ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: II, Stück: 3 (1784)

[<I>]

ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ

oder

Magazin
zur
Erfahrungsseelenkunde

als ein

Lesebuch
für
Gelehrte und Ungelehrte.

Mit
Unterstützung mehrerer Wahrheitsfreunde
herausgegeben
von

Carl Philipp Moritz,
Professor am Berlinischen Gymnasium.

Zweiten Bandes drittes Stück.

Berlin
bei August Mylius 1784.

[1]

Magazin zur Erfahrungsseelenkunde.
Zweiten Bandes drittes Stück.

Zur Seelenkrankheitskunde.

I.

Merkwürdiger Gang der Phantasie in einem Delirium.

Dunker

Aus einem Briefe.

Klitschdorf bei Bunzlau in Schlesien a den 20sten April 1784.

Im März des Jahrs 1779, da ich als Feldarzt beim Lazareth in Neisse diente, befiel mich, wie viele andere, ein Fieber, dessen Heftigkeit sich bald durch Verwirrung des Verstandes ankündigte.

Gegen Mittag verschrieb ich mir noch ein den Umständen angemessenes Brechmittel. Bald folg-[2]ten dem Rezept, und zwar schnell hintereinander, noch einige, deren auffallende Zusammensetzung den Feldapothecker veranlaßte, den Oberfeldmedicum Herrn Doktor Riemer davon zu benachrichtigen.

Dieser besuchte mich gegen sechs Uhr, besprach sich mit mir über die Krankheit, mit dem Beifügen: ich möchte nur meine medizinische Kenntnisse für jetzt ungebraucht lassen; man werde die sichersten und besten Mittel zu meiner Wiederherstellung anwenden.

Da ich fühlte, wie meine Krankheit von einem Augenblicke zum andern heftiger wurde, kostete es nicht viel Mühe, mich von der Unzulänglichkeit meiner Kräfte zu überzeugen.

Der Herr Doktor Knape (jetzt Professor der Anatomie in Berlin) übernahm meine Besorgung. Seiner Geschicklichkeit und unermüdeten Vorsorge habe ich, nächst Gott, mein Leben zu danken.

Nun erst wurde mir das genommene Brechmittel verdächtig, und gegen den Herrn Doktor Riemer äusserte ich, daß ich wohl selbst an der schnellen Zunahme der Krankheit und besonders an dem heftigen Toben in meinem Kopfe schuld sey.

Man suchte mir das zwar auf alle ersinnliche Art auszureden; aber ganz verlor sich mein Verdacht nicht. Bald gingen die fürchterlichsten Krankheiten, bald eine Menge Arzneimittel durch meinen Kopf und das Resultat hiervon war, daß ich mir, wegen des zur Unzeit genommenen Brech-[3]mittels, für die nächste Nacht ein heftiges Delirium prognostizirte.

Gegen eilf Uhr war der zu meiner Wartung bestellte Feldscheer abwesend, es näherte sich meinem Bette eine Frau, deren ruhige, schläfrige Miene mir gleich anzeigte, daß ich nicht der erste Kranke war, bei dem sie wachen sollte.

Kurz, die Frau mißfiel mir, daher befahl ich ihr auf das dringendste, ja sorgfältig auf mich Acht zu haben, weil ich sonst gewiß davon laufen würde.

Das Bewußtseyn verging mir gänzlich, bis ich endlich, wie es in dergleichen Krankheiten gewöhnlich ist, gegen Morgen etwas ruhiger wurde. Jetzt schuf meine Einbildungskraft, nach einer gewissen Ordnung, folgende Geschichte:

Die Frau schlief bald nach meiner Ermahnung ein; sogleich nahm ich den Zeitpunkt wahr, um zu entwischen; ich ging im Schlafrock in ein öffentliches Haus, wo ich eine zahlreiche Gesellschaft antraf, die ich zum Theil kannte.

Einige verwiesen mir meine Unanständigkeit, andere lachten; für die ersten hatte ich Entschuldigungen genug, die andern wieß ich durch Lachen und Scherz ab; ich war nicht lange da gewesen, als mein Vater (er war damals über hundert Meilen von mir entfernt) in Reisekleidern in die Stube trat.

[4]

Er sagte mir einige Ursachen, die ihn bewogen hätten, mit meiner Mutter, meinen Geschwistern, einigen Personen aus meinem Vaterlande und einigen aus Berlin (diese letztern hatten mir vorher viele Freundschaft erwiesen) nach Neisse zu kommen. Nun wurde der rechtschafne Vater meine unanständige Kleidung gewahr, wendete sich, ohne ein Wort weiter zu reden, von mir und ging in seine Wohnung.

Dies machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich mich nach Hause begab, mit der festen Entschließung, nach meiner Wiederherstellung den Abschied zu nehmen, um dadurch der Schande zu entweichen.

Die arme Frau ließ ich nun, unter den heftigsten Verwünschungen, meinen Zorn empfinden. (Ich habe vielfältig bemerkt, daß Leute, die im gesunden Zustande frey von der Thorheit des Fluchens sind, einen Hang dazu bekommen, wenn ihr Verstand verrückt wird. Andre, denen diese besondre Art zu sprechen von Kindheit an zur Gewohnheit geworden war, haben in solchen Umständen mich und die verwunderten Umstehenden durch erbauliche Gebete gerührt.)

Mein Eifer würde der Frau das Leben gekostet haben, wenn man nicht die nöthigen Anstalten getroffen hätte. Ich wüthete; aber die Vorstellung von Schande erstickte, so daß ich's selbst gewahr wurde, alles Religionsgefühl.

[5]

Schwer wurde es meinen Freunden, mich so weit zu besänftigen, daß ich, in Ermangelung einer andern, die Gegenwart der Frau, doch nur in einer gewissen Entfernung duldete.

Mein Vater, der nun einmal böse war, besuchte mich nicht, verkaufte mir aber durch einen dritten um einen billigen Preis seine Pferde.

Dieses war mir um desto empfindlicher, weil ich überzeugt war, daß ich, unter andern Umständen, gar nichts, oder doch weniger dafür hätte bezahlen dürfen.

Ich glaubte ― wieder besser, und meinen Geschäften vorzustehn, im Stande zu seyn, konnte aber, zu meinem Verdruß, den Abschied nicht erhalten, weil die Menge der Kranken sehr groß und an Aerzten ein Mangel war.

Man sendete mich zum Lazareth nach Brieg, b dahin ich auf einem Wagen allein abfuhr, indem ich die Funktion des Kutschers selbst übernahm.

Unterwegs fiel mir der Gedanke ein, die Gegend zu besehen. Ohne meine Pferde im mindesten zu schonen, fuhr ich Bergauf Bergnieder, bis ich endlich müde und matt auf einer grossen Eisstrecke, nahe an der Meerenge von Novazembla, mich befand.

In dieser kalten Gegend erwachte das Gewissen. Mit Verdruß übersah ich die grosse Strecke Landes bis Neisse hin. Eine Menge Städte und Dörfer lagen da ganz klein, doch deutlich, wie an [6]dem Abhange eines grossen Gebirges. Vor mir, wo es am dunkelsten war, bis Neisse wurde es immer heller, so daß es hier nur dämmerte, oder höchstens so helle war, wie an einem trüben Wintertage.

Sehr lebhaft erinnere ich mich noch, wie ich, im Aerger über die Vernachlässigung meiner Pflichten, bei einem kümmerlichen, erstarrten Bäumchen schnell umkehrte und schneller als fliegend davon fuhr. Ohne etwas versäumt zu haben, kam ich in Neisse an. Warum nicht in Brieg? Hier schweigt die Geschichte.

Halb todt trat ich in meine Stube und kaum hatte ich mich niedergelegt, als ich schon fühlte, daß ich mich nicht recht besinnen konnte; ich zweifelte, ob ich in meiner ehemaligen Wohnung sei. Da man mich zu überzeugen suchte, half ich mir selbst, indem ich mich der Gesichter einiger Heiligen, die an der Wand hingen, wieder zu erinnern bemühet war.

Auf diese Art gelang es mir wirklich, daß ich wieder wuste, wo ich war. Jetzt machte ich mir die bittersten Vorwürfe, durch eine so unbesonnene Reise mir eine Krankheit zugezogen und mich dadurch aufs neue zum Dienst des Lazareths untüchtig gemacht zu haben.

Hier war es, wo ich von Verbindlichkeiten, Pflichten, Gewissen, Verantwortung u.d.gl. bis zur gänzlichen Ermattung, wie meine Freunde nach-[7]her versicherten, ziemlich zusammenhängend deklamirt habe.

Zwei Wagenpferde, die ich nun nicht brauchen konnte, ließ ich mit einigen Vortheil an den General von Rothkirch (den ich nur gesehn hatte) verkaufen; ein Reitpferd behielt ich, um nach meinem Aufkommen vom Reiten Nutzen zu haben.

Die in meiner Einbildung gegenwärtigen Freunde besuchten mich; da konnte es denn nicht fehlen, daß mein Komplimentiren meine Wärter nicht zum Lachen bewegt hätte.

Daß mein Vater gar nicht kam, that mir sehr weh, und vielleicht erinnert sich der Doktor Knape noch, wie oft ich ihm mit meinen Klagen hierüber beschwerlich gewesen bin.

Vierzehn Tage lag ich in dieser Raserey. Ein einzigesmal hatte ich wenige Augenblicke, in denen ich, ohne einen Zusatz von falschen Ideen, an Gott und meinen Zustand dachte.

Die Krankheit ließ nach, ich hatte mein völliges Bewußtseyn wieder, war schon von Zeit zu Zeit aufgestanden, als mich an einem Morgen mein Wirth besuchte.

Unser Gespräch hatte schon lange gedauert, da ich fragte: Haben Sie nicht gehört, wie sich mein Vater befindet? ― Der Mann erschrack heftig und schien schon auf Sicherheit bedacht zu seyn, als ich ihn lachend beim Ermel faßte: »bleiben Sie doch, warum befremdet Sie diese Frage?«

[8]

O! gab er zur Antwort, Sie wissen nicht, was Sie reden. Ich versicherte ihn hoch und theuer, mein Vater werde den Nachmittag Kaffee bei mir trinken.

Während dieses Streits trat der Doktor Knape herein, erkundigte sich nach der Ursache desselben, nahm eine ernsthafte Miene an und sagte: Freund, hören Sie endlich einmal auf, so etwas vernunftwidriges zu verlangen.

Soll Ihr Vater sein Unglück vergrössern, indem er sich bei Ihnen eine Krankheit holt und dieselbe vielleicht auch seiner Familie zubringt? Dies hatte die gute Wirkung, daß ich ruhiger wurde. Nach und nach gewann die wahre Vorstellung wieder die Oberhand, in dem Grade, wie ich anfing zu merken, daß ein gewisser Ueberdruß in die Stelle des Mitleids trat, wenn ich jemanden mit meinen Fragen belästigte.

Mein Gedächtniß war, die lebhafte Erinnerung der erzählten Umstände abgerechnet, äusserst geschwächt, ich muste sogar, um einen zitternd geschriebenen Brief zu endigen, mich bei meinem Wirth nach der Jahrzahl erkundigen lassen. Leben und Tod waren mir gleichgültig, diesen hätte ich vielleicht vorgezogen.

Von Gott waren mir nur die allgemeinsten Begriffe übrig. Ein besseres Leben nach dem Tode hielt ich wohl für möglich; aber die Vorzüge des-[9]selben vor einer gänzlichen Vernichtung waren mir nicht einleuchtend.

Kurz, meine Sinneswerkzeuge fingen zwar wieder an, ihrer Bestimmung und dem Willen der Seele zu gehorchen; allein meine Schlüsse waren viel schwächer und langsamer, als die, welche während der Krankheit durch gesetzwiedrige Bewegung der Lebensgeister waren verursacht worden.

Ich kam mir vor, wie ein Mann, der unter der Menge seiner durch den Zufall untereinandergeworfenen Schriften an einem bestimmten Orte etwas zu finden glaubt und sich betrogen sieht.

Die Vernunft wählet und verbindet die Ideen, sie mögen ihr durch die Sinne, oder aus der Phantasie dargeboten werden. Das Bewußtseyn des verschiedenen Ursprungs, mit einem mehr oder weniger kräftigen Bestreben, selbst mangelhafte Ideen zu berichtigen, scheint der Ursprung oder der Anfang der Vernunft zu seyn.

Nicht leicht wird man einen verwirrten Menschen sehen, ohne diesen Keim der Vernunft, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, und wenn er zu Boden gedruckt wird, so liegt die Schuld im Körper.

Galen erzählt: er selbst habe einst im hitzigen Fieber allerlei aus seinem Bette und Kleidern hervorragende schwarze Splittern und Fasern zu sehen geglaubt, und da er sie wegzunehmen sei bemüht gewesen, hätten zwei gegenwärtige Freunde davon [10]geredet. Er habe ihr Gespräch verstanden und deswegen gesagt: »Kommt mir zu Hülfe, weil ihr so etwas gewahr werdet, damit meine Verwirrung nicht in Raserei übergehe.«

Ich kannte einen hypochondrischen Mann, der wichtigen Geschäften vorstand und in denselben ― noch brauchbar war. Er bildete sich ein, daß die Bänder und Muskeln, die seinen Kopf fest hielten, so sehr geschwächt wären, daß zum Hinunterfallen Unachtsamkeit und ein unsanfter Tritt hinreichende Ursachen seyn würden.

Vernünftigerweise und ungezwungen unterstützte er deswegen mit einer Hand den wackelnden Kopf am Kinn.

Zuweilen that er, vom Ungrunde dieser Furcht überzeugt, auf eine kurze Zeit die Hand weg, wenn er merkte, daß die Gesellschaft darauf aufmerksam war; bald aber, wenn er die ängstlichen Zweifel nicht mehr zu bestreiten vermochte, fühlte er schnell, ob noch nichts verschoben sei.

Ich hatte einst eine Nacht am Bette einer Kranken mir sehr werthen Person gesessen; da die Heftigkeit des Fiebers gegen Morgen nachließ und der Kranke ruhig schlief, begab ich mich nach Hause, legte mich ohne Zeitverlust nieder und schlief bald so fest, wie einer, dem ein grosser Theil Sorgen abgenommen ist.

Etwa nach ein paar Stunden erwachte ich, und erblickte, indem ich die Augen aufthat, das [11]Bette des schlafenden Kranken, es machte mit dem meinigen zu den Füssen einen rechten Winkel. Ich fragte mich, ob ich träumte, verwarf das aber sogleich, weil ich ohne alle Vorstellungen geschlafen hatte.

Ich sahe bei der Morgendämmerung alle Gegenstände in meinem Zimmer. Den Anzug des Kranken und das weisse Bette unterschied ich ganz genau, sogar die dunkele Farbe der Vorhänge schien mir einen durch das noch schwache Licht bestimmten Grad der Kenntlichkeit zu haben.

Geistererscheinungen könnten doch möglich seyn, gegen deine Ueberzeugungen ― ich will nicht leugnen, daß mich hier einige Furcht anwandelte. ― Aber möglich könnte es doch auch seyn, daß das Bild durch eine fehlerhafte Beschaffenheit der Augennerven hervorgebracht würde? ich hatte mich aufgerichtet, das Fenster und einige andere Gegenstände angesehen; ich hatte die Augen gerieben und wenn ich sie schloß, sahe ich nichts.

Vielleicht werden die Augennerven durch das Licht gerade in die Umstände gesetzt? ― die Furcht verlor sich, das Bild wurde blasser, durchsichtig, einige Dinge, die hinter ihm standen, schimmerten durch. Endlich verging es und zwar stückweise ― nachdem es einige Minuten ohngefähr gedauert hatte.

D. Dunker.

Erläuterungen:

a: Heute Kliczków bei Bolesławiec, Niederschlesien.

b: Heute Brzeg, Niederschlesien.

[12]

II.

Geschichte einer merkwürdigen Krankheit, in Rücksicht auf den damaligen Seelenzustand des Kranken. a

Mauchart, Immanuel David

Aus einem Briefe.

Tübingen den 31sten May 1784.

Die folgende Geschichte einer, mir wenigstens, merkwürdig und für die Seelenlehre interessant scheinenden Krankheit, habe ich gröstentheils selbst mit beobachtet. Die Umstände sind alle genau so beschrieben, wie sie wirklich erfolgten, und buchstäblich wahr, so, daß ich im erfoderlichen Falle sie nicht nur mit Zeugnissen der übrigen dabei gegenwärtigen Personen belegen, sondern auch die Namen des Kranken und aller übrigen bei der Geschichte verwickelten Personen Ihnen vorlegen könnte.

Der Kranke war ein junger, feuriger, lebhafter Mensch von siebzehn Jahren; ein Mensch von der festesten Leibeskonstitution, die, so wie er an Alter wuchs, immer unantastbarer zu werden schien.

Von seiner ersten Jugend an genoß er einer beinahe ganz ununterbrochenen Gesundheit, die auch von keiner Krankheit leicht überwältigt werden zu können schien.

[13]

Dabei hatte er einen immer freien, offenen Geist, ein zum Verwundern lebhaftes und hitziges Temperament, das wohl zu seiner nachherigen Krankheit, wenigstens zur Verstärkung derselbigen, viel beigetragen haben mag.

Es war gegen den Anfang des vorigen Sommers 1783, als er plötzlich über dem Mittagessen von einer Art von Brustkrampf überfallen wurde, wozu sich nachher ein Fieber schlug, das vier Wochen lang währte; und, da man nun einige Besserung zu verspüren glaubte, so brachen plötzlich in der Nacht die entsetzlichsten Konvulsionen aus, die vierundzwanzig Stunden lang ohne Aufhören mit einer beinahe unbegreiflichen Heftigkeit tobten.

Und hier fängt nun die Krankheit auch in Rücksicht auf den Seelenzustand des Kranken an merkwürdig zu werden.

Nachdem nemlich die Konvulsionen aufgehört hatten, fiel er in eine Hitze, in der er wieder mit entsetzlicher Heftigkeit phantasirte. Weil sich die Aerzte noch zu der Zeit, als er bloß ein Fieber ohne Konvulsionen hatte, verlauten ließen, es könnte, wenn das Fieber noch lange so hartnäckig anhalten würde, endlich eine Auszehrung daraus entstehen, und überdieß sein ganzes Nervensystem, ohnerachtet seiner Festigkeit, doch ausserordentlich reizbar war: so war der Gedanke des Todes ganz herrschend bei ihm geworden.

[14]

Dieser und seine Geschäfte, ― er arbeitete auf einem Handlungscomtoir ― waren nun der Gegenstand seiner Phantasien.

Es war in der That kaum zu begreifen, mit welcher Ordnung dabei Gedanken auf Gedanken folgten, mit welcher Ordnung er sogar seine Worte zu setzen wußte.

Er betete, nahm von seinen Freunden Abschied, ohne daß man in dem allem irgend einen Mangel an Zusammenhang, oder irgend ein unschickliches Wort, irgend einen Absprung von einem Gedanken auf einen andern fremden, nicht hieher gehörigen, bemerken konnte. Diese Phantasie währte jedesmal so lang, bis er durch einen Anfall von Brustkrampf davon aufgeweckt wurde.

So stellte sich der Paroxismus immer des Tags drei- bis sechsmal ein, und was am meisten dabei zu verwundern war, so war der Kranke, nachdem der ganze Paroxismus, Konvulsionen, Phantasie, und Brustkrampf vorbei waren, so ausserordentlich heiter, und wirklich widernatürlich lustig, daß, wer ihn in diesem Zustande sah, ihn für den gesundesten Menschen müßte gehalten haben, wenn er von seiner Krankheit nichts gewußt hätte.

Die Aerzte aber sagten immer, daß, wenn er auch seine heitersten, vergnügtesten Stunden hätte, wenn er auch allem äusserlichen Ansehen nach so vernünftig als möglich redete, so sei es doch immer nicht natürlich, seine Seele befinde sich dessen un-[15]geachtet doch nicht im völligen Genuß des Bewußtseyns.

Kam denn der Paroxismus wieder, der jedesmal so heftig war, daß fünf starke Männer mit aller Anstrengung ihrer Kräfte ihn doch kaum zu halten vermochten, so zeigten sich auch da wieder sonderbare Phänomene.

Er wurde jedesmal über seine Wärter in einen solchen Zorn gebracht, daß er, so wie der Paroxismus aufhörte, öfters einem, den er erwischen konnte, mit der größten Heftigkeit eine Ohrfeige versetzte, und sie mit einem zornig ausgestossenen: Zurück! von sich entfernte.

Im Anfang der Krankheit, da die Paroxismen noch weit heftiger waren, und sich auch noch viel öfter einstellten, konnte er sogar auch in den Zwischenzeiten viele Dinge gar nicht vor sich sehen.

Alles, was nur einen Strich von schwarzer Farbe trug, mußte aus dem Zimmer entfernt, alle Spiegel mußten mit einem Tuche zugedeckt werden, keine Person, die er nicht schon vorher etlichemal hintereinander gesehen hatte, durfte sich ihm nähern; Leute, die er vor seiner Krankheit ganz genau gekannt hatte, z.E. seine Eltern und Geschwister kannte er anfangs auch in den ruhigen Zwischenzeiten nimmer, ja, was am meisten zu verwundern war, so konnte er unter allen übrigen Sachen nur Uhrenbänder und Uhrenketten gar nicht vor sich sehen.

[16]

Kam ihm eines von diesen Dingen zu nahe, so stellte sich plötzlich der ganze Paroxismus ein, und zwar weit heftiger, als wenn er ungereitzt erschien.

Auch bei lebhaften Gemälden, sie mochten seyn von welcher Art sie wollten, bekam er den Paroxismus, wenn er sie scharf anblickte.

Selbst, da die Krankheit in etwas nachließ, mußte man doch immer noch grosse Präparationen machen, ehe er eine Person, die nicht sonst beständig um ihn war, vor sich ließ.

So mußte ich, den er doch vorher genau kannte, und mit dem er immer in enger Verbindung stand, als ich ihn in der Mitte der Krankheit einst besuchte, doch noch zwei volle Stunden warten, ehe er mich vor sich ließ, ohnerachtet man es ihm vier Stunden vorher gesagt hatte, daß ich kommen würde; und auch da überfiel ihn bei meinem Anblick ein konvulsivischer Schrecken, bei dem es aber doch sein Bewenden hatte.

Da sein Blut nach dem Zeugniß der Aerzte in der heftigsten widernatürlichsten Wallung war, so wollte man auf ihr Anrathen es versuchen, ob man ihm nicht durch Aderlassen einige Linderung verschaffen könnte; nun war aber die Frage, wie man es ihm beibringen sollte.

Man versuchte es in einer seiner heitersten Stunden, ihn dazu zu bereden, allein er bezeigte dawider einen so entsetzlichen Abscheu, alle seine Gesichtszüge, seine Minen wurden so wild, daß, wenn [17]man nicht plötzlich davon abgelassen hätte, er den heftigsten Anfall von seinem Paroxismus würde bekommen haben.

Als man ihn aber in einer andern Stunde endlich dazu überredete, und er die Kur mit sich vornehmen ließ, so behagte es ihm so vortreflich, daß er sich nun alle Stunden eine Ader wollte öfnen lassen.

