ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 2 (1783) > 9. Sprache in psychologischer Rücksicht.

9.

Sprache in psychologischer Rücksicht.

Moritz, Karl Philipp

Das Pronomen Possessivum.

Die Vorstellungen von dem, was wir das Unsrige nennen, drehen sich beständig um die Vorstellung von unsrem eignen Ich. Die Kreise aber, in welchen sie sich um diese Vorstellung bewegen, sind so mannichfaltig und verschieden, als die Dinge, welche uns umgeben. Und der engste Kreis verliert sich sogar in dem Mittelpunkte selber, denn wir sagen mein ich, und fühlen keinen Widerspruch dabei, wenn wir uns selbst, als etwas außer uns selber, denken.

Die Präposition um.

Die deutsche Sprache bedienet sich der Präposition um figürlicher Weise, bei unkörperlichen Dingen, sehr häufig, und vielleicht nicht ohne Grund: denn da wir doch das Unkörperliche einmal mit dem Körperlichen vergleichen müssen, wenn wir es benennen wollen, so scheinet es, als ob die Einschließung oder allseitige Annäherung und Berührung, etwas sey, wovon wir oft in unsren Vorstellungen von dem Unkörperlichen etwas Aehnliches bemerken, das wir nicht schicklicher, als mit diesem Nahmen benennen können, da wir keinen eigentlichen dafür haben.

[102]

Ueberhaupt verdient es wohl eine eigne Untersuchung, warum man bei unkörperlichen Handlungen oder Gegenständen sich oft gerade dieser oder jener Präposition bedient, warum man z.B. sagt, über eine Sache denken, und nicht in oder um eine Sache denken? was der Unterschied zwischen an, auf und über eine Sache denken, für eine Aehnlichkeit mit dem Unterschiede der körperlichen Verhältnisse an, auf und über habe? u.s.w.

Diese Vergleichungen unkörperlicher Gegenstände mit den körperlichen müssen sich doch aus einem natürlichen Gefühl bei den Erfindern und Anbauern der menschlichen Sprache herschreiben. Will man einwerfen, diese ersten Erfinder und Anbauer waren keine Philosophen, so konnte jenes erste starke noch durch keine Künsteleien verstimmte Gefühl, doch wohl den Mangel dessen ersetzen, was der Mensch erst lange nachher erfunden, und Philosophie genannt hat.

Wollte man also diesen einfachsten Vergleichungen in der Sprache weiter nachspüren, so wäre dieß vielleicht ein Weg, selbst in das innere Wesen unsrer Vorstellungen von dem Unkörperlichen einzudringen: und welche fruchtbare Vergleichungen mehrerer Sprachen untereinander ließen sich nicht hierüber anstellen?

Ich habe in meinen Schriften über die deutsche Sprache, auch in dieser Rücksicht, schon ver-[103]schiedene Versuche gemacht, die ich hier weiter auszuführen gedenke. Zu dem Ende will ich jetzt das Wesen der Präposition um oder vielmehr unsrer Vorstellung bei dem Wort um, etwas näher zu bestimmen suchen.

Der Begrif eines Cirkels ist einer der zusammengesetztesten und schwersten Begriffe, die wir haben. Man versuche es so lange man will, wenn man nicht auf dem Meere ist, sich rund umher nichts als Himmel und Wasser zu denken, und man wird bemerken, daß auf einer Seite, in unsrer Vorstellung immer noch ein Stück Land übrig bleiben wird, welches wir nicht daraus verbannen können. Unser Begrif von dem unendlichen Zirkel muß sich an etwas Endlichen festhalten, wenn er nicht verschwinden soll.

Wir sagen: die Bäume stehen um das Haus, und ob nun gleich diese Bäume auf einmal um das Haus her sind, so können wir sie uns doch nicht auf einmal, als um das Haus herstehend, denken, sondern müssen sie in unsern Gedanken gleichsam fortrücken lassen, bis sie das ganze Haus umgeben haben.

Dieß kömmt daher, weil um ein zusammengesetzter Begrif ist, der aus den Begriffen von hinter, vor, neben u.s.w. besteht. Ehe ich mir also denken kann, daß die Bäume um das Haus stehen, muß ich mir erst vorher nacheinander ge-[104]dacht haben, daß sie theils vor, theils hinter, theils neben dem Hause stehen.

Ein Cirkel mag nun gehend oder stehend beschrieben werden, so kann ich ihn mir doch nicht auf einmal denken; denn wenn er an sich auch noch so stille steht, so muß er sich doch immer durch meine Vorstellung bewegen, oder er muß vielmehr erst in derselben durch eine Folge mehrerer Begriffe entstehen.

