ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Vermischte Gedanken.

Lavater, Johann Caspar

(Manuscript für Freunde.)
Junius — December 1774. a

Lavater gab diese vermischten Gedanken, wovon ich nur den Beschluß mittheilen will, seit dem Jenner 1774 in Duodez, b und zwar, um ihnen das Ansehen eines vertraulichen Manuscripts zu geben, in gestochener deutscher Schreibschrift, also in wirklichem Druck, heraus. Jeden Monat theilte er auf diese sonderbare Art eine Anzahl seiner Gedanken seinen eigentlichen Vertrauten, oder auch Fernennahen, wie er gewisse andere nennt, mit, und [97]fuhr damit bis im May obigen Jahrs treulich fort. Aber auf einmal nimmt er von seinen Freunden in einer langen Epistel auf einige Zeit Abschied, und diese Epistel ist es, welche wegen ihres merkwürdigen Inhalts zu nächst folgt, und kein unmerkwürdiges Stück von der eigentlichen Denkungsart jenes sonderbaren Mannes ist, dessen Geist und Herz für den Psychologen gewiß ein sehr interessanter Gegenstand seyn muß. <P.>


Schon seit dem Maymonat hab' ich Euch, liebste Leser und Leserinnen, dieser vermischten monatlichen Gedanken weiter nichts mitgetheilt, und jetzt muß ich sagen, daß ich Euch eine Zeitlang auch weiter nichts mittheilen kann. Ich muß mich noch mehr einschränken, als ich bisher gethan habe, und den Zirkel meiner Würksamkeit enger machen, um desto kräftiger würken zu können. Das ist ein Hauptgrund, warum ich diese Gedanken jetzo weiter nicht fortsetzen kann. Ein anderer ist, — weil sie das nicht blieben, was sie seyn sollten: Manuscript für Freunde, — sie wurden zu weit ausgebreitet, und sogar in öffentlichen Blättern angezeigt. Bey meiner neulichen Reise durch einen Theil von Deutschland hab' ich zu oft mit Bestürzung wahrnehmen müssen, wie öffentlich ich geschrieben habe, da ich geheim schreiben wollte. Ich will deswegen keinem Vorwürfe machen. Ich weis, [98]daß es aus guter Absicht geschehen ist. Allein mein Zweck ist nun verfehlt, und meine Kräfte reichen diesmal sonst weiter nicht hin. Dies sind zwey Hauptgründe, die ich sagen darf — zur Entschuldigung, daß ich jetzo von meinen vertrautern Lesern, denen ich diese Gedanken statt Briefe zuzusenden pflegte, Abschied nehme. Es sind noch einige andere, die ich wohl mündlich jedem besonders sagen dürfte; aber dennoch nicht gern diesem Blatte anvertrauen mag, so sehr ich auch hoffe, daß man es auf diesen Wink geheimer, als die bisherigen, halten werde. Um aber auch diesmal etwas zu sagen, und nicht so ganz trocken von so herzlieben Leuten, als mir die Leser dieser Gedanken sind, wegzugehen, will ich Euch einige Bemerkungen mittheilen, die ich auf meiner, für mich in so mancher Absicht sehr gesegneten Reise zu machen Gelegenheit gehabt habe, und die den wenigsten von Euch ganz gleichgültig seyn werden, und mich den Empfindungen überlassen, die sie ohne Zweifel, sooft ich sie mir wieder erneure, in mir aufwecken werden. —

Ich habe viel mehr gute, recht gute Seelen angetroffen, als ich geglaubt hatte; wenig Vollkommne! Keine! Keine; aber viel mehrere, die nach Vervollkommnung strebten, als ich in meiner Unbekanntheit mit der Welt hoffen durfte.

Ich habe hohe und niedere Personen gefunden, die wirklich ein sehnliches Verlangen zu haben schie-[99]nen, immer besser und ihrer Bestimmung würdiger zu werden. Seelen, die nach Licht, Kraft und Wahrheit dürsteten. — — Sie werden, währte ihr Durst noch Tage oder Jahre, ersättigt werden.

Viel, viel mehr habe ich, als ich mir vorstellen konnte, unter vornehmen und hohen Personen Weisheit, Nachforschung der Wahrheit, Theilnehmung am Guten angetroffen. Erstaunt und — beschämt ging ich oft weg von Ihnen; erstaunt über sie; beschämt über mich.