Das Blut, das herausfloß, oder vielmehr mit Gewalt sich herausdrängte, war beinahe schwarz, schäumte ausserordentlich, und war überhaupt so beschaffen, daß man leicht begreifen konnte, wie es diese sonderbare Veränderung im ganzen Menschen habe hervorbringen, und alle diese schreckliche Phänomene verursachen können.

Wenn der Patient den Tag über mit diesen tobenden Anfällen geplagt gewesen war, dann hatte er zwar des Nachts Ruhe, allein nicht selten hatte er dann doch mit vielen Träumen zu schaffen, deren Gegenstände meistens schwarze und fürchterliche Bilder waren.

Ich fragte ihn einst, wie es ihm denn wäre, wenn er fühlte, daß der Paroxismus sich nähern wollte? worauf er mir antwortete, daß es ihm immer vom Magen an ganz heiß zu werden anfinge, worauf sich die Hitze endlich auch des Kopfes bemächtigte, und er so nach und nach ganz betäubt würde, so, daß ihm anfangs alles ganz dunkel vor den Augen würde, bis er das Bewußtseyn vollends [18]verlöre. Und dieß war auch, wie ich es selbst mit ansah, der Zeitpunkt, wo die Konvulsionen ausbrachen, und immer wenigstens acht Minuten, öfters aber auch eine halbe Stunde lang tobten.

So währte die Krankheit ungefähr acht bis zehn Wochen, ohne daß man einen merklichen Nachlaß in der Heftigkeit der Anfälle verspürte, bis endlich der Kranke nach einem der heftigsten Paroxismen selbst sagte, nun werde es aufhören, und er werde von nun an keinen Anfall mehr auszustehen haben.

Und so ging es auch wirklich. Von dieser Zeit an hörten die Konvulsionen auf, die Hitze des Bluts äusserte sich nicht mehr in so heftigen Ausbrüchen, und der Kranke hatte zur allgemeinen Verwunderung weder von seinen Kräften, noch von der Stärke seiner Leibeskonstitution, noch von der Lebhaftigkeit seines Temperaments im geringsten etwas verloren.

Man verordnete ihm nun eine Badekur, die ihn vollends ganz vor allen künftigen Anfällen sichern sollte. Allein nach Verlauf von drei Wochen, zu einer Zeit, wo man ihn am sichersten glaubte, stellten sich doch die Paroxismen, wiewohl mit weit geringerer Heftigkeit, wieder ein.

Anfänglich waren es bloße Ohnmachten, die auch nicht lange dauerten, als er aber einst durch [19]einen Zufall plötzlich erschreckt wurde, zeigten sich auch wieder Konvulsionen, doch nur in sehr geringem Grade.

So währte es wieder ungefähr vierzehn Tage, bis er endlich durch eine starke Disenterie völlig von seinem Uebel befreit wurde. ― Nun war nach der Versicherung der Aerzte nicht so leicht wieder ein Rückfall zu besorgen. ― Und von dieser Zeit an genießt nun der ehemalige Patient wieder der blühendsten Gesundheit, seine Leibes- und Seelenkräfte sind wieder in der vollkommensten Ordnung, nur scheint die Lebhaftigkeit seines Temperaments in etwas gewachsen, und überhaupt heftiger geworden zu seyn.

Was aber bei seinem gegenwärtigen Zustand am meisten zu verwundern ist, ist das, daß er von seiner ganzen Krankheit, selbst von den Vorfällen in denen Stunden, wo er von den Anfällen frei war, keine Erinnerung mehr hat.

Er weiß, nach seinem eigenen Geständnisse, sogar das nicht mehr, daß ihn Personen, an die er am meisten attachirt war, und an deren Gegenwart er in seiner Krankheit so viel Vergnügen hatte, besuchten. ―

Was die Kur der Krankheit betrift, so arbeiteten die Aerzte immer auch darauf, dem Kranken seine ohnehin heitern Zwischenstunden soviel als möglich zu erhalten, ihn vor allen Vorfällen, die ihn [20]hätten niederschlagen können, zu verwahren, und ihm keine Gelegenheit zu geben, wodurch seine Seele in einen düstern, melancholischen Zustand hätte versetzt werden können.

Denn dieß, sagten sie, hätte immer der Krankheit mehr Stoff gegeben, und sie also niemals gehoben. Und dieß ist auch noch gegenwärtig ein Hauptpunkt, den er in Ansehung seiner Diät zu beobachten hat, sich vor Verdruß, Betrübniß, Schrecken u.d.gl. so viel als möglich zu hüten.

Dieß ist die Geschichte einer nach dem Zeugniß nicht nur der erfahrensten Aerzte, sondern auch aller übrigen, die dabei Zuschauer waren, höchst merkwürdigen und ausserordentlichen Krankheit. Nun sei es mir erlaubt, auch noch einige Gedanken über eben dieselbe hinzuzufügen.

Daß Veränderungen im Blut und im Nervensystem auch Veränderungen in der Seele hervorbringen, ist ein in der Seelenlehre allgemein angenommener und durch die Erfahrung bestätigter Satz. Wenn wir nun aber die speziellen Vorfälle dieser beschriebenen Krankheit betrachten, so finden wir dabei auch einige für die Experimentalseelenlehre nicht ganz unwichtige Phänomene.

Schon das ist eine nicht unbedeutende Frage: In was für einem Zustand befindet sich in diesem Fall die Seele des Kranken? und es gehört, glaube ich, nicht wenig dazu, sie ganz und auf eine befriedigende Weise zu beantworten.

[21]

Ich nehme mir auch nicht heraus, dieses zu thun, denn, wenn wir auch das abrechnen, daß die Seele während einer solchen Krankheit unendlich viele Veränderungen in der Aeusserung ihrer Kräfte auszustehen hat, wenn wir sie auch in dem einzigen Moment betrachten, wo sie ganz der Gewalt des Körpers unterliegen muß, so bleibt doch immer noch die Frage übrig: wie geht es zu, daß der Körper eine solche Gewalt über die Seele, dieses einfache Wesen erhält? und wie läßt sichs erklären, daß die Seele in solchen Augenblicken gar nicht thätig zu seyn scheint? eine Frage, deren Beantwortung auf dem uns immer noch unerklärlichen Band der Seele und des Leibes beruht.

Eben so wichtig, aber auch eben so räthselhaft, eben so schwer zu beantworten ist die andere Frage: wie ist es zu begreifen, daß die Seele in eben dem Augenblick, wo sie ganz der Gewalt des Körpers unterliegt, wo sie all ihr Bewußtseyn verloren zu haben scheint, doch noch mitten in der größten Unordnung ihrer Kräfte Ideen so geschickt miteinander verbindet, Gedanken in einer so natürlichen Ordnung auf Gedanken folgen läßt, daß sie sich nie untereinander verwirren, wie es der Fall bei der obigen Krankheit war? eine Frage, deren Beantwortung wieder in unauflösliches Dunkel gehüllt ist.

Nimmt man ferner den in den Zwischenstunden so heitern Gemüthszustand des Patienten, und bedenkt dabei das, daß er aller seiner so vernünftig [22]scheinenden Reden und Handlungen ungeachtet, sich doch nicht in der vollen Ausübung seines Bewußtseyns befand, welches hauptsächlich durch den nachherigen gänzlichen Mangel an Rückerinnerung an die Vorfälle der Krankheit bestätigt wird, so stößt man da wieder auf undurchdringliche Geheimnisse.

Daß dem Kranken Spiegel und lebhafte Gemälde zuwider waren, läßt sich meines Erachtens so erklären: Seine Nerven waren durch die Krankheit selbst schon auf einen sehr hohen Grad gespannt, und also auch äusserst reitzbar, mithin mußten Spiegel und dergleichen Gegenstände einen sehr lebhaften Eindruck auf sie machen, und sie vollends bis auf den höchstmöglichen Grad spannen.

Schwarze Farbe konnte ihrer Natur nach gar keinen Eindruck auf die Nerven des Patienten machen, dieß mußte ihm aber eben so widrig seyn als jenes, weil ein gänzlicher Mangel an Eindruck die so überspannten Nerven eben so sehr beleidigen mußte.

Daß er endlich Uhrenbänder und Uhrenketten gar nicht vor sich sehen konnte, dieß beruht auf einem Nebenumstand. Er hatte sich nemlich vor seiner Krankheit sehr viel mit dergleichen Tändeleien abgegeben, mithin konnte die Seele die Eindrücke davon leicht behalten haben. Wunderbar ists aber immer, daß nun der Eindruck von diesen Dingen [23]gerade das Gegentheil bei dem Kranken bewirkte, und daß sie ihm, da er vorher eine Freude daran hatte, nun eben so sehr zuwider waren.

I. D. Mauchart,

der Weltweißheit Magister im theologischen

Stift.

Erläuterungen:

a: Zur Vorlage in der Schwäbischen Chronik (ab dem 3. März 1788 in drei Teilen) vgl. Sindlinger 2010, S. 333f., 712f.

III.

Zwei Selbsterfahrungen und eine Krankheitsbeobachtung von Herrn K. in T.

K.

T. den 8ten März 1784.

Auch ich wünsche nicht, wenigstens nicht für alle Fälle, daß die Seele ein Vermögen habe, künftige Dinge vorher zu sehen, oder auch nur zu ahnden. Wenn man doch aber solche Vorgänge an und mit sich selbst erfähret, die ohne dieses Vermögen, oder ohne Annahme einer andren, vielleicht noch kühneren, Hypothese, unerklärbar sind; was dann? Wenigstens mit dem bescheidenen Weisen sagen: Non liquet! a ― Hier sind ein Paar von mir belebte Fälle, für deren Wahrheit ich stehe.*) 1

[24]

Ich studierte in Königsberg, und hatte die Aufsicht über einen reichen Jüngling aus D..., der eine der dortigen Schulen besuchte. Diese Aufsicht brachte mir außer einer freien Wohnung verschiedne Vortheile, ohne welche ich bei den geringen Unterstützungen, die mir mein Vater angedeihen ließ, nicht hätte bestehen und meine Studien fortsetzen können.

Ich mußte eine Reise thun, und während meiner Abwesenheit machte man die Kabale und führte sie auch aus, jenen für mein Bestehen so unentbehrlichen Jüngling anderswo unterzubringen.

Ich behielt aber noch den Vortheil der freien Wohnung auf einige Zeit. Diese ging zu Ende, und einen Tag, da ich meine mässige Mittagsmahlzeit genoß, machte mich der Gedanke bekümmerter und ängstlicher, als je vorhin: wie wirds nun mit dir werden?

Ich überrechnete alle meine Bedürfnisse, und forschte nach Mitteln und Wegen, ihnen allen, oder doch nur den wichtigsten darunter, abzuhelfen. Aber da war kein Mittel zu finden, kein Weg zu sehen.

Die Bekümmerniß und Angst der Seele ward so groß, daß ich mit thränendem Auge gen Himmel aufsah, und das that, was Religion und Noth hieß.

Auf einmal entstand nicht nur Ruhe in meinem Innern, sondern auch eine so gewisse Ueberzeugung, es wird bald, sehr bald Rath zu dem allen werden, [25]wozu du keinen weißt, daß ich aufsprang, Huth und Stock nahm, um in ein Kollegium zu gehen, das in einer Viertelstunde angehn sollte, und hüpfend und singend aus meinem Stübchen eilte.

Vor diesem Stübchen lag ein andres, an dessen verschlossene Thüre hart angeklopft wurde, ehe ich sie erreicht hatte. Ich öfne sie, und sehe einen Postbothen vor mir stehen, der mir einen Brief mit 10 Rthlr. ― für mich, an dem Orte, zu der Zeit (es war 1754) ein wahres Kapital! ― übergab, und darüber quittirt seyn wollte.

Es war ein Brief von meiner Stiefgroßmutter, die mir wohl manches kleine, aber niemals ein so grosses, Geschenk in Gelde, immer nur persönlich, nie mit der Post, gemacht hatte, von mir sonst nie, am wenigsten jetzt um Eines gebeten war, und ihrer, mir bekannten Umstände wegen, um ein so wichtiges weder jemals gebeten worden wäre, noch gebeten werden konnte; die aber an dem Orte zum Behuf des Handels, den sie in ihrer kleinen Stadt trieb, mancherlei zu bezahlen oder einzukaufen hatte.

Der natürlichste Gedanke wäre mithin für mich unter diesen Umständen der gewesen: du wirst diese Summe für sie in einer oder der andren Weise anzuwenden haben, und ein ganz kleiner Theil davon wird für deine Bemühung seyn.

Aber dieses gerade dachte ich nicht, konnte ich nicht denken, sondern das, was das unwahrschein-[26]lichste war: siehe da Rath und Hülfe für deine Noth, und so bald! und Thränen der Freude entstürzten dem Auge.

Nu, sagte der Postbothe mit der befremdensten Miene, das hab ich doch nicht gesehn, daß ein Student weinte, wenn ich ihm einen Wechsel brachte; dieser muß wohl zu klein seyn. ― Freund, antwortete ich, hier ist die Quittung und ein Trinkgeld über das Gesetzte ― und nun schnell herum in mein inneres Stübchen zurück, den Brief aufgerissen und gelesen.

Weil mir, fing er an, der liebe Gott einen unerwarteten Gewinn zugeworfen hat; so schick ich Dir, mein lieber S., etwas davon zu Deinem Bedarf; nimm damit vorlieb, ich geb es aus gutem Herzen. ― ―

Der andre Fall ist folgender. Meine akademischen Umstände hatten sich nicht lange darauf zum Theil durch Veranlassung, obwohl nicht mit gutem Willen, eben derer, die sie vorhin verschlimmert hatten, ungemein verbessert.

Ich bekam im Hause eines französischen Predigers zween Pensionärs zu unterrichten, deren Väter Kaufleute von der Kolonie b waren, und kam dadurch in manche andre Verbindungen, die für mich so vortheilhaft wurden, daß ich keinen Wunsch mehr hatte, als den, in dieser Lage zu bleiben, die, ohne mich zu hindern, den akademischen Studien obzu-[27]liegen, mir Wohlstand, Vergnügen und völlige Zufriedenheit gewährte.

Der französische Prediger ward mir Vater durch Zärtlichkeit, Wohlthun und Fürsorge, und war es so ganz, daß er mich nicht nur kein Bedürfniß wollte haben lassen, sondern auch nicht einmal die Miene eines Menschen, der Eines haben könnte, dem etwas abginge.

Sein Kollege im Amte starb, und hinterließ eine trübsinnige Schwester, und eine wohlversorgte Wittwe, die er durch seinen letzten Willen verpflichtet hatte, jene bis zu ihrem Absterben bei sich zu behalten. Beide blieben das Gnadenjahr über in der Amtswohnung, und zogen hernach zu meinem Wohlthäter, bei dem ich nun mit ihnen bekannt werden konnte.

Weil die Predigerwittwe aus Berlin war, wollte sie mit ihrer Schwägerin dahin zurückkehren. Aber mit in Rücksicht auf diese suchte sie eine Mannsperson zum Begleiter. Schon war so eine gefunden, alles zur Reise veranstaltet, der Tag der Abfahrt angesezt.

Auf einmal zieht mich mein Wohlthäter auf die Seite, und trägt mir die Geleitschaft unter Bedingungen an, die nicht annehmlicher seyn konnten. Freie Reise, hieß es, hin und zurück; Vorschub, alles Sehenswürdige in und um Berlin herum zu sehen; Dank und besondre Vergeltung von der Kolonie; und alle Verbindungen mit allen ihren Vor-[28]theilen bleiben die nämlichen, und möchten wohl noch vortheilhafter werden; da reise nun ein andrer nicht nach Berlin!

Aber ich wollte doch nicht Berlin blos in seinen herrlichen Gebäuden, ich wollte es auch in seinen vorzüglichen, mich interessirenden Männern sehen, lief also zu meinen Professoren, die mir an sie Briefe geben konnten, und bat um welche.

Doktor S.., das wußte ich, hatte dort die wichtigsten Bekanntschaften. Hin also zu ihm! Aber je näher seiner Wohnung, desto langsamer wird der Schritt, je ängstlicher und beklommner wirds ums Herz. Ich stehe still, denke nach, arbeite mich zu beruhigen, setze von neuem an; es wird ärger.

Ich werde unwillig, wills durchaus durchsetzen, bin schon auf der Treppe vorm Hause; die Kniee wanken, die Hand, ich hatte sie nach dem Anklopfen der Hausthüre ausgestreckt, sie wird wie gelähmt. Himmel und Erde liegen auf mir. Ich muß alles Widerstrebens ohnerachtet zurück; nicht ohne Verdruß über mich selbst.

Je weiter vom Hause weg, je leichter wirds ums Herz. Kannst du doch, dachte ich, einen andern Tag hingehn, da du bis zur Abreise einige noch vor dir hast. Aber es ging den andren Tag nicht besser. Ich wohnte damals mit T.., einem meiner besten Freunde, zusammen. Dem erzähle ich den Vorgang, werde aber, da ich ihn für eine [29]warnende Ahndung ausgebe, die es wohl verdiene, beobachtet zu werden, weidlich ausgelacht. Das bitterte.

So willst du nun doch, beschloß ich, koste es was es wolle, zu dem Dokter S.. gehen, und deinen Vorsatz durchsetzen. Es geschieht. Wie? frägt mich der Mann, Sie nach Berlin? da ists ja recht, als ob Gott Sie mir schickte. Ich soll einen Hofmeister dahin schicken, habe dazu keinen, wie er seyn soll, aufgefunden, habe mich auf Sie nicht besinnen können, und nun laufen Sie mir in die Hand. Sie werden schon dort bleiben müssen.

Ich, Herr Dokter, versetzte ich? in Ewigkeit nicht. Denken Sie sich nur meine hier so überaus vortheilhafte Lage. ― Ei, war die Antwort, haben Sie den Artikel von der Fürsehung nicht besser bei mir gelernet? Wissen Sie nicht, daß Sie gehen müssen, wohin Gott Sie schickt? ― Das hieß nun wohl eigentlich; wohin ich Sie schicke, und es war gefährlich, von ihm sich nicht schicken zu lassen, der es damals ganz in seiner Gewalt hatte, einem armen Studenten der Theologie das fidele Consilium*) 2 entweder zu geben, oder zu versagen, welches eben so viel war, als, ihn in ein Amt zu lassen, oder nicht zu lassen.

[30]

Das Uebrige gehöret nicht zu der Absicht, zu welcher dieses erzählet wird. Genug, ich hatte nun die Aufklärung über die Ursachen meiner angstvollen Abneigung, zu dem Doktor S.. zu gehen. Und wie fest ich auch entschlossen war, auf welche Kosten es wolle, das nicht zu thun, was er wollte: so bestimmten mich doch verschiedne hier und in Berlin hinzugekommenen Umstände in Berlin zu bleiben, und Jahre, Gesundheit und Kräfte daran zu geben, um meine Lage da, der in Königsberg gehabten ähnlich zu machen. ―


Ein 78jähriger Bauer und Gerichtsmann zu Neudorf bei Brieg, Samuel Klose, hatte den 5ten Februar noch gedroschen, schlief die Nacht darauf gut, stand den 6ten munter auf, ging auf seinen Hof, und indem er in die Stube zurückgekommen war, ward er plötzlich so sehr krank, daß er gleich zu sterben fürchtete.

Der Gebrauch des Arztes rettete ihn vielleicht vom Tode. Den 2ten März ward er vom Schlage gerührt, und vermogte kein Wort zu reden, noch zu vernehmen, sondern lag ohne Bewußtseyn und Empfindung da.

Beides aber stellte sich bald nach vorgenommenem Aderlaß wieder ein, und den 3ten des Morgens auch die Sprache, nur mit dem sonderbaren Umstande. Er konnte drei ziemlich lange Morgenlieder und die gewohnten Gebethe ganz vernehmlich [31]hintereinander herbeten, allenfalls: in Gottesnahmen und dergleichen Formeln sagen, aber zu den Seinigen konnte er so wenig, als zu Besuchern, auch nur ein paar Worte nach einander vernehmlich und in vernünftigem Zusammenhange reden, geschweige irgend eine, ihm sonst geläufige, Vorstellung seiner Seele ganz und deutlich vortragen.

Er fühlte dieses Unvermögen, weinte oder wurde unwillig darüber, und gab seinen Unwillen durch die Worte, Christus Jesus Gottes Sohn, oder durch andre Ausdrücke zu erkennen. Heute den 7ten März ist sein Zustand noch der nämliche, wobei er seine übrigen Glieder, wie sonsten, brauchen, sich in der Stube bewegen, mit Appetit essen und gut schlafen kann.

Fußnoten:

1: *) Aus einer Stelle dieser Aufsatzes erhellet, daß Herr K. damals, als er dieß erlebte, an Ahndungen glaubte; hieraus ließen sich beide Ereugnisse wohl am besten erklären.
M.

2: *) Zeugniß der theologischen Fakultät, von dessen Beschaffenheit die Abweisung oder Annahme beim Konsistorium abhing.

Erläuterungen:

a: Rechtsbegriff: "Es ist nicht klar."

b: Die Hugenotten, protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich.


IV.

Auszug aus einem Briefe des fürstlich K-ischen Wundarzts J. an den Herrn Pastor R.

J.

Ich muß Ihnen sagen, daß wir einige Hofnung hatten, Ihre Tante*) 1 wieder herzustellen, aber [32]sie ist uns zuvorgekommen, und ich habe aufs neue gesehen, wie gefährlich eine Nervenkrankheit werden kann, und welch eine vorsichtige Behandlung sie verdient.

Sie sind zu sehr Philosoph, als daß ich vor Ihnen verbergen sollte, wie sie starb; ich hoffe, ich werde Ihnen dadurch einen Beitrag mehr zu Ihrer Geschichte der menschlichen Schwachheit liefern, wovon Sie eine so nützliche Sammlung besitzen.

Am Sonntage gegen 11 Uhr kam Ihrer Tante Mann aus der Kirche zurück, und fand sie in der Küche im Blute. Sie hatte sich mit einem Hackemesser die linke Hand ziemlich durchgehauen, und einige tiefe Hiebe in die Brust und Schläfe gegeben.

So hatte sie zwei Stunden gelegen, und als ich gerufen wurde, war sie schon ganz todt.

So viel ich von ihr selbst weiß, hat sie bis in ihr 25stes Jahr keine Anfälle von Krankheiten ge-[33]habt. Beim Anfang ihrer Ehe bekam sie Reißen in Füßen und Schultern, und ein Spannen und Stechen auf der Brust.

Der Doktor F., ihr erster Arzt, hielt dieß für Vorboten der Schwindsucht ― ließ ihr alle vier Wochen zur Ader, und brauchte lindernde Mittel für ihre Brust. Durchs Aderlaßen wurde sie immer schwächer, und man mußte nachlassen.

Professor V., ihr zweiter Arzt, fand sie schon in der größten Nervenschwäche, er ließ sie Baden und verordnete andre dienliche Mittel. Bei dem Baden fand sich ein starker Speichelfluß, und sie befand sich nach jedem Bad allemal besser als vorher.

Jedoch spürte man noch keine sonderliche Besserung. Als ich sie vor einem Vierteljahre kennen lernte, war es schon sehr weit mit ihr gekommen. Bei jeder etwas starken Bewegung bekam sie Ohnmachten. Töne, die nur mittelmäßig stark ausgesprochen wurden, verursachten Verzuckungen und fuhren bis in die Fingerspitzen, und bei einem Konzert war ihr nicht anders, als ob ihr Körper an allen Theilen auf einmal elektrisirt wurde; sie mußte laufen, so weit sie konnte.

