ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 2 (1787) > 2. Ueber den Einfluß der Finsterniß in unsere Vorstellungen und Empfindungen, nebst einigen Gedanken über die Träume.

2.

Ueber den Einfluß der Finsterniß in unsere Vorstellungen und Empfindungen, nebst einigen Gedanken über die Träume.

Pockels, Carl Friedrich

Gewisse Gedanken und Empfindungen der menschlichen Seele werden gemeiniglich erst dann in uns rege, wenn die ganze Natur um uns her finster und still wird. Ein aufmerksamer Beobachter seiner selbst kann leicht die Erfahrung machen, daß man, wenn uns Stille und Finstemiß umgeben, wenn unser Geist [89]sich aus dem sichtbaren Schauplatze der Welt gleichsam in sich selbst zurückzieht, oft ganz anders denkt und empfindet, als bei Tage; — daß gerade alsdann und sonst vielleicht nie oft die sonderbarsten und lächerlichsten Mißgeburten von Gefühlen und Begriffen in uns entstehen. So dunkel und verworren diese Begriffe und Gefühle aber auch immer seyn mögen; so lebhaft würken sie doch gemeiniglich auf unsere Einbildungskraft, ja selbst auf unser Herz, und empören sich nicht selten gegen die moralischen Grundsätze unserer Natur.

»Ich fürchte mich immer, sagte mir neulich ein rechtschaffener und gelehrter Mann, vor den Augenblicken, die vor dem Einschlafen hergehen. Gemeiniglich habe ich dann wider meinen Willen und ohne alle Veranlassung mit den unschicklichsten Gedanken zu kämpfen, die meine Sittlichkeit und Tugend beleidigen, — und sogar dann oft meine Seele mit ihren häßlichen Bildern durchkreutzen, wenn ich mein Gebet zu Gott richte. Nie fallen mir gewisse die Gottheit und göttliche Dinge entehrende Prädicate so deutlich ein, als wenn ich mich in mein Bette gelegt und das Licht ausgelöscht habe, und nie sehe ich die verführerischesten Bilder der Sinnlichkeit mit allen ihren gefälligen Reitzen so lebhaft vor mir herumtanzen, als wenn ich einschlafen will. Von diesen Augenblicken, fuhr er fort, haben vornehmlich junge Leute beiderlei Geschlechts sehr viel zu fürchten. Ihre lebhafte Phantasie mahlt ihnen [90] alsdann allerlei Scenen der Wollust mit den hellesten Farben ab, und sie haben dadurch oft schon lange ihre Unschuld verloren, wenn sie gleich noch äußerlich schamhaft erröthen können«.

Die Beobachtung, daß Stille und Finsterniß der Nacht unserm Denken und Empfinden gleichsam eine andere Richtung geben können, kommt mir in der That in mehr als einem Betracht merkwürdig vor. Ich finde vornehmlich in ihr einen Grund mehr, wie und warum der menschliche Verstand auf die sonderbare und unphilosophische Lehre von den Einwürkungen böser Geister auf unsern freien Willen gefallen ist, und warum sich die Einbildungskraft der Menschen diese Geister immer unter den fürchterlichsten Gestalten gemahlt hat*) 1. Natürlich mußte jene unnatürliche Lehre immer entstehen, indem man sich den Ursprung gewisser unanständigen Gedanken und Empfindungen der menschlichen Seele deswegen nicht erklären konnte, weil sie [91]ohne alle Veranlassung von aussen und nicht selten ganz wider unsern Willen in uns entstanden waren. Die Gewalt, welche oft solche unwillkürliche Bilder begleitet, und durch die Schwäche einer unvorbereiteten Vernunft noch sehr vermehrt werden muß, hat die Menschen von je her destomehr angetrieben böse Geister anzunehmen, die uns nach ihrem Gefallen lenken und regieren könnten.

Ich will es versuchen, über jenen Zustand der menschlichen Seele, in welchem sie durch den Einfluß der Dunkelheit auf ihre Begriffe so oft ganz besonders gestimmt, oder eigentlich verstimmt wird, einige Betrachtungen anzustellen; ob ich gleich den Ursprung einer jeden individuellen Vorstellung jener Art nicht angeben kann. Wenn sich gleich unsere Einbildungskraft nach gewissen psychologischen Gesetzen richten muß, und darnach bestimmt wird; so ist sie doch in jedem andern Menschen anders, und ihre Modificationen müssen bei jedem einzelnen Menschen nach tausend Localumständen abgemessen werden, wenn man ihre Würkungen in Rücksicht einzelner Menschen erklären will. Vielleicht würden wir viel größere Schritte in der Seelenlehre thun, wenn uns mehrere aufgeklärte Männer richtige und wahrhafte Tagebücher ihrer Einbildungskraft mit den jedesmaligen Localumständen einzelner Erscheinungen derselben mittheilen würden. Doch zur Sache!

