ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VIII, Stück: 2 (1791) > 2. <Auszug aus einem Briefe.>

2.

<Auszug aus einem Briefe.> a

Anonym

In des achten Bandes erstem Stücke dieses Magazins S. 6 finde ich die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Zuneigung zu einer Mannsperson, einem Edelmanne, bis zur größten Leidenschaft aufwuchs. Der Verfasser jenes Aufsatzes fragt am Ende, ob es wohl mehrere Beispiele von dergleichen Verirrungen der Natur gäbe? Meine eigene Geschichte bejaht diese Frage.

Ich hatte einige Zeit auf der Universität zu — studirt, als ein junger Mann, den ich mit dem Buchstaben N.. bezeichnen will, eben dahin kam. Ich bemerkte ihn nicht gleich nach seiner Ankunft; als ich ihn aber das erstemal in einem Collegio sahe, so zog er meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Er hatte von der Natur eine treffliche Gesichtsbildung erhalten, und seine Sitten waren sehr einnehmend.

Ich bemühte mich Bekanntschaft mit ihm zu machen, konnte aber meinen Endzweck nicht erreichen. Indessen fühlte ich mich immer stärker von ihm angezogen. Ich setzte mich in dem Collegium meistens so, daß ich ihn immer im Gesichte hatte, dadurch wurde aber meine Zuneigung zu ihm so groß, daß sie endlich in die heftigste Leidenschaft ausartete.

[102]

Wo ich nun gieng und stand, war mir die Idee von N.. gegenwärtig. Mit dem Gedanken an ihn schlief ich ein, und mit ihm erwachte ich wieder. Er war so in mein Wesen eingewebt, daß ich nur dann aufhörte mir seiner bewußt zu seyn, wenn ich mein eigenes Bewußtseyn verlohr, nehmlich im Schlafe. So lange ich wach war, 17 Stunden des Tages, ruhete sein Bild in meiner Seele. Wachte ich des Nachts auf, so war er mein Gedanke.

Bisweilen stieg meine Leidenschaft bis auf den höchsten Grad, so daß sie mich fast zu Boden drückte. Vorzüglich war dies des Abends der Fall, wenn ich lange auf einen Gegenstand hinsahe. Dann schob mir meine Phantasie oft statt des vorigen Gegenstandes das mir immer gegenwärtige Bild N..s unter. Die mich umgebenden Dinge, nur durch den bloßen Schimmer des Lichts erhellt, zerstreuten meine Aufmerksamkeit nicht, meine Sinne schwanden, alle meine Gedanken, Neigungen und Wünsche concentrirten sich in die einzige Vorstellung von N.., ich empfand nichts als den Schmerz der heftigsten Sehnsucht, und in der größten Beklemmung stand ich einigemale im Begrif, wie ein von der heftigsten Kolik Geplagter, mich in der Stube herumzuwälzen. Und wahrscheinlich hätte ich es gethan, wenn meine Stube nicht mit Sand bestreut, und ich in Gefahr gewesen wäre, mir Gesicht und Hände zu zerritzen.

[103]

Diese unglückliche Leidenschaft hatte auf mein ganzes Gedankensystem den größten Einfluß. Was mir ehedem wünschenswerth geschienen hatte, dies mißfiel mir nun, wenn es N.. mißfiel. Tugenden die ich besaß, N.. aber nicht, fieng ich an für Fehler zu halten, und schämte mich sie zu haben. Einige Flecken in N..s Charakter glaubte ich nachahmen zu müssen.

N.. bekannte sich zu einer andern Fakultät, als ich mich. Zuvor hatte ich die Wissenschaften meiner Fakultät mit vielem Eifer und Vergnügen getrieben: jetzt wurden sie mir minder angenehm, und ich gewann die Studien lieb auf welche N.. sich legte, ob sie mir gleich sonst lästig geschienen hatten.

Mit vielem Eifer suchte ich die Freundschaft aller derjenigen, mit denen N.. bekannt war. Unter diesen waren einige, auf die ich zuvor unwillig gewesen war; aber auch gegen diese wurde nun meine Abneigung in Zuneigung umgestimmt, und ich fieng an sie hochzuschätzen. Ich verglich sie daher oft bei mir selbst mit dem Monde, der auch nur erst durch erborgten Schimmer uns glänzen kann. —

Durch diesen Kampf und die immerwährende Anspannung meiner Phantasie geschwächt, fing ich bisweilen an in eine Art von Schwärmerei zu verfallen. Ich hatte oft bei trüber Witterung mich selbst befragt, ob sich der Himmel nicht aufklären würde, wenn N.. ihn anblickte, und war unwillig, [104]daß ich mir diese Frage verneinen mußte. Eines Abends aber, zu welcher Zeit, wie schon gesagt, meine Leidenschaft allemal am stärksten war, als sich ein heftiger Sturm erhoben hatte, überredete ich mich wirklich eine zeitlang, daß der Sturm sogleich nachlassen würde, wenn N.. sich auf der Gasse befände.

