ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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V.

Fragment aus dem Tagebuche Weilers.
Herausgegeben von — — — — l.

— — — l

De hoc, priusquam scribamus, haec praecipienda videntur lectoribus, ne alienos mores ad suos referant; neve ea, quae ipsis leviara sunt, pari modo apud caeteros fuisse arbitrentur,

Nep. in Epam


Julien gewidmet.

Als ich von Ihnen Abschied nahm — es sind nun sechs Jahre — da sagt' ich — wie man denn meistentheils beim Abschied etwas sagt was man nicht nöthig hat, wenigstens nicht nöthig haben sollte, indessen läßt man's gelten, und so eine Wiederholung ist oft so rührend, und wirkt so mächtig aufs Herz wie das einfache Thema, am Ende eines Rondos wiederholt. Im Grunde hat man je doch nur das Thema durchgeführt, sich auf alle möglichen Arten — geseufzt, geblickt, gehändedruckt, gestammelt, gesagt, geküßt: Ich liebe [69] dich. — Vor sechs Jahren, als ich von Ihnen Abschied nahm, da sagt' ich — Sie wissen, ich sagte sehr wenig; mein Herz konnte damals von der Sprache meines Mundes keinen Gebrauch machen, es sandte Thränen, seine zitternde Boten, die Sie anflehen mußten — ihm seinen bittern bittern Schmerz zu glauben. — Damals, bei unserm Abschied — Gott weiß es, Julie, es war eine bange Stunde! Wie ichs immer nicht glauben wollte, immer für unmöglich hielt, mich wie von einem Quälgeiste, der die Menschen in einsamen nächtlichen Stunden mit schrecklichen Gestalten ängstigt, loszumachen suchte — ach! vergebens. Es war kein Traum, ach! es war die kalte unbeugsame Wirklichkeit. Und doch, Julie hab' ich seitdem noch manchen herben Abschied nehmen müssen. Ein Wunsch, eine süße Fantasie nach der andern trennte sich seitdem von mir, wie der schönen Tage immer weniger werden, wenn nun der Lenz hin ist, ihm, ihm alles nacheilt, Blüthen und Blumen und Waldgesang und gaukelnde Lüftgen, und die Sonne traurend sich in Nebel verhüllt, und der Nord laut heult, daß er alles so leer und öde findet, — und ist mir nichts geblieben als mein altes treues Herz, ein Gefährte all meiner Trübsalen, der mit mir gekämpft und geblutet hat, und nun still geworden ist, und sich in keine Sache mehr mischt, und nur, wenn wir ganz allein sind, von unsern Schicksalen, Leiden und Wunden erzählt, und wie all das hinge-[70]schwunden und keine Spur mehr übrig sey, und wie wir, herausgedrängt aus unserm Vaterlande, wo all unsre Wünsche begraben liegen unter schweigenden Hügeln, fern in fremden kalten Lande — nun noch so weit abwarten müssen, bis der Nord den Baum schüttelt, und uns hinabweht in des Baches Welle, die uns hinabfluthet in die Vergessenheit. — Damals, Julie, wenn Sie sich unsers Abschiedes noch erinnern, und, bei Gott, Julie! — Nein! Nein! Sie werden ihn nicht vergessen haben! — damals sagt' ich — ein wenig unverständlich vielleicht, denn ich verbarg mein Gesicht schluchzend in Ihren Schoos, und meine empor gehobene Arme hielten Sie umschlungen, — sagt' ich

»Julie! Ich kann nie aufhören Dich zu lieben, einst nach Jahren sollst du das noch von mir wissen.«

Hier ists Julie: Leiden konnten mich quälen, aber wehmüthig konnten sie mich nicht machen. Ich habe Sie verloren, kann ich noch über etwas anders trauern? sagt' ich. Freuden giengen mir vorüber, und ich streckte meine Hand nicht aus: wenn ich sie nicht mit Ihr theilen kann, so sind sie mir fades Possenspiel.

Julie! Ich habe nicht aufhören können Dich zu lieben! —

Nimm dies — und dies Fragment — es enthält die Klagen eines Elenden — wohl uns, Julie! Wir waren unglücklich, aber elend sind wir [71]nicht. Auch diese Thräne, die da heimlich über meine Wange rinnt, und gern mit zu dir sich stehlen will — und — leb wohl! — Julie! werd' ich nie mehr etwas von dir hören? — Leb wohl, theure, theure Julie!

— — — l.


am 19ten März.

Rückkehr zur Tugend! — Besserung! — leere Worte, die einmal einer ersann, der dem äußern Elende des Lasters entronnen war, um zu seinem neuen behaglichen Zustande auch noch eine gewisse erkünstelte Ruhe des Geistes hinzuzufügen! Rückkehr zur Tugend! — Unsinn! Als wäre sie außer uns, als beständ nicht eben das Wesen des Lasters in der Unfähigkeit glücklich und gut zu seyn. Lähmt dem Adler seine Schwingen, und nehmt dem Menschen seine Tugend, beide erheben sich nie wieder! Sie sind gefallene Engel der ewigen Pein, Gottes Glanz zu wissen und zu meiden, hingegeben.

Unbegreifliches Loos, das der Menschheit fiel! — Leicht und sorglos, den Busen voll Wonne des jungen Lebens, hüpft der Knabe seinen ersten einzigen Unschuldsweg daher; hier theilt er sich, er muß wählen; — dort winken ihm die Götter der Freude jung, und lächeln wie er — seine Brüder. Er fliegt ihnen zu und — verschwunden ist der Zauber, und kalter Nebel umgiebt ihn dicht. — Ver-[72]gebens blickst du so bebend zurück, du wirst keinen Rückweg finden! — Aber still armes Kind, bald erscheint dir eine andere wohlthätige Gottheit. Du wirst ängstlich vor ihr zurückschauern, aber zage nicht, in diesem Lande der Träume ist alles anders wie es scheint. Trotz des Entsetzens, das sie umgiebt, ist sie doch die einzige, die dich fortan nicht verläßt, die dir Stärke und Muth giebt, die mit dir weint und mit dir lacht, die deine Klagen anhört und deine Fragen beantwortet: denn das ist ihr Amt auf Erden. Als Gott bei der Schöpfung das Elend werden ließ, da fragte sie vorwitzig: warum? und sie wurde mit dem schrecklichen Geheimnisse in die düstern Thäler des Lasters verbannt, mit dem Berufe jedem Sterblichen, der sich dahin verirrt, seine Fragen aufzulösen.

