ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Fortsetzung des Aufsatzes über Täuschung und besonders vom Traume.*) 1

Veit, Joseph

(S. 8ten Bandes 3tes St. S. 17.)

Aus den Gründen, welche bisher vorgetragen worden, kann nun folgendes hergeleitet werden. Wenn die Einbildungskraft regiert, Bilder sehr lebhaft malt, Begebenheiten mit Nachdruck schildert, und die höheren Seelenkräfte unterdrückt, dann ist sie, wenn das Bewußtsein zugleich unvollkommen ist, auch täuschend, weil die Spur der vorhergegangenen Ideenreihe, mithin das Kennzeichen von der innern Erzeugung einer Vorstellung oft verlohren geht, der auch die Ungereimtheiten, wegen der Schwäche Vernunft und des Verstandes, nicht auffallen können.*) 2

[11]

Daß aber die bloße Anlage zur Ideenherrschaft, und ein unvollkommnes Bewußtsein an und für sich [12]hinreichend sei, der Einbildungskraft die Stärke zu verleihen, welche sie besitzen muß, wenn sie Bilder sehr lebhaft malen, Begebenheiten mit Nachdruck schildern, und die höhern Seelenkräfte unterdrücken soll. Dieses ist es, welches noch eine deutliche Auseinandersetzung erfodert, und zwar um so mehr, da uns auch bei vollkommner Besonnenheit, und während dem Wachen zuweilen Bilder vor den Augen schweben, deren Erzeugung in uns, uns auf keine Art bekannt ist, von denen wir gleichwohl wissen, daß sie bloße Gedankendinge sind; wie dieses am häufigsten geschieht, wenn wir im Finstern sitzen; denn da die Bilder die Lebhaftigkeit nicht haben, welche ihnen die wahre Natur verleiht, so erkennen wir aus dem Mangel an Lebhaftigkeit, und [13]aus Vernunftgründen den Mangel einer wahren Wirklichkeit. Es muß demnach die Ursache angegeben werden, warum bei einem unvollkommenen Bewußtsein, also auch im Traume, von dem wir hier vorzüglich handeln, die Einbildungskraft einen weit höhern Grad von Stärke hat, die höhern Seelenkräfte aber einen weit geringern haben, wenn unsre Behauptung erwiesen sein, und die Entstehung einer Täuschung sich erklären soll.

Mehrentheils setzt man die Ursache, warum im Traume die Einbildungskraft so außerordentlich herrschend ist, in den beinahe gänzlichen Mangel der sinnlichen Empfindung, der in diesem Zustande vorhanden ist. Allein es frägt sich: warum erhalten nicht durch den Mangel an sinnlichen Empfindungen auch die höhern Seelenkräfte einen höhern Schwung?*) 3 warum sinken sie vielmehr so tief [14]herab, daß wir im Traume alle die Ungereimtheiten im Ernste glauben, welche uns darin vorkommen. Warum verhält es sich nicht vielmehr gerade so, als wenn wir im Finstern säßen; denn nicht blos die Einbildungskraft, sondern auch die höhern Seelenkräfte leisten alsdann ihre Funktionen besser, so daß viele denkenden Köpfe, und besonders viele Engländer, sich des Nachts ins Finstere setzen, oder den Eingang des Lichts bei hellen Tagen verhindern, um eine Spekulation besser durchzudenken. Folgende Bemerkungen werden, wie ich glaube, auf den rechten Weg leiten, und die wahre Ursache anzeigen.

[15]

Jeder sinnliche Begrif wird jederzeit von der Vorstellung eines Bildes oder einer Anschauung begleitet. Man wird z.B. den Namen eines Menschen nicht aussprechen können, oder auch, man wird nicht an ihn denken, ohne daß uns in demselben Augenblicke sein Bild, und im Falle er uns unbekannt ist, ein Ideal, das wir uns von ihm entworfen haben, vorschweben sollte. Eben so verhält es sich, wenn wir die Ausdrücke: Wasser, Feuer, Regen, Bewegung, Auf- und Niedergang, Hölle oder Paradies u.s.w. nennen hören, oder auch an diese Begriffe denken. Wir haben immer ihre Bilder oder die Ideale, welche wir uns von ihnen machen, eine auffallende Würkung oder eine sinnliche Veränderung derselben, im Sinne.

