ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Auszug aus einem Briefe.

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Stralsund den 4ten Januar 1786.

Die Frau des hiesigen Stadtmusikus Kahlow, (welcher, beiläufig gesagt, eine nicht gewöhnliche Fertigkeit im Violinspielen besitzt, die er noch zuletzt in der Schwedtschen Kapelle vervollkommt hat, so, daß unser Publikum, welches so manchen nach der Stockholmischen Kapelle durchreisenden großen Spieler gehört hat, ihm den Rang im feinen studirten Vortrage und der Genauigkeit im Einzelnen nach den berühmten Petersburger Virtuosen ertheilt) befand sich, da ihr Mann Amtshalber außer Haus war, und sie ihre Niederkunft hielt, in der Nacht im einsamen Zimmer noch bettlägerig; im Nebenzimmer, oder wenigstens nicht in demselben, worin die Wöchnerin lag, befand sich die Wartsfrau. Frau Kahlow ist noch völlig munter, und sieht in dem Zimmer, ohne irgend Gedanken — wenigstens ihr bewußte — an einen Gegenstand der Art, als sich ihr darstellt, zu haben; wie dies auch aus ihrem Benehmen erhellet.

Eine menschliche Figur nemlich, stellt sich in menschlicher Grösse, als Türk oder Orientaler gekleidet, neben die Stubenthüre. Die gute Frau, die überhaupt an Spückereien gar nicht glaubt, lächelt über die Figur, weil sie in der Meinung steht, ihr Mann habe sich von seinen Geschäften entfernt, [39]und wolle als Maske in scherzhafter Laune sich ihr darstellen, und redet daher auch das Phantasma als ihren Mann an. Ei, Kahlow, sagt sie lächelnd, was machst Du? Komm doch zu mir her! So munterte sie ihren vermeinten verkleideten Mann verschiedenemahle auf, seinen Posten zu verlassen; allein vergebens. Sie ruft endlich die Kinderwärterin, die ihr auch antwortet. Endlich fällt ihr ihr Bruder ein, der sie zärtlich liebte, und mit einer Person nach Constantinopel vor mehreren Jahren wehmüthig von seiner zärtlichen Schwester gegangen war, und in dem schweren Augenblick der Trennung unter andern die Worte seiner Schwester zugeschluchzt hatte: »Schwester, wenn ich weit von Dir gerissen sterben sollte, dann überbringe ich Dir selbst die Todespost.« Selten nur hatte Frau K.. nach einer Entfernung ihres Bruders von vielen Jahren mit der Lebhaftigkeit und öfteren Erinnerung an ihn gedacht, daß er ihr gerade jetzo einfallen konnte. Sobald aber, wie sie in dem täuschenden Manne den verlornen Bruder erblickt, schreiet sie auch auf: Ach, Leopold! — so hieß der Bruder, und — weg ist das Bild.

Was mir die Wahrheit des Phänomens etwas verdächtig macht, ist nicht die Glaubwürdigkeit der Erzählerin, die eben nicht gern auskramt von ihren Begegnissen, und durch öftere Reisen als Schauspielerin oder Tänzerin ihr weibliches [40]Herzchen einigermaassen abgehärtet haben mag, sondern der Umstand, daß sie Wöchnerin, folglich eine Kranke ist, deren Nervensystem angegriffen und in einer Zerrüttung ist. Einer solchen oft ganz kurz daurenden körperlichen Disposition, und besonders der körperlichen Theile, die uns Ideen durch äußere sinnliche Vorstellungen zuführen, schreibe ich das zu, was wir Phantasmen nennen, da unserm Auge das Schreckbild als wirklich da stehend scheinen kann, was unsere Imagination einst bestürmt hat, und bin daher der Meinung, daß wir, noch unbekannt mit dem Knoten des Bandes, welches Körper und Geist so dicht verknüpft, dem Geiste zuschreiben, was wir dem Körper beimessen sollten. —

Noch eine weit wichtigere Ereigniß der Art will ich bei dieser Gelegenheit Ihnen doch auch erzählen. Diese ist weit wichtiger wegen des berühmten Mannes, der sie mir, als von dem ihm wiederum so glaubhaften unverwerflichen Zeugen, dem es wiederfuhr, erzählt hat. Herr Professor M** in G**, dem ich die eine Hälfte meiner geistigen Cultur verdanke, wenn ich wegen der andern Hälfte ein großer Schuldner des vortreflichen Herze bleibe, Herr M**, den Deutschland unter seine größten Denker zählt, erzählte mir einst bei den lehrreichen Besuchen, wozu er mich so geneigt einlud, wie ich durch seine so genau durchdachten und ausgearbeiteten Vorlesungen über die Seelenlehre a auf den Gegenstand von der Einbil-[41]dungskraft geführt ward, dieses. Einer seiner Freunde, der es ihm mit der größten Ueberzeugung erzählt, so daß er auch in Betracht der Glaubwürdigkeit des Erzählers kein Mißtrauen in die Wahrheit des Vorfalls setze, sei einst Abends aus einer Gesellschaft, in der man nur bis zur Munterkeit ein Glas Wein getrunken, zu Hause gekommen, und, weil sein Bedienter gerade nicht zur Hand gewesen, selbst zur Küche hingegangen, um sich eine Pfeife (dünkt mich) anzuzünden. Die heitere Stimmung seines Herzens, da er kurz zuvor eine Gesellschaft scherzender Freunde verlassen hatte, konnte also gar nicht Ideen der Art in ihm aufwecken, die seinem Auge ein so trauriges Bild vorgerückt hätten, als er beim Hinübergehen über die Diele erblickte. Hier sahe er eines seiner Kinder in völliger Todtenkleidung im Sarge liegen; Er schrickt zurück — und schweigt, um abzuwarten, obs Täuschung sei. Eben dieses Kind aber, das er als Todten sahe, wird, wo ich nicht irre, in Zeit von acht Tagen krank — stirbt — und — wird auf dieselbe Stelle und in derselben Kleidung hingesetzt! — Immer ein merkwürdiger Sprung der Einbildungskraft.

Zeit und Raum fehlen mir, um Ihnen noch einen Vorfall mit einer Delinquentin zu berichten; ich muß mich also diesmahl Ihnen empfehlen. Ich bin etc.

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Erläuterungen:

a: Vgl. Meiners 1786.