ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: III, Stück: 3 (1785) > VII. Ueber die Neigung der Menschen zum Wunderbaren.

VII.

Ueber die Neigung der Menschen zum Wunderbaren.

Pockels, Carl Friedrich

Das Wunderbare ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern, bei den rohesten und unwissendsten sowohl, als bei den kultivirtesten und aufgeklärtesten ein Gegenstand ihrer besondern Aufmerksamkeit und Hochachtung gewesen. Jede Nation glaubt an geschehene Wunder, und ist geneigt an zukünftige zu [82]glauben. Jede Religion, oder eigentlicher zu reden, das Ansehn jeder Religion, gründet sich nach der Meinung der größern Menge auf den Glauben an wundervolle Begebenheiten, und durch diesen Glauben, eben weil er von jeher der Glaube der größern Menge war, sind unter den Menschen die wichtigsten Revoluzionen bewürkt worden, welche die scharfsinnigste Philosophie und weiseste Politik, verbunden mit der unumschränktesten Gewalt nie zu Stande gebracht haben würde — und welche wichtige Veränderungen wird dieser Wunderglaube nicht noch in Zukunft hervorbringen können! — Doch hievon wollte ich nicht reden. Meine Absicht geht dießmal nur vornehmlich dahin, einige Gedanken über die Neigung des menschlichen Geistes zum Wunderbaren in psychologischer Rücksicht aufzusetzen, und ihre Ursachen, und Aeusserungen zu beleuchten.

Weil der Glaube an Wunderwerke sich allemal auf den Glauben an ein unsichtbares, oder mehrere unsichtbare Wesen, und deren besondern Einfluß auf die Begebenheiten der Welt gründet; so will ich hier nur noch dieß Wenige vorausschicken.

Wir sind durch die tägliche Erfahrung so unendlich oft belehrt worden, daß eine jedwede Würkung eine vorhergegangene Ursach zum Grunde haben muß, daß auch der gemeinste Verstand, gleichsam durch eine mechanische Verknüpfung seiner Vorstellungen von Ursach und Würkung, gezwungen [83]wird, sich da eine Ursach hinzudenken, wo sie auch nicht in die Sinne fällt, oder überhaupt ganz unbekannt ist. Unsere Seele fühlt gemeiniglich eine Art von besonderer Unruhe, so lange sie noch nicht die zureichende Ursache einer Begebenheit kennt, und in dieser Unruhe fühlt der Mensch sich besonders sehr geneigt, zur Befriedigung seiner Wißbegierde Ursachen zu fingiren, und diese fingirten für die wahren zu halten. Ein Fehler, worein oft selbst die größten Köpfe gefallen sind. Der gemeine Menschenverstand nimmt hiebei seine Zuflucht gemeiniglich zu einem Mittel, wodurch er auf einmal seine Wißbegierde, ohne daß er schwerere Untersuchungen über die Natur der Dinge nöthig hat, zu befriedigen glaubt, und wobei seine Phantasie zugleich auf eine angenehme Art unterhalten wird — er macht unsichtbare Wesen zu den Ursachen ihm unerklärbarer Begebenheiten. Je mehr dergleichen Begebenheiten der, mit den natürlichen Beschaffenheiten der Dinge unbekannte menschliche Verstand in der Welt antraf, je geneigter mußte er sich fühlen, an jene unsichtbaren Geister zu glauben, und ihre unmittelbare Einwürkung auf die Welt sich bei den natürlichsten Zufällen vorzustellen, von denen er nicht den physischen Grund kannte. Es ist daher wohl nicht zu läugnen, daß die Menschen nicht durch tiefes Nachdenken, oder Offenbarungen, sondern durch Unwissenheit in der Naturlehre, und durch die Neigung zum Wunderbaren zuerst auf die Be-[84]griffe von Geistern und Göttern guter und böser Art gekommen sind. Die alte Philosophie und Dichtkunst haben sich gleich eifrig bemüht, diese Begriffe, welche vornehmlich die Großen zur Lenkung ihrer Untergebenen so nöthig hatten, zu befestigen, und zu verschönern; aber aller ihnen gegebene dichterische Schmuck, und alle Philosophie hat nicht zureichen wollen, ihren Ursprung aus einem rohen Zeitalter der menschlichen Vernunft vor den Augen aufgeklärter Richter zu verhüllen.

