ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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1.

Wirkung des Denkvermögens auf die Sprachwerkzeuge.

Maimon, Salomon

Mein Freund, der Herr Professor Markus Herz, berichtet uns (Mag. zur Erfahrungs-Seelenkunde 8. Band. 2. Stück 1.) eine merkwürdige medizinisch-psychologische Erscheinung, die er, als gleich competenter Richter in beiden Wissenschaften, mit dem ihm eignen Scharfsinn zu erklären sucht.

Ich werde hier sowohl diese Erscheinung, als seine Erklärung in Kurzem anführen, und meine eigne Erklärung hinzufügen; überlasse es aber dem Leser, mit welcher Erklärungsart er am besten zufrieden seyn will.

Ein Mann, der durch einen Zufall, an der Zunge und an den Händen und Füßen einige Zeit völlig gelähmet war, ist nachher soweit wieder hergestellt worden, daß er die Füße hat vollkommen brauchen können, wie auch einigermaßen die Hände; in Ansehung der Sprache aber hat sich folgende merkwürdige Erscheinung bei ihm ereignet. Er war [9]schlechterdings nicht im Stande irgend ein Wort deutlich und vernehmlich hervorzubringen, weder von selbst aus eignem Triebe, noch wenn man ihm die Worte laut und langsam vorsagte; hingegen konnte er sehr fertig lesen, so daß man, wenn er laut las, kaum einen Fehler an seinen Sprachorganen bemerkte.

Die Erklärung dieser Erscheinung ist nach dem Herrn Professor Herz in Kurzem diese:

»Zum Aussprechen oder Hervorbringen eines Worts ist nothwendig, daß die Vorstellung desselben in der Seele vorgehe. Diese Vorstellung muß unter gewissen Umständen einen gewissen Grad von Stärke haben. Ferner, die Wirksamkeit einer Vorstellung hängt von zwei Ursachen ab, von ihrer Lebhaftigkeit und von ihrer Dauer

»In Ansehung der Lebhaftigkeit giebt es keine wesentliche Verschiedenheit unter den verschiednen sinnlichen Vorstellungen; in Ansehung der Dauer aber, ist vorzüglich eine Verschiedenheit zwischen den Vorstellungen des Gesichts und den des Gehörs zu bemerken, indem die Wahrnehmungen des erstern viel dauerhafter, als die des leztern sind; folglich muß auch die Wirkung jener viel stärker, als die Wirkung dieser seyn.«

»Bei diesem Manne also, dessen Sprachorgane zum Theil gelähmet waren, konnte nur die stärkere Vorstellung des Gesichts, nicht aber die schwächere [10]des Gehörs die verlangte Wirkung (Hervorbringung eines Worts) verursachen.«

Herr Professor Herz führt noch eine Erscheinung von dieser Art an, die er auf eine ähnliche Weise erklärt.

Ich will mich hier in keine umständliche Beleuchtung dieser Erklärungsart einlassen, und bemerke nur, daß ich den Unterschied zwischen den verschiednen Arten sinnlicher Vorstellungen in Ansehung ihrer Dauer nicht einsehen kann.

Die Dauer ist die Existenz eines Dinges zu verschiednen Zeiten. Nun hat aber eine Vorstellung sowohl, als die ihr correspondierende unmittelbare Wahrnehmung nur so viel Dauer, als zu ihrer Apprehension, d.h. zur Zusammennehmung und Ordnung ihrer Theile zu einem Ganzen, nöthig ist; sobald dieses Geschäft zu Ende ist, ist auch die Vorstellung zu Ende; wird diese Operation wiederholt, so entstehet eine der vorigen ähnliche Vorstellung, die aber dennoch ihre eigene Existenz hat, indem die Verschiedenheit der Zeit bei aller wesentlichen Identität die Verschiedenheit der Existenz ausmacht.

Das Object mag immer (als Substanz) eine Dauer haben; seine aufeinander folgenden Eindrücke auf uns mögen immer einartig seyn; so müssen doch diese Eindrücke, und folglich auch die aus ihnen entspringenden Vorstellungen, ihrer Existenz nach [11]verschieden seyn, und hierin sind alle sinnlichen Vorstellungen einander ähnlich.