Ja, Verzweiflung, ich fühls, ich fühls, alles hat mich verlassen, nur du bist noch um mich! Du bist meine Lehrerin, deine Stimme allein ist es, die ich noch höre.


am 11ten Aprill.

Geziemts mir wohl zu trauern? — Aber warlich ich traure auch nicht. Traure! und worüber? daß mich mit ihm nun die letzte menschliche Hülfe verlassen hat? — So schwach kann ich nicht seyn. Ich darf verworfen seyn, aber nicht schwach, an meinen Grimm nagen, aber nicht trauern. —

[73]

Hm, als er Abschied nahm, und ein Langes und Breites von Verhältnissen sprach, die ihn zurückruften — nicht ferner gestatteten — — O du jämmerlicher Hanswurst, lauf, lauf zur lieben Mama, und laß dich in Integrum restituiren! das wird nicht mehr Zeit kosten, als einen Esel aus seiner Löwenhaut heraus zu peitschen. Für dein Geld, das du an mich verschwendetest, wardst du — was du werden konntest: aus einem faden nichtigen Purschen ein vollständiger Narr. An dir hab' ich mich nicht versündiget: Dein schlechtes Metall galt vorher gar nichts, ich gab ihm das einzige Gepräge, dessen es fähig war.

Was sprach er doch von Freundschaft? — Gutes Herz! — aber gräm dich darüber nicht, ich wollte ich hätte mich allein über deine verlorne Freundschaft zu trösten. Aber, wahrhaftig, ich bin bettelarm; er wird sogar meinen Kredit mit weggenommen haben. Soll ich mich nun auch noch von den erbärmlichen Brodsorgen foppen lassen? — Nun, ich will leben so lange es geht, das wie sollte eigentlich nie die Sorge eines Menschen ausmachen. Im Grunde ist mirs doch lieb, daß ich ihn los bin. Der Pinsel glaubte in meiner Verbindlichkeit zu stehen, weil ich einmal, um sein krankes Leben zu retten, zwei gesunde Menschen ermordete; mir wars indessen doch immer, als hätt' ich ihm meinen Unterhalt zu danken. Fahre wohl theuerster Freund! —

[74]

Aber wie kam mir vorhin das Wort Trauern? Ich glaubte, das stünde längst nicht mehr in meinem Wörterbuche. Und doch was war das, wie ich so allein wieder zurückgieng, an dem Fluß her? Die Nacht war in der That schön, das hab' ich — empfunden? Nein! Schönheit empfinden soll ja eben Wonne seyn, und wie käm Wonne in meine Brust? Aber ich weiß es doch, daß sie schön war. Wie der Mond über dem stillen Wald schwebte, und in die Ebene und auf den Fluß Silber goß und alles so still war, und ich denn in die dunkele Allee kam — ich allein nur mich hörte in meinem dunkeln Leben dahin tappen! — Ja einst hätt' ich hier getrauert, als ich noch so hängen konnte an Bildern des Leidens, sie geistig umarmen und meine Brüder nennen, und mir so Lieben und Freunde machen unter den Geistern meiner Fantasie, und mit ihnen, sanften Stolzes, aus feuchtem Auge lächeln der Menschen Mühe und des Menschen Standes. Aber jetzt — hab' ich meine gute Engel alle von mir gescheucht, bin nun ganz allein — verlassen! — Ja! das ist das Wort! So ist mirs wie verlassen.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen? — Wort des bittersten Schmerzes, nicht der Trauer! Wort der Pein! Wenn gräßliche Kälte, Leere, ewiges endloses Nichts dies arme Ich quälen, das wahrlich etwas bedarf, um sich ertragen zu können. Ja! ich bin verlassen! Kein Engel gesellt sich mehr zu mir und gießt aus seinem himmlischen Füllhorn, [75]das Einzige was dem Menschen heilsam ist, von aller süßer Empfindung — Trauer — in mein Herz. Ich bin verlassen, in meinen öden kalten Erdenverhältnissen allein! Kein Engel wird mich einst aufwärts leiten zu der ewigen Schönheit; allein werd' ich dahin kommen, und sie anschauen — wie die heutige Nacht.


am 18sten Aprill.

O laßt euch recht viel vorschwatzen von der menschlichen Glückseeligkeit, merkt auf wenn von der Wahrheit die Rede ist, und geht dann geschwind zu Bette, ihr werdet recht gut schlafen! Könnt ich allen meinen Empfindungen, so wie sie in meinem Innern rasen, einen Ton geben, und ruft' ich dann in diesem Tone euch zu: es giebt keine Glückseeligkeit, und die Wahrheit führt zur Verzweifelung: ihr würdet allen euren Glauben an diese Worte verlieren.

Nein! Nein! Nein! Ich bin auch ein Mensch, und ich bin nur elend. — Aber glaubt mir, ihr andern, ich möchte eure Glückseeligkeit nicht einmal theilen. Ich bin ein Rebell; und ihr seyd Sklaven, ich habe Muth und Verzweiflung wie ein Rebell, und danke meinem Vaterlande nichts; ihr wißt nur zu winseln. Ich thue, was ich will, weil ich mein Leben an alles setzen kann, ihr müßt thun, [76]was man will, weil ihr ängstlich zu erhalten sucht, was ich verachte.

