ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: X, Stück: 2 (1793) >  Dem Leser dieser Aphorismen.

Dem Leser dieser Aphorismen.

Grohmann, Johann Christian August

Ist Hypothese das Grab der Philosophie — oder ist sie Läuterung, die dem anbrechenden Schimmer der Wahrheit vorhergehet? Was ist in dem ganzen weiten Reiche des Naturforschens mehr, als hypothesenmäßiges Aufstellen und Schliessen, was anders, als auf trügliche Sinne gebaute, von vorübergehenden Sinnenerscheinungen abgezogene Resultatenreihe! — Dogmatismus ist das Ende des Weiterstrebens und Fortschreitens in dem Naturforschen, der gefährliche Markstein, wo die Vernunft unglücklich Halt machet, die Natur sorglos in ihren Geheimnissen ihr Wesen forttreiben und fortarbeiten zu lassen. Die Alten waren, glaub' ich immer, der Entdeckung der Naturgeheimnisse näher, näher der Aufhellung des geheimen Geschäfts der Zeugung, als wir; je mehr durch Hypothesen sie das wahrscheinlichste abwogen, und je mehr wir an dogmatischen Glauben der Zergliederungskunde gewöhnt nichts anders zu glauben und zu finden als was die Sinne sehen, für unphilosophisch und ungründlich halten. Die Erfahrung muß nur bestätigen, und die Vernunft finden: die Erfahrung aber nicht finden, und die Vernunft blos bestätigen.

Wittenberg.

Grohmann.