ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 2 (1783) > 3.  Johann Peter Drieß. Inspektor am Joachimsthalischen Gymnasium in Berlin. Verlor wegen atheistischer Äußerungen seine Stelle, trotz Unterstützung seiner Freunde (u.a. Mendelssohn und Nicolai) und kurzer Wiederherstellung seiner Gesundheit nahm er sich das Leben.

3.

Johann Peter Drieß. a

Moritz, Karl Philipp

Was ich theils aus einer mündlichen Erzählung des Herrn Moses Mendelssohn, theils aus einem medicinischen Bericht des Herrn Assessor Hagen von diesem Unglücklichen weiß, theile ich hier mit.

Er war Inspektor am Joachimsthalischen Gymnasium, wo er aber wegen atheistischer Grundsätze, die er häufig geäussert haben soll, seinen Abschied erhielt. Herr Assessor Hagen hat mir einen Aufsatz von demselben mitgetheilt, worinn er seine Meinung über das öffentliche Gebet des Joachimstha-[19]lischen Gymnasiums sagt, welches er aus mehrern Gründen abgeschaft wissen will.

Daß er durch den Vorschlag, das öffentliche Gebet abzuschaffen, sich üble Nachrede zugezogen hat, scheinet aus folgender Stelle in seinem Aufsatze zu erhellen: »Es würde mich zum Lachen bewegen, schreibt er, wenn man sagen wollte, daß die Ruhe des Staats in Gefahr sey, sobald man das öffentliche Gebet abschaffen wollte. Wenn man in einigen Privatgesellschaften in Berlin deswegen in Alarm geräth, und diejenigen, welche diesen Vorschlag thun, als Ungeheuer betrachtet, so ist deswegen die Ruhe des Staats noch nicht in Gefahr.«

Aus folgender Stelle in dem Aufsatze kann man einigermassen auf seine Art zu denken und auf seine philosophische Kenntniß schließen: »Es ist ein Grund übrig, welcher noch schärfer als die vorhergehenden auf die Abschaffung des öffentlichen Gebets dringt. Ich habe oben schon gesagt, daß, wenn man sich einmal ohne alle Vorurtheile in eine unpartheiische Untersuchung der Religion eingelassen, es nicht mehr von uns abhängt, dieses oder jenes Religionssystem willkührlich zu wählen. Dieses gilt auch von den philosophischen Systemen. Wenn man nun in dieser Untersuchung auf ein System fällt, in welchem das Gebet keinen Platz finden kann, wie kann man alsdann im Ernst beten?

[20]

Setzt man aber den Fall, daß einer oder der andre der Herren Professoren, Inspektoren, oder Alumnen, sich für ein solches Lehrgebäude zu erklären, durch die Stärke der Gründe hingerissen worden, was für eine Figur wird dieser in dem Gebet vorstellen.—

Aber ist es möglich, daß ein vernünftiger, ein denkender Mensch, auf ein System fallen kann, in welchem kein Gebet statt findet? Wer diesen Einwurf macht, der möchte sich wohl noch nicht sehr mit freien Spekulationen abgegeben haben. Es ist mehr als möglich! Um sich hiervon kurz zu überzeugen, lese man nur, wenn man die Systeme nicht selbst lesen will, des Herrn Bruckers Historiam Philosophiæ. b Wer sich in diesem Felde ein wenig umgesehen hat, der wird wissen, daß die größten und berühmtesten Denker auf solche Systeme gefallen sind. Wenn ich nicht sehr irre, so kann man behaupten, ohne sich für ein solches System zu erklären (denn ein Denker wird sich nicht leicht für ein System erklären) daß die Lehrgebäude, in welchen das Gebet ausgeschlossen ist, mit eben so vieler, wo nicht mit mehrerer Gründlichkeit aufgeführet sind, als diejenigen, welche dasselbe in sich schließen.«

Nachdem der Verfasser alle seine Gründe für die Abschaffung des öffentlichen Schulgebets gesagt hat, schließt er seinen Aufsatz, auf eine so bescheidne als vernünftige Art, wie folget:

[21]

»Nach meiner Einsicht dringen die philosophischen Gründe auf die Abschaffung des Gebets; allein es kann vielleicht seyn, daß die politischen das Gegentheil thun. Ich wiederhole es nochmals, daß es meine Sache nicht ist, hierüber zu urtheilen, sondern ich glaube, daß dieses niemanden anders zu beurtheilen zukömmt, als der gesetzgebenden Macht, und denen, welche dieselbe vorstellen.