Doch wars auch neue mächtige Ermunterung, an mir selbst und an andern zu arbeiten. Ich sahe, daß man nicht umsonst arbeitet, seinen Saamen nicht vergeblich ausstreut. — »Wenn Gott diesen geringen Grad von Wahrheitsliebe und Redlichkeit so belohnt, so augenscheinlich segnet —, was wirst du erst zu erwarten haben, wenn du mit noch reinerer Einfalt, noch uneigensüchtigerm Eifer, mit noch mehr Weisheit und Kraft Gottes an der Ausbreitung der beßten Religion arbeiten wirst« — so dacht' ich, so mußt ich denken! Neuer Muth, neues Leben kam in mich —. O Gott, laß diese Funken, die du aus meinem Herren entschlugst, Flammen werden, und diese Flammen ein Feuer auf Erden anzünden, das nimmermehr erlischt. Ach wie wollt ich, daß es schon an- [100] gezündet wäre!*) 1 — und wie ist mir so bange!—

Auch durch manche Prüfung, geliebte Freunde, ging meine Religion. Manche, die schwiegen, und manche, die sprachen, legten sie auf die Wage. Ich merkte und hörte Einwendungen, die ich noch niemals gehört, nie erwartet hatte. — »Aber ists nichts als dies«? Das war doch allemal das Resultat aller dieser Prüfungen. — Ists nur dies, was man wider meinen Glauben einzuwenden hat? Muß man sich so aus der Frage herausziehen; so antworten? (und ich sehe nicht, warum man nicht das Beste und Stärkste sollte gesagt haben, was man sagen konnte.) Hocherhabner Jesus! Wie fest ist dein Evangelium! wie unerschütterlich dein Leben, und deine allwürksame Gotteskraft und Gottesliebe! —

Auch seufzen hab' ich gehört, nicht nur von blöden, kurzsichtigen Seelen, ohne Kraft und Heldenstärke, — auch von männlichen Seelen hier und dort über den erbärmlichen Verfall der menschlichsten und göttlichsten Religion; — »Aber unter aller Kritik hört ich doch auch sehr vernünftige Leute sagen, unter aller Kritik sind die Bemühungen einiger Gottesgelehrten zur Läuterung, d.h. Verschwem-[101]mung der Religion. Sie zerstören die Menschlichkeit, indem sie das Christenthum zerstören, und Christum den Christen rauben«!

Wie tief aus meinem Herzen herausgesprochen war das! Mit welcher Fülle der Ueberzeugung stimmt' ich in diese gerechte Klagen ein! wie ward mir so leicht! wie schien mir die halbverlorne Sache gleichsam schon wiedergefunden, da ich hörte, daß die Wahrheit Gottes an manchen Orten noch Ohren findet, die sie hören und verstehen, und Seelen, denen es Last ist, daß sie's nicht lauter, mächtiger sagen dürfen. — »Man stößt den Herrn des Weingartens zum Weingarten heraus«. Dies Wort wiederhol ich auch mit Bedacht hier, — frey dürft' ich dies öffentlich sagen. Wie gern verpflicht' ich mich dadurch, es bey jedem, jedem Anlaß immer stärker, treffender, schneidender zu sagen — »daß man wider die Menschheit raset, wenn man wider Christum sich auflehnt«. Wenn Christus unerträglich ist, o wie ist denn gewiß, aller vorgegebenen hochgepriesenen Menschenliebe ungeachtet, auch die Menschheit unerträglich! Wer mich hasset, der hasset auch meinen Vater, hast du mit göttlicher Einfalt und Wahrheit gesagt, — du bester aller Menschen, aller Herren und aller Götter auf Erden und im Himmel! und wer deinen Vater hasset, der hasset auch seine Kinder, — so wie der den liebt, der gezeugt hat, auch den liebet, der von ihm gezeugt ist.

[102]

Wo ichs nicht suchte, unter Leuten schlimmen Rufes (durch eigne Schuld vielleicht) habe ich gefunden, die nicht ferne vom Reiche Gottes waren! — Wer nicht Mensch seyn will, wird kein Christ werden, und wer Mensch werden will, — wie nahe ist der dem erhabensten Christenthum — das glaubt ich lange. Siegel dieser Wahrheit legte mir Gottes Fürsehung durch diese vor die Augen, — daß mein Herz in großen Hoffnungen frohlockte und an meines Herrn Wort gedachte: »die Zöllner und Hurer gehen euch vor ins Reich Gottes«!