Oft weinte sie über die geringste Kleinigkeit, oder auch über nichts ― sprach oft für sich ― und betete zu Gott um ihren Tod. Man konnte in ihre Stube kommen, um sie herumgehen und etwas wegnehmen, ohne von ihr bemerkt zu werden, und wenn man Geräusch machte, so gestand sie nach-[34]her, daß sie zwar unangenehme Empfindungen gehabt, aber ohne zu wissen, woher?

Wenn sie mich nach einiger Zeit endlich bemerkte, fuhr sie wüthend auf mich los, und man mußte alle Vorsicht anwenden, sie zu sich selbst zu bringen. Waren diese Paroxismen vorbei, so sagte sie ganz ermattet: ach ich sterbe, ich sterbe ― dann wurd sie ganz still, legte sich aufs Bett und bekam ihr gewöhnliches Fieber ― dann schlief sie gewöhnlich ein. Bei ruhigen Stunden sprach sie gern von geistlichen Dingen, und hörte gern Schwärmereien von der Ewigkeit erzählen.

Oft war sie eigensinnig und schalt die Mägde, aber nach einer Viertelstunde bereuete sie es bitter, weinte über sich selbst und schilderte ihr Unglück auf das rührendste.

Endlich wurde ihr Fieber immer stärker, und ihr Zustand kam mir sehr gefährlich vor. Jedoch gab es Tage, wo sie denen, die um sie waren, stark vorkam. Am letzten Sonntag war ihr Mann in der Kirche ― sie schickte die Magd weg, und wollte die Küche selbst besorgen. Das Weitere wissen Sie.

Man fand auf ihrem Arbeitstische verschiedne Zettelchen, worauf sie einigemal geschrieben hatte: Adieu, adieu; ich sterbe seelig, ich verzeih Euch allen. ― Sehn Sie, liebster Freund, so ist meine schreckliche Lage! ― Ich sehe hieraus, daß ihre Phantasie immer schwärmerischer geworden.

[35]

Ihr Mann kam ihr zu gleichgültig vor; den mehresten, die sie umgaben, war sie lästig, denn sie hatten weder Geschicklichkeit noch Aufmunterung genug, sich in eine Eigensinnige zu schicken.

Ihre Erziehung mochte auch wohl vieles zu ihrem unglücklichen Zustande beigetragen haben, denn ihre alte Doktorin hatte sie von Kindheit an angesteckt, so daß sie schon im gesunden Zustande an Geistersehen, Mond- und Wörterkuren und dergleichen glaubte, und selbst mit großer Zuversicht verrichtete.

Seine Spöttereien machten sie schwermüthig, und seine kalte und gleichgültige Behandlung krank. Ich denke, das ist der Gang ihres Unglücks.

Mich dünkt doch, sie wäre zu heilen gewesen, wenn sie früh wäre besser behandelt worden; doch mußten die Arzneien das wenigste thun. Aus ihrer Verbindung herausgerissen mußte sie Umgang mit vernünftigen und aufgeklärten Leuten haben.

Aber wo ist die Welt, wo ein Arzt so etwas anordnen könnte ― und so lange der Arzt und der Menschenkenner nicht zusammen kurirt, so lange bleibt die Arzneikunst die elendeste Pfuscherei.

Fußnoten:

1: *) Die Rede ist von einem Frauenzimmer in K., die ohngefähr 25 Jahr alt war, mittlerer Statur, sehr schön, hager. Sie aß viel, war bis in ihr 23stes Jahr ganz gesund; von einer Schwärmerin erzogen, die eine berühmte Pfuscherinn in der Arzneikunst war. Dazu wollte sie dieselbe auch vorbereiten. Allein im 23sten Jahre wurde sie verheurathet an einen Mann, der derbes und gesundes Fleisch hatte, alle Schwärmerei verlachte und sie für Quaquelei hielt. Er hielt also seine Frau für eine Närrin, die affektiren wollte, und achtete auf ihr Pimpeln, wie er es nannte, wenig.

[36]

V.

Geschichte meiner Verirrungen an Herrn Pastor W*** in H***. a

Probst, Johann Gotthilf

Ich soll Ihnen ein Gemählde meines Lebens aufstellen; soll alle meine Verirrungen und Fehltritte Ihnen treu und aufrichtig erzählen, soll sie in ihren ersten Quellen aufsuchen, die kleinen Triebfedern, die von außen auf mich wirkten, und durch die ich das wurde, was ich bin ― bemerken ― werde ich auch zu diesem schweren Geschäft genug Wahrheitsliebe, genug Scharfsinn, genug Selbstüberwindung besitzen, ohne meine Erröthung ― die eine unausbleibliche Folge davon seyn wird ― zu scheuen? Wird mein starker Trieb nach Menschenbeifall auch dieses zulassen? Und werde ich mich nicht mit niedergeschlagnen Augen Ihnen nahen, wenn Sie nach Lesung dieses meines Geständnisses ― dessen Veranlassung nur Sie wissen, und ― nur Sie interessiren kann ― ausrufen werden: ists möglich! Aber Sie sind auch Philosoph; Ihnen kann ich mich sicherer anvertrauen als ― dem bloßen Handwerkstheologen (verzeihen Sie mir diesen etwas unschicklichen Ausdruck) der sich nie in das Heiligthum menschlicher Schwäche gewagt, noch ihre Triebfedern hat kennen lernen, und der mit kaltem Herzen den Bannstrahl des Gesetzes auf den Unglücklichen loßschleudert ― ohne etwas zu seiner [37]Rettung zu unternehmen. Da, wo Ihr Herz ― bei dem ersten Anblick ― wird richten wollen, wird Ihre Vernunft entschuldigen. Hochschätzen werden Sie mich vielleicht ― ohne eine höhere Hülfe ― nie können; aber, bemitleiden werden Sie mich. Und dieß ist es auch alles, worauf ich Tiefgesunkener werde Rechnung machen dürfen; mein Stolz empöre sich auch noch so sehr dagegen.

Ist es wahr, daß der Weg der Heiligung erst durch die oft traurigen Gefilde der Erfahrung geht? Ist es wahr, daß das Gefühl der Fehltritte und ihrer Folgen bei manchem Unglücklichen eher den Willen lenkt, als die kräftigste Ueberzeugung des Verstandes? Sucht die Vorsehung ihre in der Erziehung verwahrlosete Geschöpfe selbst zu erziehen, indem sie es zugiebt, daß sie sich auf mancherlei Weise erst verirren, und daß auch in diesen Verirrungen die große Absicht des Ewigen nicht fehlschlägt? (denn von einem so weisen Erzieher, der nie durch Kurzsichtigkeit und Uebereilung getäuscht werden kann, läßt sich alles hoffen) o so ist wohl noch Hofnung für mich übrig, und ich darf nur einmahl wieder Ruhe genießen; ich darf nur jetzt aus meiner traurigen Lage herausgerissen werden, um alle meine traurigen Erfahrungen alsdann auf mein Herz und Geist anwenden zu können. Ich getraue mir alles auf meine fehlerhafte Erziehung zurückbringen zu können, denn ich glaube, ich würde mir nie so manches haben zu Schulden kommen [38]lassen, (aller Dazwischenkunft fremder Ursachen, die mich oft bestimmten, ohngeachtet) wenn meine Anlagen, die gut sind, nicht eine schiefe Richtung erhalten hätten. Doch es ist Zeit, daß ich nun meine Geschichte selbst anfange.

Ich wurde zu H*** den 21sten August 1759 mitten unter den Troublen des siebenjährigen schlesischen Krieges gebohren. Mein Vater war ein Weinhändler, der zwar nicht reich, doch auch nicht arm war, so daß er hoffen konnte, seine Kinder, deren er aus der zweiten Ehe (denn die aus der ersten waren nicht mehr am Leben) drei hatte, ehrlich erziehn zu können. Allein eben dieser verheerende Krieg zerrüttete bald seine häußlichen Glücksumstände. Unser Haus war am Anlauf; und folglich bei jedem feindlichen Ueberfall immer das erste Opfer. In zwei unglücklichen Abenden hintereinander wurden für 2000 und etliche hundert Thaler der theuersten Weine ein Raub der Feinde, die ihn theils aussoffen, theils auf die Erde laufen ließen, theils mitnahmen, nachdem sie den Fässern den Boden ausgeschlagen hatten. Mein Vater hatte flüchten müssen, weil sie ihn einigemahl sehr hart mit Schlägen behandelt hatten, und einer von den Kroaten hatte schon einmahl den Säbel aufgehoben gehabt, um ihm auf seine Weigerung, keinen Wein mehr herzugeben, ein Merkzeichen zu geben, wenn meine Mutter ihm nicht mit bloßen Händen in den Säbel gefallen, und ich und mein ältester Bruder uns nicht [39]um die Knie dieses Barbaren geschlungen, und um das Leben unsers Vaters geflehet hätten, der unterdessen Zeit gewonnen hatte, zu entspringen. Ohne aber gerührt zu werden, schleuderte er uns von sich, stieß meine Mutter zu Boden und eilte meinem Vater nach, der aber schon in Sicherheit war. Nun kam er zurück, und zwang meine Mutter mitzugehen. Noch einige seines Gelichters hängten meiner Mutter, die hoch schwanger ging, vierundzwanzig Feldflaschen um, und stürzten sie damit eine vierundzwanzig Stufen hohe Treppe hinunter, doch ohne ihr den mindesten Schaden zuzufügen. ―

Meine Eltern, die beide sehr gute Herzen, vielleicht zu gut, haben, thaten vielen Armen Gutes, borgten und liehen viel aus; ein Wort, ein Handschlag war ihnen genug, und ― wurden betrogen. Unser Weinlieferant, der meinem Vater immer für einige tausend Thaler vorstreckte, hatte den größten Nutzen davon, wenn viele Necker und Rheinweine abgingen; allein da der König gleich nach dem Kriege einen außerordentlich starken Impost darauf legte, so stieg natürlich der Preis derselben beim Wiederverkauf ziemlich hoch, und die Folge davon war: sie wurden hernach weniger gekauft. Da mein Vater aber natürlich darunter litt, so verschrieb er sich französische Weine, die viel wohlfeiler an Ort und Stelle ― und auch in Ansehung der Auflage waren. Darüber wurde der Lieferante genöthiget, meinem Vater das Conto [40]aufzusagen, weil er keinen Nutzen davon hatte. Allein mein Vater mußte sich auch nun mit ihm abfinden, und er that es auf eine solche Art, daß er sich gerade ganz erschöpfte ― denn jetzt fühlte er die Folgen des Krieges erst deutlich.

Er gab also seinen Weinhandel auf, rafte den Rest seines Vermögens zusammen und kaufte sich in der Vorstadt ein Gartenhaus, in Willens daselbst einige Wirthschaft zu treiben. Er hatte auch die Freiheit Wein zu schenken, so daß er hoffen konnte, sich ohne großes Geräusch, und hoffentlich ohne Furcht vor großem Verlust, gut zu nähren. Ich und mein Bruder waren bisher in eine Winkelschule gegangen, deren Lehrer aber um eben die Zeit verstarb, als diese Veränderung vorging. Das 1765ste Jahr aber war für mich ein unglückliches Jahr, und mit diesem wurde der Grundstein zu meiner künftigen unglücklichen Lage gelegt. Da uns unsre Eltern sehr liebten, so verstatteten sie uns alles, was uns unsre jugendliche Munterkeit eingab. Sie ließen es uns an nichts mangeln, und eben daher schreibt sich in der Folge meine wenige Kraft her: mir einen Wunsch zu versagen ― doch ich schweife aus. Man sagt: ich sei in der Jugend ein sehr schönes Kind gewesen, und meine Munterkeit hätte mir viel Freunde erworben. Diese hätte mich mit Näschereien überhäuft, mich oft mit dem stärksten Weine überladen, und da-[41]durch den Grund zu dem Unglück gelegt, welches mich in diesem Jahr traf.

Dieses Jahr wütheten die Pocken b ganz entsezlich. Da nun mein kleiner Körper viel böse Säfte in sich enthielt, so konnte auch ich nicht von diesem Uebel befreiet bleiben. ― Siebzehn Tage lag ich blind, und in dieser Zeit schwebte ich immer abwechselnd zwischen Leben und Tod. Dazu kam ein entsetzlicher Durchlauf, der nicht zu tilgen war. Schon war ich dem Tode nahe: denn der Brand wüthete schon in meinem Innersten ― als sich auf einmal ― ich weiß nicht mehr wodurch ― der Durchlauf stillte, die Hitze sich legte, und ― Ruhe bekam. Endlich öfneten sich auch meine Augen wieder ― aber welcher Schreck für meine Eltern und ― für mich: ich hatte ein Auge verlohren. Aus Unvorsichtigkeit schrie meine Mutter überlaut und machte mich gleichsam darauf aufmerksam, da ich immer noch wie betäubt gelegen hatte. Ich probierte und ― ich konnte nur mit einem Auge sehen. Ich schrie nach einen Spiegel; man brachte mir einen ― und o wie wurde meine kleine Eitelkeit gedemüthiget, da meine Schönheit verschwunden war. Ich erinnre mich noch gesagt zu haben; nun bin ich nicht mehr der schöne C., nun wird mir Niemand mehr gut seyn, und gleich darauf fing ich an bitterlich zu weinen.

Ich wurde wieder zusehends schlechter, so sehr hatte mir dieser schnelle Auftritt geschadet. End-[42]lich erholte sich meine gute Natur doch wieder, und ich wurde, nachdem meine Krankheit volle dreiviertel Jahr gedauert hatte, wieder gesund.

Durch die Veränderung unsrer Wohnung und unsrer übrigen Verhältnisse erfolgte auch eine in Ansehung unsrer Erziehung. Hatten wir vorher viel Willen und Freiheit gehabt, so hatten wir jetzt noch mehr, da unser Vater jetzt wegen seiner neuen Einrichtung selten um uns seyn konnte, und meine Mutter ― eine außerordentlich nachgebende gütige Frau ― die ihr größtes Vergnügen darin findet, allen Menschen zu Willen zu leben, und etwas zu ihrem Vergnügen beizutragen, versagte auch hier uns keine unsrer Bitten. ― Da wir ziemlich entfernt wohnten, so waren uns die öffentlichen Schulen ziemlich weit ― doch besuchten wir sie zuweilen ― und in dieser machten wir allerlei Bekanntschaften. Unser Obst, das wir immer mitnahmen, machte uns viel Tischfreunde. ― Einer darunter zeichnete sich vorzüglich aus, indem er unsre Freundschaft mehr als andre suchte. Er hat vielen Einfluß in mein folgendes Schicksal gehabt; deswegen muß ich ihn mit in meine Geschichte, ohne seinen Nahmen zu nennen, einführen. Ich thue dieß aus Ehrfurcht für das Amt, das er bald willens ist zu bekleiden; eigentlich verdiente er es eben nicht: denn er hat viel zu meiner Verschlimmerung beigetragen, und das aus wirklich bösem Herzen: denn er war schadenfroh, diebisch, neidisch, verläumderisch und [43]im höchsten Grad eigennützig, ob er gleich ein vortrefliches Genie und viele gute Talente hatte, die er aber immer zur Verspottung anderer anwendete. Sein Witz war unerschöpflich, immer an einer Sache eine Täuschseite zu finden, und da er von Natur beredt war, so konnte er sich in die Gemüther einschleichen, ehe man es gewahr wurde.

Es ist bei dieser Schule die Einrichtung, daß die Schüler sich des Sonntags zu einer Art Gottesdienst versammlen müssen. Wer nicht kam, mußte sich den Montag bei dem jedesmaligen Aufseher der Schule melden, und ohne zu untersuchen, ob triftige Gründe des Außenbleibens da waren oder nicht, wurde der Außengebliebne von dem damaligen Aufseher immer bestraft. ― Da es nun unsre häußlichen Einrichtungen gewissermaßen unmöglich machten, daß wir alle Sonntage diesen Gottesdienst besuchen konnten, so wartete immer ein Puckel voll Schläge auf uns. Mein Bruder, der sich mehr davor fürchtete als ich ― (weil ich das Unbesonnene dieses Verfahrens schon damals in seinem ganzen Umfange einsahe, und dieses Einsehn bewirkte bei mir eine gewisse Verachtung und Geringschätzung dieser Schläge; es gab meiner Seele einen gewissen Schwung, der mich zu gewissen Zeiten unempfindlich dagegen machte) mein Bruder also beredete mich immer des Montags an seiner Statt hinzugehen, und gleichsam auch für ihn die Strafe auszustehen. Aber ich war auch nur zu gewissen [44]Zeiten unempfindlich; je nachdem meine Seele gestimmt war. Zu einer andern Zeit wars auch mir wieder unerträglich. In einer solchen Laune beredete ich meine Mutter an einem solchen Tage mir ein Schnupftuch voll Aepfel mitzugeben, weil ichs probieren wollte, ob sich unser gestrenger Herr Aufseher bestechen ließe. Und es gelang mir. So oft ich nun ein Tuch voll Obst mitbrachte, geschahe mir nichts: bliebs aber einmahl außen, so zog sich geschwind wieder ein Ungewitter über meinem Puckel zusammen. Meine Verachtung gegen diese Schule stieg nun von Tage zu Tage, und weil ich vielen Unsinn darinn wahrnahm, so wurde sie mir bald verleidet. So wie nun die Zeit herannahete, daß das Obst alle wurde, so ging meine Noth wieder an. Ich frug meinen N*** (so will ich ihn nennen, mit welchem ich auf dieser Schule in Bekanntschaft gerathen war) um Rath, und er gab mir den Rath: ich sollte hinter der Schule weggehen. Das that ich nicht nur an diesem Tage, sondern auch öfters, und nicht selten war N*** mein Begleiter. ― Und die Folge davon war? ― die Zukunft soll es entwickeln.

Um diese Zeit fingen die Umstände meiner Eltern an schlecht zu werden. Die Ursach war: die neue Einrichtung der Königl. Accise-Verordnung. Dieser nach durfte keiner, der eine Thüre auf das Feld hatte, sie offen halten, sondern sie wurde verschlossen oder zugemauert. Und gerade dieser Fall, [45]nebst dem Verbot, Wein zu schenken, und der theure Preiß desselben waren die Ursache, daß unsre Nahrung ins Abnehmen gerathen mußte. ― Ich kann mich vieler Ursachen wegen nicht darüber bestimmter erklären, so gern ichs auch wollte ― und eile noch mehrere Ursachen von dem Verfall unsres Glücks anzugeben.

So ging es einige Zeit, bis sich die entsetzliche Theurung 1772 c dazu gesellete. Hier war mein Vater genöthiget, hintereinander zwei Capitalia, jedes von 200 Rthlr., aufzunehmen. Unser Eigenthum war baar bezahlt mit 660 Rthlr., und beinahe eben so viel hatte mein Vater daran gewendet, um es vollends auszubauen und zu seinem Zweck einzurichten. Zum Unglück hielt die Theurung sehr lange an, und da unsre Nahrung durch obigen Fall einen entsetzlichen Stoß gelitten hatte, so war auch nun mein Vater nicht einmal im Stande, die landüblichen Zinsen zu geben. Ohne daß unsre Schuldener Nachsicht mit uns in einem so entsetzlichen Zeitpunkt gehabt hätten; so forderten sie vielmehr mit der größten Härte Capital und Interessen. Nun waren in so bedrängten Zeiten die Grundstücke damals im außerordentlichem Verfall; niemand wollte etwas darauf leihen. Es kam also zum Anschlag. Nirgends fand sich ein Helfer, der sich unsrer erbarmt hätte, und bei solchen bangen Aussichten in die Zukunft war nun vollends an kein Schulgehen mehr zu gedenken. Jetzt waren [46]wir uns also die meiste Zeit selbst überlassen. ― Denken Sie sich nun diese Freiheit, diesen Müßiggang, immer noch unter der Gesellschaft unsres bösgesinnten leichtsinnigen N***, und es wäre ein Wunder, wenn es nicht für mein feuriges lebhaftes Temperament (für das Temperament meines Bruders hatte es nicht solche schädliche Folgen, denn das war schon träger, gelassener) schlimme Wirkungen gehabt hätte.

Ein halb Jahr vorher, ehe dieses sich ereignete, waren wir von dem jetzt verstorbenen Prediger S** zum Abendmahl zugelassen worden, nachdem er uns zwei Jahr dazu präparirt hatte. Ich war unter allen im Antworten der Fertigste; dieß mochte auch den guten Mann bewogen haben, mich im 13ten Jahre schon loszusprechen. Allein dieser Unterricht ist eine mit von den Ursachen meiner Gleichgültigkeit gegen gewisse Wahrheiten der Religion, die bloß das Gedächtniß, am wenigsten der Verstand gefaßt hatte. Ich war zu flüchtig, als daß seine Methode tiefen Eindruck auf mich hätte machen können; denn der gute Mann besaß die Kunst nicht: die Wahrheiten der Religion auf einer liebenswürdigen Seite meinem Herzen zu empfehlen. In der Schule hatte ich einen schlechten Grund gelegt; da hätte es nun hauptsächlich vom Prediger geschehen sollen. Und so wurde ich denn der weder kalt noch warme Christ, der bei reifern Jahren leichtsinnig genug war, sich über die göttlichen Gesetze hinwegzusetzen, zwar kein [47]Bösewicht aus Grundsätzen wurde ― denn dazu hatte ich zuviel gutes Herz ― aber doch immer ein Spiel der Leidenschaften war, die mich immer wie ein Strom mit sich fortrissen. ―

Nach vielen vergeblichen Bemühungen von Seiten meines Vaters Geld zu borgen; nach den dringendsten Vorstellungen bei seinem Bruder, der ein wohlhabender Mann ist, ihm das Geld vorzustrecken, damit er es hernach aus freier Hand hätte verkaufen können, und der es vielleicht gethan hätte, wäre seine Familie ihm nicht zuwider gewesen ― erfuhr er endlich, daß ein gewisser Kaufmann Gelder ausleihen wollte. Er ging zu ihm und besprach sich mit ihm; dieser kam und besahe es: es gefiel ihm. Kurz er versprach es meinem Vater. Noch waren drei Termine und der letzte ― der Adjudications-Termin. d Auf diesen wollte er das Geld zahlen. Zutraulich verließ sich mein Vater auf sein Wort, und schlug ein andres Anerbieten, das ihm gethan war ― zuversichtlich aus. Mein Vater machte nunmehro schon wieder Anschläge, wie er sein künftiges Hauswesen einrichten, und die unnöthigen Ausgaben einschränken wollte. Er faßte Entschließungen unsertwegen. Mein Bruder wählte, da er älter war, die Jubelierkunst, und zeigte darinnen viel Talente; ich war damals vierzehn Jahr, und noch war ich unentschlossen, auch war es immer noch nicht zu spät.

