ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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IV.

Selbstgeständnisse des Herrn Doktor Semler, von seinen Charakter und Erziehung. a

Semler, Johann Salomo

I. Von seinen Kinderjahren.

Von meinem Leben als Kind kann ich eben so wenig, als viele andre Menschen, viel auffallendes und großes erzählen.

Ich war sehr beliebt, das weiß ich, meine Mutter wendete alles an, mir darin noch mehr beförderlich zu sein. Ich war noch dazu überaus glücklich durch die Pocken gekommen, die meiner Schwester desto mehr Schaden gethan hatten.

Lesen, etwas schreiben und rechnen konnte ich schon zu Hause; mein Vater und Bruder sorgten dafür, und meine Mutter half, wo sie nur von der Haushaltung abkommen konnte, dazu, daß ich sehr bald recht gut lesen konnte.

Viele Sprüche, Verse aus Liedern lernte ich eben so, durch ihre tägliche Vorsorge und Anleitung. Da sie mich sehr liebte, als den letzten noch übrig gebliebenen Sohn, außer meinem noch viel ältern Bruder; so suchte sie mir Eindrücke beizubringen, die mich für Schaden und Nachtheil gewisser bewahren möchten.

Sie gewöhnte mich zu einer geraden Aufrichtigkeit, erst bei ihr um alles zu fragen; zum öftern [97]Andenken, an den Unterschied böser Menschen, die ich kennen lernte durch ihre Unfälle, davon man fast täglich was erzählte.

Ich habe oft nachher mit Vergnügen zurückgedacht, nachdem ich von dem so großen Pabst Hadrian dem Sechsten gelesen habe, daß er auch seiner Mutter die erste Erziehung bis ins sechste und siebente Jahr oft gedankt habe, wegen der festen Eindrücke, die sein kindlich Alter davon angenommen, und in unveränderlichen Keimen und Sprossen nach und nach fortgesetzt hat.

Esopi Fabeln mußte ich gar oft wieder erzählen; eine Anzahl Lateinischer Vocabeln gab mir mein Bruder die Woche zwei bis dreimal auf, und wenn ich sie gut lernte, bekam ich von meinem Vater ein Lob über Tische, etwas geschenkt, oder durfte mit ihm spatzieren gehen, da ich immer mehr Vocabeln lernte, und auf vorkommende Dinge schon anwendete.

II. Von seinen Jugendjahren.

Semlers Vater, welcher in Saalfeld Prediger und ein gerader ehrlicher Mann von sehr gesunder Vernunft war, hatte sich doch noch in seinem Alter zu der damals herrschenden Parthei der sogenannten Frommen, nebst seinem ältesten Sohne, mit hinüberziehen lassen, und wollte nun auch, daß sein jüngster Sohn sich zu dieser Parthei schlagen, [98]und ein sogenannter Wiedergebohrner werden solle. Der junge Semler sträubte sich lange dagegen, bis ihn endlich ein sonderbarer Vorfall darzu bewog, den wir ihn selbst wollen erzählen lassen.

»Immer mehr wurde ich von nun an in die Klemme gebracht, daß mir wirklich Essen und Trinken darum unangenehm wurde, weil ich meinem guten Vater unter den Augen sitzen, und sein stetes Anliegen täglich aufs neue bemerken mußte. Ein Sonntag war endlich schrecklich für mich.

Ich hatte schon lange Zeit her, zum Dank für meinen Claviermeister, ihm die Frühkirchen abgenommen, die zumal im Winter dem schwächlichen Manne sehr beschwerlich fielen.

Er mußte im Schnee und Regen von seinem Häusgen an, den weiten Weg in die Stadtkirche und über eine sehr hohe Kirchentreppe machen. Wenn er also nicht kommen wollte, so schickte er mir Abends die Orgelschlüssel und die Lieder zu, da ich dann auf Clavier und Pedal sie vorher gut genug mir bekannt machen konnte, wenn ja eine schwere Melodie vorkam.

Vor der Amtspredigt, stund ich auch meist gleich hinter ihm, wenn er mir winken wollte, die Orgel zu nehmen, indem ihm zuweilen nicht wohl wurde. Diesen Sonntag hatte er die Amtspredigt zu bedienen; er hatte seine andächtigen vielen Gebete mit gewöhnlicher Inbrunst hergesagt, welches in der That [99]mir allemal erbaulich zu sehen war; so inbrünstig und ohne alle Menschenfurcht hielt er seine Andacht.