Doch zur Sache. — Die Neigung der Menschen zum Wunderbaren, und, ich kann hinzusetzen, zum Fabelhaften, hängt lediglich von dem so mächtigen Triebe der menschlichen Seele ab, neue Vorstellungen, und zwar solche zu empfangen, wodurch ungewöhnlich lebhafte angenehme Empfindungen in uns hervorgebracht, und erhalten werden. Jene neuen Vorstellungen, wonach wir vermöge eines uns natürlichen Erweiterungstriebes unserer Geistesthätigkeit streben, sind uns allemal um so viel willkommener, je mehr sie den Reiz der Neuheit an sich haben; je weniger sie also an eine uns schon geläufige Menge bekannter Vorstellungen gränzen, und je lebhafter die Eindrücke sind, welche sie in dem Gebiete unserer Empfindungen zurücklassen. Das Wunderbare ist aber vornehmlich geschickt, lebhafte Eindrücke auf uns zu machen und unsere Leidenschaften zu erschüttern. Wir fühlen es sehr deutlich, daß unsere Seele in eine heftige Bewegung geräth, [85]wenn uns eine wunderbare Begebenheit erzählt wird; oder wenn wir sie selbst zu sehen Gelegenheit haben. Unser Blut fängt heftiger zu wallen an, unsere Gedanken folgen in einer ungewöhnlichen Schnelligkeit auf einander. Unsere Aufmerksamkeit scheint sich mit jedem Augenblicke zu verdoppeln. Alle unsere Seelenkräfte sind gespannt, um keinen Umstand der sonderbaren Begebenheit ausser Acht zu lassen, und diese Spannung drückt sich sogar in Zügen unseres Gesichts aus. Man hat sogar merkwürdige Beispiele, daß Menschen dabei in Ohnmachten und Wahnsinn gefallen sind. Nichts ist uns unangenehmer, als in diesem Zustande lebhafter Vorstellungen, worein uns das Wunderbare versetzt hat, durch Gegenstände gestört zu werden, welche diese neuen Vorstellungen unterbrechen, und wir wünschen nicht selten — wenn wir auch gleich an die wunderbare Begebenheit selbst nicht glauben können — daß sie wahr seyn möchte. So angenehm ist das Vergnügen, welches wir daraus schöpfen, und so stark der Reiz, welchen die Bewunderung für unsere Vorstellungen und Empfindungen hat.*) 1 Die Wunderthäter älterer und neuerer [86]Zeiten haben hierin die menschliche Seele sehr gut gekannt. Sie haben den erstaunlichen Hang derselben zum Wunderbaren zu nähren, und ihre Phantasie für ihre Plane durch allerlei Kunstgriffe zu erhitzen gewußt, und die Menschen — die so leicht zu täuschenden Menschen — haben ihnen auch bereitwillig die Hände gebothen, sich hintergehen zu lassen. —