Nein, ich danke dir nichts Natur! Du gabst mir nichts, was mir dies Leben erträglich machen könnte, und verdarbst mir alles was ich um meine Hütte angepflanzt hatte. —

O ein unbegreiflicher Muthwille scheint mich zu seinem Spiel geschaffen zu haben! Ein Herz, das unaufhörlich nach Genuß dürstet, und kein Mittel es zu befriedigen. Ich möchte lieber am Pranger stehen, als Jemanden merken lassen, daß mir meine Häßlichkeit so unerträglich ist, und doch, ist es wahr, beneid' ich jeden lächelnden Buben um sein menschliches Gesicht. Himmel, nur das, wenn ich nur schön wäre! Ha! wenn sie mir so erzählen, wie ihnen da ein wollüstiges Mädchen in die Arme gesunken, wie sie dort eine Götternacht gefeiert, und nicht ahnden, daß auch in meinen Adern Feuer rollt, daß ich um Liebe gern alles alles hingäbe; und ich denn ein kaltes satyrisches Air annehme, über Mädchen und Liebe spotte, während ich in diesem Drang von Empfindungen vergehen möchte! — O es ist rasend! — Die Einzige, die ich errungen hatte, ist hingeopfert. Marie, wie ist dir jetzt? — O sagt nicht ich habe sie geopfert! Ich liebte sie bei Gott mehr als mich, und nur sie allein, und der Ausdruck meiner Liebe war stärker, als meine Häßlichkeit, — sie gab sich mir hier das Wonnemädchen. Wir waren beide wahre Menschen, hatten [77]Kraft zu genießen, und schmeckten die höchste Wonne des Lebens. Ha! meine Fantasie verglüht an dieser Rückerinnerung! — Wart ihr denn nicht Rasende, als ihr mich umsonst auf den Knien flehen ließet, mir das Mädgen einst zum Weibe zu geben, wenn ich sie errungen, mich aufwärts zum Mann und Bürger würde gebildet haben? Wäre dann nicht alles wieder gut gewesen, das Verbrechen getilgt, das eure schiefen Begriffe und jämmerlichen Gesetze dazu machten? Aber — Nein! Ich war arm und häßlich, und hatte gleichwohl die Vermessenheit gehabt des Lebens Freude zu kosten. Dies durftet ihr mir nicht verzeihen. Ihr entzogt mir euern Beistand, verstießt mich, und quältet sie langsam todt mit euern Vorwürfen und Haß und Verfolgung. O wohl mir, daß ich alles abgeschüttelt habe was fromm und sanft heißt, daß ich euch doch nun bitterlich fluchen kann — Zerstörer ihr! Kalte entsetzliche Teufel! Die ihr den Pfiff versteht, die Gesetze um ihren Schutz zu betrügen, und außerdem die giftigste Brut seid, die man todschlagen sollte, wo man sie findet.

Gott! Gott! Wo kommen mir jetzt die Thränen her? Milder Thau des Himmels! Ach! aber auch sie spotten meiner! Ich soll nicht rasend werden, ich soll meine Quaal recht zergliedern, recht mit Vernunft mich martern: Darum mildern sie dieses wüthige Toben in mir.

[78]

am 25sten Aprill.

Zuweilen ist mirs, als gäbs doch noch eine Art von Glückseeligkeit — wenigstens von Gefühl gegenwärtigen Liebens für mich. Hab' ich nicht Muth und Kraft und eine Verzweiflung in mir, die allen Gefahren Hohn spricht, weil keiner mir etwas zu rauben vermag, das mir werth wäre. Wie! wenn mich das Schicksal geflissentlich auf diesen Punkt hätte bringen wollen? Ich sollte erst Thaten thun, erst dem Leben seinen Preis abverdienen, oder — es ekelhaft finden, und um die Lust zum Leben anzufrischen, etwas Gefahrvolles unternehmen? O gewiß! Unmöglich kann ja meine Quaal der einzige Zweck meines Daseyns seyn. In dem Menschen liegt ja alles, er kann ja, was er will. Der Fisch, den eine unruhige Welle an das Ufer wirft, windet sich auf dem trockenen Sande, und verschmachtet, aber der Mensch verträgt jedes Element. Und war dies nicht vielleicht der Gang, den jeder Held nahm? Er muß sich erst sein Leben verderben, muß nichts mehr darinnen finden, das seines Wunsches werth sey, um es verachten zu können. Die Rückkehr in seine Knabengefilde zu jener ruhigen Glückseeligkeit muß ihm abgeschnitten seyn. Er hat keine Wahl mehr; entweder muß er sich der Verachtung, dem niedrigen schmutzigen Insektenleben hingeben, oder mit seinem Elende wuchern. Er fürchtet nichts, weil er nichts zu ver-[79]lieren hat, er ist allein frei und ausgenommen von allem Gesetz. Denn er ist schon gerichtet; er darf Flüche für sie alle auf sich laden, denn er hat kein Mitleiden mehr zu hoffen und will keins. Er ist die Hand des Rächers und darf alle Thaten thun. Ja! — Giebt es nicht auch zwei Kräfte in der Natur, eine, die erzeugt und hegt und pflegt, und die andere, die zerstört und aufreibt? Und so, Mensch, entweder pflanz Bäume und zieh Kohl in deinem Garten, und iß ihn ruhigen Sinnes mit deinem Weibe und deinen Kindern: oder, wenn du diesen deinen ruhigen Sinn verloren hast, wenn dir ekelt vor dem Kreis deiner stillen Glückseeligkeit, so schlag nieder, verdirb mit der nämlichen Natur, mit der du vorhin aufbautest!

