ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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7.

Allgemeine Betrachtungen über Sprache.

Schlichting, Johann Ludwig Adam

Die Sprache ist die Uebereinstimmung der Menschen, durch gewisse bestimmte Zeichen gewisse Dinge zu bezeichnen, und ihre Gedanken deutlich und bestimmt auszudrücken. — Dieser Begriff läßt sich leicht auf einzelne Sprachen anwenden; so ist die deutsche Sprache die Uebereinstimmung der deutschen Völker, einander ihre Gedanken durch dieselbe Ausdrücke deutlich und bestimmt erkennbar zu machen. Alle Sprachen kommen darin überein, daß sie dieselbe Sachen durch verschiedene Zeichen bezeichnen.

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Die Nothwendigkeit der Sprache erhellet aus der Nothwendigkeit einer menschlichen Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse. — Die ersten festgesetzten Gedankenzeichen litten bald Abweichungen, und dies aus verschiedenen zufälligen Umständen; Zeit, Ort, Interesse, Verbindung u.s.w. machten sie nothwendig; auch die Menschen drücken dasselbe Bedürfniß, dieselbe Idee nicht immer auf dieselbe Art aus; nicht alle haben einerley Bedürfniße; jeder fast hat seinen eigenen Gesichtspunkt — fodert auf eine andere Weise Befriedigung seines innern und äußern Dranges u.s.f.

Eine allgemeine Sprachlehre würde die allgemeinere Regeln zu sprechen enthalten, die leicht auf alle besondere Sprachen angewandt werden könnten. Die besondere lehrte ihr eigenes, ihre besondere Ausnahme der allgemeinen Regeln; die allgemeine diente zu einer Einleitung in die untergeordneten mannichfaltigen Sprachlehren, ohne Hinsicht auf die besondern Nationalabänderungen. Obwohl die Verschiedenheit der Sprachen manchen Vortheil und Rechtfertigungsgrund für sich hat, so würden wir vielleicht doch schon weitere Fortschritte in unsern Bemühungen um Aufklärung und in der Annäherung an unsere Bestimmung gemacht haben; es würde mehr Uebereinstimmung, mehr Einigkeit und Einheit der Charaktere der Menschen — weniger Vorurtheile, Partheisucht, feindliche Gesinnun-[84]gen und Listigkeit, — aber desto mehr Liebe, Wahrheit und Offenheit unter den Menschen herrschen, wenn diese nicht — oder nicht so mannichfaltig wäre. Doch labt sich unser Trieb nach Vervollkommung auch öfters an ihr: wir forschen nach dem Genius der Sprache: wir suchen daraus den Charakter der Nation annähernd zu bestimmen; wir sehen, wie weit die Denkart der Menschen von einander abgehet, oder sich vereinbart, und wo — in welchen Abstuffungen — nach welchen Gründen; da lernen wir kennen, in welchem Grad der Kultur und Vollkommenheit eine Nation steht; denn Verbesserung der Sprache ist eine Stufe der Landsaufklärung; dahin gehören auch die Bemühungen, eine Sprache Wortreich, Nachdruck- und Bedeutungsvoll — angenehm, fließend und leicht zu machen, sie von Verunstaltungen und nichts bedeutenden oder inkonvenienten Ausdrücken zu säubern.

Die Sprache ist der Abdruck der Gedanken: die Zeichen der Gedanken können nun mittelst eines festgesetzten Tones, oder mittelst festgesetzter mit der Feder gemachten Züge (Schriftzeichen) andern verständlich gemacht werden. Die erste Art wird in der Leselehre abgehandelt; die zwote in der Rechtschreibungslehre, und so wären also die zwo Hauptabtheilungen einer allgemeinen Sprachlehre gemacht; um deutlich und zusammenhängend zu seyn, müßten dann die Gegenstände nach ihrem Ur-[85]sprung — Ableitung — Aehnlichkeit u. d. einander untergeordnet und zusammengestellt werden.

