ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VI, Stück: 1 (1788) > 5. Beitrag zur Geschichte der Visionen und der Ausschweifungen der menschlichen Einbildungskraft.

5.

Beitrag zur Geschichte der Visionen und der Ausschweifungen der menschlichen Einbildungskraft.

Pockels, C. F.

Die Geschichte einzelner Schwärmer, die Darstellung ihrer einzelnen Plane und Vorstellungen, und der Gang ihrer Gedanken und Phantasieen liefert uns zur Seelenlehre die interessantesten Beiträge. Eine philosophische Geschichte der Religionsschwärmer fehlt uns noch. Man hat zwar mehrere Historien und Biographien über dergleichen Leute, aber keine solche Darstellungen ihrer Ideen, woraus man [55]viel lernen könnte, woraus die Art und Weise der Entstehungsart ihrer neuen schwärmerischen Begriffe begreiflich würde.

Unter allen Schwärmern älterer und neuerer Zeiten scheint mir Mahomet der sonderbarste, der auffallendste zu seyn. Der Glaube an seine Visionen dauert noch immer unter einem der größten Völker dieser Erde fort, und vielleicht ist es den Lesern des Magazins nicht unangenehm, eine kurze Darstellung seiner Visionen in diesem Journal zu finden, so wie es überhaupt den Werth dieser Zeitschrift vermehren würde, wenn darin mehrere Beiträge über die Schwärmereien vergangener Jahrhunderte, und nicht blos unserer Zeiten, aufgenommen werden sollten.

Die Visionen des Mahomets, die ich aus Castilhon Essai sur les erreurs & les superstitions anciennes & modernes a entlehnt habe, sind gewiß äusserst lächerlich und abgeschmackt; aber grade dieses Lächerliche und Abgeschmackte war der Grund, daß sie einen so grossen und bleibenden Eindruck auf die Araber machten. Aus alten und neuen Berichten über dieses Volk, ist es bekannt genug, wie es sich von je her durch eine glühende Phantasie, durch einen warmen Religionsenthusiasmus, und durch eine ausserordentliche Liebe zu fabelhaften Erzählungen ausgezeichnet habe. Die Araber konnten nicht glauben, daß ein Mensch solch [56]ein langes Gewebe von Fabeln und starken Bildern durch seine blosse Phantasie hervorbringen könne, wenn er nicht das alles wirklich erlebt hätte, wovon er eine so sonderbare Erzählung der Welt mittheilte, und in der Erzählung selbst, wie man aus dem folgenden sehen wird, lag ein so starker Grund, daran zu glauben, daß sie ohne die größte ihnen vorgespiegelte Gefahr nicht leicht das Gegentheil annehmen konnten. Mahomet kannte die Menschen zu gut, als daß er nicht ihre schwachen Seiten genuzt haben sollte, so wie sie alle Sectenstifter in allen Zeiten zu nutzen gewußt haben.

Daß die Mahometaner noch bis diesem Augenblick an die phantastischen Erzählungen ihres Propheten mit solcher Steifigkeit glauben, daß sie jeden, der unter ihnen daran zweifeln wollte, dem ewigen Fluche übergeben, ist um so weniger wunderbar, da viel aufgeklärtere Secten noch so vielen Unsinn bei ihrem Religionssystem annehmen, und sich davon nicht abbringen lassen. Vornehmlich aber sind es folgende Gründe, welche die Mahometaner an den Glauben an die albernen Visionen ihres Propheten fesseln. –

Der erste Grund, welcher bei allen Secten und bei allen Menschen so erstaunlich viel Gewicht hat, ist der, weil sie jene Erzählungen von ihren Vätern erhalten haben, diese wieder von ihren Vätern, u.s.w., bis man in einer genealogischen Folge dieses [57]Aberglaubens auf die Leute selbst kommt, welche die ganze fabelhafte Geschichte aus dem Munde des Propheten unmittelbar erhalten zu haben vorgaben. Eine solche Erzählung, welche sich von Geschlecht auf Geschlecht fortpflanzte, und noch dazu in einem Buche aufgezeichnet war, dessen Inhalt, so albern er auch immer seyn mag, als eine von der Gottheit selbst aufgezeichnete Schrift betrachtet wird, mußte bei einem ohnehin blinden Volke den stärksten Eindruck machen. Alles, was uns von unsern Aeltern und Vorfahren erzählt wird, hat etwas ehrwürdiges für unsre Einbildung an sich; vornehmlich weil uns dergleichen Dinge schon frühzeitig in unsrer Jugend erzählt werden, und mit den Jahren in uns gleichsam anrosten.

