ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Noch einige Belege zu dem Aufsatze: ein unglücklicher Hang zum Theater.*) 1

Moritz, Karl Philipp

*** den 8ten October 1783.

Lieber ***,

So bin ich denn wieder im Hause meines Vaters! wie freuete ich mich, ihn noch einmal zu umarmen. Dir danke ich tausendmal für alles das, was Du mir durch deinen Umgang gewähret, für die Aufheiterung meiner Seele, für die guten beigebrachten Grundsätze, und besonders, daß Du mich so aufmerksam auf die Natur gemacht. Alles dieses will ich zu nutzen suchen. Heute Morgen bin ich mit einer großen Rührung meines Herzens aufgestanden, und meine schöne Stube, Bücher, der Anblick der Vaterstadt, alles das Andenken an die vielen hier mir wohlwollenden Menschen, und ich weiß nicht, was alles rief mir zu, bleib im Hause deines Vaters; vor dem 10ten geht keine Post ab, um G. zu antworten. Da werde ich ihm also was Entscheidendes schreiben müssen.

Da ich dieß schreibe, bin ich auch noch sehr geneigt, hier zu bleiben. Möchte ich mir doch Bürge bleiben können, den Gedanken durchzusetzen, hier erst ein vernünftiger Mensch zu werden.

[86]

Nun Dir nochmals tausend Dank für die gute Aufnahme — für alles, alles, was Du mir Gutes erwiesen hast; tausend Dank Dir, liebster Bruder und Herzensfreund dafür gesagt!

Verzeih mir nochmals alle die Wiederwärtigkeiten und gewiß oft mißvergnügten Augenblicke, die ich Dir gemacht.

Besonders meine Abreise, daß ich so eilig war. Entschuldige sie mit Sehnsucht nach meinen Eltern. Ich reisete doch über Halberstadt, und kam eher hier an, als die Helmstädter Post. Ich vergesse Dich gewiß nicht. Leb recht wohl! behalte mich ja lieb, und wünsche mir lauter Gutes. Sei versichert, daß ich aus meinem Aufenthalte bei Dir tausend Gutes gelernet habe, aufmerksam auf die Natur und ihre Freuden geworden bin.

Ich küsse Dich einen Bruderkuß auf Deine Lippen; bleib gesund, und suche Dein Leben so lange zu erhalten, als es möglich ist. Ich bin nun wohl im Hause meines Vaters! daß doch alles möge gut hinausgeführt werden! Leb' wohl, mein Guter!


*** den 18ten October 1783.

Lieber ***,

Schon vorigen Festtag hätte ich an Dich geschrieben, ich erwartete aber von Dir einen Brief, worin Du mir vieles zu sagen hättest, wie ich aus Deinem Schreiben an meinen Vater ersah; ich [87]kann aber diese Gelegenheit nicht vorbei lassen, Dir von meinem itzigen Zustande, so viel mir Zeit und Munterkeit des Geistes erlaubt, Nachricht zu geben.

Schon in Halberstadt stimmte sich meine Seele ganz anders, sie ward so weich und eindrucksvoll, ich erinnerte mich an alle die angenehmen Stunden, die ich dort zugebracht; kurz die Reise von da bis B** in einer gar nicht kalten Nacht war für mich sehr angenehm.

Voller Herzensrührung fuhr ich durch B**, aber doch freudig, in meiner Vaterstadt zu seyn, von der ich mich doch so weit und vielleicht auf ewig entfernen wollte.

Meine Eltern nahmen mich gütigst auf, und meine Mutter hatte sich schon über meinen Brief, der mich anmeldete, herzlich gefreuet.

So war ich denn im Hause meines Vaters, das ich unmöglich sobald verlassen konnte. Kurz ich beschloß hier diesen Winter zu bleiben, und schrieb es den Freitag G. höflichst ab; mein Vater gab mir Anleitung G. so zu schreiben, daß er aufhören müßte Vater zu seyn, wenn er mich nicht entschuldigen wollte.

Der Gedanke ist nun ganz aus meiner Seele verbannet, ich habe hier schon wieder Freunde gesucht, und sie auch gefunden, alle nehmen mich freudig auf, und sehen mich gerne, ich selbst bin nur noch furchtsam, alles ist für mich hier neu, ich bin ein Fremdling selbst hier, wo ich erzogen bin.