Die pantomimische Zeichen oder die Geberden des Körpers sind noch sehr willkührlich und unbestimmt. Indeß ist doch gewiß, daß die Pantomimensprache die erste war. Für die erste Menschen, die noch keine bestimmte Töne und Worte hatten, konnte die regellose, schwer zu fixirende Stimmensprache alleine nicht hinreichend seyn; sie nahmen die Gesichtszüge, die übrigen körperlichen Aeusserungen zu Hülfe; diese waren ihnen auch geschickter, natürlicher, angemessener, die Bedürfnisse setzten sie von selbst in Bewegung. Gebehrdensprache ist die natürlichste; denn die Wortsprache entsteht nur dann erst, wann der Mensch anfängt in Gesellschaft zu leben — wann ihm eine Menge von Bedürfnissen nothwendig wird; wann es Bedürfniß wird, seine Gedanken dem andern zu offenbaren, seine durch das gesellschaftliche Leben erzeugte Begierden, Triebe, Verhältnisse und Notwendigkeiten zu befriedigen, seine durch eben dies gesellschaftliche Beysammenseyn entstandene Pflichten zu erfüllen, sich über Interesse und Konventionen mit andern zu verstehen; wann der Mensch nun allmählig beginnt, Lüste zu nähren; wann es dadurch erst nothwendig würde, Hülfe und Rath zu suchen, und also Mensch und Mensch wie eins — unzertrennlich — unentbehrlich würden; da müßte [86]ihnen nothwendig die Pantomime zu langweilig, zu ermüdend, zu unbequem seyn; man verließ diese Sprache, und fing an, Töne dafür zu gebrauchen; man sah den Unbequemlichkeiten durch ihre Anwendung und Festsetzung meistentheils abgeholfen, und suchte stufenweise sie so viel als möglich allgemein zu machen, welche ihnen die geschickteste — die deutlichste schienen, und die mit der anzuzeigenden Sache die größte Aehnlichkeit hatten, diese wählten sie zum Ausdrucke. Nachahmung war also wohl der Bestimmungsgrund eines grossen Theils der Worte. Die übrigen haben ihren Grund in gelegentlicher oder notwendiger Zusammenkunft aller — besonders auffallender — frappirender Umstände. Also da erst unter jenen Verhältnissen ward Stimmsprache Trieb und Drang, und mit ihrer Anwachse ward dieser Drang auch stärker, entwickelte sich immer mehr, wurde immer reichhaltiger— verständlicher — nachdrucksamer — angemessener — gesetzmäßiger — harmonischer, und die Ausdrücke artikulirter — allgemeiner — stäter.

Pantomimen in einer fixirten Einschränkung und Bestimmtheit, wie die Töne, würden eben so deutliche Gedankenzeichen seyn. Zuverläßig ist es, daß stärkerer Nachdruck in ihnen liegt, daß sie geschickter — anschauender und natürlicher sind, um die Sachen wahrer und die Bedürfnisse in ihrer mehr oder minder dringenden Befriedigung vorzu-[87]stellen; so wie wir noch immer, um energischer uns auszudrücken, und den Grad der Empfindungen deutlicher und sinnlicher zu bezeichnen, unsere Sprache mit Gebehrden des Körpers begleiten. Eine Bewegung des Körpers würde schon den ganzen Gedanken mit einem großen, lebhaften Ausdruck bezeichnen, da wir jetzt durch eine Reihe von Buchstaben — Sylben und Worte erst an das Ende der Vorstellung gelangen. Sogar müssen wir in der Seele das ganze einer Idee nur mittelst der Verbindung einzelner, mit Worten verknüpfter Begriffe bilden; dahingegen ohne diese Sprache jeder unserer Gedanken eine totale momentane Vorstellung und ein Bild, ein konzentrirter gleichzeitiger Zusammenhang aller der dahingehörenden Begriffe wäre, so wie die Aeußerung der Gedanken eben so seyn müßte. Aus diesem folgt, daß die Vorstellungen geläufiger, gedrängter, lebhafter, und weil die Uebersicht leichter, der Zusammenhang deutlicher wäre, schneller und richtiger seyn müßten.

Es ist wahr: Worte und ihre successive Verbindung sind Beförderung der Abstraction und größere Sicherheit vor Irrthum im Urtheile, da in einer schnellen Uebersicht wohl manche Folge, manches Zwischenglied der Abstractionskette unsichtbar bleiben kann; aber da bürgt schon für einen guten Theil der deutlich vorliegende Zusammenhang des Ganzen.