Die Fortschritte der Vernunft, und die Aufhellungen, welche der Verstand verschaft, werden hierdurch theils befördert theils gehindert; befördert, weil die bloße Vorstellung des Bildes und der Anschauung, wenn sie nicht Ideale sind, die Beweise von der Möglichkeit und Anwendbarkeit der Begriffe mit sich führt, und man also, wie dieses bei dem vollkommen unsinnlichen der Fall ist, zu erforschen nöthig hat, ob der Begrif auch vom Widerspruche frei sei, ob er auf irgend einen Stoff bezogen werden kann, und ob sich eine praktische Anwendung von demselben denken läßt.

Es werden hingegen die Operationen der Vernunft und des Verstandes dadurch gehindert, weil [16]die Bilder und Anschauungen unsre Aufmerksamkeit zu sehr auf sich ziehn, und wir sowohl wegen der Stärke des Eindrucks, als auch wegen des Vergnügens, welches ihre Betrachtung oft gewährt, so lange bei ihnen verweilen, bis uns die Verbindung der vorhergegangenen Ideen, der Zweck, weswegen wir jede Idee herbeigerufen haben, und die Absicht der ganzen Untersuchung nicht mehr deutlich beiwohnt. Auch bringen die Anschauungen und Bilder alles das wieder in die natürliche Ordnung; sie verbinden, was der Verstand um Deutlichkeit zu bewürken getrennt, oder trennen, was er verbunden hat.

Bei Erlernung einer Wissenschaft, oder wenn wir eine eigne Untersuchung zu Ende bringen wollen, erregen die sinnlichen Vorstellungen die oben gerügten Schwierigkeiten, dahingegen die unsinnlichen und abstrakten, Zweifel über ihre Möglichkeit und Anwendbarkeit erwecken, und noch überdies von sinnlichen Vorstellungen leicht verdrängt werden.

Die einzige Wissenschaft, welche hierin eine Ausnahme macht, ist die Geometrie, ihre allgemeinen sowohl, als ihre besondern Begriffe, sind selbst Anschauungen; Begriffe und Anschauungen fallen also in derselben in einander, so daß die Vernunft und der Verstand, durch die Betrachtung der letzteren gar nicht gestört, wohl aber sehr begünstigt wird.

Es erklärt sich hieraus eine Wahrnehmung, welche in den vortreflichen Briefen, die neueste Litte- [17]ratur betreffend, vorkommt; daß man nicht denjenigen, der die Metaphysik oder auch irgend eine praktische Wissenschaft nicht versteht, sondern denjenigen für dumm hält, der die Anfangsgründe der Geometrie nicht zu fassen vermag. Um nun eine andre Wissenschaft als die Geometrie zu erlernen, ist es nicht genug, daß man den Grad von hohen Seelenkräften besitzt, der dazu erfordert wird, sondern man muß auch den Hindernissen entgegenarbeiten, welche die Einbildungskraft auf Veranlassung der sinnlichen Begriffe verursacht, und die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen, welche durch die Zweifel der Vernunft bei Gelegenheit der unsinnlichen, als: Zweck, Ursache, Wesen u.s.w. entstehn. Hingegen muß derjenige, welcher die Anfangsgründe der Geometrie nicht zu begreifen vermag, schlechterdings den Grad der höhern Seelenkräfte nicht besitzen, der zur Erlernung derselben gehört; weil er keine Schwierigkeiten, die von den Seelenkräften selbst herrühren, zu überwinden hat, und ist daher in Absicht des Grades von Verstand und Vernunft, der zu Erlernung der Geometrie erfordert wird, dumm.

Also bestätigt die besondre Bemerkung, welche aus den Litteraturbriefen angeführt worden, die Richtigkeit der vorhin angezeigten Bemerkung: daß den Fortschritten der Vernunft ihre eignen Zweifel und die Operationen der Einbildungskraft im Wege liegen; dahingegen die Einbildungskraft unaufhalt-[18]sam ihren Lauf vollführt, ohne daß sie die höhern Seelenkräfte stören könnten. Sie ist demnach in Absicht derselben die herrschende.

