ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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II.

Ueber das Taubstummen-Institut in Wien*). 1

Nicolai, Christoph Friedrich

Ich hatte schon mehrmal des Herrn Heinicke Institut für Taubstumme zu Leipzig gesehen, und war sehr achtsam darauf gewesen. Daher war mir das ähnliche Institut in Wien sehr interessant. Herr Heinicke lehret die Taubstummen durch Worte reden. Hingegen Herr Abbé Stork lehret sie [82]nach des Abbé L'Epee Methode, hauptsächlich aber durch bestimmte Zeichen zu reden.

Er hat dreierlei Zeichen: 1) Für die Buchstaben, um die Worte zusammensetzen zu können; 2) Für die Worte und für die dadurch angezeigten Begriffe; 3) Für die grammatische Beschaffenheit der Worte, z.B. für die verschiedenen Casus, Numerus, die Zeiten der Zeitwörter u.s.w. Z.B. die Biegung des Casus wird durch die Junkturen der Finger angezeigt. Die Vielheit durch mehrere Finger. Die vergangene Zeit, indem man mit der Hand über die Schulter weiset; die zukünftige Zeit, indem man mit der Hand vor sich hinweiset; das männliche Geschlecht, indem man den Hut abnimmt; das weibliche Geschlecht, indem man das Haar hinter dem Ohre zupft u.s.w.

Die Zeichen der Begriffe, die sinnlich können erkannt werden, sind so viel möglich nachahmend und malend; z.B. ich knie. ― Es wird gekniet, und jeder kniende zeiget auf sich. Wir knien ― beim Knien die Hand auf alle herum bewegt. Er kniet ― es wird einer besonders kniend gesetzt, und den andern gezeigt.

Die Kinder haben eine besondere Fertigkeit, geschriebene Schrift zu lesen, das heist: die den Schriftzeichen entsprechende pantomimische Zeichen mit allen grammatischen Bestimmungen zu machen, auch wieder die Zeichen, die ein anderer mit allen grammatischen Bestimmungen macht, mit Schriftzeichen zu schreiben.

[83]

Alle Sonnabend Vormittag werden die Taubstummen geprüft, und dieser Prüfung kann jedermann beiwohnen, welches ich auch nicht versäumte. Es wurden Sprüche aus dem Normalschulkatechismus an die Tafel geschrieben. Darauf machten die Taubstummen die entsprechenden Zeichen sehr fertig. Wenigstens mußten wir Zuschauer es glauben, denn die Zeichen und die bei jedem Zeichen sehr geschwind wiederkehrenden grammatischen Bestimmungen, konnten wir freilich nicht verstehen. Aber die große Fertigkeit machte es wahrscheinlich, daß sie richtig lasen.

Die umgekehrte Art war für uns einleuchtender. Ein Taubstummer nahm den Katechismus in die Hand, und las einen Spruch, den wir ihm gezeigt hatten. Das heißt, er machte die entsprechenden Zeichen bis zu einem Komma. Ein anderer Taubstummer sah ihn unverwandt an, und schrieb einen Satz nach dem andern deutlich und richtig an die Tafel. Hieraus war unstreitig, daß die Kinder zu jedem pantomimischen Zeichen das entsprechende Schriftzeichen zu wählen wußten, auch daß sie den pantomimischen Zeichen der grammatischen Bestimmungen zufolge, auch die Wörter umzubilden wußten; und umgekehrt. Aber es folgte daraus noch keinesweges, daß sie auch die Begriffe der Wörter wußten. Diese zusammengesetzte pantomimische Zeichen sind ungefähr eben das, als wenn etwan in schlechten lateinischen [84]Schulen analisirt wird: castra ist accusativi Casus, pluralis numeri u.s.w. Die Zeichen der Bestimmungen wären da auch ganz richtig, aber die Begriffe deshalb noch nicht. Der Knabe kann das Wort castra, oder irgend ein anderes richtig analisiren, und doch nur einen sehr mangelhaften Begrif von allen Bedeutungen dieses Worts haben.

Ich gab auch meinen Zweifel darüber zu erkennen. Der Herr Abbé Stork gab mir daher ein Buch voll Wörter, davon sie die Begriffe gelernt hätten, und bis M. inclusive gekommen wären. Aus diesen sollte ich ein Wort auslesen, und überzeugt werden, daß die Knaben den Begrif davon hätten. Es schien mir nun freilich ganz unschicklich, daß man den Kindern die Begriffe, die sie lernen sollten, einzeln und nach alphabetischer Ordnung der Wörter geordnet hatte. Es wäre wohl viel zweckmäßiger, wenn man ihnen die Begriffe, nicht in irgend einer Beziehung der Wörter aufeinander, sondern in der natürlichen Beziehung der Begriffe selbst, das heißt in kurzen Sätzen beigebracht hätte. Indessen war dieß hier nicht auszumachen. Ich wählte das Wort: Messe. Herr Stork schrieb darauf an die Tafel:

Fr. Was ist die Messe?

