ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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5.

Theanthis und ihr Schweizerphilosoph.

Obereit, Jakob Hermann

Eine psychologische Geschichte.

Die größte Geschichte gebiert sich aus Nichts, sagt ein alter Dichter. So fängt eben meine kommende Geschichte von einem einfältigen Mädchen an, das der klugen Welt wie Nichts ist, das den Nahmen einer Einfältigen doppelt verdient, denn mit Einfalt der physischen Natur in ihrer simpeln Schönheit trieb es auch die Einfalt der moralischen Natur aufs höchste, nahm damit einen von Natur kaltsinnigen armen Philosophen ein, der beiderlei Einfalt im Wahrnehmen, Denken, Handeln zu beobachten gerade geneigt und beflissen, allmählich beide zusammen im Gleichgewicht, das die ganze Welt erhält, nach seiner guten Meinung zur wesentlichen Einfaltsmetaphysik zu befördern dachte, wie ihm diese endlich popularisirt, und allgemeinnützig ein durchgängig praktisch gültiges Einfaltsgesetz der allgemein nothwendigen Beziehung aller Philosophie und Vernunftkritik gab; Jedem seine Behörde: Friedrichs des Großen Symbolum, den Inbegrif aller Weisheit in allgemeiner harmonischer Billigkeit, da diese Billigkeit die lautere Vernunft selbst [89]in aller Höhe, Tiefe, Breite und Länge der anständigen Menschheit wohl seyn soll, die allbefriedigende Convenienz, was bringen sonst alle gute Beobachter, Denker, Vergleicher am Ende aller Menschlichkeit und Toleranz heraus? —

Toleranz bedürfen wir alle, wie der Philosoph meiner Geschichte und seine einfältige Schäferin, die einander nach achtzehnjähriger Herzensbekanntschaft endlich auf einem mit Wolken umgebenen Bergschlosse heiratheten, nach tausend durchdrungnen und überstiegnen Schwierigkeiten, Proben und Gefahren, nachdem er gut das 51ste, sie aber das 42ste Jahr zurückgelegt hatte.

Jacob und Rahel waren nicht so alt, als sie einander um den Preis von vierzehn Dienstjahren zum ganzen frohen Besitzrecht erhielten. Da siehest du schon, liebe Lesegesellschaft von Ost, West, Süd oder Nord! wenn je diese Seltenheit das Glück hat, dir unter Augen zu kommen, daß die Geschichte von Nichts zu einer der größten Merkwürdigkeiten steigt. Da giebts auf einmal einen schönen großen Standpunkt, weit hinter sich und vor sich miteinander zu sehen. Wen siehest du lieber zuerst? das Frauenzimmer geht voran, sagt das Sprüchwort der Mode, und die Schönheit der Natur sieht man auch eher als den Verstand darin, davon, darzu, nicht wahr?

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Unsre einfältige Schäferin war, nach gewissen gemurmelten Nachrichten, ein Kind der Liebe, das erste ihrer Eltern, die ziemlich geschwind heirathen mußten, damit nicht etwan eine frühe Frucht voraus komme. Noch ziemlich glücklich und nicht gar zu frühe kam ein engelschönes Töchterchen ans Licht der Welt, in einer Schäferhütte auf dem Lande, wohin sich die Mutter im Herbst geflüchtet hatte, um nicht zu viel Beobachter umher zu haben. Sie war aus einem vornehmen Hause in der akronischen Insel und Seestadt Tiliane, und hatte eine aus dem dreißigjährigen Kriege gerettete Gräfin von Taxis zur Ahnfrau. Uebrigens war sie, nach Art mancher Vornehmen, sehr nachlässig erzogen, eher verwahrloset, allem Leichtsinn und Eigensinn Preis gegeben, daher sehr natürlich Fälle der Ausschweifung bei frühen Reizungen kommen. Der Gemahl, den sie heirathete, war ein stolz begüterter und wohlgereiseter Posamentirer, lustig für die Langeweile, gar bequem aus Trägheit, stolzem Eigensinn und Wollust zusammengesetzt; das Paar da, es mochte nun so viel zusammen bringen, als es wollte, verstand sich, dem Naturel und seinem Costume nach, ein Bischen zu wenig aufs Haushalten, machte so ein paarmal Bankerott, konnte bald sich kaum selbst mehr erhalten, und so mußte dann das erste Kind, die älteste Tochter, die nun vorsichtig strenger nach Ehre, als die Mutter, erzogen ward, nach ihrem zwölften Jahre schon in die Dienste andrer Vornehmen ge-[92]hen, inzwischen noch drei Kinder, zwei Töchter und ein Knabe, darzu gekommen, die nun kaum mit Noth zu erhalten waren.