Nur ein leeres Leben ist ein klägliches Leben. Wo kein Genuß ist, und keine Thaten, was ist da das Leben? Besteht es nicht aus einem Stücke Zeit? und die Zeit ist ja nur eine Folge von Begebenheiten. — Auf! Auf! mich durchfleußt ein neuer Odem, ich trinke die Luft höherer Sphären! Offenbarung hat sich in meine Seele gesenkt — ich frage nicht wohin? nicht warum? In diesem Wollen liegt die Antwort auf alles. Glücklich mag die Turteltaube seyn: mir geziemts alle Glückseeligkeit zu verachten, und zu zertreten. Ich bin nur heiße Gier und Raub und Aufschwung sonnenwärts! —


[80]

am 26sten Aprill.

Wie lächerlich, daß ich noch in irgend etwas Befriedigung suche! Thaten? — was thun? die Zeiten der Thaten sind vorüber wie die des Genusses. Man kann nicht mehr die Welt durchziehen um sie von Ungeheuern und Räubern zu befreien. Man kann kein einzelner Mensch seyn, und als selbstständiges Wesen aus eigner Kraft und eigenem Triebe handeln. Die Welt ist in Ordnung; alles steht an seinem Platze, und leiert da vom Morgen bis zum Abend an seinem Rade, und bekümmert sich den Henker darum wozu das gut sey? Genug daß sie ihr täglich Brod haben und keine Schläge bekommen. Seid Ihr Menschen? — womit wollt ihr mir das beweisen? An eure Stelle abgerichtete Esel, und alles gienge den nämlichen Gang. Fällt euch dann nicht wenigstens zuweilen die Frage ein: Für wen, wenn nicht für uns? — Doch still! im Gebrause des Rheins bebt schon mancher Ton herüber wilden frohen Freiheitsgesangs. Mein Volk horcht auf; — wie wenn ich sein Barde würde, und dann sein Massaniello? — Sein Barde? Ach Gott! — Trüg ich nicht die Verdammniß in meinem Busen! hätt' ich jene Geistesstille, jenes Gerechtfertigte, — Gefühl des Wohlgefallens des Obersten der Geister, jenes kindliche Lallen, das alles sagen darf in seiner Unschuld und einfältigen Herzenshoheit, dem kein Gefühl widersteht! — In meinem Busen ist ein ewiger höllischer Krieg. Lauter [81]Ankläger, lauter Verdammungsurtheile; kein Vertheidiger, kein Entschuldiger! Mir bleibt nichts übrig als zuweilen, wenns zu viel wird, wenn das Maas meiner Quaalen überläuft, in meiner Verzweiflung, wie Herkules in die Flammen mich zu werfen, und mein Martern hinweg zu martern. Herkules! — Ja ich bin gewiß so überzeugt wie er, daß dies Leben für mich nicht taugt; aber hätt' ich auch seine Entschließung! — Doch ist es warlich nicht Furcht vor dem Tode die mich abhält. Wahrlich nicht! Aber — soll ich denn wie ein Polyp aus diesem Leben hinausgehen? Soll ich gar kein Andenken mitnehmen und zurücklassen? Hu! Vergessen! wer den Tod wünscht, der wünscht darum keine Vernichtung. Im Grunde ist es doch nur die Hoffnung seine gegenwärtige drückende Verhältnisse — wenigstens zu verwechseln. Aber vergessen, weggetilgt seyn, das ist dem menschlichen Geiste so unerträglich wie die Leere: er kann und mag sie nicht denken.

Wohl, ich will jede That begierig aufhaschen, wie ich als selbstständiges Ich handeln kann, mich in alle Begebenheiten einmischen, jeder Gefahr meine Brust bieten. Vielleicht begrab' ich mich denn einmal unter den Ruinen einer meiner Unternehmungen; und, wird das Auge der Liebe mein Grab gleich nie benetzen, so sollen sie doch sagen müssen: Hier liegt er!


[82]

am 5ten May.

Begegnet mir gestern der Hofrath Engel vor dem Pilgersthore — Ein seltsamer Mann, der sich durch die Mühseeligkeiten des Lebens hindurchgeschlagen, und ein reines Herz, guten Willen und Heiterkeit gerettet hat. Ich hätt' ihn hier noch nicht besucht. Was soll ich auch bei ihm? Ich ehre seine Güte, und darum mag ich ihn nicht betrügen, und großen Geist hat er nicht genug, um mich unter seinen Stolz zu beugen, dem er auf allerlei Weise ein Mäntelchen umzuhängen weiß; und außerdem ist er immer mit einer Menge von jenen wohlgerathenen Söhnen umgeben, die ohne Zuchtmeister nicht leben können, und immer eine Ruthe fein von zu Haus mitbringen, und nebst gehorsamer Empfehlung von Papa und Mama an einen, der so gut seyn will, sie mannichmal durchzupeitschen, überliefern. Es geht denn alles so sittsam und verständig in diesen Gesellschaften her, daß man meint, man höre den Nathanael und Polykarpus in Joachim Langens Kollegien konversiren.

Er. Ei, Herr Weiler, muß mans denn dem Ungefähr danken, wenn man Sie einmal hier zu sehen bekömmt!

Ich sagte ihm so eine gewöhnliche Entschuldigung.

Er. Wie leben Sie? wie gehts Ihnen? —

Ich. (Bekam über die Frage wirklich einen Anfall von Lautlachen? Hm! wie gehts Ihnen, [83]Herr Prometheus an ihrem Felsen?) Ich antwortete: Ich würde besser leben, wenn ich mehr in der Vergangenheit leben könnte. Dies schien mir in dem Augenblick eine Klage zu enthalten, und klagen wollt' ich nicht. Ich setzte also hinzu: Wer ist überhaupt wohl mit seiner Gegenwart zufrieden? Der Glückliche klagt mit Recht, daß sie immer fliehe, nie wirklich da sey, und dem Unglücklichen ist sie eine Fessel, die er allenthalben unmuthig mit sich herumschleppt.

Er. sah mich eine Weile an, als woll' er Etwas in mir lesen. — Kann ich Ihnen dienen?