Der zweite Grund, welcher eben so leicht die Menschen zur Leichtgläubigkeit verführt, liegt unstreitig darin, daß die Visionen des Mahomet, ihres Unsinns ohnerachtet (so wie die Götterlehren und Theogonien der Alten), sehr unterhaltend sind, und die menschliche Einbildungskraft, diese unruhigste aller Seelenfähigkeiten, auf eine angenehme Art beschäftigen. Die meisten Religionssysteme alter und neuer Zeiten haben nicht sowohl dadurch sich eine Menge Verehrer erworben, weil sie Wahrheiten der Vernunft auf eine deutliche und bestimmte Art zu unsrer Glückseligkeit darstellen; sondern weil sie gewisse Lehren vortragen, die sich an unsere Ein-[58]bildungskraft anschliessen, und die Neigung zum Wunderbaren in uns nähren. Es ist um das äussere Ansehn der meisten – wo nicht aller Christlichen Religionslehren selbst gethan, sobald die Aufklärung einmal so weit gehen sollte, daß alles Wunderbare davon abgesondert werden müßte. –

Der Mensch, vornehmlich wenn er noch nicht an ein ernsthaftes Nachdenken gewöhnt ist – und wie viel sind daran gewöhnt? – opfert gern die Wahrheit sinnlichen phantastischen Bildern auf, und er scheut sich, diese Bilder zu beleuchten, weil er sich durch eine nähere Untersuchung nicht gern um das Vergnügen bringen läßt, welches sie ihm gewähren. Durch eine lange Gewohnheit an diese Bilder wird seine Vernunft hierbei endlich so abgestumpft, daß er wahrlich nicht einmal mehr mit Ernst darüber nachdenken kann. Die Gewohnheit verwandelt den Unsinn in Wahrheit. – Doch hier sind die Visionen Mahomets selbst.


»Es war Nacht, so lauten seine Worte, und ich lag zwischen den beiden Hügeln von Alsafar und Merva unter freiem Himmel, als ich den Engel Gabriel, von einem andern Geiste des Himmels begleitet, auf mich zukommen sah. Beide unsterbliche Wesen beugten sich über meinen Körper herab. Das eine spaltete mir sogleich die Brust, das an-[59]dere aber zog mein Herz heraus, drückte es in seinen Händen zusammen, daß die Erbsünde in einem schwarzen Tropfen herausfloß, und legte es dann wieder an seine vorige Stelle. Diese Operation verursachte mir nicht den mindesten Schmerz.

Gleich darauf breitete Gabriel seine hundertundvierzig Paar Flügel, die gleich der Sonne glänzten, aus einander, und führte die Stute Al-Borac zu mir, welche weisser als Milch ist, und eine Menschengestalt und Pferdekinnbacken hat. Ihre Augen funkelten, wie die Sterne, und die Strahlen, welche herausfuhren, waren viel wärmer und durchdringender, als die des Gestirns des Tages, wenn es am heftigsten brennt. Die Stute breitete ihre zwei grossen Adlersflügel aus einander, ich näherte mich, und sie wollte mich umbringen. Aber Gabriel sprach zu ihr: Sey ruhig, o Borac! und gehorche dem Propheten Mahomet. Der Prophet Mahomet, erwiederte Borac, wird mich nicht besteigen dürfen, wenn du von ihm nicht erhältst, daß er mich am Tage der Auferstehung in's Paradies eingehen läßt! Beruhige dich, Borac, war meine Antwort, du sollst mit in's Paradies eingehen!

Borac ward darauf sehr ruhig. Ich schwang mich auf seinen Rücken, und schneller als der Bliz flog es dahin. Ein Augenblick, und ich sahe mich an dem geheiligten Thore des Tempels zu Jerusa-[60]lem, wo ich Moses, Abraham und Jesus antraf. Auf einmal ließ sich eine Lichtleiter vor uns herab, und durch Hülfe derselben stiegen wir, ich und Gabriel, bis zum ersten Himmel hinauf. Der Engel klopfte an das Thor, indem er meinen Namen ausrief, und das Thor, welches grösser als die ganze Erde ist, drehte sich um seine Angeln. Dieser Himmel ist von gediegenem Silber, und die Sterne sind darin in schönen Bogen an starken goldenen Ketten aufgehangen. In jedem dieser Sterne hält ein Engel Schildwache, damit der Teufel nicht die Himmel ersteigen kann.

