ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Die zweite Erfahrung, der Genesungsgeschichte des Jünglings ähnlich.

Gädicke

Vor zehn Jahren kam der Fischer M.. aus dem Dorfe W.. zu mir nach meinem Guthe B.., welches ich damals selbst bewirthschaftete. Er entschuldigte sich, mir beschwerlich zu seyn; hoffte aber, daß ich wegen seines großen Unglücks nicht nur Mitleiden mit ihm haben, sondern auch nach meiner Einsicht ihm Rath und Hülfe ertheilen würde.

Er hätte ein Töchterchen von acht Jahren, dieses wäre ihm seit einem halben Jahre dermaßen krank, daß alle Medicin, die er nacheinander aus den nächstgelegenen Städten gehohlet, ohne die vielen Ausgaben zu scheuen, ganz und gar nicht angeschlagen hätte: vielmehr wäre dieses Kind von Zeit [27]zu Zeit immer schlechter geworden, dergestalt, daß es jetzo sich so gebährdete und handthierte, als wenn es ganz außer Verstande wäre; bisweilen tanzte, sprünge und singe es, zuweilen weine es betrübt und jämmerlich; und zuweilen verdrehe es die Augen, auch den Kopf dergestalt, daß das Gesicht hinten auf den Rücken hinkäme, und dergleichen widernatürliche und außerordentliche Bewegungen mache es mit andern Gliedern mehr. Zuweilen esse es mäßig, zuweilen gar viel, zuweilen gar nicht; und so wäre es auch mit dem Trinken, nachdem die Tage ohne Ordnung durcheinander kämen. Dessen Nachbaren meinten, es wäre vom bösen Geist besessen; sie hielten auch dafür, daß nur dieser durch geistliche Mittel auszutreiben wäre.

Was er davon glauben und urtheilen solle, wisse er nicht. Zwar hätte er auch dieserhalb seinen Beichtvater in C... um Rath gefraget; derselbe aber hätte ihm gesagt: daß wenn nur noch zu helfen wäre, ich dem Kinde vielleicht helfen könnte: auch da er überdem erfahren habe, daß ich meinen Guthsunterthanen in vielen kranken Zufällen gerathen hätte, und diese gesund worden; so hoffte er, daß ich auch ihm in diesem Unglück beistehen würde.

Mein Einwenden, daß es, da er doch schon so lange und so viel gebraucht, auch die Krankheit des Kindes immer zugenommen hätte, dergestalt, daß es auch schon am Verstande mangele und gar [28]dergleichen Verzuckungen bekäme, es wohl der beste Rath wäre, der Natur den Willen zu lassen, Geduld zu haben und sich der Vorsehung zu unterwerfen. Denn da seinem Kinde so viele, die ganz besonders dazu gesetzt wären, nicht helfen könnten, wäre auch mein Versuch wohl immer vergebens. Er weinte bitterlich und ging nach Hause.

Nach einigen Tagen traf ich dieses Fischers Beichtvater, den Herrn P. B.., in einer Gesellschaft; unter andern kamen wir auf dieses Kind des Fischers in W.., ich bat mir sein Urtheil darüber aus. Er sagte mir, wie die Verzuckungen des Kindes in aller Art, Gebährden und Handlungen so außerordentlich wären, daß, wenn man noch in den Jahren lebte, da man Beseßne glaubte und glauben müßte, dieses Kind gewiß vor eine Beseßne würde seyn gehalten worden. Er hätte den Fischer noch vor einigen Tagen besucht; es wäre ihm aber ein Grausen angekommen, diesem Kinde, welches eben in Verzuckungen gewesen, lange zuzusehen. Man könnte nur davon urtheilen, wenn man es selbst sähe.

