, [126]und mit den Aermeln vorn zugebunden hatte. Sie faßt meinen Oncle am Arm, und dieser ist genöthiget, da sie sich fest an ihn hält, sie nur geschwinde in ein Wirthshaus zu bringen, wo er sie den Leuten übergiebt, und sie wieder nach H......t abschickt.

Verschiedene Umstände haben mich daran verhindert, mehr besondere Umstände von dieser Person zu erfahren; so viel ist gewiß, daß sie wieder ganz in ihren Wahnsinn zurückgefallen, und nie völlig hergestellt ist.

Erläuterungen:

a: Die Brycz. Nebenfluss der Oder in Schlesien.

[<127>]

Inhalt.

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Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Jakob Varmeier, (ein Mörder nach einem apocryphischen Buche in der Bibel.) Vom Herrn Geheimen Archivarius und Hofrath Evers zu Schwerin. 1.
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3. Geschichte eines im frühesten Jünglingsalter intendirten Brudermords. Von V...s. in Br—g. 58.
Zur Seelennaturkunde.
1. Eine Selbstbeobachtung auf dem Todbette. 63.
2. Handlung ohne Bewußtseyn der Triebfedern, oder die Macht der dunklen Ideen. Vom Herrn D. G. Ch. G. Wedekind, Königl. und Chruf. Physikus der Grafschaft Diepholtz. 80.
3. Die natürliche Religion eines Taubstummen. Von M. 89.
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Zur Seelenzeichenkunde.
1. Beobachtung jugendlicher Charaktere. 93.
2. Eine Scene aus meiner Kindheit. Von Karl Spazier, Lehrer am Dessauischen Erziehungs-Institut. 105.
Nachtrag zur Seelenkrankheitskunde.
1. Ein neuer Werther. 115.
2. Verrückung aus Liebe. 120.