Allein wie nach dem Kyrie das Lied, Allein Gott in der Höh sey Ehr, b angefangen werden sollte, merkte man schon eine Unordnung im Pedal, wo ein Ton unaufhörlich fortschallte, nach und nach fehlete es auch in der rechten Hand; und der Cantor hieß mich gleich fortspielen, und dem Organisten herunter helfen; es hatte ihn ein Schlagfluß getroffen.

Ich spielte also fort, bis die Kirche aus war; und der Cantor bestellte mich wieder bis auf weitere Einrichtung. Wie ich zu Hause komme, so erzählte ich die Sache, ganz modest, um nicht zu pralen.

Mein Vater sagte, dieß habe ich lange für mich ebenfalls gefürchtet, und die Ursach kann der wohl wissen. Er wies auf mich. Mein Bruder war eben zugegen, wie er uns gemeiniglich des Sonntags besuchte; der sagte: Deus habeat suas horas et moras; c und die distinctiones gratiae

Indessen redete er auch mit mir, warum ich nicht in diese Versammlungsstunde gehen wollte. Die kindliche Hochachtung überwand mich also; daß ich sogleich beschloß, mit Krause und Lorentz*), 1 die ohnehin in der Classe meine Nachbaren waren, nach und nach, anhänglicher umzugehen.

[100]

Diese bezeugten eine sehr grosse Freude; nahmen mich mit in die nächsten Stunden. Es machte großes Aufsehen in der Stadt; die Parthei ließ es zu sehr merken, daß ihr an Unterwerfung mehr als an wahrer Tugend, die ohnehin Naturwerk hieß, gelegen sei.

Ich kann nicht sagen, daß mich in der ersten Zeit diese Stunde sehr bewegt oder gerührt hätte; so gar viel abgeschmacktes kam vor, unter den Erzählungen des Seelenzustandes nach den einzelnen Tagen und Stunden; von dem Seelenfreund ― ― immer einerlei; nur immer schlechter und gezwungener.

Nach und nach konnte ich doch mein Urtheil wirklich selbst verwerfen, als natürliche sündliche Feindschaft gegen Gott; und so willigte ich wirklich in allem Ernst in alle Schritte und Tritte der neuen Frömmigkeit.

Meine bisherige Frölichkeit entwich; ich wurde nun ganz ernsthaft; ich vermied meine vorigen lieben Gesellschafter so sehr, daß ich ihnen aus dem Wege gieng; und wenn mich ja einer anhalten konnte, so redete ich würklich so feierlich und gutmeinend, daß manche Thränen fallen liessen.

Weil aber ihre Eltern in der Lage nicht waren, als mein Vater seyn mochte; so wurde aus der Nachfolge, die man von mir her berechnet hatte, fast gar nichts.

[101]

Nun ich bevestiget gnug schien, so wurde der ganze Zug der ersten vier bis fünf recht frommen Schüler, gar nach Hofe bestellt zum Herzog ins Zimmer; wohin wohl noch niemal solche blaue Mäntel gekommen waren.

Der Herzog war ganz allein; ließ uns setzen, redete mit uns über den Zustand des Herzens; und hieß uns endlich nach der Reihe niederknieen und in seiner Gegenwart beten. Ueber eine ganze Stunde dauerte diese fromme Audienz.

Da ich nicht heucheln konnte, so suchte ich nun mit allem Ernst die sogenannte Versiegelung und die Gewisheit, daß ich ein Kind Gottes, in welcher besondern Bedeutung wußte ich freilich nicht, worden sey.

Kein Winkel im Hause war übrig, wo ich nicht, um gewiß allein und unbemerkt zu seyn, oft geknieet und viele Thränen geweint habe, Gott möge mich dieser großen Gnade würdigen; allein nun fehlete mir das, was jene Glauben nannten; nun sollte ich den Schluß gleich gemacht, und mich selbst durch große Gedanken für alles das angesehen haben, was jene so leicht redeten.

