ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Aphorismen über Zeugung.

Grohmann, Johann Christian August

Ce n'est qu'un moule, dans le quel Dieu a jetté l'Univers.

Wir blicken nach den äussersten Enden unsers Daseins hin, und sie verschwinden — Jahrhunderte durchsuchen wir, forschen Anatomen, Denker, Beobachter, und nichts finden wir auf dem langen [9]Wege des Suchens, als immer blendenden und bald untergehenden leeren Hypothesenschein. — Räthsel — Leben aus todten in die innerste Lebensorgane hingestellten Massen hervorgehen; Menschen Menschen zeugen, Menschen als Schöpfer in bewußtlose Massen zurücksinken zu sehen — ! — Ist es Schicksal, daß wir aus dem finstern ins finstere gehen — oder ist es Standpunkt, der vor unser Auge den Flor ziehet? —

Die Sinnenwelt lieget da — und wir schreiben aus der irrdischen Hülle das unwandelbare auf die Ausdehnung hin: die Ausdehnung wird Abdruck — in Formen geistigen Empfindens kleidet sich die Materie in harmonische Darstellung der hingebildeten Seele. Die Sinnenwelt ist in der Seele, ehe diese noch mit einem Blick über die ausdehnende Oberfläche hinsehe: denn die Sinnenwelt ist sinnliche Anschauung der ewigen Denkformen, die alle unendlichen Geisterarten ausser Gott hin befassen. Was wollen wir, daß uns Erfahrung von den Gesetzen der Natur lehre — Anatomie von den ewigen stellenden Formen der Zeugung? — Finden Sinne etwas mehr als Werkzeuge, durch welche die Natur arbeitet? — Mag Anatomie, mögen Mikroscope die höchste mögliche Vollendung erreichen — nichts haben wir zu hoffen, als hundert Hypothesen noch zu den hunderten, die da sind — nichts als noch staunendern Anblick der ins unendlich fortge-[10]henden feinern Verarbeitung durch Werkzeuge. Neuton sahe den Fall des Apfels — und das Gesetz der Schwere war da, — oder vielmehr er dachte das Gesetz der Schwere — und die Natur bestätigte. Von allgemeinen Gesetzen müssen wir anfangen, wenn wir die Gesetze lernen wollen, nach denen die Natur in ihrer zeugenden Werkstäte arbeitet. —

Zwei Wege — und die unendlichen Hypothesen kamen zum Vorschein: — die Natur giebt unthätig her, was Jahrhunderte durch in ihrem Schooße geschlummert — oder sie arbeitet mit Schöpferkraft selbst an der vorhergehenden Schöpfungsreihe — wie ein schlafender Embrio lässet sie die träumenden Phantasien, von dem spielenden nächtlichen Glockenschlage, dem Stoß eines kreisenden Atomen geweckt, aus sich herausspinnen — oder mit fliegender Phantasie schaffet und wiederschaffet sie selbst die stolzen Geburten der schönen vergeistigten Formen der organischen Leiber. — Ists Evolution — oder epigenetische Schöpfung? — Alles ist Hervorgehen alter Zeugung in verjüngenden Formen, — Formen die ewig in der Natur da sind, ewig in der Natur dieselben bleiben — bestimmt von der Quantität der Bewegung und der Qualität der Formung, die beide selbst ausser den gegenseitigen und zurückwürkenden Ursachen noch in den alles herausbildenden Formen der Elemente sich bestimmt halten. Die Natur [11]beweget sich fort, wie sie angefangen — formet fort, wie sie angefangen, denn der Grund — die Elemente und das Würken — gehen fort, die Formung folget den Elementen, wie Würkung der Ursache — nichts rohes ungebildetes hat daher die Natur in dem ganzen Umfange ihrer Zeugung — *). 1 Alles lieget schon in dem Zeugungsstoff, sobald er da ist, beschlossen — bestimmt, gebildet: — Das Geschöpf erwartet nur den letzten Punkt der Zeit, daß es in die [12]Reihe der Dinge von den gröbern Sinnen mit größerer organischen Vollendung in sinnlicherer Wahrnehmung auftrete.

Misgestaltet tritt der Mensch in die Sinnenwelt ein, — keine Ordnung reget noch seine Glieder, kein Hauch eines göttlichen Ordens strömet auf seinen Körper: sinnliche Thierheit führet das Zepter, und nur der edlere Theil ist da, um bald hinreifend das Joch des Despoten von sich zu schütteln. Wie hingeworfene Thonmasse, welche die schaffende Hand des Künstlers zu einer Form umbildet, ist der ganze Umriß des Schädels — ohne Wölbung in plattgedruckter geradlinichter Fläche erstreckt sich die Stirn bis zum Scheitel, und der Nacken wieder in der unthätigen Gestalt eines liegenden Eins — weit hinausstehend zugespitzt — bis zur Stirne: der Vordertheil des Gesichts ist unbestimmter Zusammenfluß von Säften und weicher Masse, noch kein Theil auf demselben durch bestimmte Grenzen gemessen: die Sinne, ruhendes Auge ungeöfnet, — das Werkzeug des Geruchs vor den eindringenden Lufttheilchen verschlossen — [13]das Stirn und Nasenbein ohne alle Erhebung kraftlos: der untere Theil des Gesichts von dem obern hervorragend zur einzigen bis jetzt bestimmten Erfüllung des thierischen Daseins — des in sich nehmenden Verdauens und Wachsens.*) 2 Für die Sinnenwelt geboren, gehöret es der Sinnenwelt ihn zu entwickeln: die erste Periode ist vollendet, die zweite angefangen, die das glückliche Band zwischen Seele und Welt anknüpfet. Schon erhebet sich die Tafel des Gesichts zum Wiederstralen der Ausdehnung, — das Haupt, das der Menschheit die Krone aufsetzt, zum Throne zum Himmel — strömend gehet Mannigfaltigkeit aus über den ganzen Körper — das jugendliche Gewächs stehet da — das Gleichgewicht ist erreicht, das Wachsthum vollendet. — Die dritte Periode beginnet. Leben soll er geben, wie er Leben empfangen — Schöpfer werden, um als Schöpfer zu sterben. Glückliches — unglückliches Loos des menschlichen Lebens! — — er suchet und findet nicht, tönet in melancholischen Klagen — der Unglückliche! — er suchet — gefunden! — ach der Selige! — Götterfreuden genießet er im pflanzen der Unsterblichkeit.

