ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

<Anekdote über Pfeffel.>

Anonym

Der blinde Pfeffel und sein Bruder gingen mit einem Freunde, der ein rechtschaffner und augeklärter Geistlicher ist, auf einem mit Bäumen besetzten Platze öfters spazieren. Sie bemerkten, daß der Geistliche, wenn sie auch noch so stark im Gespräche waren, immer nur bis auf einen gewissen Fleck ging und dann wieder umkehrte. Sie gingen weiter, er nie. Auch sah er in der Ferne oft schon nach dem Orte hin, wo er umzukehren pflegte. Dies schien den beiden Brüdern sonderbar, und sie befragten ihn um die Ursach. Er weigerte sich lange herauszurücken, aber eben dies Weigern und die Einwendung, sie würden ihn auslachen, reizte [107]nur mehr zum Aufschluß — sie drangen stärker in ihn, und endlich sagte er: Auf dem Flecke, wo er umkehrte, stände eine weiße lange hagere Menschenfigur, die ihn verhinderte, weiter zu gehen. Die Brüder schwiegen, den andern Tag aber, als sie wieder hier mit ihm spazierten, nahm ihn unvermerkt jeder beim Arme, und als sie an die benannte Stelle kamen, rissen sie ihn nach ihrer Verabredung mitten durch. Er war in der stärksten Erschütterung, und wurde fast böse auf die Pfeffels. Die Figur stand nach seiner Aussage an der vorigen Stelle. Nun merkten die Brüder den Ort. Sie gruben Abends nach, und fanden etliche Fuß tief im Boden ein Todtengeripp. Sie scharrten das Loch wieder zu, thaten das Gerippe in einen Sack, und befahlen einem Tagelöhner, es aufs Feld zu vergraben. Der Kerl ging mit fort, als er aber über einen Bach mußte, kam ihm eine Furcht an, und er schmiß den Sack ins Wasser. Dies hat Pfeffeln sehr leid gethan. Als der Pfarrer wieder mit ihm spazieren ging, und an die Stelle kam, wunderte er sich sehr, denn — die Gestalt war nicht mehr da. — Diese Geschichte kommt aus Pfeffels eignem Munde.