ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VIII, Stück: 2 (1791) > 6. Ueber die Sprache.

6.

Ueber die Sprache.

Eschke, Ernst Adolf

Unmaßgeblicher Vorschlag zu einer neuen Lehrart fremder Sprachen.

Eine doppelte Art der Betrachtung herrscht bei den Dingen, die einen Vorwurf menschlicher Erkenntniß abgeben. Die eine betrift die natürliche Art der Beschaffenheit einer Sache, die andre beschäftigt sich mit der Geschichte ihres Gebrauchs. Ist nun die Sprache eine so wichtige Angelegenheit, daß das ganze menschliche Leben daraus seinen Vorzug erhält, so ist es auch billig der Untersuchung werth, theils welches der natürliche Bau der Sprache, theils wie die Sprache von Zeit zu Zeit in Uebung gebracht und erhalten worden sey. Dieses will ich die Geschichte, jenes die Geburt der Sprache nennen.

Die Erkenntniß der natürlichen Beschaffenheit eines Dinges erwächst aus dem, was wir bei der Empfindung, die wir von ihm haben, und bei dem Gebrauch, den wir davon machen, gewahr werden. Bei der Sprache bemerken wir erst die Gliedmaßen des menschlichen Leibes, eigentlich nur des Mundes, der dieselbe hervorbringt; darnächst die Geberden des Gesichts und die Stellung des Leibes bei dem [53]Gebrauch der Sprache; drittens ihren innern Geist, so nenne ich die innre Verbindung der Gedanken mit den Worten. Diese gründet sich darauf, daß der Mensch fähig ist einerlei Empfindung durch einerlei Schall auszudrücken, und ihn als den ersten Anzeiger der nehmlichen Empfindung zu betrachten. Daraus entsteht endlich eine Gleichförmigkeit, nach welcher der Gebrauch der Schalle, und folglich das, was uns Sprache ist, beständig und gewiß gemacht wird. Dies ist der Verstand der Sprache. Sobald man ein Wort, als einen Theil der Rede, hört oder liest, stellt man eben die Empfindung sich vor, hat man eben den Gedanken, den der hatte, dessen Mund oder Feder das Wort entsprang.

Der Bau des Mundes ist ein Meisterstück des Schöpfers. Die Hölung zur Formirung des Schalles: die mannigfaltige Eröffnung und Schließung erzeugt die Verschiedenheiten des Schalles, und die Zunge mit den Zähnen ist Regierer und Begleiter vieler aus der Gurgel durch die Kehle hervorgehender Töne. Sie bestimmt solche auf eine und eben dieselbe Art. Nicht mehr und nicht minder veränderte Schalle sind möglich, die eigentlich einzeln, durch den Verstand aber in ihrer vielfachen Versetzung und Zusammenfügung geordnet worden. Daraus entsteht also eine so vielartige Anwendung, die eine Sprache formirt, und sie unzählig verändert. Alle Menschen haben zwar einen gleichförmigen Bau des Mundes, und einen ihnen allen gleichen Ver-[54]stand, sie machen daher einen ähnlichen Gebrauch davon. Dies heißt im Allgemeinen die Sprachfähigkeit. Sie wird aber nach verschiedenen Umständen so verschieden angewandt, daß daraus mancherlei Sprachen quellen, wie aus einem Strome die Flüsse. Darin harmoniren alle Sprachen der Erde: sie werden aus dem menschlichen Munde hervorgebracht auf ähnliche Art, in Rücksicht der Formirung der Schalle und Wörter. Darin disharmoniren alle Sprachen der Erde: ihre Bedeutung kann, insofern sie von Willkühr der Menschen abhängt, auf mancherlei Weise bestimmt und festgesetzt werden. Hieraus folgt nothwendig: daß der natürliche Bau der Sprache an sich einerlei ist, die verschiedne Anwendung aber verschieden, und also viele Sprachen erzeugt.