Mann und Weib Eine Form — Eins. — Modifikation nur, wie glühendere Empfindung [14]dort — kühleres hier stilleres Wehen: — stärker dort am scharfen Felsen brechender Tonhall — leisere hier im niedern Thale fortgehende Tonstimme. Brennendes Blut im männlichen Körper, mit feurigem Aether gekränkter Nervenstern, gehaltvolle Knochensubstanz: weichere Aether im weiblichen, leichteres Blut hinfliessen, nachgebenderer Knochengehalt: — Ursache und Würkung — härtere dort auch umrissene — weichere hier abfliessendere Körperform. Müssen wir vorgebildete ineinander tausendfältig verschlungene Keime denken — daß die räthselhafte Erscheinung des Geschlechts hervorgehe? — Es ist ja Alles in der Natur Ein Gang! — Der Waldstrom bahnt sich das Bette von strauchichten Erdzungen, der wilden schroffe hin und zurück Windende kleine friedliche Bach den gleichen geraden blumichten Erdschooß: — härterer Stoff und es wird Mann — weicherer Grundstoff und es wird Weib: der erste Partikel bildet den ganzen sich erhebenden Erdhügel. —

Wie von einem Centro gehet die ganze Form aus — wo sich Mann und Weib scheidet. Eine Harmonie ist zwischen dem Körper — Eine gegenseitige Harmonie zwischen dem gegenseitigen Körper der Mannheit und Weibheit. Wäre es nicht Disharmonie, größern Unterschied zwischen diesen zeugenden Theilen zu denken als zwischen der senkrechten mit Protuberanzen sich wölbenden männlichen Kopfform, und dem weichern allmäh-[15]lichen Zurücksinken des weiblichen? — nicht Disharmonie — grössern Unterschied hier finden, als zwischen der wallenden Wellenform des weiblichen Halses und dem kurzen starken widerstehenden Nacken des Mannes? — Auffallender für die Sinne ist er nur — nicht größer: — auffallender, weil die ganze Modifikation des härtern und weichern hier endet, die ganze Modifikation des kühnern und allmählichern Umrisses hier anhebet. Der Mann hat festere Brust, breitere Schultern — von Muskeln und Sehnen erhobene Schenkel, und um seinen ganzen Körper die von sich selbst ausgehende in sich gegründete Form eines Dreiecks: Das Weib hingegen abfliessendere Schultern, weichern sanftern zur Liebe empfänglichern Busen — vollere Fülle des Fleisches: — und beide daher auch mit diesem modifizirenden Charakter harmonisch modifizirte zeugende Organe des Lebens. Von dem Grundstoff des zeugenden Lebens — dem weichern oder härtern, mildern oder feurigern Princip der Schöpfung gehet der Unterschied dieser männlichen und weiblichen Bildung aus — mit dem ersten Hinströmen der Säfte beginnet er sichtbarer — vor ihm in weiter und immer weiterer Entformung verschwindet er gänzlich in zweideutiger Unkenntlichkeit dieser Organe.*) 3 Mit dem grausamen Raube der zeugenden [16]Gefäße im Manne — als Quelle aller bildenden Formung — fliehet daher auch die mit diesen Theilen charakteristische Stimmung des Körpers — fliehet und wendet sich bei der Abwesenheit des feurigen Stoffes zu einer nach dem Raube der mittäglichen Sonne gedeihenden feuchtern Gewächsart.*) 4 [17]Alle Formen waren in dem unendlichen Reiche der Schöpfung befasset — alles sollte sich an einander anschliessen — alles sich von einander entfernen — Polypen- und Elephantenmassen, die weitesten Enden, in einer Kontinuität sich einander vereinigen: — alle Formen der Zeugung waren also zugleich da — wollte die Natur nicht mit ihren Werken Spiel treiben, Elephantengebürge wie Polypen, und Polypen wie Elephanten sich fortpflanzen lassen. Einfache Organisationen umfaßten einfache Mittel, vielfache auch vielfache — Polypen polypenartige Ergießungen — Elephantengebürge auch gebürgsmäßige Zeugungen. Auf der niedrigsten Stufe ergossen sich Ströme von Leben, in jedem momentmäßigen Anreiz — Leben schien hier wie in einer Werkstatt in tausendfältigen Funken unerschöpflich tausendfältig umherzusprühen: in der höhern Stufe wanden Geschöpfe sich, jedes in sich gegenseitig mehreren zum Leben zu helfen: auf noch höhern Stufen standen endlich einzelne — groß an Masse — größer noch in dem kunstreichen der [18]Organe — und sie standen und nur zwei konnten einem in dem einem das geben, was in den niedern das einzige leichteste Geschäft schien. So entstanden Geschlechter — es mußte eine Ordnung in der Natur seyn, eine harmonische Weisheit: der Mensch sollte nicht weniger leben als der hundertarmige Polype — der Mensch nicht weniger empfindungsreiche Momente in der Summe der Jahre zählen als das schwammartige Geschöpf in dem Momente seines Vegitirens — ein Verhältniß sollte seyn in allen Lebensarten zwischen der embrionischen Brütedauer und den deutlichen in der Sinnenwelt empfundenen Lebensmomenten. Der Mensch — weniger groß in seiner Organisation als derselben Gewebe bedurfte mehrere daher bis zu dem Ziel der völligen Vollendung zur Ausdauer ausser den organischen Lebensbehältnissen der Zeugung — das Elephantengebürge größer noch in seiner Organenstruktur bedurfte noch mehrere Jahre bis zu dem Zeitpunkte des erreichten Wachsthums: — wäre kein Geschöpf da gewesen, das gleichsam das innerste in seinem Schooße von seinem Leben zu dem einem mit hinschüttelt — kein Geschlecht da, das durch gegenseitige Vereinigung der embrionischen Keime in kürzerer Zeit in geschwindern Monaten durch seinen Beitrag dem kommenden Geschöpfe Wachsthum und Vollendung gab. War es Ohnmacht — wer wollte es behaupten! — die der Natur die Fesseln anlegte, höhere Organisa-[19]tionen nicht auch einseitig wie die einfachern in einem Geschöpfe sich fortorganisiren zu lassen? — Weisheit war es daß sie nicht wollte, was sie konnte — nicht that: höhere Organisationen und edlere hätten sonst im ganzen Bezug ihrer Entwicklungszeit in Verhältniß der Existenz ausser der Mutter mit der Existenz innerhalb derselben weniger gelebet, als die einfachern, die weniger Brütezeit in ihrem embrionischen Zustande verschlafen. Lasset den Menschen zwei Jahre innerhalb den Zeugungsbehältnissen verweilen, — zwei Jahre, welche analogisch zu schliessen nöthig gewesen wären, um ihm die Vollendung erreichen zu lassen, die er jezt durch den doppelten Beitrag der Geschlechter in halb so langer Zeitdauer erreichet: — ein Jahr wäre an seinem Leben abgegangen — ein Jahrhundert an hundert Menschenaltern - welche Summe von Empfindungen — welche Summe von Jahren weiter gezahlet auf Welt auf Menschengeschlechtsalter! — oder er hätte nach dem allgemeinen Gesetze des Verhältnisses der Zeitdauer innerhalb und ausserhalb der zeugenden Werkstatt, — der embrionischen Entwicklung und dem vollen bewußten Menschenleben, welches die Natur durch alle Geschöpfarten beobachtet, — noch einmal so langes Leben zählen müssen als er jetzt zählet — — und welche Störung dann wieder in dem allgemeinen Plan der Welt, deren kein anderer besserer — denn sonst wäre er da — denkbar und möglich war [20]als dieser. So Einstimmung in eine Ordnung — und Geschöpfe traten hervor auf der Stufe der umfassendern Organe — Geschöpfe, die einartig — doch verschieden, einartige in Rücksicht der zeugenden Organe aber Modifikationen waren. Mystisches Räthsel — glücklicher Zauber der nach immer stäten Genuß hindrängenden Leben! — Labyrinthe brachtest du hervor — Tiefen — undurchdringliche Dunkel in dem Tempel deines Naturforschens — und errichtet warest du, daß kein Geschöpf mit der Natur rechte.