Eine Reihe von Personen, die um mich her steht, beschreibt eben sowohl einen Cirkel, als eine einzelne Person, die um mich her geht, indem die Reihe die Bewegung der einzelnen Person durch ihre Ausdehnung ersetzt: ob nun gleich diese Reihe von Personen zugleich vor mir, hinter mir, und neben mir, schon wirklich befindlich ist, so beschleunigt doch dieses meine Vorstellung von dem Cirkel, den sie beschreibt, eben so wenig, als ob sie erst nach und nach dahin kämen.

Daß man sich auf die Weise ohne Widerspruch eine Bewegung in der Ruhe denkt, ist ein sonderbares Erforderniß der Eingeschränktheit unsrer Vorstellungskraft: so sagen wir, eine Reihe von Menschen steht den Berg hinauf, wie, ein Mensch geht den Berg hinauf. Mit dem Begrif hin ist nothwendig Bewegung, so wie mit stehen Ruhe verknüpft. Allein die Bewegung der einzelnen Person wird hier ebenfalls durch die Ausdehnung der ganzen Reihe ersetzt, die ich nun [105]in meinen Gedanken, so wie die einzelne Person fortrücken lasse.

Eben so wie sich der Standort einer einzelnen Person, die den Berg hinauf geht, alle Augenblick verändert, so verändert sich auch der Standort der ganzen Reihe, indem ich sie mir denke. Das macht die ganze Reihe findet eigentlich nirgends, als in meiner Vorstellung statt: nun kann ich aber den Begrif von der Reihe auf einmal umfassen und festhalten, weil er aus dem besteht, was die Menschen, die ich sehe, Aehnliches miteinander haben; aber den Begrif von dem Standorte der Reihe kann ich nicht so mit einemmale umfassen und festhalten, weil er aus demjenigen besteht, wodurch sich alle die Menschen, die ich vor mir sehe, sie mögen sich sonst so ähnlich seyn, wie sie wollen, voneinander unterscheiden.

Der Begrif von dem Standorte der Reihe muß sich also durch den Begrif von der Reihe selber gleichsam hindurch bewegen, und muß durch diese Bewegung demselben nachgeholfen werden. So wunderbar tönen unsre Ideen ineinander, und die anscheinenden Mißlaute lösen sich in Harmonie auf.

Doch nun wieder zur Präposition um. Sie ist, wie wir gesehen haben, gleichsam die Summe oder das Resultat von verschiednen andern Präpositionen, auf die wir daher auch jetzt einen Blick werfen, und uns einen allgemeinen Begrif davon bilden müssen.

[106]

Der Mensch drückt in der Sprache der ganzen Natur sein Bild auf. Und die Begriffe von auf, an, unter, u.s.w. sind höchstwahrscheinlich zuerst vom menschlichen Körper hergenommen, und bezeichnen die drei Haupterscheinungen in der Körperwelt, Annährung, Berührung und Verlassung.

Oben und Unten sind bloß von unserm Körpern hergenommene Begriffe; denn wenn wir auf dem Kopfe gingen, so würde uns das oben seyn, was uns jetzt unten ist. Wir bezeichnen daher die Kopfberührung durch auf, die Seitenberührung durch an, und die Fußberührung durch unter: die Kopfannäherung durch über, die Seitenannäherung durch bei oder neben, und die Fußannäherung eben so wie die Berührung auch durch unter, vermuthlich weil wir mit den Füssen fast immer etwas berühren. Die Verlassung zu bezeichnen haben wir nur zwei eigentliche Präpositionen von und aus.

Zur allgemeinen Uebersicht hiervon dienet beiliegende Tabelle von den deutschen Präpositionen, auf die ich mich öfter beziehen werde, und mich auch jetzt in Ansehung der Präposition um beziehe, welche die Annäherung oder Berührung aller Horizontalseiten, oder aller möglichen Seiten einer Person oder eines Dinges bezeichnet: wenn ich also die Begriffe auf, an, unter, hinter, vor, oder über, bei, unter, hinter, vor, zusammen-[107]rechne, so wird die Summe derselben der Begrif um seyn.

