ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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4.

Die Menschenmasse in der Vorstellung eines Menschen. a

Moritz, Karl Philipp

Um sich nur zuweilen dem Geräusch, das den Verfasser dieses Aufsatzes umgab, zu entziehn, scheute derselbe manchmal weder Regen noch Schnee, sondern machte des Abends, wenn es dunkel wurde, und er sicher war, daß er von niemanden gesehen, noch von irgend einem Menschen würde angeredet werden, einen Spatzier-[74]gang auf dem Walle um die Stadt; und bei diesen Spatziergängen war es, wo sich sein Geist immer etwas wieder ermannte, und ein Funke von Hoffnung, sich aus seinem schrecklichen Zustande herauszuarbeiten, in seiner Seele wieder emporglimmte. —

Wenn er dann auf den Strassen, die an dem Wall grenzten, in den Häusern Licht angesteckt sahe, und sich nun dachte, daß in jeder erleuchteten Stube, deren in einem Hause oft so viel waren, eine Familie, oder sonst eine Gesellschaft von Menschen, oder ein einzelner Mensch, lebte, und daß eine solche Stube also in dem Augenblick die Schicksale und das Leben und die Gedanken, eines solchen Menschen, oder einer solchen Gesellschaft von Menschen in sich faßte; und daß er auch nun nach dem vollendeten Spatziergange in eine solche Stube wieder zurückkehren würde, wo er gleichsam hingebannet, und der eigentliche Fleck seines Daseyns wäre; so brachte dieß bei ihm zuerst eine sonderbare demüthigende Empfindung hervor, als sey nun sein Schicksal, unter diesem unendlichen verwirrten Haufen, sich einander durchkreuzender, menschlicher Schicksale gleichsam verlohren, und werde dadurch klein und unbedeutend gemacht — dann erhoben aber auch eben diese Lichter in den einzelnen Stuben, in den Häusern am Walle, zuweilen seinen Geist wieder, wenn er einen Ueberblick des Ganzen daraus schöpfte, und sich aus seiner [75]eignen kleinen einengenden Sphäre, wodurch er sich unter allen diesen im Leben unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mit verlohr, herausdachte, und sich ein besonders ausgezeichnetes Schicksal prohezeite, wovon die süße Vorstellung, indem er dann mit schnellen Schritten vorwärts ging, ihn aufs neue mit Hoffnung und Muth belebte.

Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause, wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksale er eben so wenig, als sie von dem seinigen, wußte, hat nachher beständig sonderbare Empfindungen in ihm erweckt. — Die Eingeschränktheit des einzelnen Menschen ward ihm anschaulich.

Er fühlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und gewesen sind, nur einer.

Sich in das ganze Seyn und Wesen eines andern hineindenken zu können, war oft sein Wunsch — wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging — so wurde ihm der Gedanke der Ichheit dieses Menschen, der gänzlichen Unbewußtheit des einen von den Nahmen und Schicksale des andern, so lebhaft, daß er sich oft, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andrängte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphäre zu kom-[76]men, und zu versuchen, ob er die Scheidewand nicht durchdringen könnte, welche die Erinnerungen und Gedanken dieses fremden Menschen von den seinigen trennte. —

Noch eine Empfindung aus den Jahren seiner Kindheit ist vielleicht nicht unschicklich hier heran zu ziehen — er dachte sich damals zuweilen, wenn er andere Eltern, als die seinigen, hätte, und die seinigen ihn nun nichts angingen, sondern ihm ganz gleichgültig wären. — Ueber den Gedanken vergoß er oft kindische Thränen — seine Eltern mochten seyn, wie sie wollten, so waren sie ihm doch die liebsten — und er hätte sie nicht gegen die vornehmsten und gütigsten vertauscht. Aber zugleich empfand er auch schon damals etwas von dem sonderbaren Gefühl des Verlierens unter der Menge, und daß es noch so unzählig viele Eltern mit Kindern außer den seinigen gab, worunter sich diese wieder verlohren. —

So oft er sich nachher in einem Gedränge von Menschen befunden hat, ist eben dieß Gefühl der Kleinheit, Einzelnheit,und fast dem Nichts gleichen Unbedeutsamkeit in ihm erwacht. — Wie viel ist des mir gleichen Stoffes hier! — welch eine Menge von dieser Menschenmasse, aus welcher Staaten und Kriegsheere, so wie aus Baumstämmen Häuser und Thürme, gebildet werden. —

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Das waren ohngefähr die Gedanken, die damals ein dunkles Gefühl in ihm hervorbrachten, weil er sie nicht in Worte einzukleiden, und sie sich deutlich zu machen wußte.