Bei diesem Zustande studirte ich wie vorher fleißig, allein ohne sonderlichen Nutzen, weil meine Aufmerksamkeit allemal getheilt, und halb auf meine Arbeit, halb auf N.. gerichtet war. Allen meinen Freunden, ausser einem, verbarg ich meinen nagenden Kummer. Ich war oft in ihrer Gesellschaft froh und heiter, öfterer aber mürrisch, sprachlos, in mich selbst gekehrt, untheilnehmend, weil N.. mich allein interessirte, und mir nichts wichtig schien, als was auf ihn Bezug hatte. Vielleicht hätte Zerstreuung meine Leidenschaft gemindert, allein ich war größtentheils einsam, und kam auch sogar mit meinen Freunden nicht oft zusammen.

Bisweilen hatte ich ruhigere Augenblicke, wo die Vernunft in ihre Rechte wieder eintrat, und mich ganz das Thörigte meines Zustandes erkennen ließ; allein meine Leidenschaft schien dann nur zu schlafen, um neue Kräfte zu sammeln, damit sie mit desto größerer Heftigkeit wieder hervorbrechen könnte.

Ich wagte es nicht, mich in N..s Bekanntschaft zu drängen, weil er, obschon wie ich von bürgerlicher Herkunft, doch einen Vater hatte, der sowohl [105]reicher war als der meinige, als auch ein höheres Amt bekleidete, obgleich mein Vater auch vom Stande der Gelehrten war. Dieser obwohl geringe Unterschied unter uns verstärkte meinen Schwindel um vieles.— Und eben die noch größere Ungleichheit des Standes, glaub ich, war die Ursache, warum der junge Mann —g, dessen Geschichte im ersten Stücke des achten Bandes erzählt worden ist, zitterte, wenn er sich de Edelmann näherte, den er so leidenschaftlich liebte.

Gehe ich die Geschichte meines Lebens durch, so liegen mir die Ursachen dieser meiner Verirrung deutlich vor Augen. Von Jugend auf hatte man mir gesagt, daß ich eine einnehmende Bildung hätte. Als ein Kind von fünf bis sechs Jahren wurde ich immer von erwachsenen Personen geliebkoset, und als ein Knabe von 10 bis 12 Jahren, und so fort, von meinen Mitschülern. Dieses, und der ganz entbehrte Umgang mit Personen vom andern Geschlechte, machte, daß sich bei mir die natürliche Zuneigung zum weiblichen Geschlechte von ihm ganz ablenkte, auf das männliche; und ich erinnere mich schon in meinem Knabenalter einige Mannspersonen recht zärtlich geliebt zu haben, da ich gegen Frauenzimmer auch noch jetzt ziemlich gleichgültig bin. Diesem Fehler, und dem zeitigen Erwachen der Empfindungen der Liebe, sind Knaben von einnehmender Bildung, wegen der Liebkosungen, die man ihnen erweist, leicht ausgesetzt, und Erzieher [106]müssen deshalb auf sie ihre vorzügliche Aufmerksamkeit richten.

Bei dem unmäßigen Verlangen mit N.. in eine genaue Bekanntschaft zu treten, habe ich gleichwohl weiter keine andere unerlaubte Absicht gehabt. Ich wünschte nur die genaueste Vereinigung mit ihm; ja in meinen schwärmerischen Anfällen di Möglichkeit, mich ganz in ihn hineinziehen zu können, daß wir beide nur eine Person ausmachten. Vernunft und Religion aber hatten zuviel Einfluß auf mich, als daß ich unerlaubte Wünsche hätte sollen emporkommen lassen. Demohngeachtet aber gerieth ich in eine heftige Bewegung, daß ich im ganzen Gesichte glühete, als ein guter Freund, mit dem ich einmal Abends spatzieren gieng, zu mir sagte, da geht N.., er ist gewiß bei einem hübschen Mädchen gewesen? Er sagte dieses nur im Scherz; es hatte aber eine solche Wirkung auf mich, daß ich den ganzen Abend in der größten Unruhe zubrachte, ohne jedoch einen unedlen Wunsch in meiner Seele aufkeimen zu lassen. Dieses bezeugt auch mein jetziges Verhältniß mit N.., da ich nunmehr mit ihm bekannt bin, und nie etwas Unanständiges ihm zugemuthet habe. Mein Wunsch mit ihm bekannt zu werden ist nun erfüllt, meine tödtende Unruhe hat mich verlassen, ich freue mich und bin glücklich!

Erläuterungen:

a: Zu diesem Beitrag vgl. Goldmann 2015, S. 107-110.