ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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V.

Selbstgeständnisse des Herrn Professor Jung*) 1
aus Stillings Jugendjahren. a

Jung-Stilling, Johann Heinrich

Um das Ende dieser Zeit, etwa mitten im Julius, ging er an einem Sonntage Nachmittage durch eine Gasse der Stadt Schauberg; die Sonne schien angenehm, und der Himmel war hier und da mit einigen Wolken bedeckt; er hatte weder tiefe Betrachtungen, noch sonst etwas sonderliches in den Gedanken; von ohngefähr blickte er in die Höhe, und sah eine lichte Wolke über seinem Haupte hinziehen.

Mit diesem Anblick durchdrang eine unbekannte Kraft seine Seele, ihm wurde so innig wohl, er zitterte am ganzen Leibe, und konnte sich kaum enthalten, daß er nicht darnieder sank.

Von dem Augenblick an fühlte er eine unüberwindliche Neigung, ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben; seine Liebe zum Vater der Menschen, und zum göttlichen Erlöser, desgleichen zu allen Menschen, war in dem Augenblick so groß, daß er willig sein Leben aufgeopfert hätte, wenns nöthig gewesen wäre.

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Dabei fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb, über seine Gedanken, Worte und Werke zu wachen, damit sie alle Gott geziemend, angenehm, und nützlich seyn möchten.

Auf der Stelle machte er einen festen und unwiederruflichen Bund mit Gott, sich hinführo lediglich seiner Führung zu überlassen, und keine eitle Wünsche mehr zu hegen, sondern wenn es Gott gefallen würde, daß er Lebenslang ein Handwerksmann bleiben sollte, willig und mit Freuden damit zufrieden zu seyn.


Er war bei einem Kaufmann als Informator seiner Kinder, wo es ihm sehr übel ging, bis er auf folgende Weise den Entschluß faßte, dieß Haus zu verlassen.

Um neun Uhr als er in seinem Kerker am Tisch saß, und ganz in sich selbst gekehrt das Feuer seiner Leiden aushielt, fühlte er plötzlich eine gänzliche Veränderung seines Zustandes, alle seine Schwermuth und Schmerzen waren gänzlich weg, er empfand eine solche Wonne und tiefen Frieden in seiner Seelen, daß er vor Freude und Seligkeit nicht zu bleiben wußte.

Er besann sich und wurde gewahr, daß er willens war wegzugehen; dazu hatte er sich entschlossen ohne es zu wissen, so in demselbigen Augenblick stund er auf, gieng hinauf auf seine Schlafkammer, und dachte nach; wie viel Thränen der [117]Freude und der Dankbarkeit daselbst geflossen sind, können nur diejenigen begreifen, die sich mit ihm in ähnlichen Umständen befunden haben.


Als er bei einem jungen Frauenzimmer, mit der er sich nachmals verheirathet hat, in ihrer Krankheit wachte, hatte er folgenden Vorfall mit ihr.

Des Nachts um ein Uhr sagte die Kranke zu ihren beiden Wächtern: sie möchten ein wenig still seyn, sie glaubte, etwas schlafen zu können.

Dieses geschah. Der junge Herr schlich indessen herab um etwas Caffee zu besorgen; er blieb aber ziemlich lange aus, und Stilling begonnte auf seinem Stuhl zu nicken.

Nach etwa einer Stunde regte sich die Kranke wieder. Stilling schob die Gardine ein wenig von einander, und fragte sie; ob sie geschlafen habe?

Sie antwortete: Ich habe so wie im Traume gelegen. »Hören Sie, Herr Stilling, ich habe einen sehr lebhaften Eindruck bekommen, von einer Sache, die ich aber nicht sagen darf, bis zu einer andern Zeit.«

Bey diesen Worten wurde Stilling ganz starr, er fühlte vom Scheitel bis unter die Fußsohlen eine noch nie empfundene Erschütterung, und mit einemmal fuhr ihm ein Strahl durch die Seele wie ein Blitz.

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Es wurde ihm klar in seinem Gemüth, was jetzt der Wille Gottes sey, und was die Worte der kranken Jungfer bedeuteten.

Mit Thränen in den Augen stand er auf, bückte sich ins Bett, und sagte: »Ich weiß es, liebe Jungfer! was sie für einen Eindruck bekommen hat, und was der Wille Gottes ist.« Sie fuhr auf, reckte ihre rechte Hand heraus, und versicherte: wissen Sie's? ―

Damit schlug Stilling seine rechte Hand in die ihrige, und sprach: »Gott im Himmel segne uns! Wir sind auf ewig verbunden!« ― Sie antwortete: »ja! wir sinds auf ewig!«

Fußnoten:

1: *) Da der Herr Professor Jung sich öffentlich erklärt hat, daß Stillings Geschichte seine eigne Geschichte sey, so ist sie auch in psychologischer Rücksicht merkwürdig.
A. d. H.

Erläuterungen:

a: Vorlage: Jung-Stillings Autobiographie umfasst 6 Bde., zwischen 1777 und 1817 veröffentlicht; der erste Band von Goethe ohne Stillings Wissen, der letzte Band posthum von seinem Enkel. Der erste Band hat den Titel Heinrich Stillings Jugend, aber die drei zitierten Stellen entstammen dem 3. Band, Heinrich Stillings Wanderschaft, aus Kapitel 2, 3 und 9.