ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: I, Stück: 1 (1783) > IV. Wachender Traum.

IV.

Wachender Traum.

Frölich

Als ich noch auf Schulen war, und ohngefähr das sechszehnte Jahr erreicht haben mochte, saß ich an einem Winterabend auf meiner Stube, und las einen lateinischen Autor.

Während dieser Zeit fiel mir's auf einmal ein, daß ich mir ein Pfund Kaffee und ein Pfund Zucker gekauft hätte, und dieser Gedanke machte mir während meinem Lesen außerordentlich viel Freude. Ich war hiebei, so viel ich mich entsinnen kann, in Auflösung mancher schweren Stelle glücklich, und wenn ich anders meiner damaligen Empfindung trauen darf, auch heiter.

Wie nun die Zeit heran kam, daß ich und meine Stubenburschen zu Tische gehen sollten, so stand ich auf, ging an mein Fach, worinn jeder Schüler seine ihm gehörigen Sachen aufbewahren [54]mußte, und griff nach dem Orte, wo ich den Zucker und Kaffee hingelegt zu haben glaubte. Zu meiner größten Verwunderung fand ich weder eins noch das andre. Ich schalt auf meine Mitschüler, und meinte nun, daß die ihn mir entwandt hätten: Allein diese versicherten mir hoch und theuer, daß sie unschuldig wären, und jeder von ihnen half mir suchen.

Endlich ging ich traurig fort, und der Gedanke an meinen verlornen Kaffee begleitete mich eine ganze Straße lang, durch welche ich erst zu dem Speisesaale gehen mußte.

Bei Tische fand ich gute Freunde, die gerade geschickt genug waren, durch ihre muntere und scherzhafte Laune, mich meines Verlustes vergessen zu machen.

Ich ward mit ihnen aufgeräumt, und mitten im Lachen — das weiß ich noch recht eben — fiel mir's ein, daß ich niemals Kaffee und Zucker gekauft, und dieser Gedanke war mir auf einmal so gegenwärtig, daß ich mich nicht genug wundern konnte, wie's möglich gewesen, nach einer Sache, woran ich den Tag über gar nicht, wenigstens doch nicht stark gedacht hatte, und die nach meinen damaligen Vermögensumständen, mir anzuschaffen, völlig unmöglich war, mit so vielem Ernst, in einer so langen Zeit, zu suchen. —

[55]

Ich weiß mich gar nicht zu erinnern, daß irgend ein Umstand meine Seele damals besonders beschäftigte, vielmehr waren wir an dem Tage spatzieren geführt worden, wo wir es doch nicht an Zerstreuungen fehlen ließen.*) 1

Frölich.

Fußnoten:

1: *) Ich erinnre mich hiebei eines ähnlichen Falles, da ich als ein Knabe, von ohngefähr zwölf Jahren, mich einige Tage lang fest überredete, daß eine junge Kaufmannsfrau in unsrer Nachbarschaft todt sey, bis ich sie einmal vor der Thüre stehn sahe, und über ihren Anblick sehr erschrack.
Nachdem ich aber etwas nachdachte, fiel es mir plötzlich ein, daß mir vor einigen Tagen von dem Tode dieser Frau geträumt hatte, so daß ich sie in einem Sterbekittel im Sarge liegen sahe.
Die Ideen vom Traume hatten sich nicht gehörig verdunkelt, und sich daher mit den Ideen von der Wirklichkeit vermischt. Im obigen Falle kann gleicherweise ein solcher Traum vorhergegangen seyn, dessen sich aber die Seele nicht wieder erinnern, und folglich auch nicht wissen konnte, woher sie zu einer ihr ganz fremdscheinenden Idee gekommen war.
Dauert ein solcher Zustand lange und anhaltend fort, so kann er in Wahnwitz ausarten. Und es lassen sich aus dem Mangel einer hinlänglichen Verdunkelung der Traumideen gegen die Wahrheitsideen, die obige Schönfeldsche und Gragertsche Geschichte vielleicht am besten erklären.
M.