Das desto deutlicher zu verstehn, nehme ich eine Erläuterung aus der Mathematik, in welcher Rechenkunst und Feldmeßkunde die eigentlichen Grundwissenschaften sind. In jener haben wir die Zahlen und ihre Zeichen, die alle verschieden können angenommen werden, und doch im Grunde eine und eben diese Art des Zählens ausmachen. In dieser haben wir Linien, die auf so vielfache Art können zusammengesetzt werden; es bleibt aber immer im Grunde nur Eine Art der Zusammensetzung möglich. Obgleich die Zeichen der Zahlen und die Benennung der Linien nach jedes Menschen Willkühr können angenommen und bestimmt werden, so ge-[55]schieht doch das Messen und Zählen auf eine Art; an welchem Orte der Erde, in welchem Planeten oder Weltraume man auch zählt oder misset (aus dem Zusammenhange kann geschlossen werden, welches Zeichen eine Einheit, und was für Eine es sey. Sobald man das Verhältniß der gebrauchten Zahlzeichen weiß, und sobald man eine Figur erblickt, deren Linien mit gewissen Namen belegt worden sind, kann man wissen: welcher Name einer bestimmten Linie gegeben worden ist).

Eben so verhält es sich mit der Tonkunst, die im Allgemeinen nur auf Eine Art bestimmt, aber im einzelnen auf unzählige Weise metamorphosirt wird. Sie bleibt immer eine und eben dieselbe Musik, die aus sieben ganzen und fünf halben Tönen besteht, wenn sie gleich noch in so verschiedne Oktaven zerfällt.

Auf die nehmliche Weise bilde ich mir den natürlichen Bau der Sprachen ein. Gewisse Empfindungen des Körpers, gewisse Bewegungen der körperlichen Gliedmaßen verursachen einen Schall des Mundes, oder begleiten dessen Ausbruch. Die letztre Wiederholung giebt ihm die beständige Bedeutung. Bei dem Gebrauche merkt man immer mehr Veränderungen, man setzt aus einfachen Schallen doppelte, aus einzelnen mehrere zusammen. Dem Munde wird das Sprechen geläufiger. Mehrere Vorfallenheiten erregen mehrere Empfindungen. Mehrere Dinge fodern mehr Bezeichnun-[56]gen; man merkt außer sich mehrere Schalle, man ahmt sie nach mit dem Munde, und belegt die Dinge und Gegenstände mit dem Schalle zum Zeichen ihrer Benennung. Man giebt ähnlichen Dingen ähnliche Namen, und so wird allmälig eine bestimmte Sprachgewohnheit, die man Sprache nennt. Mit der Zeit merkt man, wie bei ähnlichen Dingen und Zufällen ein und eben dieselben Schalle gebraucht und verändert werden, und so entstehn nach und nach Regeln. Diese machen eine Wissenschaft der Sprache aus, und das ist die erste allgemeine natürliche Grammatik, die die Regeln anzeigt, nach welchen die Sprache zu beurtheilen und zu lernen ist.

Aus dieser Vorstellung folgt, daß nur eine Grundsprache existire, die allen Menschen gemein ist; so wie es nur eine Fähigkeit zu sprechen, einen menschlichen Verstand, und eine Beschaffenheit, einen Bau der Sprachorganen giebt. Vermöge dieser allgemeinen Grundsprache schreien bei der Geburt alle Kinder na. Durch diese allgemeine Grundsprache sagen alle Kinder tata und mama, ehe sie deutlich sich vorstellen können, was für Objekte sie einst mit den Schallen oder Silben bezeichnen. Allenthalben recken die Kinder ihre Hände aus nach diesen Vorwürfen, und es ist willkührlich, ob sie den Vater ta und die Mutter ma nennen, oder umgekehrt.

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Dies applicire man auf alle übrigen möglichen Schalle, sowohl im Einfachen als Zusammengesetzten, und man wird unzählige Sprachen in einer Sprache finden. Alle besondre Sprachen werden Dialekte seyn, in einer Grundsprache, als im Mittelpunkte der ganzen Sprachfähigkeit, zusammen treffen.