Ein abgelebter Greis kam mir in diesem Himmel entgegen, und wollte mich umarmen, indem er mich den größten seiner Söhne nannte. Es war Adam; aber ich hatte nicht Zeit, ihm zu antworten. Meine Aufmerksamkeit war auf eine Menge Engel von allen Gestalten und Farben geheftet. Einige glichen den Pferden, andere den Wölfen, u.s.w.

Mitten aus diesen Engeln erhob sich ein Hahn von einer blendendern Weisse als der Schnee, und von einer so erstaunlichen Grösse, daß sein Haupt den zweiten Himmel berührte, der doch vom erstern so weit entfernt ist, daß der schnellste Reisende diesen Zwischenraum erst in fünfhundert Jahren durchlaufen würde. Ich verrieth über alle diese Dinge, besonders über die Engel in Thiergestalt, mein Erstaunen; aber Gabriel sagte mir, daß diese Engel [61]bei Gott die Fürbitter für alle ähnlich gebildete Geschöpfe der Erde wären; daß der grosse Hahn der Engel der Hähne sei, und daß sein Hauptgeschäft darin bestehe, alle Morgen durch sein Krähen und seine Lobgesänge Gott zu belustigen.

Wir verliessen darauf den Hahn, Adam und die Engel in Thiergestalt, kamen zur Lichtleiter zurück, und begaben uns in den zweiten Himmel, welcher von dem erstern so weit entfernt ist, daß man von einem zum andern fünfhundert Jahre reisen müßte. Dieser Himmel ist von einer harten und polirten Eisenart. Ich fand den Noah daselbst, welcher mich umarmte, auch den Johannes und Jesus, welche mich den größten und vortreflichsten Menschen nannten. Wir hielten uns hier gar nicht auf, sondern gelangten von einer Stufe zur andern in den dritten Himmel, welcher von dem zweiten weiter, als dieser von dem ersten entfernt ist.

Man muß wenigstens Prophet seyn, um den blendenden Glanz dieses Himmels, welcher aus lauter köstlichen Steinen besteht, zu ertragen. Unter den unsterblichen Wesen, welche ihn bewohnen, bemerkte ich einen Engel, dessen Gestalt über alle Vergleichung ging. Er hatte 10000 Ordnungen von Engeln unter seiner Aufsicht, und jeder besaß mehr Kraft, als 10000 Bataillone zum Schlagen fertiger Männer. Dieser grosse Engel nennt sich den Getreuen Gottes. Seine Gestalt ist so unge-[62]heuer groß, daß der Raum zwischen seinen beiden Augen wenigstens eine Ausdehnung von 70000 Tagereisen ausmacht. Vor diesem Engel befindet sich ein ungeheures Schreibpult, worauf er unaufhörlich schreibt und ausstreicht. Gabriel sagte mir, daß der Getreue Gottes zugleich der Engel des Todes, und unaufhörlich mit Aufzeichnung der Namen der künftig Gebornen, mit Berechnung ihrer Lebenstage und mit Auslöschung derselben aus seinem Buche beschäftigt sey, je nachdem er bemerkt, daß sie nach seiner Rechnung, das bestimmte Lebensziel erreicht haben.

Es war Zeit weiter zu gehen; Gabriel benachrichtigte mich hiervon, und wir stiegen mit einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit auf der Lichtleiter zum vierten Himmel hinein. Hier fand ich den Enoch, welcher vor Freuden ganz ausser sich war, als er mich erblickte. Dieser Himmel ist von einem feinen Silber, und viel durchsichtiger als Glas. Er ist der Aufenthalt einer unzählbaren Menge englischer Wesen. Eins von denselben, obgleich kleiner, als der Engel des Todes, stößt doch mit seinem Haupte an den obersten Himmel, das heißt, es hatte aufrecht stehend eine Höhe von fünfhundert Tagereisen. Das Amt dieses Engels ist sehr traurig und ermüdend, indem er einzig damit beschäftigt ist, über die Sünden der Menschen zu weinen, und die Leiden vorher zu verkündigen, welche sie sich zuziehen werden. Dieses Wehklagen beunruhigte [63]mein Herz zu sehr, um es länger anhören zu können, und wir begaben uns schnell zu dem Thore des fünften Himmels, das sich sogleich aufthat.