Ich blieb also unter dem Gesetz, in einem gesetzlichen Zustande, wie es hiesse. Herrnhutische Lieder halfen mir eben so wenig, als manche andre neue, die in Salfeld jetzt bekannt, und in diesen Gesellschaften zumal gesungen wurden; ob ich sie gleich auch lieber sang, als manche alte Kirchenlieder.

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Diese haben gleichwol mehr Realität und ganz gewiß große gemeinnützige Wahrheiten zum Inhalte; aber es muste alles neu seyn.

Ich untersuchte mich aufs alleraufrichtigste, ob ich wissentlich noch einer geistlichen Unart nachhienge, oder einen Bann behielte; ich besann mich, daß ich zwei oder dreimal einen Sechser behalten, und einen Pfennig oder Dreier dafür in die Armenbüchse des Sonntags gesteckt hatte.

Ich sagte es meinem Vater und bat um so viel Groschen, die ich nächstens mit großer Freude einsteckte; und ich freute mich schon darauf, wenn ich auf der Universität mir würde etwas abziehen können, um es frommen Armen zu geben.

Noch entdeckte ich, bei Erblickung eines kleinen Buchs, daß ich dieß einmal bloß eingesteckt, und der Schusterfrau unter den Läden, nicht mit andern aufgewiesen hätte.

Sie war freilich mit dem dafür überlieferten großen Papier überflüßig vergnügt; aber ich überwand mich, das Buch ihr selbst zu zeigen, ich hätte es damalen nicht mitgezählet, da sollte sie dieß Papier noch dafür annehmen.

Sie bot mir an, dafür fünf bis sechs Bücher noch auszusuchen; aber ich that es nicht. Meine Aengstlichkeit litte es nicht.

Ich hatte aus unvorsichtigen lateinischen und griechischen Asceten, würklich Principia von eigener Büssung und Genugthuung im Kopfe; [103]und bei dieser innerlichen Unruhe, war die selbst dictirte Strafe und Erniedrigung wirklich eine innerliche Beruhigung. Aber wie unordentlich war demnach die Gemüthsfassung! In Salfeld fehlte es an Psychologie und menschlicher Erfahrung; alles hieß Erbauung oder Wirkung der Gnade, was gar begreiflicher menschlicher Mangel und Fehler war. Ich rechnete es indeß zur Aufrichtigkeit und meiner Schuldigkeit recht traurig zu seyn; mehrere Monathe war ich in diesem Hange zur steten geistlichen Betrübniß.


Auf der Universität in Halle ging Herr Semler mit zweien Leute, Nahmens Woltersdorf und Krause, um, die ihn gern zu ihrer frommen Parthei ziehen wollten. Die Wirkung, welche dieß auf ihn that, und wie er sich dabei verhielt, erzählet er selbst, wie folget:

»Eine ganz besondre, fast unwiderstehliche Herzlichkeit im ganzen Betragen hatten diese zwei Menschen ganz in ihrer Gewalt; so natürlich leicht diese Aufführung Eingang finden muste, bei allen Personen meines Temperaments, wurde es doch als eine Folge der Gnade des lieben Heilandes angesehen, der mich nun noch mehr zu sich zöge.

Ich war nie leichtsinnig oder frech gewesen, so bald ich von geistlichen Begriffen und Wahrheiten hörete; es war also sehr leicht, mir alle Aufmerksamkeit einzuflößen. Ich sprach zuweilen einige [104]Worte, woraus Woltersdorf schloß, ich sey dem Heiland schon sehr nahe. Ich trat ans Clavier und spielte einige Herrnhuthische Melodien.

Er war fast außer sich, und konnte dieß nicht begreifen, daß ich gar die Lieder auswendig konnte, ohne noch an dem Inhalt und den sonst so gewöhnlichen Folgen Theil zu nehmen. Endlich hieß es, nichts gar nichts hindre mich noch, als das unselige Studiren; ich sollte es wegwerfen; der Heiland könne besser lehren, als Menschen; darum ginge er auch nicht in Collegia, und genösse dafür unaussprechliche Seelenruhe und Unterricht des Heilandes.