[88]

Sonderbar! am vorigen Sonntag, da mich ein Freund mit zur Aufführung einer französischen Comödie nahm, wo alle die Eltern der Kinder waren, die sie spielten, und alle meine vorigen Freunde und Bekannte, afficierte mich das Alles, was da vorging, und was ich da sah, so sehr, daß ich nach Endigung derselben die Gesellschaft verlassen, und zu Hause gehen mußte: ich bekam ein heftiges Flußfieber, der Arzt kam den Montag, den Diensttag mußte ich ein Vomitiv einnehmen, und bis heute darf ich noch nicht ausgehen, so rührte mich alles: anfangs konnte ich fast nirgends im Hause gehen, ohne zu weinen: ich kann Dir nicht sagen, wie mich alles afficiert, und wie ich alles bereue.

Auch herrscht itzt eine solche Ruhe in meiner Seele: sobald ich wieder ausgehn darf, werde ich Freunde besuchen, mir täglich Bewegung machen, lesen und thätig seyn, so viel ich kann, und einmal die häußlichen Freuden so recht genießen: ich finde itzt einen grossen Geschmack am Predigen, und werde meine beiden Collegien von Leß rezetiren, seine Moral und practische Dogmatik auch in den neuern Sprachen lesen, und überhaupt, wenn ich nur erst völlig wieder besser bin, mich so einrichten, daß ich immer thätig bin.

Mein guter Vater hat eine herzliche Freude, Du kannst es gar nicht glauben; er will mir ein [89]schönes neues Clavier schenken zu meinem Vergnügen, und thut alles.

Alle die mich sehen, freuen sich. Der Hofrath G. nahm mich freudig auf; er glaubte, ich käme von Leipzig; ich sagte ihm aber, ich sei in einer hypochondrischen Lage gewesen, und habe Leipzig verlassen müssen.

Der würdige Abt J. — diesem allein hatte es mein Vater anvertrauet, um Beruhigung zu haben — den Tag vor meiner Ankunft war dieser Greis selbst bei meinem Vater gewesen, weil ihn mein Vater zweimal vergeblich besucht, und hatte sich über meinen Brief gefreuet; »nun, hatte er gesagt, bin ich heute ruhig! nun will ich seine Gesundheit trinken. Nehmen Sie ihn ja freundschaftlich auf, tragen Sie ihn,« sagen Sie ihm, ich wüßte alles, und wenn er nicht zu mir kommen will: so will ich wieder kommen: stell Dir vor! Aber ich hatte nun auf einmal so ein Herz, weil ich fest in meiner Seele war, nun kein C. zu werden. Ich gieng zu ihm: »Nun, sagte er, ich freue mich Sie noch wohl zu sehen, ich glaubte Sie nie wieder gesehn zu haben.« Er redete freundschaftlich mit mir, und freuete sich, daß ich meinen Entschluß geändert, er gab mir die Hand, und voll Rührung ergriff ich sie fest, und küßte sie. Kommen Sie zuweilen zu mir, Sie sind mir immer willkommen.

[90]

Sieh, so bin ich auf einmal von dem Gedanken befreiet. Dir aber, liebster ***, bin ich tausend Dank schuldig für Deine vielen Bemühungen, die Du meinetwegen gehabt, itzt sehe ich es erst recht ein, was Du an mir gethan hast, ich werde es gewiß nicht vergessen.

Vergieb mir ja alles das Widrige, was ich Dir etwa vorgebracht, und worüber Du oft wohl mißvergnügt geworden, ja solltest Du gar Deine letzte Unpäßlichkeit durch mein Betragen erhalten haben: so vergieb das alles meinem verwirrten Zustande: ach! wie wünscht ich itzt erst zu Dir zu kommen, wie wollte ich Dich itzt besser nutzen.

Aber laß uns unsere weite Trennung durch einen öftern Briefwechsel ersetzen. Schreib mir ja bald was Du machst; bist Du wieder munter, wie geht Dirs itzt in Deiner Eremitage? sitz ja nicht zu viel, und mach Dir Bewegung, schone Dich ja, und erkälte Dich nicht: ich hatte mich hier gebadet, und der Arzt glaubt, ich habe mich dadurch verkältet, und schiebt mein Flußfieber darauf.

Rathe mir nun recht brüderlich, wie Du glaubst, daß ich mich hier einrichten müsse. Gellerten, den Du kennst, habe ich wieder zu meinem Freunde gewählt, und er soll wieder mein bester Freund werden: schreib mir ja recht viel, wie ich mich hier betragen und einrichten soll.

Wenn Deine Reise fertig ist, bitte ich mir ein Exemplar aus, es wird mich an die Stunden [91]erinnern, da Du mir das vorlasest. Solltest Du mal eine Reise machen, so komm hieher, und besuche mich, mein Logie und alles steht Dir zu Diensten, wie wollten wir hier zusammen spatzieren gehen: ich wollte Dir B**s Gegenden alle bekannt machen.

