ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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I.

Fortsetzung von Robert G..s Lebensgeschichte oder die Folgen einer unzweckmäßigen öffentlichen Schulerziehung.

Jakob, Ludwig Heinrich

So durchlief Robert einen großen Theil der Stadt, und ward von so vielen Empfindungen bestürmt, daß er unmöglich zu einigen Nachdenken über das, was er gethan hatte, oder über [2]das, was er nun anfangen sollte, kommen konnte. Endlich entschloß er sich zu seinem Vetter, dem er empfohlen war, dem Kriegsrath G. zu gehn, und diesem die Lage der Sachen vorzustellen, und sich bei ihm Raths zu erholen. Nur wenig Menschen sind geschickt oder auch wohlwollend genug, die Gründe aufzusuchen, wornach junge Leute handeln. Es stört ihre Bequemlichkeit zu sehr und befördert ihr Interesse zu wenig, als daß sie sich die Mühe geben sollten zu untersuchen, wie sich Irrthümer in junge Gemüther einschleichen, und wie man den nachtheiligen Folgen vorbeugen könne. Man verläßt sich auf Zeit und Umstände, und glaubt zur Befördrung seiner Ruhe, daß diese doch alles so fügen werden, wie es einmal erfolgen soll. So erwählte auch der Kriegsrath G. das ihm bequemste und sicherste Mittel, gab dem Schüler geradezu unrecht, verwieß ihm seine Unbesonnenheit und rieth ihm, wieder aufs Waisenhaus zu gehn, wo er es durch seine Vermittlung dahin bringen wolle, daß er, ohne Strafe, wieder aufgenommen würde. Da aber Robert diesem Vorschlage kein Gehör geben wollte, wies er ihn, als einen eigensinnigen und verstockten Menschen, von sich, ließ sich von dem Inspektor des Waisenhauses eine Beschreibung seines Betragens schicken, und schickte diese, mit Zusätzen, die ihm der Verdruß über seinen verworfnen Vorschlag eingab, an seine Mutter. Roberten verdroß die Behandlungsart dieses Mannes, [3]der seine Aufführung aus einem so ganz andern Gesichtspunkte ansah, verwarf ihn als einen Mann, der ihn gar nicht kennte, und wunderte sich über sich selbst, daß er sich nicht gleich bei dem Rektor des Gymnasiums hatte einschreiben lassen. Seiner Mutter, glaubte er, wolle er diesen ganzen Verlauf so vorstellen, daß sie nicht anders, als das, was er gethan, billigen sollte. So zog er auf das Gymnasium in die Wohnung des Rektors. Freilich vertrug dieser Aufenthalt und die Behandlung, die er hier genoß, sich ehr mit seiner Gesinnung. Er lebte ohne kindische Aufsicht, mehr für sich; die Schüler waren gegen ihn weit hoflicher, die Lehrer gingen feiner mit ihm um, und er schien überhaupt mehr über sein Thun und Lassen frei beschließen zu können, als an allen bisherigen Orten. Dieß gefiel ihm, und that auch gewiß auf einen solchen Charakter, als Roberts Charakter war, den besten Effekt. Das ungebundne, freie Leben munterte ihn so zur eignen Thätigkeit auf, daß er mit so vieler Lust nie gearbeitet hatte. Durch sein ernstes und gesetztes Betragen erwarb er sich gleich in der ersten Zeit das Zutrauen aller Lehrer, und die Freundschaft aller Schüler; hierunter war besonders ein Herr von Thümmen, mit dem er zusammen wohnte, ein leichtsinniger, aber dabei guter und bei ritterlichen Thaten ehrgeiziger Jüngling. Diesen nahm Roberts männlicher Geist bis zum Enthusiasmus ein, und er glaubte in ihm gleichsam das Ideal zu sehen, [4]das er sich zu erreichen vorgesetzt hatte. V. Th. suchte alle Mittel auf, wodurch er sich ihm gefällig erweisen konnte, und die Art, mit der er vieles ausschlug, was er nicht erwiedern zu können hofte, reitzte ihn noch mehr; inzwischen sah sich doch Robert genöthigt, einen ihm angebotnen Vorschuß so lange anzunehmen, bis er von seiner Mutter Geld zu seiner neuen Einrichtung erhalten würde: denn er war davon, daß er bei seiner Verändrung recht gehandelt hätte, so fest überzeugt, daß es ihm gar nicht einfiel, daß er seiner Entschlüsse wegen getadelt werden könnte. Daher kann man sich sein Erstaunen und seinen trotzigen Zorn erklären, als er kurz darauf einen Brief von seiner Mutter erhielt, der voll der bittersten Vorwürfe war, der ihm endlich den Befehl auflegte, wieder aufs Waisenhaus zurückzugehen, außerdem aber sich nicht die geringste Hofnung zu machen, von ihr je mit einem Heller in Zukunft unterstützt zu werden, und sie habe deshalb den Kriegsrath G. ersucht, sein ganzes Ansehn anzuwenden, und ihm nichts ehr auszuzahlen, als bis er seinen boshaften Eigensinn gebrochen und als ein reuiger Sünder wieder zurückgekehrt sei. ― Gewalt konnte in Roberten nie etwas Gutes bewirken. Er konnte diesen Brief kaum zu Ende bringen. Er stampfte mit den Füssen und schäumte vor Wuth. Er zerriß ihn mit den Zähnen, vermaß sich und schwur fürchterlich, daß er von seiner Mutter nie wieder einen Heller annehmen wolle. [5]Dieß wiederholte er wohl hundertmal, lief dabei im Zimmer umher und als er von ungefähr ein Stück Kreide fand, schrieb ers mit großen Buchstaben an die Thür: »Meine Mutter soll mir nie einen Heller wieder geben.