ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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III.

Eine fürchterliche Art von Ahndungsvermögen.

Liphardt, Johann Christian Lüderitz

Aus einem Briefe.

Ein angesehener glaubwürdiger Mann in St** a kann es einem Menschen aus dem Gesichte lesen, ob er bald und plötzlich sterben werde. Für ihn selbst, versichert er, habe eine solche Entdeckung viel Schauderndes, und er vermeide gern große Gesellschaften, wo ers aber nicht könne, so scheue er sich doch jedem dreiste ins Gesicht zu sehen, weil er bei solchen Gelegenheiten am ersten befürchten müste, eine solche unangenehme Entdeckung zu machen.

Die Leute, versichert er ferner, an denen er bisher seine Erfahrungen gemacht, kommen seinen Augen völlig so vor, als ob sie schon ein paar Tage [17]im Grabe gelegen, gelb und todten blaß, und wenn sie auch für jeden andern wie Rosen blühen.

Einst ging er auf einem öffentlichen Spazierplaze mit einem seiner Freunde auf und nieder. Eine kleine Gesellschaft Frauenzimmer, worunter auch ein achtzehnjähriges Fräulein war, kam ihm entgegen.

Er sah von ohngefähr die Damen eine nach der andern flüchtig an. Gott! ist's möglich? das arme Fräulein! Sie dauert mich.

Dies sprach er, daß es nur sein Gesellschafter vernehmen konnte, wandte sich darauf zu diesem und sagte: Sehen Sie den Engel, sie blühet wie eine junge Rose, denkt heute gewiß an nichts weniger als ans Sterben, aber sie wird bald, sehr bald sterben.

Kommen Sie, Freund, fuhr er mit wehmüthigem Ton fort, ich kann den Anblick nicht länger aushalten. Sie gingen zu Hause. Vier Tage nachher trug man das junge Fräulein zu Grabe.

Ich habe es noch nicht gewagt, über diese Sache weiter etwas zu sagen, als sie zu erzählen. Wäre dies der einzige Fall, so würde ich bald mit der Antwort fertig seyn: es war Zufall.

Aber wo sollen wir die Ursach dieses Vermögens bei dem Mann suchen? Etwa in den Augen des Mannes? Aber ich glaube, wenn wir sie einst anatomisch zerlegen könnten, unsere Mühe würde vergeblich seyn. Was bleibt also übrig? ― Das wäre ich begierig zu hören.

Stettin, den 15ten Jenner 1784.

Liphardt.

Erläuterungen:

a: Stettin.