So vereinigen sich also auf der Stufe höherer organischen Wesen zwei Geschöpfe, um ein drittes aus der Mitte ihrer organischen Lebenswärme hervorgehen zu lassen — mit gleichem Beitrag beider an dem Leben, gleichem Beitrag beider an der keimenden bald hervorsprossenden Knospe der Schöpfung. Warum soll der männliche Saame blos befruchten?*) 5 warum bald im weiblichen bald im männlichen Zeugungsstoff der Keim des künftigen Menschen enthalten seyn? — Der Zweck der Trennung der Geschlechter war, — in kürzerer Zeit möchte das Geschöpf organische [21]Vollendung erhalten, in kürzerer Zeit die Summe seiner Empfindungen zu zählen anfangen. Das Weib mußte also gleichen Beitrag wie der Mann und dieser wie jene — beide gleiche Anlagen entgegenbringen — gleiche Grundformen des künftigen Menschen. Warum sollte auch in dem Weibe nicht das nehmliche vorgehen, wie in dem Manne? — beide begründen ja gleiche Ursachen: hier sondern sich Zeugungssäfte ab — dort müssen sich also auch absondern; denn gleiche Körper — gleiche absondernde Elemente: — in diesen lieget nach den Gesetzen des formens das Geschöpf gebildet — warum also nicht auch in jenen? — gleiche würkende Ursachen — gleiche Effekte. — Die Natur spielet nicht mit leerer Mannigfaltigkeit, daß sie ihren Geschöpfen, wie das Kind seinen einherführenden Puppen nur immer andere und andere Gewänder, andere farbichte Flecke mit andern Schnitten umhänge: ihre Mannigfaltigkeit ist Absicht zur endlichen Erreichung höherer vielfacherer Zwecke der Schöpfung. Mann und Weib bringen also zwei Embrione, zwei Anlagen zu Einem entgegen — und es ist kein mordender Gedanke: — der eine gehet unter indem er sich mit dem andern verbindet: es ist nur höhere Spannung beider physischen Leben beider Empfindungsvermögen zu und in einem konzentrischen Punkte.*) 6

[22]

War die Organisation beider Geschlechter auch nicht verschiedenartig — nur Modifikation — hervorgegangen aus den innern Lebenskräften nach dem Zwecke der zeugenden Bestimmung: so konnte doch nicht jedes, ob schon im Besitz der lebendigen Grundform des künftigen Geschöpfs, allein zeugen — Die Bestimmung der Vereinigung verlangte auch Organisation, Umordnung der zeugenden Lebenstheile, welche der einzelnen Ausbildung ohne Ausnahme widerspräche. In dem männlichen Körper ordneten sich die Behältnisse des zeugenden Prinzips ausser den Körper, und kein Uterus ist da, der das embrionische des Lebensprinzips aufnehme und zum Wachsthum vollendete: in dem weiblichen Körper ist dieser Uterus da, aber der Lebensstoff ist ausser demselben hingestellt, und nur männlicher Anreiz kann ihn in der Regel durch Mechanism der Fallopischen Röhren in die größer entwickelnde Werkstäte hinführen.*) 7

[23]

Wir sehen täglich Erscheinungen vor unserm Auge aufziehen — aufglühen und wieder verschwinden: und die Ursachen, die diese Phänomene in der Menschheit so aufführen, liegen vor unsern Augen verborgen. Ewig kommen sie unter den nehmlichen Bedingungen hervor — wir bilden Register, ziehen Summen Differenzen auf Jahrhunderte Jahrtausende ganze Menschenalter hinaus — und doch wachet nur ein Deus ex machina über diese Proportionen die sich nach den Aufknicken der Natur — wie die Menschenhandlungen auf dem kindischen Affengehirn — ohne ver-[24]bindende Reihe von Ursache und Folge in unserm Gehirn nachdrucken. Das Verhältniß der einen zeugenden Mithälfte in den Geschlechtsgeschöpfen wird nie größer als das andere — nie verhältnißmäßig geringer als das andere — immer das nehmliche — und doch ist nur dieses Verhältniß in unsern zeichnenden Chroniken, — nicht in unserm Verstande. Worinnen wüßten wir uns aber nicht zu helfen! — »Die Gottheit stellte präformirte Keime hin und bildete in denselben das gleiche männliche und weibliche Hervorgehen.« — Du bist's — ruft das Kind aus — es kann die Erscheinung nicht in dem Dinge begreifen: — große Kinder wie wir sind! — kindischer Kindesgedanke noch als der ist, der das äffende Vogelsgeschrei nicht in der kleinen leichten Federmaschine der Luftpressung glaubet! — — Können [25]wir stolz seyn auf unsere Erzogenheit, wenn wir solche Kinder sind? — Die Natur — Alles von allen was sie ist, hat alles in sich, wodurch sie hervorbringet — Die Gesetze liegen in ihr, die sie ewig zur Behaltung gleicher Ordnung der Geschlechter bestimmen. —