Man täuscht sich gemeiniglich, wenn man glaubt geschwinder Lesen als Sprechen zu können, da doch das (nicht laute) Lesen nichts anders als ein inneres Sprechen ist. Der Grund dieser Täuschung aber liegt darin, daß man schon aus Gewohnheit sich mit ganzen Phrasen bekannt gemacht hatte; man ließt daher bloß einige Theile derselben, und ersetzt das übrige aus dem Gedächtniß, und glaubt demohnerachtet das Ganze gelesen zu haben.

Wir mögen also die Vorstellung eines Worts durchs Hören oder durchs Sehen erlangen, so ist ihre Dauer immer nur so viel, als zur Apprehension, d.h. zur Zusammennehmung der einzelnen Buchstaben, und ihrer Ordnung untereinander in einem Worte, nothwendig ist.

Sobald dieses zu Ende ist, müssen wir entweder durch unmittelbare Wahrnehmung oder Erinnerung dieses Geschäft aufs Neue vornehmen; aber dieses ist nicht mehr die Dauer eben derselben Vorstellung, sondern blos ihre Wiederholung.

Ich komme nun zu meiner Erklärung dieser Erscheinung, zu deren Behufe ich folgende Sätze vorausschicken zu können glaube:

1) Das aus der Psychologie bekannte Gesetz der Association überhaupt; nehmlich wenn zwei Vorstellungen A und B dem Erkenntnißvermögen, in einer unmittelbaren Folge im Raume oder in der [12]Zeit gegeben werden, so werden sie in Beziehung auf das Erkenntnißvermögen so verknüpft, daß, wenn nachher die eine derselben A entweder durch das äußere Object gegeben, oder durch die Einbildungskraft reproducirt wird, alsdann auch die andere B reproducirt werden muß, und so auch umgekehrt.

2) Diese Association oder die Wahrscheinlichkeit des Urtheils a priori von der Folge der Vorstellungen aufeinander kann verschiedene Grade haben, die durch die verschiedenen Grade der Wiederholung (ihre Anzahl) der a posteriori wahrgenommenen Folge dieser Vorstellungen aufeinander bestimmt werden; das heißt, je öfter diese Vorstellungen, in einer Folge aufeinander wahrgenommen worden sind, desto wahrscheinlicher wird es, daß wenn hernach eine derselben wahrgenommen werden sollte, die andere auf sie folgen werde.

3) Der höchste Grad der Association ist, wenn die Vorstellungen beständig in einer Folge aufeinander und nie außer derselben wahrgenommen worden sind.

4) Der Grad der Association kann aber in den beiden associirten Vorstellungen verschieden seyn; wenn nehmlich die eine Vorstellung A beständig in einer Folge mit B, B hingegen auch außer dieser Folge wahrgenommen worden ist, alsdann ist die Wahrscheinlichkeit der Folge von B auf A [13]größer als die Wahrscheinlichkeit der Folge von A auf B.

5) Es giebt auch eine Ordnung in der Association; wenn nehmlich beständig A als vorhergehend, und B als darauf folgend wahrgenommen worden ist, so wird auf die Wahrnehmung von A, B gewiß folgen, nicht aber umgekehrt. Wer eine fremde Sprache durchs Uebersetzen in seine Muttersprache erlernt, wird bei einem vorkommenden Worte aus der fremden Sprache auf das demselben correspondirende Wort in seiner Muttersprache leicht fallen, nicht aber umgekehrt. Dieses habe ich sowohl an mir selbst als an andern beobachtet, hingegen hatte ich noch keine Gelegenheit, die Ordnung der Association auch im umgekehrten Falle zu beobachten. Sollte sich dieses auch bestätigen, so hat der Satz der Ordnung in der Association seine völlige Richtigkeit: wo nicht, so müssen wir ihn gänzlich verwerfen, indem die beobachtete Ordnung im ersten Falle sich aus No. 4. erklären läßt. Das Wort aus der fremden Sprache ist nie außer der Association mit dem ihm correspondirenden Worte aus der Muttersprache vorgekommen; hingegen ist dieses schon lange Zeit vor dieser Association gebraucht worden; folglich ist der Grad der Association des erstern größer, als der des leztern, indem es bei dem ersten der höchstmögliche Grad ist. Man erinnert sich daher leicht bei jenem an dieses, nicht aber umgekehrt.