Er ließ ein taubstummes junges Frauenzimmer dieß in Zeichen ablesen, und darauf schrieb er ein A. dar-[85]unter. Nun schrieb sie ohne weitere Anleitung die ganze Definition, wie sie im Normalschulkatechismus steht, wörtlich darunter, nämlich:

»Die heilige Messe ist das unblutige Opfer des neuen Testaments, das immerwährende Denkmahl des blutigen Opfers, welches Jesus Christus am Kreutze vollbracht hat.«

Um zu zeigen, daß dies Kind die Begriffe gefaßt hätte, wurden nun alle einzelne Worte, oder wie sich Herr Stork ausdrückte, alle einzelne Begriffe von dem Kinde durch Zeichen einzeln angedeutet. Z.B. die Messe ward dadurch bezeichnet, daß die Hände am Leibe herunterfuhren, um das Meßgewand anzudeuten, und darauf die Knie gebeugt, der Körper umgedreht, und beide Hände emporgehoben wurden, um das Aufheben der Hostie auszudrücken. Eben dieses Aufheben der Hände bedeutete auch Opfer. Das unblutige ward durch Zeigen auf die Lippen und schütteln mit dem Kopfe gleichsam blutig nicht angezeigt; u.s.w. Ich muß gestehen, alles dieses war mir ein Beweis, daß zwar das Kind richtig behalten hatte, welche pantomimische Zeichen den Schriftzeichen dieses Satzes als entsprechend ihm waren beigebracht worden, und ich lobte auch dessen Gedächtniß, daß es sich beim Ansehen der Schriftzeichen der Frage, sogleich der Schriftzeichen der Antwort in ihrer Ordnung erinnerte, und sie ohne Irrthum hinschrieb. Aber es war mir kein Beweiß, daß [86]das Kind jeden Begrif, deren in dem ziemlich langen Satze so viele vorkommen, und die so abstrakt sind, deutlich erkenne. Die Begriffe von neuem Testamente, von unblutigem Opfer, vom Denkmahl, das ein unblutiges Opfer ist, möchten wohl einem Taubstummen immer ziemlich unverständlich bleiben, und vielleicht wäre es am besten, ihn gar nicht damit zu belästigen. Daß das Kind übrigens durch das Nachschreiben der obigen Definition nun den so verwickelten allgemeinen Begrif der Messe deutlich erkennen gelernt habe, ist wohl kaum zu glauben. Ich wollte der Sache näher kommen, und fragte den Herrn Abbé: welcher Methode er sich bedient habe, um den Kindern den Begrif, was die Messe sei, verständlich zu machen. Er versetzte: »Sie haben sie gesehen, oft gesehen. Sie werden oft in die Messe geführt.« Ich schwieg; denn es schien mir, als ob er meine Frage gar nicht verstände, und weiter hineinzugehen, war da der Ort nicht. Ich glaubte, wenn auch das Kind den sinnlichen Begrif der Bewegungen des Priesters bei der Messe möchte erlangt haben, so sei eine ganz andere Frage, ob es von dem dogmatischen und mystischen Begriffe sich auch eine deutliche Vorstellung machen könnte.

Herr Stork schien an den Unterschied beider Arten von Begriffen und an die Schwierigkeiten den letztern zu erlangen gar nicht zu denken. Es schien mir also auch hieraus zu erhellen, daß man [87]eigentlich hier nur Zeichenkenntniß triebe, so wie mit Litteral- oder Normalmethode nur Wortkenntniß.

Viel besser gefiel mir die Uebung, Handlungen, die in die Sinne fallen, sowohl vermittelst pantomimischer Zeichen, als vermittelst der Schriftzeichen verrichten zu lassen. Ein junges Frauenzimmer, etwan von 15 bis 17 Jahren, welche überhaupt eine der besten Schülerinnen war, that alles, was man ihr aufschrieb. Verschiedene kleine Umstände, die dabei vorfielen, schienen mir merkwürdig, und zugleich zu beweisen, daß die Kinder zwar durch die Zeichensprache die sinnlichen Begriffe wirklich richtig faßten, aber daß doch diese Zeichensprache noch nicht ganz vervollkommnet war. Vielleicht könnte dieß auf eine Untersuchung leiten, ob nicht gewisse Unvollkommenheiten und Zweideutigkeiten der Zeichensprache nothwendig immer bleiben werden.