Der kümmerliche Zustand währte eine Weile so fort, bis der Philosoph, als Arzt, wegen des kranken Knaben, zu denen Eltern kam, und diese bald in ein neues helles Haus, zu besserer Bequemlichkeit der Arbeit, und ihres kleinen Handels damit, zur Miethe ziehen konnten; da machte er ihnen dann größern Muth zum Fleiß mit dem herzhaften Rath, einen verständigen Gesellen, den sie lange vorher gehabt hatten, aus der nunmehrigen weiten Entfernung ausdrücklich wiederum zu sich zu rufen, einen Menschen, der Geschicke und Munterkeit genug hatte, die vortheilhafteste Aufsicht, Einrichtung und Betreibung der Arbeit und des Handels zu besorgen; das geschahe, und damit konnten auch mehr Arbeiten gefördert und mehr Gesellen dabei unterhalten werden, daß es wie eine kleine Fabrik wurde, da schon außer dem Hause geringern Meistern und andern Armen einige dienliche Arbeit gegeben werden konnte. Dadurch wuchs aber die Haushaltung und deren Verwaltung so sehr an, daß die Frau Hausmutter, die, aus Schuld eitler Erziehung oder Verwahrlosung, in der Küche und einer großen Hausordnung nicht sehr beschlagen war, und zu dem Anwachs des Hauswesens eine eigne Magd noch zu kostbar fand, in tausend Aengsten und Verlegen-[93]heiten gerieth, zumal da ihre jüngeren Töchter, noch zu klein, schwach, wild und flatterhaft, mehr verderben als gut machen konnten.

Die älteste Tochter aber, die Theanthis unsrer Geschichte, war nun in Diensten eines der vornehmsten Häuser in Archabone, einem der kleinsten See- und Handelsstädtchen, das doch in bequemer und schöner Lage auf der Schweizerseite des akronischen Seees verschiedne große Handelshäuser von patricischem Adel aus Schwaben enthielt, die nach Italien, Frankreich und so weiter handelten, auch in Lyon eigne Häuser und Gewerbe hatten.

Eins dieser patricischen Handelshäuser hatte nun Theanthis als Köchin und Kinderwärterin schon viele Jahre bedient, und darin dreien Damen von der edlen Familie aufzuwarten, die da ziemlich gut zusammen lebten, und miteinander das Haus voll Leute regierten.

Es läßt sich sonst kaum einer einzigen delikaten Dame was recht genug machen, geschweige denn dreien zusammen. Theanthis vergnügte durch einfältige Treue, Ordnung, Fertigkeit und Munterkeit alle dreie so sehr durch etliche Jahre, daß sie solche gerne beständig behalten hätten, und ihr alles vertrauen mochten. Wie nun auf dieser Erde nicht leicht ein Gut ist, das nicht ein benachbartes Uebel zum Kreuz darüber hat, so fand sichs auch hier.

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Der junge Herr des Hauses, in voller Blüthe und Vergnügung bei einer schönen, guten, klugen und herzhaften Frau, war doch etwas zu munter und galant, um nicht endlich an der schönen Jugend und Treuherzigkeit der Theanthis, die er anfangs nicht zu achten schien, zu viel Reitze oder Gefallen zu finden, wiewohl sie, was sie ihm aufzuwarten hatte, immer so gerad, kurz und still ehrerbietig fertig machte, als möglich; im letzten Jahre ihres Aufenthalts in dem Hause wurde er oft zudringlicher mit reizenden Reden und versuchten kleinen Karessen; davor hatte sie aber mehr fliehende Furcht und Abscheu als vor Widrigkeiten und Strengigkeiten, die sie in ihrer Eltern Hause schon gut ertragen, und zum Besten still nutzen gelernt hatte, denn sie ließ sich die Widrigkeiten und Nöthe gerade zu Gott treiben und zum Halten des Herzens an Ihm, dem sie alles Gute dankte. Die schlechtesten irrdischen Umstände ließen sie auch fast nichts auf Erden erwarten, und verderbliche Ausschweifungen, wo sie etwan solche sehen mußte, erweckten ihr desto mehr Eckel und Abscheu zum Zurückbeben. Zu bittre klare Früchte davon erschrecken schon.

