ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Volksaberglauben.

Anonym

Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen eine Anzeige von verschiedenen Arten des Volksaberglaubens, nebst meinen Bemerkungen darüber, zuschicken darf. Vielleicht können Sie dieselbe für Ihr Magazin zur Erfahrungsseelenkunde nützen. Fast allgemein in Ober- und Niedersachsen habe ich bemerkt, daß man mit den neugebornen Kindern einen sonderbaren Aberglauben treibt; vornehmlich aber so lange, als sie noch nicht getauft sind. Wenn gleich der gemeine Mann hie und da nicht mehr an eine unmittelbare Besitzung des Teufels bei seinen Kindern glaubt, und auch an mehrern Oertern vernünftige Geistliche den Leuten diese entsezliche Meinung aus den Köpfen gepredigt haben: so hängt doch immer noch ihre Phantasie an Hexen und unsichtbaren bösen Geistern, die den ungetauften Kindern Schaden zuzufügen suchen. Man eilt daher nicht nur, die Kinder bald aus der Gewalt der unsichtbaren Geister durch die Taufe zu befreien; sondern die Hebammen, – eine überhaupt sehr abergläubige Menschengattung – suchen auch durch ein fleis-[18]siges Kreuzmachen das ungetaufte Kind vor allerlei zu befürchtenden Behexungen zu sichern. Gemeiniglich geschieht dieses Kreuzmachen, das offenbar noch ein albernes Ueberbleibsel aus der katholischen Kirche ist, beim Einwickeln und Schlafenlegen der Kinder, wobei die Hebammen noch ein Sprüchelchen, z.B. das walt Gott der Vater u.s.w. herzumurmeln pflegen. Ich habe einige diese Ceremonie mit der pünktlichsten Genauigkeit beobachten gesehen; eine schalt mich auch sogar einmal in allem Ernst aus, indem ich beim Hereintragen eines neugebornen Kindes meine laute Freude über dasselbe bezeugte, ohne ein »Gott gesegne dich!«*) 1 dazuzusetzen. Das einfältige Weib glaubte, daß man, ohne einen dergleichen Wunsch, ein neugebornes Kind leicht beschreien**) 2 könne; eine Meinung, welcher der gemeine Mann noch sehr auch in Absicht seines Viehes anhängt: man beschreiet seine Kühe, seine Pferde, wenn man sie lobt, und verursacht dadurch, daß sie weniger gedeihen können.

Ausser jenem Aberglauben des Kreuzmachens***) 3 über neugeborne Kinder, hält der gemeine Mann [19]auch noch sehr darauf, – manche vornehme Mütter nicht ausgenommen – daß, so lange ein Kind noch nicht getauft ist, es ja genau bewacht werde, damit ein böser Geist nicht ein andres Kind mit dem rechten austauschen könne. Dieser Aberglaube stammt offenbar noch aus den Zeiten her, wo man den Teufel zu einem schadenfrohen Tausendkünstler und Zaubrer machte. An einigen Oertern geht man sogar so weit, daß man die Stelle in der Wiege, wenn man das Kind herausgenommen hat, nicht ledig lässt, sondern unterdessen ein Stück Holz, oder einen Beesen dahin legt, damit der böse Feind nicht seinen Unfug mit der Wiege treiben könne.

Wie sehr noch der gemeine Mann an der Meinung vom Behexen der Kinder hängt, können Sie aus folgender frappanten Anekdote aus einer angesehenen niedersächsischen Stadt sehen, die sich nicht vor gar langer Zeit daselbst zugetragen hat. Ein armes Lutherisches Bürgerweib hatte ein kränkelndes Kind, wovon sie glaubte, daß ihm etwas angethan, oder daß es behext sey. Mit diesem Kinde erschien sie eines Tages in der dortigen katholischen Kirche, worin man sie noch nie bemerkt hatte, und wo sie auch wirklich noch nie gewesen war. Ein angesehener Mann, auch ein Katholik, aber ein aufgeklärter Kopf, der mir diese Geschichte selbst erzählte, bemerkte sie, und [20]bezeigte ihr sein Erstaunen, was sie mit dem kranken Kinde in der katholischen Kirche wollte. Das Weib ward verlegen, bei weiterm Fragen gestand sie aber endlich, daß sie hierher gekommen sey, um von dem katholischen Priester den Segen über ihr Kind sprechen zu lassen, weil sie gehört, daß ein katholischer Priester dadurch die Krankheit des behexten Kindes wegbannen könne. Einem Katholischen Weibe würde man so etwas nicht verdacht haben, da ihre Religion dergleichen Dinge wirklich lehrt; allein einer Lutherischen Bürgerfrau, die in einer der aufgeklärtesten Städte Teutschlands lebt, wo es eine Menge der besten Aerzte giebt, wäre ein solcher Aberglaube kaum zu verzeihen, wenn sich die gerühmte Aufklärung, wovon die meisten nur gar zu hohe Ideale im Kopfe haben, auch auf die niedern Stände der Menschheit erstreckte, wo es überall noch so schrecklich dunkel aussieht.

