ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Ein schwer zu erklärender Traum*). 1

Anonym

Zwey Ehegatten, die sehr vergnügt mit einander lebten, erfuhren seit einigen Jahren, daß ein ehliches Band das größte und sanfteste Vergnügen verschaffen kann, als der Mann sich von seinem geliebten Weibe auf einige Zeit, um eine Reise zu machen, trennen mußte. Die Lesung der Briefe von ihrem Gatten war der Dame ihre angenehmste Beschäftigung, und sie laß dieselben jeden Abend wieder durch, ehe sie sich dem Schlaf überließ. Mit dieser Beschäftigung hatte sie einmal einen Theil der Nacht zugebracht, und war mit einem Briefe in der Hand, den sie des Abends vorher bekommen hatte, eingeschlafen. Ihr Gatte versicherte sie in demselben, daß er sich vollkommen wohl befände, [19]und es nicht das Ansehen hätte, als würde er Gefahr laufen*). 2 Auf einmal erwachte sie mit einem kreischenden Geschrei. Ihre Kammerfrauen laufen zusammen, und finden sie in einem kalten Schweiße und in einem Strom von Thränen. »Mein Mann ist dahin«, sagte sie zu ihnen, »ich habe ihn eben sterben gesehen«. Er war an einer Wasserquelle, um welche einige Bäume herumstanden. Sein Gesicht war todtenbleich. Ein Officier in einem blauen Kleide bemühte sich, das Blut zu stillen, das aus einer großen Wunde an seiner Seite floß. Er gab ihm darauf aus seinem Hute zu trinken, und schien vom Schmerze durchdrungen, als er ihn die letzten Seufzer thun sah. So erschrocken auch die Kammerfrauen über den Zustand ihrer Frau waren; so bemüheten sie sich doch, ihr Gemüth zu beruhigen, indem sie ihr vorstellten, daß dieser Traum keinen andern Grund hätte, als ihre ungemeine Zärtlichkeit gegen ihren Gemahl. Die Mutter dieser Dame, welche bey ihr im Hause war, und die man unterdessen aufgeweckt hatte, stellte ihr vor, daß sie ruhig seyn müßte, da sie erst vor wenig [20]Stunden einen Brief von ihrem Gatten bekommen hätte. Allein alles Zureden half bey ihr nichts, sie blieb einmal dabey, daß ihr Unglück ausgemacht und ihr Gemahl nicht mehr sey. Ihre Mutter blieb an ihrem Bette sitzen, und sahe mit Vergnügen, daß sie durch einen heftigen Strom von Thränen entkräftet wieder einschlief; aber es dauerte nicht lange. Sie hatte kaum eine Viertelstunde geschlafen, als sie durch den nehmlichen Traum wieder erweckt ward, und nun gar nicht mehr zweifelte, daß ihr Traum übernatürlich sey. Sie wurde alsbald von einem heftigen Fieber mit einer Verrückung des Gehirns überfallen, und schwebte vierzehn Tage lang zwischen Tod und Leben. Unter der Zeit bekam man wirklich die traurige Nachricht, daß ihr Gemahl unterwegs getödtet sey. Die Mutter, welche für das Leben ihrer Tochter besorgt war, gebrauchte alle Vorsicht, den tödtlichen Streich, den man ihr versetzen mußte, aufzuschieben. Man ließ die Hand ihres Mannes nachmachen, und brachte es dahin, daß sie sich anfangs beruhigte. Als man hierauf ihre Gesundheit wiederhergestellt sahe, so trug man ihrem Beichtvater auf, ihr den erlittenen Verlust zu hinterbringen, und ohnerachtet der Bewegungsgründe, die er ihr vorstellte, sich dem göttlichen Willen zu ergeben, zitterte man lange Zeit für ihr Leben.

Es waren schon vier Monate verflossen, seitdem sie Witwe war, als sie gegen den Anfang des [21]Winters nahe bey ihrem Hause eine Messe hörte. Die Messe war fast vorbey, als ihre Augen auf einen Cavalier, der neben ihr einen Stuhl nahm, fielen, worauf sie sogleich ein lautes Geschrei erhub und in Ohnmacht sank. Man gab sich alle Mühe, ihr zu Hülfe zu kommen. Sie öffnete endlich die Augen, und der erste Gebrauch, den sie von ihrer Sprache machte, war, daß sie ihren Leuten befahl, den Herrn aufzusuchen, der die Ursach ihrer Ohnmacht gewesen war, und ihn zu beschwören, daß er zu ihr käme. Er war noch nicht aus der Kirche weg, und da er hörte, daß diese Dame ihn zu sprechen verlange, folgte er ihr nach. Ach meine Mutter, rief die unglückliche Witwe, als sie nach Hause kam, ich habe eben denjenigen erkannt, der die letzten Seufzer meines armen Mannes angehört hat! und sogleich beschwor sie den Officier, ihr von den Umständen einer so traurigen Begebenheit Nachricht zu geben. Der Officier konnte nicht begreifen, wie ein Frauenzimmer, die er niemals gesehen hatte, ihn kennen konnte. Er bat sie um ihren Namen, und stutzte, als er ihn gehört hatte. Inzwischen erzählte er ihr, wie ihn ein ungefährer Zufall an den Ort geführt hätte, wo ihr Gatte verwundet worden war,und wo er ihm Hülfe zu leisten gesucht hatte. »Ich sahe ihn sterben, setzte der Fremde hinzu, und ob er mir gleich unbekannt war, so konnte ich mich doch nicht enthalten, gerührt zu werden, da ich sahe, daß keine Hofnung übrig war,[22]ihn zu retten. Ich verließ ihn, sobald er gestorben war, ohne zu wissen, wer er seyn mögte; aber Ihr Name, den er bis auf den letzten Seufzer aussprach, prägte sich meinem Gedächtnisse tief ein, und ich habe mich dessen sogleich wieder erinnert, sobald Sie mir ihn sagten«. Eine solche Erzählung konnte nicht geschehen, ohne daß sie vielmal durch Thränen des unglücklichen Weibes unterbrochen wurde, und der Fremde gerieth ins größte Erstaunen, da sie ihm die geträumten Umstände von dem Ende ihres Mannes mit vollkommener Deutlichkeit beschrieb. Er erkannte den Bach, die Bäume, seine Stellung und die Lage des Sterbenden, sogar seine Züge selbst waren so ähnlich, daß er sie nicht verkennen konnte*). 3

Fußnoten:

1: *) Ich würde diesen Traum für einen in der That schwer zu erklärenden Traum halten, wenn man nur wüßte, was man so selten bey dergleichen Erzählungen weis, ob die ganze Sache buchstäblich wahr sey. Die Unsicherheit und Ungewißheit des lieben historischen Glaubens steht der Wahrheit der eingetroffenen Träume und Ahndungen eben sowohl entgegen, als das Raisonnement des Psychologen, der aus Gründen der Vernunft jene nicht zugeben kann. <P.>

2: *) Aus diesem Umstände erhellet, daß doch eine Gefahr, z.B. herumstreifende Diebe oder Mörder, vorhanden war. Wie natürlich war es daher nicht, daß sich das zärtliche Weib aus ängstlicher Besorgniß so etwas vorstellen konnte, wovon sie hernach träumte.
P.

3: *) S. Allgem. Magaz. der Natur, Kunst und Wissenschaften 8ter Theil. a <P.>

Erläuterungen:

a: Vorlage: Allgemeines Magazin 1756. Dieser Aufsatz bezieht sich auf eine französische Vorlage in Le Nouveau Magasin français ou Bibliothèque instructive et amusante, August 1751.