Mich dünkt, es giebt noch einen Hauptumstand, wodurch die Neigung der Menschen zum Wunderbaren so stark, und dieses so anziehend für sie ist, ich meine den, daß wir nicht nur mit einer angenehmen Leichtigkeit und Schnelligkeit unseres Geistes jene neuen Ideen, die durch das Wunderbare in uns hervorgebracht werden, auffassen; sondern daß auch jedesmal unsere Einbildungskraft dadurch aufs lebhafteste beschäftigt wird. Alles was diese in uns unaufhörlich thätige Kraft der menschlichen Seele in Bewegung setzt, alles was ihr neue [87]Bilder verschaft, gesetzt daß auch diese Bilder selbst etwas Schreckliches an sich haben sollten, hat einen besonders hohen Grad des Vergnügens für uns, und wir schätzen diese Art des Vergnügens um so viel mehr, weil es unzähliger Abwechselungen fähig ist, und nicht, wenn es lange genossen wird, wie die Ergötzungen der Sinne am Ende Ekel mit sich führt. Es ist bekannt, daß die Bilder unserer Einbildungskraft, welche ohnedem noch den Reiz haben, daß sie sich ohne Anstrengung des Geistes von selbst darbieten, oft so lebhaft und mächtig in uns werden können, daß sie uns nicht selten aus einer würklichen Welt in eine idealische hinausheben, worin es uns denn deswegen gemeiniglich so wohlgefällt, weil wir lauter unbekannte Dinge darin antreffen, die unsere Neugierde beschäftigen. Nichts beschäftigt und unterhält daher unsere Einbildungskraft mehr, als das Wunderbare. Eine natürliche Begebenheit macht darum den lebhaften Eindruck nicht auf uns, weil sie gemeiniglich schon in allen ihren Theilen bestimmt ist, weil sie nichts Besonderes enthält, was unsere Neugierde reitzt, und weil wir dergleichen Begebenheiten schon oft gesehen und gehört haben. Mit dem Wunderbaren verhält sichs ganz anders. Hier bemerken wir lauter neue Gegenstände, eine ganz neue Scene wird auf einmal vor unsern Augen eröfnet, und hundert angenehme Bilder unserer Phantasie schwärmen um uns herum. Die Ideen, womit wir uns so gern beschäftigen, daß gewisse [88]überirrdische Wesen bei einer wundervollen Begebenheit mit im Spiele gewesen seyn müssen; die dunkeln uns in Erstaunen setzenden Begriffe von der ausserordentlichen Kraft, die, um jene Begebenheit zu Stande zu bringen, erfordert wurde; die Wißbegierde, wie doch wohl wunderthätige Menschen in den Umgang mit der Gottheit gekommen seyn mögen, und wie sie sich darin zu erhalten wissen; die äusserst schnelle, ungewöhnliche, uns unbegreifliche Zusammenstellung von Umständen, die eine wunderbare Scene ausmachen — alles dies erhält unsern Geist in einer beständigen Spannung, und weil unsere Wißbegierde dabei eigentlich nie ganz befriedigt wird, weil uns dabei, wenn wir auch einen deutlichen Begrif von dem Zusammenhange der Begebenheit haben, immer die geheime Einwürkung der Gottheit auf Sachen und Personen unbegreiflich bleibt; so verdoppeln jene Umstände unsere Aufmerksamkeit ohngefähr so, wie wir unsere Augen anstrengen, um eine entfernte uns sonderbar vorkommende Sache zu sehen. Unbefriedigte Wißbegierde ist es also vornehmlich, was unsere Seele so geneigt gegen das Wunderbare macht. Ueberhaupt aber reitzt in unzähligen Fällen das Unvollendete, Halbbekannte und Versteckte in Erzählungen sowohl, als Begebenheiten und Gegenstände menschlicher Künste und Wissenschaften unsere Aufmerksamkeit mehr, als das Bestimmte, Vollendete und Bekannte, weil durch jenes nach einem psychologischen Erfah-[89]rungssatze die Lebhaftigkeit unserer Ideen in Bewegung erhalten; durch dieses aber gewissermaßen eingeschränkt wird.

Die Würkungen, welche das Wunderbare in unserer Seele hervorbringt, fangen sich allemal durch jenen Zustand des Gemüths an, den wir Erstaunen, oder wenn wir nicht so lebhaft wie bei diesem afficirt werden, Bewunderung zu nennen pflegen; Gefühle, die sich mehr durch ihre Empfindungen von einander unterscheiden, als sich genau beschreiben lassen. Alles, was sich der menschliche Geist als etwas Großes und Erhabnes, in der Geisterwelt sowohl, als in der Körperwelt vorstellt; wobei er sich die Ueberwindung, oder die Nothwendigkeit der Ueberwindung einer Menge von Hindernissen und Gefahren denkt; wo er sich lebhafte Begriffe von einer ausserordentlichen Kraft macht, die entweder mit einer unerwarteten Schnelligkeit, oder in einem großen Umfange würkt, erregt in uns jenes Gefühl des Erstaunens, welches bisweilen, wenn es zu stark, und durch zu lebhafte Bilder der Phantasie erzeugt wird, in eine Betäubung unserer Sinne ausartet, welche die Folge unserer Vorstellungen unterbricht, und den Gebrauch unserer Sprache aufhebt.