Ich. Sie nicht und kein Mensch.

Er. Junger Mann, Sie täuschen sich. Ihre Leiden scheinen Ihnen unbezwingliche Ungeheuer. Muth und ein tapferer Angriff, und die Truggestalten schwinden!

Ich. Herr Hofrath! — Ich bin verkannt, verlassen, dahingegeben, geschändet — ich und meine Henker sind allein! — O! Sie wissen ja alles, wissen, daß auch in der That die Gerechtigkeit Recht hatte, mich dieser Einöde und meinen Martern zu übergeben. — Was ist noch an mir zu retten? Höchstens könnte man meine äußern Verhältnisse ein wenig ausbessern, und diese sind es gerade, die mich in all diesem Gedränge am wenigsten pressen.

Er. Hätten wir nur erst Ein Glied wieder gesund, die andern werdens dann oft von selbst: Er-[84]innern Sie sich noch des ersten Jahres in H...? Damals waren Sie doch wohl glücklicher? —

Ich. Ich weiß was Sie sagen wollen. Damals lebt' ich still und schien tugendhaft, und that meine Pflichten. Man glaubte, ich bereue meinen Fehler, und sei auf dem Wege der Besserung, und nun meinen Sie, solle ich so fortgefahren seyn. Lieber Herr Hofrath! Ich übte eine menschliche Tugend, ihr Preis wurde mir entrückt, ich mochte mich nicht mehr um ein leeres Ziel entathmen.

Er. Preis der Tugend! — Sie ist selbst Preis.

Ich. Gewiß! das muß sie nach meiner Ueberzeugung allerdings seyn, und eben darum glaub' ich daß ich nie tugendhaft war. Preis! Ohne Zweifel! Preis der Vollkommenheit. Erst lassen Sie uns diese erlangen, dann kann erst von der Tugend die Rede seyn, in so fern sie Preis genannt zu werden verdient. Was man jetzt von einem tugendhaften Mann fordert, ist, die Wahrheit zu gestehen, nichts als eine blinde Grausamkeit gegen sich selbst. Ewiger Krieg mit Begierden und Leidenschaften, ach! die ihm doch alle so lieb sind. Man ehrt die Thräne des Helden, die er nach gewonnener Schlacht, auf dem Wahlplatz, über seine Erschlagenen vergießt; und soll der Mensch nicht trauern um eine Leidenschaft, die er, wie ein liebliches Mädgen, den Verhältnissen, der Barbarei unserer Einsichten, unserer Gesetze und Verfassungen opfern mußte? [85]Dieser moralische Krieg ist so gut eine Geburt unserer Barberei wie jener, wo es Menschenleben gilt.

Werden wir alle einst so weit kommen, daß wir die Stimme der reinen Wahrheit zu hören vermögen, werden wir einmal die Kinderschuhe vertreten, jenes zänkische eigensinnige grillenhafte Wesen fahren lassen, dann rotten wir uns nicht mehr zusammen, von der Betrügerei entflammt, um ein Land zu erobern, wo vor einigen Jahrhunderten ein außerordentlicher Mensch gelebt hatte, oder um Leute zu zwingen, daß sie künftig nicht mehr diesem, sondern gerade dem Menschen gehorchen, dessen Sklaven wir sind; und eben so wenig werden wir dann nöthig haben uns gegen unsere Neigungen zu erklären. Wir werden dann keine Helden mehr haben, verdammt in ewigem Widerspruch mit sich selbst zu leben, aber wir werden alle Menschen seyn, und uns daran genügen.

Er. Aber wenn der Krieg, wie Sie sagen Barbarei ist, wenn wir erst dann reine Menschen sind, wenn diese Barbarei aufhört, so ist es doch wohl indessen jedes biedern Mannes Pflicht dieser Vollkommenheit von seiner Seite entgegen zu kommen, von seiner Seite wenigstens keinen Krieg, das ist, keine gewaltsame Auflösung sich widersprechender Prinzipien, zu veranlassen. Der Mann der folglich so handelt, daß der Grundsatz, worauf seine Handlungen gebauet sind, wenn er der Grundsatz der ganzen Welt wäre, alle Disharmonie aufhübe, trägt [86]das seinige zur Vervollkommnung der Menschheit bei, übt, was wir nennen, Tugend.

Ich. (roch Kompendien-Geschwätz, und wäre bald ärgerlich geworden.) Da steckts ihm eben: wenn er der Grundsatz der ganzen Welt wäre! Müssen wir uns die Menschen nicht immer in einer gewissen gesellschaftlichen Verbindung denken? diese beruht auf Gesetzen, wodurch man sich ihrer Dauer hat versichern wollen, man ist aber übrigens unbekümmert gewesen, wie sich der einzelne Mensch dabei stehe, ob die individuelle Natur des Menschen nicht gerade diesen Gesetzen widerspreche? Heißt das nicht von außen gegen den Feind sich verschanzen, und innen verhungern, oder sich unter einander aufreiben? So besteht denn unsere Tugend in Aufopferung unserer menschlichen Rechte, um der Dauer einer Gesellschaft willen, die uns für all das kaum Sicherheit gewährt. Daher kommts, daß wir in jedem Zeitalter fast eine andere Tugend antreffen. — Ich spreche von der Tugend, wie sie unter dem Volke lebt, wie sie uns ihre Redner und Dichter geben, nicht von dem Gerippe, das die Schulen von je her aufstellten, das todt ist an ihm selber, und höchstens der Vollständigkeit wegen, und um des Kunstkenners willen da steht, wie das meiste in den Schulen. Die Tugend eines Homer eines Euripides heißt: Handele, und verdiene damit dem Leben seinen Reiz und sein frohes Gefühl ab; die Tugend eines Klopstocks, eines Hermes, eines [87] Addissen, heißt: entbehre, und schmachte nach einer bessern Zukunft!