Nach einer Woche darauf legte ich mit meiner Frau bei der Guthsherrschaft des Fischers M.. in W.. einen Besuch ab. Die Dame beklagte sich auch gegen meine Frau dieses Kindes wegen, wovon es schon im Dorfe durchgehends hieße, es wäre besessen; wünschte, daß ich dieses Töchterchen doch nur einmal sehen möchte; damit sie und [29]auch dessen Eltern mein Urtheil darüber hören könnten. Denn vielleicht fände ich das Kind anders, als ich mir vorstelle. Ich willigte sehr gerne ein. Denen Eltern wurde also dieses hinterbracht; und da das Kind eben sich am besten befand, es auch gutes Sommerwetter war, kam die Mutter mit ihm auf dem herrschaftlichen Hofe an, und der Vater folgte nach.

Sie war ein ziemlich herangewachsenes Mädchen von ungefähr acht Jahren und sahe abwechselnd bald roth bald blas aus: vielleicht verursachte meine und anderer Gegenwart anfänglich diese Veränderung ihrer Gesichtsfarbe. Ganz genau von mir betrachtet, sahe sie mich wieder dreist an; jedoch konnte sie nicht stille stehen, obschon ihre Mutter sie bei der linken Hand hielte. Sie bewegte sich mit Händen und Füssen, nebst Kopf beständig, und zuweilen so stark, als wenn sie schien tanzen zu wollen. Ihre Sprache war flüchtig, wild und meist unverständlich; wobei sie öfters ihre Mutter ansahe, und denn wieder weiter ihre Blicke wild herumwarf. Ich nahm sie an die Hand; sprach ihr freundlich zu; fragte: ob sie denn so sehr krank wäre, und was ihr eigentlich schmerzte? Nur verwirrte, kurze, nichtsbedeutende Antwort bekam ich; und die Bewegung ihrer Glieder nahm zu. Ich wollte ihren Puls erforschen; allein da sie die Arme und Hände niemals stille halten konnte, ja nicht einmahl auf einer Stelle ruhig stehen blieb, [30]war es mir unmöglich, ihn genau zu beobachten; sondern ich merkte nur soviel, daß er etwas voll schlug. Endlich fing sie mit dem Kopf und Halse immer mehr zu drehen an; murmelte ganz unverständliche Worte; kam auch mit Händen und Füssen in mehrere, theils zitternde Bewegungen: daher schlossen die Eltern, daß sie nun bald ihre fürchterliche Zufälle wieder bekommen würde. Sie baten mich gar sehr, ihnen doch Rath für dieses ihr elendes Kind zu ertheilen, und mich erbarmen zu lassen, ihm zu helfen, woran sie gar nicht zweifelten, daß ich es könnte, wenn ich nur wollte. Ihre Bemühung, um Hülfe für dasselbe, wäre bisher, da sie aus den umliegenden Städten schon genug Arzeneyen empfangen und dem Kinde eingegeben, ohne daß Linderung der Zufälle und der Krankheit erfolget, ohne Wirkung gewesen; vielmehr hätte es sich verschlimmert: sie könnten nun weiter nichts mehr thun, als dieses ihr elendes und verwirrtes Kind dem Schicksal und gewissen Tode überlassen.

Voll Mitleiden und Menschenliebe versprach ich, meine Sorgfalt zu Heilung desselben, nach bestem Wissen und Gewissen, anzuwenden; ich machte aber zu einer ausdrücklichen Bedingung: daß, währender Zeit ich ihm Verordnungen gäbe, die Eltern alle diese nicht nur genau befolgen, sondern auch noch überdem keine andre Mittel darneben gebrauchen müßten; sie mögten Nahmen haben wie, und von wem sie wollten. Hierauf sagte [31]ich ihnen, daß, da ich den folgenden Morgen früh um acht Uhr wieder durch ihr Dorf nach S.. reisen würde, wohin ich mir zur eigenen Aderöfnung einen Chirurgus von M.. bestellet hätte, sich die Mutter mit dem kranken Mädchen bereit halten mögte, mit mir dahin zu fahren, um ihr Kind zur Ader zu lassen. Sie gingen sämtlich wieder nach ihrer Wohnung; ich aber fuhr mit den Meinigen nach unserm Guthe zurück.

