ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Ausdruck der Leidenschaften durch die Veränderungen der Gesichtszüge.

Anonym

Verwunderung.

Gleichwie die Verwunderung die erste und am meisten gemäßigte unter allen Leidenschaften ist, bei welcher auch das Herz am wenigsten bewegt wird; also spürt man ebenfalls in allen Theilen des Gesichts gar wenig Veränderung, oder wenn sich ja einige ergiebt, so geschiehet solche allein an den Augenbraunen, welche sich in die Höhe ziehen, aber dabei doch beide Seiten gleich lassen, und öfnet sich auch das Auge ein wenig mehr, als gewöhnlich, so steht hingegen der Augapfel zwischen beiden Augenwimpern ganz gleich, und siehet ohne Bewegung starr auf den Gegenstand, welcher die Verwunderung verursachet.

Im übrigen steht auch der Mund halb offen, und scheint, wie alle Theile des Gesichts, ohne einige Aenderung zu seyn; so daß aus dieser Leidenschaft ein Stillstand der Bewegung entspringt, welches der Seele Zeit und Raum giebt, sich zu bedenken, was sie thun soll, und den Gegenstand, welchen sie vor sich hat, aufmerksam zu betrachten; [120]denn wenn der Gegenstand etwas Seltenes und Erhabenes ist, so entsteht aus der ersten und einfachen Bewegung der Verwunderung die Hochachtung.

Hochachtung.

Die Hochachtung zeigt sich nicht anders, als mittelst der Aufmerksamkeit und Bewegung der Theile des Gesichts, welche gleichsam auf den Gegenstand, welcher die Aufmerksamkeit verursacht, fest geheftet zu seyn scheinen; denn in diesem Falle gehen die Augenbraunen über die Augen hervor, und gegen die Nase zusammen, da inzwischen der andre Theil sich ein wenig in die Höhe zieht, das Auge weit offen, und der Augapfel über sich steht.

Diesemnach sind die Adern und Muskeln der Stirne, und die, welche sich um die Augen herum befinden, imgleichen die Wangen bei den Stockzähnen etwas eingefallen, die Naselöcher aber ziehen sich herabwärts, und der Mund steht ein wenig offen, wendet jedoch die Ecken hinter sich, und mithin auch abwärts.

Ehrfurcht oder Ehrerbietung.

Wann aber aus der Hochachtung die Ehrfurcht oder Ehrerbietung entstehet, so ziehen sich die Augenbraunen eben so wie vorerwähnt, herabwärts; es neigt sich auch das Gesicht ein wenig [121]unter sich, aber die Augäpfel heben sich mehr in die Höhe unter die Augbraunen hinauf.

Der Mund steht halb offen, und zieht die Ecken zurück, auch ein wenig mehr unter sich, als bei der Hochachtung. Und durch diese Herabziehung der Augenbraunen und des Mundes scheint die Unterthänigkeit und Ehrfurcht angezeigt zu werden, welche die Seele gegen den Gegenstand hegt, von welchem sie glaubt übertroffen zu werden. Der über sich sehende Augapfel aber scheint die Erhebung des Gegenstandes zu bedeuten, welchen die Seele betrachtet, und der Ehrerbietung würdig findet.

Wann sich die Ehrfurcht auf einen Gegenstand, den man glauben muß, bezeichnet, so ziehen sich alle Theile des Gesichts viel tiefer herab; wie denn auch die Augen und der Mund geschlossen sind, und dadurch gleichsam an den Tag legen, daß die äusseren Sinne hiebei im Geringsten nichts zu thun haben.

Entzückung.

Wann aber die Verwunderung von einem Gegenstande herrührt, welcher über den Verstand der Seele reicht, als zum Beispiel die göttliche Macht und Gewalt, so finden sich die Bewegungen der Verwunderung und Ehrfurcht von dem vorhergehenden ganz verschieden: denn das Haupt neigt sich gegen das Herz zu, und die Augenbraunen, wie auch die Augäpfel, ziehen sich in die Höhe.

[122]

Das hangende Haupt scheint die Unterwürfigkeit und Demuth der Seele anzuzeigen, daher auch weder die Augen noch die Augenbraunen nach der Seite der Drüse, sondern gegen den Himmel sich wenden, wo sie gleichsam angeheftet sind, und dasjenige zu entdecken wünschen, was die Seele nicht erkennen kann. Sonst steht der Mund halb offen, und zieht seine Ecken ein wenig in die Höhe; wodurch eine Art der Entzückung bemerkt wird.

Verachtung.

Wann der Gegenstand, von welchem anfänglich die Verwunderung entstanden, nichts Hochachtungswürdiges an sich hat, so entspringt aus diesem Mangel an Hochachtung die Verachtung, welche sich durch gerunzelte, und gegen die Nase herab, auf der andern Seite aber hinauf gezogene Augenbraunen ausdrückt, wobei ferner das Auge weit offen, und der Augapfel in der Mitte steht, die Nasenlöcher sich über sich ziehen, der Mund sich schließt, mithin seine Ecken ein wenig abwärts wendet, und die untere Lippe über die obere hervorgeht.

Schrecken.

Wann aber ein Gegenstand anstatt der Verachtung Schrecken verursacht, so runzeln sich die Augenbraunen noch viel mehr als bei der Verachtung. Der Augapfel steht, anstatt in der Mitte [123]des Auges zu stehen, ganz unten; der Mund zeigt sich halb offen, doch in der Mitte nicht so weit als in den Winkeln, die sich gleichsam hinter sich ziehen, wodurch die Backen Falten bekommen. Das Angesicht sieht bleich aus, die Augen aber und die Lippen ein wenig bläulicht. Der Ausdruck dieser Leidenschaft hat einige Gleichheit mit dem des Entsetzens.