Mich dünkt, daß Erstaunen, es mag nun entweder durch eine wunderbare Begebenheit, oder durch etwas körperlich Erhabenes hervorgebracht werden, überhaupt genommen allemal von einigen [90]dunkeln Begriffen über die Sache begleitet werden muß, wenn unsere Seele in diesem Zustand gerathen soll. Dunkele Vorstellungen haben eine erstaunliche Gewalt über das Gebiete unserer Empfindungen, sonderlich zur Hervorbringung der Furcht, und des damit so nah verwandten Erstaunens. Die Erfahrung ist offenbar für jene Behauptung. Wir fühlen es deutlich, daß ein erhabener Gegenstand, eine wunderbare Begebenheit, welche in uns ein Erstaunen hervorbringt, diese Würkung nicht mehr, wenigstens lange nicht in einem so hohen Grade äussert, wenn jener Gegenstand in seine einzelnen Theile zergliedert, nach den verschiedenen Verhältnissen seiner Größe einzeln betrachtet; und diese Begebenheit nach ihren einzelnen geheimen Triebfedern uns deutlich vor Augen gestellt wird. Unsere Bewunderung hört auf, wenn wir uns das Ding auf einmal deutlich nach seinem ganzen Umfange vorstellen können.

Unter den sinnlichen Gegenständen erregen ein Erstaunen besonders Dinge von einer großen Dimension, vornehmlich einer großen Höhe und Tiefe; oder wo wir uns vermöge unserer Einbildungskraft eine große Dimension hinzudenken, daher Dunkelheit und Finsterniß so leicht ein Erstaunen erzeugt, weil wir uns alles Dunkele von einer ungeheuren Ausdehnung denken, wenn wir seine Gränze nicht überschauen können; Aeusserungen einer sehr großen Kraft, sie mag nun als eine todte, oder lebendige [91]Kraft betrachtet werden; sehr schnelle Bewegung eines Körpers; unerwartete fürchterliche, oder auch angenehme Töne die uns überraschen — alle Gegenstände, wovon wir uns in dem Augenblicke der Ueberraschung und des Erstaunens keine deutlichen, sondern nur dunkele Begriffe machen können.

Bei Vorstellungen von etwas Wunderbarem scheint unsere Seele ohngefähr so afficirt zu werden, als wenn sich ihr Gegenstände von einer sehr großen Dimension darstellen. Nur ist hierbei der Unterschied zu merken, daß das durchs Wunderbare erregte Erstaunen von einer längern Dauer ist, als dasjenige, welches sichtbar erhabene Gegenstände in uns hervorbringen. Der Grund der Dauer einer Empfindung liegt allemal in der längern Lebhaftigkeit unserer Vorstellungen einer Sache, und diese längere Lebhaftigkeit unserer Vorstellungen bei dem Wunderbaren hängt gewiß davon ab, daß das Wunderbare in allen seinen Theilen wunderbar und erhaben ist, daß wenn wir es auch Stückweise betrachten wollen, wenn uns nur nicht dadurch die versteckten natürlichen Triebfedern desselben bekannt werden, immer der Zustand der Bewunderung unserer Seele noch fortdauert, weil uns noch viel Unbekanntes davon zu wissen übrig bleibt, und unsere Aufmerksamkeit eben dadurch immer gleich lebhaft erhalten wird.

[92]