[48]

Der Tag kam, der unser Schicksal entscheiden sollte. Den Abend vorher kam der Kaufmann, und meldete meinem Vater: er könnte das Geld nicht zahlen, weil er das Geld, worauf er gerechnet hätte, nicht einbekommen. Denken Sie sich unsren Schreck, und das Entsetzliche, daß unser wartete. Diese Nacht war eine erschreckliche Nacht für uns. Unter Seufzern und Thränen und Händeringen wurde es endlich Tag. Mein Vater ging nun vor Gericht ― und durch einen gewissen Gerichts-Consulenten erstand der Kaufmann das ganze Werk für 530 Rthlr. Mein Vater protestirte und erzählte die ganze Sache ― allein man hieß ihn schweigen. Das Geld wurde gezahlt, die Creditores befriediget, und ein Ueberschuß von etlichen 30 Rthlrn. meinem Vater eingehändiget. Ein entsetzlicher Abschlag von einem Werk, das beinahe 1200 Rthlr. gekostet hatte!

Wir alle schauderten, als mein Vater zu Hause kam, und uns nun den Mann, auf den wir uns so sicher verlassen hatten, näher kennen lehrte. In der Folge sahen wir es noch besser ein: denn ein Vierteljahr darnach mußten wir heraus, und er war so hart, daß er uns nicht einmal die Obst-Erndte noch überließ, sondern sie sogleich im Ganzen für 50 Rthlr. verkaufte. ― Acht Tage nach diesem schrecklichen Tage kam ein gewisser P., der es noch nicht wußte, daß das Werk nicht mehr unser war, und bot meinem Vater 1000 Rthlr. Wie [49]sehr dieser redliche Mann erschrack, ist nicht zu beschreiben, da er erfuhr, daß wir auf eine so schändliche Art darum waren betrogen worden.

Zwar rieth dieser Mann meinem Vater den Proceß wieder unsern schleichenden Betrüger fortzusetzen; allein, theils neigt sich meines Vaters Charakter sehr zu einer gewissen Furchtsamkeit, die bei der geringsten Wiedersetzlichkeit von außen, gleich bis zur gänzlichen Muthlosigkeit herabsinkt; theils mochte der Gedanke: was richtet ein armer zu Grunde gerichteter Mann gegen einen reichen Bösewicht aus, der einige 20 000 Rthlr. zu Befehl hat ― ihn besonders abschrecken. Schade! daß es jetzt nicht hat geschehen können, bei unsrer neuen Justitz-Verfassung. Ich hätte mich zu den Füssen des Königs geworfen, und ihn um Gerechtigkeit so lange geflehet, bis er mich erhöret hätte. Und ich weiß es, daß Friedrich keineswegs einen solchen Bösewicht, der eine ganze Familie (die ihn nie beleidiget hatte, noch je was schuldig gewesen war) in die bitterste Armuth stürzte, ungestraft gelassen hätte. ―

Doch ich muß auch das nachholen, was eigentlich mich angeht. N** hatte eine Schwester, die von einem Officier geschwängert wurde. Ihr Vater wollte ihre Niederkunft in seinem Hause nicht gestatten; der Officier kam also zu meinem Vater (ein halb Jahr vorher, ehe wir gänzlich ruinirt wurden) und bat ihn, daß er sie doch einnehmen [50]möchte. Mein Vater weigerte sich aus gegründeten Ursachen lange ― allein das Königl. Gebot: solche Personen einzunehmen, und sein Mitleid, stimmten ihn bald um. Sie zog ein, und nun waren ich und N** vollends unzertrennlich. ― Die Zukunft zeigte, wie schädlich dieses für mich war. ―

Da ich nichts zu thun hatte, und meine geschäftige Seele nicht lange müßig seyn konnte, so verfiel ich aufs Lesen. Romane und Robinsonaden ― je wunderbarer, je schlüpfriger, je besser. Dadurch wurde meine Einbildungskraft mit wunderbaren und wollüstigen Bildern angefüllt. Bald suchte ich wirkliche Gegenstände, und ― die Gelegenheit hatte ich im Hause. ― Die Schwester des N** war ein junges koquettes Ding von siebzehn Jahren. Sie war eigennützig und ― spröde. Ich wurde bald heftig verliebt. Und da N** seinen Vortheil dabei hatte, und mir mein Geheimniß bald abgemerkt hatte, so wurde er mein Vertrauter. Ich fühlte durch das häufige Lesen in mir Triebe erwachen, die ich vorher nicht gekannt hatte, und selbst da, wo die Beziehung nur entfernt war, zauberte sich meine schöpfrische Phantasie Wirklichkeiten hin. Da ich wirklich wollüstige Absichten auf N** Schwester hatte, so suchte ich zu meinem Zweck zu gelangen. Aber wie sollte ichs machen? Ich hätte ihr gerne was geschenkt, und hatte doch nichts, und auf andere Art wuste ich nicht [51]mein Ziel zu erreichen. Ich klagte ihrem Bruder das, was mich drückte. Er wußte bald Rath, denn er rieth mir, etwas von meiner Eltern Sachen, die sie nicht sogleich wüßten, zu verkaufen. Mein Vater hatte ziemlich gute Bücher, und über diese geriethen wir. Er verkaufte sie; brachte mir dafür was er wollte, und ― für das übrige kauften wir einige Galanterien, und was übrig blieb, wurde vernascht.

N** Schwester nahm immer ohne zu fragen: woher? und nach drei ganzen Jahren, nachdem man mich zu vielen Diebstählen an meinen armen Eltern verleitet hatte ― war ich immer noch weit vom Ziel entfernt. ― Dieß zog eine andre schlimme Folge nach sich: ich fing an die Selbstbefleckung zu treiben: denn meine Triebe verlangten Befriedigung, weil sie durch den Widerstand desto stärker wurden. ―

Mein Vater kam am Ende hinter meine Streiche, und zwang mich durch harte Mittel das Haus zu meiden, das ihm so viel gekostet hatte. ― Und doch bin ich nicht der Einzige, mit welchem sie so gespielt hat. Den Sohn eines ― hat sie durch ähnliche Streiche so weit gebracht, daß ihn sein Vater fortjagte und ― enterbte.

Die Bekanntschaft mit der Schwester war zwar nun aufgehoben, allein mit dem Bruder dauerte sie noch. So lange er etwas bei mir merkte, verließ er mich nicht. Er kannte meine Triebe und lenkte sie bald durch seine Vermittelung auf ei-[52]nen andern Gegenstand. Es war ein gemeines Gassenmädchen, und wir hielten sie uns gemeinschaftlich ― natürlich immer noch auf meine Kosten, bis alle Quellen erschöpft waren. Sobald N** das merkte, fing er mich an zu meiden und sich andre Bekanntschaften zu suchen. Begegnete ich ihm dann, so that er als kennete er mich nicht; sprach von mir das allerschimpflichste; spottete öffentlich über mein Gebrechen, und wurde nun mein offenbarer Feind. ―

Er frequentirte immer noch die Schule, und ging endlich auch ab. Ich hingegen war immer noch der Elende, der mit genauer Noth schreiben konnte. Die Noth meiner Eltern fing nun an sehr groß zu werden. Ohne Einnahme mußten sie alles verkaufen, was sie hatten, um sich das Leben zu fristen. Mein Bruder, der nun bald ausgelernt hatte, trug einen tiefen Gram über den schlechten Zustand seiner Eltern bei sich herum. Auf mich machte es nur so lange Eindruck, als ich zu Hause war, und das Elend sahe; ich war zu flüchtig, um mich darüber sehr zu betrüben. Meines Bruders Charakter neigte sich zu einer stillen Melancholie, die nur zu weit in die Zukunft sahe. Da er gar keine Aussichten zu einiger Unterstützung weder für sich noch für seine Eltern voraussahe, so setzte sich dieser Gram immer fester und nagte so lange an seinem Herzen, bis er im 18ten Jahre ein Opfer desselben wurde. Er hatte ein sehr gutes Herz, war [53]sparsam, mäßig und arbeitsam, auf ihn hatte also die fehlerhafte Erziehung nicht die schlimme Wirkung gehabt, als auf mich ― und doch war sie dieselbe; derselbe Umgang. ― Kommt nicht erstaunend viel darauf an, aus welchem Zeuge der Mensch gebildet ist? Und wird dies angebohren? Wahrscheinlich! also ist mir ja auch nicht so viel zuzurechnen: denn das ich just so ein Temperament, solch Blut erhielt; hab' ich dazu durch meine freien Handlungen etwas beigetragen? Diese Gedanken hatten sich in einigen Jahren ziemlich bei mir festgesetzt, und wurden die Quelle, woraus ich Entschuldigung für manchen Fehltritt ― und Nahrung für meinen Leichtsinn schöpfte. ―

Ich beschloß mich nun zu etwas zu entschließen, da es nirgends mehr mit mir fort wollte. Ein Handwerk zu lernen ― ich ging sie alle nach der Reihe durch ― zu keinem hatte ich innern Trieb. Ich habe mir diesen Widerwillen gegen alles, was dem Menschen mechanisch wird ― immer nicht recht zu erklären gewußt. War mir die Beschäftigung zu einfach? Das ewige Einerlei der mehresten Handwerker zu ermüdend? Oder war es Stolz; oder vielmehr ein unbekannter vielleicht noch unentwickelter Trieb zu höhern Beschäftigungen des Geistes? Wahrscheinlich ist mir das letzte in der Zukunft geworden ― ob ich gleich es nicht gewiß behaupten kann. Indessen legten es meine Anverwandte für wirklichen Stolz aus. Diesem wahren und auch nicht [54]wahren Urtheil zu entgehen, und weil es doch auch nun Zeit war, einen gewissen Stand zu wählen, wählte ich die Chirurgie. Vermuthlich, weil dieser Stand in seiner eigentlichen Bedeutung ― weniger ermüdend zu seyn schien, und, weil ich vielleicht in meinen Robinsonaden gelesen hatte, daß ein Schifschirurgus sein Glück machen könnte. Mein Ziel war also zur See zu gehen. Ich kam acht Tage auf die Probe. Mein Gesicht wurde probiert ― und für gut befunden ― weil ich im Stande bin, die Gegenstände in der Entfernung einer halben Stunde nicht bloß klar, sondern auch deutlich anzugeben. ― Es war an dem, daß ich aufgedungen werden sollte; als ein andrer kam und mich ausstach.

Damals murrte ich zum erstenmahl wider Gott, daß er mir ein körperlich Leiden aufgelegt hatte, welches jetzt zum Vorwande dienen mußte, daß ich nicht angenommen werden konnte. Allein nachher erfuhr ich, daß bloß das daran schuld gewesen war, daß ich kein Lehrgeld geben konnte. Hier war denn also der erste Strich durch meine Rechnung gemacht, und ich wußte nicht, was ich anfangen sollte.

Nach vielem Hin- und Hersinnen wünschte ich irgendwo Schreiber werden zu können. Aber meine Hand war schlecht; wer konnte mich brauchen, da ich nicht einmahl Rechtschreibung verstand? Ich fing an mich zu üben; las Bücher und bemerkte [55]darinnen, was groß und klein geschrieben wurde. Daraus schloß ich: alles was groß gedruckt sei, sei ein Stammwort; die übrigen ließen sich von jenen herleiten; müßten also klein geschrieben werden. Ich bemerkte, daß allemal nach einem Punktum ein großer Buchstabe folgte. Die mehresten Schwierigkeiten machten die Zeichen ? ! ; : , doch lernte ich ihren Gebrauch eher, als ich ihren Nahmen kannte. Ich fing an mich im Briefschreiben zu üben. Doch ich merkte bald selbst, daß es mir an Ausdruck fehlte. Mein gesundes, richtiges Gefühl sagte mir immer selbst, ohne daß ich mir die eigentliche Ursach anzugeben wußte: dieses sei schlecht; jenes leidlich. Die Eigenliebe in diesem Fall ist nie mein Fehler gewesen. Und da ich meine Schwäche kannte und mich oft vor mir selbst schämte, so wurde dieß ein Sporn, mich zu vervollkommnen. Ich lieh mir vom Antiquar Bücher. Die Kosten bestritt ich von dem, was ich mir zurückbehielt, wenn ich was für meine Eltern verkaufen mußte. ― Allein, ich las bloß Romane, die wunderbar waren. Freilich mitunter auch manche gute. Allein, da ich keine Auswahl kannte, so hatte es immer Schaden für mein Herz, ob ich gleich mehr Sachkenntniß bekam.

Um diese Zeit zog ein Student, ich will ihn S** nennen, in das Haus, wo wir wohnten. Ein Mensch von den herrlichsten Talenten, sehr guten und oft großmüthigen Herzen; aber äußerst [56]leichtsinnig, verschwendrisch und stolz. Wir wurden bald gute Freunde. Er war einiger Streiche wegen von der H. Schule weggejagt worden, und kam ohne Wissen seines Vaters auf die Universität. Ein ganzes Jahr hatte er schon das äußerste Elend erlitten, bis sich sein Vater über ihn erbarmte und ihm einiges Geld schickte. Allein, das war zu wenig für einen bis zur Verschwendung freigebigen Menschen. Da er aber überall sich beliebt zu machen wußte, so borgte ihm jedermann, und er nahm es, ohne zu wissen, wovon er bezahlen sollte.

Da meine Hand jetzt etwas leidlich wurde, so verschafte mir S** einige Collegia abzuschreiben. Er theilte immer sein weniges, was er hatte, so oft er sahe, daß ich Mangel litt, gern und willig mit mir. So vergingen einige Jahre unter mancherlei Abwechselungen, unter Kummer und Sorgen, und unter allem, was die Armuth Schreckliches in ihrem Gefolge hat.

Nach Verlauf von dritthalb Jahren hatte S** 100 Rthlr. Schulden, und ― keine Hofnung, sie je bezahlen zu können. Er wollte eben H** verlassen, als er plötzlich Nachricht von seinem Vater erhielt, daß er sich wieder verheirathet hätte, und daß seine zukünftige Mutter seine Schulden bezahlen wollte. Mit Entzücken denke ich mir auch noch jetzt seine Freude, da er nun bezahlen konnte. Sein Herz war immer weit vom Betrug entfernt, so leichtsinnig er auch Schulden machte. Dieß hat [57]er noch vor einigen Jahren bewiesen, da er noch zwanzig Rthlr., die seine Mutter nicht bezahlt hatte, nebst der Interesse ersetzte. ― Er ging nach Hause, und da er gut französisch sprach und ziemliche Fertigkeit auf dem Clavier hatte, so kriegte er bald Condition, und jetzt ist er mit einem gewissen Großen auf Reisen.

Er hat viel zur Bildung meines Verstandes beigetragen, doch habe ich ihm auch einige Zweifel in Absicht der Religion zu danken. ― Er hatte in allen nur fünfviertel Jahr Collegia besucht; die mehresten hab' ich ihm abgeschrieben und nachgeschickt. Jetzt ist er schon examinirt, und auf ihn wartet eine der besten Pfarren, sobald seine Reisen geendiget sind.

Durch ihn bekam mein Geschmack in der Wahl der Bücher eine andre Wendung. Vorher hatte ich nur Romane gelesen, und Reflexion und Moral immer überschlagen, weil mich nur das Historische vergnügte. Allein auf einmal bekam ich Geschmack daran. Die Elogen, die S** oft meinem natürlich guten Verstande machte, mochten wohl Eindruck auf mich gemacht und meinen Ehrgeitz angefacht haben. Da ich vorher nur flüchtig über alles, was Nachdenken verursachte, hinweggeschlüpft war, so bedurfte es just einer solchen Erschütterung, um mich darauf aufmerksam zu machen. Und meiner richtig gestimmten Seele konnte das wahre Schöne nicht lange fremd bleiben. Vor-[58]her mochte die Schreibart so elend sein als sie wollte, jetzt fing sie mir an zum Eckel zu werden. Ich verlangte nun Schönheit im Ausdruck, ob ich gleich mir keine Rechenschaft geben konnte: warum mir etwas gefiel oder nicht gefiel? ― Da ich aber keinen Wegweiser mehr hatte, so verfiel ich aufs Schwülstige, Erhabene. Daran hatte ich lange Geschmack, und meine Briefe, die ich an meinen Freund schrieb, sind die redenden Beweise davon: denn sie sind voll von entlehnten hohen und erhabnen Phrasen, die oft der Sache gar nicht angemessen waren.

Endlich sahe sich meine nun angefachte Wißbegierde nach mehrern Gegenständen um. Ich hatte durch das Collegien-Schreiben manches behalten, manches durchdacht; es waren in denselben viel theologische Bücher citirt, auf die ich aufmerksam gemacht wurde. Hier und da erwischte ich denn manches, allein ich las sie mit mehr Schaden als Nutzen. Weil mir zu viel Vorerkenntnisse fehlten, und ich daher das Ganze nicht überschauen konnte, so konnte es nicht fehlen: ich mußte irren und in mancherlei Zweifel verfallen; zum Unglück mußten immer meine Zweifel auf gewisse moralische Wahrheiten Einfluß haben, deren Gewißheit dadurch erschüttert wurde, und da ich von Natur leichtsinnig bin, so hatte es für meine Sitten die schlimmsten Folgen.

Mein Herz war damals weder gut noch böse. Oft regten sich zwar in mir gewisse Triebe, allein, [59]da es mir an Gelegenheit fehlte, so war mein Leben ziemlich einförmig. Ich hatte auch zu viel mit meiner Armuth und Bedürfnissen zu kämpfen, daß ich daher selten daran dachte. Dabei las ich viel, und da ich ― so flüchtig ich auch bin ― mit ganzer Seele beim Lesen bin, sobald mich der Gegenstand nur interessirt, so war meine Seele immer zufrieden, und ich habe bemerkt, daß ich nur dann am ersten mich verirrte, sobald ich geschäftloß war.

Jetzt hatte ich in langer Zeit nichts mehr zu schreiben gehabt, und die Noth und der Mangel drängten sich wieder von allen Seiten herein. Wir hatten oft in zwei Tagen kein Brod. Ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte. Ich sann auf Mittel, meiner Noth ein Ende zu machen, und doch wußte ich nicht, wie? Endlich entschloß ich mich, Schulhalter zu werden. Ich entdeckte mich Herrn P** und dieser wirkte mir die Erlaubniß aus. Im Anfang ging es recht gut; ich hatte den Winter durch über vierzig Kinder. Zwei Monathe lang bekam ich mein Geld so ziemlich richtig, so, daß ich ungefähr wöchentlich 1 Rthlr. einnahm. Davon mußte ich aber wöchentlich 6 Gr. für die Stube geben, die ich gemiethet hatte. Von achtzehn Groschen sollten nun drei Personen leben; ich sollte mich kleiden. Den ganzen Tag mußte ich darauf wenden; nebenbei konnte ich nichts verdienen. Und wenn die Stunden vorbei waren, war ich müd' und verdrossen. Zwei, höchstens drei Tage hatte [60]ich was zu essen; die andern Tage sollte ich mit nüchtern Magen unterrichten. Dazu kam noch mancher Verdruß von Seiten der Eltern. Bald war ich ihnen zu strenge, bald zu gelinde. Nach Verlauf dieser zwei Monat fingen sie auch an das Schulgeld schuldig zu bleiben, mahnte ich sie, so wurden sie grob und ― schickten sie nicht wieder. Die Anzahl wurde immer kleiner, und um Fastnacht, so wie anfing gut Wetter zu werden, brauchten viele Eltern ihre Kinder zu Hause und auf dem Felde, und ich hatte kaum noch achtzehn. Nun überstieg bereits der Stubenzins die Einnahme. Ich mußte Schulden machen, ich mochte es anfangen, wie ich wollte. Wahr ist es zwar, daß ich allein wohl gesehen hätte, wie ich mich hätte hingebracht; allein wie konnte ich meine arme hülflose Eltern, denen ich das ihrige auch mit aufgezehrt hatte, verlassen? Mein Kummer war damals sehr groß, und der Gedanke: was nun meine Bekannte sagen würden, wenn ich nun wieder ohne Beschäftigung herumgehen würde, nagte unaufhörlich an meinem Herzen. Ich verbarg oft den Kummer vor meinen Eltern, aber die verborgne Kammer und das weite Feld ist oft Zeuge meiner geheimen Thränen gewesen, die ich im Drange der äußersten Noth weinte.

Ohne Hülfe, ohne Aussichten nach einer glücklichen Zukunft, ohne einen Freund, vor welchem ich mein Herz ausschütten konte, ging ich eines [61]Abends in der Stadt ganz traurig und niedergeschlagen spazieren. (Ich habe vergessen zu sagen, daß der niederträchtige N*** meine Freundschaft wieder gesucht hatte, sobald er wieder sahe, daß ich einige Einnahme hatte ― Ich, der ich gern und willig verzeihen kann, hatte mir seine Besuche wieder gefallen lassen ― denn nur in dem Augenblick der Beleidigung bin ich fähig, mich zu rächen, allein, sobald zwei bis drei Tage verflossen sind, so ist der Eindruck nicht mehr derselbe; ich fange an zu entschuldigen ― und vielleicht vergeben die mehresten Menschen mehr aus Temperament, als aus Pflicht. Ich wenigstens habe die Bemerkung gemacht, daß leichtsinnige Temperamenter am ersten zur Verzeihung bereit sind.) Eines Abends also, da ich so spazieren ging, stieß er mir auf, da er mir entgegen kam. Ich fragte ihn: wo er hinwollte? und er antwortete mir: spazieren! Er frug mich, warum ich niedergeschlagen schien? und ich entschuldigte mich: es wäre mir nicht wohl, darum machte ich mir eine kleine Motion: denn Vertrauen hatte ich zu ihm nicht, weil ich sein Herz kannte. »So wollen wir miteinander gehen!« sagte er, und ich ließ mirs gefallen. Wir waren kaum einige Häuser weiter gekommen, als mich auf einmal ein Schmerz in meinem Leibe überfiel, daß ich genöthiget ward, mich auf die Treppe eines Hauses niederzusetzen. N*** stand bei mir. So eben ging ein Frauenzimmer vorüber, welche wir im [62]Gesicht nicht gut unterscheiden konnten, die aber von hinten eine wirkliche Schönheit vermuthen ließ. N** hatte sie kaum erblickt, als er auf sie zueilte. Ich blieb sitzen. Nach einer Weile hörten meine Schmerzen auf, aber ich hatte keine Lust, ihm nachzugehen. Nach einer kleinen Weile kam er wieder und hatte das Mädchen an der Hand. Sie weinte, und mir fiel das auf. Ich frug nach der Ursach, und N*** sagte: wenn Du das wüßtest; das gute Mädchen hab' ich verkannt. Ich wurde immer neugieriger, und das Mädchen weinte fort. Endlich bat ich sie, uns ihr Unglück und die Ursach ihrer Thränen zu entdecken. Sie weigerte sich lange; endlich gab sie nach. Sie gab sich für eine Predigerstochter bei St** aus. Ihr Vater und Mutter sei ihr zeitig abgestorben, und sie wäre dann unter die Aufsicht einer Großmutter mütterlicher Seits gekommen, die aus Alter sich nicht viel um sie hätte bekümmern können. Sie sei daher in liederliche Gesellschaft gerathen; unter andern hätte ihr ein gewisses Mädchen immer sehr viel von Leipzig vorgeschwazt ― daß sie sich endlich von ihr hätte bereden lassen, ihre Großmutter zu bestehlen, und mit ihr fortzugehen. Sie wären bis nach H** gekommen, da hätte sie ihre Reisegefährtin bestohlen, ihr alle Kleider und Geld mitgenommen, und sie ― verlassen. Im Wirthshaus sei sie einige Thaler schuldig gewesen, und da sie von nichts hätte bezahlen können, so hätte ihr der Wirth den [63]Rath gegeben, zu einer gewissen Kuplerin zu gehen ― dieß hätte sie aus Noth gethan, und ― ein gewisser H** hätte sie also ausgelößt. ― Darauf sei sie nach Leipzig gegangen, wo sie sich hätte vermiethen wollen; sie sei aber ― in ein Bordell gerathen. Da sei sie bald angesteckt worden und ins Lazareth gekommen. Sie sei aber, da ihre Krankheit noch nicht viel zu bedeuten gehabt, glücklich kurirt worden, und wäre nun hieher gekommen, um auf eine ehrlichere Art ihr Unterkommen zu finden. Jetzt hielte sie sich bei einem gewissen Wollwirker auf; und sei nun erst seit acht Tagen hier. Sie äußerte zugleich den Wunsch: wieder zu ihrer Großmutter zurückzukehren.