Die Menschheit wird sich emporschwingen, und ihre Würde wird leuchten! Gott wird sich aufs neue offenbaren im Fleische! — das ist, das Christenthum wird siegen; wieder emporströmen, wie eine hellleuchtende, und weit erwärmende Flamme! — und weiter nicht, als auf das Jahr 1776 oder 77 will ich appelliren*) 2 — Die Thorheit der groben und feinen Schriftbestürmer wird offenbar [103]werden. Die Unvernunft dieser Vernunftsherolde wird so entblößt werden, daß sie eine Zeitlang die Augen vor Schaam nicht mehr sollen aufheben dürfen. Gott wird sich durch Vernunft an der Vernunft rächen, — und durch Thorheit der Predigt in den Einfältigen herrlich, und in den Gläubigen wunderbar werden. Aber dies wird noch nicht das Ende seyn! — Dies sind nur Stimmen in der Wüste: Bereitet den Weg dem Herrn! Macht seine Pfade richtig!

Nicht eben als Hauch des prophetischen Geistes darfst du dies Wort auffassen. Es ist Resultat einfältiger Beobachtungen, die ich gern in den Schooß meiner nähern und fernern Freunde, und allenfalls auch derer frommen Seelen, die unmittelbar an diese gränzen, hinlege. Einige Saamenkörner, die Früchte bringen werden, wenn dieser Brief nach ein Paar Jahren diesem oder jenem zufälliger Weise wieder vor die Augen kommen, d.i. ihm von dem himmlischen Vater, ohne dessen Willen kein Buchstaben hier geschrieben steht, in die Hände gegeben werden wird.

Wohl dem, der jetzt und alsdann erwacht — und aufschaut, und sich umsieht, wo er steht, und was er bey dieser Lage der Sachen zu thun hat! Sey er Fürst, oder Sohn der Dienstmagd, der im Schweiße seines Angesichts sein Brod isset. — — Ja Fürsten, denen dies Büchlein in die Hände [104] kommen wird — und Tagelöhner in einsamen Arbeitsstuben, die mich lieben, und gern an der Wahrheit Theil nehmen, die Gott auch ihnen durch mich darzureichen beliebt; — ja Fürsten und Tagelöhner, Brüder und Schwestern, Lehrer und Schüler, wachet und helfet mir wachen; bittet und helfet mir bitten; arbeitet und helfet mir arbeiten, daß in seiner Herrlichkeit erscheine, denen, die seine Herrlichkeit lieb haben, Jesus Christus, dem der ewige Vater alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben hat, und dem die Menschen im Staube alle Gewalt auf Erden und im Himmel rauben! —

Thue ein jeder von uns, was er kann. Es ist keiner, der nichts, keiner, der nicht mehr kann, als er jetzt denkt! und wenn wir im Geiste als ein Mann für einen Mann stehen; jeder an seinem Posten; jeder in dem Kreyße, den der Vater um ihn her gezeichnet hat; — jeder des andern Arbeit ohne Neid mit ermunterndem Wohlgefallen anschaut; jeder sich freut, wenn nur Christus in alle Wege verkündigt, verherrlicht und groß gemacht wird; jeder froh ist, wenn zur großen Erndte der Arbeiter immer mehr, und der Fruchtzerstörer und Müßiggänger immer weniger werden — — dann wird sich unsere Wirksamkeit vermehren! Gott wird in uns herrlich werden, und gepriesen der Name unseres Herrn Jesu Christi durch uns und wir in ihm.

[105]

Laßt, Brüder und Schwestern, dies Wort würken, und Leben aufwecken, und gebt es keinem Spotte des Leichtsinnes und frechen Unglaubens preis! Entzieht Euch diesem, wo ihr könnt, und verhült Euch in seiner Gegenwart in die Stille Eures Herzens — und in das Zeugniß von unserm Großen, Namenlosen, das die redlichsten und besten Menschen des Erdbodens uns hinterlassen haben, daß es auf uns würke, und uns stärke auf die Stunde der Versuchung! —

Schweigen ist oft mächtiger, als reden, und seine Kraft zurückhalten, heißt oft, seine Kraft offenbaren. Weisheit Gottes lehr' uns reden und schweigen! — Und was ist Weisheit Gottes, als stilles, ruhiges Aufsehn auf Ihn, dessen Namen uns allen in die Seele gegraben ist, so wie unsere Namen in die seinige! Aufsehen auf Ihn! O Geheimniß, in welchem alle Schätze der Weisheit, der Erkenntniß, der Kraft und der Tugend verborgen sind! Wer dich gelernt hat, weis alles, was er wissen muß, kann alles, was er können muß, und hat alles, was er bedarf! Ist reicher und mächtiger, als er sagen darf. Ist auch, — ich darfs keinem ins Ohr sagen, was er ist — — —; aber aller Herzen werdens empfinden, und frolocken in unaussprechlicher und herrlicher Freude. —

Wohin, Brüder, irr ich, nicht irr ich — wohin führt mich die Hand, die alle meine Tritte lei-[106]tet, und alle Worte für die mir darreicht, die für mich bitten?

