ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Revision der Erfahrungsseelenkunde.

von Salomon Maimon.

Maimon, Salomon

Die Geschichte des blödsinnigen Frieße ist, wie ich dafür halte, kein Phänomen der Erfahrungsseelenkunde. Sie ist keine Beschreibung einer Seelenkrankheit, deren Ursachen, Symptomen, und Kurart sich psychologisch bestimmen lassen, sondern die Beschreibung einer angebohrnen Seelenschwäche oder Mangels, die so wenig zur Seelenkrankheitslehre als angebohrner Mangel der Augen, Hände und Füße, oder ein Buckel zur Körperkrankheitslehre gehören. Es ist ein Phänomen der menschlichen Natur überhaupt, und gehört, so wie alle Arten der menschlichen Misgebuhrten unter die Abweichungen der Natur in der Naturgeschichte des Menschen.

Die Erfahrung der Seelenkrankheit des Herrn Kluge ist entweder daß man annimmt, daß die ganze [2]Vorstellung desselben von einem Buche das er wider den König von Preussen geschrieben haben sollte, eine Täuschung der Einbildungskraft war, die, wegen ihrer Lebhaftigkeit, seinen bloßen Vorsatz ein solches Buch zu schreiben ihm als eine schon vollbrachte Handlung vorspiegelte (wozu der Herausgeber dieses Aufsatzes geneigt zu seyn scheint). Oder (welches mir wahrscheinlicher zu seyn scheint) er hat wirklich dieses Buch geschrieben, und bloß diesen Umstand, daß der König von Preussen davon Notiz genommen, und des Verfassers Bestrafung beschlossen hatte, hinzu gedichtet. Daß man nach Herrn Klugs Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden hatte, ist noch kein Beweis für die erste Erklärungsart, indem es sehr natürlich ist, daß so bald die Vorstellung von der sich durch dieses Buch zugezognen Ungnade des Königs von Preussen und der darüber anzustellenden Untersuchung in seiner Einbildungskraft lebhaft wurde, er (damit man zum wenigsten keine Belege seines Verbrechens finden könnte) fürs Erste dieses Buch aus dem Wege geräumt, und hernach sich gegen einen gewaltsamen Ueberfall in Vertheidigungsstand gesetzt hatte.

In der Geschichte des Musketirs Friedrich Wilhelm Majer (Seite 16.) sowohl, als des Kindermörders Seibel (Seite 26.) glaube ich eine geheime psychologische Triebfeder zu entdecken. Jener geräth, aus Lebensüberdruß, auf den Entschluß [3]sich durch einen begangnen Mord den Tod zuzuziehn, und gestand, reflektirt zu haben, ob er an der Krankenwärterin, die ihn geschimpft hatte, den Mord ausüben solle, um sich zugleich zu rächen; oder an seinem noch schlafenden unschuldigen Kameraden, den er also da er gerade keine Sünde that umbringen wollte; wo denn wirklich das Letzte bei ihm die Oberhand behalten hatte. Dieser ermordete aus Lebensüberdruß ein Kind, das er so sehr liebte und um es recht fromm zu machen, viele Gebete und Sprüche aus der Bibel gelehrt hatte. Daß der Erste eine unschuldige, und der Zweite so gar eine von ihm geliebte Person zu diesem unglücklichen Vorhaben gewählt hatte, läßt sich auf folgende Art erklären. Die dem Menschen eingeprägte Liebe zum Leben ist so stark, daß wenn auch nach dem Kalkul der Vernunft die Quantität des zu erwartenden Uebels das Gute übersteigt, das mindeste Gute, welches hinzukömmt, den Entschluß zum Tode wankend machen kann. Derjenige also der nach dem Kalkul der Vernunft einen freiwilligen Tod beschlossen hat, ist geneigt, denselben auf die Art auszuführen, wodurch der Entschluß immer befestigt wird. Hätte er also die Umbringung seines Feindes als Mittel dazu gewählt, so wäre die Ausübung der Rache, als Befriedigung einer Begierde diesem Entschluß entgegen.

Er wählt daher lieber die Umbringung einer unschuldigen, oder sogar von ihm geliebten Person [4]zum Opfer seiner Verzweiflung, damit die auf die Handlung erfolgte Reue die Reue in Ansehung des Entschlusses selbst verhindern, und er selbst darinn befestigt werden sollte. Wilhelm Meier kann also immerhin geglaubt haben, daß er bloß aus Ungeduld über das Ausbleiben der Krankenwärterin lieber die Ermordung seines unschuldigen Kameraden, so wie Seybel glauben konnte, daß er bloß aus Mangel an Gelegenheit (einen andern zu ermorden) die Ermordung des von ihm geliebten Kindes beschlossen hatte, und doch war das ihnen selbst unbekannte Motiv, wie schon gezeigt worden, ein Trieb den bei kalter Ueberlegung gefaßten Entschluß, durch Hinzukunft der Reue zu befestigen, und gegen alles, was dessen Ausführung nicht verhindern, sondern bloß seine Vorstellung unangenehm machen konnte, zu sichern. Welches, wie ich dafür halte, so wohl den psychologischen Prinzipien, als der Erfahrung gemäß ist.