Die Geschlechtsfortpflanzung beruhet in dem elementarischen Stoffe der Zeugung, dessen Modifikation — feuriger oder kühler, härterer oder weicher — wieder in dem Temperamente des Mannes und Weibes bestimmt lieget. Der Mann sowohl als das Weib — beide können Prinzip bald zum männlichen bald weiblichen Foetus absondern, je nachdem ihr Temperament zu dieser oder jener Form sich mehr hinwieget. Die Erklärung lieget in folgenden Sätzen. —

Ob schon die Temperamente wie die Race des Menschengeschlechts ins unendliche unmerkbar hinspielen: so ziehen sich doch gewisse Linien fest, die gewisse Hauptpunkte zwischen ihnen — Haupttemperamente wie Hauptracen — abzeichnen lassen. Die Natur gründete auf den dreifachen Unterschied — auf dem sie ihre organische Maschine des Menschen baute — auf dem alles unterstützenden Knochengebäude — dem Lebensstrom des Blutes — und dem geistigen empfindenden Aether des Nerven selbst die Haupttemperamente und auf den einzelnen Bedingungen jener auch die [26]Bedingungen und abmodifizirenden Erscheinungen dieser.*) 8

Das knochenreiche Temperament.

a) Gedrängter Knochen — mit scharfen eckigten Umrissen: — das Römischfeurige. —

b) Gedrängt — stark — mit runden gewölbten Umrisse: — das Römischmännliche. —

c) Aufgedunsen — locker — mit scharfen hervorspringenden Umrisse: — das grobe Pralende.

d) Aufgedunsen — locker — mit runden abgeschliffenen Umrisse: — das Bäotische.

Das blutreiche Temperament.

a) Blut mit feurigen elementarischen Theilchen angefüllt — in heftigen starken Umlauf: — das Koleurische.

b) — — — mit weniger feurigen, abgekühltern Theilchen angefüllt, in leichten geschwindem Umlauf: — das Sanguinische.

c) — — — mit wässerichten Theilchen angefüllt im langsamen stillen Umlauf — das leichte Pflegmatische.

[27]

d) — — — mit groben dicken Erdtheilen angefüllt — im schwerfälligen Umlauf: — das grobe Pflegmatische.

Das ätherische Temperament.

a) Der Nervensaft leicht, ätherisch mit ungehinderter freier Thätigkeit: — das Melancholische.

b) — — — — — leicht, ätherisch, mit periodisch lebhafter unruhiger Thätigkeit: — das Aetherische.

c) — — — — — leicht, weniger ätherisch — mit starker gichtischer zuckender Bewegung in das Hecktische.

d) — — — — — leicht, wenig ätherisch, mit schwacher unmerklich verschwindender Thätigkeit: das Schwindsüchtige. —

In dem weiblichen Geschlechte bedingen sich diese Temperamente zu andern Erscheinungen: — sanfteres Klima bringet hier sanftere Ineinanderschmelzungen — der Erdboden leichtere freiere Gewächsarten hervor. Der Aether des männlichen Körpers modifizirt sich hier gefälliger, leidend, mehr empfänglich — der Knochen mehr ineinander verschmolzen — nachgiebig — Das Blut weniger stürmend — leichter hinfliessend: — die härtern Temperamente des männlichen Körpers [28]verlöschen also hier, oder verschwinden in andere leichtere.*) 9

Das knochenreiche Temperament.

a) Das Römischmännliche.

b) Das Bäotische.

Das blutreiche Temperament.

a) Das Koleurische. (selten)

b) Das Sanguinische.

c) Das leichte Pflegmatische.

d) Das leichte Weibliche.

Das ätherische Temperament.

a) Das trockne unruhige.

b) Das leichte trockne ruhige.

c) Das trockne schwindsüchtige.

Was ist nun bei dem gegenseitigen Verhältniß des männlichen und weiblichen Körpers die Ursache der jedesmaligen männlichen oder weiblichen Geschlechtsfortpflanzung? — Der Mann sowohl als [29]das Weib enthält den Embrio des künftigen Menschen — Das Geschlecht dieser Embrione liegt bestimmt in den Temperamenten des Mannes und des Weibes, in so fern nehmlich durch die Elemente des verschieden temperirten Zeugungsstoffes die weibliche oder männliche Körperform produzirt wird — bei der Vereinigung dieser Embrione in den Zeugungsbehältnissen des Weibes bleibet diejenige Körperform, die mittelst ihrer Elemente die meiste Konsistenz — das größte Aus- und Einwürken, den meisten Lebensgehalt hat — Das gleiche Verhältniß des männlichen und weiblichen Geschlechts beruhet auf diesem gleich abgemessenen Verhältniß der gegenseitigen Temperamente: — die Erscheinung, daß mehr männliche als weibliche Kinder geboren werden, auf der stärker bestimmenden Bildungsform der Elemente des Mannes. —

Bestimmungen der Geschlechtsfortpflanzung.

