ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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3.

Vom menschlichen Denken a priori.

Heinicke, Samuel

Die Erfahrungsseelenkunde hat uns schon zu vielen nützlichen Entdeckungen Anlaß gegeben, und wir können noch sehr große Vortheile daraus ziehen, wenn wir uns dadurch unser Denken a priori bekannt machen, und mehrere Helle zur Aussicht in die Ferne, nach allgemeingeltenden Gesetzen im Denken dazu erlangen. Denn die Erfahrung allein kann uns in Wissenschaften nichts Zuverläßiges liefern. Sie zeigt zwar an was da ist, aber nicht das Warum? Folglich kann sie auf apodiktische Gewißheit keinen Anspruch machen.

Eigentlich ist die Erfahrung ein Verstandesfabrikat, daß er a priori formirt, mithin wird sie a posteriori producirt, und es gehören dazu mancherlei Ingredienzien, Funktionen und Mittel, ehe sie nach und nach synthetisch gemodelt, gedacht, und endlich brauchbar werden kann. Beispiele versinnlichen die Begriffe, und ich will hier einen kurzen Versuch dieser Art machen.

Unser Vorstellungsvermögen ist das allerwichtigste — ja wie soll ichs nun nennen: Element oder Werkzeug? — Talent und Mittel zur Erfahrungsproduktion. Dies Vermögen geht vor allen [32]äußern und innern Denkformen, ja sogar vor dem Bewußtseyn der Erkenntniß a priori voraus, und es ist eben so wenig passiv und bestimmbar, als die Vernunft. Ich könnte einen weitläuftigen Aufsatz über das Vorstellungsvermögen allein liefern, und vielleicht geschieht dies irgend hier noch einmal, wo ich nach allgemein gültigen Gesetzen zeigen werde: was dies Vermögen vorstellen kann und nicht kann. Bisher herrscht darüber noch eine barbarische Begriffmengerei und Leerformelei.

Der Leib hat Sinnen und die Seele — die man auch Intelligenz nennen kann — hat eine Vorstellungskraft, Verstand, Vernunft, freien Willen etc. die Sinne recipiren und die Intelligenz denkt. Beide haben also verschiedene Funktionen: Allein, die Intelligenz kann ohne Sinne nichts schauen und empfinden, und die Sinne können ohne Intelligenz nichts erkennen und denken. Ein Beispiel wird dies deutlicher machen. —

A. Die Intelligenz mit ihrer Vorstellungskraft etc.

R. und Z. Raum und Zeit gehen vor ihr her.

B. Einbildungskraft producirt und reproducirt.

C. Die Sinnlichkeit recipirt.

D. Der Gegenstand, z.B. ein Apfel.

Sobald nun der Intelligenz ein sinnlicher Gegenstand vorgestellt wird, und sie dazu Zeit hat — denn das schnelle Vorbeifliegen einer Kanonenkugel erlaubt der Intelligenz keine Vorstellung davon — so macht sie sich den Gegenstand nicht erst deut- [33] lich, nein, sondern erst zu denken möglich, und das geht so zu.

Die Vorstellkraft, oder das Vorstellvermögen, muß man sich als ein ausströmendes, geistiges und lebendiges Wesen denken: kennen kann es a priori kein Mensch; allein, darum bekümmert sich auch kein Logiker, sondern bloß um Prädikate oder Prämissen. Die Intelligenz A. geht also hier gleich auf das Object D. den Apfel loß, und macht ihn zu denken möglich, indem sie seine Form der Sinnlichkeit — des Apfels Gestalt durch C. in die Einbildungskraft B. überträgt. Diese ist das Mittelband zwischen Sinnen und Verstande, und die Zeit ist das homogene Medium dazu, wodurch sich der Verstand versinnlichen kann. Die Einbildungskraft B. producirt nun den Gegenstand D., und hält ihn dem Vorstellvermögen zugleich vor, d.i. sie producirt ihn eine Weile, oder so lange sies soll, bis er nun erst im Bewußtseyn aufgenommen und erkannt, oder als ein Verstandesfabrikat deutlich gedacht werden kann.

Hieraus erhellet nun evident, daß allgemeingeltende Denkgesetze a priori in unsrer Intelligenz vorhanden seyn müssen, die, wenn die Organisation nicht widernatürlich gebildet, mangelhaft oder verdorben ist, der Intelligenz zu Denkmitteln dienen, wie sie ihre Vermögen und Gränzen, und was ihr gesetzmäßig vorgeschrieben ist, dadurch kennen und anwenden lernt.