Setzen Sie einen Menschen in die bestmöglichste Gesellschaft, das ist in die, wo die Dauer des Ganzen die wenigste Aufopferung des Einzelnen verlangt, und er wird tugendhaft seyn — oder es giebt einen Teufel, der den Menschen zum Bösen Lust macht, und eine Erbsünde, und wer weiß was alle noch für unerklärbare wunderliche Dinge.

Er. Ihre Philosophie kann nie die meinige werden, so wie Ihre Unzufriedenheit nicht die meinige ist. Ich hatte nie starke Leidenschaften, nur Hang; und da ich früh an Leiden und Entbehren gewöhnt ward, so bekam ich dadurch eine Biegsamkeit, die mich alle die Formen annehmen ließ, die mein Hang nothwendig machte, und so erreicht' ich, unter beständiger Resignazion, meine Wünsche. Was ich Ihnen daher etwa rathen möchte, würde aus meiner Eigenthümlichkeit fließen, und kann in Ihren Grundsätzen freilich nichts ändern. Nur daran lassen Sie sich noch erinnern, daß diese Leidenschaften, deren Befriedigung Ihnen jetzt so unentbehrlich zu Ihrer Glückseeligkeit scheint, befriediget oder nicht, dereinst erkalten, daß Ihre Wünsche dann eine ganz andere Richtung nehmen, daß Sie dann vielleicht, wenn stille bürgerliche Häuslichkeit und Familien-Glück, Wiederaufleben in seinen Kindern, in guten Menschen, die man glücklich gemacht hat, Ihr einziger wahrer Genuß des Lebens seyn würde, daß [88]Sie dann doch vielleicht die Jahre wieder zurückwünschen, wo Sie sich all das bereiten konnten, und die eben Ihre gegenwärtigen sind. — Bedenken Sie dies, und wissen Sie, daß man Sie beobachtet, um Ihnen, im Fall Sie gewisse Forderungen erfüllen, wieder beizuspringen, und daß man aus Ihrem hiesigen Leben schon anfängt zu hoffen.

Ich wollte reden, er verließ mich aber, und sagte nur noch: Sie verstehn mich, ich erwarte Sie bald wieder bei mir.

Ja, ich verstehe dich ehrliche Haut: aber — mein Leben sei nun künftig, welches es wolle — so sollt Ihr, die ihr meine Marie tödten konntet, wahrlich nie den Triumph haben mich meiner Besserung wegen zu belohnen. Elende Menschen! warum ließt ihr mir Sie nicht, um die ich alles alles gethan hätte? und ich sollte mich Euch zu gefallen bestreben, um euren Beifall, wie ein Schulknabe, ängstlich seyn? Ich habe nur Eine Empfindung für euch alle — Rache! denn ihr habt mir alles gemordet, Sie und meine Empfindung für das Gute, und mein ganzes irrdisches Gedeihen.

O Marie! Mädchen des Himmels! warum trennten uns diese Rasende wohl? —


am 22ten May.

Nein! kein schlechter Mensch bin ich, sonst würden die schlechten Menschen nicht so erbärmlich vor mir dastehen.

[89]

War das deine Absicht, guter Bursche? Nein beim Himmel! mit dir und deines gleichen werd' ich nie gemeine Sache machen. So ein jämmerlicher furchtsamer Bösewicht! Aber, wollt' er nicht schon einmal ein Pasquill von mir gemacht haben? Ich begreife nicht, warum ich ihm das so hingehen ließ? — Ueberhaupt muß das der Wiegand verrathen haben, daß ich Verse mache; die Leute, die mich hier kennen, machen ordentlich Prätensionen an meinen Witz. — Als ich ihm das abschlug, kam er seltner zu mir, und vermied mich endlich ganz, und ich glaube nicht, daß ihn die Art, wie ich unsere Bekanntschaft erneuert habe, eben erbaut hat.

Aber warum trägt mir auch diese Handlung nicht die Frucht des Wohlgefallens? — Freilich ist die Zeit nun vorüber, auf welche Wiegand vorausbezahlt hatte, und ich brauche eine andere Wohnung. Freilich kann es seyn, ich sage, kann seyn, daß ich mich um die ganze Niederträchtigkeit nicht bekümmert hätte, wenn ich mich nicht gerade um eine andere Wohnung zu bekümmern gehabt hätte. Aber auch dieses kann seyn mich um den Genuß einer Handlung zu bringen, die ich doch auch eben so wahrscheinlich vielleicht auch ohne Rücksicht auf Vortheile gethan hätte! — Freilich müßt' ich nun den Vortheil ausschlagen. Aber was dann anfangen? Ists nicht besser, ich nehme dies Zimmer an, als daß ichs vielleicht einem andern schuldig bleibe? Die-[90]ser hat mirs doch schon umsonst angeboten, und ich betrüg' ihn daher auf alle Fälle nicht. Genug ich werde einziehen, und just ihn suchen zu bezahlen. Vielleicht bringt mir mein alter treuer B.. in W.. ein Bändgen Gedichte an den Mann — betrogen wird freilich immer, indessen kanns das müßige Publikum immer eher verschmerzen, das es ja nicht besser haben will, als er, der bei aller phlegmatischen Muthlosigkeit, doch eine ganz gute Art Mensch zu seyn scheint.

Was er nun wohl beginnen wird? In der That, ich wollte er wagte sich an mich, auf welche Art es wäre, heimlich oder öffentlich, ich möchte einmal, um mir die Langeweile zu vertreiben, so eine kleine Hetze haben. Sah er nicht aus als wollt' er das Fieber kriegen, als ich mit meiner übermüthigsten Mine zu ihm in das Zimmer trat?

Ich. Herr Müller, es ist billig, daß ich Ihnen einen Vorgang melde, worauf Sie und Ihre Freunde, mit welchem Rechte und Nachdruck? — werden Sie unter sich berichtiget haben, eine fürchterliche Drohung gesetzt haben. Ich werde ein Zimmer in dem Erfaischen Haus beziehen.