1) Bestehet der Zeugungsstoff des Mannes aus harten knochenreichen, fest zusammenverbundenen Elementen: der des Weibes aus weichen flüssigen Bluttheilchen von weniger Thätigkeit: so werden, obschon der weibliche Zeugungsstoff zu der Form und dem Temperamente des weiblichen Körpers sich hinneiget, männliche Kinder — Er muß bei der Vereinigung mit dem männlichen Zeugungsprinzip mittelst dessen größerer Einwürkung und stärkerer Konsistenz auch in dessen gleich harmonische härtere Bildungsform des männlichen Kör-[30]pers hingehen, a)

2) Bestehen die Zeugungssäfte des Mannes und Weibes aus harten knochenreichen Elementen: so ist nicht anders möglich, als daß männliche Kinder gezeugt werden, b)

3) Auch dann werden männliche Kinder gezeuget, wenn der Zeugungsstoff der Mutter aus knochenreichen Elementen zusammengesetzt ist: obschon das männliche Zeugungsprinzip aus weichen flüssigen Säften des Blutes bestehet. c)

4) Bestehet der männliche Saamen aus dem Prinzip der Knochen: — der weibliche hingegen aus weichen Theilchen des Bluts von großer Thätigkeit: — so entstehen bei der gegenseitigen Vereinigung dieser thätigen Temperamente bald Mädchen bald Knaben — nach Bedingungen vielleicht einer größern periodischen Thätigkeit eines dieser Temperamente, d)

5) Bestehet der männliche Zeugungsstoff aus weichen fetten Theilchen des Bluts — der weibliche aus trocknen unruhigen Nervenäther: so werden fast jederzeit männliche Kinder, e)

6) Ist der männliche Saamen aus rohen schweren fetten Bluttheilen — der weibliche aus [31]unruhigen Nervenäther zusammengesetzt: so entstehen Kinder männlichen Geschlechts, wenigstens dessen mehr als des weiblichen. f)

7) Bestehet der männliche Saame aus feurigen Elementen des Blutes — der weibliche aus weichen wässerichten: so werden männliche Kinder. g)

8) Bestehet der männliche Zeugungsstoff aus weichen Bluttheilen und ruhigen leichten Nervenäther — der weibliche aus unruhigen lebhaften thätigen Nervenäther: so entstehen Kinder weiblichen Geschlechts, h)

a) Der Mann von Römischfeurigen — männlichen oder Bäotischen Temperamente — das Weib von leichten Pflegmatischen: — — männliche Kinder.

b) Mann und Weib von den Temperamenten, die aus den Knochen entspringen: — männliche Kinder.

c) Das Weib von einem der knochenreichen Temperamente — der Mann den leicht Pflegmatischen: — männliche Kinder.

d) Der Vater vom Römischfeurigen oder männlichen Temperamente — das Weib dem leichten weiblichen: — bald männliche bald weibliche Kinder.

e) Der Vater von dem leicht Pflegmatischen oder Sanguinischen — die Mutter dem trocknen unruhigen: — weibliche Kinder.

[32]

f) Der Vater von dem Bäotischen oder groben Pflegmatischen — die Mutter von dem trocknen unruhigen: — männliche Kinder, wenigstens deren mehr als weibliche.

g) Der Vater von dem koleurischen Temperamente — die Mutter dem leicht Pflegmatischen: — mehr männliche Kinder.

h) Der Vater von dem Melancholischen — die Mutter dem leichten trocknen ruhigen Temperamente: — mehr weibliche Kinder.

Anerkannt als höchstes Gesetz der Natur nach dem Endzweck der Anordnung des Geschlechts — die Vereinigung — Entwicklung zweier Embrione zu Einem: — drängen sich doch Geburten zum Vorschein, die — als Ausnahmen dieses Einheitsgesetzes der Zeugung, in der hervorkommenden Reihe der Einheiten selbst Regeln ihrer Ausnahmen zu beobachten scheinen, in weiteren oder engeren Verhältniß unter diesem oder jenen Völkerstamme bestimmt vermuthlich nach Ursachen des verschiedenen physischnationalcharakteristischen.*) 10 Lassen sich von Würkungen Rückschlüsse auf Ursachen [33]machen: so glaube ich wohl mich auf meine Beobachtungen nicht ganz hypothetisch zu gründen, und von dergleichen Erscheinungen der Aehnlichkeit der Zwillinge — dem gleichen Geschlechte derselben*) 11auch gleiche Temperamente und gleiche klimatische Konstitution der Zeugungssäfte des Mannes und Weibes — als Ursachen derselben — der Zwillingsgeburten schliessen zu können. Die gleichen Temperamente destruiren sich weder, noch zwingen einander zur Vereinigung in Einheitsgeburt: — — jede Anlag bildet sich — obschon vereiniget in einem zeugenden Behältniß — abgesondert durch selbsteigne Tendenz zum einzeln Wachsthum und einzelner organischen Vollendung.

Nur selten überschreitet die Natur in der Summe ihr Einheitsgesetz durch noch vielfachere Zeugung — in drei Geburten. Entstehen sie, wenn mehr als eins der weiblichen Anlagen aus dem ovario in die entwickelnde Werkstäte hinübergehen? — In den niedern Geschöpfarten ist es Regel — die Kontinuität der Natur wollte es, daß hier das Geschlecht anfieng — wenig zusammen-[34]gesetzt aber noch wenig verschlungen gleichsam in dem Gewebe der Organisation verband sie zugleich in ihnen das Gesetz — als Kontinuitant der Zeugung, daß mehrere Organisationen als eine auf einmal aus ihrem Schooße hervorgiengen. So steiget die Zeugung mit der Organisation — von Einem zu mehreren — von mehreren zu Tausenden zu Millionen hinab!—

Bringet gleiche in dem männlichen und weiblichen Zeugungsstoff herrschende Temperatur Doppeltgeburten zum Vorschein: — ist es widersprechend, daß Discrepanz unvollendete Organisation oder gänzliches Versagen der Entwicklung des embrionischen Geschöpfes verursache? — Destruiret werden die Anlagen, die jetzt in dem Augenblick der Vereinigung zusammentreffen: Ungleichheit ist zwischen ihnen — weder Tendenz zur eigenen einzelnen Vollendung noch harmonische Vereinigung zu einem einzigen empfindenden Lebenspunkte ist in ihnen verstattet. Was sind die Fälle der Beobachtung, die ich für diese — wenn man will, hypothetische Ursache zähle? — Ich habe immer unter den Ehen, die unfruchtbar waren, oder unvollkommene Organisationen hervorbrachten, den Mann und das Weib von ganz entgegengesetzten kontrastierenden Temperamenten gefunden — Der Mann z.B. von dem leichten oder groben Pflegmatischen Temperamente und das Weib von dem trocknen ruhigen. — Die Natur [35]scheinet nicht gewollt zu haben, daß der unbehülfliche dicke Pflegmatismus unter den verschiedenen Erscheinungen und Darstellungen des Menschen mit auftrete. Der Mann war immer vom groben pflegmatischen Temperamente, wenn Kinder unvollkommene Organisationen — unvollkommene Sprachwerkzeuge hatten.