Tabelle von den deutschen Präpositionen. Zu Pag. 106.
  sich nähernd. berührend. verlaßend.
Dem Kopfe (den Kopf) einer Person, oder der (die) Spitze eines Dinges. über
Als dem Orte.
Ueber seinem Kopfe hing ein Schwerdt.
Als dem Ziele.
Ueber mich stürze der Himmel ein!
auf.
Als den Ort.
Auf seiner Scheitel ruhte die Last einer Krone.
Als das Ziel.
Auf sein Haupt fiel der Schlag.
Nach der Berührung.
über – weg.
Ueber dem Berge zog sich die Wolke weg.
Nach der Annäherung.
von.
Von seinem Haupte wurde der Lorbeerkranz gerissen.
Der (die) Seite einer Person oder eines Dinges. bei.
Als dem Orte.
Bei mir stand mein Freund.
neben.
Als dem Ziele.
neben mich stellte sich mein Bruder.
an.
Als den Ort.
An seiner Hüfte glänzte sein Schwerdt.
Als das Ziel.
Der Pfeil flog an den Schild.
Nach der Berührung
von ab
von seinem Schilde prallte der Pfeil ab.
Nach der Annäherung.
von.
Sein Freund ging von ihm.
Dem Fuße (den Fuß) einer Person, oder dem niedrigsten Theile (Theil) eines Dinges. unter.
Als dem Orte.
Unter dem Himmel schwebt das Gevögel.
Als dem Ziele.
Unter den schattigten Baum lagern sich die Thiere.
unter.
Als den Ort.
Unter meinen Füßen wankte der Boden.
Als das Ziel.
Unter meine Füße trat ich den Wurm.
Nach der Berührung.
von ab.
Von den Füßen schüttle ich den Staub ab.
Nach der Annäherung.
unter weg
Unter der Falle lief die Maus weg.
Dem Gesichte (das Gesicht) einer Person, oder dem Theile (den Theil) eines Dinges, welcher unserm Gesichteam meisten zugekehrt seyn soll. vor.
Als dem Orte.
Vor dem Richter stand die Tafel.
Als dem Ziele.
Vor die Tafel trat der Missethäter.
vor.
Als den Ort.
Vor dem Gesichte trug er eine Maske.
Als das Ziel.
Vor das Gesicht hing sie einen Schleier
Nach der Berührung.
vor weg
Vor dem Gesichte nahm sie den Schleier weg.
Nach der Annäherung.
Vor dem Tische trat er weg
Dem (den) Rücken einer Person, oder dem Theile (den Theil) eines Dinges, welcher von unserm Gesichte am meisten entfernt seyn soll. hinter.
Als dem Orte.
Hinter mir stand der Mörder.
Als dem Ziele.
Hinter die Wand hatte er sich versteckt.
hinter.
Als den Ort.
Hinter dem Buche stand der Titel.
Als das Ziel
Hinter den Nachen schlugen die Wellen.
Nach der Berührung.
hinter weg
Hinter dem Wagen war der Koffer weg.
Nach der Annäherung.
Hinter mir ging mein Begleiter weg.
Den (die) Seiten zweier Personen oder Dinge zugleich. zwischen.
Als dem Orte.
Zwischen beiden stand das Opfer.
Als dem Ziele.
Zwischen sie trat sein Retter.
zwischen.
Als den Ort.
Zwischen den Klauen trug der Adler die Beute.
Als das Ziel.
Zwischen die Zähne nahm der Krieger sein Schwerdt.
Nach der Berührung.
zwischen weg.
Zwischen den Klauen fiel dem Adler die Beute weg.
Nach der Annäherung.
zwischen hervor.
Zwischen seinen Feinden trat er hervor.
Allen (alle) Horizontalseiten einer Person oder eines Dinges. um.
Nur als dem Ziele.
um den Saturnus ist ein Ring.
um.
Nur als das Ziel.
um seine Stirne windet sich ein Kranz.
Nach der Berührung.
um weg.
Um die Stirne ist der Kranz weg.
Nach der Annäherung.
Um den Saturnus ist der Ring weg
Allen (alle) möglichen Seiten einer Person oder eines Dinges. um.
Nur als dem Ziele.
um die ganze Erde wölbt sich der Himmel.
um.
Nur als das Ziel.
um das ganze Brodt zieht sich die Rinde.
Nach der Berührung.
um weg.
Um das ganze Brodt fiel die Rinde weg.
Nach der Annäherung.
um weg.
Um ihn zog sich das Dunkel weg.
Allen (alle) Seiten eines Dinges, das sich wiederum von allen Seiten dem nähernden nähert, den berührenden berührt, und den verlaßenden verläßt, oder:
allen (alle) Seiten der Umgebung.
in
Als dem Orte.
In dem Tempel steht der Altar.
Als dem Ziele.
In den Tempel brachte er sein Opfer.
in.
Als den Ort.
In
dem Meere schwimmt der Fisch.
Als das Ziel.
In das Meer taucht sich der Schwimmer.
aus.
Nach der Berührung.
Aus dem Meere stieg Aphrodite.
Nach der Annäherung.
Aus dem Tempel trat der König.
allmälig der (die) Umgebung eines Dinges und dieselbe zugleich verlassend. durch.
Nur als dem Ziele.
Ich gehe durch die Thüre.
durch.
Nur als das Ziel.
Ich steche durch das Papier.
Anm. Die Verlaßung liegt bei durch schon mit in der Annäherung und Berührung.
Einem Dinge überhaupt, ohne zu bestimmen, ob die Annäherung auf Spitze, Seite, Fuß oder Umgebung desselben gerichtet ist. gegen.
Nur als dem Ziele.
Ich seegle gegen den Wind.
Ich marschiere gegen den Feind.
nach.
Nur als dem Zweck.
Ich gehe nach Hause.
Ich reise nach Spanien.
zu.
Nur als dem Zweck.
Ich komme zu dir.
Ich gehe zu Bette.
Anm. Um die Berührung im Allgemeinen anzuzeigen, giebt es keine eigne Präposition. Anm. Um die Verlaßung im allgemeinen anzuzeigen, giebt es ebenfalls keine eigne Präposition: denn weg kann nicht für sich allein vor einem Worte stehen.