Es werden aber die vorher gerügten Schwierigkeiten dennoch überwunden, Betrachtungen durchgesetzt, Wissenschaften erlernt und erfunden; es muß also in dem Menschen etwas vorhanden sein, womit er den höhern Seelenkräften aufhelfen, und die Einbildungskraft im Zaume halten kann; und dieses ist: die Macht des Vorsatzes. Wir haben eine Macht, unsre Vorstellungen nach eignem Belieben zu leiten, zu verstärken, und den stärkern wiederum einen Theil ihrer Kraft zu benehmen. Ohne diese Kraft würden wir in der That nichts als Bilder und Anschauungen und niemals Begriffe im Sinne haben, noch weniger würden wir zusammenhängend denken; blos mittelst dieser Macht ist es uns möglich dem Zwecke treu zu bleiben, und den Ausschweifungen der Einbildungskraft Einhalt zu thun; demnach ist die Einbildungskraft in Absicht der höhern Seelenkräfte zwar die herrschende, kann aber durch die Macht des Vorsatzes im Zaum gehalten werden.

Aber der Gebrauch, welchen wir von unserem Vermögen machen, unsre Vorstellungen nach eigenem Belieben zu leiten, zu stärken oder zu schwächen, hängt von der Kenntniß ab, die wir von diesem Vermögen haben; je mehr wir unser Ich fühlen, je mehr wir dieses Ich als eine Quelle unsrer Vor-[19]stellungen ansehn, je mehr wir überzeugt sind, daß wir kein bloßes leidendes Wesen sind, welches seine Vorstellungen blos empfängt, sondern zum Theil selbst hervorbringt; und endlich, je mehr wir den Werth kennen, welchen unsre Vorstellungen durch die Leitung, die wir ihnen geben, erhalten, desto lebhafter werden wir angefeuert, unsre Vorstellungen zu regieren, und so auch umgekehrt, je weniger das eine statt hat, je weniger hat es auch das andre.

Nach sinnlichen Empfindungen, unter die sich nur wenige Geistesthätigkeit mischt, entsteht eine Geistesstockung, wir gerathen in eine Art von Fahrlosigkeit, wir verlieren den Muth auf unsre Vorstellung zu wirken, weil wir uns als ein leidendes Ding betrachten; auch ist in diesem Zustande die Einbildungskraft außerordentlich herrschend. Junge, guthmüthige und scharfsinnige Leute verlieren nicht nur durch wiederholte Demüthigungen, welche ihnen von vermeintlichen Freunden zugefügt worden, alle Geisteskräfte, werden unselbstständig, so daß man sie leiten kann, wie man will, sondern man merkt auch an ihren Gebehrden und an ihrem Betragen, daß sie der Einbildungskraft unterjocht worden; sie steigen aber wiederum zu ihrer ehemaligen Geisteshöhe hinauf, wenn sie einsehn, daß die Demüthigungen nur arglistige Kunstgriffe waren, um sie in ihren eigenen Augen zu verkleinern, und bekommen alsdann einen festen unerschütterlichen [20]Sinn. Wenn ich nicht irre, so hat der Hr. Prof. Garve diese Bemerkung irgendwo mit eingewebt, aber die Sache ist gewiß, ich bin aus unstreitigen Erfahrungen davon überzeugt.

Aus allen dem erhellet, daß in dem Zustande eines unvollkommnen Bewußtsein, worin wir unser Ich nicht gehörig fühlen, die Gedankenreihe, welche sich in uns erzeugt, die Gewalt, welche wir über unsre Ideen auszuüben vermögen, nur wenig kennen, worin ferner eine Stimmung zu herrschenden Ideen gegeben ist, und also Bilder und Anschauungen statt haben können; auch Bilder und Anschauungen, welche die Begriffe begleiten, in der That herrschend werden, und eine außerordentliche Kraft bekommen; so daß die Einbildungskraft allein walten, und die Funktionen der höhern Seelenkräfte unterdrücken muß, weil der Vorsatz, der allein die Gewalt hat, den Bildern und Ausschweifungen ihre Kraft zu benehmen, und dem leichten Gewebe der Vernunft und des Verstandes Dauer zu verschaffen nicht regiert.