[14]

6) Die Vorstellungen der Objecte gehen der Sprache, und diese der Schrift voraus. Dieses ist ein Erfahrungssatz, den jeder zugeben wird. Ein Kind hat lange vorher Vorstellungen, ehe es sie durch Worte ausdrücken lernt. Und die Schrift bestehet aus willkürlichen Zeichen der Töne, so wie die Sprache aus willkürlichen Zeichen der Vorstellungen. Das Bezeichnetwerdende muß aber dem Zeichen vorhergehen.

7) Aus 4. und 6. läßt sich erklären, warum ein Kind,, das eine Sache benennt, zugleich eine Vorstellung davon hat; wenn es z.B. sagt: ich will Zucker, so wird es sich gewiß mit nichts anderm abspeisen lassen. Es kann aber umgekehrt eine Vorstellung von einer Sache haben, ohne sie benennen zu können; wobei es sich eines allgemeinen Ausdrucks zu bedienen pflegt (weil dieser ihm öfter als der besondere Ausdruck vorgekommen ist), z.B. das Ding, etwas u.dgl. weil, obgleich die Vorstellungen mit ihren Nahmen in seiner Seele sind associirt worden, sie doch nicht in gleichem Grade associirt sind; indem die Vorstellung schon vor dieser Association, ihr Nahme hingegen erst durch dieselbe entstanden ist.

8) Das was an sich schwer zu bewerkstelligen ist, wird durch die Association erleichtert, man bekömmt die Fertigkeit in einer Kunst durch Uebung, d.h. durch öftere Wiederholung eben derselben Handlung. Wenn wir aber die Sache genauer betrach-[15]ten wollen, so werden wir finden, daß diese Fertigkeit nicht aus der Wiederholung eines jeden Theils der Handlung an sich,, sondern aus der Wiederholung ihrer Verbindung untereinander entspringet.

Wenn jemand z.B. einen Menschen abzeichnen will, so kann er nicht gleich Anfangs alle Züge richtig ausdrücken, er zeichnet blos diejenigen wenigen Züge, auf die sich seine Aufmerksamkeit erstreckt, richtig. Hernach wendet er seine Aufmerksamkeit auf die noch nicht richtig getroffenen Züge, und sucht sie auszudrücken, und mit den schon richtig getroffenen zu verbinden, u.s.w.; bis er auf diese Art das Ganze richtig zeichnen gelernt hat; je öfter er diese Handlung wiederholt, desto stärker werden diese Züge zu einem Ganzen in seiner Einbildungskraft verknüpft, so daß er zuletzt nur auf einige derselben seine Aufmerksamkeit zu richten braucht, und die andern von selbst folgen.

Durch die Association also wird mit einem kleinern Grade von Aufmerksamkeit (auf einige Züge) so viel verrichtet, als sonst mit einem größern Grade von Aufmerksamkeit (aufs Ganze) hätte verrichtet werden müssen.

Aus diesem allen läßt sich die gedachte Erscheinung auf folgende Art erklären.

Der Mann war an seinen Sprachwerkzeugen zum Theil gelähmt, oder welches wahrscheinlicher ist, er war während der Zeit seiner Lähmung in der [16]Sprache ausser Uebung gekommen; er konnte zwar sprechen, aber nur mit Schwierigkeit. Dieser Schwierigkeit mußte daher durch eine Association abgeholfen werden.

Nun ist freilich die Vorstellung eines Objects mit dem Schalle seines Nahmens in einer Association, indem man diesen durch Verknüpfung mit jener erlernt hat. Da aber die Vorstellung des Objects seinem Nahmen eine lange Zeit vorhergegangen ist, so ist diese Association nicht stark genug, um dasjenige zu bewerkstelligen, was ohne dieselbe unmöglich war. Und so ist es auch mit den von andern gehörten Worten beschaffen, indem man die Worte eher gehört, als sie auszusprechen gelernt hat. Hingegen ist die Association der Schriftzeichen, mit den ausgesprochenen Worten die größtmögliche, weil man jene beständig in einer Association mit diesen, aber nie außer derselben wahrgenommen hat; folglich kann sie stark genug seyn, um die erforderliche Wirkung hervorzubringen.

Salomon Maimon.