ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


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Ueber den Endzweck des Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.*) 1

Moritz, Karl Philipp

Wenn man sonst in irgend einer Sache eine Zeitlang fortgeschritten ist, so ist es nöthig, seine Gedanken einmal wieder auf den Hauptgegenstand zurückzurufen, und zu untersuchen, wohin der Weg uns eigentlich führen soll — dieß kann aber in dem Fall, wo man Wahrheit sucht, nicht wohl statt finden, weil man sich hier das Ziel nicht selber setzen darf, sondern abwarten muß, wohin der Weg führen wird.

Dieß heißt nichts anders, als die Wahrheit muß um ihrer selbst willen gesucht werden; sie muß [2]uns das höchste Gut seyn; und alles Erwünschte und Angenehme, was nicht mit ihr bestehen kann, in unsern Gedanken überwiegen.

Um nun aber das Ziel der Wahrheitsforschung sich nicht zu voreilig aufzustecken, ist der Weg der Erfahrung der sicherste, welcher freilich die Entstehung der Lehrgebäude hindert, aber dafür eine desto festere Grundlage macht, worauf man sicher fußen kann, ehe man weiter geht.

Die Erforschung unsers eigenen innersten Wesens ist nun dasjenige, was freilich näher als alles andere liegt: denn zu allem übrigen noch so weit Umfassenden müssen wir doch immer von diesem Punkt ausgehen, und immer zu diesem Punkte wieder zurückkehren.

Ob nun diese Erforschung unsers Wesens, dieser Rückblick auf uns selber, mit zu unsrer Bestimmung gehören oder nicht? kann bei denkenden Wesen wohl schwerlich noch eine Frage seyn: Denn würden wir uns diesen Rückblick verbieten können, wenn wir es auch selber wollten?

Und gesetzt auch, daß aus diesen Betrachtungen sich für das eigentliche Leben kein unmittelbarer Nutzen zeigte, so würde doch dieser Gesichtspunkt immer dazu dienen, den Kreis des menschlichen Denkens überhaupt zu veredeln, und zu verschönern, und allen übrigen Dingen im Leben mehr Interesse, und Würde zu geben — allein der Nutzen davon, daß wir der Quelle aller Thätigkeit selber uns zu [3]nähern suchen, muß auch unmittelbar sich zeigen, jemehr das Mannichfaltige sich selber auf die einfachsten und wahresten Grundsätze zurückführt, welche über die Verkettungen der menschlichen Dinge den reinsten Aufschluß geben.

Die Geschichte der Menschheit von außen, und die Geschichte des menschlichen Geistes von innen, müssen sich doch endlich auf einem Punkte begegnen, wo die wunderbaren Phänomene anfangen, sich aufzuklären; wo das Denkende und Empfindende sich selbst weniger fremde, mit sich selber vertrauter, und sich selber gesicherter wird.

Da nun das Denkende durch eine dünnere Scheidewand voneinander abgesondert, sich ineinander wiederfindet; so ist die Wahrheitsforschung auch ein gemeinschaftlicher Antheil der Sterblichen, welche aus allen Zeitaltern, sich in diesem Punkte wieder zusammenfinden, der immer reiner und heller werden muß, je uneigennütziger sich die Gedanken mittheilen, und je weniger ein einzelner Sterblicher das Gebiet der Wahrheiten sich zu umfassen zutraut.

Zu einer solchen Mittheilung der Gedanken soll das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde eine fortdaurende Veranlassung geben; es soll das Mannigfaltigste von den äußern Erfahrungen unsers Wesens sammlen, und es für den Denker und Forscher aufbewahren; die Erfahrungen sollen freilich durch Nachdenken geleitet, das Nachdenken [4]aber auch wechselseitig durch die Erfahrungen berichtigt werden.

Dieß Magazin soll keine Strafpredigten gegen Aberglauben und Schwärmerei enthalten, sondern beide als Gegenstände der ruhigen Beobachtung aufstellen, damit ihr Grund und Ungrund sich von selbst aufdecke.

Es soll die Geschichte von den Krankheiten der Seele aufbewahren, und die Leiden der Unglücklichen sollen den Arzt der Seele anspornen, der Quelle der Heilmittel nachzuspähen.

Es soll aber auch den Blick auf die Wunder heften, welche uns so alltäglich geworden sind, daß wir nicht mehr darauf merken; auf die ganz gewöhnlichen Aeußerungen des denkenden und vernehmenden Wesens, worauf niemand so sehr achtet, als auf die seltenen Vorfälle des Wahnwitzes, der Erscheinungen, einer verübten schrecklichen That, u.s.w. und die doch weit merkwürdiger, als diese alle sind.

Es soll daher mit diesem achten Bande, unter der Hauptrubrik zur Seelennaturkunde eine neue Rubrik anheben: Die Wirkungen der äußern Sinne, in psychologischer Rücksicht. — Gewiß wird hier durch wechselseitige Mittheilung sich manches aufklären, was uns bis jetzt noch verborgen ist, und wir werden auf die Weise den Weg der Erfahrung und Beobachtung am sichersten gehen.

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Denn wenn das Denkende sich selbst unmittelbar erforschen will, so ist es immer in Gefahr sich zu täuschen, weil es sich in keinem einzelnen Augenblicke von sich selber absondern, sondern nur ein Hirngespinst statt seiner vor sich hinstellen kann, um es zu zergliedern. —

Die wirkliche Sache muß doch immer in dem jedesmaligen Aktus des Denkens eingehüllt bleiben, welcher sich selbst in dem Augenblick aufheben würde, wo er sein eigner Gegenstand werden wollte.

Fußnoten:

1: *) Dieser Aufsatz möge denn auch zu der im vorigen Stück angefangnen Revision über die Revisionen des Herrn Pockels den Beschluß machen.