Seite 34. 3) sagt mein würdiger Freund (VIII) »die thätigen Kräfte müssen mit den vorstellenden Kräften in einem gewissen Verhältniß stehn; sind sie gegen dieselben zu stark, und bekommen das Uebergewicht, so ist dieses Krankheit der Seele, und eben der Zustand, wo man oft klagt: meliora video proboque, deteriora sequor.« Was mich anbetrift, so glaube ich, daß dieser Zustand nicht eine Folge des Uebergewichts der thätigen in Vergleich mit den vorstellen- [5] den Kräften, sondern des Uebergewichts der subjektiven aus Gewohnheit entsprungnen Begierden und Verabscheuungen in Vergleich mit den objektiven in dem wahren Verhältniß der Gegenstände, so wohl untereinander, als zu unsrem Subjekte ist. Wenn jemand zufälligerweise sich an den Genuß schädlicher Nahrungsmittel (aus Mangel an Bessern) gewöhnt hat, oder öfter zum Zorn veranlaßt worden ist; so wird er, er mag aus der Diätetik die Schädlichkeit jener, und die üblen Folgen dieses noch so sehr einsehn lernen, dennoch seine Gewohnheit schwerlich verlassen. Die Gewohnheit ist die zweite Natur, und kann oft die Oberhand über die erste Natur behalten.

4) »Von den Ideen welche täglich und augenblicklich in die Seele strömen, müssen nothwendig immer eine gewisse Anzahl bald wieder verdunkelt werden u.s.w.«

Die Ursache dieser Krankheiten ist im ersten Falle Mangel an Selbstmacht zu einer zweckmäßigen Wirksamkeit. Im zweiten aber, Mangel des Reprodukzionsvermögens.

III. Die Ursache des Alpendrückens überhaupt ist nicht schwer anzugeben. Es ist eine Empfindung der (durch eine unbequeme Lage des Körpers u. dergl.) gehemmten Zirkulation des Bluts, die mit der Vorstellung einer eingebildeten Ursache (indem die zur Zeit alleinherrschende Einbildungskraft [6]die wahre Ursache nicht einzusehn im Stande ist,) nach Verschiedenheit der Temperamente und Lebensarten bei verschiedenen Menschen verschieden vorgestellt werden muß. Ich will hier ein merkwürdiges Beispiel aus meiner eignen Erfahrung anführen. Ich wurde frühzeitig genug sowohl mit den kabbalistischen Schwärmereien, als (wegen meines hitzigen Temperaments) mit den unwillkührlichen nächtlichen Polutionen bekannt. Aus jenen bekam ich die Vorstellung von der Lilith, als einer boshaften, auf Verführung der Jugend ausgehenden teuflischen Frauensperson, und seither geschahe es, daß wenn ich durch eine unbequeme Lage (auf dem Rücken) im Schlafe von Alpendrücken überfallen worden bin, ich mir immer vorstellte, als näherte sich mir dieses verfluchte Weib, berührte die Theile meines Körpers nach und nach, bis sie mich zuletzt mit ihren Umarmungen beinahe erdrückte, so daß ich darüber oft in ein lautes Geschrei ausbrach, zuweilen auch strengte ich mich bloß an zum Schreien, ohne doch einen Laut von mir geben zu können, sträubte mich mit allen Kräften mich von dieser beschwerlichen Umarmung loß zu winden, welches mir nach vieler Mühe zu gelingen pflegte.

Hingegen erinnere ich mich, daß ich einst in Beth Hamidrasch (Jüden-Akademie) nach einer Beschäftigung mit den Ideen der Heiligkeit und Vereinigung mit der Gottheit, einschlief und unwill-[7]kührlich in eben diese Lage gerieth, worauf ich im Traume sahe, die Schechina*) 1 als eine sanfte liebreiche Frauensperson sich mir nähern und mich auf eine Art die Liebe und Ehrfurcht einflößt, holdseelig umarmen, so daß, nachdem ich den Unterschied zwischen der Vorerwähnten und dieser Umarmung eingesehn, ich mir dieselbe ohne alles Dawidersträuben gefallen ließ.

Man sieht hieraus, wie die Einbildung die Empfindungen zu modifiziren im Stande ist.

Seite 23. Ein ähnliches Beispiel, wo der Eine Mensch träumt, von dem, was zur selben Zeit mit einem andern vorgeht, weiß ich aus meiner eignen Erfahrung.

