ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 1 (1783) >  <Zur Seelenzeichenkunde>

<Zur Seelenzeichenkunde>

Moritz, Karl Philipp

Weil es einigen Materialien, die ich zu dieser Rubrik gesammlet habe, noch an Vollständigkeit fehlt, so will ich sie bis auf ein künftiges Stück versparen, und nur jetzt im Ganzen einiges niederschreiben, was ich aus eigner Erfahrung hierüber sagen kann, und wovon ich schon in meinen Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre a Verschiedenes geäußert habe.

Der Schulmann und der Erzieher haben vor vielen andern Gelegenheit, Beobachtungen über den Menschen anzustellen, weil bei Kindern die Verstellungskunst größtentheils noch nicht so weit, wie bei Erwachsenen gehet. Der Erzieher hat den Vorzug, daß er seine Subjekte beständig beobachten kann. Aber der Schulmann hat wiederum den Vortheil der Mannichfaltigkeit der Subjekte.

Als ich vor vier Jahren meine Lehrstelle am grauen Kloster antrat, machte ich mir schon einen Plan, wie ich Beobachtungen bei meinen Schülern anstellen wollte. Man sammlet tägliche Bemerkungen über das Wetter, dacht' ich, und den Menschen sollte man dessen nicht werth achten? Ich entschloß mich also, ein eignes Journal über verschiedne der merkwürdigsten Köpfe zu halten, welches ich auch, freilich mit vielen Unterbrechungen, die durch meine Lage verursacht wurden, fortgesetzt habe.

[108]

Mein Plan aber ist folgender: ich suche an einem jungen Menschen, den ich zum erstenmale sehe, sogleich das Auffallende zu bemerken. Denn was uns oft beim ersten Anblick auffällt, das übersehen wir nachher schon leichter, wenn wir mit dem Subjekte bekannter geworden sind, und uns an sein Gesicht, seine Mienen, u.s.w. gewöhnt haben.

Freilich kann man sich beim ersten Anblick oft sehr in einer Person irren, aber selbst dieser Irrthum hat nachher seine Vortheile. Wenn man nur nicht gleich im Anfange etwas festsetzt, sondern sich gleichsam erst einen ohngefähren Grundriß zu seinen künftigen Beobachtungen zu entwerfen sucht, der nachher noch immer wieder abgeändert werden kann. Auch kömmt dieses noch zu statten, daß man gegen denjenigen, welchen man zum erstenmale siehet, gemeiniglich weder ein gutes noch ein böses Vorurtheil gefaßt hat, und also, in Ansehung der Unpartheilichkeit, seinen Beobachtungen am besten trauen kann.

Das Unterscheidende in der Gesichtsbildung, das mit dieser etwa Uebereinstimmende im Tone, im Gange, und jeder körperlichen Bewegung; Alter und Erziehung, in so fern ich von dem Stande seiner Eltern, oder aus andern Nachrichten auf dieselbe schließen kann, sind mir zuerst merkwürdig.

Dann werde ich erst das Zutrauen des jungen Menschen zu gewinnen suchen, um auf zweckmäßige an ihn zu richtende Fragen, aufrichtige [109]und unzurückhaltende Antworten zu bekommen. Dieß Zutrauen aber erwirbt oft ein Blick, eine Miene, ein Händedruck, wodurch das junge Herz eröfnet wird, daß der Mund reine ungeheuchelte Wahrheit spricht.

Ich gebe sehr aufmerksam auf sein Betragen Acht, wenn sich die Gelegenheit ereignet, ihm wegen Muthwillen oder Nachlässigkeit ernsthafte Verweise zu geben, oder ihm wegen seines Fleißes oder seiner Ordnung meinen Beifall zu bezeigen. Wie mancher besteht nicht in dieser letztren Probe, der die erstre glücklich überstanden hatte!

Wenn ich diese Bemerkungen ohngefähr eine Woche lang in mein Buch eingetragen habe, und sie dann zusammennehme, so kömmt oft gerade das Facit heraus, was ich nach wahrscheinlichen Gründen vorher vermuthet hatte. Jeder befundne Irrthum aber wird mir eine heilsame Lehre auf die Zukunft.

Auf die Weise entwerfe ich mir zuweilen Tabellen von einigen der abstechendsten Charaktere, wo die Nahmen oben in einiger Entfernung nebeneinander stehen, und wo ich unter einem jeden die täglichen Bemerkungen eintrage. Es macht mir alsdann viel Vergnügen, diese Charaktere da nebeneinander figuriren zu sehen, und ihre Nüancen oft bis in die kleinsten körperlichen Bewegungen, und bis zum Mienenspiele zu verfolgen.

Ich zweifle nicht, daß viele Schulmänner und Erzieher, ähnliche und beßre Beobachtungen, und vielleicht auch nach einer bessern Methode, über [110]einzelne Subjekte angestellt und niedergeschrieben haben. Wollten sich mehrere entschließen, ihre Beobachtungen zum allgemeinen Besten in diesem Magazine bekannt zu machen, so würde dasselbe auch in dieser Rücksicht für die Pädagogik äußerst wichtig werden, so wie dieß denn die Erfahrungsseelenkunde überhaupt schon an und für sich selber ist.

Als vor einiger Zeit eine Schrift unter dem Titel der Jugendbeobachter erschien, freute ich mich sehr darauf, fand aber, daß sie gerade nicht eine einzige Jugendbeobachtung enthielt. Eine solche Schrift, die ihrem Titel entspräche, möchte auch wohl etwas schwerer zu schreiben seyn, und es würden nicht leicht so viele Bände aufeinander folgen können.

Garve über die Prüfung der Köpfe b verdient gewiß von jedem Jugendbeobachter fleißig studiert zu werden.— Zur Seelenzeichenkunde überhaupt ist Lavaters Physiognomik c wohl nicht ohne Nutzen. Engels Mimik d aber, wenn sie erscheinet, wird gewiß eine vortrefliche Seelenzeichenlehre seyn.

Eine Sammlung mehrerer eigentlicher physiognomischer Erfahrungen, von dem Eindruck, welchen solche Personen zuerst auf uns gemacht haben, mit denen wir nachher genauer bekannt geworden sind, wäre vielleicht sehr nützlich.

M.