Sichtbar erhabene Gegenstände aber hören gemeiniglich auf, unser Erstaunen zu erregen, sobald wir sie in ihre einzelnen Theile zerlegen und uns das Ganze mehr succeßiv als auf einmal und folglich dunkel vorzustellen anfangen. Hierzu kommt noch der besondere Umstand, daß wir uns nach und nach an erhabene sinnliche Gegenstände, wenn wir sie oft sehen, so gewöhnen können, daß sie endlich keinen, oder doch nur einen geringern Grad des Erstaunens in uns erzeugen. Ich gebe zu, daß sich unsere Phantasie endlich auch an das Wunderbare gewöhnen kann; aber dieses Gewöhnen geschieht gewiß bei diesem auf eine weit langsamere Art, als bei sichtbar erhabnen Gegenständen. Wir können eine wunderbare Begebenheit hundertmal erzählen hören, und doch wird sie uns immer neu zu bleiben scheinen. Unsere Einbildungskraft wird bei jeder wiederhohlten Erzählung von neuem mächtig aufleben, unsere Wißbegierde wird uns immer wieder antreiben, die wunderbaren Maschinen zu entdecken, wodurch jene Begebenheit bewürkt wurde, und eine Reihe von Jahrhunderten selbst, die seit geschehenen Wunderwerken bis jetzt verflossen sind, wird uns gegen Dinge nicht gleichgültig machen können, die wir gleichsam noch jetzt vor Augen zu sehen glauben. Wir versetzen uns nur zu gerne in jene Epochen der Geschichte, die sich durch ausserordentliche Begebenheiten und Wunderwerke auszeichnen, wir wünschen zu diesen Zeiten gelebt zu haben, und in dieser [93]Stimmung unseres Gemüths wird es ausserordentlich leicht, alles — ohne Untersuchung zu glauben, was uns aus jenen wundervollen Tagen erzählt wird; aber nicht nur Zu glauben, sondern uns auch gegen jeden zu entrüsten, welcher aus Gründen der Vernunft jene wunderbaren Begebenheiten, die sich gemeiniglich unter sehr unwissenden Leuten zugetragen haben, nicht glauben kann.

Doch ich komme wieder zu den Würkungen des Wunderbaren auf die menschliche Seele zurück. Die lebhafte Bewegung, in welche unsere Phantasie allemahl durch ausserordentliche Begebenheiten versetzt wird, theilt sich zugleich einer Menge unserer Leidenschaften mit, die sich bald mit Schrecken und Furcht, bald mit einer überwiegenden Freude, bald in beiden, oder gemischten Empfindungen äußern, je nachdem das Wunderbare einer Begebenheit bald so, bald anders auf unser Herz würkt, und auf dieses würkt es allemal, daher wir auch gemeiniglich einen so lebhaften Antheil an den Schicksalen sogenannter Wunderthäter nehmen, und nicht selten noch eine Hochachtung für sie fühlen, wenn auch ihre Betrügereien schon entdeckt sind.

Nächst dem Erstaunen ist Furcht und Schrecken gemeiniglich mit dem Zustande der Bewunderung verbunden, obgleich jenes von diesen letztern Empfindungen sehr verschieden sein kann. Die Vorstellung von gewissen bei wunderbaren Begebenheiten verborgenen unsichtbaren Kräften und Geistern er-[94]regt nie Empfindung des Erstaunens allein, wie andere erhabene Gegenstände pflegen, sondern wir nehmen zugleich ein Gefühl von Furcht und Schrecken in uns wahr, sobald wir uns das Wunderbarerhabene in Verbindung mit jenen unsichtbaren Wesen denken. Der Grund von dieser besondern Art des Erstaunens liegt ohnstreitig darin, daß wir immer mehr geneigt sind, uns die Gottheit als die unmittelbare Ursach des Wunderbaren, von einer schrecklichen, als liebevollen Seite vorzustellen; weil wir fühlen, daß keine Kraft unserer Natur zureichen würde, die Gewalt eines unsichtbaren Wesens aufzuhalten, wenn sie gegen uns gerichtet würde, und weil wir sogleich immer an andre schreckliche Begebenheiten denken, die ehemals von der Gottheit die Menschen zu bestrafen, veranstaltet wurden, und diese Ideen zusammengenommen zwingen uns die Furcht ab, die wir empfinden, wenn wir die Gottheit gleichsam vor unsern Augen in wunderbaren Begebenheiten handeln sehen. Wenn auch darin der Dichter nicht Recht haben sollte, daß die Furcht zuerst den Glauben an das Dasein der Götter unter den Menschen eingeführt habe; so ist doch nicht zu zweifeln, daß Furcht ihnen zugleich ihre Altäre erbauen, und ihnen Opfer bringen halfen, um ihren Zorn gegen die Menschen zu besänftigen.

