ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Selbstmord aus Rechtschaffenheit und Lebensüberdruß.

Bendavid, Lazarus

Der Fälle, wo ein Selbstmord nicht aus Leidenschaft und Uebereilung verübt wird, giebt es so wenige, daß derjenige Fall vorzüglich die Aufmerksamkeit des Beobachters zu verdienen scheint, wo Vernichtung sein selbst in dem Plane eines Mannes lag; wo die Seele sich mehrere Jahre an der Hinsicht nach jenem Zeitpunkte labte, in welchem ein rascher Schritt sie von der Quaal befreien würde, die sie zernagte, wo der Gedanke: die Thüre steht offen, ich kann gehen, wenn ich will, das einzige war, was den Mann, der ihn hegte, in Thätigkeit erhielt; [2]und wo die That mit einer Seelenruhe ausgeführt wurde, die nur die Folge einer langen und reifen Ueberlegung seyn kann.

Den Mann, von dem ich spreche, lernte ich vor mehreren Jahren*) 1 kennen. Seine Einsichten in Geschichte und Geographie zogen mich an ihn, so sehr mich auch sein Aeußeres und die Verschiedenheit unsers Alters von ihm abschreckte. Er war damals zwischen seinem zwei und drei und vierzigsten Jahre, und sein Aeußeres war, wie gesagt, nichts weniger als empfehlend. Sein langer hagerer Körper wurde von zwei dünnen Beinen getragen, deren Füße sich in ein Paar Ballen endigten, die mehr als gewöhnlich, nach innen zu, hervorragten. Sein rundes, braungelbes Gesicht hatte durch den starken schwarzen Bart, die kurze Stirne, die schwarzen kleinen aber äußerst feuerigen Augen, und durch ein Paar, an der linken untern Kinnlade befindliche Warzen, ein ungemein finsteres Ansehn. Auch hatte sein Gespräch für einen jungen Menschen gewöhnlich nichts Anziehendes. Es war kalt und abgemessen.

Je näher ich ihn aber kennen lernte, je mehr schätzte ich ihn, wegen seiner Rechtschaffenheit, sei-[3]ner Offenheit, und der gelassenen Duldung mancherlei Leiden. Freilich schien das letztre ihm nicht ganz zum Verdienst angerechnet werden zu können, indem Schmerz und Freude, vermöge seines melankolischen Temperaments, nur geringen Einfluß auf ihn hatten, und er, vermöge seines Standes, an den Lustbarkeiten der großen Welt und ihren Begriffen nicht den mindesten Antheil nahm. Aber wenn er an dem Vermählungstage seiner ältesten Tochter die Nachricht davon mit einem Interesse las, das genugsam die geringe Theilnahme an der Feierlichkeit des Tages verrieth; wenn er am Sterbebette eben dieser Tochter mit eigner Hand ein Paket zeichnet, das nach der Post sollte und 6 Pf. gekostet haben würde, wenn es dort gezeichnet worden wäre, so thut man ihm Unrecht, diese Gleichgültigkeit für Kälte, und diese Kälte ganz für Temperamentsfehler auszugeben. Sie war größtentheils Prinzip, Vorsatz. Aus den Lehren der Stoiker, die ihm bekannt waren, nahm er den Satz heraus: der Mensch müsse alles anwenden, um vom Einflusse der äußern Dinge unabhängig zu seyn, und sein ganzes Leben war ein stetes Bestreben der Natur, die ihm zu dieser Unabhängigkeit die Hand bot. Er hatte es auch hierin wirklich auf einen hohen Grad gebracht. Er, für sich, hatte nur wenige, nur leicht zu befriedigende Bedürfnisse.

Aber da er verheirathet war, und sechs Kinder hatte, die eben so wenig als seine Frau von ihm [4] nach seinen Grundsätzen behandelt werden konnten, noch sich behandeln lassen wollten; so mußte er Dinge unternehmen, die mit seiner Rechtschaffenheit stritten, ihn in seinen Augen verächtlich machten, und ihm das Ende seines Lebens als wünschenswerth vorstellten.

