ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: V, Stück: 1 (1787) > 1. Ueber die unwillkürliche Abneigung gegen gewisse Menschen. – Moralische Antipathie.

1.

Ueber die unwillkürliche Abneigung gegen gewisse Menschen. – Moralische Antipathie.

Pockels, Carl Friedrich

Es giebt Leute, die durch ihren bloßen Anblick unser Herz an sich ziehen, und uns, ehe wir sie noch genauer kennen lernen, durch eine unbegreiflich schnelle und unwiderstehliche Sympathie unserer Empfindungen für ihr Interesse einnehmen.

Es giebt aber auch Andere, welche für uns, ohne daß wir allemahl eine bestimmte Ursach von unserm Gefühl anzugeben wissen, etwas Unausstehliches an sich haben, und uns schon durch ihren Anblick höchst gehässig werden können. Es wird unserm Herzen nicht nur leicht mit jenen Erstern vertraut zu werden; sondern wir fühlen auch sogar ein inneres Bedürfniß, einen Seelendrang, uns ihnen zu nähern, und es ist uns nichtsweniger als gleichgültig, welchen Eindruck unsere Person auf ihr Herz gemacht hat, oder machen könnte. Ihnen zu gefallen, scheinen wir oft unsere ganze Denkungsart [37]zu ändern; suchen uns wenigstens zu der ihrigen gefällig herabzustimmen, und opfern ihnen nicht selten sogar unsere Lieblingsgrillen und Schoosneigungen auf, wenns darauf ankommt, ihr Herz zu gewinnen.

Ganz anders sind wir gegen diejenigen, gegen welche wir eine unwillkürliche Abneigung haben, gesinnt. Wir fühlen es nur zu deutlich in uns, daß wir mit diesen nie eine vertraute Freundschaft errichten würden; unsere Seele schaudert gleichsam vor ihnen zurück; wir sind mistrauisch gegen sie, und können leicht dahin gebracht werden, ungerecht und lieblos gegen sie zu handeln. Je mehr sie sich uns zu nähern suchen, destomehr entfernen wir uns von ihnen; unsere Höflichkeit gegen sie ist Verstellung, und das Lob, welches wir ihren Talenten und Verdiensten ertheilen, nicht selten erzwungen.

Ich habe schon oft über dieses sonderbare Phänomen der menschlichen Seele nachgedacht, und ich will nachher versuchen, ob ich davon einige psychologische Gründe angeben kann. Die alten Physiker, welche so viel von verborgenen Kräften der Natur zu schwatzen wußten, nannten jenes widerliche Gefühl, welches durch den Anblick gewisser Menschen in uns hervorgebracht wird, Antipathie, ohne es zu erklären. Neuere Philosophen haben jenes Gefühl aus einer Ungleichheit und Disharmonie des Naturells verschiedener Menschen herleiten wol-[38]len; allein, wie mich dünkt, haben sie nicht ganz Recht, wenigstens kann ihre Erklärung nicht als eine allgemein richtige angenommen werden. Es giebt Menschen von einem durchaus verschiedenen Naturell, welche sich demohnerachtet aufs zärtlichste lieben, und wie sie selbst gestehen, eben durch eine Verschiedenheit des Naturells die wärmsten Freunde geworden sind. Es ist ferner bekannt, daß ganz verschiedene Charactere oft einer viel längern und dauerhaftern Sympathie gegen einander fähig sind, als die, welche die Natur gleichsam nach einem Modell geschaffen zu haben scheint, und wer kennt nicht Ehen, worin die liebenswürdigste Eintracht herrscht, so sehr auch Mann und Frau in Absicht ihres Naturells von einander abgehen?

Ueberdem verstehe ich hier unter der Antipathie gewisser Menschen gegen einander eigentlich nicht die, welche durch eine genauere gegenseitige Bekanntschaft ihrer verschiedenen Temperamente und Denkungsarten, oder gar durch persönliche Beleidigungen; sondern durch den unwillkürlichen Eindruck gewisser Gesichtszüge und der körperlichen Form Anderer auf unsere Phantasie hervorgebracht wird, wobei die Verschiedenheit des Naturells nur in so fern in Betrachtung kommt, als es gewisse Gesichtszüge veranlassen kann, die etwas Widerliches für uns an sich haben.

