ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VIII, Stück: 2 (1791) > 1. Wirkung des Denkvermögens auf die Sprachwerkzeuge.

1.

Wirkung des Denkvermögens auf die Sprachwerkzeuge.

Herz, Marcus

Im August 1785 besuchte ich einen Offizier von der Artillerie, einen Mann von vierzig Jahren, der, wie man mir erzählte, seit einem Jahre, nach vorhergegangener Erkältung und Aergerniß, an der Zunge, den Händen und Füßen völlig gelähmt war.

Er wurde von einem unserer guten Aerzte allhier behandelt, der mich hinzu rief, um Einrichtung zu einer elektrischen Cur zu treffen.

Dies geschah, und so hatte ich den Kranken nicht wieder gesehen bis im folgenden Jahre. Da er mich meines Beistandes halber zu sich kommen lies, weil sein Arzt ihn verlassen hatte.

[2]

Ich fand ihn so weit hergestellt, daß er die Füße vollkommen brauchen konnte, auch die Hände einigermaßen; aber in Ansehung der Sprache fiel mir folgende merkwürdige Erscheinung auf. Er war schlechterdings nicht im Stande irgend ein Wort deutlich und vernehmlich hervorzubringen, weder von selbst aus eigenem Triebe, noch wenn man ihm die Worte laut und langsam vorsagte. Er strengte sich äußerst heftig an, die Zunge und die übrigen Sprachwerkzeuge in Bewegung zu setzen, konnte aber nie etwas anders als ein unverständliches Gemurre von sich geben, das ihm sehr viel Mühe machte und sich dann mit einem tiefen Seufzer endigte.

Hingegen konnte er sehr fertig lesen. Hielt man ihm ein Buch oder etwas Geschriebenes vor, so las er geschwind und deutlich, so daß man kaum einen Fehler an seinen Sprachorganen bemerkte.

Nahm man ihm aber die vorgehaltene Schrift weg, so war er wiederum nicht im Stande die vorigen Worte auszusprechen. Diesen Versuch wiederholte ich sehr oft, in Gegenwart seiner Frau und verschiedener andere Personen, der Erfolg war immer derselbe.

Ich weiß mir von dieser merkwürdigen psychologischen Erscheinung keine andere Erklärung zu geben als folgende: Um unsere Sprachwerkzeuge zur Hervorbringung eines Wortes in Bewegung zu setzen, ist es nothwendig, daß dessen Vorstellung, [3] sie mag nun von selbst in uns oder durch äußere Veranlassung entstehen, vorher in unserer Seele gegenwärtig sey, welche alsdann unsere Willkühr rege macht, und sie bestimmt, in die Nerven der Sprachmuskeln den Nervensaft gerade so hin zu bewegen, als es die Aussprache des ihr entsprechenden Wortes erfordert.

Diese Vorstellung muß einen gewissen Grad von Stärke haben, um die Willkühr in diese Thätigkeit zu versetzen. Ueberschreitet sie denselben, so wirkt sie zu lebhaft, und es entstehet ein geschwindes undeutliches Plaudern oder auch ein Stottern; erreicht sie ihn nicht, so ist sie unvermögend die Wirkung überhaupt hervorzubringen; die Willkühr wird alsdann zwar in einer Art von Bestreben sich befinden, den Nervensaft in Bewegung zu setzen, aber da der Reiz der Vorstellung zu schwach ist; so wird es auch bloß beim unfruchtbaren Bestreben bleiben, ohne daß ein wirkliches Sprechen darauf erfolgt.

Es ergiebt sich aber daraus sehr leicht, daß dieser erforderliche Grad der Vorstellung nicht unter allen Umständen derselbe seyn kann, sondern nach der verschiedenen Beschaffenheit der Sprachorgane verschieden seyn muß. Nachdem diese reitzbarer und beweglicher, oder stumpfer und unbeweglicher sind, wird er kleiner oder größer seyn müssen. Wenn also ihre Nerven in einem widernatürlichen Zustande sich befinden, und dem gewöhnlichen Einströmen des Nervensafts zu großen Widerstand leisten, oder [4]wenn deren Muskeln eine so geringe Reitzbarkeit haben, daß der gewöhnliche Einfluß des Saftes in ihre Nerven in ihnen keine Zusammenziehung hervorzubringen vermag, so muß die Thätigkeit der Willkühr desto größer, ihre Anstrengung, und folglich die Vorstellung, die sie zu dieser Anstrengung spornt, desto stärker seyn, und so umgekehrt.