Die Richtigkeit dieser Gedanken führt mich auf eine andere Vorstellung, die daraus folgt, und sehr natürlich zu begreifen ist. Sie lautet also: Alle Wörter scheinen unter einer und eben derselben Hauptbedeutung in allen Sprachen, und bloß in ihren Nebenbedeutungen gänzlich von einander unterschieden zu seyn. Eine genaue Betrachtung der allgemeinen und besondern Begriffe erkennt endlich wohl: in welcher Verwandschaft die Wörter in ihren verschiedenen Bedeutungen mit einander stehn. Sobald als gewisse bestimmte Begriffe mit gewissen bestimmten Schallen verbunden werden, bekommt die Sprache eine philosophische Gestalt, die Deutungen der Wörter werden in Aehnlichkeit gesetzt, gewisse Wörter werden mit allgemeinen Begriffen verknüpft, und die Verschiedenheit ihres Gebrauches und ihrer Zusammensetzung oder Versetzung bestimmt die darunter begriffenen einzelnen Vorstellungen. Kurz, es wächst aus der Sprache eine Philosophie. Nun bin ich im Stande, die Wörter in ihre ersten Grundschalle und in ihre erste Bedeutung aufzulösen, die zusammengesetzten Vorstellungen in ihre [58]einfachen, daraus sie entstanden sind, zu reduciren. Nun wird mir der Satz als Wahrheit deutlich: jedes Wort hat nach seinen natürlichen Schallen, woraus es formirt ist, seine möglichen Grundbegriffe. Was aber für eine bestimmte Bedeutung durch den Gebrauch in einzelnen Fällen mit jedem Worte verknüpft wird, das muß die Geschichte der Sprache zeigen, in der man es braucht. Folglich philosophire ich bei der Sprache nicht anders, wenn ich die mögliche Grundbedeutung eines Worts bestimme, und den historischen Gebrauch in seiner besondern Bedeutung erkläre, als ich in der Naturlehre, mittelst der Scheidekunst, verfahre, und in der Grundlehre allgemeine Begriffe in einzelne zergliedre, oder wie ich das ganze Weltgebäude in die Theile mit meinen Gedanken trenne, aus denen es zusammengeflossen ist.

Nunmehr, hoffe ich, wird Jedermann verstehn, was ich mit dem natürlichen Bau der Sprache anzeigen will, und was man sich von einer allgemeinen Grundsprache vorstellen soll, in die alle besondre Sprachen zusammen stoßen. Wie nun die menschliche Erkenntniß von den besondern Begriffen zu allgemeinen schreitet, die einzelnen Theile der Welt zuerst erkennt, und dann zu den zusammengesetzten Körpern fortgeht, Erfahrungen von den Wirkungen der Dinge abstrahirt, und alsdann auf ihr innres Wesen schließt; so handelt auch der menschliche Verstand in Untersuchung der diversen [59]einzelnen Sprachen, Redensarten, Ausdrücke und Worte. Wir lernen nunmehr a posteriori aus der Erfahrung, wie a priori eine Sprache und ein Wort dem Wesen nach entstanden sind. Wir erforschen und bestimmen, aus was für Elementen, die wir Buchstaben nennen, ein Wort bestehe, aus was für Wörtern eine Sprache komponirt sey, in welchem Sprachgebrauche dieses oder jenes Wort willkührlich angewandt werde, was es für Aenderungen der Aussprache und Bedeutung leide. Und dies alles heißt mit einem Namen: Etymologie oder Wortforschung. Diese schließt eine doppelte Beschäftigung in sich: erstens zeigt sie die Elemente, aus denen ein Wort besteht, und was für Grundbegriffe sie an die Hand geben; zweitens den bestimmten Begriff, den das Wort durch den Gebrauch hat. Daraus folgt: bei welchem Volke, zu welcher Zeit, unter welchen Umständen das Wort entstanden, und wie es theils in der Aussprache, theils in Nebenbedeutungen verwandelt worden sey. Dieses nennen wir die historische, jenes die grammatikalische Wortforschung, die um der Genauigkeit willen beisammen bleiben müssen. So habe ich z.B. das Wort stumm in meinen

kleinen Rapsodien über Denk- und Lehrart der Taubstummen, 1ste Raps. 8.

historisch und grammatikalisch untersucht. Auch dieses Wort stumm dient vorzüglich sehr zu meiner Behauptung.

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Aus solchen allgemeinen Begriffen von dem natürlichen Bau, von dem Wesen und von der Einrichtung der Sprache, von der Beschaffenheit der Bedeutung der Wörter bilde ich den Begriff: daß alle Sprachen eigentlich nur eine Sprache sind. Alle Völkerschaften des Erdballs reden also eigentlich nur eine Sprache, die aber in eben so viele Abänderungen ausgeartet ist, als verschiedne Völker sich von einem menschlichen Geschlechte gesondert, und in einzelne Glieder des allgemeinen Menschenstaats vertheilt haben.