Aaron kam uns entgegen, und stellte mich seinem Bruder Moses vor, der sich meinem Gebete empfahl. Dieser Himmel ist ganz von gediegenem Golde; aber die Engel, die ihn bewohnen, sind nicht so freudigen Muths, als die der andern Himmel, und sie haben Ursach dazu. Denn eben hier werden die Behältnisse der göttlichen Rache, das verzehrende und ewige Feuer des göttlichen Zorns, die Strafen verstockter Sünder, und vornehmlich die Qualen für die Araber aufbewahrt, welche den Ismaelismus nicht annehmen wollen. Dieses beunruhigende Schauspiel machte, daß ich meine Reise beschleunigte, und nunmehr von meinem englischen Führer begleitet, den sechsten Himmel bestieg. Hier traf ich den Moses noch einmal an, welcher, als er mich erblickte, zu weinen anfing, weil, wie er sagte, ich mehr Araber in's Paradies führen würde, als je Juden hinein gekommen wären. Ich tröstete, so viel ich konnte, den Vater der Israeliten, und langte zu meinem grossen Erstaunen mit einem schnellern Fluge, als menschliche Gedanken, im siebenten und lezten Himmel an. Dies sollte das Endziel meiner Reise seyn.

Ich bin nicht im Stande, getreue Gläubige, euch einen Begriff von dem unaussprechlichen Glanze [64]der Materie zu geben, woraus dieser Himmel gebildet ist. Es mag zureichend seyn, euch zu sagen, daß er von göttlichem Lichte gemacht ist. Das erste der dortigen Wesen, das mir auffiel, übertrifft an Grösse die Erde. Es hat 70000 Köpfe, jeder Kopf hat 70000 Gesichte, jedes Gesicht 70000 Mäuler, jedes Maul 70000 Zungen, welche unaufhörlich und zu gleicher Zeit 70000 verschiedene Sprachen reden, welcher sich dieses ungeheure Wesen ununterbrochen zum Lobe der Gottheit bedient.

Ich betrachtete still dieses unermesliche himmlische Geschöpfe, als ich fühlte, daß ich schnell in die Höhe gehoben wurde. Ich durchstrich einen ungeheuren Raum, und fand mich endlich neben dem unsterblichen Sedra sitzen. Dieser schöne, zur Rechten des Gottheitsthrons, gepflanzte Baum dient den Engeln selbst zu einer Scheidewand. Unter seinen Zweigen, welche den Raum zwischen dem Sonnenteller und der Erdkugel an Ausdehnung übertreffen, befindet sich eine erstaunliche Menge Engel, welche grösser, als die Menge Sand aller Meere, aller Ströme und Flüsse ist. Diese für ein sterbliches Auge unendliche Anzahl himmlischer Geister, ruht unter den Blättern des Sedra, welcher sie mit seinem Schatten bedeckt. Auf seinen Aesten sitzen Vögel, welche die erhabnen Stellen des göttlichen Korans betrachten. Die Früchte dieses herrlichen Baums gleichen den Handbecken [65]von Hajir, und seine Blätter den Ohren des Elephanten. Seine Früchte sind süsser als Milch. Eine einzige würde zureichen, alle Geschöpfe Gottes seit der Schöpfung der Zeit bis zum Untergange aller Dinge zu ernähren.

Aus dem Fusse dieses wunderbaren Sedra quellen vier grosse Flüsse hervor. Zwei ergiessen sich stromweise in die Ebenen des Paradieses, die beiden andern giessen sich auf die Erde hinab, und bilden den Nil und den Euphrat, deren Quellen vor mir kein Mensch gewußt hat.

Hier verließ mich Gabriel, weil ihm in die Oerter zu gehen nicht erlaubt ist, wohin ich dringen sollte.

Israfil nahm seine Stelle bei mir ein, und führte mich in das göttliche Wohnhaus des Almamur, oder des Besuchten; ein Name, welcher ihm deswegen gegeben ist, weil er täglich von 70000 Engeln der ersten Klasse besucht wird.

