ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Ein Traum.

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Der seel. Prof. Meier in Halle wurde eines Tages zu einem seiner Zuhörer gerufen, welcher gefährlich krank war. Der Patient versicherte seinem Lehrer, daß er gewiß sterben würde, weil er darüber einen sonderbaren Traum gehabt habe, und er habe ihn (Meiern) vornehmlich deswegen zu sich kommen lassen, um ihm diesen Traum anzuvertrauen, welchen er selbst wörtlich aufgezeichnet und in sein Schreibpult verschlossen hätte. Er gab darauf Meiern den Schlüssel dazu, und bath ihn, die in einem gewissen Kästchen befindlichen Papiere nach seinem Tode zu sich zu nehmen, und wenn sein Traum eingetroffen sey, ihn der Welt bekannt zu machen.

Der Student starb auch würklich kurze Zeit darauf, wie er vorher gesagt hatte; Professor Meier öffnete das Schreibpult, und fand ein versiegeltes Päckchen, worinn denn folgender Traum des Verstorbenen aufgezeichnet war:

»Ich ging vor einiger Zeit auf dem hallischen schönen Kirchhofe vor dem Galgthore spatziren. Die vielen vortrefflichen Leichensteine und Epitaphien gefielen mir ausserordentlich, ich besahe eins nach dem andern, las ihre Aufschriften, und wollte mich endlich entfernen, als ich auf einen Leichenstein stieß, [104]welcher mir besonders auffiel. Ich las nehmlich mit größtem Erstaunen meinen eigenen Vor- und Zunahmen darauf; aber noch bestürzter wurde ich, als ich sogar den Tag meines Todes darauf angezeigt fand. (Es war auch würklich der Tag des Monats, in welchem der Student starb.) Es überfiel mich eine unbeschreibliche Angst, ich fing am ganzen Leibe zu zittern und zu beben an. Nur das Jahr meines Todes war mir nicht deutlich genug, der Leichenstein war hie und da mit Moos bedeckt, und einer von diesen Moosklumpen saß gerade auf der vierten Ziffer der Jahrzahl. Meine Neugierde, so ängstlich sie mich auch machte, trieb mich an, vollends zu größter Gewißheit zu gelangen, ich wollte das Moos wegkratzen, um auch die vierte Ziffer kennen zu lernen; — aber in dem Augenblick erwachte ich«. — —

Der Student vermuthete, daß die mit Moos bewachsene Ziffer der Jahrzahl die gewesen sey, welche man eben damahls schrieb, als er krank wurde. Prof. Meier erzählte alsbald seinen Zuhörern diesen Traum, welcher auf ihn selbst einen tiefen Eindruck gemacht hatte, ist aber, so viel ich weiß, noch nicht gedruckt worden. Ich habe die Erzählung aus des seel. Meiers eigenem Munde.

Halle den 2ten Nov. 1786.

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