Da nun schon vorhin bewiesen worden, daß in dem Zustande eines unvollkommenen Bewußtseins, oder wie wir das genannt haben, in dem Zustande eines schwebenden Ichs, die Bilder und Anschauungen einer herrschenden Einbildungskraft täuschend werden, so ist auch nunmehr unsre Behauptung erwiesen, daß der Zustand, darin herrschende Ideen und ein schwebendes Ich statt haben, die Elemente [21]zu einer täuschenden und unterdrückenden Einbildungskraft enthält.

Es sind also hiermit die Bedingungen angegeben, unter denen jederzeit, mithin auch im wachenden Zustande, und zwar ohne alle Zerrüttungen des Nervensystems, Täuschungen entstehen, ohne welche sie aber nur alsdann möglich ist, wenn in dem Nervensystem eine Zerrüttung obwaltet. Denn ein unvollkommenes Bewußtsein muß vorhanden, die Spur von der Erzeugung eines Gedankendinges in uns muß für uns verlohren sein, wenn wir dieses Gedankending für ein außer uns bestehendes halten sollen; auch setzen Bilder und Anschauungen einen Zustand voraus, darin Ideen herrschen können. Diese Bedingungen sind aber auch hinreichend, weil bei einem unvollkommenen Bewußtsein die Erhöhung der Einbildungskraft, Heruntersetzung der höhern Kräfte, und Verschwindung der Gedankenspur entstehn muß. Da nun in dem Traume das Vorhandensein eines unvollkommenen Bewußtseins dadurch gezeigt worden, weil er ein Mittelzustand ist, so ist die Entstehung einer Täuschung in demselben erklärt.

Es ist jedoch die Erzeugung eines Mittelbewußtseins in einem Zustande, der zwischen dem Wachen und dem Schlafe fällt, noch deutlich zu machen, ohngeachtet sein Vorhandensein außer Zweifel ist. Um dieses besser zu thun, werde ich [22]zuförderst etwas über das Bewußtsein überhaupt sagen müssen.

Obgleich alle Vorstellungen, welche in uns erzeugt werden, oder welche wir von außen erhalten, das Wesen, welches sie hervorbringt oder aufnimmt, schon voraussetzen; ob wir gleich eine Art von Erkenntniß von unserm Ich haben müssen, ehe wir gar eine Vorstellung haben können;*) 4 so haben wir dennoch erst alsdann ein Bewußtsein von unsrer Ichheit, wenn wir die Vorstellungen, welche in uns entstehn, wahrnehmen, und von ihnen einen Rückblick auf die Quelle derselben, auf das Wesen, welches sie erzeugt, werfen. Die äußern sinnlichen Vorstellungen sind es gar nicht, welche uns unmittelbar auf das Wesen, welches sie aufnimmt, leiten.

Die Erfahrung bestätigt diese Behauptung. Der gemeine Mann ist mehrentheils ein grober Realist; er kann sich davon keinen Begrif machen, [23]daß er bloße Vorstellungen von äußern Dingen haben sollte; die äußern Dinge sind ihm Sachen, die sich ihm aufdringen. Er kann sich gar nicht darin finden, wenn er die Ausdrücke Erscheinung oder Vorstellung auf äußere Gegenstände anwenden hört. Das sind keine Erscheinungen oder Vorstellungen, sagt er, das ist, und indem er dieses sagt, pflegt er mit der Hand darnach zu greifen.

Man glaube nicht, daß der Grund hiervon in bloßen Mißverständnissen liegen möchte; man mache sich so verständlich als möglich, und man wird am Ende einsehn; der gemeine Mann sowohl, als viele unphilosophische Köpfe, finden in den Vorstellungen der äußern Gegenstände nichts, darin sie den Vorstellungen, welche sich in uns erzeugen, ähnlich wären; und dieses würde der Fall nicht sein können, wenn die äußern Vorstellungen auf das Wesen, welches sie aufnimmt, unmittelbar führen sollten; denn allerdings würde es sich bald zeigen, daß das Aufnehmen selbst eine Vorstellung ist, mithin auch der Ausdruck Vorstellung auf äußere Gegenstände bezogen werden kann.