[92]

Wenn die Zeit des Schlafs herannahet, so bemerken wir deutlich, daß in unserm Körper sowohl als in unsrer Seele mancherlei Veränderungen vorgehen. Jener geräth durch den Druck des Bluts auf unser Gehirn in einer Art Erschlaffung, welche mit einem wohlthätigen Gefühl der Ruhe verbunden ist, das gleichsam alle unsere Sinne berauscht. In dieser Berauschung verrichten unsere Organe nur gleichsam noch die Dienste der Invaliden, sie stellen uns die Objecte nicht mehr deutlich, sondern verworren dar, und unsere Seele nimmt aus schwesterlicher Bekanntschaft mit dem Körper an diesem Zustande Theil. Es erfolgt eine unwillkürliche Verwirrung ihrer Ideen, welche Haller nicht ganz unrichtig ein delirium nennt. Unsere Gedanken verlieren und verwischen sich nach einander. Einige bleiben zuletzt noch mit einem dunkeln Schimmer in uns zurück, bis auch diese nach und nach verschwinden, und unsere Seele, sich ihrer gänzlich unbewußt, in den Zustand des Schlafs sinkt.

In dieser Zwischenzeit zwischen Schlaf und Wachen bemerken wir nun gemeiniglich jene bizarren, bald lächerlichen und unanständigen, bald auch fürchterlichen Bilder, welche unsere Seele durchkreutzen, und deren Ursprung noch ein Räthsel in der Psychologie zu seyn scheint. Bisweilen erinnern wir uns alsdann auf einmahl, ohne eine Ideenassociation in uns wahrzunehmen, aus der man sich das Erinnern erklären könnte, Dinge, die wir längst [93]vergessen hatten; es fallen uns Scenen aus unserer Jugend ein, die wir mit einer erstaunlichen Pünctlichkeit gleichsam vor unsern Augen vorübergehen sehen; oder wir erblicken einen hell leuchtenden Gegenstand, eine abscheuliche, menschliche Gestalt, eine Leiche, einen Abgrund, ein reitzendes Frauenzimmer, einen lächerlichen Kontrast zwischen zwei Gegenständen; oder wir hören einen deutlichen Glockenschall, ein Wort wird uns ins Ohr gerufen, u.s.w.

Besonders merkwürdig sind in diesem Mittelzustande der menschlichen Seele manche Empfindungen unseres Herzens und Gewissens. Mit einer innern lebhaften Wehmuth erinnern wir uns dann oft eines Fehlers unserer Jugend, welcher während daß wir wachten, keine solche unangenehme Empfindung in uns zu erregen pflegte; wir erröthen in der stillen Einsamkeit der Nacht bei gewissen Gedanken vor uns selber, wenn wir gleich den ganzen Tag über von diesem Gefühl verschont wurden. Ein andermahl überrascht uns eine hüpfende Freude, ohne daß wir wissen, worüber wir uns freuen; eine Bangigkeit, ohne daß wir wissen, worüber wir bange sind. Wieder ein andermahl verlieren wir uns mit unsern finstern Gedanken in einem endlosen Himmelsraum, in unendlichen Zahlen und Kreisen, — ja manche Menschen fühlen in jenen Augenblicken heftige Unruhen über die Gewißheit ihres Glaubens, und werden von unglücklichen Zweifeln über die [94]Fortdauer ihrer Natur gefoltert, davon ich nächstens ein merkwürdiges Beispiel mittheilen will.

Alle diese besondern Modificationen unserer Seele sind nichts anders als Folgen unserer durch Dunkelheit und Finsterniß der Nacht lebhaft gewordenen Einbildungskraft. Diese Kraft unserer Seele würkt zwar im Wachen beständig fort, und es geht nichts in jener vor, woran sie nicht bald auf eine nähere, bald entferntere Art Antheil haben sollte; allein sie bekommt alsdann die Alleinherrschaft über unsern Geist, wenn sich unsere Sinne schließen. Nun bleibt diesem nichts mehr übrig, was ihn von aussen zerstreuen könnte, und er muß sich nun, wenn ohnehin seine Ideen durch das Herannahen des Schlafs verdunkelt werden, unwillkürlich dem Spiel seiner Phantasie überlassen, die jetzt ohne Aufsicht des Verstandes, die im Wachen gesammelten Bilder unter einander wirft, und, noch ehe wir einschlafen, den Stof zu tausendterlei Träumen bereitet.