Diese ganze Erzehlung kam mir im Anfange ziemlich romanhaft vor. Allein in der Folge lernte ich einen Landsmann von ihr kennen, der ihre ganze Herkunft genau kannte, und ihre Erzehlung stimmte mit dessen Aussage ziemlich überein. ― Wiewohl ich auch eigentlich nicht an der übrigen Erzehlung zweifelte, sondern nur an ihrer Herkunft. Man denke sich nun ein Mädchen sehr gut gebauet; in ihrer Miene noch unverkennbare Spuren noch nicht ganz verlorner Unschuld ― Thränen in einem sehr sanften blauen Auge; dann meine damalige Gemüthsstimmung, die selbst so tief fühlte, was Leiden und Verlassung von allen Lebendigen war. Dann mein ohnedem mitleidiges Herz. Man rechne noch dazu meine romantische Begriffe, herz-[64]liche Ergreifung und Durst nach solchen Abentheuern ― und man wird sich nicht mehr wundern, wenn ich sage, daß mein Mitleid sich bald in Liebe verwandelte ― und für sie thätig werden zu können wünschte.

Das erste, was mir einfiel, war: ich wollte an ihre Großmutter einen rührenden Brief schreiben, und sie darinn bitten, Carolinen (so hieß sie) wieder anzunehmen. Ich entdeckte diesen Gedanken N**, und er hatte seinen ganzen Beifall. Wir arbeiteten gemeinschaftlich an den Briefen, und wir schrieben drei hintereinander ohne Antwort zu erhalten; das erschütterte sie tief. Wir besuchten sie gewöhnlich alle Abende; allein nach und nach wurde mir N**s Gegenwart lästig. Ich fühlte eifersüchtige Regungen auf die heftigste Art. Und ob sie mir gleich mit ganz vorzüglicher Achtung begegnete, so konnte ich doch nicht umhin, ihr oft merken zu lassen, daß ich N** fürchtete. Meine Eifersucht floß einmal aus einem gewissen Vorurtheil, welches ich, ich weiß nicht wo, aufgeschnapt hatte, daß ein Frauenzimmer, die einmal in den Geheimnissen der Liebe eingeweihet sei; einmal ihre Süßigkeiten gekostet habe ― auf ihr ganzes künftiges Leben nun nicht mehr im Stande sei, ihren Lockungen zu wiederstehen (ich mochte vermuthlich da von mir auf andre schließen) und das andremal floß sie aus einem gewissen Stolz: (beinahe die gewöhnlichste Quelle der Eifersucht) der sich gekränkt [65]fühlte, wenn ihn ein Mensch von N**s Charakter vorgezogen werden sollte. Es mochte auch eine vormalige unangenehme Empfindung, die mir sein schlechtes Betragen ehemals gegen mich verursachet hatte, wieder in ihrer ganzen Stärke erwachen, daraus konnte wohl eine gewisse Mißgunst fließen, die ihm das nicht gönnte, was ich eigentlich zu besitzen wünschte; dazu mochte auch wohl ein kleiner Trieb, sich rächen zu können, gekommen seyn, wozu ich um so mehr Recht zu haben glaubte, weil ich ihm einen großen Theil meines Unglücks zu danken hatte. Nie hatte sich die Begierde zu rächen, stärker bei mir geregt, und nie ist sie anhaltender gewesen. Ich habe das in der Folge, nachdem ich mich gewöhnte, oft über mich nachzudenken, deutlich bemerkt.

Die Liebe verursachte jetzt eine ganz besondre Aenderung meines Charakters. Ich war sonst nie sehr fürs Empfindsame gewesen, ob ich gleich deswegen nicht gleichgültig war. Empfindsame Schriften waren mir immer in gewisser Absicht eckelhaft. Denn ich fands in der wirklichen Welt nicht so. Allein, sobald ich verliebt war, bekam ich Geschmack daran, und meine Einbildungskraft wußte bald das Unwahrscheinliche hinwegzuzaubern. Vorher prüfte mein Verstand ― jetzt meine Phantasie. Schienen mir sonst dergleichen Begebenheiten romantisch; so hatte ich jetzt schon eine eigne solche Erfahrung und diese ― diente mir als ein Beitrag [66]aus der Geschichte der würklichen Welt. Ich wurde nun mit ganzer Seele empfindsam. Meine unglücklichen Verhältnisse schienen mir ein Recht zu geben, auf die Verhältnisse der Welt zu schimpfen. Ich ahmte den Helden meiner Romane nach. Ich wollte mich in meine Tugend hüllen, und ― doch meine Geliebte sollte ähnliche Grundsätze mit mir hegen. Ich fing an zu reformiren, entdeckte ihr ihre Fehler, empfahl ihr die Tugend und mein ― Beispiel. ― Berichtigte ihre Religionskenntnisse, schrieb Briefe über Briefe, die voll von Moral, von Beßrung des Herzens und der zukünftigen Welt waren, und in währender Zeit, da meine Hand das alles aufs Papier niederschrieb, fühlte ich, daß mein Herz ― mir oft widersprach. ―

N***, der sehr scharfsichtig ist, entdeckte bald die Harmonie unsrer Herzen. Auch er wurde eifersüchtig; seine häufigen spöttischen Anspielungen gaben mirs zu verstehen. Seine Neigung brach bald aus ― bei mir versteckte sich eben derselbe Trieb unter Empfindsamkeit, Scheintugend und Reformirsucht. Alle diese Dinge legten mir einen gewissen Zwang auf. N*** hatte zwar auch im Anfange mit in denselben Ton gestimmt; allein nicht aus kalter Ueberlegung ― es war bloß Ueberraschung und um nicht schlechter zu scheinen als ich; die Folge bewieß dieß. Eines Tages, da ich sie wegen nöthiger Beschäftigungen nicht besuchen konnte, und N*** dieses wußte, so hatte er die [67]Gelegenheit nicht aus den Händen gelassen, sich seiner Last, die sein Herz drückte, zu entledigen, und war Abends zu ihr gegangen. Wohlstands wegen konnte sie ihn schon nicht meiden ― denn ob sie ihm schon einige Verbindlichkeiten schuldig war (denn er hatte ihr, obgleich mit vielem Geräusch einige Wohlthaten erzeigt) so stimmte ihr Herz doch nicht mit dem seinigen zusammen. Kaum war er also gekommen, als er schon ihr seine stürmischen Begierden zu erkennen gab. Sie wieß ihn mit den Worten ab: »ob das mit seinen guten Lehren übereinstimmte, die er ihr gegeben hätte, künftig ihr Leben zu bessern?« Dieß ärgerte ihn, und er warf ihr vor, daß er so vielen und noch mehreren Antheil an ihr hätte als ich ― (Wie eigennützig!) »Aber ihr Freund verlangt so etwas nicht;« antwortete sie ihm, und kurz darauf war er fortgegangen und hatte geschworen nicht wieder zu kommen.

Ich erfuhr des andern Tages gleich den ganzen Vorfall. Sie erzählte mir ihn mit Thränen. Ich kannte sein schlechtes rachgieriges Herz und ― meine Lage war schlimm. Er konnte, so unschuldig mein Umgang damals noch war, ihn doch ins häßlichste Licht stellen. Es vergingen acht bis vierzehn Tage, er ließ sich nicht sehen und nicht hören. Ich hing nun mit Leib und Seele an meiner neuen Liebe. Sobald meine Stunden mit meinen wenigen Kindern vorbei waren, ging ich zu ihr. Wir liebten uns zärtlich; denn unsre Gemüther stimm-[68]ten zusammen. Ihr Herz war sehr gut, nur ein wenig zu eitel. Es fehlte ihr überhaupt an Bildung, und hätte sie eine gute Erziehung gehabt, so hätte sie eine ganz gute Gattin und eine noch beßre Mutter abgegeben; denn sie hatte alles das Sanfte, Gefällige, Duldende, was den Charakter einer guten Mutter ― dazu noch gerechnet ihre zärtliche Kinderliebe ― ausmacht.

Ich gestehe es gern, daß dazumal meine Absichten ganz auf sie und ihren völligen Besitz gingen. Ich hätte sie geheirathet, hätte ich hinlänglich Brodt, keine Eltern und weiter nichts zu bedenken gehabt. Ihr Fehltritt war ihr von mir längst verziehen; und nie würde ich denselben gerügt haben. Allein keine Aussichten anderwärts mein Brodt zu finden; in einer so kritischen Lage mit meinem angefangenen und auch wieder mißlungenen Werk ― sahe ich die Unmöglichkeit meines Verlangens wohl ein. Dazu kam noch die üble Nachrede ― ein solches Mädchen zu meiner Gattin gewählt zu haben; wenn auch sonst die Umstände die vortheilhaftesten in meiner Vaterstadt gewesen wären. Ihr schöner, wohlgebauter Körper mußte natürlich oft den Wunsch ihres ganzen Besitzes in mir rege machen, und diese Wünsche wurden oft so heftig, daß sie nicht selten in Murren und Wuth ausbrachen. So verging der Sommer unter Kummer, Sorgen und Berathschlagen, und unter den heftigsten Anfällen von Liebe, die nun [69]schon anfing körperlich zu werden. Meinen Unterricht hatte ich schon aufheben müssen, denn die Kinder blieben alle zu Hause. Ich sahe mich daher genöthiget, alles zu verkaufen um den noch schuldigen Miethzins bezahlen zu können, und um Johanni zog ich wieder zu meinen Eltern. Vier volle Wochen ging ich wie tiefsinnig herum, denn meine Leiden waren jetzt doppelt. ― Und nur der Abend heiterte mich ein wenig auf, wenn ich meinen Kummer (ich hatte weiter keinen Freund) an ihrem freundschaftlichen Herzen ausweinen konnte. Ein Kuß, ein Händedruck war alles, was ich verlangte und sie verstattete. Aber bald fing (ohngeachtet aller meiner Sorgen) mein verwöhntes Herz an, ein gewisses Leere zu bemerken. Anstatt, daß meine Noth meine Triebe hinunter hätte stimmen sollen, stimmte sie sie vielmehr hinauf ― und vielleicht mochte eine gewisse Gleichgültigkeit gegen alles, der Gedanke: du hast nun nichts mehr zu fürchten, und mein gewöhnlicher Leichtsinn vieles dazu beitragen, mich nun auf alle nur mögliche Art zu vergnügen, da ich mein Loos ohnedem für das allerunglücklichste Menschenloos ansahe. Die sanften Berührungen ihrer Hände, ihres Mundes wurden nach und nach elektrische Funken, die mein ganzes Blut in Wallung setzten. Das Enthusiastische unsrer Liebe fing an abzunehmen; meine Reformirsucht fing an zu erkalten ― und nicht selten erschien sie mir jetzt schon in einem komischen Lichte. ― Vielleicht mochte [70]sie selbst schon ähnliche Regungen gefühlt haben, denn wie ist es möglich, daß ein junges, wieder zur völligen Gesundheit gelangtes Mädchen, die schon oft das Ziel der Liebe (ein Ausdruck, der sich eigentlich für ein feiles Mädchen, die sie doch gewesen war, nicht schickt) nun auf einmal ganz und gar enthaltsam geworden sey. »Es ist in dem Wesen der Liebe, sagt Wieland, so lange zuzunehmen, bis sie das Ziel erreicht hat, wo die Natur sie zu erwarten scheint.« Eine Bemerkung, die ich selbst durch meine Geschichte bestätiget habe.

An einem schönen Abend im August zog sich bald ein fürchterlich Gewitter zusammen. Wir gingen, wie gewöhnlich, auf dem Felde spazieren. Kaum erreichten wir ihre Wohnung, als das Gewitter sich näher zusammenzog und entsetzlich zu wüthen anfing. Der Regen und Sturmwind dauerte bis zwölf Uhr. Ich konnte nun unmöglich nach Hause gehen: denn sowohl die Thore als mein Haus waren verschlossen. Ich entschloß mich, da zu bleiben, und wir wurden einig, die ganze Nacht zu wachen. Um ein Uhr klärte sich der Himmel auf, und es wurde schön Wetter. Alles schlief nun ― nur wir allein wachten. Die Stille der Nacht ― der erquickende kühlende Geruch nach dem Gewitter ― allein, ohne Zeugen, ohne Beschäftigung (denn die Quellen, woraus wir sonst schöpf-[71]ten, waren erschöpft). ― Erlauben Sie mir hier abzubrechen.

Indessen muß ich zu meiner Rechtfertigung sagen, daß ich nie den Vorsatz gefaßt hatte, es ihr wirklich anzutragen. Denn davon hielt mich eines Theils eine gewisse Ehrerbietung für diejenigen Wahrheiten, die ich ihr gelehrt hatte, theils auch eine innre Schaam ab. (Denn ich habe das immer für sehr schimpflich gehalten, sich den Leuten auf zwei Seiten zu zeigen.) Und das mußte ich doch thun, wenn ichs ihr antrug. Dazu konnte ich mich aber, aller meiner stürmischen Begierden ungeachtet, keinesweges entschließen, und gewiß wäre es nie geschehen, hätte der Zufall nicht die Umstände so verkettet, daß es hier erst keiner langen Erklärung bedurfte. ―

Aus diesem werden Sie nun glauben, wenn ich Ihnen sage, wie schrecklich mir der Morgen war, wo sich Aug' und Auge sehen sollte. Beschämt hob sie ihr blaues Aug' empor, und weinte. Ich war in einer unbeschreiblichen Verwirrung. Auf einmal entstand in meiner Seele eine so außerordentliche Gleichgültigkeit gegen die Unglückliche, daß ich wie bezaubert da stand und nicht wußte, was ich von mir denken sollte. Kalt und traurig schlich ich mich fort, und ― sahe sie nie wieder. Ich konnte es nicht über mich vermögen, ihr wieder unter die Augen zu treten. War es Schaam, [72]war es ein Rest von Tugend? Nein! diese Härte konnte keine Tugend sein. Auch kam sie nicht unmittelbar aus dem Herzen ― denn mein Herz ist nicht hart, das bleibt mir das sonderbarste Ding in meinem ganzen Leben, worüber ich mir in der Folgezeit sehr oft den Kopf zerbrochen habe.

Und die Folge für die arme Unglückliche war? eine traurige. Aus Verzweiflung über meine Treulosigkeit ergab sie sich einem liederlichen Handwerksburschen, mit dem sie endlich fortging, und vielleicht ― jetzt noch tiefer gesunken ist. Ich habe nie wieder etwas von ihrem Schicksal erfahren.

Und mein Feind N***, der sich nicht wieder hatte sehen lassen, erfuhr's aus ihrem eignen Munde, und frolockend breitete er meine ganze Geschichte aus. Doch lassen Sie mich abbrechen. Wenn Reue, wenn Thränen genug sind, meine Sünde wieder gut zu machen; o so kann ich auf Vergebung Rechnung machen; denn mancher Morgen fand mich ohne Schlaf und mit thränenvollen Augen.

(Der Beschluß künftig.)

Erläuterungen:

a: Dieser Aufsatz bildete den Keim für eine ausführliche Autobiographie, . In der Vorrede begründete Probst die spätere, ausführliche Veröffentlichung durch den Wunsch die Lücken auszufüllen, die im Aufsatz blieben, weil er seine Identität geheim halten wollte, die aber zu "manchen harten und beugenden Vermuthungen Anlaß gegeben" hätten, die sein "häusliches Glück" getrübt habe (S. XVI).

b: Die Pocken oder Blattern gehörten zu den großen Seuchen des 18. Jh.

c: Der siebenjährige Krieg hinterließ eine wirtschaftliche Katastrophe. 1772 führten die hohen Getreidepreise zu großem Hungersnot in Preußen.

d: Adjudikationstermin: gerichtlich anberaumter Termin nach einer Versteigerung, an dem die richterliche Zuerkennung, der Zuschlag erfolgt. GWb Bd. 1, Sp. 267.

[73]

Zur Seelennaturkunde.

I.

Fortsetzung des Schreibens von Herrn Abbé L'Epee an Herrn Direktor Heinicke.

l'Epée, Charles Michel de

Sie sagen, die Wörter, sie möchten nun gedruckt oder geschrieben seyn, sehen aus, wie eine Reihe von Fliegen und Spinnenfüssen; sie haben keine eigentliche Figur oder Gestalt, welche sich die abwesende Einbildungskraft vorstellen könne; ja man könne kaum einen Buchstaben von dem andern, geschweige denn ein ganzes Wort, im Gedächtniß unterscheiden.

Z.B. führen Sie das Wort Paris an, und sagen, das man sich dieß Wort, so wie es geschrieben ist, lange nicht so deutlich vorstellen könne, als wenn man es aussprechen hört.

Sie scheinen also die bewunderungswürdige Erfindung der Buchstaben ziemlich gering zu schätzen, indem sie dieselben mit Fliegen und Spinnenfüßen vergleichen.*) 1

[74]

Sie behaupten also, aber Sie beweisen nicht, daß die Gestalt eines jeden Buchstaben nicht ausgezeichnet genug sey, um den einen nicht mit dem andern zu verwechseln.

Ich rufe die Taubstummen selbst gegen Sie zu Zeugen auf, deren die meisten vom ersten Tage ihres Unterrichts an schon eine so lebhafte Idee von der Gestalt der Buchstaben erhalten haben, daß sie nach weggenommner alphabetischen Tafel, auf Befragen die einzelnen Buchstaben durch das Fingeralphabet wieder hersagen können. Indem sie z.B. den Daumen und kleinen Finger herunter und die drei mittelsten Finger in die Höhe halten, bezeichnen sie den Buchstaben m, dessen Figur sie sehr deutlich ausdrücken, indem sie auch noch den Zeigefinger herunterhalten, bezeichnen sie n; durch den Daumen und Zeigefinger in Form eines Cirkels zusammengehalten wird o bezeichnet u.s.w. Ihr angeführtes Wort Paris würden sie auf die Weise mit Kreide oder mit den Fingern sehr bald wieder darzustellen wissen, wenn es ausgelöscht wäre.

Sie belieben noch zu erwägen, daß die großen Buchstaben, wie man sie zu Inschriften an Häusern u.s.w. braucht, noch weniger mit Fliegen und Spinnenfüssen zu vergleichen sind. Wir bedienen uns daher auch beim Anfange des Unterrichts der Taubstummen größerer Buchstaben, die wir nach und nach immer kleiner machen.

[75]

Sie scheinen nicht zu glauben, daß ein geschriebenes Wort in der Einbildungskraft füglich könne dargestellt werden, weil sie die Buchstaben von dem Grunde, worauf sie befindlich sind, abgesondert betrachten, so daß dadurch ihre Farbe verschwindet: allein die Buchstaben mögen nun gedruckt oder geschrieben seyn, so können wir sie uns doch nicht ohne einen solchen Grund denken, dessen Oberfläche sie mit ihren Zügen färben, und also in eine weiße oder schwarze Farbe gekleidet, die Einbildungskraft beständig in Bewegung setzen, woher das Bild von ihnen eben so deutlich wird, als wenn wir sie in dem Buche oder auf dem Papiere vor Augen sehen.

Allein, was setzen Sie denn nun an die Stelle dieser von Ihnen verworfnen Methode? Sie sagen: meine Schüler lernen lesen, und die Wörter laut und deutlich und mit Verstande hersagen. Sie denken träumend und wachend in ihrer artikulirten Sprache. Ein jeder kann sie anreden, wenn er nur die Worte langsam ausspricht. Die Schriftsprache gründet sich in ihrer Vorstellung auf die Tonsprache, die sie zwar nicht durch das Ohr, sondern durch einen andern Sinn empfangen. Zuerst ist ihr Geheul erbärmlich, aber nach zwei oder drei Jahren lernen sie laut und deutlich reden, und am Ende selbst deklamiren.

Das Wort Paris also, welches meine Schüler in einem Augenblick fassen, daß sie es wieder an [76]die Tafel schreiben können, behalten Ihre Schüler nicht ehr im Gedächtniß bis Sie dieselben erst gelehrt haben, wie die Lage der Zunge, Zähne, Lippen und Kinnbacken bei der Aussprache eines jeden einzelnen Buchstaben beschaffen seyn müsse; und wenn sie es nun dahin gebracht haben, so können sie doch selber nicht urtheilen, ob sie es durch den Ton der Stimme recht oder unrecht ausgedrückt haben.

Zugegeben aber, daß sie durch diese Artikulation weiter kommen; könnte dann die Einbildungskraft jedes Wort ihnen nicht eben so gut ins Gedächtniß zurückrufen, wenn sie auch nicht jede Lage der Sprachwerkzeuge in eben der Ordnung wieder darstellten, indem sie durch die innere Berührung der Zunge mit den übrigen Sprachwerkzeugen den ehemaligen Laut nachahmen ― Wer fühlt nicht die Langsamkeit und Schwierigkeit hierbey?

Daß aber die Schüler sowohl wachend als träumend in ihrer artikulirten Sprache denken sollen, begreife ich nicht recht. Der Franzose denkt also in der französischen, der Lateiner in der lateinischen, der Deutsche in der deutschen Sprache, ich aber denke oft in keiner, da es sich häufig zuträgt, daß ich mir im Traume Dinge vorstelle, die mir bloß meine Phantasie vormahlt, und ich mit keinem Nahmen in irgend einer Sprache zu nennen weiß; ja es fügt sich auch, daß ich an Dinge denke, die einen mir unbekannten Nahmen haben, wie unzäh-[77]lige Instrumente der Handwerker, die ich zwar gesehen aber deren Nahmen ich nie gehöret habe.

Ja sogar im Wachen trift es sich oft, daß ich gern und lange an Personen oder Sachen denke, deren Nahmen ich mir vergeblich ins Gedächtniß zurückzurufen suche.

Ich gehe weiter: Sie haltens für unmöglich, daß die Taubstummen alle Wörter der Sprache, wodurch wir unsre Gedanken ausdrücken, im Gedächtniß behalten und sie wieder hinschreiben können, sobald ihnen nur die methodischen Zeichen vorgemacht werden.

Allein es ist bei uns nicht die Rede von allen möglichen Wörtern, sondern nur von denen, welche im gemeinen Leben oder in unserm Religionsunterricht oder in irgend einem moralischen Buche vorkommen. Was aber Kunstwörter oder technologische Ausdrücke anbetrift, so lernet dieses der Taubstumme freilich nicht, und es ist genug, wenn er nur die Wörter weiß, die für den größten Theil der Menschen zu ihren Lebensbedürfnissen hinlänglich sind.