Das junge Frauenzimmer also, so wie man aufschrieb, und sie das Aufgeschriebene in Zeichen nachlas, nahm mir eine Dose, die ich in der Hand hatte, weg, gab daraus jemand Schnupftoback, u.s.w. Nun ward angeschrieben:

Geben Sie*) 2 die Dose dem Herrn mit dem runden Hut.

[88]

Sie wußte, was ein Hut war, aber sie hatte vermuthlich entweder noch keinen runden Hut gesehen, oder auf diese Eigenschaft eines Hutes nicht geachtet. Herr Stork machte es ihr durch das Zeichen eines Huts, und Beifügung eines Dreyecks und Vierecks mit Kopfschütteln und durch das Zeichen eines Huts und Zirkels mit einiger Mühe begreiflich. Sie verstand es endlich, aber nunmehr ward der ihr ganz neue Begrif, einer runden Kopfbedeckung, in ihrer Seele so lebhaft, daß dadurch der schon bekannte, folglich nicht so lebhafte Begriff des Gebens der Dose, verdunkelt ward. Sie lief daher schnell zu einem unter den Zuschauern befindlichen Türken, dem sie nach dem Turban grif, vermuthlich um ihn abzunehmen.

Der Herr Abbé rief sie zurück, und ließ sie das Angeschriebene nochmals durchlesen. Sie bedachte sich etwas, und nachdem sie alle Zuschauer einzeln betrachtet hatte, fand sie den Menschen mit dem runden Hute aus, und gab ihm die Dose.

Die vorn stehenden Zuschauer legten die Hand auf die Brust. Es ward angeschrieben:

F. Wie viel sind der Herrn?

Sie zählte uns mit den Fingern und schrieb an:

A. Fünf.

[89]

Darauf kam die Frage:

F. Was machen diese Herren?

Dieß machte ihr mehr Schwierigkeit als man anfänglich hätte glauben sollen. Man merkte bald: sie glaubte, das, was wir thaten, wäre ein Zeichen. Sie schien nicht darauf zu denken, daß sie beschreiben sollte, was wir thathen, sondern sie ließ vermuthlich alle willkührliche Zeichen von Worten oder Begriffen durch ihr Gedächtniß laufen, um unser vermeintes Zeichen deuten zu können. Man merkte dieß an ihrer sichtlichen Verlegenheit. Endlich begrif sie, daß man eine Beschreibung verlangte, und nun schrieb sie langsam, indem sie uns bei jedem Worte ansah:

Hand legen auf Herz.

Mir schien dieser kleine Versuch in mancherlei Betrachtung sehr merkwürdig. Fürs erste war nun wohl einzusehen, daß sie wirklich von der Handlung, die sie beschrieb, einen richtigen Begrif hatte; denn sie bestimmte sogar die linke Seite der Brust, wo die Hand lag. Fürs andere aber war doch auch ersichtlich, wie sehr leicht die pantomimischen Zeichen in Kollision kommen und undeutlich werden müssen. Der geringste abstrakte Begrif macht große Schwierigkeiten.

Man mag ihn durch ein Zeichen ausdrücken, welches man will, so ist dieses Zeichen selbst eine sinnliche Handlung. Daher folgt, daß die abstrakten Begriffe in der Zeichensprache fast nur me- [90] taphorisch können angedeutet werden, besonders, wo keine Leidenschaften sind, welche freilich ihre entsprechende Gebehrden und also natürliche Zeichen haben. Man weiß aus der Geschichte der Philosophie, welche große Mißverständnisse dadurch entstanden sind, daß zu Zeiten, wo die philosophische Sprache noch nicht reich und bestimmt genug war, abstrakte Begriffe durch Bilder und Metaphern ausgedruckt wurden. Diese Mißverständnisse werden von der Zeichensprache unzertrennlich bleiben, wenn man sie zu etwas andern als zu ganz gewöhnlichen sinnlichen Begriffen brauchen will. Wenn z.B. das Weisen über die Schulter den abstrakten Begrif der vergangnen Zeit bezeichnen soll, so wird dieß zweideutig seyn müssen, sobald der Fall kommt, wo es scheinen kann, man habe bloß den sinnlichen Begrif des Weisens über die Schulter selbst andeuten wollen. In der Wortsprache hat man für abstrakte Begriffe auch besondere Töne oder Worte, welche in primo sensu den abstrakten Begrif anzeigen, z.B. das Wort Opfer ist gewissermaßen ein solches. Wenn aber in der Zeichensprache das Aufheben beider Hände den Begrif eines Opfers der Seele darstellen soll, so bleibt kein Zeichen übrig, wenn ich der Seele den Begrif des Aufhebens beider Hände selbst darstellen will.