Er. Das freut mich um der Nachbarschaft willen. Uebrigens muß ich bekennen, daß ich Sie nicht ganz verstehe.

Ich. So muß ich mich wohl erklären. Herr Müller, ich fordere Sie und Ihre Freunde auf, Ihre Drohungen, womit Sie den ersten Miethmann [91]des Herrn Steuerrath Erfa heimzusuchen sich verbunden haben, an mir wahr zu machen, denn in dreien Tagen wohn' ich in seinem Hause.

Er. Wunderlicher Freund, ich verzeihe Ihnen zum voraus, Ihre Hitze —

Ich. O Herr, wir kennen uns, denk' ich, was brauchts da der Ausflüchte? Ehe ich zu Ihnen gieng, wußt' ich, daß Ihre Feigheit Seitensprünge genug machen würde. Die Wahrheit zu gestehn will ich blos meinen Spaß mit Ihnen haben: Denn; warlich, daran dacht' ich keinen Augenblick, daß Sie Ernst machen würden. Diese Art zu handeln wäre, Ihre Feigheit abgerechnet, zu offen, zu deutsch für Sie, nicht in Ihrem Lieblingsgeschmack dem Italienischen.

Er. (Indem er etwas hinunter zu schlucken scheint.) Wenn Sie deutlicher sprechen wollten, so würd' ich wenigstens erfahren, was Sie zu allen diesen Beleidigungen veranlaßt?

Ich. Nun denn so hören Sie Ihre eigene Geschichte. Sie hatten den ehrlichen Rath Erfa in Verdacht, als habe er Ihrem zukünftigen Schwiegervater die Augen über das Unglück, das seiner Tochter und seinem ganzem Hause durch Ihre Verwandtschaft droht, öffnen wollen. So brav dies immer gewesen wäre, so hätte das ganze phlegmatische Wesen dieses Mannes Sie an diesem Beweise eines freundschaftlichen Eifers sollen zweifeln lassen. Allein eine bloße nichtswürdige Vermu-[92]thung war Ihnen genug, und herzlich willkommen, weil Sie Ihnen doch immer Gelegenheit gab boshaft zu seyn. Nun — geben Sie Acht: Zuerst griffen Sie Ihren Feind mittelbar, aber um desto empfindlicher an. Sie suchten seine Tochter um das Kostbarste, was ein Mädgen in unsern Tagen hat, um ihren guten Ruf zu bringen. Herr von B.. der einen unwiderstehlichen Hang zu läppischen, und nach Befinden, schlechten Streichen hat, ließ sich mit leichter Mühe zu Ihrem Werkzeug machen. Er bestach des Erfa Magd, und diese spielte ihm einige Briefe ihrer Mamsell in die Hände, die am Ende doch weiter nichts aussagten, als — daß sie mit einem jungen Manne in Briefwechsel stehe. Diese wurden nun in allen öffentlichen Häusern abgelesen. Eine Zeitlang amüsirte man sich damit, badinirte sich darüber, und endlich gähnte man, und das Mädchen blieb wer sie war. Jetzt giengen Sie weiter. Herr von B.... der, wo möglich, gern den Liebesritter spielt, mußte an die Erfa schreiben, um eine geheime Zusammenkunft bitten, wo er gewisse Dinge von Wichtigkeit entdecken wolle. Um sie von der einen Seite sicher und von der andern unruhig zu machen; führte sein Brief, für jenes, eine Menge moralisch-empfindsamer Sittensprüche im Munde, für dieses die Nachricht, daß boshafte Leute ihre Briefe in ... wollten in Druck geben. Die Erfa that, was jedes ehrliche Mädgen in dem Fall thun muß, sie zeigte den Brief ih-[93]rer Mutter, und Herr v. B.. erhielt ein Abschlagsdekret. Nahm das Mädgen den heimlichen, und, wie weislich hinzugefügt war, nächtlichen Besuch an, so war sie verlohren. Herr v. B.. steht in dem besten Rufe der nöthigen Frechheit, um Glück bei den Damen zu machen; den Tag darauf würde man in der ganzen Stadt gewußt haben, daß er eine Nacht bei der Erfa zugebracht habe, und — mochte nur geschehen seyn was wollte, so glaubte die Welt das Aergste. Schade um den vortreflichen Plan, daß er an der Einfalt eines Mädgens scheiterte.

Er. Sind Sie fertig?

Ich. Noch eine kurze Gedult. Zum Glück fanden Sie selbst unter des Erfa Hausbewohnern einige junge Leute, die sich gegen ihn aufbringen ließen. Sie emanzipirten sich, es schlugen sich noch andere Wildfange zu ihnen, und kurz — es kam zu jener förmlichen Revolte, woran auf die Letzt bald die Bürgerschaft, die den ehrlichen Erfa liebt, Theil genommen hätte. Das Haus stand nun leer, und Ihr Haß und Ihre Verfolgung bedrohte den ersten, der es wieder bezieht, und, mit diesem Fluche behaftet, steht es wirklich noch leer.

Er. Und Sie wollen sich nun der bedrängten Unschuld annehmen?

Ich. Keinen Spott, wenn Sie gern in heiler Haut schlafen! Jetzt sagen Sie Ihrem Komplott: Ihren Anführer hätt' ich vor einen nichtswürdigen [94]Buben erklärt. Dies ist ja wohl das Mittel, sie gegen mich aufzubringen: oder — haben sie diese Erfahrung schon selbst gemacht? Auf alle Fälle finden Sie sämmtlich mich bereit Ihnen über alles Red' und Antwort zu geben, ich sei in dem Erfaischen Hause zu erfragen, wo ich künftig wohnen würde.

Er. (fast weinend) Recht gut Herr Weiler, die Gerechtigkeit wird mir gegen Ihre Insulten Hülfe schaffen.