So das Geschlecht in der Liebe in dem sympathetischen Hindrange gegen einander gemessen — ist beständiges Hinwogen von Mutter und Vater zum Sohne — vom Sohne zum Vater: — Ebbe und Fluth in Formen und Gestalten — Geistererscheinung, daß Todte aus Gräbern wandeln — über Generationen wie Luftbilder hinschweben — Todte mit dem ersten Ersterben verschwinden und keine Spur eines Gebildes zurücklassen.*) 12 Zusammenschmelzen in Eins — Hinbilden des Vaters in die Gestalt der Mutter in dem höchsten empfun-[36]denen Lebensmomente oder der Mutter in die Gestalt des Vaters: — und die Gestalt — will Lavater, schwimmt über ins Leben, das sich in ihrer Mitte jetzt bildet. Was ist die Phantasie, daß sie ihre luftigen Gebilde hineindrucke in die schwerere gröbere Materie — diese nachforme das schwebende Stalten des Einbildens? — Die Natur ist nicht erkläret, wenn übernatürliche Kräfte herzueilen, ihre Produktionen zu bilden — Phantasie Einbildungskraft in der zeugenden Werkstäte mit arbeitet. Die Physiognomik — die für manchen mehr — für viele weniger gesaget hat, als sie wollte, — gründet sich auf die innern herausbildenden Elemente der Säfte — die Physiognomie des Kindes auf die Temperatur des abgesonderten elementarischen Zeugungsstoffes — die Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit der Kinder also mit ihren Eltern auf die Konstitution und das Verhältniß des gegenseitig hergegebenen Stoffes zur Zeugung.

Es wäre ein einziges unverletzliches Gesetz der Materie, immer in der nehmlichen staltenden Formung zu bleiben: — wäre durch alle Geschöpfarten einem einzigen Individuo das Werk der Fortpflanzung überlassen worden. In allen Fällen wäre dafür zu stehen gewesen— »diese nehmliche Form, diese nehmliche Gestalt tritt wieder auf —« da es nun — bei der Theilnahme zweier Individuen an einem Zwecke — in Millionen Fällen — in [37]allen Fällen — kein einzigesmal möglich ist, daß irgend ein Produkt in dem hervorgehenden Naturreiche mit den nehmlichen Zügen, der nehmlichen Stattung wieder hervorgehe. Die grössere mindere — oder endlich getheilte Aehnlichkeit der Kinder mit einem Theile ihrer Eltern beruhet auf den drei möglichen Fällen: — auf der grössereren innren Kraft und dem Zusammenhang des männlichen Saamens die grössere Aehnlichkeit der Kinder mit dem Vater: — auf der stärkern Thätigkeit des weiblichen Prinzips die grössere Aehnlichkeit derselben mit der Mutter: — und auf dergleichen verhältnißmäßigen Einwirkung und Thätigkeit des männlichen und weiblichen Zeugungsstoffes der vermischte gleiche Antheil der Eltern an der Aehnlichkeit der Kinder.*) 13

[38]

Keine Ausnahme machet die Natur von diesen stätigen Regeln der bildenden Fortpflanzung: — selbst in Misgeburten und Bastarden*) 14 traget sie [39]diese organisirende Aehnlichkeit, selbst die physischen Fehler des Vaters oder der Mutter auf die jenem oder diesem Theile mehr ähnlichen Kinder hinüber, so daß das Kind, das dem Vater ähnlich siehet, auch seine physischen Gebrechen an sich habe, — das Kind, das der gesunden Mutter ähnlich siehet, von ihnen frei sey. Wohl können also Kinder derselben Eltern — einige gesund und gerade, andere ausgewachsen und unvollkommen seyn — wohl wie das Beispiel der kallogischen Familie zeiget, welches den Physiologen so viel Erklärungsarten abgezwungen hat,*) 15 einige mit der ordentlichen Anzahl der Finger, andere mit einer Ueberzahl geboren werden, je nachdem diese dem Theile der Eltern ähnlich sind, welcher diesen Fehler an seinem Körper träget — jene dem, der davon frei ist, ähnlich sehen. So können auch Nationalformen Nationalzüge entstehen — die nicht in der Formart der Na-[40]tur lagen, die nur durch Eigensinn Unwissenheit oder andere Zufälle in ihr erpreßt wurden.*) 16

Bestimmungen der Fortpflanzung der Temperamente.

1) Hat der Vater das kouleurische Temperament — die Mutter das leichte weibliche (weiche Umkleidung des Fleisches, lebhafte Empfindung und Reizbarkeit): so neigen sich die Kinder zu dem Sanguinischen Temperamente hin.

2) Der Vater vom kouleurischen Temperamente — die Mutter vom trocknen unruhigen (langen schwachen Körperbau, grosser Reizbarkeit der Nerven:) so sind die Kinder gemeiniglich mehr von dem ätherischen als [41]dem sanguinischen Temperament (grosser Empfindlichkeit des Nervenäthers und feiner geistigen Empfindung).

3) Der Vater vom sanguinischen Temperamente — die Mutter vom trocknen unruhigen: — Die Kinder von dem Temperament der Mutter.

4) Der Vater von einer gewissen Mischung des kouleurischen und sanguinischen Temperaments — die Mutter von dem trocknen schwindsüchtigen (kleinem schwachen Körperbau, schüchterner furchtsamer Empfindung:) — so bekommen die Kinder gemeiniglich das sanguinische, theils das melancholische Temperament.

5) Der Vater von dem Sanguischen — die Mutter dem trocknen Schwindsüchtigen; — in den Kindern eine gewisse Modifikation eines leichten sanguinischen Temperaments.

6) Der Vater von dem bäotischen — die Mutter dem trocknen unruhigen Temperamente:—so haben die Kinder entweder das Temperament des Vaters das bäotische, oder das ätherische nach dem Temperament der Mutter.

7) Der Vater vom groben Pflegmatischen — die Mutter dem Römischmännlichen (starken Körperbau's, unerschrockenen Gemüths:) — so sind die Kinder gewiß auch von dem Pfleg-[42]matischen oder einer Modifikation desselben.

8) Der Vater vom leicht Pflegmatischen — (nicht starken Körperumfang, weicher Umkleidung des Fleisches) — die Mutter dem trocknen unruhigen: — so sind die Kinder von dem Temperament der Mutter.