Studiren ganz weglegen war mir sehr auffallend, zumal ich nicht wußte, ob der gute Mann jemalen was ernstliches gelernt hätte; ich hatte schon ehedem Weigels Ausschweifungen wider Schulen und Universitäten kennen lernen. Allein es entstunde doch eine seltsame Unruhe in mir; ein ängstliches Misfallen an mir selbst, an allen noch so rechtmäßigen oder unschuldigen Handlungen; ich fieng an, eine innere Stille und Unthätigkeit mir zu wünschen; und hatte noch nichts von Molinos oder neuern Mystikern gelesen.

Krause half dazu, um, wie er meinte, mich vollend zur Uebergabe zu bringen; allein eben die Lage, da man mir nie Sachen oder ihre kenntlichen Beschreibungen, sondern stets Tropen und viele sinnliche Bilder vorlegte, machte, das ich mich nie davon überzeugen konnte, ich hätte nun die Gnade; denn [105]nie bekam ich eine solche Gemüthsfassung, als diese Leute doch an sich zeigten, wenn sie gleich die Gnade noch niemalen mir beschrieben oder erklärt hatten.

In Collegiis war ich fast lauter Gebet und Application; kam von bösen Menschen vor in Psalmen oder Historie: so sagte ich mir immer, so böse waren die doch nicht, als ich.

Recht gut weiß ich es noch, daß ich einst ganz allein, Abends aus dem Collegio auf dem großen Platze des Waisenhauses spatziren ging, in tiefer Betrübniß, und wünschte, o wäre ich dieser Klumpe Eis, dieses Stücke Holz!« ―


Ich blieb lange in diesem schwankenden unruhigen Zustande, der mich bis in lächerliche Bedenklichkeiten herabsetzte. Ich hatte etwa um Neujahr 1744 auf der Wage, wo stets Bücher zum Verkauf stunden, die scriptores rei rusticae d in 4to, eine Heerwagische Ausgabe gefunden.

Die so alte Neigung zu humanioribus kam wieder zur Kraft; wo ich nur den Blick hinwarf in dies Buch, fand ich was ganz unbekanntes, ich hatte nicht so viel bey mir, als dafür gefordert wurde; bezahlete aber 8 Gr. darauf; und lief in größter Eil nach dem Waisenhaus, um mehr Geld aus meinem Koffer zu holen.

Eben so schnell lief ich zurück, und nun trug ich meinen Schatz nach Hause. Ich weiß nicht, ob Krause etwas empfindlich war, über meine Erobe-[106]rung; denn diese Aufwallung behielt sein Temperament noch immer; oder ob ich eine zu ausgelassene Freude bezeugte; er gab mir eine viel bedeutende Ermahnung, für mein Herz besser zu wachen, daß ich nicht mehr verlöre, als dieses alte Buch werth wäre.

Da entfiel mir auf einmal diese Frölichkeit; ich wollte das Buch wieder hintragen, und etwas am Gelde einbüssen, allein ich dachte eben so leicht, der arme Verkäufer hat das Geld nöthiger; du must eben deine Strafe daran leiden, und nun bat ich Gott oftmalen um Vergebung dieser so großen Sünde.

Es gehört zum Menschen, wenn er eine moralische Geschichte für sich selbst anfängt, daß er solchen Mängeln als ein moralisches Kind unterworfen ist; er sammelt sich eigne Erfahrung, und kann alsdenn unläugbar mit andern viel besser und zuverlässiger umgehen.

Ich beruhigte mich nach und nach, weil ich es mir bewußt war, daß ich herzlich gern in alle meine Besserung einwilligte, wenn ich auch als Mensch diese Art Fehler an mir hätte! da ich an andern unleugbar noch Fehler fand, die sie nicht einmal merkten. Ueberhaupt war mein Gefühl viel schärfer, als bei den meisten meiner andern Freunde.

Seine männlichen Jahre, und insbesondere sein häußliches Leben.

Was die eigene Erziehung unserer Kinder betrift, so haben wir uns dieser großen Pflicht der [107]Eltern mit gemeinschaftlicher Treue unterzogen; wenn wir gleich die besondere Unterweisung in einzelnen Stunden, einigen ausgesuchten Studiosis anvertrauet haben. Es haben schon mehr verständige Männer sich hierin selbst mehr auf Erfahrung, als auf Speculationen eingelassen, wobei gemeiniglich die ersten Proben noch mißlingen; oder noch nicht eben klar am Tage liegen.