Wo nicht eher, so doch auf das Frühjahr besuchst Du mich einmal. Thue es ja. Die Truppen aus Amerika sind hier wieder gekommen, und sind itzt in Wolfenbüttel, das den Ort sehr lebhaft und nahrhaft macht. Der König von Schweden hat sich hier auch einige Tage aufgehalten, und reiset von hier nach Italien.

Nun noch eine Frage: wir haben hier in einigen Monathen wieder die italienischen Operisten, soll ich wohl die Operette besuchen, was meinst Du, oder soll ich wohl etwas Theatralisches lesen, ich bitte mir Deinen Rath aus. Was lese ich wohl itzt in meiner Lage am vorteilhaftesten, das mich wieder immer mehr und mehr aufheitert. Antworte mir bald und viel, ich vergesse Dich gewiß nicht, behalt mich lieb und denke fleißig auf Deinen Spatziergängen an

Deinen Freund


Den 29sten December 1783.

Wie lebst Du denn itzt, mein Bester, in diesen Wintertagen in Deiner Eremitage? ach! gewiß [92]vergnügter und zufriedener als ich hier mitten in der Stadt B** auf dem Kohlmarkte? ob ich gleich wohl mehr Ursache hätte freudig als mißvergnügt zu seyn: so muß ich es Dir, als meinem Herzensfreunde doch aufrichtig gestehen, daß ich wieder ganze Wochenlang die schwermüthigsten Launen gehabt: es dauert mich, Dich vielleicht dadurch zu betrüben, aber ich wollte gern so mal mein ganzes Herz ausschütten, und doch habe ich zu keinem größeres Zutrauen, als zu Dir, Du weißt ja warum? —

Mein Geist ist wieder lebhaft und feurig und kann wieder thätig seyn, nur fehlt es ihm hier an Muth; auf meiner Stube beim Buche bin ich heiter, aber sobald ich nur einen Blick auf die Straße thue, bin ich niedergeschlagen, der Anblick meiner Zeitgenoßen kränkt mich, besonders diese Festtage hindurch sind sie alle thätig, ich nicht.

So gerne möchte ich predigen, nur kann ich hier nicht das Herz faßen: es herrscht solche Rastlosigkeit in meiner Seele, ich kann nicht für den gegenwärtigen Anblick leben, dieß kränkt mich, und macht mir meine Tage trübe, keine frohe Aussicht auf den Tag, der Gedanke, Du kannst doch nichts zum Wohl der menschlichen Gesellschaft verrichten, Du bist itzt für sie todt, ach! wie betrübt mich das?

Ich kann nicht dabei zu Kräften kommen. Ach! die unglückliche unreife Idee, in welches Labyrinth hat sie mich versenkt, ach! wie thätig muß [93]ich nun werden in einem Posten, den ich mit jedes Genehmigung ergreifen kann, und wobei ich für mich Beruhigung habe.

Wie gerne wünschte ich bald, ach! recht bald einen solchen Posten zu erhalten, der mich in Thätigkeit setzte; äußere Veranlassung muß ich haben zu arbeiten, ich arbeite immer noch mal so viel, als wenn ich mir ganz überlassen bin. Du weißt ja meine Kräfte.

Ich könnte immer für irgend ein Institut brauchbar werden, so viel Latein, Griechisch besonders kann ich ja, daß ich ein paar Autoren erklären könnte, wenn ich nur solche Gelegenheit hätte: Du weißt ja, wie bald ich mich wieder der Englischen Sprache bemächtigen kann, wenn ich darin was leisten müßte: und so auch Französisch.

Vor einigen Tagen, den 20sten, bin ich erst dreiundzwanzig Jahr alt geworden. Was könnte ich nicht noch leisten. Ach! die unglückliche Idee, welcher Lebensfreuden hat sie mich beraubt, mich bald um allen meinen Verstand gebracht!

Du hattest gewiß Recht, daß ich erst auswärts etwa ein Amt erhalten müßte, um hier wieder Jedermann dreist unter die Augen zu kommen; ach! hätte ich doch damals so gedacht, wie ich bei Dir war, wie viel weiter wäre ich doch nun schon.

Mein theuerster J. wünscht es auch recht sehr, mich auswärts um einen Fleck der Thätigkeit zu bemühen. Wenn wir doch noch zusam-[94]men gemeinschaftlich Hand in Hand geschlagen zum Wohl der menschlichen Gesellschaft arbeiten könnten, oder Du mir doch durch Dein brüderliches Zurechtweisen und Anleiten hierin nützlich würdest.