Im Jahre .... war ich Hofmeister bei einem Pächter in P. bei dem ich sowohl wegen der damaligen Hungersnoth in P. als besonders wegen des armseeligen Zustandes dieses Mannes und der Ungelehrigkeit meiner Schüler, viel auszustehn hatte. Dazu kam noch einst, daß ich einige Tage nach einander ausserordentliche Zahnschmerzen leiden mußte. In diesem Zustand der Betrübniß und [8]der Schmerzen schlief ich eines Abends auf meinem harten Lager, ein. Es träumte mir, daß ich, ohne zu wissen wie, im himmlischen Jerusalem angelangt sey. Ein alter ehrwürdiger Mann empfing mich am Thor sehr liebreich, führte mich nach dem Tempel des Herrn, um mir alle Merkwürdigkeiten darinn zu zeigen. Ich kam in einen großen Saal, worinn ich einen Bücherschrank fand. Ich griff also meiner Gewohnheit nach, nach einem Buche, um es zu besehn. Sobald ich es aufmachte, fand ich gleich auf dem Titelblatt den Titel eines mir dem Namen nach schon längst bekannten kabbalistischen Buchs, und darunter den Namen Jehova mit großen Lettern. Ich blätterte darinn weiter und fand überall heilige Namen und Stellen aus der Bibel nach kabbalistischer Art erklärt.

Dieses versetzte mich in einen Gemüthszustand, der aus Erstaunen, Ehrfurcht, und Freude zusammengesetzt war. Ich hatte darauf noch mehr Szenen dieser Art, konnte mich aber beim Aufwachen derselben nicht erinnern. Sobald als ich aus diesem Schlafe erwacht war, kamen meine Schüler, (die in einem entfernten Zimmer geschlafen hatten) zu mir, schaueten mich (wider ihre Gewohnheit) mit der grösten Aufmerksamkeit an, und schienen über meinen Anblick in Verwunderung zu gerathen. Ich fragte sie nach der Ursache ihres seltsamen Benehmens, konnte aber anfangs von ihnen nichts herausbringen. Da ich aber weiter in sie [9]drang, so sagten sie mir: ihr Bruder, der Pächter des nächsten Dorfes, der gestern hier (wie er öfters zu thun pflegte) zum Besuche gekommen, und über Nacht geblieben war, wäre heute Morgens in ihre Wohnstube gekommen (er schlief des Nachts in einer Heuscheune, die sowohl von der Wohnstube als von meiner Studirstube, wo ich geschlafen hatte, entfernt war) und habe ihnen allen einen sonderbaren Traum erzählt, den er diese Nacht gehabt hätte, und der hauptsächlich mich anginge. Es kam ihm nämlich vor, als sähen sie mich alle nach dem himmlischen Jerusalem zugehn. Ein alter ehrwürdiger Greiß kam mir am Thor entgegen, führte mich herein, und stieß sie, indem sie mir nachfolgen wollten, zurück. Sie blieben vor dem Thor stehn, um meine Rückkunft abzuwarten, endlich kam ich wieder heraus, meine Gestalt war sehr ehrwürdig, mein Angesicht leuchtete wie das Angesicht Mosis, da er die zwei Tafeln empfing. Sie fürchteten, sich mir zu nähern, und waren in der grösten Verlegenheit, wie sie mit mir in der Zukunft umgehen sollten. Dieses, sagten meine Schüler ferner, war die Ursache, warum wir Sie mit einer solchen Aufmerksamkeit ansahen, und über Ihren Anblick unsre Verwunderung äusserten. Bald darauf kam auch der träumende Bruder, und bekräftigte dieses alles aufs Neue. Seit der Zeit bin ich auch in diesem Hause ganz anders als vorher behandelt [10]worden, wodurch mein Zustand einigermaßen verbessert war. So weit meine Geschichte.

Da ich schon damals zum Spekuliren geneigt war, so suchte ich mir diese Erscheinung auf folgende Art zu erklären.

Alle menschliche Seelen sind gleichsam verschiedene Ausflüsse aus einerlei Quelle, sie mögen daher in ihrem gegenwärtigen Zustande von einander noch so sehr entfernt seyn, so kommunizieren sie doch in ihrem Ursprunge mit einander; diese Kommunikazion ist aber zwischen einigen Seelen mehr, zwischen andern weniger, nach dem Grade ihrer Aehnlichkeit untereinander. Die Wirkung dieser Kommunikazion wird aber hauptsächlich im Schlafe, da die Seelen zu ihrem Ursprunge zurückkehren (in der philosophischen Sprache würde es heissen: Da die innere Seelenwirkung durch die sinnlichen Eindrücke nicht mehr unterbrochen wird) und folglich unmittelbar einander anschauen. Daher konnte dieser Mann im Traume sehn, alles was mit mir zur Zeit vorging. Wenn ich jetzt diese Sache reiflich überlege, so muß ich gestehn, daß, alle schwärmerischen Vorstellungen abgerechnet, in der Sache weit mehr stecken muß, als wovon unsre bisherige Psychologie Rechenschaft geben kann. Wie dieses in diesem Magazine durch häufige Beispiele bestätigt wird.

Fußnoten:

1: *) Schechina ist nach dem kabbalistischen Antropomorfismo, die weibliche Gottheit, die die Seelen der Frommen gebiert, und nach ihrer Trennung von ihren Körpern wieder aufnimmt, welches dieser Meinung zufolge auch bei lebendigem Leibe im Schlafe zu geschehn pflegt.