Er war nämlich Kaufmann; aber da ein reeller Handel, bey der Mittelmäßigkeit seiner Glücksumstände, lange nicht hinreichend war, seine zahlreiche Familie zu ernähren, und die immer erneuerten Wünsche seiner Frau zu befriedigen; so ward er Schleichhändler. Mit der Zunahme seines Vermögens, mit der sichtlichen Vergrößerung seines Wohlstandes, nahm seine Gemüthsruhe merklich ab; und der Mann, der vormals nur gegen das Keifen einer Frau zu kämpfen hatte, hatte jetzt, durch die Befriedigung dieser, einen weit härtern Kampf zu bestehen — sein Gewissen klagte ihn an und verdammte ihn.

»Ich bin ein schädliches Mitglied des Staats, sagte er mir oft mit innigster Erschütterung. Die Gesetze desselben sind mir heilig, und ich verletze sie, bin gezwungen sie zu verletzen. Ich weiß, daß es nicht gut gehn kann, und über kurz oder lang meine Schande an den Tag kommen muß.«

»Doch, setzte er einst hinzu, nicht die Furcht vor Entdeckung beunruhigt mich, sondern die That [5] selbst. Der Strafe, die der Entdeckung folgt, kann ich leicht entgehn, aber nicht dem Bewußtsein sie zu verdienen. Und als ich fragte, wodurch er glaubte der Strafe entgehn zu können, sagte er: es giebt einen Zustand, wo alle Verträge aufhören, und dieser Zustand ist — der Tod. Ich werde ihn ergreifen, sobald ich vor Gericht erscheinen muß, und wünsche ihn sobald als möglich ergreifen zu müssen.«

»Wenn ich meine Familie ernähren soll, muß ich stets die jetzige Lebensart führen; aber ich kann sie nicht führen, ohne unglücklich zu seyn. Es kämpfen Pflichten gegen Pflichten in mir. Meine Frau, meine Kinder fordern meinen Beistand, aber der Staat meine Treue. Ich kann nicht beiden zugleich Genüge leisten, und werde dem unterliegen.«

»Uebrigens weiß ich auch nicht wozu ich lebe. Ich kenne meine Bestimmung hienieden nicht; und so viel ich aus der Analogie schließen kann, ist die Bestimmung des Menschen die der Thiere und Pflanzen. Sie werden geboren, wachsen und sterben. Sterben, ohne Bewußtsein von ihren Thaten hienieden zu behalten. Wozu die Quaal, wozu der Harm in diesem Leben?«

»Hätt' ich nicht Frau, nicht Kinder, wäre das Schicksal dieser nicht mir anvertraut, läge mir nicht ob, die Pflichten des Gatten und des Vaters zu erfüllen; ich für mich würde die beiden Enden meines Lebens schon längst näher an einander gebracht [6]haben. Nur der Gedanke, daß ich meine arme, hülflose Familie durch meinen Tod unglücklich machen werde, hält mich noch im Leben zurück. Aber sobald ich entdeckt werde, sobald durch die Festungsstrafe, die auf der Entdeckung steht, meiner Frau der Mann, meinen Kindern der Vater doch geraubt wird, warum sollte ich einen Augenblick anstehen, mich mir selber zu rauben?«

»Und wohl mir, daß ich das kann; daß die Thüre offen steht und ich gehen kann, wenn ich will. Dadurch bin ich im Stande, meine Pflichten einigermaßen gegen meine Familie und den Staat zu erfüllen. Ich arbeite für jene aus allen Kräften, und befreie diesen am Ende von einem ungesunden Gliede durch meinen Tod.«

Er hielt Wort. Im Jahre — wurden die Befehle wegen des Schleichhandels erneuert und geschärft. H. hatte einen großen Transport Waaren von der — Messe zu erwarten, die alle für fremd erkannt werden mußten, sobald eine genaue Nachsuchung angestellt würde. Werden sie dafür erkannt werden, so ist der Verlust der Waaren und die Erlegung einer schweren Geldsumme oder Festungsstrafe das Schicksal, das ihm bevorsteht.

Er erwartete es mit der Geduld eines Mannes, der nichts zu verlieren, und auf alle Fälle einen Ausweg hat, der nicht fehlen kann.

Die Zeit, die zwischen der Nachricht von der Absendung der Waaren und ihrer Ankunft verfloß, [7]ging er oft im T.. G.. spatzieren; immer nach einem Orte, wo ein Arm der S.. eine Art von Zunge bildet. Er ging dahin, gleichsam, um sich mit dem Orte vertraut zu machen, an dem er sein Leben beschließen wollte.