Daß aber dergleichen Worte den Taubstummen entweder aus einem aufgeschlagnen Buche oder aus einem entsiegelten Briefe, durch die methodischen Zeichen diktirt werden, bezeugen so viele Personen aus allen Gegenden, die ich nicht hätte betrügen können, wenn ich gleich gewollt hätte. Täglich sind Leute bei unserm Unterricht zugegen, die [78]sich nicht auf das Gerücht verlassen. Sie kommen voll Mißtrauen, aber sie gehen nicht so wieder weg.

Selbst Perriere sahe, wie ein von ihm geschriebener Brief durch die methodischen Zeichen einer Taubstummen diktirt wurde, und brach in die Worte aus: hätte ich es nicht gesehen, nie hätt' ich es geglaubt.

Perriere hätte, welches wohl zu merken ist, diesen Brief auch seinen Schülern diktiren können, aber nur mit dem Unterschiede, daß er ihnen durch Hülfe der Daktilologie die einzelnen Buchstaben eines jeden Worts angezeigt hätte, die seine Schüler zwar nachgeschrieben, aber den Sinn dieser Reihe von Buchstaben nicht verstanden hätten.

Die methodischen Zeichen hingegen sind keiner besondern Sprache eigen, sie bezeichnen kein Wort noch irgend einen Buchstaben, sondern drücken Ideen aus, und wenn diese der Schüler verstanden hat, so kann er sie wiederum in seiner Sprache, es sei welche es wolle, ausdrücken, und dann ist es unmöglich, daß er den Sinn des Worts nicht fassen sollte, welches er sich selber zu schreiben wählet.

Wie groß der Unterschied zwischen jener und dieser Methode zu diktiren sei, bemerkte Se. Kaiserliche Majestät beim ersten Anblick. Da ich nehmlich einer Taubstummen die Worte durch die Daktilologie diktirte: es sei ferne von mir, daß ich mich rühme, denn alleine in dem Creutz, und ihr befahl, daß sie den Sinn dieser Worte durch die [79]methodischen Zeichen an den Tag legen solle, so gab sie zur Antwort: sie wisse nicht, was diese Worte sagen sollten.*) 2

Der Kaiser bemerkte sogleich, daß diese Methode bloß mechanisch sei, und man immer dieselbe Antwort erwarten müsse.

Demohngeachtet verschmähen wir den Gebrauch der Daktilologie nicht ganz; wo sie nöthig ist, um die eigenthümlichen Nahmen der Menschen, Länder, Städte u.s.w. auszudrücken, welche, ihrer Natur nach, durch die methodischen Zeichen nicht können dargestellt werden.

Se. Kaiserl. Majestät hat noch einen andern Versuch in unserer Kunst mit angesehen: ich hatte nehmlich fünf Taubstumme so gestellt, daß der eine nicht sehen konnte, was der andre schrieb, und so diktirte ich ihnen einen Satz, der ohngefähr aus zehn Wörtern bestand, und den ich durch die methodischen Zeichen ausdrückte, dieser Satz wurde von dem einen mit französischen, von dem andern mit lateinischen, von dem dritten mit italiänischen, von dem vierten mit spanischen und von dem fünften mit englischen Worten aufgeschrieben.

Hieraus können Sie schliessen, daß ich nicht mit Unrecht behauptet habe, die allgemeine Sprache, welche schon so lange von den Gelehrten ge-[80]wünscht ist, könne aus den methodischen Zeichen bestehen. Der gelehrte Abt Condillac hat schon gewünscht, daß die Lehrer in den Schulen verschiedner Nationen kein Wort vorbringen sollten, dessen methodische Zeichen sie nicht auch ihre Schüler lehrten.

Doch will ich nicht mit Stillschweigen übergehen, was mir oft von gelehrten Männern eingeworfen ist: es sei unmöglich, wenn jemand einen ganzen Satz durch die methodischen Zeichen ausdrücke, daß er nicht die seiner Sprache angemessene Ordnung darinn beobachte; nun sei aber doch der Genius der Sprachen so verschieden, daß wenn einer zum Beispiele die französische Wortfolge durch die methodischen Zeichen beobachte, ein Italiäner und noch weniger ein Deutscher den Sinn des ausgedrückten Satzes fassen könne.

Allein man bemerke, daß ich eben so viele Zuschauer voraussetze, welche von ihrer ersten Kindheit an unterrichtet sind, und denen die methodische Zeichensprache so geläufig ist, wie ein Franzose die französische, und ein Deutscher die deutsche Sprache versteht: dieß vorausgesetzt, bemerke man, was geschehen würde, wenn jemand in Gegenwart von zwölf Franzosen, die lateinische Sprache vollkommen inne habend, einen Satz französisch diktierte, und ihn ins Lateinische übersetzen lassen wollte.

Von diesen Zwölfen würde man keinen einzigen finden, der sich vornehme, die französische Wortfolge in dem Satze beizubehalten, da ein jeder [81]nur bemüht sein würde, den Sinn des Satzes deutlich auszudrücken.

Eben das wird aber der Fall bei einem jeden Satze seyn, der aus der methodischen Zeichensprache in eine andere übersetzt werden soll. Man wird sich nicht um die Folge der körperlichen Bewegungen bekümmern, sondern die Ideen, welche durch dieselben ausgedrückt werden, nach dem eigenthümlichen Charakter der Sprache zu bezeichnen suchen.

Ich werde also niemals dem Lehrer der Taubstummen zu Wien rathen können, daß er seine Schüler selbst reden lehre, sondern daß er Personen unterrichte, welche sich dieser mechanischen Arbeit unter seiner Aufsicht unterziehen, er selbst aber soll nützlichere und wichtigere Dinge thun.

Fußnoten:

1: *) Dieß folgt wohl aus der Vergleichung nicht. <M.>

2: *) Das ist dem armen Mädchen wohl zu glauben! <M.>


II.

Ueber das Taubstummen-Institut in Wien*). 1

Nicolai, Christoph Friedrich

Ich hatte schon mehrmal des Herrn Heinicke Institut für Taubstumme zu Leipzig gesehen, und war sehr achtsam darauf gewesen. Daher war mir das ähnliche Institut in Wien sehr interessant. Herr Heinicke lehret die Taubstummen durch Worte reden. Hingegen Herr Abbé Stork lehret sie [82]nach des Abbé L'Epee Methode, hauptsächlich aber durch bestimmte Zeichen zu reden.

Er hat dreierlei Zeichen: 1) Für die Buchstaben, um die Worte zusammensetzen zu können; 2) Für die Worte und für die dadurch angezeigten Begriffe; 3) Für die grammatische Beschaffenheit der Worte, z.B. für die verschiedenen Casus, Numerus, die Zeiten der Zeitwörter u.s.w. Z.B. die Biegung des Casus wird durch die Junkturen der Finger angezeigt. Die Vielheit durch mehrere Finger. Die vergangene Zeit, indem man mit der Hand über die Schulter weiset; die zukünftige Zeit, indem man mit der Hand vor sich hinweiset; das männliche Geschlecht, indem man den Hut abnimmt; das weibliche Geschlecht, indem man das Haar hinter dem Ohre zupft u.s.w.

Die Zeichen der Begriffe, die sinnlich können erkannt werden, sind so viel möglich nachahmend und malend; z.B. ich knie. ― Es wird gekniet, und jeder kniende zeiget auf sich. Wir knien ― beim Knien die Hand auf alle herum bewegt. Er kniet ― es wird einer besonders kniend gesetzt, und den andern gezeigt.

Die Kinder haben eine besondere Fertigkeit, geschriebene Schrift zu lesen, das heist: die den Schriftzeichen entsprechende pantomimische Zeichen mit allen grammatischen Bestimmungen zu machen, auch wieder die Zeichen, die ein anderer mit allen grammatischen Bestimmungen macht, mit Schriftzeichen zu schreiben.

[83]

Alle Sonnabend Vormittag werden die Taubstummen geprüft, und dieser Prüfung kann jedermann beiwohnen, welches ich auch nicht versäumte. Es wurden Sprüche aus dem Normalschulkatechismus an die Tafel geschrieben. Darauf machten die Taubstummen die entsprechenden Zeichen sehr fertig. Wenigstens mußten wir Zuschauer es glauben, denn die Zeichen und die bei jedem Zeichen sehr geschwind wiederkehrenden grammatischen Bestimmungen, konnten wir freilich nicht verstehen. Aber die große Fertigkeit machte es wahrscheinlich, daß sie richtig lasen.

Die umgekehrte Art war für uns einleuchtender. Ein Taubstummer nahm den Katechismus in die Hand, und las einen Spruch, den wir ihm gezeigt hatten. Das heißt, er machte die entsprechenden Zeichen bis zu einem Komma. Ein anderer Taubstummer sah ihn unverwandt an, und schrieb einen Satz nach dem andern deutlich und richtig an die Tafel. Hieraus war unstreitig, daß die Kinder zu jedem pantomimischen Zeichen das entsprechende Schriftzeichen zu wählen wußten, auch daß sie den pantomimischen Zeichen der grammatischen Bestimmungen zufolge, auch die Wörter umzubilden wußten; und umgekehrt. Aber es folgte daraus noch keinesweges, daß sie auch die Begriffe der Wörter wußten. Diese zusammengesetzte pantomimische Zeichen sind ungefähr eben das, als wenn etwan in schlechten lateinischen [84]Schulen analisirt wird: castra ist accusativi Casus, pluralis numeri u.s.w. Die Zeichen der Bestimmungen wären da auch ganz richtig, aber die Begriffe deshalb noch nicht. Der Knabe kann das Wort castra, oder irgend ein anderes richtig analisiren, und doch nur einen sehr mangelhaften Begrif von allen Bedeutungen dieses Worts haben.

Ich gab auch meinen Zweifel darüber zu erkennen. Der Herr Abbé Stork gab mir daher ein Buch voll Wörter, davon sie die Begriffe gelernt hätten, und bis M. inclusive gekommen wären. Aus diesen sollte ich ein Wort auslesen, und überzeugt werden, daß die Knaben den Begrif davon hätten. Es schien mir nun freilich ganz unschicklich, daß man den Kindern die Begriffe, die sie lernen sollten, einzeln und nach alphabetischer Ordnung der Wörter geordnet hatte. Es wäre wohl viel zweckmäßiger, wenn man ihnen die Begriffe, nicht in irgend einer Beziehung der Wörter aufeinander, sondern in der natürlichen Beziehung der Begriffe selbst, das heißt in kurzen Sätzen beigebracht hätte. Indessen war dieß hier nicht auszumachen. Ich wählte das Wort: Messe. Herr Stork schrieb darauf an die Tafel:

Fr. Was ist die Messe?

Er ließ ein taubstummes junges Frauenzimmer dieß in Zeichen ablesen, und darauf schrieb er ein A. dar-[85]unter. Nun schrieb sie ohne weitere Anleitung die ganze Definition, wie sie im Normalschulkatechismus steht, wörtlich darunter, nämlich:

»Die heilige Messe ist das unblutige Opfer des neuen Testaments, das immerwährende Denkmahl des blutigen Opfers, welches Jesus Christus am Kreutze vollbracht hat.«

Um zu zeigen, daß dies Kind die Begriffe gefaßt hätte, wurden nun alle einzelne Worte, oder wie sich Herr Stork ausdrückte, alle einzelne Begriffe von dem Kinde durch Zeichen einzeln angedeutet. Z.B. die Messe ward dadurch bezeichnet, daß die Hände am Leibe herunterfuhren, um das Meßgewand anzudeuten, und darauf die Knie gebeugt, der Körper umgedreht, und beide Hände emporgehoben wurden, um das Aufheben der Hostie auszudrücken. Eben dieses Aufheben der Hände bedeutete auch Opfer. Das unblutige ward durch Zeigen auf die Lippen und schütteln mit dem Kopfe gleichsam blutig nicht angezeigt; u.s.w. Ich muß gestehen, alles dieses war mir ein Beweis, daß zwar das Kind richtig behalten hatte, welche pantomimische Zeichen den Schriftzeichen dieses Satzes als entsprechend ihm waren beigebracht worden, und ich lobte auch dessen Gedächtniß, daß es sich beim Ansehen der Schriftzeichen der Frage, sogleich der Schriftzeichen der Antwort in ihrer Ordnung erinnerte, und sie ohne Irrthum hinschrieb. Aber es war mir kein Beweiß, daß [86]das Kind jeden Begrif, deren in dem ziemlich langen Satze so viele vorkommen, und die so abstrakt sind, deutlich erkenne. Die Begriffe von neuem Testamente, von unblutigem Opfer, vom Denkmahl, das ein unblutiges Opfer ist, möchten wohl einem Taubstummen immer ziemlich unverständlich bleiben, und vielleicht wäre es am besten, ihn gar nicht damit zu belästigen. Daß das Kind übrigens durch das Nachschreiben der obigen Definition nun den so verwickelten allgemeinen Begrif der Messe deutlich erkennen gelernt habe, ist wohl kaum zu glauben. Ich wollte der Sache näher kommen, und fragte den Herrn Abbé: welcher Methode er sich bedient habe, um den Kindern den Begrif, was die Messe sei, verständlich zu machen. Er versetzte: »Sie haben sie gesehen, oft gesehen. Sie werden oft in die Messe geführt.« Ich schwieg; denn es schien mir, als ob er meine Frage gar nicht verstände, und weiter hineinzugehen, war da der Ort nicht. Ich glaubte, wenn auch das Kind den sinnlichen Begrif der Bewegungen des Priesters bei der Messe möchte erlangt haben, so sei eine ganz andere Frage, ob es von dem dogmatischen und mystischen Begriffe sich auch eine deutliche Vorstellung machen könnte.

Herr Stork schien an den Unterschied beider Arten von Begriffen und an die Schwierigkeiten den letztern zu erlangen gar nicht zu denken. Es schien mir also auch hieraus zu erhellen, daß man [87]eigentlich hier nur Zeichenkenntniß triebe, so wie mit Litteral- oder Normalmethode nur Wortkenntniß.

Viel besser gefiel mir die Uebung, Handlungen, die in die Sinne fallen, sowohl vermittelst pantomimischer Zeichen, als vermittelst der Schriftzeichen verrichten zu lassen. Ein junges Frauenzimmer, etwan von 15 bis 17 Jahren, welche überhaupt eine der besten Schülerinnen war, that alles, was man ihr aufschrieb. Verschiedene kleine Umstände, die dabei vorfielen, schienen mir merkwürdig, und zugleich zu beweisen, daß die Kinder zwar durch die Zeichensprache die sinnlichen Begriffe wirklich richtig faßten, aber daß doch diese Zeichensprache noch nicht ganz vervollkommnet war. Vielleicht könnte dieß auf eine Untersuchung leiten, ob nicht gewisse Unvollkommenheiten und Zweideutigkeiten der Zeichensprache nothwendig immer bleiben werden.

Das junge Frauenzimmer also, so wie man aufschrieb, und sie das Aufgeschriebene in Zeichen nachlas, nahm mir eine Dose, die ich in der Hand hatte, weg, gab daraus jemand Schnupftoback, u.s.w. Nun ward angeschrieben:

Geben Sie*) 2 die Dose dem Herrn mit dem runden Hut.

[88]

Sie wußte, was ein Hut war, aber sie hatte vermuthlich entweder noch keinen runden Hut gesehen, oder auf diese Eigenschaft eines Hutes nicht geachtet. Herr Stork machte es ihr durch das Zeichen eines Huts, und Beifügung eines Dreyecks und Vierecks mit Kopfschütteln und durch das Zeichen eines Huts und Zirkels mit einiger Mühe begreiflich. Sie verstand es endlich, aber nunmehr ward der ihr ganz neue Begrif, einer runden Kopfbedeckung, in ihrer Seele so lebhaft, daß dadurch der schon bekannte, folglich nicht so lebhafte Begriff des Gebens der Dose, verdunkelt ward. Sie lief daher schnell zu einem unter den Zuschauern befindlichen Türken, dem sie nach dem Turban grif, vermuthlich um ihn abzunehmen.

Der Herr Abbé rief sie zurück, und ließ sie das Angeschriebene nochmals durchlesen. Sie bedachte sich etwas, und nachdem sie alle Zuschauer einzeln betrachtet hatte, fand sie den Menschen mit dem runden Hute aus, und gab ihm die Dose.

Die vorn stehenden Zuschauer legten die Hand auf die Brust. Es ward angeschrieben:

F. Wie viel sind der Herrn?

Sie zählte uns mit den Fingern und schrieb an:

A. Fünf.

[89]

Darauf kam die Frage:

F. Was machen diese Herren?

Dieß machte ihr mehr Schwierigkeit als man anfänglich hätte glauben sollen. Man merkte bald: sie glaubte, das, was wir thaten, wäre ein Zeichen. Sie schien nicht darauf zu denken, daß sie beschreiben sollte, was wir thathen, sondern sie ließ vermuthlich alle willkührliche Zeichen von Worten oder Begriffen durch ihr Gedächtniß laufen, um unser vermeintes Zeichen deuten zu können. Man merkte dieß an ihrer sichtlichen Verlegenheit. Endlich begrif sie, daß man eine Beschreibung verlangte, und nun schrieb sie langsam, indem sie uns bei jedem Worte ansah:

Hand legen auf Herz.

Mir schien dieser kleine Versuch in mancherlei Betrachtung sehr merkwürdig. Fürs erste war nun wohl einzusehen, daß sie wirklich von der Handlung, die sie beschrieb, einen richtigen Begrif hatte; denn sie bestimmte sogar die linke Seite der Brust, wo die Hand lag. Fürs andere aber war doch auch ersichtlich, wie sehr leicht die pantomimischen Zeichen in Kollision kommen und undeutlich werden müssen. Der geringste abstrakte Begrif macht große Schwierigkeiten.

Man mag ihn durch ein Zeichen ausdrücken, welches man will, so ist dieses Zeichen selbst eine sinnliche Handlung. Daher folgt, daß die abstrakten Begriffe in der Zeichensprache fast nur me- [90] taphorisch können angedeutet werden, besonders, wo keine Leidenschaften sind, welche freilich ihre entsprechende Gebehrden und also natürliche Zeichen haben. Man weiß aus der Geschichte der Philosophie, welche große Mißverständnisse dadurch entstanden sind, daß zu Zeiten, wo die philosophische Sprache noch nicht reich und bestimmt genug war, abstrakte Begriffe durch Bilder und Metaphern ausgedruckt wurden. Diese Mißverständnisse werden von der Zeichensprache unzertrennlich bleiben, wenn man sie zu etwas andern als zu ganz gewöhnlichen sinnlichen Begriffen brauchen will. Wenn z.B. das Weisen über die Schulter den abstrakten Begrif der vergangnen Zeit bezeichnen soll, so wird dieß zweideutig seyn müssen, sobald der Fall kommt, wo es scheinen kann, man habe bloß den sinnlichen Begrif des Weisens über die Schulter selbst andeuten wollen. In der Wortsprache hat man für abstrakte Begriffe auch besondere Töne oder Worte, welche in primo sensu den abstrakten Begrif anzeigen, z.B. das Wort Opfer ist gewissermaßen ein solches. Wenn aber in der Zeichensprache das Aufheben beider Hände den Begrif eines Opfers der Seele darstellen soll, so bleibt kein Zeichen übrig, wenn ich der Seele den Begrif des Aufhebens beider Hände selbst darstellen will.

Wenn etwa das Legen der Hand aufs Herz in der Zeichensprache betheuern andeuten sollte, so [91]wird der Taubstumme glauben, ich betheure etwas, wenn ich bloß die Hand auf die linke Brust lege. Herr Heinicke behauptet, man könne den Taubstummen ohne Wortsprache keine abstrakten Begriffe beibringen; und schon diese einzige Bemerkung zeiget, daß wenigstens allemal dabei sehr große Schwierigkeiten seyn werden. Von den Zöglingen des Herrn Stork hatte nur einer einigen Anfang im Sprechen gemacht. Aber er sprach bloß die Vokale aus: Ba be bi, Wa we wi, u.s.w.*) 3

[92]

Endlich, und drittens möchte man aus diesem letzten Versuche noch eine andere und wichtige Folge ziehen: das junge Frauenzimmer hatte den sinnlichen Begrif des Legens der Hand auf die Brust ihrer Seele deutlich dargestellet, und konnte ihn auch in deutscher Sprache durch Schriftzeichen deutlich ausdrücken. Aber wie that sie dieses? Sie deutete nach dem natürlichen Gange der Begriffe zuerst die Hand an, welche handelte, hernach die Aktion des Legens, und endlich das Herz, auf welches die Hand gelegt ward. Ihr Ausdruck war deutlich, aber unvollkommen, ohne Artikel, ohne Hülfszeitwort, u.s.w. gerade so, wie man es von jemand, der eine Sache mit Mühe erkennt, und sich in einer Sprache mit Mühe ausdrückt, erwarten konnte.

Nun ist es ausgemacht, daß die Begriffe von der Messe, von einem blutigen und unblutigen Opfer, vom neuen Testament u.s.w. viel verwickelter sind als von der sinnlichen Handlung, wenn man die Hand auf die Brust legt. Auch die leichtesten Sprüche aus dem Katechismus enthalten ungleich schwerere Begriffe. Und siehe da! über diese viel schwereren Begriffe drückten sich die Kinder in ganz richtig konstruirten Sätzen mit Artikeln, Beiwörtern, Hülfszeitwörtern und Beziehungen aus. Es scheint daraus ziemlich deutlich zu erhellen, daß diese Worte nicht aus dem Sinne der Kinder kamen, sondern daß [93]sie die Worte aus dem Katechismus auswendig gelernt hatten. Denn hätten sie den Sinn wirklich erkannt, so würden sie diese verwickelten Begriffe nicht so sprachrichtig und vollends nicht so ganz in der Büchersprache haben ausdrücken können, da sie einen sehr simpeln sinnlichen Begrif nur so grammatisch unvollkommen auszudrücken wußten.

Fußnoten:

1: *) Ist mir von Herrn Nikolai gütigst mitgetheilt worden. <M.>

2: *) Bei dem Nachlesen des Geschriebenen durch Zeichen zeigte sie allemal bei Sie auf sich selbst; woraus erhellte, daß sie die eigentliche Bedeutung des deutschen unschicklichen Höflichkeitswortes Sie verstand, und es von der dritten Person des Plurals zu unterscheiden wußte.

3: *) In der gedruckten Anzeige der öffentlichen Prüfung vom 26sten September 1783 finde ich, daß die Taubstummen auch alles geschriebene und gedruckte laut lesen sollten. Sie müssen es seitdem gelernt haben. Doch wäre billig zu untersuchen gewesen, wie viele von den Zöglingen Worte aussprechen können, und ob sie nur in dem von ihnen auswendiggelernten Katechismus, oder auch in allen andern Büchern hätten laut lesen und vom gelesenen Begriffe haben können. Ist dieses, so wäre doch zu untersuchen, warum man die Kinder so spät zu der natürlichsten und vollkommensten Art ihre Gedanken durch Reden auszudrücken geführt hat. Es wurde vor ein paar Jahren von Wien ein junger Baron Metzburg zu Herrn Heinicke nach Leipzig gesendet, um sprechen zu lernen, welches wohl nicht geschehen seyn würde, wenn es damals daselbst gelehret worden wäre. Aber dessen Beispiel mag Gelegenheit gegeben haben, daß man angefangen hat, auch in Wien die Tauben mehr zum Sprechen anzuhalten.