Unser Gefühl im Wachen lehrt es uns ja überdem schon, daß eine Empfindung oder Vorstellung nicht in einem so hohen Grade lebhaft werden kann, so lange neben ihr eine Menge anderer heterogener Empfindungen entsteht, welches im Wachen offenbar geschieht. Unaufhörlich strömen uns neue Vorstellungen alsdann zu. So lange also ein solcher Wechsel, ein solches Zuströmen von immer neuen Ideen und Empfindungen da ist, und unsere Seele [95]also (ich verstehe in einem gesunden Zustande) ihre Aufmerksamkeit theilen muß, pflegt auch unsere Einbildungskraft noch in ihren Gränzen zu bleiben. Sie kann nicht nach ihren eigensinnigen Launen handeln, wenn sie zu oft, wie im Wachen, gestört wird; — aber sie nimmt an Stärke (so wie alle Kräfte der Seele) erstaunlich zu, wenn sie allein handeln kann*) 2.

Aus eben dieser Alleinwürksamkeit der Phantasie lassen sich nun vornehmlich die wollüstigen Bil-[96]der erklären, welche uns des Nachts beunruhigen und unsere Schamhaftigkeit beleidigen. Wenn der menschliche Körper von den Arbeiten des Tages frei der Ruhe genießt, und die Seele mit ihrem Nachdenken sparsamer zu Werke geht, führt die Einbildungskraft die Bilder der sinnlichen Bedürfnisse näher vor uns vorbei,einmahl, weil sie immer die öftern Vorstellungen der Seele in ihrem ruhigen Zustande zu seyn pflegen, und durch die Gewalt der Gewohnheit die stärksten geworden sind, und denn zweitens, weil durch die Entkleidung des menschlichen Körpers, durch die weiche Lage auf dem Bette, und durch das Erinnern an verliebte nächtliche Zusammenkünfte, vielleicht aus lange vergangenen Zeiten, unsere Phantasie sehr leicht und lebhaft gereitzt werden kann; — sehr leicht, weil, wie ich schon gezeigt habe, sie nicht von sinnlichen Eindrücken des Nachts so oft gehindert wird; sehr lebhaft, weil sie sich, wenn unsere Augen geschlossen sind, gewisse Nudidäten viel deutlicher, als sonst, vorzustellen pflegt.

Etwas schwerer scheinen mir die Erklärungsarten zu seyn, — wie gewisse unanständige Prädicate uns gegen heilige Dinge, die wir doch schätzen und lieben, einfallen, wenn wir unsere Augen schließen; worüber ich aber auch viel Leute habe klagen hören, daß sie im völligen Wachen damit geplagt wären. Ich vermuthe, daß Leuten, die sich dieser Gedanken nicht enthalten können, und deren [97]in Bernds Lebensgeschichte, (siehe das vorhergehende Stück) sonderbare Beispiele vorkommen, auf einmahl und ganz von ohngefähr ein dergleichen unheiliger Gedanke sehr auffiel, indem sie ihn würklich von andern hörten, z.B. ein Fluch gegen die Gottheit u.s.w.; oder indem Subject und Prädicat in ihrer Seele durch den Contrast zufällig nebeneinandergestellt wurden. Wir sind diesen Empfindungen und Vorstellungen, welche das Gefühl des Contrasts in uns erregt, auch in andern Stücken unzählig oft unterworfen, und unsere Seele hat einen offenbaren Hang dem Contraste nachzugehen, daher ihn auch Hume als einen Verbindungsgrund unserer Ideen annimmt*). 3

Wir bemerken nehmlich eine Neigung und eine Leichtigkeit in uns, wenn wir uns eine Sache vorstellen, auch an ihr Oppositum zu denken, [98]und diese Neigung hat ihren Ursprung ohnstreitig in der Erfahrung, indem wir nicht nur viel entgegengesetzte Dinge täglich um und neben uns wahrnehmen, sondern auch durch den Umgang mit andern, und durch die Natur der Sprache alle Augenblicke darauf hingeführt werden. Es kann uns also auch wohl sehr natürlich ein unanständiges Prädicat zu einer heiligen Sache einfallen, welches ihr zwar selbst nicht eigen ist, welches wir ihr aber andichten, weil es als ein Oppositum unserer Neigung zum Contrast schmeichelt. Daß wir aber uns eines solchen Prädicats immer wieder so leicht erinnern, kommt wohl daher, weil es uns in seiner Verbindung mit einer heiligen Sache zu sehr auffällt, und weil wir etwas Verbotenes dabei wahrzunehmen glauben, wozu alle Menschen eine Neigung haben. Hätte man immer diese Gründe näher untersucht, so würde man nicht dergleichen Erscheinungen dem Teufel aufgeladen und eine Menge Menschen von den unglücklichsten Gewissensunruhen leichte geheilt haben, die sich oft schon für verdammte Menschen hielten, weil sie jene unheiligen Gedanken nicht loswerden konnten.