«*) 1 Endlich schrieb er einen Brief an seine Mutter, worinn er sich noch einmal kurz rechtfertigte, sich aber eben so sehr verschwur, nichts von ihr anzunehmen, und gewissermaßen ewig von ihr Abschied nahm. Zuletzt zog er sich an, gab den Brief auf die Post und suchte einsame Spatziergänge, um freie Luft zu schöpfen. Die Menge der Empfindungen, die mit einemmale ihn bis zur Betäubung erschüttert hatten, wurden nun einzeln wiederholt. Es ward ihm angst, wenn er an die Schulden dachte, die er hatte machen müssen, da er kein einziges Mittel vor sich sah, diese zu bezahlen oder auch seine künftigen Ausgaben zu bestreiten. In Haltung seiner Versprechen war er bisher immer so pünktlich und so zuverläßig gewesen, daß ihm der Gedanke, jemanden zu betrügen, gar nicht einmal einfiel. Seine Mutter wollte er schlechterdings nicht wieder um [6]Hülfe ansprechen, es möchte ihm gehn, wie es wolle. So irrte er umher bis es finster wurde, und warf sich innerhalb der Mauer an einer Gartenwand nieder, ohne zu wissen, ob er diesen Abend zu Hause gehn oder hier liegen bleiben sollte. In solchen Stunden floh er jeden Menschen, selbst seine vertrautesten Freunde*); 2 er fürchtete daher, jemanden zu begegnen, mit dem er reden müßte, und ließ sich lieber hier allein von der Angst foltern. Ein Geräusch, das auf der andern Seite der Mauer entstand, unterbrach seine Unruhe; er blickte in die [7]Höhe, und sah in der Dunkelheit nichts, als daß sich eine große Maschiene an der Mauer herunterließ. Er sprang erschrocken auf, und rief so laut er konnte:*) 3 was ist das? und sogleich fiel ein großer Sack vor seinen Füssen nieder, und dabei hörte er einige Ausrufungen des Schreckes. Er lief auf einen Hügel, wo er über die Wand sehen konnte, und erblickte drei bis vier Menschen, die in der schnellsten Flucht begriffen waren. Er hielt sie also für Gartendiebe, und schrie, bis er endlich den Sack anfühlte, und entdeckte, daß Kaffeebohnen drinn waren. Diese Entdeckung bewirkte augenblicklich den schnellsten Uebergang von der Verzweiflung zu der größten Freude und Zufriedenheit. ― O herrlich! rief er einmal über das andre aus, [8]das ist herrlich! Er glaubte nun auf einmal ein Mittel gefunden zu haben, wie er aus seiner Verlegenheit herauskommen könnte. Er wollte Schleichhändler werden ― und das schien ihm auch so leicht und so vortheilhaft, daß er sich keine einzige Schwierigkeit als Hinderniß dachte, und daß er schon hundert verschiedne Wege vor sich sah, wie er sich bereichern und wie er durch die verstecktesten Mittel eine glänzende Rolle spielen könnte, ohne seinem eisern Eigensinne Gewalt anzuthun. Diese vermeinte Rettung machte ihm so eine unerwartete Freude, daß er die heftigsten Ausbrüche davon äußerte. Er nahm den Sack auf seine Schultern, und trug ihn einigemal hin und her, so wie ein Kind, das sich schon immer durch süsse Spiele in der Beschäftigung übt, welche ihm die Eltern als angenehm schildern und wozu es glaubt, daß es einmal schreiten werde. Endlich setzte er den Sack an die Wand und war darauf bedacht, die Leute wieder aufzusuchen, die er gestört hatte, und sich mit ihnen zu vereinen. Er durchsuchte also die Gärten so behutsam als möglich, und entdeckte endlich einen, der aber floh, sobald er ihn gewahr wurde. St. rief er, ich bin kein Visitator. Ihr habt Euch geirrt. Euer Kaffee liegt noch da. Aber es hörte keiner auf ihn, bis er dem einen nachsetzte, und ihn erwischte, da er eben im Begriffe war, über die Wand zu klettern. Jener schrie, er aber hielt ihn fest, und bat ihn, er möchte ruhig seyn: er hätte von [9]ihm nichts zu befürchten. Als nun die übrigen merkten, daß er ganz freundschaftlich mit ihrem Kamerad sprach, kamen sie näher. Er brachte sie bald auf seine Seite, um aber ganz sicher zu gehen, verabredeten sie sich auf einem benachbarten sächsischen Dorfe eine Zusammenkunft zu fernerer Verabredung zu halten. Diese Leute waren Handarbeiter, die sich durch diesen Nebenweg einige Groschen zu verdienen suchten. Robert aber dachte weiter. Er projektirte die ganze Nacht und