So unsicher überhaupt die Regeln eines physiognomischen Gefühls seyn mögen, sobald man da-[39]durch den moralischen Werth eines Menschen, oder wohl gar den Umfang seiner Geistesfähigkeiten und Kenntnisse bestimmen will*) 1 und so unwahr der Satz eines alten Weltweisen ist: daß in einem schönen Körper auch eine schöne Seele wohnen müsse; so unläugbar ists doch auf der andern Seite, daß wir vermöge eines auf physiognomisches Gefühl gegründeten Triebes, der freilich bei Einigen stärker, bei Andern schwächer, und noch bey Andern gar nicht vorhanden seyn kann, zu gewissen Menschen gleichsam unwillkürlich hingezogen, und von Andern zurückgestoßen werden, je nachdem wir bald mehr bald weniger Uebereinstimmung ihrer [40]Herzen mit dem unsrigen in ihrem Gesichte zu lesen glauben.

Aber es ist uns oft eben so unmöglich, den psychologischen Grund dieser bald einladenden, bald zurückscheuchenden Gesichtssprache deutlich anzugeben; so leicht es auf der andern Seite unserm Herzen wird, ihren Ton und Unterschied nach seinen feinsten Nüancen zu bemerken. Am allerwenigsten aber hat es bisher der speculativen Seelenlehre glücken wollen, die Gesetze genau zu bestimmen, nach welchen die Gesichtssprache sympathetischer Gefühle Anderer, ähnliche Wirkungen in dem Innern unserer Natur hervorbringt, und noch ehe wir wollen, uns entweder mit Liebe oder Haß gegen gewisse Menschen erfüllt.

Ich glaube nicht, daß die menschliche Seele in dieser Art der Sympathie, oder Antipathie, welche sich nach der Gesichtssprache Anderer richtet, überhaupt nach unverletzlichen psychologischen Gesetzen handelt. Jedes Individuum geht hiebei unwillkürlich seinen eigenen Weg, weil jedes seine individuellen Gefühle, und eine darauf gegründete individuelle Empfänglichkeit hat, dießmahl so ein andermahl anders im Gesichte vernünftiger Wesen zu lesen.

Die Empfindungen, welche der Gesichtsausdruck Anderer in uns hervorbringt, können aber auch deswegen nicht nach einerlei Gesetzen erfolgen, weil die Natur den Einen mit einem gröbern, den [41]Andern mit einem feinern physiognomischen Gefühl begabt hat; weil der Eine mehr, der Andere weniger Einbildungskraft zu seinen Beobachtungen bringt, und weil sich überhaupt unsere Vorstellungen so genau nach der jedesmahligen Beschaffenheit unserer Organe zu richten pflegen. Ausserdem hat die gute oder böse Laune, die Gesundheit oder Krankheit des Bluts und die Verschiedenheit des Alters einen erstaunlichen Einfluß auf die Sympathie oder Antipathie unserer Empfindungen.