Ich lernte viele Sprachen, nach dem gewöhnlichen Schlendrian, buchstäblich, und ich fand: viele Wörter machten unter eben den Begriffen in verschiednen Sprachen sich kenntlich, und wenn gleich einige Verschiedenheit der Aussprache und der Begriffe existirte, so war sie doch nicht essentiel, nicht beständig, sondern bloß zufällig, veränderlich und äußerst selten. Ich bildete daher, mir däucht, ziemlich richtig die Schlußfolgerung: daß solches im Grunde nur ein und eben dasselbe Wort, unter einer und eben derselben Grundbedeutung sey. Ich begann, mir Regeln davon zu drechseln, und ich merkte, daß die Anwendung derselben ein unglaubliches Hülfsmittel für das Gedächtnis gebe, eine fremde Sprache bald zu lernen.

Ich glaube also, daß man eine wildfremde Sprache so am leichtesten fasset, wenn man sich [61]vorstellt: man lerne nicht nur Wörter, sondern eben die, so*) 1 man in seiner Muttersprache schon weiß, nur etwa mit einer kleinen Aenderung des Schalles und der Bedeutung. Letztere läßt sich nach den bekannten Figuren der Metapher, Metonymie und Synekdoche leicht begreifen. Und erstere kann nach den bekannten grammatikalischen Figuren des Wegwerfens oder Zusetzens erklärt werden. Dabei würden sich mehrere Regeln hervorschwingen, die man gelegentlich anwenden und deutlicher bestimmen könnte.

Mir geriethen ein spanisches und ein polnisches Buch unter die Augen, und da ich eben damals [62]Musse hatte, dachte ich: siehe du wähnst, daß alle Sprachen aus einer erlernt werden können; mache nun die Probe! Spanisch und Polnisch sollen mit dem Teutschen keine Verwandschaft haben. Versuche, ob du es verstehst, ohne es gelernt zu haben. Ich war muthig genug, meinen angenommenen Satz zu zernichten oder zu bauen. Ich fing meinen Weg an, wie mit Spornen getrieben; und ich entdeckte ein Wort nach dem andern, wie es im Grunde, und nach dem Hauptbegriffe teutsch, und nur nach der Aussprache und in zufälliger Bedeutung sich spanisch oder polnisch darstellte, das ist anders, als ich bisher im Teutschen gewohnt war. Ich konnte hiebei unmöglich gleichgültig seyn. Ich freute mich, wie ein Wandrer, der auf ungewissem dunkeln Pfade irrt, und dem plötzlich ein Lichtstral schimmert. Ich schaffte mir ein spanisches und polnisches Wörterbuch an, und sah was diese Sprachen mit der teutschen oder andern bekannten Sprachen gemein haben. Ich beobachtete, wie die Begriffe sich bei den Worten aus allgemeinen in besondre, und umgekehrt, verändern. Ich legte den Grund zu einer systematischen Erkenntniß der Sprache, welche die Sprache in Philosophie verwandelt, und die Philosophie in Sprachen darstellt.

Ich bin bekanntlich Lehrer am Königl. Preuß. Institute für Taub- und andere Stumme; die Stummen lernen gewöhnlich nur eine Sprache, [63](ein Taubstummer hat gar keine Muttersprache) also kann ich meine Theorie nicht praktisch betreiben und ausüben. Doch zweifle ich nicht im mindesten, daß sie praktisch anwendbar sey. Aber auf allen Kloster- und Fürstenschulen nach altem Schnitte, wird man sie nicht adoptiren, und wenn sie noch so gegründet, brauchbar und ersprießlich wäre.

So gut ich es wußte und verstand, habe ich es hergeschrieben, und daß die einzigste Absicht dabei war: meinen Mitmenschen zu nutzen, weiß Niemand so gut als ich.

Berlin, am 11. Oktober, 1789.

Ernst Adolf Eschke.

Fußnoten:

1: *) Ich weiß wohl, daß dieses relative so in unserm Zeitalter Feinde in Riesengröße gefunden hat, deren Zwergmagen es schlechterdings nicht verdauen kann, und die es aus der teutschen Sprache völlig verbannen wollen. Das arme so! Ich sehe keinen Grund: warum wir es in's Exil schicken wollen. Selbst die besten Schriftsteller brauchen es unzähligemal. Und ich habe noch dazu einen Grund, dieses unschuldige Relativum nicht zu verstoßen. Dieser Grund ist dessen Abstammung. Denn es ist mit dem Artikel oder vielmehr dem demonstrativen Pronomen der, die, das, genau verwandt. Dieses der, die, das, heißt bei dem Ulphilas = sa, so, thata, im Ißländ. sa, su, that, Hebr. וה, ור, ורת u.s.f. Und überdies ist es in dieser relativen Bedeutung älter als in allen andern.
Eschke.