Es hängt aber die Wirksamkeit einer Vorstellung von zwey Ursachen ab; von ihrer Lebhaftigkeit und von ihrer Dauer. Was die erste betrift, so kömmt diese hier nicht in Betrachtung, da es in Ansehung ihrer keine wesentliche Verschiedenheit unter den verschiedenen sinnlichen Vorstellungen giebt, und bis auf einen gewissen Grad, der ins schmerzhafte Gefühl übergeht, kann eine jede bald lebhafter bald stumpfer als die übrigen seyn.

In Ansehung der letzten aber findet sich ein merklicher Unterschied zwischen den verschiedenen sinnlichen Eindrücken, und also auch zwischen ihren Vorstellungen. Vorzüglich ist er zwischen den Vorstellungen des Gesichts und des Gehörs auffallend. Offenbar sind jene von weit längerer Dauer als diese. Die Vorstellung gewisser Wörter z.B. welche den empfangenen Eindruck derselben durch das Gehör begleitet, sie mag noch so unmittelbar darauf folgen, ist doch immer in der Dauer nur Erinnerung. Der Schall ist vorüber, und den Augenblick darauf muß die erregte Vorstellung sich durch sich selbst, vermittelst der Erinnerung des [5]gehabten Eindruckes, erhalten: Da hingegen beim anhaltenden Sehen au einen Gegenstand die Ursache, welche die Vorstellung unterhält, ununterbrochen gegenwärtig ist.

Und gesetzt auch, daß derselbe Laut oft hinter einander wiederholt wird, so entstehen daraus doch immer nur viele besondere einzelne Eindrücke, die bei weitem keine solche anhaltende stetige Vorstellung in dem Gemüth hervorbringen, als die ununterbrochene Strahlenwirkung eines sichtbaren Gegenstandes.

Im ersten Falle muß also die Macht der Vorstellung geringer, und folglich ihre Wirkung auf die Willkühr schwächer seyn als im letzten.

Dies ist wahrscheinlich mit eine Ursache, warum die Vorstellungen des Gesichts überhaupt fester in der Seele haften, als die des Gehörs; und wir eines einmal gesehenen Bildes noch lange Zeit uns leichter zurück erinnern, als einer einmal gehörten Melodie.

Nun waren bey unserm Kranken die Sprachwerkzeuge offenbar in einem geringen Grade gelähmt, wodurch sie freylich nicht aller Beweglichkeit beraubt, aber doch in einem geschwächten minder reitzbaren Zustand versetzt wurden, und sie konnten nur von einer stärkern Vorstellung und angestrengteren Kraft der Willkühr in Thätigkeit gesetzt werden, welche zwar von der anhaltenden Wirkung eines Gesichts- aber nicht von der verschwinden-[6]den eines Gehörgegenstandes verlangt werden konnten.

Vor kurzem ist mir noch ein ähnlicher Fall bei einer jungen aus Gram melankolischen Dame vorgekommen. Weder das dringendste Bitten, noch die heftigsten Drohungen, waren im Stande einen artikulirten Ton von ihr heraus zu bringen.

Hielt man ihr aber einen Brief oder ein gedrucktes Blatt vor, und ersuchte sie, es zu lesen, so that sie es mit der größten Fertigkeit eines gesunden Menschen. Bey dieser waren die Sprachwerkzeuge im natürlichen Zustande, aber durch die brütende Aufmerksamkeit auf ihren Lieblingsgegenstand wurde wahrscheinlich die gewöhnliche Wirkung jeder andern Vorstellung so sehr geschwächt, daß sie nicht hinreichte den Willen in die Thätigkeit zu setzen, welche zum Bewegen des Nervensafts in die Sprachorgane erfordert wird. Da nun, wie ich schon erwähnt, die Vorstellungen des Sehens, wegen der anhaltenden Gegenwart ihrer Ursache, dauerhafter und stärker sind, als die des Hörens, so ergiebt sich von selbst: warum jene und nicht diese sie zum Sprechen bewegen konnten.

Marcus Herz.