Wir hatten die Kinder fast stets um uns, wenn sie nicht bei ihren Lehrern sein mußten; wir haben ihnen das Lesen meist beigebracht; alsdenn übten wir sie, daß sie wechselsweise uns ein Lied, einen Psalm, oder einige Seiten aus einem guten Buche vorlesen mußten. Wir lehreten sie ein Lied mitsingen, und fragten sie darüber; bis die mittelste so viel auf dem Clavier spielen konnte, daß sie alle die Töne leichter hielten. Gellerts Lieder e und andre unschuldige Arien ― lernten sie auswendig.

Die weibliche Geschicklichkeit besorgte die Mutter, so treu und unermüdet, als sie selbst aus eigner Erfahrung, zumal bei ihrer Tante in Salfeld, diese Erziehung wuste.

So war in unserm Zirkel lauter Ruhe und Zufriedenheit; das Gesinde sahe und hörte nichts zweideutiges, geschweige eine Unordnung; jedes fühlte die Ueberlegtheit der Frau in allen vorkommenden Geschäften; jedes unsre gleiche Liebe und Uebereinstimmung; in allen blos häuslichen Sachen hieng [108]ich gerne ab von der Einrichtung und der Erkenntniß einer so treuen Hausmutter.

So ist zwanzig Jahre lang eine grosse Gleichförmigkeit unsers Lebens unterhalten worden, wir und unsre Kinder wusten und fühleten es, daß wir die allernächste engste Gesellschaft auf der ganzen Welt seyn, und also beobachteten wir die daraus entstehenden Pflichten, ohne Geräusch, und ohne Ausnahme.

Es war freilich damalen lange so viel nicht von Erziehung geschrieben worden; aber wir schöpften aus der reinen Quelle der Religion; und es fehlete nichts, wenn wir auch vielen Schimmer entbehreten.


Was unsere tägliche Lebensordnung betrift: so habe ich recht, nach dem Wunsch und Verlangen meiner lieben Frau, sie stets um mich gehabt, ob ich gleich eine so genannte Studierstube hatte, welche also nur für meine Bücher bestimmt war.

So lebten wir in Altdorf, f und so setzten wir es in Halle g fort; und ich fand nur selten eine wichtige Ursache, einige halbe Tage wirklich allein zu seyn.

Wir haben uns dadurch ein vertrauliches Vergnügen geschaft, das täglich zunahm; und so setzte ich wirklich diese Stubengesellschaft fort, da sie Kinder hatte.

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Sie setzte sich mit ihrer weiblichen Arbeit neben mich; und es konnte völlig so aussehen, als wollten wir einander zur Arbeit anhalten.

Nur selten hatten wir einige Gesellschaft, die, ihrer Absicht nach, uns trennen sollte. Ich konnte mit meinen Arbeiten nie fertig werden; und sie hatte eben so wenig in so vielen Stunden des ganzen Jahres, jemalen viele übrig, die blos zum Zeitvertreibe hätten dienen sollen. Ich habe mich durch diese stete Gesellschaft so gewöhnet, daß mich auch ein ziemlich lautes Geräusch von mehrern, die mit einander über ganz andre Sachen sprechen; und ein freies Spielen der Kinder, nicht im geringsten hindert, ich mag zu schreiben oder zu lesen haben, was es immer sey.

Seine tägliche Bewegung, (als ein Beitrag zur Seelendiätätik.)