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Ich übergehe den Gebrauch der Zeichensprache beym Unterricht der Taubstummen. Nur was insonderheit den Einwurf betrift, wegen der Nichtunterscheidung des Sinnlichen — Sichtbaren vom Abstrakten, und der durch dieselbe Zeichen bedeuteten Sache, bemerkte ich für jetzt das einzige: kann man mit dem Zeichen des unmittelbar bezeichneten nicht noch ein bestimmtes Unterscheidungszeichen von dem mittelbaren und abstrakten Begriffe verbinden, oder auch mit den letztern? Dasselbe Unterscheidungszeichen kann allgemein gemacht und mit jedem dieser Begriffe ohne Abweichung verbunden werden. Hieraus erhellet auch, daß man auch abstrakte Begriffe durch dergleichen pantomimische Zeichen ausdrücken kann; und warum nicht auch ohne das angegebene Hülfsmittel? Denn jeder abstrakte Begriff entstehet aus sinnlichen, die man vergleicht, deren ähnliche — nothwendige oder allgemeine Bestimmungen man zusammendenkt, und daraus einen allgemeinen oder abstrakten Begriff bildet. Könnte man also nicht auch durch pantomimische Zeichen die Folgen und Entwicklung dieser einzelnen Begriffe und so den Weg der Abstraktion bezeichnen, und dann durch ein einziges Zeichen, wie durch ein einziges Wort den Inbegriff dieser Entwicklungen oder den ganzen abgezogenen Begriff ausdrücken? Es ist daher nicht eben nothwendig, ihn erst metaphorisch und bilderisch in der Zeichensprache zu erklären.

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Unstreitig ist es, daß die Sprache sehr viel, ja das meiste zur Begriffentwicklung — zur Aufklärung und Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse beyträgt. Das anfangs lallende, dann sprechende Kind hört neue Worte, und in ihnen neue Begriffe; lernt täglich immer mehrere und neue Sachen kennen, lernt mit dem Fortgange der Sprachen kombiniren — Aehnlichkeiten bemerken — übertragen; es lernt weniger mechanisch denken, weniger einförmig urtheilen und handeln; es lernt Abwechslungen des Geschlechts — der Art — und des Individuellen; wird mit mehrern theils ähnlichen, theils kontrastirenden Verhältnissen bekannter; geistische — unsichtbare — abstrakte Dinge kommen ihm nicht mehr so unbegreiflich und nonsensikalisch vor; die Zeichen der sichtbaren —körperlichen — einzelnen Dinge führen leicht zu andern, die mit diesen was ähnliches, was gemein haben. Wunderbare — ungewöhnliche Dinge frappiren es nicht mehr in dem entsetzenden Grade; bald kann es selbst deutlich — endlich unvermerkt unterscheiden, was es hört, sieht und empfindet. Von ihrem weitern Gebrauch und Nutzen in der menschlichen Gesellschaft, wäre es überflüßig, was zu sagen. Sprache ist der Anfang zur Bildung des Menschen; ihr Fortgang, ihre Entwicklung ist Entwicklung des Herzens und des Verstandes, ist Entwicklung eigenen Kraftgefühls; eben so unentbehrlich und interessant schreitet sie mit dem Menschen durch alle Le-[90]bensgrade fort. Ohne Sprache, würde der Greiß wohl mehr als das lallende Kind in der Wiege seyn? würde der Mensch wohl viel zum Voraus vor dem Orangoutang und desselben Handlungstrieb haben? Dies ist freylich nur Frage —Frage wie die: ob Sprache wirklich ein zuverläßiges —wesentliches Unterscheidungsmerkmal der Menschen und Thiere ist? aber aus Mangel der Sprache einem Thier das Menschliche absprechen, wäre das eben darum nicht zu viel geschlossen? Sprache ist ein durch die gesellschaftliche Lebensverbindung erst nothwendig gemachtes Bedürfniß, und sonst keine, als nur eine durch Despotie eingeschränkte aber erzwungene und dringende Zweckensphäre mußte nothwendig an der Sprache, besonders an der Stimmsprache, eine Stütze finden.

J. L. A. Schlichting.
Alumnus im K. K. General-Seminarium
in Wien.