ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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2.

Zeichnung jugendlicher Charaktere.

Z.

B. Zwölf Jahr alt, hat ein zärtliches Herz, zur Freundschaft geschaffen, dabei aber auch schon viel Fertigkeit und Entschlossenheit — dies sieht man an jeder seiner Bewegungen, die alle schnell sind, und immer die einmal vorgesetzte Richtung behalten.

Er redet immer mit einem gewissen Hineilen auf den Hauptgedanken, und konzentrirt darauf die ganze Stärke der Stimme.

In dieser letztern Rücksicht habe ich noch T. H. und F. beobachtet, die alle drei in Ansehung des Alters von dem ersten nicht sehr verschieden sind.

T... redet ebenfalls immer zu dem Hauptgedanken hineilend, und zwar mit einem noch weit stärkern Zulauf wie B.., so daß er sich kaum Zeit nimmt, die weniger bedeutenden Worte zu sagen, um desto schneller zu der Hauptsache zu kommen.

Sobald dieß Hineilen bei ihm aber noch um einen Grad stärker wäre, so würde es, da es jetzt eine Kraft ist, wieder zur Schwäche werden. Er würde den Gedanken vorwegnehmen, und darüber in ein unvermeidliches Stottern gerathen.

[110]

H... hingegen redet in einem ganz oberflächigen Tone — oder er berührt mit seinem Tone gleichsam nur die Oberfläche der Ideen, die er ausdrücken will. — Die heraushebende Kraft, das konzentrirte Licht auf dem Hauptgedanken fehlt ihm.

Diese Oberflächigkeit zeichnet sich in seinem ganzen übrigen Wesen, und auch in seiner Bildung aus, wo die markirten Züge gleichsam wegfallen und schwinden, die Lippen beim Reden scheinen sich maschinenmäßig zu bewegen, und überhaupt kein rechter innerer Kern vorhanden zu seyn, der eine feste Gewalt über den Körper ausübte. —

Er kann in eine fürchterliche Erbitterung gerathen, die ihn aber auch ganz außer Thätigkeit setzt, und seine Glieder konvulsivisch bewegt. Sein Auge ist klein und matt.

F... giebt auch zwar im Reden immer dem Hauptgedanken das meiste Gewicht, aber er eilet nicht, sondern schreitet bedächtig hinzu — dieß nimmt ihm zu viele Zeit im Denken weg, um über vieles in seinem Leben nachdenken zu können.

Es scheint, als wenn er einmal richtig und vernünftig handeln, aber aus dem eigentlichen Denken nie ein Hauptgeschäft machen werde.

Die gemeinsten Köpfe scheinen, wenn es nicht eine besondre Angewohnheit ist, sich vorzüglich dadurch mit auszuzeichnen, daß sie im Reden auf den Hülfswörtern, fast eben so lange, wie auf den Hauptwörtern verweilen; die Hülfswörter haben, [111] sollen, müssen, u.s.w. auf eine unerträgliche Weise nachschleppen lassen — und am allerbedeutendsten ist gewiß dieß Merkzeichen, wenn es sich schon in der frühern Jugend oder Kindheit äußert.

Zum Denken gehört vorzüglich, in kurzer Zeit viel zu denken, weil dieß allein einen Ueberblick eines Ganzen giebt, das sonst sogleich wieder entschlüpft, wenn man zu lange zaudern muß, ehe man es fassen kann.

Sprach- und Denkorgan stehen in dieser Rücksicht gewiß in der genauesten Verbindung miteinander. —

Welche unendlich feine Nüancen finden nun nicht im Ausdruck der Gedanken durch die Sprache statt, und welch eine reine Quelle zu wichtigen und nützlichen Bemerkungen ist dieß nicht für den Jugendbeobachter!

Einzeln fallen die Besonderheiten nicht auf — man muß einen Haufen junger Leute beisammen und oft beisammen sehn — dann zeigen sich nach und nach eine Menge bedeutender Verschiedenheiten, die oft unerwartete Aufschlüsse geben.

Denn es giebt gewiß Gesichtspunkte für die einzelnen Charaktere, woraus sich die Modifikationen derselben erklären lassen; nur muß man die Resultate nicht zu früh ziehen, und über den Sammlungen von Beobachtungen nicht ermüden.

Z.