So viel ich auch täglich zu thun hatte, und keine Lücke in meiner Zeit machen durfte: so habe ich doch eine Stunde, meist nach Tische, von eins bis zwey zur Motion angewendet, um wenigstens den Unterleib vor nachtheiliger Unordnung zu bewahren. Lange Zeit machte ich mir in dem Graben, zwischen dem Stein- und Neumärkischen Thore die ordentliche Bewegung dadurch, daß ich bei dem einen Wirth oder Einwohner mir zwei oder drei Kegelkugeln bereit hielt, die ich entweder in einer gewissen Weite hin, und wieder zurück schoß; oder auf den Ueberbleibseln des Walles mir oben ein Ziel von Steinen [110]machte, und nun mit diesen Kugeln es von unten umzuwerfen suchte, folglich, weil die Kugeln oft über den Wall auf die andere Seite des Grabens fielen, genug zu gehen, oder wenn es Winter war, zu laufen hatte. Zuweilen gieng ich auch einen ziemlichen Weg; zumal nach Beesen; wohin in der ganzen Zeit, als Baumgarten krank war, und über ein Jahr lang fast alle Tage Nachmittags dahin fuhr, ich nach meiner Arbeit, um vier oder fünf nachzukommen pflegte. Ein einzigmal, bald in der ersten Zeit meines Hierseyns, weiß ich es, daß Baumgarten und Herrnschmidt, der damalen noch als Consistorialrath hier stund, es wagten, zu Fuße diesen Weg zu gehen, und vor dem Thore abzusteigen; rückwärts aber fuhren sie doch. Da redete Baumgarten noch von der Zeit, da seine Brüder hier gewesen, und sie wohl über die kleinen Heuhaufen wegzuspringen sich getrauet hätten. Zum Holzsägen habe ich mich auch zuweilen, aber viel seltener bringen lassen; ich urtheile aus der schlechten Gesundheit Baumgartens, der doch keinen Tag sein Holzsägen aussetzte, und so oder so viel tausend Stösse durch seine Kinder, welche darin abwechselten, abzählen ließ: daß diese Bewegung in der Stube, (denn in der Stube that er es;) sehr wenig wahren Nutzen schaffen konnte, den ich vielmehr und vorzüglicher in der freien Luft, als in der Bewegung allein, zu finden glaubte. Ich bin daher oft im Winter, im stärksten Schnee und Wind meinen [111]täglichen Weg gegangen, und daher zuweilen wegen Dichtheit des Schnees, gar in eine unrechte Gegend gerathen. Ich hielte aber durchaus über diese Ordnung, mich sogleich umzukleiden, und trug daher, wenn ich in Beesen h mich einige Stunden aufhalten wollte oder mußte, das Nöthige an der Wäsche selbst bei mir.


Als Herr Semler mit den Herrn Spalding, Ebert und Jerusalem in Magdeburg zusammenkam, i äußert er folgendes Urtheil von sich selber:

»Alle drei so vortreflichen Männer sahe ich fast in einem gleichen Licht, daß sich in der großen Welt, in täglichen Geschäften gleichsam entzündet; ich fühlete es gar zu sehr, so wenig mich jemand damit drücken wollte, daß ich nur in vier Wänden zeither meist gewohnet hatte.«

Sorgfältige Anwendung der Zeit.

Ich habe freilich auch viele alchymistische Bücher gelesen, aber nirgend eine sonst nützliche Stunde damit verdorben; sondern ohne einigen Zeitverlust mir zuzuziehen.

Alle Monath oder alle vierzehn Tage suchte ich eine Anzahl leichter und geringhaltiger Schriften zusammen, die ich doch auch durchblättern, wo nicht durchlesen wollte; und stellte sechs, zehn bis siebzehn davon auf den Abtritt; wo ich denn ohne Zeitverderb auch diese Lectüre endigen konnte; indem ich [112]auf des alten Prof. Junkers ernstliche Vorstellung und Erklärung mich gewöhnet hatte, des Tages gewiß zweimal und meist dreimal diesen Ort zu besuchen, und Leibesöfnung j geduldig abzuwarten.

Es traf ein, was mir dieser grosse glückliche Arzt gesagt hatte, daß man sich auf die eine Viertelstunde gewöhnen, und alsdenn ganz sicher auf die Natur verlassen könnte, die diese Ordnung unausbleiblich beobachten würde, und dieß sei der sicherste Weg aller Unordnung des Unterleibes ohne viele Arzeneien vorzubeugen.

Ich konnte unmöglich ganz müssig so zubringen, weil ich anfänglich ziemlich Zeit haben muste, bis, wie er sagte, die Natur sich gewöhnte; daher stellete ich immer eine Anzahl Bücher dahin; und so habe ich seit vielen Jahren einige hundert Bücher gelesen oder durchgeblättert, und konnte doch es merken, wenn irgend etwas unerwartetes erhebliches vorkam.

Diese freilich sonderbare Einrichtung schafte mir einmal ein grosses Vergnügen.

Es sollte der geh. Rath Carrach, wo ich noch wohnete, eine Music in seinem Hause bekommen; ich weiß die Veranlassung nicht mehr. Er hatte unter andern auch die Baumgartensche Familie gebeten, von drei Uhr an Nachmittags.