Es giebt offenbar Augenblicke worin unser Herz durch eine innere Verstimmung der Seele veranlaßt, mehr zur Gefühllosigkeit als zur Theilnehmung geneigt ist, und worin sich unsere Vorstellungen gleichsam verschworen haben, uns jede Sache von ihrer schwarzen Seite darzustellen. So erschlafft wir uns in diesem Zustande zur Thätigkeit und Geistesanstrengung fühlen, so geschäftig ist doch alsdann unsere Einbildungskraft, uns gegen die unschuldigsten Gegenstände zu erbittern, und uns an jedem Menschen seine schlimsten Seiten sehen zu lassen. Unsere besten Freunde haben alsdann etwas Widerliches an sich, und unser durch die Galle gleichsam geschärftes Auge entdeckt Fehler an ihnen, die wir sonst nicht bemerkten. Besonders stark würkt auf uns in solchen Augenblicken der übeln Laune der Gesichtsausdruck Anderer. Wir können uns alsdann über eine bloße Miene, die uns nicht gefällt, so entrüsten, als ob man uns die größte Beleidigung an-[42]gethan hätte; ja man fühlt sich nicht selten geneigt, den zu beleidigen dessen Gesicht auf uns in einer übeln Laune einen widerlichen Eindruck hervorbringt. – Wie viele Ungerechtigkeiten werden in dieser Absicht von Eltern und Erziehern gegen diejenigen ihrer Zöglinge begangen, welche sich ihnen nicht durch eine gefällige Physiognomie empfehlen! Sie werden gemeiniglich zurückgesetzt und oft bei den kleinsten Fehlern bestraft, indessen ihre wohlgebildeten Geschwister die zuvorkommensten Liebkosungen genießen.

Wenn es wahr ist, daß viele häßliche Leute würklich in Absicht ihres Characters nicht viel taugen sollen; so liegt der Grund davon gewiß mit in der Behandlungsart, wie sie erzogen wurden, in der Verachtung die ihre Eltern gegen sie blicken ließen, in den stummen und lauten Vorwürfen, die man ihnen in Absicht ihrer Gestalt oft auf die unvernünftigste Art zu machen pflegt, und überhaupt in der Vernachlässigung ihrer Ausbildung, deren so viele Eltern, wie ich aus mehrern Erfahrungen weiß, ihre häßlichen Kinder für unfähig, und was noch abscheulicher ist, – für unwürdig halten.

Die Verschiedenheit des Alters hat ferner einen großen Einfluß auf die Antipathie gegen gewisse Menschen. Ich habe bemerkt, daß Kinder, sonderlich wenn sie kränklich sind, gemeiniglich mehr von den Empfindungen der Antipathie als ältere Leute beherrscht werden, und ich kenne einige Kna-[43]ben, die unter zwanzig Leuten gewiß immer einen antreffen, der für ihre Phantasie etwas Widerliches an sich hat. Der Grund worin Kinder mehr von den Empfindungen einer unwillkürlichen Abneigung gegen gewisse Menschen als ältere Leute beherrscht werden, scheint mir vornehmlich darin zu liegen, weil ihr Herz mit jenen nicht immer auf die Art sympathisiren kann, als es seinen jugendlichern und lebhaftern Gefühlen angemessen ist. Das ernsthaftere Gesicht älterer Leute, ihre gröbere Sprache, ihr größerer Körper kann in hundert Fällen für die Einbildungskraft des Kindes etwas Unangenehmes an sich haben, was ältere Leute gegen einander nicht fühlen, –und bisweilen scheint sogar das Auge junger Kinder auf dem Gesichte Anderer mehr als der Blick jener zu lesen, welcher durch die Gewohnheit vielleicht schon viel von seiner physiognomischen Schärfe verlohren haben kann. –

Doch es ist Zeit, daß ich auf die psychologische Erklärung meines Gegenstandes komme, und die Gründe anzugeben versuche, von welchen jene unwillkürliche Abneigung gegen gewisse Menschen, ob wir sie gleich nicht genauer kennen, sie uns auch nie beleidigt haben, abhängt.

Ich habe schon im Vorhergehenden zu verstehen gegeben, daß unsere Antipathie gegen manche Menschen vornehmlich durch ihre Gesichtszüge veranlaßt wird, die, ohne daß wir es uns erklären können, für unsere Phantasie etwas Unleidliches an [44]sich haben; – ob ich gleich nicht läugnen will, daß manchmahl auch ihre körperliche Form, ihr Gang, ihre Sprache, ihr Gliederbau und selbst ihr Anzug dazu etwas beitragen kann. Eigentlich ist aber doch das Gesicht der Ort, wo wir die Seele des Andern zu lesen glauben, und wonach wir gleichsam durch einen in uns liegenden Trieb den Character des Menschen zu beurtheilen aufgefodert werden.