III.

Ueber den Anfang der Wortsprache in psychologischer Rücksicht.

Pockels, Carl Friedrich

In welcher Sprache sollte der erste Mensch, der noch keine Sprache kannte ― und da eine angebohrne Sprache so gut ein Unding ist, als angebohrne Ideen ― die Gottheit verstanden haben. Dieß ist die große Schwierigkeit, welche sich der Meinung von einem übernatürlichen Ursprunge der Wortsprache entgegenstellt. Wir wollen einmal voraussetzen, daß die Gottheit aus wichtigen Absichten dem ersten Menschen die Erfindung der Sprache selbst überließ.

Die Wortsprache des ersten Menschen, oder wenn man lieber will, der ersten Menschen, ist gewiß auf eine ganz andere und zugleich langsamere Art entstanden, als die Sprache unserer Kinder. [94]Jene mußten erfinden, erst Wörter schaffen; diese dürfen nur lernen, nur schon in Gang gebrachte Wörter annehmen. Welch ein Unterschied!

Wie die erste Wortsprache würklich entstanden ist? ― Wie sie entstanden seyn kann? sind zwei Fragen, die in Untersuchung ihres Ursprunges gemeiniglich miteinander vermischt werden. Man glaubt, die erste Frage zu beantworten, wenn man die letzte beantwortet, und das ist gewiß ein Fehlschluß.

Aber ist Wortsprache nicht ein dringendes Bedürfniß der menschlichen Gesellschaft? ― wird nicht der erste Mensch früh dieses Bedürfniß zu befriedigen angefangen haben? ― Die Erklärer des Ursprungs der Sprache, die ihre Leser bloß mit diesen Fragen abgefertigt haben, wollten doch wohl nicht dafür angesehn seyn, als ob sie uns auch nur das Entstehen können der Sprache gezeigt hätten. Wir wissen es alle gar wohl, daß Sprache ein Bedürfniß des geselligen Menschen ist; aber deswegen wissen wir lange noch nicht, auf welche Art, unter welchen Umständen die ersten Menschen dieses Bedürfniß zu befriedigen angefangen haben. Einem Bedürfnisse wird nicht immer auf einerlei Art, nicht einmal von einerlei Menschen abgeholfen.

Um zu wissen, wie die erste Wortsprache der Menschen entstanden ist, müßten wir eine sichere [95] historische Nachricht von jenen ersten Menschen haben;

1) in welchem Alter er auf die Welt gesetzt wurde, und mit welchen Kräften und Anlagen seines Geistes und Leibes;

2) in welche Gesellschaft und Verbindung mit andern Menschen; (Das, was Moses hierüber sagt, ist zu den Untersuchungen über die Erfindung der Sprache unbrauchbar, weil sein Mensch nicht die Sprache erfunden hat.)

3) wie verwandelte er seine Gesichts- und Zeichensprache, die unläugbar der Anfang aller Sprache gewesen seyn muß, stufenweise in hörbare Wörter;

4) erfand er die Ausdrücke für Individuen, für ihre Handlungen und Würkungen, die er nicht durch Gesichts- und Zeichensprache mittheilen konnte ― eher oder später, als die, welche er durch jene Sprache mittheilen konnte, und welchen Grund hatten diese Ausdrücke in der Natur der bezeichneten Sache, in den Nebenumständen derselben, in der jedesmaligen Stimmung der Seele bei Erfindung eines neuen Worts; ― oder verfuhr der Mensch dabei ganz blindlings, ganz willkührlich? ―

5) wie kam er mit andern Menschen überein, daß nur diese und keine andere Wörter für diesen und jenen Gegenstand gelten soll-[96]ten? Waren Despoten, denen die andern blindlings folgten; oder waren zärtliche Väter und Mütter, die sich zum Besten ihrer Familie unter einander vereinigten, (nicht nach Rousseaus Einfall, gelegentlich, und nur des sinnlichen Vergnügens wegen zusammenkamen, und eben so leicht wieder auseinander liefen*) 1 die ersten Sprachlehrer ihrer Untergebenen?

Von allen dem sagt uns aber die Geschichte gar nichts. Sie zeigt uns vielmehr den Menschen gleich bei seinem Anfange auf einer sehr hohen Stufe der Kultur, ohne die Jahrhunderte zu berühren, in welchen der Mensch erst nach und nach dahin gelangen mußte.

Was war also natürlicher, als daß die Meinungen der Gelehrten über die Entstehung der Wortsprache sehr verschieden ausfallen mußten. Unter mehrern Meinungen giebt es immer eine, welche die bequemste ist, und gemeiniglich auch, weil sie die wenigste Anstrengung des Verstandes erfodert, den meisten Beifall findet. Welche es hier ist, wissen wir; aber welche die wahrscheinlichste seyn mag; ― welche in der Natur des Menschen; ― in dem natürlichsten Gebrauche sei- [97] ner Organen; ― in der Beschaffenheit seiner individuellen Vorstellungen den meisten Grund hat? ― Dies ist nun die Frage.

Es ist am allerwahrscheinlichsten, daß hörbare körperliche Gegenstände, die den Menschen theils wegen des nothwendigen Gebrauchs, den sie bald damit anfingen; theils wegen ihres frappanten Anblicks; theils wegen des Fürchterlichen, das sie bei sich hatten, zugleich sehr interessant waren, die ersten Wörter zur Sprache hergegeben haben, und zwar deswegen, weil der Mensch nicht nur einen natürlichen Hang hat, gehörte Töne nachzuahmen, sondern auch würklich, obgleich nicht immer auf eine genaue Art, durch Hülfe seiner Stimme nachahmen kann. Dieses Nachahmen war die erste menschliche Sprache.

Die Thiere mußten gleich vom Anfang an die interessantesten Geschöpfe für den Menschen seyn; er lebte in ihrer Gesellschaft und lebte zugleich von ihnen, sie waren ihm anfänglich theurer und wichtiger als der Mensch selbst, es war nöthig sie genau von einander unterscheiden zu können ― er gab ihnen die ersten Namen, und dieses waren keine andern, als Töne ihrer eignen Stimme, die er nachmachen konnte, und wodurch er zugleich auf eine sinnliche Art Individuen aufs genaueste zu unterscheiden im Stande war. (Adam gab zuerst den Thieren ihre Namen. Sollte der Ge-[98]schichtsschreiber, weil er vielleicht auf dieselbe Spekulation vom Ursprunge der Sprache fiel, und sie sehr wahrscheinlich fand, nicht deswegen die Sache als ein würkliches Faktum erzählt haben?)

Es giebt wirklich noch in allen Sprachen, was man vornemlich bei den Sprachen der Wilden bemerkt haben will, Wörter, die nur durch die menschliche Stimme von dem Schalle hörbarer Gegenstände gleichsam abkopirt sind, noch so viel Verben, die in ihrer Aussprache eine überaus große Aehnlichkeit mit der tönenden Wirkung eines Körpers haben. Es ist begreiflich, daß durch die Länge der Zeit; durch neu entstandene Dialekte; durch Aufnahme fremder Sprachwörter; vornemlich durch den großen Zuwachs solcher Ausdrücke, die abstrakte Begriffe bezeichneten, und die man hernach oft an die Stelle der Naturtöne setzen mochte, sich die meisten dieser Urwörter verloren haben müssen. Ihre Wiederfindung würde uns, wenn sie möglich wäre, einen wichtigen Schlüssel zur Kenntniß des ersten Wörterbuchs der Menschen geben.

Die Menschen bezeichneten also höchst wahrscheinlich zuerst Individuen von der Art, als wir angegeben haben. Das Wort für eine hörbare Wirkung eines sinnlichen Gegenstandes, wurde das Wort für den Gegenstand selbst. Die Sprache blieb dabei zwar immer noch sehr arm und übelklingend, aber ihr Wörtervorrath war damals [99]doch schon groß genug, sich wenigstens über eine Klasse von Gegenständen ohne eine weitläuftige Zeichensprache auszudrücken.

Aber wie kamen die Menschen auf Substantive, Adjektive und Verben, die nicht hörbare Gegenstände z.E. nur sichtbare bezeichneten, und wo die menschliche Stimme nichts nachzuahmen hatte? Hier wird die Erklärung des Ursprungs der Wörter schon viel schwerer, und ich möchte behaupten, am allerschwersten. Hier stehen Gehör und Gesicht nicht in der engen Verbindung mit einander, als Gehör und Stimme, und doch ist es nicht ganz zu läugnen, daß sich Eigenschaften blos sichtbarer Gegenstände durch eine gewisse Beugung der Stimme, als solche, ausdrücken lassen. So bezeichnete man z.E. Höhe und Niedrigkeit vielleicht durch das Steigen und Fallen des Tons; Schnelligkeit und Langsamkeit einer Bewegung durch Schnelligkeit und Langsamkeit der Stimme.

Ueberhaupt mochte die Art der Aussprache, der wir hier sehr unrecht den Namen Deklamation geben würden, bei den ersten Menschen oft den Mangel an Sprachwörtern ersetzen helfen.

Zur Bezeichnung solcher Prädikate sinnlicher Gegenstände, die den Geschmack, Geruch und zum Theil auch das Gefühl des Menschen reitzten, hat man sich wahrscheinlich am längsten der bloßen Zeichensprache bedient. Es ist merkwürdig, daß wir mit dem Ausdruck jener Gegenstände, ob wir [100]gleich für sie und ihre Wirkungen auf unsere Sinnen, bestimmte Wörter haben, noch am meisten die Gesichts- und Zeichensprache verbinden; nicht so mit Bezeichnung blos sichtbarer und hörbarer Gegenstände.

Es können Jahrhunderte verflossen seyn, ehe die Menschen die bloße Pantomimensprache gegen die Wortsprache umtauschten, und in dem rohen Zustande der menschlichen Natur, wo die Menschen noch nicht so genau miteinander umgingen; sich noch keine geistigen Ideen mitzutheilen hatten; nur ihrer Instinkte wegen miteinander zusammenkamen, war Pantomime für den Ausdruck ihrer Empfindungen und Gedanken auch zureichend genug ― selbst zureichend genug, als sie schon unter der Herrschaft eines Mächtigern zu stehen anfingen. Erst die genauere Verbindung miteinander in Familien, der nähere Umgang, den sie miteinander unterhielten, muß die Zeichensprache nach und nach verbannt haben. Der gesellig werdende Mensch will seine Gefühle, seine Entwürfe gern deutlicher andern mittheilen, als durch bloße Zeichen. Diese sind ihm nicht mehr zureichend genug, sich bei andern beliebt zu machen. Die väterliche und mütterliche Liebe braucht Ausdrücke des Mundes, den Geist geliebter Kinder zu bilden, und diese Liebe nebst der, welche beide Geschlechter für einander fühlten, waren sehr wahrscheinlich zwei große Beförderungsmittel der [101] Ausbildung der Sprache. Musik und Tanz thaten gewiß auch das ihrige dabei. ― In einem andern Klima, wo die Natur die Menschen rauher geschaffen hatte, war auch vielleicht ein Despot der erste Gesetzgeber der Sprache.

Die Sprache mußte schon große Fortschritte gemacht haben, die Begriffe der Menschen mußten schon sehr vervielfältigt, verfeinert, geordnet, die Nothwendigkeit des Sprachunterrichts insbesondre mußte schon dringender geworden seyn, als sie Abstrakta zu benennen anfingen. Ehe die Menschen ganze Geschlechter und Arten von Geschöpfen kennen lernten, verging wahrscheinlich viele Zeit. ― Für diese Geschlechter und Arten wurde der schon bekannte Name eines einzelnen dahin gehörigen Individuums ohne Zweifel der nachherige Allgemein- oder Geschlechtsname, und mithin waren die Bezeichnungen der Thierklassen ― (wieder, weil sie den Menschen am ersten bekannt werden mußten) ― auch die ersten Wörter für Abstrakte.

Später noch folgten die, welche Eigenschaften des menschlichen Geistes, Pflichten, Tugenden und Laster andeuteten. Es ist in der That leichter auszumachen, wie die Menschen auf diese Begriffe, als wie sie auf die Ausdrücke derselben gekommen sind ― Es läßt sich hier durchaus nicht bestimmen, ob die Menschen blos willkührliche zufällige Wörter für abstrakte Begriffe gradezu [102]angenommen haben, oder ob sie sich bei Annahme derselben nach gewissen vorherbestimmten Sprachgesetzen, nach einem vorhandenen Gefühl von Harmonie oder Uebelklang des Worts für diese oder jene Tugend, oder nach andern Nebenumständen gerichtet haben. Dies sind Geheimnisse, die kein menschlicher Scharfsinn je ganz aufdecken wird.

Auch kann es nicht geläugnet werden, daß die ersten Spracherfinder abstrakter Ausdrücke, sich die Abstrakte schon lange ziemlich deutlich vorgestellt hatten, ehe sie noch die bestimmten Wörter für sie besaßen. (Freilich mußte eine große neue Helligkeit mit der symbolischen Kenntniß in das Gebäude ihrer Begriffe gebracht werden.) So hatten sie gewiß Vorstellungen von Größe, Raum, Zeit, Kraft, Zahl, ― nur noch nicht ganz deutliche Vorstellungen, weil sie bei allen diesen Begriffen noch nicht so leicht die Menge von Individuen absondern konnten, deren Bilder sich in ihre Seele drängten, wenn sie sich das Abstraktum allein vorstellen wollten. Eben so übten sie gewiß schon die Tugenden der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Wohlthätigkeit aus, ehe noch der abstrakte Name für jede Tugend vorhanden war.

Pokels.

(Die Fortsetzung folgt.)

Fußnoten:

1: *) Discours sur l'origine & les fondemens de l'inégalité parmi les hommes. p. 90. Ed. Genev. 12. Tom. I. a

Erläuterungen:

a: Jean-Jacques Rousseau, Discours sur l’origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes. Die Seitenangabe bezieht sich auf eine Ausgabe, die 1755 in Amsterdam bei Rey veröffentlicht wurde. In Rousseau 1782-1789 befindet sich der Aufsatz im ersten Band, aber die Seitenangabe wäre S. 111.

[103]

IV.

Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, ein Pendant zu denen im ersten Stück des ersten Bandes p. 65 u.f. enthaltenen Geschichten.

Mauchart, Immanuel David

Von meiner frühesten Jugend auf behauptete ich, einmal weiße Bären vor unserm Hause tanzen, und einen Papagei in der Stube meiner Großmutter in einem grossen Käfigt gesehen zu haben, welche beide Dinge doch, nach der Versicherung meiner Mutter, niemals seit meiner Geburt mir unter die Augen gekommen seyn konnten.

Meine Erinnerung davon ist so lebhaft, daß ich, aller Versicherungen meiner Mutter ungeachtet, es mir lange Zeit nicht aus dem Sinne schlagen konnte, die Sache für wahr zu halten.

Wenn mich meine Mutter fragte, in welcher Gegend der Stube denn der Papagei mit seinem Käfigt gehangen habe, so konnte ich ihr die detaillirteste Beschreibung davon geben, und sie mußte gestehen, daß wirklich einmal an diesem Orte ein Papagei gehangen habe, allein dieß sei, sagte sie, lang vor meiner Geburt gewesen, denn zu der Zeit, da ich geboren worden, sei der Vogel lang todt gewesen. Ich wußte ihr auch sogar die ganze Farbe des Pa-[104]pagei, und das, was er von artikulirten Tönen nachzusprechen gelehrt worden, auf das genaueste und mit der eigenen Ueberzeugung meiner Mutter übereinstimmendste zu sagen, wiewohl ich nach ihrer Versicherung und meiner eignen Erfahrung in meinem Leben keinen Papagei gesehen habe.

Eben so wenig wollte meine Mutter von den weißen Bären, die ich gesehen zu haben vorgab, etwas wissen, denn auch diese, sagte sie, hätte sie einmal lang vor meiner Geburt gesehen. Ich aber ließ mich sehr lange Zeit von dieser Meinung nicht abbringen, denn ich war von meinem vierten oder fünften Jahre an vest davon überzeugt, und auch gegenwärtig noch würde es mir schwer werden, davon abzugehen, wenn ich mir nicht die ganze Sache durch Hülfe der Einbildungskraft erklären könnte.

Denn die Bilder von diesen Gegenständen schweben meiner Seele immer noch so lebhaft vor, als wenn ich die Gegenstände selbst erst gestern gesehen hätte, und ich kann auch die Sache nicht anders begreifen, da ich doch die öftere Versicherung meiner Mutter für wahr annehmen darf, als wenn ich mir sie so vorstelle, daß man mir in meiner frühesten Jugend von diesen Dingen erzählte, und sich die Bilder davon der jungen Seele so stark eindrückten, daß ich sie nachher, da ich die Erzählung vergaß, für selbst gesehene Gegenstände hielt.

[105]

Zur Seelenzeichenkunde.

Beitrag zur Schilderung jugendlicher Charaktere.

Seidel, Johann Friedrich

*** Etwa sieben Jahr alt, gehört zu den vielversprechenden Kindern. Freilich ist auch er noch in dem Alter, worinn sich von seinen itzigen Anlagen und Aeußrungen, auf etwas daraus folgendes, nur mit einem geringen Grade der Wahrscheinlichkeit schliessen läßt; allein das, was er jetzt ist, mit seiner häuslichen Erziehung zusammengenommen, lassen viel hoffen. Er ist ernsthaft, gesetzt, und verräth in seinen Fragen und Antworten oft eine Beurtheilungskraft, die man in dem Alter für sehr etwas seltnes ansehen muß. Seine Ernsthaftigkeit ist Natur, und fällt also, wenn man ihn einmal kennt, nicht mehr auf; überdieß ist sie mit einer sanften, gutherzigen Mine verbunden, daß er gleich einnimmt, und er ist einer von den wenigen, die sich gleich bleiben, die sich Liebe zu gewinnen und zu erhalten wissen. Sein Fleiß ist seinen Kräften angemessen; und da er immer aufmerksam auf alles ist: so begreift er nicht allein eine Sache leicht; sondern findet auch oft noch hie und da eine Frage nöthig, die für ihn die Sache deut-[106]licher und eindrücklicher macht. Unrichtige Antworten auf die ihm vorgelegte Fragen giebt er sehr wenig; lieber sagt er grade heraus, daß er es nicht wisse; und ich denke, daß auch diese anscheinende Kleinigkeit von einem Lehrer nicht ohne Wohlgefallen bemerkt werden müsse, da sie wirklich einen festen, zuverläßigen Charakter verspricht. Er hat die Liebe aller seiner Mitschüler ohne Ausnahme, und kann zuweilen vieles - dadurch ausrichten. Er läßt sich aber in keinem Stücke von ihnen übertreffen. Er hat seine eigne Art zu handeln, die zuweilen ins drolligte fällt, und davon mag die folgende ein Beispiel seyn. Da er noch nicht Fertigkeit genug hatte, um eine kleine Fabel oder Erzählung, die ich zum Auswendiglernen diktirte, mitzuschreiben: so bat er mich um eine Abschrift. Ich versprach sie ihm den folgenden Tag mitzubringen. An Zutrauen und Liebe zu mir fehlte es ihm sicher nicht; aber er mußte wohl in einiger Verlegenheit seyn, wie er mich daran erinnern wollte. Er kam also zu mir, nannte meinen Namen, sah ernsthaft vor sich, und sagte weiter nichts, als: »Sie haben es wohl vergessen;« und da dieß wirklich geschehen war: so kam er zum zweitenmal mit eben der Frage zu mir; und dankte nun sehr herzlich, da ich ihm die Abschrift gab.

Einmal hatte ihm einer seiner Mitschüler beim Herausgehen aus der Schule einen Schlag gegeben; sein Bruder sagte es mir, und da ich den [107]Nachmittag darauf von ihm selbst wissen wollte, ob es wahr wäre, so antwortete er: Nein! und wiederholte es einigemal, bis ich ihn erinnerte, daß er unrecht thun würde, wenn er mir die Wahrheit verschwiege. Nun gestand er es mit der Bitte, daß ich den kleinen Thäter nicht strafen möchte. Welche Gutmüthigkeit in einem so zarten Alter! Und ich kann es hier nicht verschweigen, daß er es ist, den ich bei der ersten Schildrung im vorigen Stücke im Sinne hatte, daß er eben so wenig Beleidigungen vergelten würde, auch wenn er es könnte und wenn es ihm sogar erlaubt wäre.

Was aus ihm werden kann? ― Ein früh zur Ewigkeit gereifter Engel ist er geworden! und gleichwohl glaube ich, daß das Wenige, was ich von ihm gesagt habe, hier nicht ganz am unrechten Orte stehn soll. Vielleicht daß die Kräfte seiner Seele sich zu früh entwickelten! Vielleicht daß dieß einen ungemein zarten Nervenbau und eben dadurch einen schwächlichen Körper verrieth! und vielleicht daß dieß Anzeigen eines frühen Todes seyn konnten! Vor seiner Krankheit schon dachte er an seinen Tod. Einmal bat er seine Mutter, da sie mit seinen übrigen Geschwistern spatzieren ging und auch ihn mitnehmen wollte, daß er bei dem Mädchen zu Hause bleiben dürfe. Er zeichnete unterdessen einen Leichenwagen, so gut ers vermochte, zeigte den hernach seiner Mutter, und als diese ihn fragte, warum er grade so etwas gezeichnet habe, [108]gab er zur Antwort: man müsse ja auch an sein Ende denken.

Ich bin im geringsten nicht dafür, zufällige, unbedeutende Kleinigkeiten, die im menschlichen Leben sehr häufig vorkommen können, für erheblich und bedeutend zu halten; und ich habe dieß nur erzählt, wie man überhaupt etwas nach dem Tode einer Person erzählt, was man sich von ihr erinnert. Aber sollte nicht schon der Keim einer Krankheit im Körper gelegen, nicht vielleicht schon ein Wurm an dieser Knospe genagt, und so vielleicht ein dunkles Gefühl von einem nahen Tode veranlaßt haben?

In seiner Krankheit selbst behielt er eben das Gesetzte für sein Alter; er tröstete seine Aeltern, sagte, daß es doch besser wäre, wenn er, als wenn sein Vater stürbe, weil dieser noch für die Seinigen sorgen könnte; er redete oft vom Tode, ließ sich Lieder solchen Inhalts vorlesen und zeigte auch so noch durch sein ganzes Verhalten eine fast männliche Seele. Einmal frägt ihn seine Mutter, ob er sich nicht vor dem Tode fürchte ― Warum sollt ich das thun? antwortete er; es ist damit wie mit dem Gewitter: viele Menschen fürchten sich auch davor, und wenn es vorüber ist, ist es doch so nützlich gewesen. ― Ein andermal frägt er seine für ihn schon besorgte Mutter: ob er wohl eine Sünde begangen habe? und erzählt dabei: wie er sich erinnere, daß er in der Schule zwischen zwei seiner [109]Mitschüler gesessen, die unruhig gewesen und besonders worüber gelacht hätten. Zuletzt sei es ihm auch lächerlich geworden, und da hätte ich ihn mit den beiden übrigen erst gewarnt und dann aufgeschrieben. Nach geendigter Schulstunde sei er zu mir gegangen, und habe mich gebeten, ihn wieder auszustreichen; worauf ich zu ihm gesagt hätte: er solle nur ganz ruhig seyn, ich hätte ihn bereits ausgestrichen! O wahrlich, es muß sich süß in die Zukunft hinüberschlummern lassen, wenn man sich keiner andern Sünde, als einer ähnlichen bewußt ist! Aber auch dieser Zug von ihm, seine Geduld in seiner Krankheit; seine Bereitwilligkeit, zu sterben ― die Begriffe davon mögen bei ihm gewesen seyn, welche sie wollen; ― und daß er seine Aeltern zu trösten wußte; ― sollte das nicht wieder dem Psychologen etwas seyn, wobei er zu verweilen, zu denken und dann zu folgern hat?

