ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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5.

Fragment aus des Herrn Professor Herz Schrift, über den Schwindel. a

Herz, Marcus

Die willkürlich sowohl als unwillkürlich auf einen Gegenstand geheftete Aufmerksamkeit unterdrückt oft das Gefühl des heftigsten Schmerzes, und mit diesem das Fieber und dessen übrige widernatürliche Folgen. Man weiß, daß ein italiänischer Missethäter, der durch die grausamste Folter nicht zum Geständniß gebracht werden konnte, und sie ohne die geringste Verzuckung aushielt, während derselben immer rief: io ti veddo. Er ward frei gesprochen. Als man ihn nach der Bedeutung seines Ausrufs fragte, antwortete er: den Galgen. Die lebhafte Anschauung dieser schrecklichen Folge seines Geständnisses erstumpfte in ihm allen Schmerz. — Die wüthendsten Martern der Migräne verlieren sich, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, oft unvermerkt während einer interessanten Unterhaltung mit einem Freunde, welche die Aufmerksamkeit leicht und sanft beschäftigt, ohne sie anzustrengen; da hingegen von der einen Seite eine zu starke Anstrengung derselben, und von der andern der völlige Mangel eines sie erregenden Gegenstandes, die eigentliche Quelle der langen Weile, eben diese Krankheit in einem beträchtlichen Grade hervorbringt. — Auf Reisen, wo zum Theil bestän-[98]dig abwechselnde neue Gegenstände die Aufmerksamkeit des Menschen von seinem eigenen Zustande abwenden, zum Theil das Erkranken mit so vieler Beschwerlichkeit in der Vorstellung erscheint, wird man in der That selten krank. Geringe Widernatürlichkeiten des Körpers, die den empfindlichen Menschen, wenn er zu Hause wäre, über den Haufen würfen, werden unterwegs kaum von ihm bemerkt und verschwinden oft wirklich ohne alle nachtheilige Folgen, wiewohl sie zuweilen auch mit desto größerer Wuth hervorbrechen, sobald er vom Wagen steigt. — Es ist erstaunlich, wie viel die Seele über den mit ihr so heterogen scheinenden Körper vermag. Sie kann es bis zur Herrschaft über die unwillkürlichsten seiner Bewegungen und Bedürfnisse bringen. Man weiß, daß während wichtiger Geistesbeschäftigungen das stärkste Purgirmittel seine Wirkung versagt, und man kann durch festen kraftvollen Vorsatz nicht nur Krankheitsgefühle unterdrücken, sondern zuweilen auch Krankheiten aus dem Wege räumen. Ich sehe täglich mit Verwunderung, wie gemeine minder verzärtelte Personen es sich vornehmen, Anwandlungen von einem Fieber zu trotzen, sich nach ihrem Ausdrucke, nicht gefangen zu geben, und wie oft es ihnen wirklich gelingt, das Fieber zurück zu weisen und sich aufrecht zu erhalten. Sie hätten ohnfehlbar dessen regelmäßigen Fortgang erdulden müssen, wenn sie im Anfange nachgegeben hätten!

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Und doch ist die willkürlich gelenkte Aufmerksamkeit bei weitem nicht von solchem Einfluß auf den körperlichen Zustand, wie die durch heftige Gemüthsbewegungen hin und her gerissene. In der ungestümsten aller Leidenschaften, in der auflodernden Begierde nach Rache, in welcher der Mensch sich, so zu sagen, seiner Ichheit entäußert und mit seinem ganzen Wesen in den Gegenstand der Rache hineinwüthet, bleiben die schrecklichsten Schmerzen ungefühlt, die gefährlichsten Zerrüttungen des Körpers unbemerkt, und während des Taumels auch ohne nachtheilige Folgen. Am auffallendsten, aber nicht minder wahr ist es, daß in diesem Gemüthszustande selbst der Tod zuweilen auf eine Zeitlang zurückgehalten wird. Man hat Beispiele, daß Helden mit zerschmetterten Gliedern, gefährlichen Wunden und tödtlichen Verblutungen, ohne ihren Zustand zu merken, den Kampf fortgesetzt und erst zu Ende der Schlacht sich haben verbinden lassen, oder auch hingefallen und gestorben sind. Muley Moluck nahm, da er bereits in den letzten Zügen war, noch seine Kräfte zusammen, besiegte seinen Feind, rettete seinen Kindern den Thron, und starb*). 1 Ich habe einen Mann gekannt, der an [100]einem bösartigen Gallenfieber starb, und dessen bereits auf den Lippen schwebender Geist noch vier und zwanzig Stunden länger bloß dadurch zurück gehalten ward, daß eine Freundin ihm alle Viertelstun-[101]den ins Ohr rief: sein Feind, mit dem er kurz vor der Krankheit einen heftigen Streit gehabt, sey seines Amtes entsetzt worden.