In letzterm gedachten Jahre fiel es dem jungen Hausherrn ein, oft frühe vor allen andern im Hause aufzustehen und sich Thee machen zu lassen bei seiner Schreiberei. Fand er nun die Köchin noch nicht in der Küche, so war er ganz sonderbar artig, nahm seine Violine, die er gut verstand, und spielte ein [95]Stückchen damit auf, vor der Kammer der Köchin, daß sie hören, aufstehen und ihm aufwarten mußte, welches sie denn auch that, mit aller Fertigkeit, aber sich von seinen vermeinten Reizen sobald zu andern Arbeiten entfernte als sie konnte. Sie bat Gott immer mehr im Herzen, sie doch aus dem Hause von der Gefahr zu erlösen, oder davor zu bewahren und sie in Stille zu stärken, daß sie alle Pflichten ehrlich erfülle, ohne den Hausfrieden zu stören.

Frühe von Kindheit an hatte sie gut Schweigen, Thun und Leiden gelernt, sich an der heiligen Schrift und so einfältig kernhaften Schriften, vom Leben mit Gott oder Christo in stillem Geist, sehr frühe erbaut und zu halten am besten gefunden, wie Thomas von Kempis und seines gleichen waren.

Drei Jahre vor ihrem Ausgang aus diesem Hause befand sie sich einst in einem erstaunlichen Gewitter, das allen schrecklich schien, als käme der jüngste Tag. Man schien sich vor Erdbeben, Donner und Blitzschlägen fast nirgends sicher. Da war Theanthis so entschlossen, nahm ihr Wartekind auf den Arm, lief damit in den Garten des Hauses, dachte dabei: Wenn ichs gleich nicht werth bin, so mag mich doch Gott um des unschuldigen Kindes Willen erhalten, verschonen! Aber unter freiem Himmel, in ganzer Angesicht schrecklichen Gewitters von allen Seiten, übergab sie sich dem Allmächtigen auf Gnade und Ungnade, opferte sich ihm unumschränkt zu allem Möglichen auf, allen sei-[96]nem Willen ewig zu ganzer Aufopferung ergeben zu seyn, wenn sie auch verzehrt würde wie ein Brandopfer, und nach der Aufopferung war und blieb sie ganz ruhig mit dem Kinde unter allen Schrecken der Natur umher.

Von da an war ihr der höchste Richter voll Größe, Heiligkeit und Güte klar gegenwärtig, wie ein Muster der Vollkommenheit über alles, und jemehr er ihr majestätisch rein über allen Begrif vorkam, desto liebenswürdiger und lieber ward er ihr, nicht mehr erschrecklich, im Gegentheil, wenn wieder ein Gewitter kam, so war sie nun voller Freuden, die Größe, Allmacht, Herrlichkeit und Güte Gottes darin zu bewundern, anzubeten, zu lieben, sogar, daß sie sich um der Freude Willen in die größte Einsamkeit von allen Menschen dann entfernen mußte, um sie nicht in Unschuld zu ärgern.

Auf ihren zuweilen erlaubten einsamen Spatziergängen sahe sie die Größe und Güte Gottes an aller Schöpfung bis zum Entzücken, und im Gewissen ersahe sie seine Heiligkeit als die verehrungs- und befolgungswürdigste Vollkommenheit, und so ward ihr die dreifache Vorstellung der Größe, Heiligkeit und Güte des einigen Höchsten die drei Jahre lang, und weiter, die kräftigste und durchdringendste zu allem Rechten, Ewigen, Wahren und Guten. Der junge Herr Hauspatron wußte und merkte nicht, daß ein Stärkerer über alles, auch in ewigen Reizen, [97]ihr Herz schon mächtig eingenommen hatte, sonst hätte er sich vergebliche Mühe und Scham erspart.