Unter den Gesichtszügen Anderer, die uns eine unwillkührliche Abneigung gegen sie einflößen, bemerke ich nur als die vornehmsten den satyrischen, den brüsken, oder hochmüthigen, und endlich den Gesichtsausdruck der Einfalt und Dummheit. Von den Würkungen der Häßlichkeit auf unsere Einbildungskraft will ich noch etwas zum Beschlusse dieses Versuchs sagen.

Der satyrische Gesichtsausdruck, welcher entweder erzwungen, angenommen, oder natürlich seyn kann, zeichnet sich durch einen schelmisch verzogenen Mund, und durch eine Miene aus, welche die Tochter des Lächelns und der Verachtung zu seyn scheint. Sie ist nicht ganz der Ausdruck des bittern Höhngelächters, auch nicht der, eines bloßen Lächelns, welches sich allemahl durch eine stille Freundlichkeit des Auges auszeichnet; sondern ein Mittelding von beiden, so wie der satyrische Gedanke selbst oft ein Gemisch einer zweifachen Empfindung wird, nehmlich 1) der natürlichen und an [45]sich unschuldigen Freude über das Auffallende, Lächerliche und Kontrastirende eines Satzes und 2) jenes versteckten boshaften*) 2 Vergnügens, etwas Bitteres und Beissendes gesagt zu haben. Sonst rechnet man noch zur Physiognomie des Satyrikers ein hervorgebogenes spitzes Kinn, eine in die Höhe geworfene, oder auch zugespizte Nase, und ein hinter den Augenliedern lauschendes Auge.

Diese Gesichtszüge zusammengenommen, welche einzeln keinen Eindruck auf uns machen würden, bringen nun in uns jene unwillkürliche Abneigung gegen den Satyriker hervor, die selbst bei dem größten Wohlgefallen an seinen Einfällen fortzudauern pflegt. Es ist gar kein Beweis, daß wir uns dem Herzen des Satyrikers nähern, wenn wir über seinen Witz lachen und ihm lauten Beifall zuklatschen. Heimlich empören sich unsere Gefühle gegen ihn, und wir fühlen uns in Absicht seines Characters gemeiniglich um so viel mistrauischer, je treffender und beissender seine Gedanken sind. Wir glauben nicht, daß ein solcher Mann unser vertrauter Freund seyn könne, und wir fühlen es gleichsam im Voraus, daß wir in einer nähern Verbindung mit ihm oft seine giftige Zunge erfahren, und [46]daß uns die Stunden seines Umgangs lästig seyn würden. Vornehmlich aber fürchten wir uns, daß sein spähendes Auge an uns Fehler und Schwachheiten entdecken dürfte, die wir gern verbergen möchten, und wir zweifeln nicht, daß er uns in den Augen Anderer ohne Zurückhaltung lächerlich machen wird, sobald ihn seine spöttische Laune überfällt.

Je geneigter daher unser Herz zur Liebe, Freundschaft und Geselligkeit ist; je mehr wir unsere sittlichen Gefühle durch den Umgang mit edeln Menschen verfeinert haben, je lieber es uns ist bei allen Menschen so viel möglich in gutem Kredit zu stehen, und je empfindlicher wir vornehmlich in Absicht unserer Selbstliebe sind, je abgeneigter müssen wir uns auch gegen Menschen fühlen, welche die Kennzeichen eines spöttischen Characters so deutlich im Gesichte tragen, und vor welchen wir, wie es uns scheint, von der Natur gleichsam selbst gewarnt werden.