So gewiß dieses aber auch ist, so gewiß wir durch den Anblick äußerer Gegenstände nicht unmittelbar auf unser Ich geführt werden, weil dieses Ich gar nicht als etwas, das mit in Verbindung steht, betrachtet wird, so gewiß demnach äußere Vorstellungen kein unmittelbares Bewußtsein hervorbringen, so zuverläßig ist es dennoch, daß der [24]Rückblick auf eine Urquelle, mithin in unserm Falle der Rückblick auf die Quelle unsrer Vorstellungen, auf unser Ich vorzüglich durch die äußern Empfindungen gewirkt wird.

Vorstellungen, welche sich in uns erzeugen, Ideenverbindungen, davon die Verbindung jederzeit unser Werk ist, enthalten den Keim, der zum Bewußtsein gehört,*) 5 weil wir von allen diesen Dingen die Quelle sind; aber entwickeln kann sich dieser Keim nicht, es entsteht kein vollkommnes Bewußtsein, wenn sich nicht äußere sinnliche Empfindungen damit verbinden. Die innern Empfindungen und Gedankenreihen ziehn unsre Aufmerksamkeit auf sich, und lassen den Rückblick auf die Urquelle nur [25]schwach zu; dahingegen die äußern Empfindungen, wenn sie sich mit den ersten vereinigen, einen Rückblick von diesen erstern auf die Urquelle derselben verursachen.

Es ist überhaupt ein Naturgesetz, dessen Erklärung zur Transcendentalphilosophie gehört: daß die äußeren sinnlichen Empfindungen den Rückblick auf irgend eine Ursache, auf eine so mächtige als wunderbare Art befördern. Der Anblick eines gestirnten Himmels zaubert, so zu sagen, die Idee eines Urhebers in uns hinein. Die Vernunftidee der Gränzlosigkeit nimmt durch diesen Anblick eine sinnliche Gestalt an, spinnt daher ein unbegreifliches Ganze auf eine unbegreifliche Urquelle alles Seins.

(Die Fortsetzung folgt im nächsten Stück.)

Fußnoten:

1: *) Dieser Aufsatz, der bei allem Mangel an Einheit des Prinzips sehr scharfsinnige Bemerkungen enthält, verdient hier allerdings eine Stelle. Ich habe durch einige beygefügte Anmerkungen die Ideen des Verfassers zu berichtigen, und mit den Meinigen gegeneinander zu halten gesucht, wodurch der denkende Leser sie zu beurtheilen ehr im Stande seyn wird.
S. M.

2: *) Aber warum wird die Einbildungskraft wegen ihrer Lebhaftigkeit täuschend? Sich täuschen, heißt, dasjenige, was nicht wirklich ist, für würklich zu halten. Nun ist aber, der Erklärung des Verfassers zur Folge, die Unterbrechung einer Ideenreihe, das Merkmal der Wirklichkeit, so wie umgekehrt das Bewußtsein der Erzeugung der Ideen aus einander, nach dem Gesetze der Assoziation, das Merkmal der Nichtwirklichkeit. Im Traume aber, da die Seele gänzlich außer sich geräth, und sich bloß mit den ihr vorschwebenden Bildern beschäftigt, urtheilt man so wenig von der Wirklichkeit als von der Nichtwirklichkeit dieser Bilder, ihre Folgen in Ansehung des Subjekts sind immer eben dieselben. Nach dem Aufwachen urtheilt man zwar, dieser Erklärung zufolge, durch Erinnerung der Ununterbrechung dieser Reihe, daß sie blos subjektiv (nicht wirklich) war. Aber wo ist hier die Täuschung? Hat man sie denn im Traume für Objektiv gehalten? das kann nicht sein, da man in ihr keine Unterbrechung (das nach dem Verfasser Merkmal der Objektivität oder Wirklichkeit ist) wahrgenommen hatte. Man hat also nicht im Traume dasjenige für wirklich gehalten, was man im Wachen für Nichtwirklich erkennt, d.h. man hat sich nicht getäuscht.
Meiner Erklärung (9ten Bandes 1tes St. S. 2.) zu Folge hingegen, beruht das Urtheil von der Objektivität der Ideen auf dem Bewußtsein der Selbstmacht der Seele, die Association der Ideen zweckmäßig zu bestimmen. Die Richtigkeit dieses Bewußtseins aber kann nicht an sich, sondern bloß durch äußere Merkmale erkannt werden, nehmlich durch die Uebereinstimmung mit der Ordnung der Natur, ohne welche keine Zweckmäßigkeit gedacht werden kann. Folglich kann man allerdings im Traume, da die Urtheilskraft unthätig, und nur die Einbildungskraft allein thätig ist, glauben, daß man diese Selbstmacht besitze (so wie der Stein, der vom Dache herunter fällt, der mit Bewußtsein begabt, von den Gesetzen der Schwere aber nichts wissen würde, dem Spinoza zu Folge, diese Handlung für freiwillig halten müßte), nach dem Aufwachen aber, kann man durch Erinnerung der Unzweckmäßigkeit der Ideenfolge, oder ihre Unübereinstimmung mit der Ordnung der Natur, diese Täuschung leicht entdecken.
S. M.