Ja! so viele zu wissen und zu kennen, die bereits, ehe sie mein Angesicht sahen, meinen Namen, den alten, der mit dem alten irdischen Menschen zu Grunde geht, und so wenig, als der das Reich Gottes erben kann und wird — so viele, die meinen Namen in ihrem Gebet und ihren Danksagungen vor Gott nennten, und nun noch mehrere, die, nachdem mir Gott ihre Liebe zu hören und zu schauen gab, zu schauen das Siegel Gottes auf ihrer Stirn — so viele, die für mich beten — wenn das nicht stärkender Trost, das nicht Stimme Gottes ist. »Sey getreu bis in den Tod«! Das mich nicht hoch und höher hebt, als die hohe und weite Sichtbarkeit hinreicht, das nicht mir Beruf ist, seine Sache mit mehr Einfalt und Treue und Eifer und Herzlichkeit zu besorgen; so bin ich elender, als alle Menschen. — Aber nein! gewiß glücklicher, als alle Menschen, daß Gott mich so trägt, auf diesen Flügeln seiner Barmherzigkeit mich aus dem Staube empor hebt, daß er mich gleichsam nöthigt — nicht länger zurück zu sehen; sondern nur vorwärts, vorwärts!

Ja, Ihr alle, die dies lesen oder hören, mein Angesicht gesehen, oder nicht gesehen haben — wenn ihr wüßtet, welch ein zertretener Wurm ich bin, wie Nichts ich bin, wie unendlich viel schwächer, [107]als keiner meiner Freunde glauben, keiner meiner Feinde argwohnen kann, wie ich oft nahe an die tiefsten furchtbarsten Abgründe hingerissen werde, oder von selbst hinstürze; — wüßtet, wie ich augenblicklich nur von der sichtbarsten augenscheinlichsten Gnade leben muß, wie oft ich mir und Gott unerträglich vorkommen muß — in der erbärmlichsten Selbstsüchtigkeit, die mich so oft in den reinsten Gesinnungen und besten Thaten wie ein Räuber überfällt; — wenn ihr wüßtet, was alles auf mir liegt, Läste, die ich mir selbst aufgeladen habe, und Läste, die mir so manche andere aufladen, die auch schwer zu tragen haben. Auch wenn ihr wüßtet, wie Leichtsinn und tiefe Melancholie so oft in mir mit einander kämpfen, und mit einander abwechseln, wie selten ich bey dem Gedränge, in dem ich lebe, in der edeln heitern Ruhe, in der sanften reinen Würksamkeit, die keine Absicht, kein Ziel hat, als Jesus Christus, wie selten ich in der schönen Einfalt Christi stehe, die die höchste Gottesruh und Gotteswürksamkeit war — — wenn ihr das, und noch so manches andere wüßtet, das ich diesem, ach leider! schon zu öffentlichen Blatte nicht anvertrauen darf, wie würdet ihr meiner brüderlichen Bitte so gern willfahren, meiner täglich einmal ausdrücklich vor Gott unserm Heilande zu gedenken!

O Brüder und Schwestern, schon so manchem unter Euch hab ichs gesagt, oder geschrieben: Was [108] Ihr für mich thut, thut Ihr für Euch! Wollt Ihr, daß Gott durch mich auf Euch würke; so laßt Gott auch durch Euch auf mich würken, damit wir immer mehr zur Einigkeit des Geistes kommen, und näher seyn dem großen bewölkten — schrecklich fernen und wunderbar nahen Ziele — unter uns Eins zu werden in Christo, wie er und der Vater Eins ist.

Ich schreibe — und verstehe noch wenig von dem, was ich schreibe; zwar alles, was die Welt verstehen heißt; — aber sehr wenig von dem, was der Geist der Wahrheit in Christo, rechter Verstand des Geheimnisses Christi heißt.

O Unterschied wörtlicher und anschauender Erkenntniß, der Einbildungskraft und des Herzens! des Herzens und des ganzen göttlichen Menschen in uns, der lauter Geist und Leben und Ebenbild Gottes ist, und alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit ergründet.

O Wahrhaftiger! Einziger! wie wenige kennen dich, und deinen Sohn, und wissens aus unmittelbarer Erfahrung, daß dich in ihm erkennen ewiges Gottesleben ist!