Inzwischen sie oft nach Erlösung von Gefahr in diesem Hause seufzte, so seufzte ihre Mutter zu Hause jenseit des Sees nach ihr, und hatte doch gar nicht das Herz, sie aus dem vornehmen, reichen und einträglichen Hause selbst zurück zu verlangen. Denn Nöthe aus langen Unbesonnenheiten machen ganz verlegen, wie sinnlos. Da machte ihr der Philosoph, der sowohl als Arzt als aus Vetterschaft Freund des Hauses war, wiederum ganz frischen Muth, ihr vorstellend, daß ohne eine solche Person, wie die älteste Tochter, die in den vornehmsten Häusern große und weitläuftige Haushaltung fertig und gut gelernt, all ihr jetziges Hauswesen wiederum den Krebsgang und bald zu Grunde gehen würde, zumal da sie, die Hausmutter, öfters unpäßlich und ohnedem schwächlich sey von vielerlei Empfindlichkeiten, wodurch vieles in Unordnung komme und in Ruin gerathe, es sey daher die Hülfe der ersten Tochter nicht nur jetzt absolut nothwendig, sondern auch durch vernünftige Vorstellung und Bitte von der vornehmen Herrschaft richtig und wohl zu erhalten. Er gab dann an, wie die nothwendige Vorstellung an die Herrschaft füglich in einem Schreiben zu verfassen sey, und an die Tochter könne sie schreiben, wie es ihr Herz verlange. Gesagt, gethan; es gieng.

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Theanthis kam bald glücklich aus dem lang bedienten großen Hause in ihre Heimath zurücke, zu allseitiger Zufriedenheit. Da war sie nun ganz eifrig in ordentlicher Beobachtung der ganzen Haushaltung, und besonders in braver Besorgung der Küche, deren Mühe sie der Mutter abnahm, und diese konnte nun mehr den Erfordernissen der Posamentfabrik, einigen simpeln Vorarbeiten dazu, und dem Handel damit abwarten und helfen, wozu sie geschickter war als zum Haushalten, daher hatte sie denn nun mehreres Vergnügen in ihrer füglich verbesserten Lage, auch mehr muntre Gesundheit zu genießen. Theanthis setzte nun frisch und frei ihren Lauf fort in hurtiger, fertiger und ordentlicher Arbeit, in Besorgung des Hauses und der jüngern Geschwister zu ihrer bessern Ordnung. Vom frühen Morgen an versah sie alles bis tief in die Nacht, da sie oft bis um eilf und zwölf Uhr des Nachts zu schaffen hatte, doch richtete sie alles immer fertiger unter dem Posamentirgetümmel so gut ein, daß sie endlich manchmal um zehn Uhr Nachts nach allen andern ruhig zu Bette gehen konnte.

Neben ihrer Arbeit, und all dem rauschenden Getümmel der andern, fieng sie nun einen neuen Lauf im Geist an, von dem vorigen weit verschieden. Bisher hatte sie in der kleinen und kargen Zeit, die ihr zu einsamer Andacht übrig war, wiewohl ihr einfache stille Arbeit auch zur Herzensandacht diente, sich discursiver Beobachtungen bedient, frommer [99]Betrachtungen und damit affectiver Gebetsarten, sich zu allem Guten, zu ewigem Rechten und Wahren zu gewöhnen, zu ermuntern, zu stärken, auszubreiten, mit Denken an Gott und ihre Pflichten, sich so gut, so genau und so eifrig zu unterhalten, als sie konnte.

Allein die gleich anfänglich nach ihrer Heimkunft sehr überhäuften Arbeiten und Besorgnisse in ihrer Eltern Hause machten ihr das discursive Denken und Betrachten zur Zeit ihrer kleinen Andacht beschwerlich. Das Denken häufig neuer Geschäfte erforderte und brachte schon zu viel Anstrengung. Des Nachts wurde die Ermüdung zu groß, ihr lebhafter Eifer im Denken und Betrachten, im discursiven Anwenden und Affektioniren der Gründe, Mittel und Zwecke der Religion erschöpfte sich, obgleich ihr Herz immer mehr davon eingenommen, und Religion gleichsam ihr Leben wurde, mitten unter aller mühseligen Erfüllung ihrer Pflichten und Zerstreuung vom Getümmel des Hauses, das Ohren und Augen ermüdete.

Ihr Eifer in Uebernahme aller Mühseligkeiten war so groß, daß, wenn sie ihr gleich viel Leiden und Geduld nöthig machten, sie doch wünschte noch mehr aufnehmen und leiden zu können. Ja ihr Herz brannte im Aufopferungseifer für ihr ganzes Haus, gleichsam von Hunger und Durst nach Lasttragen und Leiden; daher sie auch allen andern manche Ar-[100]beit abnahm, wenn und wo sie nur mit der ihrigen fertig war.