Ich sehe ein, daß es eine gute Ordnung und nützliche Einrichtung ist, die Jugend, besonders des Morgens, zu versammlen, und dieselbe durch eine ernsthafte und nützliche Beschäftigung zuzubereiten, den Tag so zuzubringen, wie es einem vernünftigen Geschöpfe zukömmt. Allein dies kann bei der Aufhebung des Gebets bestehen, wenn man etwas anders an die Stelle desselben setzt. Man kann z.E. gute aber sehr kurze moralische Abschnitte vorlesen lassen, welche auf das thätige Christenthum, oder welches einerlei ist, auf die Ausübung der Tugend dringen. Hier findet man keine Verschiedenheit der Meinungen. Alle Theologen und Philosophen von dem strengsten Orthodoxen an, bis auf den Bayle, Spinoza, und Epikur rufen einmüthig: ihr Menschen seyd gerecht! seyd tugendhaft! und dennoch fehlt es auf dieser Seite immer am meisten.«

Nun wieder zu der Geschichte dieses Unglücklichen, an dessen Verderben vielleicht nur zu sehr [22]eine unbegränzte Eitelkeit, und Begierde in einer höhern Sphäre zu glänzen, Schuld war.

Nachdem er das Joachimsthalische Gymnasium verlassen hatte, gerieth er in die äusserste Dürftigkeit, so, daß ihm zuletzt weiter nichts, als die leeren Wände seines Zimmers, ein Bette und ein Hemde übrig blieb. Und nun war er fest entschlossen, seinem Leben, das ihm verhaßt geworden war, ein Ende zu machen, brachte sich auch in dieser Absicht mit einem kleinen Federmesser zwei Stiche an zwei verschiednen Orten bei, aber ohne sein Vorhaben ins Werk zu richten. Es war dieses am 14ten Januar des Jahres 1774, und er war damals sechsunddreißig Jahr alt.

Da ihm also dieser Versuch mißlungen war, faßte er den festen Entschluß sich todt zu hungern, den er mit der schrecklichsten Hartnäckigkeit viele Tage lang durchsetzte. Vom 16ten Januar fing er an, nichts mehr zu essen und zu trinken. Am 18ten und 19ten stellte sich nach und nach ein brennender Durst ein, welcher unerträglich zu werden anfing; er nahm also den 19ten des Abends um neun Uhr etwas Wasser zu sich, weiter aber im geringsten nichts. Dieß trank er in sehr geringen Quantitäten bis zum 21sten.

Um diese Zeit ohngefähr war es, da er auf Bitten seines vertrauten Freundes vom Herrn Moses Mendelssohn besucht ward. Als dieser in das Zimmer trat, erblickte er, ausser einem [23]Glas Wasser, das auf dem Tische stand, weiter nicht das mindeste, was zu den Bedürfnissen oder Bequemlichkeiten des Lebens gehört. Der Kranke lag in einem sehr schmutzigen Hemde im Bette.

Herr Mendelssohn gab sich erst für einen pohlnischen Arzt aus, welcher seine Kunst auszuüben hieher gereißt sey; allein der Kranke wollte nichts weder von einem Arzt, noch von irgend einiger Hülfe, die bei ihm möglich wäre, wissen. Endlich errieth er, wer der Unbekannte sey, und fragte ihn: sind Sie nicht Mendelssohn? Dieser bejahte es, indem er ihm zugleich die Hand gab, wobei er die Hand des Kranken heiß und brennend, und doch gewissermaßen wie erstorben in der seinigen fühlte.