O unaufhörliches Schwätzen, Disputiren, Predigen, Schreiben von dem, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, und was in keines Menschen Herz aufgestiegen ist — ich meine von dem, was Gott schon in diesem Leben denen bereitet hat, die ihn lieben.

[109]

Uns, hieß es in den Zeiten der Wahrheit und des Geistes, uns hat es Gott durch den Geist geoffenbaret! Wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

O Brüder, o Schwestern vom silbernen Thron an, bis zum simpelsten Holzstuhl — verzeihet mir mein Stammeln an Euch! — — — — — Ich umarme Euch alle im Geiste, und freue mich Eurer alle auf den Tag Jesu Christi.

Schriebs zu Zürich
den 18ten Septemb. 1774.

J. C. L. c

Hier sind noch einige seiner sonderbaren, schwärmerischen Gedanken, die er von Monat zu Monat an seine vertrauten Freunde schrieb. Ich setze sie eben so abgebrochen, so unbestimmt hierher, als sie in seinem Manuscript zu lesen sind. <P.>


Unendliche Mannigfaltigkeit, unendliche Einheit ist alles, was wir sehen. Jedes ist von jedem verschieden, und alles ist dennoch nur Eins. d — Suche Ruhe, wo du willst, du findest sie nirgends als in der Einheit: du findest sie auch in der Vielheit, wenn sie dir Einheit ist. e — Was ist, ist irgendwo. f — Was aus Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aus Geist geboren ist, das ist Geist; was aus Gott geboren ist, das ist Gott — ! g Alle [110]Gnade ist Natur, und alle Natur Gnade. h — Wenn Herodes um seines Eidschwures willen tödtet, wie wird Gott um seines Eidschwures willen lebendig machen. i — Wer hören kann, kann alles. j — Sprich nicht: was werden die Menschen auf Erden, sondern sprich: was werden die Engel im Himmel von mir urtheilen? k — Ich will lieber unter dem Pabst, als unter dem Zwang eines menschlichen Lehrbuchs stehen. — Dein Feuer sey Licht, und dein Licht Feuer. l — Ich kann mir kein Mittel denken, Jesus entweder Gott, oder ein Atheist. m — Alles, was Gott ist, ist Christus menschlich. n — Wüßtest du, was Christus ist, du wüßtest, was Gott ist, und was du bist. Wüßtest du, was du bist, du wüßtest, was Gott und Christus ist. o — Wie der Sonnenstrahl Sonne ist, so ist, was aus Gott geboren ist, Gott. p — Wer Christus bloß als seinem Herrn gehorcht, der ist sein Knecht, wer ihm als Gottes Sohne, und als ein Kind seines Vaters gehorcht, sein Bruder, und wer mit ihm sympathisirt, sein Freund u.s.w. q

Fußnoten:

1: *) Gott bewahre uns dafür!! <P.>

2: *) Diese ganze prophetische Stelle bezieht sich offenbar auf die Gaßnerische Wunderepoche, von welcher Lavater sehr wichtige Veränderungen zur Ehre der christlichen Religion und — Beweise erwartete, welche allen künftigen Zweiflern, allen feinen und groben Schriftbestürmern, wie er sie nennt, den Mund stopfen würden. Die Zeit hat gelehrt, daß Gaßner ein Betrüger war, und daß die religiöse Schwärmerey sich an ihm sehr geirrt hat. <P.>

Erläuterungen:

a: Vorlage: Lavater 1774.

b: Vgl. Erl. zu MzE IV,3,74.

c: Vorlage: Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 240-250.

d: Vorlage: "Januar. Nr. 3," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 221.

e: Vorlage: "Januar. Nr. 5," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 222.

f: Vorlage: "Januar. Nr. 2," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 221.

g: Vorlage: "Januar. Nr. 10," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 223.

h: Vorlage: "Januar. Nr. 11," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 223.

i: Vorlage: "Januar. Nr. 15," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 224.

j: Vorlage: "Januar. Nr. 32," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 226.

k: Vorlage: "Februar. Nr. 9," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 228.

l: Vorlage: "März. Nr. 9," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 232.

m: Vorlage: "März. Nr. 10," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 232.

n: Vorlage: "März. Nr. 13," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 232. In der Vorlage "was Gott Göttlich ist".

o: Vorlage: "März. Nr. 20," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 233.

p: Vorlage: "April. Nr. 1," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 234.

q: Vorlage: "April. Nr. 11," Lavater 1774, [unpaginiert]. Nachdruck in Lavater 1785, S. 236.