den ganzen Tag und sah eine unendliche Menge Gelegenheiten, und überlegte, wie er sie am besten benutzen wolle. Er wurde mit dem unterhandelnden Kaufmann bekannt. Die Unterhandlungen dauerten wohl acht Tage, ehe sie einig werden konnten. Endlich wurde festgesetzt, daß der Kaufmann Roberten jährlich zweihundert Rthlr. auszahlen wolle, wofür er ihm die Waaren, die er außer Landes behandle, hereinschaffen sollte. Den Tagelöhnern wurde auch ein gewisser Sold ausgemacht, so, daß sie gleichsam in Roberts Diensten stunden. Zuletzt schwuren sie, wenn einer von ihnen unglücklich werden sollte, sich nie zu verrathen, und daß sie sich im gemeinen Leben nicht kennen wollten. Die drei Handarbeiter setzte er durch seine Versprechungen und Drohungen in ein solches Erstaunen, daß sie sich ihm gern unterwarfen, und sich freueten, von einem so muthigen Manne angeführt zu werden. Sie hielten ihn für einen Studenten, denn er hat ihnen [10]nie weder Namen noch sonst etwas entdeckt, und verlangte auch eben so wenig den ihrigen zu wissen. So brachte ihn also sein unbedachtsamer Eigensinn und seine unüberlegte Hitze zu einem Schritte, der ihm Glück, Ehre und Leben hätte kosten können. Wirklich setzte er dieses Gewerbe drei Jahr mit dem glücklichsten Erfolge fort. Er hatte sich vorgenommen, auch seine Universitätsunkosten durch dieses Mittel zu bestreiten, wenn nicht ein Zufall alle seine Projekte zerstört hätte. Bisher war er noch niemals in Gefahr gekommen, ertappt zu werden. Er führte seine Leute immer so vorsichtig, und spürte die Wege vorher so genau aus, daß er immer ohne den geringsten Verdacht zu erregen, sein Wesen getrieben hatte. Inzwischen hatte er sich auch auf alle Fälle vorbereitet. Er beschäftigte sich die ganze Zeit über beinah mit nichts, als mit körperlichen Uebungen, und der Herr von Th. gab ihm hierzu noch mehr Gelegenheit. Im Ringen und Fechten erwarb er sich eine solche Gewalt, daß er keinen finden konnte, der ihm in Geschwindigkeit und Stärke gleich gekommen wäre, und er schoß mit einer solchen Akkuratesse, daß er unter zwanzigmalen den Hals einer Buteille in einer Entfernung von funfzehn Schritt kein einzigesmal verfehlte. Auf den Wegen seines Schleichhandels war er immer mit zwei Pistolen und einem Degen bewafnet, womit er sich und seine Genossen vertheidigen wollte. Hierzu wurde er nun einmal gezwungen. Ein damali-[11]ger Accisinspektor half selbst oft Schleichhändler mit aufsuchen, und hatte viele ertappt und in Strafe gebracht, worunter sogar sein eigner Vater war. Dieser stieß mit einer ziemlich starken Begleitung auf Roberts Gehülfen; es ward Lerm; die Schuldigen flohen; sie wurden verfolgt, und man schoß nach ihnen. Robert rief den Seinigen zu: sie sollten stehen, und ihre Pistolen auf ihre Verfolger abdrücken. Die Verfolger stutzig; Robert schoß; man hörte winseln; die Visitatoren blieben zurück, und Robert konnte sich mit seiner Rotte retten. Schon früh hörte er das Gerücht, daß der Stadtinspektor gefährlich an der Hüfte verwundet sei, und daß er wohl daran sterben würde. Robert suchte alle mögliche Gründe auf, sich von dieser Schuld freizusprechen; aber es blieb doch eine geheime Unruhe in ihm, die die laute Freude des Pöbels über das Unglück dieses Mannes, und die großen Lobsprüche über den unbekannten Thäter , ihm nicht benehmen konnten, zumal da dieser Mann nach sechs oder acht Wochen wirklich starb. Dieß erschütterte ihn so, daß er sich vornahm, seine Lebensart zu ändern. Er ward immer unruhiger, suchte die Einsamkeit, und fing nun erst an zu untersuchen, ob er wohl recht gehandelt hätte. Verbrechen, glaubte er damals, wäre in seiner Handlung nicht; doch konnte er sich nicht entschließen, je wieder eine verbotne Waare hereinzubringen, und wurde seit der Zeit so gewissenhaft, daß er nicht einmal mit jemanden ge-[12]hen mochte, von dem er wußte, daß er nur eine Kleinigkeit verbotner Sachen bei sich führte*). 4 ― Er beschloß also nach Frankfurt auf die Universität zu gehn, wo er mit 300 Rthlr., die er sich gesammelt hatte, auszukommen hofte. Er lenkte seinen Weg über Königs-Wusterhausen, um einen seiner Freunde, der in einem adelichen Hause Hofmeister war, zu sehen. Ein unglücklicher Besuch für ihn, der ihn Geld, Zeit und Mühe kostete, der aber nothwendig mit allen Nebenumständen erzählt werden muß, wenn die Wirkungen davon nicht sollen mißgedeutet werden, und es kömmt auf Sie an, ob Sie die Fortsetzung dieser Geschichte zu Ihrem Zwecke dienlich finden werden. Ich bin