Dagegen nahm die denkende Geschäftigkeit ihres Geistes in der stillen Andachtszeit ab, und ersank nach Erfüllung ihrer Pflichten und Angelegenheiten in Ruhe der Seele. Darin ward ihr nun Gott so unendlich erhaben, daß ihre ganze Seele im Stillschweigen vor ihm versank, und nur im Vertrauen auf den Unumschränkten ruhte. In der Ruhe verwandelte ihre Denkgeschäftigkeit sich nach und nach in blos allgemeine Aufmerksamkeit der Seele auf ihren allgenugsamen, allguten Gott und Herrn, mit allgemeiner Herzensneigung zu ihm und zum einfältigen Befolgen desselben, im eifrigen Dienst des Nächsten sein Opfer zu seyn. An dieser innern Betragensart fand sie allmählich, daß sie Genüge hatte, und bekam zugleich damit eine allgemeine und gar einfache Aufmerksamkeit auf ihre ganze Seele und ihren ganzen Wandel mit Gott von innen, als wenn nichts als der Einige, Allgenugsame und ihre einfache Seele in der Welt wäre, mit allgemeiner Beobachtung alles zu thun dienlichen und möglichen von außen um Gottes willen.

So gieng ihre einfältige Seele nach und nach geradezu in allgemeinste reine Gesinnung, gleichsam in eine metaphysisch praktische Allgemeinheit und Einfachheit über, wie eine reale praktische Monade in bloßer reiner Grundlage zum allgemeinen Besten, und wurde damit der allgemeinsten und simpelsten [101]praktischen Religionsphilosophie empfänglich. Die besteht ganz einfältig in geradem Rechtthun, und damit alles an Gott überlassen, ihm folgen im guten Thun und Leiden, und darin mit Ruhe der Seele, des Vertrauens auf Gott und sein Ebenbild, ins Unendliche fortgehen. Alles geht stufenweise zur Einfalt der ewigen Natur, und sprungweise kanns und solls nicht.

Bei diesem stillen und sanften Geistesübergang in allgemeine Einfachheit, wurde sie eine Herzensvertraute unsers anfangs gedachten Schweizer-Philosophen, den wir Arcas nennen, als ganzen Freund der Arkadischen Natureinfalt. Sie eröfnete ihm gelegentlich alle ihre Herzens- und Geistesbeschaffenheit, ihrer Angelegenheit gemäß, so viel sie davon wie stammelnd ausdrücken konnte, weil sie keine metaphysisch abstrakte Sprache gelernt hatte, und er verstand sie ganz und gab ihr simpeln Beifall, wo sie den rechten Weg traf, nach seiner Einsicht, zu allgemeiner Billigkeit der Achtung für Gott und den Nächsten, und schnitt nur im Rathen allmählich ab, was überflüssig von zu großem Eifer des Naturels schiene, um ihr Wesen in mehr Gleichgewicht und damit in guten Bestand und ebenmäßigen Fortgang zu bringen, zumal aller Bestand, der Beharrungsstand aller Dinge, geistig und physisch (nach des simpeln Naturäquators, des grundverständigen Schweizers Lamberts Philosophie, wie nach aller Welt Erfahrung, deren Grund auch Herders Gott [102]mit seiner herrlichen Nemesis lehrt), vom Gleichgewicht und Ebenmaaß der Kräfte, Erfordernissen und Füglichkeiten abhängt, vom richtig begränzenden Gleichgewichte des Grundes, Mittels und Zwecks, darin alles Wesen der Dinge und ihr grades Vollkommenheitsmaaß selbst besteht, so weit es in Anlagen und stets ebenmäßigem Wirken der Natur zu sehen, zu beobachten ist, wie Newtons Himmelssystem schon gezeigt hat.

Eine Anlage zu der Gleichgewichtsphilosophie hatte unser Schweizer-Philosoph von seinem guten Vater, der außer der Ordnung seiner Pflichten, worin er pünktlich lebte, für alles übrige der Welt die größte Gleichgültigkeit hatte. Er war aber Rentamtsverwalter in Tiliane, und hatte in jüngern Jahren, der Patricischen Kaufmannschaft in Lyon und Archabone zu getreuer Buchhalterei gedient; am letztern kleinen Orte zeugte er auch seinen erstgebohrnen Sohn, unsern Schweizer-Philosophen Arcas, in einer ausnehmend guten und glücklichen Ehe, mit einer in besten Kreuzproben bewährten redlichen Landsmännin, die zwar kolerisches Feuer, aber zugleich scharfen Verstand, große Bedenklichkeit und Religion in Geistesfreyheit mit äußerster Ordnungs- und Reinlichkeitsliebe sowohl als Geschicklichkeit hatte, zu allem Dienlichen; also für einen Mann von großer Gleichgültigkeit außer seiner Pflicht, die beste Frau war.