Um die neugebornen Kinder vor den bösen Geistern zu bewahren, welche man gemeiniglich in der Volkssprache gradehin die Unterirdischen nennt, ist man noch auf viele andre Gaukeleien verfallen, worüber in vielen Familien mit strengster Genauigkeit gehalten wird; z.B. daß man aus dem Hause, worin das neugeborne Kind ist, durchaus nichts verleihet, weil es sonst behext werden könnte; daß, um eben dies zu verhüten, des Vaters Hut auf die Wiege gelegt wird; daß man [21]die Wiege nicht bewegen darf, wenn sich das Kind nicht darin befindet.*) 4

An vielen Oertern ist's auch gebräuchlich, daß, wenn das Kind aus der Kirche nach der Taufe heimgetragen wird, man es sogleich einige Minuten in den Brodschrank legt, damit es nicht näschig werden soll. Eine andere Albernheit dieser Art erfuhr ich noch kürzlich in einem Dorfe ohnweit Merseburg. Ich hatte einer Kindtaufe in der Dorfkirche mit beigewohnt, und ging mit dem Prediger nach Hause. Weit vor uns vorauf erblickte ich die Jungfer Gevatterinn, welche nach dortiger Sitte das Kind trug, und ungewöhnlich schnell damit lief. Dieser Umstand fiel mir auf, und ich fragte den Prediger um die Ursache des schnellen Laufens mit dem Kinde. »Es ist ein ziemlich ausgebreiteter Aberglaube, erwiederte er, daß das Kind nicht gut gehen lernt, wenn die Gevatterinn damit nicht schnell nach Hause eilt. Ich habe den Leuten oft den Ungrund ihres Aberglaubens gezeigt; aber es hält ausserordentlich schwer, dergleichen Volksmeinungen, die um so viel stärker würken, weil [22]sie von den Vorfahren angenommen sind, auszurotten.«

Mit den Wöchnerinnen selbst wird eben ein so starker Aberglaube getrieben. Einige Behandlungsarten derselben sind von der Art, daß man sie nicht einmal sagen darf, ohne die Gesetze der Schamhaftigkeit zu beleidigen; sie alle haben aber wieder ihren Grund, wie aller Aberglaube, in dem Glauben an böse Geister, und in uralten heidnischen Volksvorurtheilen, dergleichen wir mitten in der Christenheit noch sehr viele haben. Viele Weiber tragen in der Wochenstube einige Stunden des Tages die Mützen ihrer Männer. Noch andere haben den Glauben, daß sie sich ihre Wochenzeit über nicht am Fenster sehen lassen dürften, ein Glaube, der vielleicht gute physische Ursachen zum Grunde hat, damit sie sich etwa durch auffallende Gegenstände nicht erschrecken möchten; aber unerklärbar ist mir hierbei noch ein andrer Umstand, daß nämlich viele Wöchnerinnen glauben, sich einen unbekannten Vorübergehenden, wenn sie auch am Fenster stünden, als einen Dieb, Mörder, u. dergl. vorstellen zu müssen. Daß dies würklich ein Aberglaube vieler Wöchnerinnen ist, ist mir von der glaubwürdigsten Frau betheuert worden.

Ueberhaupt ist der Ursprung so vieler abergläubischen Meinungen durchaus unbekannt. Oft kann die unbedeutendste Kleinigkeit Veranlassung dazu [23]gegeben haben, oft war auch wohl nur der blosse Zufall, der auf eine gewisse Einbildung erfolgte, der Grund davon. Der Unwissende findet überall Gegenstände, deren physische Verhältnisse er nicht überschauen kann, er nimmt also gleich seine Zuflucht zu gewissen verborgenen Kräften, und personificirt sie, so gut er kann; oder so wie sie seine Vorfahren schon zu personificiren suchten. Er hat wenig Neigung dazu, das Ding sich natürlich zu erklären, weil das Wunderbare seiner sinnlichen Phantasie schmeichelhafter ist, und er von Jugend auf den Kopf von unsichtbaren Geistern voll hat. Gemeiniglich verhält sich der gemeine Mann auch nur bloß mechanisch bei seinem Aberglauben. Er weiß es selbst nicht immer, warum er so handelt; sondern er handelt so, weil er es so zu sehen gewohnt ist. Ich habe oft gemeine Leute gefragt: Warum glaubt ihr dies und das? und sie konnten mir nichts anders antworten, als – – Wir glauben's nun einmal so! Man wird gemeinen Leuten den Aberglauben jeder Art nicht eher aus den Köpfen bringen, bis man ihnen einen deutlichen Unterricht in der Naturlehre zu geben anfängt, wie nun auch schon an mehrern Orten zur Ehre der Menschheit geschieht.