Dieses Gebäude gleicht in allen seinen Theilen ganz genau dem Tempel zu Mekka, und wenn es in einer lothrechten Linie vom siebenten Himmel, wo es sich befindet, auf die Erde herabfiele: so würde es nothwendiger Weise grade auf den Tempel zu Mekka herabstürzen.

Kaum hatte ich meinen Fuß in das Haus des Almamur gesezt, als ein Engel mir drei Becher [66]brachte. Der eine war voll Wein, der zweite voll Milch, und der dritte voll Honig. Ich nahm den voll Milch, und trank. – Auf einmal ließ eine Stimme, so stark wie zehn Donnerwetter, folgende Worte erschallen: »O Mahomet, du hast sehr wohl gethan; hättest du den Wein gewählt, so wäre deine Nation verderbt worden, und alle ihre Unternehmungen würden gescheitert seyn!«

Welch ein Schauspiel, meine Gläubigen! welch ein Schauspiel aber verblendete nun meine Augen! Immer den Israfil vor mir, durchstrich ich schneller als ein Gedanke zwei Lichtmeere und eine schwarze unendlich lange Bahn, und es war mir, als ob ich von dem Throne und der unmittelbaren Gegenwart Gottes angezogen würde. Furcht und Schrecken bemeisterten sich meiner; eine Stimme, brausender als Meereswogen, rief mir zu: »O Mahomet! Weiter! nähere dich dem himmlischen Throne!« Ich gehorchte. An der Seite des göttlichen Throns las ich den Namen Gottes und den meinigen also geschrieben: »Es giebt keinen andern Gott, als Gott, und Mahomet ist sein Prophet!«

In dem nämlichen Augenblick, als ich diese geheiligte Inschrift las, breitete Gott seine Arme aus einander, legte seine rechte Hand auf meine Brust, und seine linke auf meine Schulter. Ich fühlte in meinem ganzen Körper eine durchdringende Kälte, die selbst das Mark meiner Knochen gefrieren machte; [67]aber in eben der Zeit breitete sich in meiner Seele ein unbeschreibliches und den Menschen unbekanntes süsses Gefühl aus, wovon ich ganz berauscht ward.

Diesen mächtigen Empfindungen folgte eine sehr vertrauliche und lange Unterredung zwischen Gott und mir, in welcher er mir, nachdem er mir die Gesetze des Alkorans dictirt hatte, ausdrücklich den Befehl gab, daß ich euch ermuntern sollte, durch Waffen, Blut und Gewalt, die heilige Religion zu vertheidigen, welche ich gegründet habe, und daß ihr glücklich gewesen wäret, sie kennen zu lernen.

Gott hörte hier zu reden auf, und ich dachte auf meinen Rückweg zur Erde, um meine Schüler zu heiligen. Ich fand den Engel Gabriel auf der Stelle, wo ich ihn gelassen hatte, und wir kamen durch die sieben Himmel zurück, wo wir bey jedem Schritt durch die Chöre und Begrüssungen himmlischer Geister, die mein Lob sangen, aufgehalten wurden.

Als ich nach Jerusalem zurück kam, zog sich die Luftleiter wieder in's Gewölbe des Himmels hinauf. Al-Borac erwartete mich, ich bestieg sie, es war noch Nacht und stockfinster. Al-Borac ließ mich von der Lufthöhe herab Armenien und Adherhijan sehen, und brachte mich in ihrem zweiten Fluge wieder hierher.

Als ich meinen Fuß wieder zur Erde sezte, wandte ich mich zum Gabriel. »Ich fürchte sehr, [68]sprach ich, daß mich mein Volk als einen Betrüger betrachten, und daß es die Erzählung von meiner Reise durch den Himmel nicht glauben wird!« –

»Beruhige dich,« antwortete mir darauf Gabriel, »dein Volk ist verbunden, alles das zu glauben, was aus deinem Munde kommen wird, und dein getreuer Zeuge Abubecre, dein Wezir Ali,, dein muthiger und heiliger Ali, werden in jedem Fall deine Aussprüche unterstützen, und jeden Umstand dieser grossen Begebenheit rechtfertigen.«

Erläuterungen:

a: Castilhon 1765.