Ich. Elender Bursche! Hast Du denn so gar nichts von einem Manne, daß Du nicht einmal bös zu machen bist? Die Gerechtigkeit! Was müßte das für eine Gerechtigkeit seyn, die Dir nicht wenigstens den Pranger zuerkennte? Pasquillant!

Er. O das ist abgethan. Ich habs ihm selbst gestanden, und er hat mir verziehen.

Ich. Haben Sie ihm auch sonst alles gestanden? Auch den Plan, den Sie mit der .. auf sein Vermögen Ehre und guten Nahmen gemacht haben? haben Sie ihm gestanden, daß Sie im Begriffe sind, seine Tochter zum beklagenswerthesten Geschöpf unter der Sonne zu machen? — Ich bins müde Ihnen Ihre Ränke alle vorzuerzählen, aber Sie wissen, was ich dokumentiren kann. Wollen Sie sich noch mehr auf die Gerechtigkeit berufen?

Er. Mich dünkt Sie wurden, Ihrer guten Aufführung wegen, doch auch nicht von G.. weggeschickt. Ueberhaupt befremdet mich dieser Ton an Ihnen ungemein. Wir waren sonst so gute [95]Freunde, und könntens noch seyn, wenn Sie nur wollten. — Wer weiß ob ich Ihnen nicht einmal nützlich seyn könnte?

Ich. Warum nicht gar mein Gönner! Ha! ha! ha! Leben Sie wohl theuerster Gönner!

Und so gieng ich zur Thür hinaus, und hört' ihn auf der Treppe noch lachen, aber das Instrument klang doch ein wenig verstimmt.

Nun in dreien Tagen werd' ich also eine neue Wirthschaft anfangen. Mein Zimmerchen ist klein aber bequem und lüftig. — Ich weiß nicht wie mir geschieht, aber ich freue mich recht darauf. Wenn mir Gott Ruhe schenkte, so wollt' ich einmal wieder lesen und schreiben — Unser Vater! o Ruhe, Ruhe und Geistesstille! — Ach! jetzt ist mirs einmal so, als könnte mirs wohl seyn! Wie lange wird das dauern.


am 15ten May.

Evan! Evoe! Io! Bacche Triumphe! credite Posteri! vidi Bacchum! —

O ich kann kaum noch lallen! aber süß süß! — süßer Wahn! — Weg mit aller Wirklichkeit, und aller elenden gegenwärtigen Beschränktheit! — Wein und Mädgen und Musik und Gesang — und der Mensch ist ein seeliger Gott! — Gesang! O ihr himmlischen Mächte! was hat sie in meinen Busen gesungen? Wonne? Schmerz? — Nein! [96]Nein! Nein! — Sie in den Arm nehmen möcht' ich, und mich aufschwingen — ewig hoch! und dann — o meine Wünsche können nicht sagen, was all ich möchte. Evan! Evoe! — Ha ich hör' ihn daher schallen durch den Forst den mächtigen Jubel! Kraft und Wollust und Rausch! — Sie taumeln daher, sie stürmen daher! Allüberschwenglich reißts mich hin! Ich muß, ich muß unter sie! Ich muß hier sterben, von ihren Thyrsusstäben hingemartert — Ha süß, süß! —


am 16ten May.

Nein, es ist nicht wahr! Nichts ist wahrhaftig geschehen. Mich hatte der Wein umnebelt, und meine Fantasie schwamm in seeligem Rosenlichte. Sie — mein? — Das hat sie nicht gesagt, aber fühl' ich ihre Küsse nicht noch? durft' ich sie nicht fest an meine Brust drücken? Nannte sie mich nicht Du, und reichte mir den Becher auf Du und Du? — Hätte mir denn Ein Tag alles alles wiedergegeben? Sie! — O ihr himmlischen Mächte! wenn es nicht wahr wäre, wenn ich sie wieder verlöre, dann, ihr, die ihr so unbegreifliches Spiel mit mir treibt, mich bald hinab stoßt in die Hölle der Verzweiflung, bald wieder mit himmlischem Aether meine Schläfe kühlt, dann ist es Wink von euch nicht zum Drittenmale das Leben anzufangen, dann muß ich fort! Sie! o wäre es möglich? wollt ihr [97]Sie mir geben? O so habt Dank für alle eure Quaalen! Lenker meines Schicksals! Hier lieg' ich im Staube, und weine dir meines Herzens Anbetung und Dank. Schütt' alle Erdennoth auf mich herab, laß jeden Schmerz mich durchfühlen! Immer werd' ich dich mit froher inniger Kinderliebe: Mein Vater, nennen. — Lenker meines Schicksals! — O laß mir Sie, Sie! Und wenn ich thöricht bitte, — o so kommen alle Folgen dieser Thorheit über mich! Ich habe ja die Verzweiflung in meinem Herzen herumgetragen, und kann nun alles alles tragen! Ach Sie! Sie! Hier strahlen alle meine Wünsche in einen Glühpunkt zusammen. Was ein Mensch thun kann, will ich thun um Sie. Hinweggeschwunden ist der Nebel, der schwer und giftig auf meinem Leben lag; meine Kräfte treiben wieder aufwärts; heiter und sonnig liegt alles um mich her; Meine Prüfung ist aus, ich bin wieder ein glücklicher, wonnefühlender Mensch.

Und doch ist mirs immer, als müßt' ich zweifeln. Mein verwöhntes Auge vermag den Strahl des Tages noch nicht zu ertragen, und doch ist es gewiß gewiß wahr! Wars nicht, als wenn die Natur und alle Menschen meine Wiederaufnahme mitfeierten? — O ich muß mir alle Augenblicke, alle Räumchen dieses einzigen Wonnetages aufzeichnen. Nichts darf verlohren gehen, und wenn ich [98]mich selbst verliere, so will ich mich hier einst wiederfinden.

(Die Fortsetzung folgt.)