Um zeigt schon einen weit stärkern Grad der Berührung oder Annäherung an, als auf, an, unter, u.s.w., weil es die Annäherung oder Berührung aller auswendigen Seiten eines Dinges bezeichnet. Aber ein höherer Grad der Berührung läßt sich nicht denken, als wenn etwas alle Seiten eines Dinges zugleich berührt, und wieder von allen diesen Seiten zu gleicher Zeit berührt wird. Und diese reciprokalische Berührung ist es, welche durch in ausgedrückt wird. Daher scheint es auch zu kommen, daß die Verlassung in diesem Falle durch ein eignes darzu bestimmtes Wort, nehmlich durch aus bezeichnet wird, da sie in allen übrigen Fällen nur durch von oder durch Umschreibungen ausgedrückt werden kann.

Da wir nun die Präposition um nach ihrer Natur und ihrem Standorte unter den übrigen Präpositionen betrachtet haben, so wollen wir noch auf einige Fälle aufmerksam seyn, wo man sich ihrer zur Bezeichnung des Unkörperlichen bedienet. Wenn wir uns die fortdaurende Richtung einer Handlung auf einen bestimmten Zweck vorstellen wollen, so denken wir uns diesen Zweck als den Mittelpunkt, um welchen sich unser Handeln drehet, und so umschreibt in unsrer Vorstellung immer ein Kreis den andern, oder einer wird wieder der Mittelpunkt des andern, wenn wir z.B. sagen: ich lerne, um weise [108] zu werden; ich höre, um zu lernen; ich schweige, um zu hören; u.s.w. so lange meine Handlung fortdauert, erreiche ich den Zweck nicht, aber ich bleibe immer in gleicher Richtung auf denselben, wie der Kreis auf seinen Mittelpunkt.

Der Zweck, warum ich etwas thue, ist ein Gedanke in mir, um welchen sich meine Handlung gleichsam, wie ein Rad um seine Axe bewegt, das ohngeachtet dieser gleichförmigen Bewegung dennoch fortrückt. Wenn ich also sage, ich gehe, um das Haus zu sehen, so drehet sich gehen immer um die Vorstellung von sehen, demohngeachtet aber behält es auch die Richtung nach dem äußren Gegenstande, als dem Hause, das ich sehen will.

Auf die Art bewegen sich alle unsre Handlungen um einen gewissen Endzweck oder Vorsatz, der die innere Grundlage ihrer Bewegung ist, und ihnen zugleich ihre Richtung nach irgend einem Gegenstande giebt, der wenigstens außer demjenigen Umkreise liegt, welchen sie umfassen, derselbe mag nun übrigens außer uns oder in uns seyn.

Aus der Präposition um, in diesem letztern Verstande genommen, scheinet auch die Frage warum entstanden zu seyn, welche sich bei allem, was wir denken unsrer Seelen aufdringt, weil sie ein nothwendiges Bedürfniß des Denkens ist. Denn sie ist gleichsam der Mittelpunkt unsrer Vorstellungen, [109]nach welchem sich alle unsre Gedanken hinsenken, und in welchem sie zusammentreffen.

Eben so wenig wie ein Stein sich in der Luft erhalten kann, eben so wenig können wir einen Gedanken in unsrer Seele schwebend erhalten, so daß er sich zu keinem Warum heruntersenken sollte, auf dem er ruhen könnte.

Je schwerer uns freilich der Gedanke ist, desto länger wird er auch rollen müssen, ehe er einen festen Ruhepunkt findet, und der, den er gefunden hat, wird oftmals unter ihm einsinken, so daß er vermöge seiner ihm eigenthümlichen Schwere sich immer tiefer heruntersenken muß, bis er endlich oder niemals einen festen Grund findet, der ihn tragen kann.

M.