Nun wollte der Kranke anfangen, über allerlei Materien mit Herrn Mendelssohn zu disputiren, fand sich aber zu schwach zum Reden. Herr Mendelssohn nutzte diese Gelegenheit, indem er ihm freundschaftlich zuredete: er möchte sich durch den Genuß von etwas Speise erst so weit wieder erhohlen, daß er anhaltend reden könnte; jetzt stiege ihm bei jedem Worte, das er sagte, eine schreckliche Röthe ins Gesicht, die seine ausserordentliche Mattigkeit anzeigte; sobald er wieder dazu fähig sey, wolle Herr Mendelssohn gern Stundenlang mit ihm disputiren, und wenn er ihn gleich einmal überwunden, von vorne wieder mit ihm anfangen.

[24]

Der Kranke ließ sich diesen Vorschlag gefallen, und Herr Mendelssohn nahm Abschied von ihm, mit dem Versprechen, ihn sobald wie möglich wieder zu besuchen. Kaum aber war er weg, so änderte sich auch der gefaßte Entschluß des Kranken. Dieß sey ein neuer Kunstgrif, sagte er, wodurch man ihn nur habe bewegen wollen, von seinem Vorsatze abzuweichen: und bald darauf schrieb er in sein Tagebuch: Herr Mendelssohn habe ihn an diesem Tage betrügen wollen; auch verlangte er denselben nachher nicht mehr zu sprechen.

Seiner Aussage nach hatte er die Zeit über, da er nichts gegessen, auch nicht den geringsten Hunger empfunden, und nunmehr, da der Durst nachließ, so enthielt er sich auch des Wassertrinkens bis zum 28sten, wo er nach einer vorhergegangnen Vorstellung und Ueberredung, nachdem er nun seit zwölf Tagen nicht das mindeste genossen, alle Stunden, von ein Uhr des Nachmittags bis um sechs Uhr, jedesmal einen Eßlöffel voll Kalbsbrühe nahm.

Allein der Entschluß zu verhungern behielt wiederum die Oberhand, und der Kranke verließ aufs neue dieses Nahrungsmittel, wogegen er sich wieder wie vorher etwas wenigen Wassers bediente, welches er theils hinunterschluckte, theils den Mund damit ausspühlte, worinn er eine ausserordentliche Dürre bemerkte, so daß, wenn er redete, die [25]Zunge am Gaumen kleben blieb, und wenn er sie bewegte, einen Laut verursachte.

Seine Stimme ward nun immer schwächer, und er konnte sich zuletzt nicht mehr allein im Bette aufrichten. So erwartete er, wie er sagte, sein Ende, unter wechselweisen Schlafen und Wachen, bis den 3ten Februar, da ihn Seine Königl. Hoheit der Prinz Heinrich des Abends um sechs Uhr besuchte. Hierauf kam der Herr Hofrath und Leibmedikus, wie auch hiesiger Stadtphysikus Lesser zu ihm, der ihn auch vorher schon besucht hatte, um ihn zu überreden, Speise und Trank zu sich zu nehmen, allein seine Bemühung war bis jetzt noch umsonst.

Der Herr Geheimerath und Stadtpräsident Philippi trug darauf, vermöge schriftlichen Befehls, von wegen des Polizeidirektoriums, dem Herrn Stadtchirurgus, und jetzigen Assessor Assessor Hagen, auf, mit dem Herrn Hofrath und Stadtphysikus Lesser, gemeinschaftlich alles anzuwenden, um den Kranken zu bewegen, Nahrungsmittel zu sich zu nehmen; und ihm insbesondere zu Gemüthe zu führen, wie er, in Betracht der erhaltnen gnädigsten mündlichen und schriftlichen Versicherungen von des Prinzen Heinrichs Königl. Hoheit, (dessen Lektor zu werden er Hofnung hatte) die vortheilhaftesten Aussichten in Ansehung seines zeitlichen Glücks vor sich habe.