Wenn etwa das Legen der Hand aufs Herz in der Zeichensprache betheuern andeuten sollte, so [91]wird der Taubstumme glauben, ich betheure etwas, wenn ich bloß die Hand auf die linke Brust lege. Herr Heinicke behauptet, man könne den Taubstummen ohne Wortsprache keine abstrakten Begriffe beibringen; und schon diese einzige Bemerkung zeiget, daß wenigstens allemal dabei sehr große Schwierigkeiten seyn werden. Von den Zöglingen des Herrn Stork hatte nur einer einigen Anfang im Sprechen gemacht. Aber er sprach bloß die Vokale aus: Ba be bi, Wa we wi, u.s.w.*) 3

[92]

Endlich, und drittens möchte man aus diesem letzten Versuche noch eine andere und wichtige Folge ziehen: das junge Frauenzimmer hatte den sinnlichen Begrif des Legens der Hand auf die Brust ihrer Seele deutlich dargestellet, und konnte ihn auch in deutscher Sprache durch Schriftzeichen deutlich ausdrücken. Aber wie that sie dieses? Sie deutete nach dem natürlichen Gange der Begriffe zuerst die Hand an, welche handelte, hernach die Aktion des Legens, und endlich das Herz, auf welches die Hand gelegt ward. Ihr Ausdruck war deutlich, aber unvollkommen, ohne Artikel, ohne Hülfszeitwort, u.s.w. gerade so, wie man es von jemand, der eine Sache mit Mühe erkennt, und sich in einer Sprache mit Mühe ausdrückt, erwarten konnte.

Nun ist es ausgemacht, daß die Begriffe von der Messe, von einem blutigen und unblutigen Opfer, vom neuen Testament u.s.w. viel verwickelter sind als von der sinnlichen Handlung, wenn man die Hand auf die Brust legt. Auch die leichtesten Sprüche aus dem Katechismus enthalten ungleich schwerere Begriffe. Und siehe da! über diese viel schwereren Begriffe drückten sich die Kinder in ganz richtig konstruirten Sätzen mit Artikeln, Beiwörtern, Hülfszeitwörtern und Beziehungen aus. Es scheint daraus ziemlich deutlich zu erhellen, daß diese Worte nicht aus dem Sinne der Kinder kamen, sondern daß [93]sie die Worte aus dem Katechismus auswendig gelernt hatten. Denn hätten sie den Sinn wirklich erkannt, so würden sie diese verwickelten Begriffe nicht so sprachrichtig und vollends nicht so ganz in der Büchersprache haben ausdrücken können, da sie einen sehr simpeln sinnlichen Begrif nur so grammatisch unvollkommen auszudrücken wußten.

Fußnoten:

1: *) Ist mir von Herrn Nikolai gütigst mitgetheilt worden. <M.>

2: *) Bei dem Nachlesen des Geschriebenen durch Zeichen zeigte sie allemal bei Sie auf sich selbst; woraus erhellte, daß sie die eigentliche Bedeutung des deutschen unschicklichen Höflichkeitswortes Sie verstand, und es von der dritten Person des Plurals zu unterscheiden wußte.

3: *) In der gedruckten Anzeige der öffentlichen Prüfung vom 26sten September 1783 finde ich, daß die Taubstummen auch alles geschriebene und gedruckte laut lesen sollten. Sie müssen es seitdem gelernt haben. Doch wäre billig zu untersuchen gewesen, wie viele von den Zöglingen Worte aussprechen können, und ob sie nur in dem von ihnen auswendiggelernten Katechismus, oder auch in allen andern Büchern hätten laut lesen und vom gelesenen Begriffe haben können. Ist dieses, so wäre doch zu untersuchen, warum man die Kinder so spät zu der natürlichsten und vollkommensten Art ihre Gedanken durch Reden auszudrücken geführt hat. Es wurde vor ein paar Jahren von Wien ein junger Baron Metzburg zu Herrn Heinicke nach Leipzig gesendet, um sprechen zu lernen, welches wohl nicht geschehen seyn würde, wenn es damals daselbst gelehret worden wäre. Aber dessen Beispiel mag Gelegenheit gegeben haben, daß man angefangen hat, auch in Wien die Tauben mehr zum Sprechen anzuhalten.