ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Noch etwas über Ahndungsvermögen.

Göckingk, Leopold Friedrich Günther von

Ellrich den 17ten August 1784.

Schon in meiner Jugend begegnete mir es zuweilen, daß sich meiner Seele, ohne die allergeringste äußere Veranlassung, plötzlich der Gedanke aufdrang; dieser oder jener Bekannter ist dir nahe, wird jetzt gleich zu dir kommen! (wenn die Ahndung mir im Hause anwandelte) oder wird dir begegnen! (wenn ich dann gerade auf der Straße war.)

Zu meiner eignen großen Verwunderung traf dieses nicht selten ein, ob ich gleich von dem, der eine Minute darauf vor mir stand, weder gewußt hatte, daß er in die Gegend kommen würde, noch von ihm gesprochen, noch an ihn gedacht; vielmehr schien die Idee, außer allem Zusammenhange mit den übrigen, einer Eingebung ähnlich, denn ich konnte schlechterdings keinen Faden dazu finden.

In meinen spätern Jahren ist mir der Fall seltener vorgekommen, doch erinnre ich mich noch sehr lebhaft an den folgenden.

Vor zwei Jahren ging ich, mit meiner Frau am Arme zu Leipzig den Brühl hinauf. Als wir nahe an der Ecke der Heustraße waren, fiel mir, mitten unter einem Gespräche von dem Schauspiele, das an dem Abend aufgeführt werden sollte, die Idee ein, daß der Rath Bertuch aus Weimar mir nahe wäre.

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Wir waren noch drei Schritte weiter, und um die Ecke gegangen, als Herr Bertuch mit einemmale vor uns stand, ob ich gleich weder wußte noch vermuthet hatte, daß er in Leipzig sey.

Meine Frau, zu der ich einen Augenblick zuvor gesagt hatte: »Es ist mir, als wenn ich Bertuch hier treffen würde;« erstaunte über den seltsamen Zufall noch mehr als ich selbst.

Umgekehrt hingegen, habe ich mit Herrn Bertuch im Mai dieses Jahres, zu Leipzig, bei Zimmermann im Joachimsthale, an Einem Tische gespeiset, nicht weit von ihm gesessen, und wir sind von einander gegangen, ohne ein Wort davon zu wissen, daß wir uns am Mittage so nahe gewesen waren; am Abend erst wurden wir beide überzeugt, daß die Sache ihre Richtigkeit habe.

In diesem Ahndungsvermögen habe ich nie etwas wunderbares gesucht, denn ich bin in dem Punkte so ungläubig, und halte von Ahndungen, Visionen etc. so wenig, daß ich lieber zu jeder andern Erklärungsart meine Zuflucht nehmen, als glauben würde, meine Seele habe ein privatives Vermögen in diesem Stücke.

Vielleicht lassen sich auch diese Ahndungen physisch und ganz natürlich erklären. Ich habe von Natur einen so feinen Geruch, daß selbst der mehr als 20jährige häufigste Gebrauch des Schnupftobacks die Geruchnerven nicht ganz hat verderben können; denn ich finde, daß ich ein einzelnes Veil-[120]chen noch immer in einer Entfernung wittere, worin es auf den Geruch nur weniger Personen Eindruck macht. Ich kann freilich nicht sagen, daß ich die geringste Empfindung durch die Nerven des Geruchs gehabt hätte, der ich mich deutlich bewußt gewesen wäre, wenn ich die Nähe einer Person ahndete. Aber da diese Ahndung sich nur selten in einem Zimmer, öfter aber in freier Luft, bey mir geregt hat, so wird es mir wahrscheinlicher, daß ich dergleichen sinnliche Eindrücke, ohne mein Wissen, empfangen habe.

Eben so wenig kann ich sagen, daß ich die Personen, deren Nähe sich mir verrieth, im geringsten durch den Geruch hätte unterscheiden können, und am wenigsten, daß ich bei allen, oder auch nur dem größten Theil derer, welche mir unvermuthet aufgestoßen sind, eine Vorempfindung gehabt hätte.

Aber dieses alles stößt meine Hypothese nicht um. Daß mir jetzt diese Ahndung nur selten anwandelt (die von Hrn. B. war die letzte von der Art) ließe sich vielleicht aus der Abnahme meines reinen Geruchs und den immer stärkern Gebrauch des Tobacks erklären.

Ich will Ihnen von einem weit merkwürdigern Ahndungsvermögen noch ein paar Worte sagen, das ich mir auf eben die Art erklärt habe. Für die Wahrheit kann einer der berühmtesten Schriftsteller Deutschlands die Gewähr leisten, der mir aber [121]die Bitte, ihn öffentlich nennen zu dürfen, deshalb abgeschlagen hat, weil viele sonst seinen Freund, den es betrift, leicht errathen würden.

Dieser letztre hat das Vermögen: zu ahnden, wo ein Körper begraben liegt.

Unter mehreren Beispielen, wo seine Vermuthung und Anzeige sich bestätiget hat, nur Eins. Er saß einst mit seinem Freunde, dem Schriftsteller, in dem Lustgarten des letztern. Er äußerte eine Unruhe, die zu sichtbar war, als daß man ihn nicht nach der Ursach hätte fragen sollen.

Er gestand also endlich, daß an der Gartenmauer ein menschlicher Körper begraben liege. Auf der angezeigten Stelle fand man wirklich das Gerippe eines Menschen, ohne daß man hätte muthmaßen können, wie es dahin gekommen sei, oder wie lange es da gelegen habe.

Ich kann allenfalls selbst dafür einstehen, daß das Publikum noch einst nähere Nachricht von diesem Todtenschauer erhalten wird, mit vielen und völlig glaubwürdigen Zeugnissen bestätiget, welche die Sache selbst außer allem Zweifel setzen. Ich bin etc.

Goekingk.