9) Vater und Mutter von dem pflegmatischen Temperamente : — die Kinder von dem Bäotischen.

10) Die Mutter von dem pflegmatischen Temperamente : so werden die Kinder nach dem mehr oder weniger hitzigen Blute des Vaters mehr oder weniger von dem Temperament der Mutter.

11) Der Vater von einer Mischung des sanguinischen und bäotischen Temperaments — die Mutter von dem Römischmännlichen: — so folgen die Kinder gemeiniglich dem Temperament der Mutter.

12) Der Vater von dem römischfeurigen: die Kinder von dem römischmännlichen Temperamente.

13) Der Vater von dem Melancholischen — die Mutter dem trocknen Ruhigen: so haben die Kinder (gemeiniglich weiblichen Geschlechts) das Temperament der Mutter.

Fußnoten:

1: *) Was ist der Bildungstrieb? — »Es ist ein besonderer lebenslang thätiger Trieb in allen organisirten Körpern rege erst Anfangs in dem rohen ungebildeten Zeugungsstoff, nachdem er zu seiner Reife und an den Ort seiner Bestimmung gelangt ist, ihre bestimmte Gestalt anzunehmen, dann lebenslang zu erhalten, und wenn sie ja etwa verstümmelt werden, wo möglich wieder herzustellen« s. Hofr. Blumenbach über den Bildungstrieb. a — »Erkläret dieser Trieb das Geheime, Verborgene, Räthselhafte in dem Geschäfte der Zeugung? — wann soll er entstehen? — warum erst dann entstehen, wenn der Zeugungsstoff zu seiner Reife zu dem Ort seiner Bestimmung gelangt ist? — welche Kraft soll ihn erwecken? — was soll er endlich bilden? — die Bildung folget gleich selbst der Materie, sobald diese da ist, denn in der Würkung ihrer Elemente lieget die Formung; keines Anreizes bedarf sie zu diesem Geschäfte — keinen Zeitpunkt bedarf sie zu erwarten, da die Bildung zugleich mit der Absonderung der Materie anhebet. — Sinne wenden hier nicht ein, daß erst nach einigen Tagen oder Wochen der Empfängniß Bildung sichtbar werde: — sie sind zu unempfängliche unsichere Zeugen, als daß sie bei Gesetzen, wo Deduktion von a priori gegebenen gemacht wird — etwas bestätigen oder ungewiß lassen könnten. —«

2: *) s. m. Ideen zu einer physiognomischen Anthropologie. Leipz. 1791. — Absch. 1. Kap. 2. b

3: *) s. Blumenbach Institutiones Physiol. c §. 492. »Et in genere quidem cucivis sexui proprius uus est et ab altero discrepans habitus: in homine nato lucculenter abservabilis; in foetibus vero tenerioribus primo saltem intuitu vix dignoscendus, uto'opte quibus ipsa genitalia externa, si obiter saltem inspecta fuerint, differre videntur, cum femino embreoni clitoris proportione vaegrandis, masculo autem prominens scrotum ad huc vix vllum sit. (§. 520.) Quibusdam tamen in partibus vtriusque generis organa perquam simiclem monstrant fabricationem. lta sub pube in commissura labiorum superiore latens clitoris non una in re cum virili membro conuenit, nisi quod ab urethra seiuncta, ideoque imperforata et in rite formatis perexigua sit. — — Similiter ceterum ea particula cauernosis constat corporibus et erectioni apta est et praeputio tegitus et smegma praebet Littriano haud absimile.« —
Buffon histoira natur. Paris MDCCXLIX. Tom. III. d wo Kupfer von Embrionen die Aehnlichkeit der gegenseitigen Zeugungstheile zeigen.«

4: *) Ich glaube, wenn das Werk der Kastration noch früher an dem männlichen Körper könnte vorgenommen werden, wo die Säfte — der ganze Bau des Körpers noch weniger bestimmt, noch flüssger weicher ist, — wenn das Messer selbst in den Leib der Mutter und des Kindes könnte dringen, daß die Natur dann den künftigen Menschen noch zweideutiger bilden, und ihn selbst in seinem Geschlechte dem weiblichen Zeugungstheilen ähnlicher umformen würde. —

5: *) Befruchten ist ein Wort, das unter so vielen andern mystischen Worten in dieser Materie uns etwas hat erkläret geben wollen: das aber nur leider durch die Dargabe eines sinnlichen Begriffs uns für weitere Zergliederung beruhiget hat.

6: *) Sömmering v. Baue des menschl. Körpers. Th. 5. §. 117. e »Ein späterer Ursprung der Seele als im Augenblicke der Empfängniß oder der Erzeugung des belebten Hirnkeimes ist undenkbar; ob sie aber früher in der Mutter oder in dem Vater, oder zum Theile in beiden virtualiter sich befinde, kann man wohl nicht entscheiden.«

7: *) Die ovula Graafiana im weiblichen Körper sind gewiß nichts anders als die Testes und vesiculae seminales im männlichen — Behältnisse nehmlich des vor unsern Augen verschwindenden embrionischen Geschöpfes — anders nur nach dem Endzweck der gegenseitigen Geschlechtsvereinigung, geordnet und organisch gebildet. Daß corpora latea auch ohne vorhergehende wirkliche Vereinigung in dem ovario entstehen, beweisen Versuche Beobachtungen, (s. Blumenbach medizin. Bibl. 3. B. 3. St.) f Daß also auch der Mechanism, der die Fallopischen Röhren dem ovario zur Aufnahme des weiblichen Zeugungsstoffes näher bringet, ausser der Geschlechtsvereinigung durch andere widernatürliche Ursachen erfolge, erhellet eben auch aus diesen Beobachtungen. Ob nun schon bei solchem widernatürlich erregten Mechanism in den Zeugungstheilen des Weibes auch der Zeugungsstoff als das ovulum aus dem ovario in den Uterum hinübergehen muß: so kann doch — keine Rücksicht genommen auf die Beispiele, die durch glaubwürdige Zeugen von bald im weiblichen bald im männlichen Körper vor aller Vereinigung — entwickelten Embrione erzählet werden, (s. Blumenbach über den Bildungstrieb) g — glaube ich, nicht einmal im weiblichen Körper, in welchem alle zur vollendenden Entwicklung bestimmten Behältnisse da sind, dieser hinübergegangene Zeugungsstoff des Weibes zur wirklichen Vollendung der Ausbildung kommen, weil nehmlich der männliche Zeugungsstoff fehlet, der durch seinen Beitrag die Ausbildung des Geschöpfes befördert. Denn in Ermangelung dessen müßte nach analogischem Schlusse das weibliche Zeugungsprinzip längere Zeit — doppelt so lange — zum völligen Wachsthum in den Zeugungsbehältnissen verbleiben, in welcher längerer Zeit aber — wider die Anordnung der Natur — wahrscheinlich es untergehet und als Abart stirbet. —