Das Entsetzen.

Das Entsetzen verursacht, wenn es allzugroß ist, daß derjenige, den es befällt, die Augenbraunen in der Mitte hoch über sich, und die Muskeln, welche die Augenbraunen bewegen, und welche auch sehr merklich aufgeblasen, und aneinander gedrückt sind, auf die Nase herabzieht, die aber sammt den Nasenlöchern sich in die Höhe rümpfet.

Im Uebrigen stehen die Augen völlig offen, das obere Augenlied versteckt sich unter den Augenbraunen, das Weiße in dem Auge ist mit einer gewissen Röthe umgeben. Der Augapfel sieht wie verirrt aus, und steht mehr unten als oben in dem Auge. Das untere Augenlied ist geschwollen und bläulicht, die Muskeln an der Nase und den Händen sind ganz aufgetrieben, die an den Backen überaus sichtbar, und auf jeder Seite der Nasenlöcher zusammengespitzt. Imgleichen steht der Mund weit offen, und dessen Winkel lassen sich deutlich bemerken. Ueberhaupt ist alles, sowohl an der Stirne als um [124]die Augen, recht sichtbar, nicht minder die Muskeln und Adern an dem Halse stark aufgeschwollen und sichtlich, so wie die Farbe in dem Angesichte, auch die Spitze der Nase, die Lippen, die Ohren, und der Umfang der Augen bleich und bläulicht ist, und die Haare, wie man sich wohl ausdrückt, zu Berge stehen.

Wann sich die Augen bei dieser Leidenschaft übermäßig weit öffnen, so scheint es daher zu kommen, daß die Seele gleichsam die Natur der wahren Beschaffenheit des Gegenstandes, welcher ihr solch ein fürchterliches Entsetzen verursacht, einsehen und erkennen will. Hergegen die auf einer Seite unter sich und auf der andern über sich gehenden Augenbraunen, scheinen gleichsam in Ansehung des über sich gehenden Theils sich mit dem Gehirn vereinigen, und selbiges dadurch von dem Uebel, welches die Seele wahrnimmt, befreien, so wie in Ansehung des unter sich gehenden Theils, welcher auch aufgeschwollen zu seyn scheinet, durch den Haufenweise von dem Gehirn herzueilenden Nervensaft die Seele gleichsam bedecken, und vor dem besorgten Unglücke schützen zu wollen.

Der weit aufgesperrte Mund aber scheint anzuzeigen, daß das Herz von dem Blute, so gegen dasselbe zuläuft, umfangen sey, und demnach um Luft zu schöpfen, eine gewisse Anstrengung brauchen müsse, welche verursacht, daß der Mund sich ungewöhnlich weit öffnet, und, wann solches die [125]Werkzeuge der Stimme trift, einen unordentlichen Ton von sich giebt.

Liebe.

So wie nun, vermittelst der Gegenstände, die wir entweder hochachten oder bewundern, die vorhergehenden Leidenschaften in uns erreget werden können, so kann auch die Liebe in uns erreget werden.

Der Ausdruck dieser Leidenschaft ist ganz sanft und einfach: die Stirn ist gleich und eben, die Augenbraunen gehen an der Seite, wo der Augapfel steht, ein wenig in die Höhe, das Haupt neigt sich gegen den Gegenstand von welchem die Liebe verursacht wird, die Augen sind mittelmäßig geöfnet, das Weiße in denselben ist sehr lebhaft und glänzend, der Augapfel lenkt sich gemächlich nach dem Orte hin, wo der geliebte Gegenstand befindlich ist, und scheint ein wenig zu funkeln, wie auch sich in die Höhe zu ziehen; weder an der Nase noch an allen andern Theilen des Gesichts, an welchen, insonderheit an den Wangen und Lippen eine sehr lebhafte und röthliche Farbe durch diese Gemüthsbewegung verursacht wird, ist sonst nicht die geringste Veränderung zu verspüren. Es steht aber der Mund dabei ein wenig offen, seine Winkel gehen ein wenig über sich, und die Lippen sind feucht anzusehen.

Das Verlangen.

Diese Leidenschaft drückt sich durch gedrückte und auf die Augen, welche weiter als gewöhnlich [126]offen stehen, hervorgehende Augenbraunen aus. Hiebei steht der Augapfel in der Mitte des Auges, und scheint lauter Feuer in sich zu enthalten, die Naselöcher ziehen sich gegen die Augen enger zusammen; der Mund steht weiter offen, als bei der Liebe, und seine Winkel gehen hinter sich zurück. Uebrigens liegt die Zunge vorn auf den Lippen und die Farbe ist erhöheter als bei der Liebe. Alle diese Bewegungen zeigen eine gewisse Beunruhigung der Seele an.

Hoffnung.

Wann wir aber etwas verlangen, und es das Ansehen hat, daß wir es auch wohl erlangen möchten, so wird hierdurch die Hoffnung in uns erweckt.

Allein weil die Bewegungen dieser Leidenschaft nicht sowohl äußerlich als vielmehr innerlich vorgehen, so läßt sich nur wenig davon bemerken.

Es ist indessen der Ausdruck dieser Leidenschaft in Ansehung aller Theile des Leibes, gleichsam ein Mittelding zwischen dem Ausdruck der Furcht und der Sicherheit; so daß, wenn der eine Theil der Augenbraunen die Furcht, alsdann der andere die Sicherheit ausdrückt; wie denn auch im Uebrigen die Bewegungen aller Theile des Leibes und Gesichts bei der Leidenschaft der Hoffnung, vermischte Ausdrücke von Furcht und Sicherheit sind.

(Die Fortsetzung folgt im nächsten Stücke.)