Der zwischen Furcht und Hofnung schwankende Zustand der Seele ist von der widrigsten Wirkung auf den Körper; die zuweilen bloß dadurch gehoben und in eine heilsame verwandelt wird, daß man den Kranken jeder guten Aussicht beraubt und ihm alle Hofnung benimmt. Das sichere Unglück schlägt das Gemüth nieder, und bringt es mit der Zeit zur Ruhe; das zweifelhafte erhält es in einem rastlosen Wanken, und einer dem Körper höchst verderblichen Lebhaftigkeit. Davon sah ich einst in meiner Praxis ein merkwürdiges Beispiel, das ich hier anführen will, wiewohl ich mir dessen ausführliche Beschreibung auf eine andere Gelegenheit vorbehalte. Ich hatte einen jungen sehr lebhaften Mann an einem Lungengeschwür zu heilen, das bereits mit einem anhaltenden heftigen Fieber, aussetzendem Pulse und eitrichtem Auswurfe verbunden war. Mit aller angewandten Mühe konnte ich meinen Endzweck, die Fieberbewegungen um Etwas zu mildern, doch nicht erreichen. Ich merkte endlich, daß sie vorzüglich von der Unruhe lebhaft unterhalten wurden, in wel-[102]che die Gemüthsschwankungen zwischen der tröstlichen Hofnung, die ich als Mensch und Arzt dem Kranken machte, von der einen Seite, und zwischen seinem eigenen Gefühle der nagenden Krankheit, von der andern, ihn versetzten. Nun entschloß ich mich zu einem harten Mittel, um ihn mit Gewalt aus einem Zustande zu reißen, der ihn sicher binnen einigen Wochen aufgerieben haben würde. Eines Morgens kam ich zu ihm, da er eben einigen Freunden seine verzweiflungsvolle Verfassung vortobte, und kündigte ihm mit einer kalten ernsthaften Miene den Tod an. Ich habe bis vor einigen Tagen, sagte ich, noch immer geglaubt, der Krankheit eine günstigere Wendung geben zu können; aber leider, ist sie stärker als alle menschliche Kunst. Es ist nun so weit mit Ihnen gekommen, setzte ich hinzu, daß Sie ohne allen Anschein von Rettung verloren sind. Die Säfte sind ganz in Fäulniß übergegangen, die Lungen zereitert, und in dem Herzen hat sich ein fürchterlicher Polyp gebildet. Alle Hofnung ist nun verschwunden; binnen zehn Tagen unterliegen Sie. Hierauf ermahnte ich ihn, sich als ein Weiser gefaßt zu machen, und den Vorschriften genau zu folgen, die ich ihm ertheilte und die blos die Absicht hätten, ihm seinen Zustand erträglicher zu machen und den Uebergang zum Tode zu erleichtern. Diese ungewöhnliche Anrede eines Arztes und Freundes that sogleich die auffallendste Wirkung. Nach einigen ungestümen, aber natürlichen Aufregungen des [103]Gemüths ward mein Kranker still, niedergeschlagen, traurig. Des Abends ward der Puls regelmäßiger, die Nacht ruhiger als eine der vorigen, und den folgenden Tag das Fieber gelinder. So besserten sich, indeß der Kranke meine Verordnungen auf das strengste befolgte, und anhaltend auf Wiederherstellung resignirte, alle Umstände zusehends. Von Tage zu Tage wurde der Athem freier, die fieberhaften Zufälle nahmen ab, die Kräfte zu, der Auswurf verminderte sich. Nach drei Wochen war der Kranke hergestellt. Er hat seitdem verschiedene große Reisen gemacht, und lebt noch jetzt nach einer ansehnlichen Reihe von Jahren in dem Genusse einer ziemlichen Gesundheit.

Fußnoten:

1: *) Man erlaube mir die Geschichte dieses überrömischen Heldenmuthes aus dem Englischen Zuschauer B. 5. hier abzuschreiben: Als der König von Portugal, Don Sebastian, in das Land des Kaisers von Marokko, Muley Moluck eingefallen war, um ihn vom Throne zu stürzen und seinem Neffen die Krone aufzusetzen, lag Moluck an einer tödtlichen Krankheit nieder, von welcher er wußte, daß sie unheilbar sey. Gleichwohl bereitete er sich zum Empfang eines so furchtbaren Feindes. Er war wirklich so todtkrank, daß er nicht einmal den Tag, an welchem das letzte entscheidende Treffen geliefert ward, zu Ende zu leben erwartete. Da er aber wußte, was für gefährliche Folgen es für seine Kinder und sein Volk haben würde, wenn er eher stürbe, als er den Krieg geendigt hätte: so gab er seinen Generalen Befehl, wenn er während des Treffens sterben sollte, seinen Tod vor der Armee zu verbergen, und noch immer zu der Sänfte, worin er sich tragen ließ, hinzureiten, als ob sie, wie gewöhnlich seine Befehle erhielten. Ehe nun die Schlacht anfing, ließ er sich in einer offenen Sänfte durch alle Glieder der Armee, wie sie in Schlachtordnung aufmarschiert stand, herumtragen, und ermunterte sie, für Religion und Vaterland tapfer zu fechten. Da hernach die Seinigen zu weichen anfingen, sprang er, ob er gleich fast schon in den letzten Zügen lag, aus der Sänfte, brachte sein Heer in Ordnung, und führte es zu einem neuen Angriff an, der sich denn mit einem vollkommenen Siege über seine Feinde endigte. Kaum hatte er seine Leute zum Schlagen gebracht, als er sich, ganz erschöpft, wieder in seine Sänfte tragen ließ. Hier legte er den Finger auf den Mund, um den umstehenden Generalen anzudeuten, daß sie schweigen sollten, und verschied einige Augenblicke darauf in dieser Stellung. b

Erläuterungen:

a: Vorlage: Herz 1791, S. 11-19.

b: Abu Abdallah Muhammad al-Mutawakkil al-Masluch wurde als Sultan in Marokko von seinem Onkel Abu Marwan Abd al-Malik al-Ghazi abgesetzt. Abu Abdallah konnte Sebastian I. von Portugal dazu überreden in Marokko einzumarschieren. Abu Marwan Abd al-Maliik war zu der Zeit schwer krank, aber sein Heer besiegte die portugiesischen Truppen. Sebastian I. und Abu Abdallah wurden in der Schlacht getötet, Abu Marwan Abd al-Malik starb eines natürlichen Todes.