Mancher Aberglaube scheint in der That aus einer guten natürlichen Absicht entstanden zu seyn. So warnt man junge Kinder, ja nicht zu nahe an Flüsse und Teiche zu gehen, weil sie sonst der [24] Nix*) 5 holen könne. Man will dadurch offenbar junge unerfahrne Kinder warnen, sich nicht an dergleichen Oerter zu wagen, so wie man auch in mehrern Gegenden von Obersachsen an einen gewissen Kornengel glaubt, der, nach der Volksmeinung, die Kinder nach sich ziehen soll, wenn sie sich einem Kornfelde nähern. Die Idee in Absicht der Nixen scheint mir in dem alten heidnischen Aberglauben, da man an Fluß- und Wasser-Götter glaubte, ihren Grund zu haben, so wie überhaupt es fast keine Art des heidnischen Aberglaubens gab, welcher nicht noch jezt hie und da unter gemeinen Leuten, obgleich in einer veränderten Gestalt, fortwürken sollte. Das Christenthum hat ihn nicht ausrotten können, sondern nur einen Mantel darüber gehängt.

Ehe ich in meiner Anzeige von den verschiedenen noch herrschenden Arten des Volksaberglaubens fortfahre, muß ich Ihnen eine meiner Ideen über das sogenannte Beschreien oder Berufen der Kinder mittheilen. Dieser abergläubische Gebrauch ist offenbar Griechischen und Römischen Ursprungs; und wahrscheinlich noch älter. Unter den Heerden von [25]Göttern, die jene alten Völker sich nach und nach erträumt hatten, gab es nach ihrer Meinung auch viele boshafte und neidische Gottheiten, die immer lauerten, wo sie den Menschen etwas zu leide thun konnten. Vermöge ihrer heimtückischen Natur suchten sie vornehmlich denjenigen zu schaden, die vor andern glücklich und geehrt waren. Man befürchtete daher, sie auf dasjenige aufmerksam zu machen, was man mit lauter Stimme rühmte, und um dem Dinge zuvorzukommen, bediente man sich denn eines besondern Ausdrucks, welcher dem Teutschen: Gott behüt es! nahe kam. Der Lateiner hatte sein Praefiscine! und der Grieche sein αβαναςως Hierzu kam nun noch der alte Volksglaube, daß nicht alle Stunden des Tages gleich wären; sondern daß verschiedene für den Menschen sehr gefährlich werden könnten, man wollte daher durch jene Ausdrücke zugleich sagen: Gott gebe, daß ich's zu einer guten Stunde geredet habe! Aller dergleichen Aberglaube ist zu den Christen bei ihrer Vermischung mit Römischen und Orientalischen Völkern übergegangen, und die Priester haben sonderlich in mittlern Zeiten alles gethan, um das Volk dabei zu erhalten, weil sie, wie bekannt, von der Blindheit desselben ihre Vortheile zogen.

Der Ursprung des Aberglaubens überhaupt, wir mögen ihn nun entweder bei ganzen Völkern, oder einzelnen Menschen betrachten, hat überall und allemal seine natürlichen Ursachen. Die mensch-[26]liche Einbildungskraft sucht sich nach dem Vorrathe der wenigen vorhandenen Ideen in dem Gehirn des ungebildeten Menschenverstandes, Erscheinungen in der Natur durch unsichtbare Wesen zu erklären, und, so weit auch der Begriff eines Geistes ausser der Sphäre eines noch unangebauten Verstandes liegt, sich doch gewisse Kräfte zu personificiren, wovon jene Naturphänomene Würkungen seyn sollen. Denn, daß jede Würkung eine Ursach haben müsse, auf diesen Satz wird auch der ungebildetste Menschenverstand alle Augenblicke so sehr hingerissen, daß er ihm bald zum Axiom wird, so gut er es für den Philosophen ist. Ausserordentliche Würkungen werden also ausserordentlichen Wesen zugeschrieben, die sich aber der menschliche Verstand wohl nie als Geister im metaphysischen Sinn gedacht haben würde, wenn hinterher nicht von speculativen Köpfen ein Unterschied zwischen körperlichen und unkörperlichen Wesen festgesezt worden wäre, den man von dem Menschen selbst abstrahirte. Ob dieser Unterschied reel sey, darüber haben sich die Philosophen alle Jahrhunderte gestritten, und werden sich, – zum Beweis, daß der Begriff eines Geistes noch nicht genau bestimmt ist, – und vielleicht ausser den Gränzen der menschlichen Vernunft liegt, noch ferner darüben streiten.

Fußnoten:

1: *) oder: Gott behüt's!

2: **) In Niedersachsen nennt man es berufen.

3: ***) Welches nicht eigentlich mit den Fingern geschieht, sondern, indem man die Hände kreuzweis übereinander schlägt.

4: *) Beides leztere geschieht eigentlich deswegen, weil man glaubt, daß das erstere den Schlaf des Kindes befördere, das leztere ihm aber seine Ruhe nehme; daher auch jener andere Aberglaube, daß sich ein Fremder, der in eine Kinderstube kommt, durchaus niedersezen muß, weil er sonst dem Kinde den Schlaf mitnimmt.

5: *) Der gemeine Mann stellt sich ihn als ein kleines Männchen mit rotem Haar, oder einer roten Mütze vor; in Niedersachsen als Frauenzimmer, welches sehr wahrscheinlich sich auf den aus dem Alterthum hergeholten Glauben an Sirenen gründet.