8: *) Es ist hier der Ort nicht, die bestimmenden Ursachen dieser Temperamente auseinanderzusetzen, und für ihre Entwicklung Gründe zu führen: s. m. Ideen zu einer physiog. Anthropologie. h

9: *) Ich habe diese Temperamente, die ich im weiblichen Körper modifizirt und unter andern Erscheinungen beobachtet habe, auch anders benennet. Das grobe Pflegmatische findet hier wegen der leichtern und flüssigern Säfte des weiblichen Körpers nicht statt, desto häufiger aber und fast allgemein das leichte weibliche.

10: *) Blumenbach Institutiones Physiol. §. 576. Proportio inter gemellos et solitarios partus sub nostro quidem coelo vt 1 ad 70 observatur: apud Hibernos a contrario illi ad singulorum partus fere vt 1 ad 53 se habent: a pud Grönlandos deneque gemellorum expresse notat raritatem. (Essede in descr. du Grönland.)

11: *) Ich wünschte allgemeinere Bestätigung, ob die Zwillinge öfters oder ohne Ausnahme von einerlei Geschlecht sind — beide männlich entweder oder weiblich.

12: *) Lavater in s. physiog. Werke i (über die Aehnlichkeit und Unähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern). »Es ist eben so gewiß und eben so erklärlich, daß gewisse frappante Physiognomien von den fruchtbarsten Personen durchaus ohne ähnliche Nachkommenschaft untergehen; so gewiß und unerklärlich es ist, daß gewisse andere niemals aussterben: nicht weniger merkwürdig ist, daß eine väterlich oder mütterlich stark gezeichnete Physiognomie sich bisweilen in den unmittelbaren Kindern verlieret, in den Kindeskindern gänzlich wieder zum Vorschein kommt.«

13: *) Es ist leicht, nach diesen drei Bestimmungen der Aehnlichkeitsfortpflanzung gleichsam auf künftige Geschlechter die Ähnlichkeit vorauszusagen. Die Temperamente, die aus den Knochen entspringen, pflanzen sich am ähnlichsten fort: ich habe immer, wenn der Vater das Römischfeurige, männliche oder bäotische Temperament hatte, die Kinder mehr ihm als der Mutter ähnlich gesehen. Die knochenreiche Form des Vaters gehet aber doch in den Kindern — durch den weiblichen Zeugungsstoff erweichet, zu einer gleichsam verjüngten, gedehntern Form über. Das Temperament, das aus dem Blute entspringet, gehet in den Kindern bald zu dieser bald zu jener Unterabtheilung dieses Temperaments über. Alle Unterabtheilungen aber desselben bilden sich in der Form einander ähnlich — daher werden die Kinder, wenn der Vater das kouleurische Temperament hat, immer mehr ihm als der Mutter ähnlich sehen. Dieses ist auch der Grund der Selbstständigkeit der jüdischen Gesichts form: — das blutreiche Temperament ist überhaupt der jüdischen Nation eigen, dieses gehet schwer zu einem andern Temperamente über, und ist auch in seiner Formung unter allen Bedingungen ähnlich.

14: *) Hieher rechne ich z.B. den Maulesel: vergleichende Zergliederung desselben würde gewiß nach den drei Bestimmungen den drei möglichen Fällen der Aehnlichkeitsfortpflanzung, die Nothwendigkeit seiner abweichenden von beiden Theilen des Pferdes und des Esels zusammengesetzten Organisation zeigen. Hieher gehöret auch das Beispiel, das Blumenbach (Institutiones Physiol. j §. 596 de nisu formativo) aus Kölreuters vorläufigen Nachrichten. (3. Forts. pag. 51) k anführet. »Retero huc v.e. ex hybridorum historie memorebile experimentum, quo in hybridis prolificis per plures generationes saepices iterata corum foccundatione ope viriter ejusdem specici seminis adco sensim a primaccea materna forma deflexit nova ea pronepotum hybridorum facies, ut potuis magis magisque in paternam alterices specici formam abiret, et sic denique ista in hanc (arbitraria quesi meta morphosi) tota quenta transmutata plane videretur.«

15: *) Haller Elem. Physiol. 1. 29. S. II. §. 8. l auch Maupretuis Venus Physique m — wo dergleichen Beispiele von Fortpflanzungen erzählet werden.

16: *) Hippokrates erzählet in dem Buche de aëre aquis et locis, n daß man geglaubt habe, die ehemalige Gewohnheit der Kalchier, den Kopf der neugebornen Kinder zu pressen, sey die Ursache gewesen, daß ihre Nachkommen mit dieser Form des Schädels wären geboren worden. Man vergleiche ferner Blumenbach (Institutiones Physiol. o § 598) »Tum et quod non solum connatae monstrositater, sed et aduentitae mutitationer aliaeue deformatio hes, aut casu aut studio corpori illatae, hae redilariae subirele fiunt, ita vt quod primoartis opur erat, sensim in alteram quesi naturam deflectere dicenatum sit.«

Erläuterungen:

a: Blumenbach 1781.

b: Grohmann 1791.

c: Blumenbach 1786.

d: Buffon 1749-1804.

e: Sömmering 1791-1796, Theil 5 (1791).

f: Blumenbach 1783-1795, Bd. 3, 3. St. (1791).

g: Blumenbach 1781.

h: Grohmann 1791.

i: Lavater 1772.

j: Blumenbach 1786.

k: Kölreuter 1761-1766, 3. Fortsetzung (1766).

l: Haller 1757-1766, Bd. 8 (1766), Lib. XXIX 'Fetus'. Section II, §. 8 'Difficulates. Similitudo Parentum', S. 96-99.

m: Maupertuis 1745.

n: 'Abhandlung von der Luft, den Wässern und den Gegenden' im Corpus Hippocraticum.

o: Blumenbach 1786.