ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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VII.

Auszug aus einem Briefe des Herrn Direktor Heinicke an den Abbé l'Epee.

Heinicke, Samuel

Leipzig, den 8ten November 1781.

Es ist mir sehr angenehm mich mit Ihnen über die Kunst und Wissenschaft zu unterhalten, womit wir uns beide, zum Besten unglücklicher Personen beschäftigen, die bisher noch nicht allgemein bekannt ist, die Mancher aus einem unrichtigen Gesichtspunkte betrachtet und sie bei diesen Unglücklichen, ohne bleibenden Nutzen, anwendet.

Noch angenehmer ist es mir, in Ihnen einen Mann zu finden, dem es um Wahrheit zu thun ist, der Einsicht genug in die Lehrart für Taubstumme verräth, und der kein Sclav irrig angenommener Meinungen zu seyn scheint.

Ihre Institutiones habe ich, sobald sie die Presse verliessen, gelesen. Längst vorher aber hatte ich schon Ihre Lehrart, welche die nämliche eines Bonnet, Wallis und Ammann ist, bei Taubstummen angewandt; allein, ich gestehe es Ihnen frei, alle Mühe, Zeit und Kosten waren dabei vergeblich.

Das ist wahr, Taubstumme lernen, auf eine mühsame Art, mit schriftlichen Wörtern Begriffe verbinden, aber die Erfahrung lehret auch, daß [67]diese Wörter bald, und samt manchen Begriffen, wieder bei ihnen verschwinden und in die Vergessenheit übergehen müssen.

Die physische Ursache, warum bei Taubstummen die Begriffe, durch Schriftsprache allein, von keiner langen Dauer seyn können, liegt in der Irregularität und unendlich verschiedenen, abwechselnden Zusammenfügung und Darstellung der Wörter, die, nicht allein für Taubstumme, sehr schwer zu lernen sind, sondern auch, weil sie im Gedächtniß keinen festen Fuß fassen können, bald wieder verlöschen müssen, wie wir gleich sehen werden.

Es ist Vorurtheil, wenn man glaubt, daß der Sinn des Gesichts, bei Taubstummen, im Denken, den Sinn des Gehörs, durch Schriftsprache, vertrete. Durch das Gesicht erlangen wir zwar immer Abdrücke von Farben, Gestalten und Flächen, die sich nachher auch abwesend in unsrer Einbildungskraft darstellen, man glaube aber ja nicht, wenn sich Wörter auf dem Papier vorstellen lassen, daß sie auch abwesend, in uns, vorstellbar seyn müßten. Nein, dieß folgt keinesweges: die geschriebenen oder gedruckten Wörter gleichen zusammen geworfenen Fliegen oder Spinnenfüssen, sie sind keine Figuren, die sich abwesend in unsrer Einbildungskraft darstellen oder denken lassen und kaum können wir einzelne Buchstaben subjektivisch, mit Stetigkeit in uns, vorstellen.

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Dies wird begreiflich, wenn Sie nur den Versuch machen und einige Minuten Beobachtungen darüber anzustellen sich die Mühe geben wollen. Ich muß aber vorher erinnern: daß Sie nicht etwa bloße Empfindung, oder Bewustseyn, statt der Vorstellung, dabei annehmen, und sich nicht durch den Ton eines Worts täuschen lassen.

Nun denken Sie sich einmal, mit verschlossenen Augen, ein Wort, z.B. Paris, und geben Sie acht: ob sich dies Wort, in Ihrer Einbildung, herbeiziehen, und, wie auf Papier oder auf einer Tafel, so leserlich vorstellen lasse. Ich wette tausend gegen eins, Sie können das nicht; und ists nicht an dem , was ich sage: daß schriftliche Wörter nicht abwesend in uns vorstellbar sind? Zwar werden Sie innerlich bei diesem Versuche, einen Buchstaben nach dem andern, gaukelnd und nebelicht, zu diesem oder jenem Worte, aber nie ein ganzes Wort ordentlich und mit Stetigkeit herbeiziehen und wie auf Papier, oder auf einer Tafel, lesbar darstellen können, weil, wie ich schon gesagt habe, schriftliche Wörter unförmliche und undenkbare Gestalten oder vielmehr gar keine Gestalten sind, die wir Hörenden nur durch Empfindung, niemals aber vorstellbar denken, und daß der Taubstumme zu Tönen keinen Sinn hat, darf ich Ihnen nicht erst sagen.

Diese durch Erfahrung bestätigte Wahrheit: daß ein Taubstummer nicht in abwesender Schriftsprache denken kann, wollen wir voraussetzen, und [69]nun können wir auch weiter zur Denkart der Taubstummen fortschreiten.

Der Taubstumme, ehe er eine Schriftsprache lernt, denkt durch allerlei sinnliche von ihm anerkannte Zeichen, nämlich von lebenden und leblosen Gegenständen, Bildern und fühlbaren in seine Sinne fallenden Handlungen; dadurch kann er auch, aus der sinnlichen, in die intellectuelle Welt, übergehen lernen. Lehrt man ihn nun eine Schriftsprache, so ist sie, nicht wie bei uns, die Copey der Tonsprache samt der Bedeutung eines Begrifs, von einem Gegenstande, zugleich, sondern nur lediglich eine characteristische Bedeutung von demselben, den er schriftlich bezeichnet, und diesen Gegenstand kann er, wenn das Wort auf Papier vor ihm geschrieben da stehet, abwesend denken; allein, er kann, sobald man ihm das Papier weg nimmt, worauf der Name eines Gegenstandes geschrieben stehet, diesen geschriebenen Namen nicht denken, wie uns die obige Erfahrung mit dem Worte Paris lehret.