Mit welcher Freude und Eifer würde ich eine horazische Ode oder sonst einen Autor erklären, und vielleicht durch Deklamation oder durch einen muntern Vortrag Beifall gewinnen.

Seitdem jene unglückliche Idee aus meiner Seele verbannt ist, bin ich ganz anders geworden. Nur ein vorgestecktes Ziel fehlt mir, wornach ich arbeite; was könnte nun vielleicht noch aus mir werden! ich meyne, wie könnte ich mich vervollkommen; und welche Ruhe der Seele und welche Freudigkeit des Gewissens könnte ich haben! Du kennst mich ja, daß es in meiner itzigen Lage wohl schwer ist, mich so völlig zum Prediger zu bilden.

Ich glaube, in irgend so einem Posten an einem Institute würde ich mich zum aufgeklärten Menschen bilden, und dann mit zunehmenden Jahren, wenn ich wieder in Ruf bin, und das Bewußtseyn einer wohlangewandten Zeit habe, könnte ich noch ein guter Prediger werden. Hundert Thaler will mir mein Vater jährlich geben; sieh doch zu, mein Bester, wie Du mir hilfst.

Schreib mir doch bald, und unterrichte mich von Dessau, was es für eine Bewandniß damit [95]hat. Eine Condition zu übernehmen bringt mich nicht viel weiter, und erwirbt mir keinen Ruf. Recht oft denke ich an die Zeit, die wir zusammen verlebt haben: aber am meisten und nicht ohne Herzensrührung dachte ich an Dich, als ich neulich Deine ...... las. Wie war mir da die Erimitage, der weiße Tisch, Dein Bette, alles gegenwärtig und lebhaft: wie dachte ich da so recht bewegt an Dich, mein Busenfreund, dem ich noch in diesem Jahre mein Herz ausgeschüttet habe, und nun ruhiger bin.

Schreib mir doch bald, was Du machst? Du arbeitest nun wohl schon etwas Künstliches bei Deinem Tischler ! ich weiß nicht, hier mitten in der faden Stadt, beim Geräusche der Karossen, und dem Anblick der vielen auflaurenden Leute sind mir jene Natur-Ideen bald ganz verschwunden; jene einfache patriarchalische Lebensart ist mir noch immer theuer und werth; ich fand mich doch dabei wohl, und ziehe sie alle den Seele stumpfmachenden Mahlzeiten sogenannter B** vor. Wenn man nicht brav isset und trinkt, so verachtet man sie nach ihrer Meinung. Doch bin ich nicht in dem Falle.

Hier im Hause meines Vaters habe ich mich so ganz in mich versenkt, und lebe ruhig, still und einsam.

[96]

Nur fehlt mir Muth und Aufmunterung, mein Geist kann nicht so wirken, wie er nun gern wollte: ich trage dieß gelassen, weil ich es wohl selbst verschuldet.

Doch möchte ich bald, ach! bald aus dieser unthätigen Lage gerissen werden, — zum Wohl der menschlichen Gesellschaft arbeiten. Wenn ich itzt bei Dir wäre, wie wollten wir zusammen arbeiten.

Wenn ich denn so einmal irgend etwas in eine periodische Schrift einrücken könnte, und dadurch in Ruf käme;

Glaub sicherlich, mein Bester, damit ich Dir auch nichts verheele, daß ich mich itzt tausendmal bei Dir wünsche; wie könnten wir nun vergnügt seyn, da jene unglückliche Idee, die mich so zurückgebracht hat, mich nun nicht mehr beherrschet; ach! ich muß es Dir nur frei bekennen, ich kränke und gräme mich hier so in der Stille, daß ich nicht thätig seyn kann, und hier deßwegen so im übeln Ruf bin.

Denn heißt es, der Mensch hat nichts gelernet, er prediget nicht. Solche Vorwürfe mache ich mir selbst: ach! wäre ich itzt bei Dir, wie könnte ich nun dreist zum Professor ** gehen, und um Information bitten, ich wüßte gewiß, daß es mir gelingen würde: an Dir hatte ich doch einen Freund, mit dem ich mich unterhalten, über meinen [97]Zustand sprechen, ihm mein Leiden klagen, und dadurch Linderung von ihm hoffen konnte.

Ach! ich habe noch verschiedenes auf meinem Herzen, das ich dem Briefe nicht anvertrauen mag, und was ich nur so Dir allein klagen möchte; ich bin hier wie ein Fremdling in meinem Vaterlande, ich kann mich hier nicht so producieren, wie ich gerne wünschte, ich vergesse hier mein Leiden nicht; ich Elender!