Mehr als alle andere Gesichtsausdrücke reizt unsere Antipathie die Miene des aufgeblasenen und stolzen Mannes. Der Satyriker kann uns doch noch, auch bei seinem zurückscheuchenden Gesichtsausdruck durch seinen Witz eine angenehme Unterhaltung verschaffen; kann uns, wenn wir ihn gleich fürchten, aufheitern; allein dem Stolzen bleibt bei seiner brüsquen und hochmüthigen Miene kein Weg übrig, auf welchem er sich unsern Herzen nähern könnte, gesetzt, daß er auch die vortreflich-[47]sten Talente besitzen sollte. Der kalte Blick der Verachtung, den er auf uns wirft, oder welches für unser Gefühl einerlei ist, auf uns zu werfen scheint, sein hochtrabender Gang, seine süffisante Miene, sein adliches steifes Kopfnicken beleidigt unsere Eigenliebe, wenn wir auch in keiner Verbindung mit ihm stehen, und scheucht uns von sich zurück. Unter allen Arten der Behandlung, die uns von unsern Nebenmenschen widerfahren können, tragen wir Verachtung am ungernsten, daher wir auch mit denjenigen am schwersten ausgesöhnt werden können, die einmahl eine Art von Verachtung, oder nur Geringschätzung gegen uns haben blicken lassen. Jeder Mensch träumt sich nun einmahl seine eigenen Verdienste, und jeder fühlt einen angelegentlichen Wunsch in seinem Herzen, daß man sie wenigstens nicht ganz verkennen möchte; aber der Stolze spricht uns schon durch seine Miene alle Verdienste ab, indem er sich immer allein als den Mann der Bewunderung aufstellt, und aller Augen allein auf sich richten will.

Sein befehlhaberischer dictatorischer Blick bringt uns aber auch noch deswegen gegen ihn auf, weil er unser Freiheitsgefühl empört. Unsere Seele stellt sich nehmlich beim Anblick des Stolzen auf eine dunkele Art vor, wie sklavisch er uns behandeln würde, wenn wir von ihm abhängen sollten, und weil wir glauben, daß er uns beleidigen würde; so empfinden wir auch sogleich bei [48]seiner Gegenwart das, was wir beim Anblik derjenigen empfinden, die uns würklich beleidigt haben.

Die Miene der Einfalt und Dummheit hat gleichfalls etwas Widerliches für unsere Phantasie an sich, ob sie uns gleich gemeiniglich mehr zum Mitleiden und Bedauren, als zu Erbitterungen reitzt, – und doch giebt es Fälle, wo uns unsere Empfindungen täuschen und in eine Art von Verdruß über den Einfältigen übergehen können, indem wir ihn für den Urheber der Eingeschränktheit seines Verstandes halten; aber dieß allein würde uns nicht so leicht gegen ihn aufbringen, uns nicht so sehr von ihm zurückstoßen, wenn wir es nicht zugleich deutlich in uns fühlten, daß seine Seele für uns so gut als tod ist, und daß wir unmöglich mit seinem Herzen sympathisiren können. Sein kaltes kraftloses Auge, sein dummer und starrer Blick, seine alberne Sprache, seine kindischen Handlungen und sein ganzes äusseres Wesen sagen uns dieß gar zu deutlich, und unser Mitleid selbst, welches uns so leicht in andern Fällen an Menschen anzieht, uns für sie erstaunlich interessirt, trägt das Seinige dazu bei, unser Herz von ihm zu entfernen; – denn wir können die nicht lieben, gegen welche unsere Seele bloßes Mitleiden, und zwar immer empfindet; wir können endlich auch mit denen nicht sympathisiren, deren Umgang uns Schande machen würde. So wohlwollend auch jedes Gefühl der Sympathie auf der einen Seite zu seyn scheint, und so uneigen-[49]nützig dieses Gefühl von Hutcheson vorgestellt worden ist, a so wenig Nahrung findet es doch gemeiniglich da, wo es nicht durch irgend einen versteckten oder nicht versteckten Sporn der Eitelkeit gleichsam beseelt wird.