3: *) Diese Frage habe ich schon im gedachten Aufsatze auf folgende Art beantwortet. Im Schlafe verliert der Körper seine zur Wirksamkeit der Seele (nach der bekannten Harmonie zwischen Seele und Körper) erforderliche Spannung. Im Traume bekommt er zum Theil diese Spannung wieder. Die Einbildungskraft zeigt sich alsdann thätig in Ansehung derjenigen Associationsarten, die keine Selbstmacht der Seele erfordern (der Aehnlichkeit, Konsistenz und Sukzession), d.h. solcher, worin die associirten Ideen schon durch die äußern Objekte bestimmt werden, nicht aber in Ansehung der Associationsart der nothwendigen Dependenz (von Grund und Folge), die eine Selbstmacht der Urtheilskraft erfordert, welche der Grund der Zweckmäßigkeit der Ideenreihe ist. Trift es sich aber zufälligerweise zu, daß diese beiderlei Associationsarten in ihrer Würkung übereinstimmen, alsdann wird nicht nur die Einbildungskraft, sondern auch die höhern Seelenkräfte in Wirksamkeit gesetzt. Man geräth alsdann wirklich auf neue Erfindungen in Wissenschaften, auf Auflösungen schwererer Probleme u. dergl. Da aber der Fall sich sehr selten ereignet, daß z.B. die Associationsart der Konsistenz mit der der Dependenz in den Objekten übereinstimmen sollen, so darf freilich niemand darauf Rechnung machen, und jeder thut daher am besten, wenn er seine Untersuchungen hübsch wachend anstellt. — Der Verfasser scheint (ob zwar mit Umschweif) eben dasselbe zu sagen.
S. M.

4: *) Ich glaube schwerlich; die Wahrnehmung des Ichs kann nur durch eine Vorstellung, d.h. eine Beziehung eines Merkmals auf sein Objekt erhalten werden, indem man dadurch zum Bewußtsein der Persönlichkeit, oder Einheit des Subjekts zu verschiedenen Zeiten (zur Zeit der Bildung der zusammengesetzten Vorstellung des Objekts, und der einfachen Vorstellung als ihres Merkmals) gelangt.
S. M.

5: *) So wenig die Vorstellungen, die sich in uns erzeugen (welche bloße Formen der Erkenntniß sind), als die wir blos empfangen, sind zum Bewußtsein hinreichend. Jene, da sie allgemeine Formen sind, liefern zwar ein Bewußtsein überhaupt, keinesweges aber ein Bewußtsein der Individualität (siehe meines Wörterbuchs, Art. Ich), diese liefern an sich gar kein Bewußtsein; sondern die Beziehung beider aufeinander liefert uns, sowohl ein Bewußtsein der Objekte, als unsrer selbst. Denn ob schon die Formen allen Menschen gemein angenommen werden, so können doch die Objekte, worauf sie bezogen werden, in verschiedenen Subjekten verschieden sein.
S. M.