Ohnerachtet jener Empfindung der Furcht und des Schreckens, die wir gewöhnlich bei Vorstellung einer wunderbaren Begebenheit in uns wahrneh-[95]men, begleitet uns doch dabei auch oft eine gemischte Empfindung der Freude, die bald allein durch die Neuheit der Sache hervorgebracht, bald durch den Antheil erzeugt wird, den wir an der glücklichen Entwickelung wunderbarer Zufälle nehmen. Auch sind nicht alle Wunderwerke schrecklich, sondern viele stimmen so sehr mit den Wünschen unseres Herzens überein, daß sich nicht selten unsere Freude darüber in ein Entzücken verwandelt, zumal wenn es denjenigen Leuten in einer Wundergeschichte gut geht, für die sich unser Herz gleichsam durch eine zärtliche Sympathie erklärt hat, wenn sie auch gleich seit Jahrhunderten nicht mehr — oder wol gar nicht in der Welt gewesen sind; denn unsere Gefühle täuschen uns oft so sehr, daß wir selbst von Schicksalen solcher Personen gerührt werden, die in der bloßen Einbildungskraft eines Dichters oder Romanschreibers existirt haben.

Es sei mir erlaubt zum Beschlüsse dieses Aufsatzes noch jener besondern Erscheinung der menschlichen Seele zu gedenken, die sich bei Leuten von einer sehr lebhaften Einbildungskraft schon so oft gezeigt hat, und sich in unsern Tagen bei so manchem erhitzten — auch wohl aufgeklärten Kopfe, bis diesen Augenblick zeigt — nehmlich des schwärmerischen Gefühls, welches jene Leute von einer eigenen beiwohnenden Wunderkraft zu empfinden glauben. Man kann alle menschlichen Wunderthäter der alten und neuen Geschichte in zwei Klassen theilen, in sol-[96]che, die nie geglaubt haben, daß sie Wunder thun könnten; aber es doch zur Erreichung gewisser politischen oder moralischen Endzwecke vorgaben, — dieß waren geflissentliche Betrüger, — und in solche, die wirklich glaubten, daß ihnen eine Kraft Wunder zu thun wirklich mitgetheilt sei, ohne daß sie diese Kraft besaßen. Von diesen letztern Wunderthätern, die in sich eine Wunderkraft fühlten, ob sie sie gleich nicht hatten, will ich nur mit Wenigem reden.

Diese sind — und waren meistentheils gutmüthige Schwärmer, welche durch einen eingebildeten Umgang mit der Gottheit, den sie nicht selten im Schlaf und Traum unterhielten; durch allerlei geistliche und strenge Uebungen, vornehmlich durch die sogenannte Kreuzigung des Fleisches, es dahin gebracht zu haben glaubten; daß sich ihnen die Gottheit nicht nur besonders mittheilen könne, sondern auch als Gliedern ihres Wesens mittheilen müsse; (denn fast alle Schwärmer haben sich mit Gott in einer mystischen Vereinigung zu einem Ganzen betrachtet) die aber doch auch auf der andern Seite gemeiniglich Stolz genug besaßen, um sich von andern Menschen auf eine ausserordentliche Art auszeichnen zu wollen. Kein Schwärmer, selbst der berühmte Gaßner nicht, der uns oft als das höchste Muster der Demuth und der sittlichen Einfalt geschildert worden ist, war vom Stolze frei, und man müßte das menschliche Herz nicht kennen, wenn man jene Leute [97]davon freisprechen wollte. Es ist eine sehr richtige Bemerkung eines großen Kenners des menschlichen Herzens, daß sich Stolz, wenn er kein anderes Mittel mehr wisse, um sich der Welt zu zeigen, in freiwilliger Erniedrigung und Demüthigung nähre. Bemühen, keinen Stolz zu zeigen, ist also an sich schon ein sehr hoher Grad von Ruhmsucht, indem man die Welt überreden will, daß man — was unter tausenden so wenige können, — über die mächtigste Neigung des menschlichen Herzens Herr werden kann, und ich nehme mir die Freiheit zu behaupten, daß geheimer geistlicher Stolz, um das Ding bei seinem rechten Namen zu nennen, die meisten Wunderthäter zu Wunderthätern gemacht habe, und daß der stolze Gedanke, besondere Vertraute der Gottheit zu seyn, ihrer Einbildungskraft alle die listigen Kunstgriffe erfinden half, wodurch sie sich so glücklich in ihrem Ansehn, wenigstens bei der größern Menge zu erhalten gewußt haben.