Es ist überhaupt durch unzählige Erfahrungen bewiesen, daß ohne eine innere Harmonie unserer Gedanken und Empfindungen, die sich entweder auf ihre eigentliche Natur, oder auf das Homogene ihres Ausdrucks, oder auf die Gleichartigkeit der Absichten gründen können, unsere Herzen keiner Sympathie fähig sind. Diese Harmonie, welche sich viel besser empfinden als beschreiben läßt, muß gleichsam von und durch sich selbst entstehen und unterhalten werden; sie kann oft das Werk eines glücklichen Zufalls seyn, in welchem zwei sanfte Seelen an einander stoßen, und gleichsam ohne allen Zwang als zwei vorher getrennte Wesen nun mit dem innigsten Gefühl des Wohlwollens in einander übergehen. Sobald wir sie zu erkünsteln suchen, sobald wir zu ihrem Daseyn nicht alles aus unserm Herzen schöpfen; sobald wir sie überhaupt allein zur Tochter der Vernunft machen, um ihre Rechte auf unser Herz zu bestimmen, sobald wird sie auch nicht mehr auf eine so leichte und bezaubernde Art die himmlischen Empfindungen einer gegenseitigen Theilnehmung in uns hervorbringen können, die so oft die süßesten Freuden des Lebens ausmachen. Das menschliche Herz ist hierinn so deli-[50]cat, und handelt bei seiner Sympathie oft ohne alle augenblickliche Anleitung der Vernunft nach so richtigen und abgemessenen Gesetzen, daß jene Harmonie nicht einmahl statt finden kann, wenn nicht die homogenen Empfindungen zweier Menschen zu gleicher Zeit zusammentreffen, um sich gleichsam in einem gemeinschaftlichen Brennpuncte zu vereinigen. Ich nehme an, daß in dem Gesichtsausdrucke zweier sympathisirender Seelen Etwas liegt, wodurch dieses Zusammentreffen ihnen auf eine bezaubernde Art sichtbar wird, und was unser Herz vielleicht nur allein lesen kann. Auf dem Gesichte des Einfältigen lieset unser Herz – nichts, indem es uns entweder gleich einer Bildsäule anstarrt, oder uns auf eine eckelhafte Art entgegen lächelt, wodurch in uns ohnmöglich ein Funke von Sympathie entstehen kann.


So verschieden auch die Meinungen und Empfindungen der Menschen in Absicht der Schönheit und Grazie eines Gegenstandes seyn mögen; so unläugbar ist es doch, daß der menschlichen Seele ein inneres (vielleicht blos auf körperliche Organisation gegründetes) Gefühl für Schönheit und Harmonie mitgetheilt sey. Unsere Imagination wird auf eine angenehme Art beschäftigt, wenn wir an einem körperlichen Gegenstande ein richtiges leicht zu unterscheidendes Verhältniß seiner Theile zum Ganzen sowohl, als unter sich bemerken. Ein nach den Regeln der Schönheit gebautes Gesicht gefällt nicht [51]nur unserm Auge, indem die Natur mit eigener Selbstzufriedenheit daran gearbeitet zu haben scheint; sondern erregt auch oft in unserm Herzen die süßesten Empfindungen der Liebe, die nicht selten alsdenn noch in uns fortdauren, wenn wir über den moralischen Character eines Frauenzimmers wichtige Zweifel bekommen haben. – Häßlichkeit hingegen stößt unser Herz von sich zurück, oder wir bleiben wenigstens beim ersten Anblick kalt dabei; allein so wie nicht immer Schönheit auf unser Herz auch bei der richtigsten Proportion ihrer Theile würkt; so glaub ich auch, daß nicht blos das unrichtige von der Natur verfehlte Verhältniß eines Gesichts uns eine Antipathie gegen den Gegenstand selbst einflößt, sondern daß unsere Seele gemeiniglich durch eine dunkle Schlußfolge gegen einen häßlichen Menschen eingenommen wird.

Wir haben nehmlich oft bemerkt –; oder welches hier einerlei ist, uns zu bemerken eingebildet, daß ein häßliches Gesicht mit einem häßlichen Character verbunden war; bemerkt, daß oft die regelmäßigsten Gesichter durch Laster und Leidenschaften bis zur Scheuslichkeit entstellt wurden, – nun sehen wir ein anderes häßliches Gesicht, das eine vielleicht auch nur entfernte Aehnlichkeit mit der Physiognomie jener schlechten Menschen hat, und gleich machen wir den übereilten Schluß, dergleichen unsere Phantasie unzählige macht, daß auch dieses Gesicht mit einem verachtungswürdigen Charakter [52]verbunden seyn werde. Wir schließen hiebei freilich oft sehr unrichtig und lieblos; allein wir schließen nun einmahl so, weil es die Analogie unserer Ideen mit sich bringt, und weil wir uns geneigt fühlen, das zu verachten, was uns nicht gefällt.