Baumgarten nahm dergleichen Veränderungen wohl mit, er hatte es aber, so gut als wir, die wir im Hause wohneten, zugleich von einem Abendbrod verstanden, indem sich die Music über sieben Uhr [113]Abends erstreckte. Da es nun ans Aufstehen ging, und einige andere Professores so gerade weggingen, sagte Baumgarten zu mir, das war also verrechnet; ich dachte einen Abend ohne meine Arbeit zuzubringen; und soll ich so gerade wieder zu Hause gehen; das kommt mir ganz seltsam vor; ich will mit Ihnen ein Butterbrodt essen.

Ich meldete es gleich meiner Frau, daß die sich noch eine kurze Zeit eher wegbegeben, und einige Anstalt machen könnte, zu einigem warmen Essen. Sie hatte nach ihrer Ordnung immer etwas vorräthig; also bekamen wir in einer Viertelstunde fünf bis sechs Gäste, die wir ausnehmend hoch schätzten, und die unsre Willigkeit für noch mehr gelten ließen.

Da mußte ich nun, ehe wir uns zu Tische setzten, dem D. Baumgarten diesen Ort zeigen, und er nahm ein Licht mit. Nachdem er ziemlich lange sich aufgehalten hatte, kam er mit herzlichem Lachen wieder und sagte: man lernt doch nie aus.

Ich dachte, daß ich die Zeit sehr gut eintheilen könnte; aber da hab ich noch etwas neues abgesehen. Und über ihre Wahl und Urtheil freue ich mich noch mehr, daß sie gerade solche Bücher dahin stellen, die man im Nothfall selbst angreifen dürfte.

Es waren unter andern auch einige Bände der sogenannten unschuldigen Nachrichten hingestellt, welches weitläuftige Werk ich noch aus Nürnberg mitgebracht, und davon redete Baumgarten insbesondere; ob er gleich gestand, daß dieses Buch ei-[114]nen kleinen Anfang hätte machen helfen, von mehr theologischer Bücherkenntniß, worinn damalen freilich immer einerlei Vorschrift und Zuschnitt des magern Urtheils statt finden mußte.

Dieß war also gemeiniglich der Ort, wo ich Hexen- und Geisterbücher, chymische, teutsche, lateinische und französische Schriften so durchlesen konnte, daß es mir keine Zeit kostete, die meinen ernsthaften Arbeiten freilich gehörete.

Selbstenthaltung bei öffentlichem Lobe.

Ich habe mich in der That stets in dem Hange befunden, meine Fehler oder was mir noch alles mangele, immer vor Augen zu haben.

Schon vor mehrern Jahren lase ich nie eine Recension von irgend einer meiner Arbeiten, die vortheilhaft wurde, ohne alsdann das Lesen abzubrechen.

Ich habe mir manche rechtmäßige Aufmunterung hiemit geraubet; aber ich hatte einmal diesen Hang; ich hatte wenig vertraute Freunde, die Selbsterniedrigung mußte ich schon lange als ein Mittel ansehn, weniger Anstoß in meinem nächsten Zusammenhange zu veranlassen!

[115]

Fußnoten:

1: *) Zween junge Leute von der frommen Brüderschaft.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Semler 1781/1782, Theil I, S. 9f.; 59f., 61f.; 78f.; 81f.; 249; 283; 284-286; 311; 329-331; Theil II, Vorrede [unpag.]

b: Lutherisches Kirchenlied.

c: Lat. Sprichwort: Gott hat seine Zeiten und seine Verzögerungen.

d: De re rustica (Über die Landwirtschaft) von Lucius lunius Moderatus Columella.

e: Gellert 1757.

f: 1751 wurde er als Professor der Historie und der lateinischen Poesie an die Universität Altdorf berufen.

g: 1753 wechselte er durch die Vermittlung Baumgartens nach Halle als Professor der Theologie.

h: Dorf bei Halle (Saale). Heute Stadtteil von Halle.

i: Das sogenannte Mageburger Theologentreffen fand im Sommer 1770 zur Diskussion des Zustands und der Entwicklung der theologischen Wissenschaft statt.

j: Stuhlgang.