Einmal da ein Missethäter auf dem Rabensteine vor H... geköpft wurde — ging er unter der Menge von Menschen mit hinaus, und sahe nun einen darunter, welcher aus der Zahl der übrigen ausgetilgt und zerstückt werden sollte — dieß kam ihm so klein, so unbedeutend vor, da der ihn umgebenden Menschenmasse noch so viel war — als ob ein Baum im Walde umgehauen, oder ein Ochse gefällt werden sollte — und da nun die Stücken dieses hingerichteten Menschen auf das Rad hinaufgewunden wurden, und er sich selbst, und die um ihn herstehenden Menschen eben so zerstückbar dachte — so wurde ihm der Mensch so nichtswerth und unbedeutend, daß er sein Schicksal und alles in dem Gedanken von der thierischen Zerstückbarkeit begrub — und sogar mit einem gewissen Vergnügen wieder zu Hause ging, und seinen ** Teig auf dem Wege verzehrte — denn es war damals gerade sein schreckliches Vierteljahr, wo er manche Tage bloß von diesem Teige lebte — Nahrung und Kleidung war ihm gleichgültig, so wie Tod und Leben — ob nun eine solche menschliche Fleischmasse, deren es eine so ungeheure Anzahl giebt, auf der Welt mehr umher geht, oder nicht! — denn er konnte sich nicht enthalten, sich [78]immer an den Platz des zerstückten und in Stücken auf das Rad gewundnen hingerichten Missethäters zu stellen — und dachte dabei, was schon Salomo gedacht hat: der Mensch ist wie das Vieh; wie das Vieh stirbet, so stirbet er auch.

Wenn er von dieser Zeit an ein Thier schlachten sahe, so hielt er sich immer in Gedanken damit zusammen — und da er bei einem Schlächter wohnte, wo er dieß oft zu sehen Gelegenheit hatte, so ging eine ganze Zeitlang sein bloßes Denken dahin — den Unterschied zwischen sich und einem solchen Thiere, das geschlachtet wird, auszumitteln. — Er stand oft Stundenlang, und sahe so ein Kalb, mit Kopf, Augen, Ohren, Mund und Nase, an; und lehnte sich, wie er es bei fremden Menschen machte, so dicht wie möglich an dasselbe an, oft mit dem thörichten Wahn, ob es ihm nicht vielleicht möglich wäre, sich nach und nach in das Wesen eines solchen Thieres hineinzudenken — es lag ihm alles daran, den Unterschied zwischen sich und dem Thiere zu wissen — und zuweilen vergaß er sich bei dem anhaltenden Betrachten desselben so sehr, daß er wirklich glaubte, auf einen Augenblick die Art des Daseyns eines solchen Wesens empfunden zu haben — Kurz, wie ihm seyn würde, wenn er z.B. ein Hund, der unter Menschen lebt, oder ein andres Thier wäre — das beschäftigte von Kindheit auf sehr oft seine Gedanken. — Und da er sich nun einmal den Unterschied zwischen Kör- [79] per und Geist gedacht hatte, so war ihm nichts wichtiger, als zugleich irgend einen wesentlichen Unterschied zwischen sich und dem Thiere aufzufinden, weil er sich sonst nicht überreden konnte, daß das Thier, welches ihm in seinem Körperbau so ähnlich war, nicht eben so wie er einen Geist haben sollte. —

Und wo blieb nun der Geist nach der Zerstörung und Zerstückelung des Körpers? — Alle die Gedanken von so viel tausend Menschen, die vorher durch die Scheidewand des Körpers bei einem jeden voneinander abgesondert waren, und nur durch die Bewegung einiger Theile dieser Scheidewand einander wieder mitgetheilt wurden, schienen ihm nach dem Tode der Menschen in eins zusammen zu fließen — da war nichts mehr, das sie absonderte und von einander trennte — er dachte sich den übriggebliebenen in der Luft herumfliegenden Verstand eines Menschen, der bald in seiner Vorstellungskraft zerflatterte.

Und dann schien ihm aus der ungeheuren Menschenmasse wieder eine eben so ungeheure unförmliche Seelenmasse zu entstehen — wo er immer nicht einsahe, warum gerade so viel und nicht mehr und nicht weniger da wären, und weil die Zahl ins unendliche fortzugehen schien, das einzelne endlich fast so unbedeutend wie nichts wurde.

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Diese Unbedeutsamkeit, dieß Verlieren unter der Menge, war es vorzüglich, was ihm oft sein Daseyn verächtlich und lästig machte.

Erläuterungen:

a: Vgl. KMA I, 220-224, 531-534, 571.