Des folgenden Morgens um die bestimmte Zeit traf ich auf meiner Reise nach S.. in W.. ein; nahm, nach genommener Abrede, die Mutter mit ihrem kranken Töchterchen mit in meinen Wagen dahin. Unterwegens meldete mir dieselbe: daß ihr Kind in dieser Nacht viel gelitten; es hätte sehr wild und irre geredet, viele und mit unter recht fürchterliche Verzuckungen gehabt, und große Hitze. Sie hätte Gott gebeten, es mit demselben entweder zum baldigen seeligen Ende kommen zu lassen. — Wir kamen mit unserem ziemlich ruhigen Kranken in S.. an: und da der geschickte Chirurgus D.. schon da war, war meine erste Sorge nur, dieses kranke Mädchen von ihm sogleich am Fuße zur Ader zu lassen. Welches derselbe denn auch, nachdem ich, nebst der Mutter, ihm alle Umstände der Kranken erzählet hatte, ohne Einwendung vornahm. Er hatte viele Mühe, den Fuß der Kranken, der beständig in Bewegung war, aus dem Wasser in eine solche ruhige Stellung zu brin-[32]gen, daß er die Ader gehörig öffnen konnte; endlich gelang es ihm, und die Ader blutete recht gut. Das Auffallenste hierbei war aber, daß die Kranke, statt sich davor zu fürchten oder gar zu erschrecken, an dieser ihrer Aderöffnung ein Vergnügen hatte, lustig spielte und oft lachte, wenn sie dem Bluten zusahe. Ja, da die Ader verbunden wurde, kaum darin zu willigen schien. Nach der Aderlaß legten sich die vorher so häufige Bewegungen der Gliedmaßen sehr merklich. Ein paar Stunden darauf, da ich meine Geschäfte daselbst verrichtet und mich auch der Chirurgus zur Ader gelassen hatte, reiseten wir wieder, und ich setzte Mutter und Tochter in ihrem Dorfe ab und bestellte den Vater Tages darauf zu mir nach B...

Dieser kam schon des Morgens früh zu mir mit Vermelden: wie die Kranke gegen vorige, diese Nacht sehr ruhig gelegen und auch wieder etwas ordentlich geschlafen hätte. Er wünschte sehnlich, daß dieses continuiren mögte, und ich ihm meinen fernern guten Rath geben wollte, mit fester Versicherung, mir in allen Vorschriften mit seiner Tochter ganz genau zu folgen.

Alle vorgemeldete widernatürliche Bewegungen, Verzuckungen und Verdrehungen hielte ich für Convulsiones; und die Ursache hiervon, glaubte ich in Würmern zu finden. Ich verfuhr daher also: daß ich nach der Aderöffnung erst innerlich temperirende und nächstdem eigentliche Wurmmit-[33]tel mit gehörigen Abführungen aus der nächsten öffentlichen Apotheke nehmen ließ. Diese schlugen auch merklich an; jedoch wollten noch Würmer selbst nicht mit abgehen, obgleich vieler Schleim erfolgte. Es mußten also die Wurmmittel und besonders mit asa foetida noch verstärket werden. Wie nun so continuiret wurde, gingen endlich in Zeit von sechs Wochen außerordentlich häufig Spulwürmer ab. Das kranke Mädchen wurde allmählig munter und gesund aussehend; und nach zwölf Wochen genaß es völlig, sowohl am Körper als auch am Verstande.

Der herzliche Dank der rechtschaffenen Eltern war mir für meine Bemühung die allerangenehmste Vergeltung. Das Mädchen selbst ist auch nachher immer gesund und recht stark und vernünftig herangewachsen, und ein gutes gesundes Dienstmädchen geworden, wie ich sie nachher selbst öfters im Dienst gesehen habe.