Er sprach diese Tage größtentheils von Unsterblichkeit der Seele, und von der Unzuläßigkeit aller Beweise für dieselbe. Des Selbstmordes, den er sonst mit vieler Wärme zu vertheidigen pflegte, erwähnte er dieser Tage mit keinem Worte, so gern er auch sonst davon sprach, und so sehr auch Personen, die mit ihm umgingen, auf dieses Gespräch leiteten. Führten seine Betrachtungen über Unsterblichkeit auf Selbstmord, so lenkte er ein.

Die Waaren kamen an, wurden angehalten und er vor Gericht gefordert. Er schickte seinen Schwiegersohn voraus, und versprach, ihm mit seinem ältesten Sohne bald zu folgen.

Um drei Uhr Nachmittags traf ich ihn mit diesem Sohne auf der Straße. Er redete mich an, und unterhielt sich mit mir ebenfalls wieder von dem Gegenstande, der ihn, wie gesagt, die letzten Tage seines Lebens am meisten beschäftigte: von Unsterblichkeit der Seele.

Am Schloßplatze sagte er seinem Sohne, er solle nur allein gehn; er habe noch ein Geschäft abzumachen, das seine Gegenwart erfordere, und da er nicht wisse, wie bald er von dem bevorstehenden Verhöre werde befreit werden, wolle er es noch vor [8]demselben abmachen. Ich wollte ihn ein Ende begleiten, aber er verbat es, indem er mir durch eine Gebärde zu verstehen gab, wohin er gehen wollte.

Als er sich schon von uns entfernt hatte, sahe ich ihn zu seinem Sohne zurückkommen, und ich erfuhr nachher, daß er ihm seine Taschenuhr gab, weil sie ihm bei dem vorhabenden Geschäft aus der Tasche fallen könnte.

Gegen zehn Uhr Abends brachte ein Unbekannter einen Zettel an seinen Schwager, des Inhalts: Er hätte sich entfernt, um das Ende des Prozesses abzuwarten; man sollte sich keine Mühe geben ihn zu finden, weil diese Mühe vergeblich sein würde. Sollte der Ausgang des Prozesses schlimm ausfallen, so empfehle er ihm (seinem Schwager) seine Frau als Schwester und seine Kinder als Neffen.

Der Schwager, mit dem er nie über seine Absicht, sich zu entleiben, gesprochen hatte, legte den Sinn des Zettels buchstäblich aus, vertröstete seine Schwester, schwieg, und bat sie zu schweigen.

Er wäre bei schnellen Anstalten vielleicht zu retten gewesen, denn Leute wollten ihn noch um neun Uhr Abends gesehn haben. Sein Schicksal wollte das nicht. Man fand ihn den andern Morgen tod in eben dem Arm der S.., bei dem er gewöhnlich spatzieren ging, völlig angekleidet liegen. Um den Leib hatte er einen neuen Strick geschlungen, und das Ende desselben an einen Baum befe-[9]stigt — wahrscheinlich, um nicht vom Strome fortgetrieben zu werden.

Den Hut fand man in einiger Entfernung schwimmen. Der Bauch war vom Wasser aufgetrieben und die Augen gebrochen; angewandte Hülfe war vergeblich.

In einem Zettel, den man in seiner Tasche fand, bat er, man solle ihn unentkleidet beerdigen. Man gab seiner Bitte Gehör. Frau und Kinder waren untröstlich, und die Kaufmannschaft beweinte in ihm den Verlust eines Mannes, der nur in einem gefehlt hatte, aber übrigens ein rechtschaffner ehrlicher Biedermann gewesen war.

Personen, die seinen Vater gekannt haben, versichern, daß dieser ebenfalls einen Versuch gemacht habe, sich den Hals abzuschneiden, aber durch das Hinzukommen einer Frau verhindert worden sei, den Schnitt so stark zu machen, um unheilbar zu sein. Auch soll er die Frau hart mit den Worten angelassen haben: ich kann nicht begreiffen, wodurch das Weib das Recht, mir verbieten zu wollen, daß ich mir in meinen Hals schneide?

L. Bendavid.

Fußnoten:

1: *) Zur Schonung der noch lebenden Familie erlaube man mir, Namen, Ort und Jahrzahl zu verschweigen; ob ich mich gleich erbiete, jedem, dem darum zu thun ist, die Geschichte umständlicher zu erzählen.