ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Parallel zu der Selbstbeobachtung des Hr. O. C. R. Spalding im 2ten Stück des ersten Bandes.

Reiske, Ernestine Christiane

Der Zufall des verehrungswürdigsten Sp. den ich im 2ten Stücke des ersten Bandes dieses Magazins beschrieben fand, erinnerte mich an ähnliche, die mir oft begegnen.

Zuweilen ist mir es nicht möglich, etwas zusammenhängendes zu schreiben. Ich schreibe Worte hin, die nicht zur Sache gehören, kann die bekanntesten nicht finden, setze die letztern eines Gedankens, den ich niederschreiben will, oder die letztern Buchstaben eines Wortes zuerst; weiß, daß [37]es unrecht ist, und schreibe doch immer noch unschicklicher, bis ich die Feder wegwerfe. Oft, wenn ich viel nach einander geschrieben, oder etwas mit starken Nachdenken gelesen habe, und sogleich mit jemanden sprechen soll, weiß ich die bekanntesten Dinge nicht zu nennen, und verwechsele eins mit dem andern. In Gesellschaften wo mehrere Personen zugleich mit einander sprechen, rede ich wenig oder gar nicht. Denn das Gespräch anderer, macht mich im Reden so irre, daß ich ganz unschickliche Worte sage, die keinen Verstand geben. Ein paarmal ward ich dadurch, beim Abschiednehmen so irre gemacht, daß ich die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht zu gebrauchen wußte, mich darüber ärgerte, und mich doch immer noch abgeschmackter ausdrückte, bis ich es für das rathsamste hielt, fortzugehen, und es der Gesellschaft zu überlassen, ob sie über meine Einfalt lachen wollte, oder nicht. Bei mir sind das Folgen eines nicht so wohl durch Arbeit als vielmehr durch mancherlei Sorgen und oft lange anhaltende Schlaflosigkeit, geschwächten Kopfs. Vielleicht wird diese Schwäche, nach und nach durch die Ruhe gemindert, die ich itzt in beider Betrachtung genieße.

Mein Mann der, wie bekannt ist, sehr mit dem Kopfe gearbeitet hatte, und viele Sprachen wußte, mengte diese, in seiner letztern Schwachheit, oft alle unter einander. Oder vielmehr, er [38]setzte Worte aus allen zusammen, und es war doch nicht eins dabei welches das ausdrückte, was er eigentlich sagen wollte. Oft sagte er auch ein einziges deutsches Wort wohl zwanzig und mehrere male, oder eine Menge unzusammenhängender deutscher Worte, ohne das finden zu können, das er nöthig hatte. Alsdann sagte er ängstlich: Kann nicht! Woraus man sahe, daß er wohl bei Verstande war, und was er sagte, hörte. Weil ich aber seine Ideen alle kannte, und seine Bedürfniße wußte, so war ich immer so glücklich, errathen zu können, was er sagen wollte; wofür er mir seine Erkenntlichkeit auf die zärtlichste Weise zu erkennen gab.

Ernestine Christiane Reiske.