[26]

Wenn aber alle diese wirklich gegründeten Vorstellungen, und alles freundschaftliche Zureden, wider alles Vermuthen, fruchtlos seyn, und der Inspektor Drieß schlechterdings darauf beharren sollte, verhungern zu wollen, so sey alsdann, in diesem nicht zu verhoffenden Fall, selbst wider den Willen desselben, und mit der dazu erforderlichen Gewalt, dem Inspektor Drieß dienliche Nahrung einzuflößen und beizubringen.

Diesem Befehl zu Folge ging Herr Hagen den 4ten Februar des Morgens zu dem Kranken, und deutete demselben an, daß ihm von Seiten des Polizeidirektoriums anbefohlen wäre, ihm nochmals in Güte anzutragen, ob er, sein Leben zu erhalten, Nahrungsmittel zu sich nehmen wolle, widrigenfalls solle Schärfe gebraucht werden. Allein der Kranke wollte noch von nichts wissen, bis er erst den Befehl selbst gesehen hätte: als ihm dieser aber selbst vorgezeigt ward, so änderte er nun auf einmal seinen Entschluß, und nahm um zehn Uhr Vormittags zum erstenmale wieder einen Eßlöffel voll Chokelade, und ein halb Glas voll reiner Milch, seitdem er nun wirklich beinahe zwanzig Tage lang gehungert hatte. Man fuhr fort, ihm alle Stunden Chokelade und Milch zu geben, und von nun an nahm er völlig und unausgesetzt, was man ihm gab. Den folgenden Tag, am 5ten Februar, nachdem er zwei Tassen Kaffee getrunken und zwei Zwiback dazu gegessen, befand er sich [27]merklich besser, und sein Puls, der am vorigen Tage des Vormittags noch kaum zu fühlen war, schlug wieder voller und munterer.

So erhohlte er sich von Tage zu Tage, und am 9ten fing er schon wieder an Fleisch zu essen, und aufzustehen, ja er ward so stark, daß er am folgenden Tage den ganzen Tag ausser dem Bette aufsitzen konnte, und am 11ten Februar schon wieder an zu arbeiten fing, welches er den 12ten fast den ganzen Tag fortsetzte, so daß man ihn mit Mühe davon abhalten mußte. So erschöpft sein Körper noch vor einigen Tagen war, so nahm er jetzt zusehends wieder an Kräften zu, und in kurzem war er völlig wieder hergestellt.

Herr Moses Mendelssohn hatte ihn seit dem ersten Besuch nicht wieder gesehen, als er nach einiger Zeit auf einmal unvermuthet, sehr vornehm gekleidet, in dessen Zimmer trat, um ihm anzuzeigen, daß er nun bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Heinrich Lektor geworden sey; und als Herr Mendelssohn sich seiner nicht gleich erinnerte, sagte er: »ich bin der Elende, den Sie einmal Ihres Besuchs gewürdiget haben. Und nennen Sie's Eitelkeit, wie Sie wollen, genug ich fühlte, daß ich für eine größere Sphäre bestimmt war. — Nun bin ich glücklich!«

Herr Mendelssohn fand nicht für gut, sich nach dieser Erklärung eben weiter mehr mit ihm einzulassen. Der neue Glückliche erwachte bald [28]aus seinem Traume, und da er zu bemerken glaubte, daß man auch hier nur eine Komödie mit ihm gespielt habe, und darüber aufs neue in Raserei verfiel, ward er ins Tollhaus gebracht, rannte mit dem Kopf gegen die Mauer, und starb*). 1

Fußnoten:

1: *) Wie sehr wünschte ich von den Lebensumständen dieses Unglücklichen, seinen ersten Anlagen, seiner Erziehung, u.s.w. mehr zu erfahren! <M.>

Erläuterungen:

a: Inspektor am Joachimsthalischen Gymnasium in Berlin. Verlor wegen atheistischer Äußerungen seine Stelle, trotz Unterstützung seiner Freunde (u.a. Mendelssohn und Nicolai) und kurzer Wiederherstellung seiner Gesundheit nahm er sich das Leben.

b: Brucker 1731-1736 und Brucker 1742-1744.