Der erste Sohn nun, unser Arcas, hatte die Gleichgültigkeit seines Vaters für alles Aeußere der [103]Welt geerbt, die ihn zum sehr neutralen Beobachter in freiem Geist machen konnte, und von der Mutter das Feuer zum Denken, das er ganz zum Studieren und Beobachten alles ihm möglichen anwandte; denn schon im neunten Jahre fieng er von selbst an, das Lernen und Studieren mit Auszugmachen aus Büchern, des Tages bis in die Nacht um zwölf oder ein Uhr fortzusetzen, und im Sommer des Morgens um drei oder vier Uhr wieder anzufangen, ohne Schaden davon zu erfahren; denn im Herbst, Winter und Frühling ließ er sich mehr Zeit zur Ruhe, und nach der ersten Hitze eines Sommers studierte er viele Jahre mit mehr Maaße und Beobachtung seiner selbst, ohne andre Anführung als ein Gefühl seiner Stirne, das ihn bemerken ließ, wenn er sich etwan zu sehr anstrengte, und die Stirne gespannt fand: da ließ er denn augenblicklich eine Minute oder mehr nach, um dann frisch wieder fortzufahren. Mit solchen kleinen Unterbrechungen geschah es, daß er gar wohl ganze Monate und Jahre seinen Studierfleiß fortsetzen mochte, munter gleichsam ganze Bibliotheken zu verschlingen, und besonders zusammenhängende historische, poetische oder philosophische Werke in einem fort bis zu Ende zu bringen, um ihren Geist ganz zu fassen, allgemeine Uebersichten zu erhalten zu Generalbegriffen, nachdem er die Bibliothek seines Vaters zuerst durchsehen, die meist theologisch, welthistorisch und medicinisch war; theologisch und historisch [104]von der Liebhaberei seines Vaters, der von frühester Jugend her gern Theologie für sich selber studierte, und medicinisch-physisch von einem seligen Bruder seines Vaters her, der Medicin und Chirurgie studiert hatte, und jung verschieden war.

Der Vater hatte einen stillen und unpartheiisch gründlichen Forschgeist, und da er bei seinem Latein, Französisch und Italiänisch, nur Kaufmännisch gelehrt war, in Debet und Credit, nach Art der Buchhalterei, so richtete er auch sein theologisches Studieren für sich selber so buchhalterisch ein, setzte in Auszügen aller Theologie, die er sich machte, Gründe und Gegengründe auf zwei Folioseiten gegen einander über, wie Debet und Credit, und da er auch die ganze polemische Theologie sich bekannt machte, so setzte er alle sogenannte Ketzereien auf die eine Seite, und die Gegengründe auf die andre. Damit erwarb er sich eine tabellarische Uebersicht, und oft auch nach seinem Grundforschungs-Geschmack für Abstammungen, gleichsam Genealogie von allem Pro und Contra, und dadurch die reichste ordentliche Bequemlichkeit zu unpartheiischen Grundbetrachtungen des Reichs von dem Ewigen, der da ist, dessen biblisch patriarchalischer Grundbegrif ihm allgenugsames reines Liebeswesen, Licht und Leben war.

Diese Ideen führten ihn endlich einmal über und wider sein Vermuthen in biblisch theologische [105]Einsicht der Wiederbringung aller Dinge zum ersten kindlichen Ebenbild Gottes. An dieser dem Vater neuen und alldurchdringenden Einsicht zur hellsten Erklärung der ganzen göttlich väterlichen Haushaltung des Ewigen, nahm nebst der Mutter auch ihrer beider, damals zwölfjähriger Sohn Arcas auf seine Art Theil. Dieser, der bis dahin alles historisch studiert hatte, auch die ganze Kirchen- und Ketzerhistorie, und Litterargeschichte der Kirchenväter, nebst den ersten apostolischen selbst, fieng bei dem neuen Licht an zu philosophiren, vom Ende aller Dinge zu ihrem Anfangsgrunde zurück zu gehen, da nehmlich am Ende aller Dinge Gott alles in allem seyn soll, so schloß er rückwärts, so muß es im Anfang gewesen seyn, da natürlich klar aus Gott selbst, dem reinen Allgrunde, zuerst alles vollkommen rein kam, alles voll lautrer göttlicher und im Grunde verborgner Ursprungs- Musters- und Zielsherrlichkeit. Und so gebahr die theologische Allzurechtbringungslehre des Vaters einen jungen philosophischen Pantheisten.