ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Spalding an Sulzer. a

Spalding, Johann Joachim

Berlin am 31. Januar 1772*). 1

Ich hatte heute Vormittag in geschwinde abwechselnder Folge viele Leute sprechen, vielerlei Kleinigkeiten schreiben müssen, wobei die Gegenstände fast durchgehends von sehr unähnlicher Art waren, und also die Aufmerksamkeit ohne Unterlaß auf etwas ganz anderes gestoßen ward. Zuletzt war eine Quitung wegen Zinsen für Kirchenarme zu schreiben. Ich setzte mich nieder, schrieb die beiden ersten dazu erforderlichen Wörter; aber in dem Augenblicke war ich nicht weiter vermögend, weder die übrigen Wörter in meiner Vorstellungskraft zu finden, noch die dazu gehörigen Züge zu treffen. Ich strengte aufs äusserste meine Aufmerksamkeit an, suchte langsam einen Buchstab nach dem an-[39]dern hinzumahlen, mit beständigem Rückblick auf den vorhergehenden, um sicher zu seyn, ob er auch zu demselben passe, merkte aber doch und sagte es mir selbst, daß es nicht diejenigen Züge wurden, die ich haben wollte, ohne mir indessen im geringsten vorstellen zu können, was ihnen fehlete. Ich brach also ab, hieß den Mann, der darauf wartete, theils einsilbigt, theils durch Winken, weggehen, und überließ mich unthätig dem Zustande, in welchen ich mich gesetzt fand. Es war eine gute halbe Stunde hindurch eine tumultuarische Unordnung in einem Theile meiner Vorstellungen, in welchen ich nichts zu unterscheiden vermogte; nur daß ich sie ganz zuverläßig für solche Vorstellungen erkannte, die sich mir ohne und wieder mein Zuthun aufdrängten, deren Unwichtigkeit ich einsahe, auf deren Wegschaffung ich arbeitete, um den eigenen und besseren Ideen, deren ich mir im Grunde meiner Denkkraft bewußt war, mehr Luft und Raum zu schaffen. Ich warf mich nämlich, so viel ich unter dem Schwarm der andringenden verwirrten Bilder konnte, auf die mir geläufigen Grundsätze von Religion, Gewissen und künftiger Erwartung zurück; ich erkannte sie für gleich richtig und fest; ich sagte mir selber mit der größten Deutlichkeit und Gewißheit: wenn ich, das eigentliche denkende Wesen, jetzt gleich, etwa durch eine Art von Tod, aus diesem in dem Gehirn erregten Getümmel, welches mir, nach meiner in-[40]nersten Empfindung, immer etwas fremdes, ausser mir selbst vorgehendes blieb, herausgesetzt würde, so würde ich in der besten glücklichsten Ordnung und Ruhe fortdauren und fortdenken. Bei dem allen war nicht die mindeste Täuschung der äusserlichen Sinnlichkeit; ich sahe und kannte alles um mich herum in seiner wahren Gestalt; nur des fremden Andranges und Gewirres im Kopfe konnte ich nicht loswerden. Ich versuchte zu reden, gleichsam zur Uebung, ob ich etwas Zusammenhangendes hervorzubringen im Stande wäre; aber so sehr ich auch Aufmerksamkeit und Gedanken mit Gewalt zusammenzwang, und mit der äussersten Langsamkeit dabei verfuhr, so merkte ich doch bald, daß unförmliche und ganz andere Wörter erfolgten, als die ich wollte; meine Seele war jetzt eben so wenig Herr über die innerlichen Werkzeuge des Sprechens, als vorhin des Schreibens. Ich gab mich also zufrieden, in der, freilich an sich nicht erfreuenden Erwartung, daß, wenn dieser Zustand beständig so fortdauren sollte, ich auf meine Lebenszeit weder würde reden noch schreiben können, daß aber meine eigenen mir bewußten Grundsätze und Gesinnungen immer dieselben und also auch, bis zu der völligen Absonderung von diesem ungestümen Spiele des Gehirns, mir noch stets eine einheimische Quelle der Beruhigung und der Hofnung des Besseren bleiben würden. Ich bedauerte nur meine Angehörigen und Freunde, daß sie mich, [41]auf solchen Fall, für Pflichten und Geschäfte, selbst für allen eigentlichen Umgang mit ihnen, verlieren und als eine Last der Erde sehen müßten. Aber, Gottlob, diese traurige Besorgniß währete nicht mehr lange. Nach der vollen halben Stunde fing nach und nach mein Kopf an, heller und ruhiger zu werden; die fremden, mir so überlästigen Vorstellungen wurden weniger lebhaft und brausend; und ich konnte das, was ich aus meinem eigenen Grunde denken wollte, schon mit schwächerer Unterbrechung von jenen, mit etwas mehrerer Klarheit und Ordnung durchsetzen. Ich wollte nun dem Bedienten klingeln, damit er meiner Frau sagen möchte, zu mir herauf zu kommen; allein ich hatte doch noch einige Zeit nöthig, um mich zu oft wiederhohltenmalen im richtigen Aussprechen der hiezu erforderlichen wenigen Worte zu üben; und die erstern nachherigen Unterredungen mit den Meinigen geschahen noch von meiner Seite, eine andere halbe Stunde hindurch, mit einer langsamen und gewissermaßen ängstlichen Bedächtlichkeit, bis ich mich endlich wieder eben so frei und heiter, als am Anfange des Tages, fand und nur einen sehr gelinden Kopfschmerz fühlete. Hier dachte ich an meine angefangene, aber für irrig erkannte Quitung, und sahe, daß, anstatt: »funfzig Thaler halbjährige Zinsen,« wie es heißen sollte, mit so reinen und geraden Zügen, als ich je in meinem Leben mochte gemacht haben, geschrieben da stand: [42]»funfzig Thaler durch Heiligung des Bra-« mit einem Abbrechungszeichen, weil die Zeile zu Ende war. Es war mir nicht möglich, mich auf etwas in meinen vorhergegangnen Vorstellungen oder Geschäften zu besinnen, welches durch einen dunklen mechanischen Einfluß zu diesen unverständlichen Worten hätte Anlaß geben können.