Ihr Freund

J. L. H. Jakob.

Fußnoten:

1: *) Ein sonderbarer Zug, den ich aber mehrmal bei ihm bemerkt habe. Ausbrüche seines Zorns oder seiner Rache, wenn er sie oft stundenlang wiederholt hatte, fing er an, eben so oft untereinander zu schreiben, daher ich oft ganze Quartblätter voll kurz ausgedrückter Entschlüsse gefunden habe.
J.

2: *) Dieß ist wohl sehr natürlich. Sobald wir andern unsre Empfindungen mittheilen, ist immer unser Wunsch, andre sollen uns Recht geben, und wir sind überzeugt, daß man uns Recht geben wird, sobald wir andern unsre eigne Empfindung so lebhaft mittheilen können, als wir sie empfinden. Ein Mensch aber, der von einer heftigen Leidenschaft getrieben wird, hat durch die Erfahrung gelernt, daß er andern das Gefühl, das die Leidenschaft in ihm wirkt, niemals so lebhaft mittheilen kann, als er es empfindet, und daß also auch das Urtheil jener nie zu seiner Zufriedenheit ausfällt. Er glaubt immer, man werde ihm Unrecht thun, weil man sich nicht in seine Lage zu versetzen wisse. Daher handelt der Mensch bei aufwallenden Leidenschaften gewöhnlich versteckt und heimlich, nicht als ob er glaubte, er handele unrecht, sondern bloß, weil er glaubt, er könne andern, die mit ihm in gleicher Lage stünden, die Rechtmäßigkeit so begreiflich machen.
J.

3: *) Wenn ein Mensch so von den Dingen um sich abgezogen, und durch seine Leidenschaften oder Phantasien auf einen Punkt hingerissen wird, wie hier Robert, so möchte ich wohl wissen, ob es möglich wäre, daß er bei einer ähnlichen unerwarteten und ganz unerklärbarscheinenden Erscheinung nicht erschrecken würde. Denn daß es Schreck war, daß Robert die Worte: Was ist das? so heftig aussprach, glaub' ich gewiß. Denn eben durch diesen heftigen Ausruf, und durch sein rasches Aufspringen, erhielt er Muth, das Ding weiter zu verfolgen, obgleich seine erste Anwandlung Furcht seyn mochte. Der Furchtsame hätte sich gewiß entweder ängstlich verkrochen, oder er hätte geweint und gebetet.
J.

4: *) Was würde wohl Robert gethan haben, wenn die Gelegenheit zu kontrebandiren ihm nicht wäre geboten worden? ― Hätte er sich aufs Bitten bei seiner Mutter gelegt? oder hätte er seine Gläubiger betrogen und wäre Vagabund geworden? ― oder was würde er gethan haben?
J.