Der Traum besteht in einer fortgesetzten Thätigkeit unsrer Seele, wenn sich unsere Sinne geschlossen haben, und kann auf eine dreifache Art entstehen: 1) durch einen äußeren Anstoß, eine äußere Veränderung unseres Körpers; 2) durch eine innere [99]Veränderung desselben; 3) durch eine eigene Bewegung der Seelenkraft, ohne jene Veränderungen des Körpers, eben so, wie wir im Wachen unzählig oft Vorstellungen in uns wahrnehmen, welche alleinige Folgen unsrer Seelenkraft, ohne Eindrücke auf den Körper sind.

Bei Träumen, die durch den äußern Eindruck gewisser Gegenstände auf unsern Körper hervorgebracht werden, fühlen wir nicht immer den Eindruck selbst, auch nicht immer in dem Organ, wo die Empfindung geschehen war, und endlich auch nicht immer gerade so, wie der Eindruck würcklich beschaffen war. Alles dies trifft auch bei den innern Veränderungen des Körpers zu, in so fern sie gewisse Träume veranlassen. Die Seele handelt in dem Augenblick, da sie im Schlafe etwas empfindet, so erstaunlich geschwind, daß sie nicht einmahl diese Empfindung zu bemerken scheint; sondern gleich zu neuen Ideenreichen forteilt; wahrscheinlich vergißt sie in den mehresten Fällen gleich das Wo des sinnlichen Eindrucks, oder sie vergrößert und verkleinert nach Gefallen die Empfindung. Wir träumen z.B. daß wir einen ungeheuren Balken zwischen unsern Zähen halten, hier hat die Seele das Wo ihrer Perception noch nicht vergessen; — warum? das weiß ich nicht, genug sie hat es noch nicht vergessen. Endlich fängt uns der Balken zu stechen und zu drücken an, wir wachen auf, und finden, daß sich eine Feder des Bettes zwischen unsere [100]Zähen gedrängt hat. Doris hat einen Liebhaber, den sie inbrünstig liebt, sie geht mit den lebhaftesten Gedanken an ihn zu Bette, Joli ihr Hund liegt in ihren Armen, — sie träumt, ihren Liebhaber bei sich zu haben, und drückt den armen Joli bei nahe zu Tode; — — in allen solchen Fällen setzt die Seele ihre Perception immer dahin, wo sie würklich entstand, nur daß sie andre Bilder mit der Empfindung vereinigt, und an diese Bilder, weil es andre Bilder sind, auch andre Empfindungen knüpft. Wir empfinden, sagt ich vorher, den sinnlichen Eindruck, der einen Traum veranlaßt, auch nicht immer in dem Organ, worauf oder worin er geschahe. Der Kitzel an einem Theile meiner Haut kann im Traume die Idee in mir erwecken, daß ich eine Pastete esse, obgleich der Kitzel nicht unmittelbar auf meiner Zunge war. Der erste sinnliche Eindruck kann auch so schwach seyn, daß ihn die Seele überhaupt nicht bemerken würde, wenn er nicht durch hinzugekommene andere Bewegungen in den Fibern endlich zur Seele gelangte. Ueberhaupt unterscheidet sich der Zustand des Wachenden auch dadurch von dem eines Träumenden, daß er den Ort der Empfindung angeben und dieser ihn nicht allemahl angeben kann, weil im Traum die Phantasie nicht eigentlich die Gegenstände, die von aussen auf uns würken, zu unterscheiden im Stande ist, und weil sich unsre Empfindungen alsdann leichte mit einander vermischen

[101]

Es frägt sich, welche Art Träume die häufigsten sind, die, welche durch den Körper, oder die, welche durch die Seelenkraft allein veranlaßt werden? Um dies genauer zu bestimmen, müßten wir den menschlichen Körper würklich genauer kennen. Er kann tausend Gedanken und Empfindungen im Wachen sowohl als im Traum in uns veranlassen, ohne daß wir es wissen, daß er sie veranlaßt hat, und vielleicht giebt es keinen einzigen Traum, der nicht durch einen uns freilich oft unbekannten Einfluß des Körpers aufs Gehirn veranlaßt wird, ob ich gleich nicht behaupten möchte, daß wir bei einer völligen Gesundheit unsrer animalischen Maschine nicht träumen. Eben so schwer ist es nun auch zu beantworten, warum und wie die Seele bei ihren Träumen diesen und jenen Weg und keinen andern nimmt, warum sich die Ideen so und nicht anders associirten?