Das beschriebene Papier dient dem Taubstummen also zur Einbildungskraft, nimmt man ihm dies, so nimmt man ihm auch seine geschriebenen Zeichen, und er behält nur die bildlichen, die in allerlei willkührlichen modificirten Bewegungen, oder Bildern, in seinen Sinnen, empfunden werden. Z.B. die Zeichen, zu gähnen, niesen, gehen, tanzen, der König, der Baum etc. und tausenderlei andre mehr, die sehr kurz, zum Gegenstande analogisch [70]und auf diese oder jene Art, von ihm, gefaßt worden sind.

Da nun der Taubstumme nur durch Bilder und Handlungen denken kann, so wird er darin sehr fertig: er erzählt dadurch ganze Geschichten und denkt auch dadurch wachend und träumend. Aber, eben weil er pantomimisch und nicht durch Schriftsprache denkt, so ists ganz natürlich, daß er die Schriftsprache vernachläßiget: er kann sich nicht denkend darin üben, wer soll sich auch immer schriftlich mit ihm unterhalten, und wie viel giebts Leute, die dies richtig können? Ehe er sich nun hinsetzt und schreibt, so drückt er sich viel lieber durch Gebehrden aus, diese sind ihm viel bequemer, aber daher vergißt er auch die Schriftsprache, ehe man sichs versieht, und behält von seinen Begriffen nichts, als nur die methodischen Zeichen übrig, die nur sein Lehrer, oder der sie auch bei ihm gelernt hat, wissen und sich darin mit ihm unterhalten kann.

Ich habe zwar, ehe ich meine jetzige Lehrart erfand, unter meinen tauben Lehrlingen einige gefunden, die etwas mehr als andre von der Schriftsprache behielten, aber es waren gemeiniglich welche, die in ihrer Jugend, im 6, 8, 12ten Jahre, ihr Gehör verlohren hatten, und die die Schriftsprache noch innerlich, mit einer tönenden Empfindung, verbanden. Ein solcher ist Saboureux, von dem man so viel Aufhebens macht, und der in seinem achten Jahre taub geworden ist.

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Die Seele bedient sich aller möglichen Mittel ihre Begriffe zu befestigen, aber ich rede überhaupt hier von total Taubstummen, und diese können ihre Schriftsprache nur durch ein äusserliches Zusammenfügen merken: denn unser Gedächtniß ist verschieden, und äusserliche Vorstellungen, die keine förmlichen Abdrücke machen, werden nur tonhaft in demselben. Wir denken wachend und träumend durch die Tonsprache, Gegenstände zu den Wörtern kommen uns schwach dabei vor, und unsre Gedankenreihen sind beständig tonhaft.

Die Töne sind also dunkle Triebfedern, die in das Begehrungsvermögen wirken, die willkührlichen Bewegungen hervorbringen und unsre Vernunft zu den darauf gegründeten allgemeinen abstrakten und transcendenten Gedankenreihen erheben, daß wir also Zeitlebens tonhaft denken, urtheilen und schließen müssen.

Als ich einige Jahre Taubstumme mit Schriftsprache unterrichtet hatte, sahe ich wohl, daß sie nicht dadurch, sondern nur durch methodische Zeichen dachten. Unter währendem Lernen vergaßen sie die Wörter bald halb, bald ganz, aber die Zeichen behielten sie. Ich versuchte es mit der Tonsprache und setzte sie auf die Schriftsprache, allein dies half wenig, doch behielten sie mehr Begriffe in der Ton- als Schriftsprache. Endlich wurde ich verdrießlich darüber und wollte den ganzen Kram aufgeben. Doch dachte ich vorher noch [72]der Sache fleißig nach, studirte die menschliche Anerkenntniß, die aufeinander folgenden Aktus der Sprache und ihre Einwirkung und Verbindung, in das Denken, bei hörenden und tauben Menschen. Ich war dabei so glücklich auf psychologische Erscheinungen zu stoßen, die ich vorher nicht gedacht, gehört oder gelesen hatte, und es ergaben sich Resultate, auf die ich eine ganz neue Lehrart bauete und sie auch ausführte.

Sie werden sich davon einen Begrif machen können, wenn Sie eine kleine Schrift, von mir,*) 1 durchzusehen belieben. Und nun bin ich auf dem rechten Flecke: meine Lehrlinge lernen deutlich und mit Verstande laut lesen und sprechen: sie denken in ihrer articulirten Sprache wachend und träumend, ein Jeder kann mit ihnen sprechen, wenn er nur langsam spricht und, die Schriftsprache ruhet auf ihrer Tonsprache, von der sie zwar nichts hören, sondern sie nur durch einen andern Sinn empfinden, welches aber gleichviel ist. Der Anfang dazu ist freilich erbärmlicher Singsang, aber in zwey, drei Jahren sprechen sie gut, vernehmlich und sie lernen endlich auch declamiren.

Fußnoten:

1: *) Beobachtungen über Stumme und die menschliche Sprache. a

Erläuterungen:

a: Heinicke 1778.