Ich dächte immer, daß ich doch jährlich fünfzig Rthlr. dort leicht verdienen würde durch Information, wenn mir nun mein Vater hundert Rthlr. gäbe, so könnte ich doch ein Jahr mich dort aufhalten. Schreib mir doch ja bald, ob Du in B. zu bleiben gedenkest? Wenn mir das noch fehl schlagen sollte, oder ich sonst keine Hofnung hätte; so thue mir doch die freundschaftliche brüderliche Versicherung, ob Du mich wohl nicht wieder bei Dir aufnehmen wolltest: Du könntest mich ganz allein dann noch retten: glaub gewiß, meine Seele ist jetzt so gestimmt, daß sie es wohl fühlt, was Du für mich gewesen bist: und jene Unruhe, die ich Dir machte, war nur eine Folge jener unglücklichen Idee. Ich war noch immer unentschlüßig.

Wenn ich nun mit der Idee zu Dir komme, ein rechtschaffener nützlicher Mensch zu werden, wie [98]vergnügt wollten wir denn zusammen leben! Nun, mein Bester, schreib mir ja bald wieder, was Du machst, und ob Du gesund bist, das verlange ich besonders gerne von Dir zu erfahren: und wünsche Dir recht viel Gutes, und besonders das edelste Gut der Menschen, die Gesundheit; möchte doch das neue Jahr für mich ein erfreuliches Jahr seyn, und mich aus meiner Unruhe reißen, und zum Ziel der Thätigkeit verhelfen.

Dir wünsche ich auch recht viel Gutes zum neuen Jahre und empfehle mich Deiner fernern Freundschaft und Bruderliebe; verlaß ja mit Deinen freundschaftlichen Gesinnungen und Deiner thätigen Hülfe nicht Deinen Freund und Bruder, der Dich gewiß itzt in Gedanken an sein Herz drücket, und Dir das Beste wünschet. So leb denn wohl, mein bester, lieber **, leb wohl, und vergiß nicht u.s.w.


[99]

Folgende Briefe, in welchen sich schon der erste Keim zu der unglücklichen Theatergrille zeigt, werden mit den vorhergehenden zusammengenommen kein unwichtiger Beitrag zur nähern Kenntniß einer mißleitenden Phantasie seyn.

Den 9ten Februar 1781.

Mein Bester,*) 2

So eben komme ich aus der Oper Armida (es schlägt ein Viertel auf Zehne) noch ganz voll von den bezaubernden Tönen der herrlichen Arien und Recitative dieser Oper, dieses Meisterstücks des berühmten Dresdener Kapellmeisters Herrn Naumann. Und nun noch ein paar Worte an Dich.

Du machst Dich gewiß auf einen rechten langen Brief gefaßt. Du denkst — — versprochenermaßen — muß er recht lang seyn, und auch lang werden können.

Nun, Du sollst denn recht gedacht haben. Also ermüde nicht viel zu lesen; verzeih, wenn ich nicht systematisch schreibe, ich kann es dießmal nicht; so wie mir was einfallen wird, schreibe ich es nieder, mein Herz ist zu voll, sieh! wüßtest Du es, wie es für Dich schlägt; ja, den-[100]ken kann ich freilich nicht immer an Dich; aber Dich auch vergessen — kann ich nie.

Wie könnte ich böse auf Dich seyn! oder wie könnte gar Dein kurzes Stillschweigen dieß verursachen. Nein, Du schreibst nun recht oft an mich, und dann sollst Du auch bald wieder etwas von mir, und recht viel hören.

Ja, ich kenne Dich — glaube Dich ganz zu kennen. Ich weiß auch, woran Dein langes Stillschweigen gelegen hat. Anhaltende Arbeiten, dachte ich gleich, müssen daran schuld seyn, und Dein Brief bestätigte mir dieses.

Nun schreib, wie Du auch mir versprichst, recht oft. Schreib mir Deine glücklichen (und auch, wenn sich dergleichen zuweilen äußern) Deine minder glücklichen Schicksaale, keiner wird an beiden mehr Antheil nehmen, als Dein lieber Freund und treuer Bruder.

Ach! noch sind wir fern, noch von einander getrennt, gewiß noch einige Jahre, langer Zeitraum! ach! möchte uns doch einmal die Göttin Fortuna zusammen an Einen Ort führen, gern, gern wollte ich ihr einen Kranz winden. Denn dies wäre so mein Lieblingsgedanke.

Wir beide an Einem Ort (und das an dem Ort, wo Du itzt bist,) zu B., soll ich noch mehr wünschen, an Einem Institute, gemeinschaftliche Arbeiter für die Jugend, oder doch beide Redner für das Volk, und dann doch Ein Geschäfte! o Wonne-[101]Gedanke, o meine Lieblings-Grille — Mittel-Punkt meiner Wünsche, wohin sie sich alle sehnen.