***

Diese Erzählung mag gar leicht in den Augen anderer, die aus der Erfahrung oder aus Lektüre mehr mit den mannichfaltigen Erscheinungen in der menschlichen Natur bekannt sind, weit weniger Befremdendes und Sonderbares an sich haben, als in den meinigen. Der seelige Sulzer selbst sagte mir in seiner Antwort hierauf manche Seltsamkeiten von etwas ähnlicher Art, die er theils an sich, theils an Bekannten erlebt hatte; doch gestand er einen beträchtlichen Unterschied zwischen denselben und dem gegenwärtigen Fall.

So viel, dünkt mich, folgt aus diesem letzteren, daß es nicht so leicht sey, von der Verstandesverrückung eines andern zu urtheilen. Ich erinnerte mich mitten in meinem oben beschriebenen Zustande eines damals in dem hiesigen Irrenhause befindlichen Candidaten, der anfänglich auch verwirrt und unverständlich gesprochen hatte, und dessen Verrückung nachher darein gesetzt ward, daß er zu gar keinem weiteren Sprechen zu bringen war. [43]Wer weiß, dachte ich, ob er nicht seine eigenen ordentlichen Gedanken so gut für sich hat, als ich jetzt die meinigen, und nur deswegen nicht sprechen will, weil er weiß und empfindet, daß er seiner innersten Sprachorganen nicht Meister ist, sich also scheuet, im Sprechen wahnwitzig zu erscheinen, da er es im Denken nicht ist?

Weitere Schlüsse aus meiner gehabten Erfahrung zu machen, will ich mir ja nicht herausnehmen, ob ich gleich sehr wünsche, die folgende Bedenklichkeit aufgekläret zu sehen: wenn die ganze Denkkraft von dem jedesmaligen Zustande des Gehirnes abhängt, oder eigentlich darinn liegt, so muß, in meinem Fall, der eine Theil meines Gehirns gesund, in gehöriger Lage und Ordnung, der andere in unordentlicher, verwirrter Bewegung gewesen seyn. Und welcher von beiden sagte denn: ich? unterschied die durch einander kreuzenden Vorstellungen von sich selber? urtheilete von der Unrichtigkeit derselben? fühlte so innig sich selbst, als etwas ganz anderes und abgesondertes von jenen? Wie viel oder wie wenig daraus zu folgern sey, überlasse ich gerne der Entscheidung der Sachkundigern.

J. J. Spalding.

Fußnoten:

1: *) Diese kurze Erzählung schrieb ich an demselbigen Tage Nachmittags auf, und schickte sie an meinen Freund Sulzer.

Erläuterungen:

a: Vgl. zu diesem Beitrag Goldmann 2015, S. 169-173.