Daß diese Association nach den bekannten Gesetzen der Einbildungskraft erfolge und erfolgen müsse, ist wohl nicht zu läugnen, und auch in dem verworrensten Traum giebt es noch einen Zusammenhang, wo eine Idee an die andre gekettet ist, ob wir gleich darin bei den Wiederhohlungen desselben im Wachen ungeheure Lücken und Sprünge wahrzunehmen glauben*). 4 Vielleicht würden wir [102]diese sonderbaren, oft sich widersprechenden Associationen genauer verfolgen können, wenn wir immer mit der Grundidee des Traums bekannt wären, an welche sich der ganze Traum ankettet. Aber eigentlich wissen wir nie mit Gewißheit, von welcher Idee der Traum ausgegangen ist und mit welchen Nebenvorstellungen, die hernach wieder Hauptvorstellungen wurden, er sich verbunden hat. Daß jeder Traum aber würklich von einer gewissen Grundidee ausgehen müsse, ist wohl nicht zu bezweifeln, und daß eben diese Idee gemeiniglich eine Folge von einer Bewegung in unsern innern oder äußern Organen sey.

Manche Leute behaupten, daß sie nie träumen. Lessing gehörte darunter. Allein ich glaube, daß sie ihre Träume ganz wieder vergessen, wenn sie aufwachen.

(Die Fortsetzung künftig.)

Fußnoten:

1: *) Der Teufel wird fast von allen Völkern, die an ihn glauben, schwarz und in einer scheußlichen Gestalt gemahlt. Die Canadier haben ihn mit der rothen Farbe und mit einer ziemlich menschlichen Gestalt beehrt. Er erscheint oft in einem prächtigen Kleide auf ihren Bällen, und man würde ihn nicht erkennen, wenn er seine Krallen, die selbst durch seine Handschuhe hervorstechen etwas besser verbergen könnte, und den Damen nicht so oft seine bewafnete Hand zu reichen pflegte.

2: *) Blinde Leute haben daher einen sehr hohen Grad von Einbildungskraft, welcher bei ihnen gleichsam den Sinn des Gesichts ersetzt. Ich ging vor einiger Zeit mit einem Musicus, der in seinem vierten Jahre durch die Blattern blind geworden war, in einem Garten spatziren. Ich fragte ihn: ob er wohl eine deutliche Vorstellung von einem Baume, seinen Früchten, von diesen und jenen Blumen habe? Ich erstaunte, wie ich ihn diese Gegenstände mit einer Richtigkeit beschreiben hörte, als ob er sie vor sich sähe. Ich habe alles, sagte er mir, von meinem dritten bis vierten Jahre so erstaunlich lebhaft in der Seele behalten, daß mir mein würkliches Gesicht selbst keine deutlichern Vorstellungen würde geben können. Welche Vorstellung, fuhr ich fort, ist Ihnen aber wohl nach Ihrem Gefühl die allerlebhafteste, die Sie in sich wahrnehmen? — ein freundliches Lächeln verbreitete sich über sein ganzes Gesicht, er drückte mir die Hand recht innig und lebhaft, und rief laut aus: die Vorstellung eines Mädchens, — eines Mädchens!

3: *) Contrast or Contrariety is a connexion among Ideas: but it may, perhaps, be considered as a mixture of Causation and Resemblance. Where two objects are contrary, the one destroys tbe other; that is, the cause of its annihilation, and the idea of the annihilation of an object, implies the idea of its former existence.
Siehe Humes Versuch of the association of Ideas, worin noch manche andere herrliche Aufschlüsse über die Natur unserer Begriffe vorkommen. a

4: *) Sonderbar ists mir immer vorgekommen, daß wir die Sprünge unsrer Phantasie während des Traums selbst nicht zu bemerken scheinen, daß sie uns lange nicht so sehr, wie im Wachen, auffallen. So lange wir träumen, scheint alles einen sehr guten Zusammenhang zu haben, es kommt uns selten etwas unnatürlich vor, ja das allerunnatürlichste scheint uns oft etwas sehr gewohnliches und natürliches zu seyn, worüber wir doch erstaunen, sobald wir aufwachen.

Erläuterungen:

a: Hume 1748, "Of the Connexion of Ideas", S. 31-45, hier S. 43, Fußnote.