Du, und ich, in B.! — nur freilich noch auf ein paar Jahre ein vergeblicher Wunsch. —

Dem Hange zur Traurigkeit suche so viel als möglich nicht nachzuhängen, ich weiß es selbst aus Erfahrung, giebt man einmal einem traurigen Gedanken Platz in der Seele: so sucht er sich in ihr zu befestigen, und selbst die Waffen der Vernunft vermögen nichts gegen ihn. Suche Dich alsdann so viel als möglich zu zerstreuen: damit solche Gedanken nicht bei Dir einwurzeln.

So schreibt ein Student schon aus seiner Erfahrung dem durch Schicksale geprüften Manne Regeln vor.

Ich wollte Dir wohl meine schwachen Versuche von Predigten zuschicken, allein ich habe solche nur Einmal schriftlich liegen, und dazu etwas unleserlich. Am 2ten Februar kam ich hier Abends um acht Uhr an, und an dem darauf folgenden Sonntage als am 4ten Februar predigte ich zuerst hier vor dem Petri Thore über das Evangelium am Tage der Reinigung Maria, Luc. 4, 22-32. und nahm von dem herrlichen Ende des frommen Simeon eine Veranlassung die angelegentliche Wahrheit zu betrachten:

»Nur der wahre Christ, der Freund Gottes und der Tugend kann nicht anders als mit Freuden an den Tod denken.«

[102]

a) Die Ueberzeugung eines ruhigen und guten Gewissens.

b) Die Versicherung einer seeligen Unsterblichkeit.

c) Der Ausgang aus einer leidensvollen Welt.

d) Der Eingang in eine seelige Ewigkeit.

Dies waren die vier Gründe, womit ich zeigte, warum der wahre Christ etc. sein Leben ruhig beschließen könnte. Die Predigt fieng ich mit den drei ersten Versen aus dem Liede von Gellert an: Meine Lebenszeit verstreichet etc. und dem letzten: Tritt im Geist zum Grabe oft hin. Nach dem Thema wiederholte ich den dritten Vers: Nur ein Herz das Jesum liebt etc. und beschloß meine Predigt mit dem letzten Vers No. 570 aus dem Braunschweigischen Gesangbuche: a Ich will dich noch im Tode erheben. (Dieß Lied ist vom Professor Eschenburg.) Es schlägt zwölf Uhr, ich bin müde.


Den 10ten Februar.

Nun, meine Erstgeburt der Predigt habe ich einer Landgemeine zu R.. nahe bei H.. am 2ten Advent 1780 gehalten, über das Evangelium Luc. 21. Und es werden Zeichen geschehen etc. Ich predigte die Gewißheit eines künftigen allgemeinen Weltgerichts, (fieng meine Predigt mit dem Vers 1. aus dem Liede 243 an: »Schon ist der Tag von [103] Gott bestimmt etc.) das sagt uns schon die Vernunft, das bestätigt uns die Schrift, das bezeuget uns unser Gewissen. Darauf folgte dieser Vers:

Tag des Gerichts! Du wirst erscheinen,
Wie Schrift, Vernunft, Gewissen zeigt!
Hörst auf die Wahrheit zu verneinen,
Schweigt alle — Zweifler — Spötter —
schweigt!
Glaubt mit uns, das ist eure Pflicht,
Ein allgemeines Weltgericht.

Eins mußt Du mir erlauben Dir aus dieser Predigt zu schreiben, eine Stelle, die gewiß meine Reise nach B. schuff. Sie ist diese:

»Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht; d.h. Eher können Himmel und Erde vergehen, als daß diese meine Reden nicht erfüllet werden. Jesus verband die Verkündigung dieses allgemeinen Gerichts mit der Verkündigung des Gerichts über Jerusalem. Wo ist jetzt diese Stadt? Sie ist Asche, und was sie ist, wird einst die Welt seyn. Alsdenn aber, wenn jener Gerichtstag des Herrn gleich einem nächtlichen Diebe kömmt, dann werden die Himmel mit Krachen zergehen etc. Nun besonders diese Worte: — Wo seyd ihr dann, ihr königlichen prachtvollen Städte, Ihr kleinen Welten, mit euren bis an den Himmel reichenden [104]Zierden, bei deren Anblick der Verstand des Sterblichen schwindelt, und kein menschliches Auge sie erreichet? Wo bleiben dann eure bis in die Wolken gethürmten Palläste: Ihr, die Ihr durch eure Größe und durch den Reichthum eurer Pracht jeden sich euch nähernden Wanderer (ich dachte hier an die Leipziger Straße) täuscht, und in Erstaunen setzt: wo seyd Ihr dann? oder was seyd Ihr dann? — Asche! Zertrümmern werdet Ihr, Ihr Palläste, Ihr, die Ihr oft sich Götter dünkende Bewohner faßt, Sitze des Wohllebens und »der Ueppigkeit, deren goldenes Getäfel oft viele Schandthaten deckt.« Mein Schluß war dieser:

»Großer und erhabener Richter, sei mir dann nicht schrecklich, dann nicht, wenn ich einst vor deinem Richterstuhl erscheine, gieb, daß ich alsdann würdig befunden werde, zu entfliehen, in allem, das alsdann schreckliches geschehen soll. Amen! Weltrichter und Heiland, — Wenn ich dich dann mit allen Engeln Gottes schauen werde, so will ich dir noch danken, daß du meines Angesichts Hülfe und mein Gott bist.« (Dieß war eine Nachahmung des Schlußes Deiner Predigt.) Nun der Schluß dieser: Ich habe einen guten Kampf gekämpfet, ich habe den Lauf vollendet etc. Nun Herr, wirst du mir auch beilegen die Krone der Gerechtigkeit, die du mir geben willst an jenem Tage, nicht mir aber allein, sondern auch allen, die deine Erscheinung lieb haben. [105](Eine laute feierliche Declamation denke Dir hierzu. —)

Tag des Gerichts! wenn du wirst kommen,
Dann werden wir es völlig sehn,
Wohin die Sünder und die Frommen,
Geschieden von einander gehn;
Gerechte gehn zum Leben ein,
Die Sünder ein zur ewigen Pein.
So lief es recht gut mit dieser ersten Predigt ab.

Ein englisches Buch the life of David Garrick Esq. (Lond. 1780) ich kann es hier nicht haben, ich schicke auch dafür 8 Gr., solches ist noch nicht übersetzt, ich wollte mich daran machen, und das Manuscript Dir dann zuschicken, und es in B.. drucken lassen, was sagst Du dazu? Ich hätte große Lust.

Es ist nicht stark, ich würde bald damit fertig, und ich möchte, wo nicht Autor, doch nur Uebersetzer seyn, das heißt, gern einmal was drucken lassen.

Voller Begierde gieng ich zu Gebler hin, aber er hatte es nicht; ich glaube, der vierte Theil wäre schon übersetzt, wenn ich es vor acht Tagen gehabt hätte. Du erzeigst mir also eine große Gefälligkeit, wenn Du mir beides bald, sobald als möglich schickest.

Wenn Du mir einige Musikalien schicken könntest, ganz neue, so würdest Du mich als einen [106]großen Liebhaber der Musik sehr verbinden. Wenn Du von Reichards kleinen Clavierstücken Rondeaux etc. mir etwas schicken könntest oder aus Robert und Calliste die Arie: Uebermannt von tausend Leiden etc. b


Den 11ten Februar.

Heute predigte Herr Pastor B. an St. Martini (der noch immer hier zu den besten Rednern und guten Schilderern der menschlichen Charaktere gerechnet wird) über die Epistel. Vor acht Tagen predigte er in der Brüdernkirche des Nachmittags, wo ich auch zum Kreutzkloster geprediget; es war mir sehr angenehm, einen solchen Mann über dasselbe Evangelium an dem Tage noch hören zu können. Er hatte eine sonderbare Materie, ganz entfernt von der meinigen, nämlich »die Schätzung der Greise« war sein Thema; von dem Simeon hergenommen. So soll er itzt überhaupt ganz neue Materien aufbringen. Neuerlich im Weihnachten in der Schloßkapelle die Sendung Jesu, als den höchsten Beweiß der Vaterliebe Gottes: und man muß andere nicht zu sehr rühmen, und wie man im Lobe verfahren soll.

Lauter neue Sachen sollen der Inhalt gewesen seyn. Die Predigt von der Schätzung der Greise, die ich nun selbst gehört, hatte freilich viel Neues, gute Schilderungen der menschlichen Charaktere [107]bis auf das Kleinste ist seine große Stärke, er detaillirt den Menschen sehr gut, in den besten dazu gewählten deutschen Ausdrücken, er verräth große Menschenkenntniß und Studium derselben, sein Vortrag ist Plan und daher beliebt. Meiner Meinung ist auch diese Popularität im Reden das Schwerste, und man kann sich leichter an das Erhabene gewöhnen, und es fällt einem nicht so schwer, ich weiß dieß aus Erfahrung; ich hinke auch gern zu diesen kleinen Fehler hin, ich gestehe es Dir frei, ich liebe das Pathetische im Ausdruck, und es wird mir auch nicht sauer den hohen Ausdruck zu finden, eher als den regulären und eben so verständlichen und nicht mehr sagenden Ausdruck.