Aber wie mögen die Schwärmer auf die Idee einer ihnen beiwohnenden Wunderkraft gekommen seyn? Auf eine sehr natürliche Art, und gewissermaßen auch auf einerlei Wege ihrer Vorstellungen. Unsere Phantasie kann mit uns machen was sie will, wenn der ihr so nöthige Führer, die gesunde Vernunft, erst von seinem Posten vertrieben worden ist. Ihre Gefühle können leicht eine solche Gewalt über uns bekommen, daß sie die Empfindungen der [98]Sinne verdunkeln, und uns Dinge als gegenwärtig darstellen, die nie existirt haben. Was sieht nicht alles der im hitzigen Fieber Liegende, und der Wahnwitzige in seiner Phantasie! Der Schwärmer liegt gewissermaßen auch an einem dieser Uebel krank, ohne daß er es weiß und glaubt. Die so lebhafte Art zu denken und zu empfinden, die allen Schwärmern eigen ist; das immerwährende Bemühen, die Seele mit Bildern aus der Geisterwelt zu unterhalten, und geflissentlich von der äußern Welt zurück, und in sich selbst zu kehren; das ängstliche Auflauren auf den Kampf unserer sinnlichen Natur mit göttlichen sich eingebildeten in uns wohnenden Kräften; die seltsame Anstrengung unserer Natur, unsere Sinnlichkeit durch fromme Bilder der Phantasie zu verscheuchen — alles dies muß über kurz oder lang in der Seele des Schwärmers Gefühle erzeugen, die er in dem noch gesunden Zustande seiner Seele nie gehabt hat; die er nun aber, da sie ihm unmittelbar in den Augenblicken, wenn er sich mit der Gottheit beschäftigt, aus dieser Beschäftigung zu entstehen scheinen, wegen ihrer ganz besondern Lebhaftigkeit für Eingebungen der Gottheit hält, so leicht sie sich auch aus der Natur der menschlichen Seele und des Körpers — freilich als Krankheiten und Auswüchse unserer Phantasie, mögen erklären lassen. Wer erst glauben kann, daß die Gottheit mit ihm in einem so genauen Umgange stehe, daß sie auf ihn besonders influire, [99]der hat nur noch einen Schritt zu thun, zu glauben, daß man durch jene Influenz auch Wunder verrichten könne. Dieser Glaube ist gleichsam das non plus ultra aller Schwärmer gewesen; bis hierher haben sie nur zu kommen gesucht — und konnte wohl etwas in der Welt mehr ihrem Stolz schmeicheln, als eben dieser Glaube! Was ging es übrigens den Schwärmer an, ob er auf Kosten der gesunden Vernunft geglaubt wurde, da ohnehin von jeher die Schwärmerei alles angewandt hat, um die gesunde Vernunft zu unterdrücken, und sie als eine armselige Führerin der Wahrheit auszuschreien.

C. F. Pockels.

Fußnoten:

1: *) Hume — der unsterbliche Hume, hat sehr Recht. Die Leidenschaft des Erstaunens und des Bewunderns, sagt er, die durch die Wunderwerke erregt wird, ist eine angenehme Bewegung und Aufwallung des Gemüths, und lenket uns deswegen auf eine merkliche Weise diejenigen Begebenheiten zu glauben, durch welche sie erregt wird. Und dieses geht so weit, daß selbst diejenigen, welche dieses Vergnügen nicht unmittelbar geniessen, noch diejenigen wunderbaren Begebenheiten glauben können, von denen sie berichtet werden, dennoch dieses Vergnügens von der andern Hand, und gleichsam durch eine Zurückprallung theilhaftig werden wollen, und einen Stolz und eine Belustigung darin suchen, die Bewunderung anderer zu erwecken. Siehe Humes Versuch von den Wunderwerken. a

Erläuterungen:

a: Hume 1748, "Of Miracles", S. 173-203, hier S. 184-186.