Ein häßlicher Mann fällt uns nie so auf, als ein häßliches Frauenzimmer, und ich glaube aus folgenden Gründen. Wenn es gleich eben so gut eine männliche Schönheit, als eine weibliche giebt; so setzen wir doch immer die letztere als ein besonderes Eigenthum des andern Geschlechts voraus, wozu uns schon der feinere Gliederbau und das sanftere Colorit des weiblichen Gesichts berechtigt. Die Natur hat in der That den weiblichen Körper mit mehrern Reitzen als den männlichen begabt; allein der Mangel desselben würde uns nicht so sehr auffallen, wenn wir nicht sogleich für jene Reitze ein geheimes Interesse fühlten, was uns unaufhörlich zu dem andern Geschlechte hinzieht. Dieses Interesse, welches wir gegen keine Person unseres Geschlechts, selbst bei der wärmsten Freundschaft nicht empfinden, wird durch ein häßliches weibliches Gesicht aufgehoben, unsere sympathetischen Gefühle werden dadurch unterbrochen, unser Herz in seinen süßen Neigungen eingeschränkt, und es ist uns unmöglich, ein solches Frauenzimmer auf den ersten Anblick lieben zu können.

Diese Einschränkung unserer zärtlichen Gefühle, die immer auf eine dunkle Art in uns verborgen lie-[53]gen, diese Gegenwürkung unserer Phantasie auf einen in uns liegenden allgemeinen Trieb der Geschlechtsliebe scheint mir eine der vornehmsten psychologischen Ursachen zu seyn, warum der Anblick eines häßlichen Frauenzimmers uns so sehr auffällt.

Durch einen nähern Umgang, durch Bekanntschaft mit einem sanften weiblichen Herzen, welches so oft hinter einer häßlichen Gestalt verborgen ist, kann jener in uns liegende von einem geheimen Interesse genährte Geschlechtstrieb wieder so lebhaft werden, als er vorher durch den Anblick eines häßlichen Gesichts unterdrückt wurde; ja er kann alsdann oft das Auge so sehr täuschen, daß wir das Frauenzimmer für schön zu halten anfangen, was uns vorher sehr häßlich schien, indem wir die Schönheit ihres moralischen Charakters gleichsam in die Züge ihres Gesichts hinübertragen.

Fußnoten:

1: *) Lavater, welcher noch iezt behauptet: daß ihm von Natur ein besonderes feines Gefühl, auf dem Gesichte eines Menschen seine Seele und Seelengröße zu lesen, mitgetheilt sey, legte bei seiner Anwesenheit in B.. ein neues Zeugniß seiner physiognomischen Prahlerei durch folgende laut gesagte Versicherung ab: »Wenn mir, sagte er, Jerusalems Kopf, wie das Haupt Johannis auf einer Schüssel, abgesondert vom Körper, presentirt würde, und ich wüßte nicht, daß es der Kopf des großen Jerusalems sey; nicht, daß aus ihm das Werk von den Wahrheiten der Religion hervorging; so würde ich ihm doch gleich beim ersten Anblick zurufen: Du bist und mußt Jerusalems Kopf seyn«! – Solche zum Theil noch sinnlosere Sentenzen stehen auf mehr als einer Seite seiner Physiognomik, als eben so viel Beweise, daß man mit dergleichen declamatorischen und übertriebenen Sätzen oft – nichts sagt.

2: *) Wir haben kein Wort im Deutschen, welches das französische malicieux, das ich hier eigentlich meine, genau ausdrückt.

Erläuterungen:

a: Vgl. Hutcheson 1742, Lib. I, Cap. 1 zum "sensus communis".