Ach! laß mich so noch ein bischen mit Dir schwatzen, wir haben ja lange nicht mit einander geschwatzt.

Noch gestern bin ich mit in der Probe zur Oper: die Eifersucht des Bauren etc. gewesen, die am Dienstag gegeben werden soll. Kömmt der Bischof von Osnabrück, der itzt zu Hannover ist, so wird hier eine große Oper im Opernhause auf dem Hagemarkte gegeben. Die wünschte ich wirklich zu sehen, und der zu gefallen, käme ich denn wahrlich von H.. einen Abend wieder herüber. —

Jetzt schlägt es neun Uhr, und ich will A.. in der Schloßkapelle hören. Nun, er hat gere-[108]det von dem sündlichen Klagen der Menschen über die Vorsehung des Höchsten. Er hat die Quellen dieser Klagen gezeigt, und die Natur und Beschaffenheit der göttlichen Vorsehung genauer erwogen. Die Kirche war ziemlich voll, alle Fürstliche waren darin, der Herzog und die Herzogin, Erbprinz, und alle andere Prinzen, die verwittwete Herzogin, und die Aebtißin.

Ich dachte gleich an den König von Preußen, wie ich seine ehrwürdige Schwester sah. Kurz, ich hätte heute wohl in der Schloßkirche predigen mögen. Die Prediger im Ministerio werden nun alle in einen Wagen vom Hofe abgeholt. Herr Pesch, der berühmte Musikus, fällt mir dabei ein, hat vom regierenden Herzoge einen herrlichen Pelz zum Geschenk bekommen, da ihm im Orchester gefroren, er sowohl als Herr Marcus spielen beide im Orchester mit, man erwartet sonst diese beiden nicht im Orchester, es ist mit zweiunddreißig Personen besetzt. Sie haben zwei Capellmeister selbst bei sich, der Prager spielt den Flügel, der Wiener agirt mit; Saporetti, zwei Frauenzimmer, die von Berlin, und unmittelbar von Leipzig hieher gekommen, agiren und singen mit vielem Beifalle; die eine habe ich am Freitage in Armida selbst singen hören, sie singt herrlich. Adispirates affetto-tremar, diese Arie sang sie vortreflich.

Madam Bologna singt auch herrlich, und die beiden Castraten Calcandi und Patrazzi bleiben Ca-[109]straten, ich habe noch nie einen Castraten singen hören, es war mir sehr auffallend, einen koloßalischen Menschen mit einer Kanarien-Stimme zu hören. Armida hat mir sehr gefallen, es hat erschütternde Scenen. Z.E. der Marsch, den das Orchester spielt, wenn die Soldaten unter Anführung ihres Helden über das Theater marschiren, hierbei ward mir kalt und warm, auch bei der Scene, wenn ein Gewitter die Soldaten aus ihrem Lager zerstreuet, und Armida über das Theater im Siegeswagen fährt, und selbst ins Lager kömmt. Solches Eclatante und Brillante habe ich noch nicht gesehen.

Herr Pastor B.. predigte in der Epistel heute über die Verläugnung der Welt bei der Uebung des Christenthums, und Herr Pastor H.. schilderte den Neid schrecklich in der Doctorspredigt über das Evangelium.

Künftigen Mittwoch den 14ten Februar wird Armida zum zweitenmal gespielt, dann bin ich wohl schon wieder in Helmstädt. Ich bin

Dein ewiggetreuer

P * *

Leb wohl — — Adieu, mein Bester!

Symb. Man! Know thyself all wisdom centres there c

Fußnoten:

1: *) Diesen Brief erhielt ich von ihm, unmittelbar darauf, als er von mir wieder zu seinen Eltern nach B. gereißt war.

2: *) Nichts ist sonderbarer in diesen Briefen, als der immerwährende schnelle Uebergang von Komödie zu Predigt und von Predigt zu Komödie, gerade in dem Punkte, worin beide in der Phantasie des Schreibenden immer zusammen trafen.

Erläuterungen:

a: Eschenburg und Küster 1780.

b: Robert und Kalliste oder der Sieg der Treue. Komische Oper von Pietro Alessandro Guglielmi, 1767 uraufgeführt. Eschenburg übersetzte die Oper (Uraufführung 1775) und publizierte die Arien und Gesänge in seiner deutschen Übersetzung (Eschenburg 1775).

c: Edward Young, The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death, and Immortality. "Night 4. The Christian Triumph", Z. 484.