[34]

Es ist aber auch klar und unwiderlegbar, daß wir mit unsern Denkgesetzen uns von Dingen an sich, z.B. Geistern, Monaden, Göttern, Seelen, als körperlosen Wesen, keine reellen Vorstellungen machen, sondern sie bloß durch Hörensagen, vom Schulmeister, oder von der Großmutter, anfänglich ganz antropomorphistisch (siehe den Erfurter Katechismus, worin Gott im Schlafrocke und in Pantoffeln abgebildet ist) denken lernten.

Es ist demnach ein ungeheurer Vernunftschnitzer, wenn manche sonst sehr hoch gelahrte, galante und kultivirte Leute, die bei einer durch Red' und Schrift geoffenbarten Religion erzogen worden sind, öffentlich vorgeben: daß sie Gottes Daseyn durch Spekulation aus der Natur entdeckt hätten. Die Formel von Gott, die Idee oder der Vernunftbegriff dazu, wurde ihnen durch Instruktion entwickelt. In diese leere Formel setzen sie nun einen Gott, nach ihrem Bilde und ihrer Denkart, dazu gehört aber ein starker Glaube! Es ist schlechterdings nicht möglich, die Einheit Gottes durch Spekulation zu entdecken und zu beweisen.

Die Abiponer, Huronen, Karaiben etc. a haben keine Idee von Gott, nicht einmal ein Wort in ihrer Sprache das Gott bedeutete. Es ist also bloßer leerer Formeltrug, Gottes einziges Wesen und Daseyn durch Spekulation zu entdecken.

[35]

Wir können Gott nur nach Verhältnißähnlichkeiten aus Instruktion kennen lernen, unsre Intelligenz kann sich bloß formale Gegenstände vorstellen, und Intelligenzen als Entia rationis denken. Aus obigem Gange aber des menschlichen Denkens könnten wir auch noch einiges Nützliche ziehen. Es giebt z.B. kranke Menschen, die eine verrückte, zerstörte oder nur verderbte Einbildungskraft haben, die entweder zu schnell producirt, oder auch zu wenig reproducirt. Im ersten Falle reden diese unglücklichen Personen das Hundertste ins Tausende, alles durch einander; denn das Bild verlöscht sogleich wieder, und die Einbildungskraft ist inreproducibel. Im andern Falle aber reproducirt sie wieder zu lange anhaltend, sie fixirt Bilder oder Sachen, und ist nicht davon abzubringen, oder sie treten auch gleich wieder in sie ein. Sollten sich nun keine Mittel für solche bemitleidenswürdige Personen, ihnen dadurch zu helfen, erfinden lassen?

Ich habe zwar einen Mann im Hollsteinischen gekannt, der solche Personen kurirte. Allein seine Methode war grausam. Er legte seinen Patienten, von der ersten Sorte, ein Bild vor, das sie unverrückt anschauen, ganze Stunden davor stehen bleiben, und das Bild beschreiben oder nennen mußten.

Rührten sie sich nun etwa von der Stelle, oder sprachen nicht vom Bilde, so karbatschte er sie, und [36]schrie dazu unmenschlich, und das trieb er so lange, bis endlich die Einbildungskraft des Patienten wieder zu reproduciren anfieng, und die Patienten auswendig eine Beschreibung davon machen lernten. Närrisch darüber werden — sagte er — können sie nicht.

Mit dieser ersten Sorte brachte er aber längere Zeit als mit der letzten zu. Hier nahm er verschiedene Gemälde und Bilder, und die Patienten mußten von einem zum andern mit Geschwindigkeit fortschreiten, und ihre Namen oder Geschichte davon auch auswendig beschreiben lernen.

Selten verfehlte er seines Zwecks, diese Patienten wurden gesund. Allein, sollten denn keine Arzeneien oder andre Mittel vorhanden seyn, solche Unglückliche oder auch boshafte Menschen damit zu kuriren, z.B. manche vom moralischen Todtschlage damit abzuhalten?

Leipzig, im December 1789.

Samuel Heinicke.

Erläuterungen:

a: Die Huronen (auch Wyandot, Wendat), die Abiponen und die Kariben waren Urvölker des amerikanischen Kontinents.