Und nun zuletzt, warum sollt' ich diesen meinen gewesenen Liebling nicht öffentlich nennen? Er war der zweite Sohn des würdigen Herrn Professor Heindorf am vereinigten berlinischen und köllnischen Gymnasium.

Seidel.

[110]

Zur Seelenheilkunde.

(Aus einem Aufsatz des Herrn Professor Büsch, zum Andenken Alemanns des Menschenfreundes.) a

Büsch, Johann Georg

Arbeit und Nahrung zu geben war keinesweges der ganze Zweck dieses Institutes.*) 1 Da der größte Theil der in dieß Haus eingebrachten Armen aus jungen Menschen unter zwanzig Jahren bestand, so konnte Alemann sich zur Absicht setzen, diese noch umzubilden, und sein Haus eben so sehr zu einem Erziehungshause für die niedrigste Volksklasse, als zu einem Arbeitshause, zu machen.

Ich sage: zu einem Erziehungshause, in welchem die schon durchs Betteln erniedrigten jungen Seelen wieder zu menschlichen Empfindungen erhoben, zur Arbeitsamkeit und selbst mit der Arbeit zum Gefühl einer gewissen Glückseligkeit erweckt würden. Hier müßte etwas geleistet werden, was Waisenhäuser und Armenschulen nicht leisten dürften, und was durch Zuchthäuser zu leisten nicht zum Zweck gesetzt werden kann.

[111]

Das Betteln giebt einer jeden Seele eine fast unauslöschliche Bösartigkeit und Niedrigkeit. Das Herz des Menschen, der nur auf kurze Zeit sich hat überwinden können, andre um Brodt und Geld, nicht als Lohn von Arbeit, anzusprechen, bleibt für jede Verleitung zu den niedrigsten Handlungen nur gar zu gern offen.

Oft habe ich mich durch die Klagen eines verarmten Menschen bewegen lassen, ihm Beschäftigungen zuzuweisen, die seinen Fähigkeiten gemäß waren, und ihm ein hinlänglich Auskommen verschaften. Aber ich habe fast nimmer Dank und Freude daran gehabt.

Die Hand, die eine Zeitlang zum Betteln hingestreckt war, arbeitet nie mit Ernst wieder. Das Herz, dem es nicht mehr wehe that, Gaben von Unbekannten anzunehmen, schämet sich nicht leicht einer niedrigen Handlung wieder, wenn die Gelegenheit dazu entsteht, und Habsucht oder Sinnlichkeit dazu reizen.

Nur bei dem jungen Bettler ist Hofnung, daß es gelingen könne, diese häßliche Falte wieder auszuglätten. Daß es Alemann gelungen sei, davon will ich einen Beweiß geben, ehe ich beschreibe, wie es ihm gelungen sei.

Ein Bettelknabe ward aufgegriffen und in dieß Haus gebracht, wo er sich bald sehr gut betrug. Nach einiger Zeit bat er die Aufseherin des Hauses, ihm behülflich zu seyn, daß er sich recht rein-[112]lich für den Tag kleiden möchte, auch ihm ein wenig Puder für sein Haar zu erlauben, weil er den Herrn Bürgermeister, der an diesem Tag kommen würde, besonders sprechen müßte.

Nun trat er vor ihn hin, und sagte ihm in einer nach seiner Weise studirten Rede: Er fühle sich nun so glücklich und so gebessert in diesem Hause; er habe aber noch einen Bruder, und es bekümmre ihn äusserst, daß dieser so auf den Gassen noch immer umherliefe, und ein Taugenichts werden würde; er bäte ihn also herzlich, diesen doch auch ins Haus holen zu lassen.

Alemann ließ sich anzeigen, wo er anzutreffen sei, und versprach es ihm. Als er aber hinsandte, wurden ihm zwei Knaben statt einem gebracht. Siehe, sagte er nun zu dem ältern, da hast du mir Unwahrheit gesagt. Du hast ja zwei Brüder, nicht einen. Jener bat um Vergebung. Ich dachte, sagte er, wenn der Herr Bürgermeister hörte, daß unser mehr wären, so würde ihm das zu viel werden, und er würde nicht einen nehmen wollen, um nicht beide auf den Hals zu bekommen. Gut! aber nun sind sie doch beide da; welchen willst du am liebsten behalten? Unschlüssig stand der Knabe da; seine Augen irrten von einem Bruder auf den andern, und die Wahl blieb ihm unmöglich. ― So behalte sie denn alle beide, sagte Alemann.

Nie, sagte er mir, als ich ihm diese Geschichte, die man mir schon erzählt hatte, wieder abfragte, [113]habe ich die lauterste Freude so auf dem Gesichte eines Menschen gemahlt gesehen, als in dem Gesichte dieses Burschen.

Auch diese beiden verhielten sich so gut, wie der Bruder, ihr Vorsprecher. Ich wollte sie, oder wenigstens einen davon, gerne sehen; aber sie waren schon alle, geschwinder als alle, weil sie so gutartig und bei ihrem Eintritt keine Kinder mehr waren, zu guten Handwerken befördert.

Ich muß selbst bezeugen, daß der erste Anblick der jüngern Hausgenossen beiderlei Geschlechts (ich darf sie nicht Züchtlinge nennen) als ich sie sowohl verstreut bei ihren Arbeiten, als nachher auf Alemanns Befehl alle versammlet sah, etwas Auffallendes für mich hatte.

Einige Neulinge ausgenommen, auf welche die gute Zucht noch nicht gewürkt haben mogte, standen sie da alle Funfzig mit offenem, auf eine gutmüthige Fröhlichkeit deutenden Blick.

Diese Zöglinge sind zwar ans Haus gebunden. Aber niemand hütet sie oder sperrt sie ein. Indessen hat das Haus andere Gäste, die mindere Freiheit genießen. Dieß sind die erwachsenen ältern Bettler beiderlei Geschlechts, insonderheit unzüchtige Weibsleute. Diese arbeiten nach dem Geschlecht abgesondert in Sälen miteinander unter mehrerem Zwange.

In einem Gemach, welches Alemann mir ungern öfnen lassen wollte, und ich auch zu betre-[114]ten nicht wünschte, waren einige unter den Folgen ihrer Ausschweifungen leidende Weibsbilder versperrt; und in einem andern wälzte sich ein an der Seele ganz unheilbarer alter Bettler auf seiner Britsche.

So wurden denn auch die schlechten Beispiele und gefährlichen Bekanntschaften von jenen abgehalten, welche man noch ziehen zu können glaubte. Ich vergaß zu fragen, ob eine entschiedene Besserung jenen für bösartiger gehaltenen zu mehrerer Freiheit verhelfen könnte.

Das erzählte mir Alemann selbst, daß es ihm auch wohl gelinge, ältere zu bessern, insonderheit an dem Beispiele einer dem Trunk ergebenen Frau, die ihr Mann, ein Handwerker, in dieß Haus gethan; nun aber wieder bei sich hätte, ohne einige Klage über sie führen zu dürfen.

Indessen mag doch der Zustand der Eingeschränkten leidlich genug seyn, um ihnen nicht lebhafte Wünsche nach Freiheit zu erwecken. Denn Gefangnenwärter, selbst einen Pförtner, hat das Haus nicht. Nur ein Ehepaar von mittlerem Alter, und eine Spinnemeisterin sind es, unter welchen alle Aufsicht und Vorsorge für die ganze Gesellschaft steht. Und diese mögten einem jeden Versuche kühner über ihre Einsperrung unwilliger Züchtlinge schlecht widerstehen können.

Die Arbeiten, zu welchen ich sie angehalten sah, waren mannigfaltig, aber insonderheit in der Ab-[115]sicht, damit die jüngern mehr als eine Beschäftigung kennen lernen, und zu seiner Zeit mit destomehrerer Kenntniß der Sache ihre Bestimmung wählen könnten.

Weberei zur Kleidung der Hausgenossen, und die von groben verkäuflichen Zeugen und Bändern, war die Hauptsache. Aber es ward auch gedrechselt, und nach Tischlerart gearbeitet. Wenn ein Bursche sich lange genug in einer Arbeit geübt hatte, ward er für einen Gesellen erklärt.

Da um Hannover her der Anbau von Gartengewächsen ein Hauptgewerbe ist, so hatte Alemann nach und nach die nächstgelegenen Grundstücke an das Haus gekauft, und nun wurden Knaben und Mädchen auf dieß Geschäfte angeleitet.

Dieß war ihrer Gesundheit zuträglich, ein Hauptbedürfniß des Hauses ward gröstentheils dadurch erfüllt, und sie zu einer Beschäftigung vorbereitet, die in der Nachbarschaft einer jeden Stadt ein sicheres Brod giebt, und die deswegen bei solchen Instituten nie fehlen sollte, weil man in Städten keine arme Kinder zum eigentlichen Ackerbau erziehen kann, aber auch so manchen jungen Menschen in denselben zu erziehen hat, der selbst für jedes Handwerk zu schwach am Kopf, aber doch gesund genug am Leibe ist, um die Erde zu graben.

In Seestädten ist die Seefahrt eine Aussicht, die man nehmen kann. Aber wird auch der im Waisenhause aufgewachsene Knabe einen Reiz dazu [116]finden? Zum Seemann wird es ihm nicht verderben, wenn er Erde gegraben hat, wohl aber, wenn er auf seine Schulbank geheftet, unter einem Unterrichte, für den er gar keinen Kopf hatte, Jahre lang die Zeit getödtet hat. Zudem dient diese Aussicht nur für ein Geschlecht, die Gärtnerei aber für beide.

Die Reinlichkeit und Ordnung waren auffallend. Aber die Hausgenossen waren es selbst, die dafür sorgen mußten. Die ganze Maschine ging unter der Aufsicht eines guten Ehepaars ihren Gang.

Beweiß genug, daß dem Geiste dieses vorhin so ungeschlachten Haufens schon die beßre Wendung gegeben, daß Geist der Ordnung und Folgsamkeit schon so in ihn gebracht war, daß man auch nichts mehr von den Lastern und Mängeln der neueingebrachten zu besorgen hatte, sondern gewiß war, sie bald gleich den andern umzubilden.

Denn wie könnten diese zwei Leute der Wiedersetzlichkeit und dem Hange zur Unordnung und Unsauberkeit begegnen, wenn sie jemals unter mehreren zugleich entstünde oder sich lange erhalten könnte!

Die Folge, die sich davon voraussehen läßt, ist, daß auch diese Menschen mit dem gehörigen Geist der Ordnung in die bürgerliche Gesellschaft wieder eintreten müssen, je weniger dieselbe durch Befehl und Strafen erzwungen ist.

So können aus Bettelkindern gute Dienstboten wieder gezogen werden, wenn sonst die gewöhn-[117]liche Klage ist, daß nichts launischer, störrischer und fahrläßiger sei, als es gewöhnlich die aus Waisenhäusern und Armenanstalten gezogne Dienstboten sind.

Auch hier bestätigt es sich, daß die erste Erforderniß zu einer guten Erziehung für alle Stände ein hinlänglich ausgebreiteter Cirkel der Beschäftigungen, und eine hinlängliche Abwechselung und Mannichfaltigkeit in denselben sei.

Der Mensch sei bestimmt, oder bestimme sich selbst, wozu er wolle, so muß er doch ein Theil einer großen Gesellschaft werden, und kann nicht frühe genug mit der Mannichfaltigkeit derer Beschäftigungen bekannt gemacht werden, welche der Mensch zum Leben und zu seinem Wohlseyn nöthig hat.

Fehlt dieses, wird für die Ordnung seines Lebens immer durch andre gesorgt, wirkt er nicht selbst auf eine thätige Weise in dieselbe mit ein, so erziehe, so unterrichte man ihn, so viel man will; es wird sich doch keines derer Talente, die man glaubte ihm mitgetheilt zu haben, gehörig entwickeln, und nützliche wohlüberlegte Betriebsamkeit daraus entstehen.

Fußnoten:

1: *) Eines von dem verstorbenen Hofrath Alemann in Hannover gestifteten Armenhauses.

Erläuterungen:

a: Quelle: Büsch 1784, S. 140-146, 149-150.

[118]

Noch etwas über Ahndungsvermögen.

Göckingk, Leopold Friedrich Günther von

Ellrich den 17ten August 1784.

Schon in meiner Jugend begegnete mir es zuweilen, daß sich meiner Seele, ohne die allergeringste äußere Veranlassung, plötzlich der Gedanke aufdrang; dieser oder jener Bekannter ist dir nahe, wird jetzt gleich zu dir kommen! (wenn die Ahndung mir im Hause anwandelte) oder wird dir begegnen! (wenn ich dann gerade auf der Straße war.)

Zu meiner eignen großen Verwunderung traf dieses nicht selten ein, ob ich gleich von dem, der eine Minute darauf vor mir stand, weder gewußt hatte, daß er in die Gegend kommen würde, noch von ihm gesprochen, noch an ihn gedacht; vielmehr schien die Idee, außer allem Zusammenhange mit den übrigen, einer Eingebung ähnlich, denn ich konnte schlechterdings keinen Faden dazu finden.

In meinen spätern Jahren ist mir der Fall seltener vorgekommen, doch erinnre ich mich noch sehr lebhaft an den folgenden.

Vor zwei Jahren ging ich, mit meiner Frau am Arme zu Leipzig den Brühl hinauf. Als wir nahe an der Ecke der Heustraße waren, fiel mir, mitten unter einem Gespräche von dem Schauspiele, das an dem Abend aufgeführt werden sollte, die Idee ein, daß der Rath Bertuch aus Weimar mir nahe wäre.

[119]

Wir waren noch drei Schritte weiter, und um die Ecke gegangen, als Herr Bertuch mit einemmale vor uns stand, ob ich gleich weder wußte noch vermuthet hatte, daß er in Leipzig sey.

Meine Frau, zu der ich einen Augenblick zuvor gesagt hatte: »Es ist mir, als wenn ich Bertuch hier treffen würde;« erstaunte über den seltsamen Zufall noch mehr als ich selbst.

Umgekehrt hingegen, habe ich mit Herrn Bertuch im Mai dieses Jahres, zu Leipzig, bei Zimmermann im Joachimsthale, an Einem Tische gespeiset, nicht weit von ihm gesessen, und wir sind von einander gegangen, ohne ein Wort davon zu wissen, daß wir uns am Mittage so nahe gewesen waren; am Abend erst wurden wir beide überzeugt, daß die Sache ihre Richtigkeit habe.

In diesem Ahndungsvermögen habe ich nie etwas wunderbares gesucht, denn ich bin in dem Punkte so ungläubig, und halte von Ahndungen, Visionen etc. so wenig, daß ich lieber zu jeder andern Erklärungsart meine Zuflucht nehmen, als glauben würde, meine Seele habe ein privatives Vermögen in diesem Stücke.

Vielleicht lassen sich auch diese Ahndungen physisch und ganz natürlich erklären. Ich habe von Natur einen so feinen Geruch, daß selbst der mehr als 20jährige häufigste Gebrauch des Schnupftobacks die Geruchnerven nicht ganz hat verderben können; denn ich finde, daß ich ein einzelnes Veil-[120]chen noch immer in einer Entfernung wittere, worin es auf den Geruch nur weniger Personen Eindruck macht. Ich kann freilich nicht sagen, daß ich die geringste Empfindung durch die Nerven des Geruchs gehabt hätte, der ich mich deutlich bewußt gewesen wäre, wenn ich die Nähe einer Person ahndete. Aber da diese Ahndung sich nur selten in einem Zimmer, öfter aber in freier Luft, bey mir geregt hat, so wird es mir wahrscheinlicher, daß ich dergleichen sinnliche Eindrücke, ohne mein Wissen, empfangen habe.

Eben so wenig kann ich sagen, daß ich die Personen, deren Nähe sich mir verrieth, im geringsten durch den Geruch hätte unterscheiden können, und am wenigsten, daß ich bei allen, oder auch nur dem größten Theil derer, welche mir unvermuthet aufgestoßen sind, eine Vorempfindung gehabt hätte.

Aber dieses alles stößt meine Hypothese nicht um. Daß mir jetzt diese Ahndung nur selten anwandelt (die von Hrn. B. war die letzte von der Art) ließe sich vielleicht aus der Abnahme meines reinen Geruchs und den immer stärkern Gebrauch des Tobacks erklären.

Ich will Ihnen von einem weit merkwürdigern Ahndungsvermögen noch ein paar Worte sagen, das ich mir auf eben die Art erklärt habe. Für die Wahrheit kann einer der berühmtesten Schriftsteller Deutschlands die Gewähr leisten, der mir aber [121]die Bitte, ihn öffentlich nennen zu dürfen, deshalb abgeschlagen hat, weil viele sonst seinen Freund, den es betrift, leicht errathen würden.

Dieser letztre hat das Vermögen: zu ahnden, wo ein Körper begraben liegt.

Unter mehreren Beispielen, wo seine Vermuthung und Anzeige sich bestätiget hat, nur Eins. Er saß einst mit seinem Freunde, dem Schriftsteller, in dem Lustgarten des letztern. Er äußerte eine Unruhe, die zu sichtbar war, als daß man ihn nicht nach der Ursach hätte fragen sollen.

Er gestand also endlich, daß an der Gartenmauer ein menschlicher Körper begraben liege. Auf der angezeigten Stelle fand man wirklich das Gerippe eines Menschen, ohne daß man hätte muthmaßen können, wie es dahin gekommen sei, oder wie lange es da gelegen habe.

Ich kann allenfalls selbst dafür einstehen, daß das Publikum noch einst nähere Nachricht von diesem Todtenschauer erhalten wird, mit vielen und völlig glaubwürdigen Zeugnissen bestätiget, welche die Sache selbst außer allem Zweifel setzen. Ich bin etc.

Goekingk.

[122]

Laune.

M**s

»Ich spielte den 12ten August im Jahr 1776 Kegel, um mich ein wenig zu zerstreuen, erzählte mir mein Freund S**, und meine Laune besser zu stimmen.

Aber als ich ein paar Würfe fehl gethan hatte, ward ich ungeduldig, und wollte nun das Treffen mit Gewalt erzwingen, da gelang es mir noch weniger, und so spielte ich drei Spiele hindurch noch um ein gut Theil mißvergnügter, als ich vorher war.

Ich hatte nun keine rechte Lust zu arbeiten, und da ich einmal mein Geschäft hatte liegen lassen, so schien es mir nun mit jedem Augenblick schwerer und unangenehmer, ― wollt' ich aber mir ein Vergnügen machen, so fielen mir wieder die verwünschten Arbeiten ein.

Ich mußte also zu etwas schreiten, worüber ich mich selbst vergaß ― dieß verleitete mich zu einem Schritte, der mich viele Jahre gereuet hat.

Hätte ich nur noch beim fünften Wurfe meine Geduld nicht ganz verrauchen lassen, so hätte ich wahrscheinlich nicht fehl geworfen, meine besten Launen wären wieder zurückgekommen; ich wäre mit Vergnügen an mein Geschäft gegangen ― hätte nach Vollendung desselben das reine [123]Vergnügen der Erhohlung nach der Arbeit geschmeckt, und eine Handlung vermieden, die bis jetzt noch einen Stachel in meiner Seele zurückgelassen.

Ein großer Theil meiner Glückseeligkeit stand also auf der Spitze eines Kegelschubes; und wer ist, dessen Schicksal nicht oft auf einer ähnlichen Spitze stände.«

Die gute Laune, die Zufriedenheit mit uns selber ist die Mutter aller Tugenden ― sie ist aber ein kostbares Ding, und zerbrechlich wie Glaß.

Ehe jemand zu einer solchen Fertigkeit gekommen ist, daß nichts so leicht die Grundfesten seiner Handlungen mehr erschüttern kann, muß er über die gute heitere Stimmung seiner Seele, wie über eine aufkeimende Pflanze wachen, die der kleinste Stoß vom Winde zerknicken kann.

In der Folge kann man zwar schon etwas dreister seyn; aber ganz sicher nie ― denn als S** schon viele Jahre lang ein ordentlicher und rechtlicher Mann gewesen war, und für seine Gemüthsruhe von keinem mißlungnen Kegelschube etwas mehr zu befürchten hatte, brachte ihn doch einmal das Billard so aus seinem Gleise, daß es ihm vier Wochen Zeit kostete, ehe er wieder hineinkommen konnte.

[124]

Man suche nur seine Arbeit lieb zu gewinnen, und sie belohnt einem mit Zufriedenheit und Vergnügen.

Jemehr man seines Gegenstandes Meister wird, desto anziehender wird er, wird er für einen.

Vor allen Dingen aber hat man sich vor jenem tauben Hinbrüten in acht zu nehmen, wo ohne Ziel und ohne Zweck ein Augenblick nach dem andern verfliegt, ohne daß man gelebt hat.

Zum mindesten mache man Beobachtungen über seinen Zustand, wenn einem sonst nichts weiter übrig ist, so wird man doch nie ohne eine interessante Beschäftigung seyn!

M**s.

[125]

Inhalt.

<Liste der Beiträge>

Seite
Zur Seelenkrankheitskunde.
1. Merkwürdiger Gang der Phantasie in einem Delirium. Aus einem Briefe, von Herrn D. Dunker aus Klitschdorf bei Bunzlau in Schlesien. 1.
2. Geschichte einer merkwürdigen Krankheit, in Rücksicht auf den damaligen Seelenzustand des Kranken. Aus einem Briefe, von Herrn I. D. Mauchart, der Weltweißheit Magister im theologischen Stift in Tübingen. 12.
3. Zwei Selbsterfahrungen und eine Krankheitsbeobachtung von Herrn K. in T. 23.
4. Auszug aus einem Briefe des fürstlich K―ischen Wundarzts J. an den Herrn Pastor R. 31.
5. Geschichte meiner Verirrungen an Herrn Pastor W*** in H***. 36.
Zur Seelennaturkunde.
1. Fortsetzung des Schreibens von Herrn Abbé L'Epee an Herrn Direktor Heinicke. 73.
2. Ueber das Taubstummen-Institut in Wien, von Herrn Friedrich Nikolai. 81.
[126]
Seite
3. Ueber den Anfang der Wortsprache in psychologischer Rücksicht, von Herrn Pokels, Prinzenlehrer in Braunschweig. 93.
4. Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit, ein Pendant zu 1. B. 1. St. p. 65. 103.
Zur Seelenzeichenkunde.
Beitrag zur Schilderung jugendlicher Charaktere, von Herrn Seidel. 105.
Zur Seelenheilkunde.
Aus einem Aufsatze des Herrn Professor Büsch in Hamburg, das Armeninstitut in Hannover betreffend. 110.
Noch etwas über Ahndungsvermögen, von Herrn Canzleidirektor Goekingk. 118.
Laune, von M**s. 122.