ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde

Herausgegeben von: Karl Philipp Moritz, Karl Friedrich Pockels und Salomon Maimon
Digitale Edition herausgegeben von Sheila Dickson und Christof Wingertszahn


Startseite > Bandnavigation > Band: VIII, Stück: 1 (1791) > <1.> <M... in R.>

<1.>

<M... in R.>

Z.

M... in R. — Man nannte ihn immer den Jupiter, wegen der auffallenden Aehnlichkeit seines Kopfes mit dem Kopfe des Jupiters, so wie die Alten ihn sich dachten und bildeten. —

Nichts als eine gar zu sehr hervorstehende Unterlippe und hervorstehendes Kinn machten die Bildung unvollkommen. —

In seinem Wesen schien kein einziger falscher Zug seyn, alles schien an ihm zu sagen, das er der Falschheit nicht bedürfe. —

Der edlere Theil seines Wesens zeichnete sich bis auf die Unterlippe, von da an senkte sich alles zum thierischen Genuß. —

Es kann wohl nicht leicht eine Bildung geben, wo der Ausdruck der ganz thierischen Natur, so stark und nahe, an den Ausdruck des Erhabensten grenzt. —

Der Vater der Götter und Menschen ist zum Stier geworden.

Am Morgen hebt sich M... bis zu der zartesten Empfindung in der Kunst empor — am Abend sucht er wieder geflissentlich das ganz Platte, Grobe [107]und Gemeine im Umgange, und fühlt sich glücklich dabei.

In die menschlichen Verhältnisse kann er sich nicht fügen, und glücklicherweise setzt seine Lage ihn in den Stand, daß er es nicht braucht. —

Wenn er etwas beweisen und demonstriren will, so hat er eine Bewegung mit der Hand und dem Arme an sich, womit er allen Widerspruch weit von sich wegschleudert.

Um den Mund bildet sich zuweilen der sanfteste Zug, den man sich nur denken kann, und zuweilen bezeichnet sich darin Erschlaffung, Unempfindlichkeit, und Gleichgültigkeit in hohem Grade — gleichsam als ob hier die Extreme zusammentreten.

M... war von Kindheit auf kühn in Gefahren, und hat doch überhaupt eine große Furcht vor dem Tode — es schmerzt ihn immer, wenn er denkt, daß er sterben könne, ehe er sein Werk vollendet hat. —

Er kann wie der subtilste Metaphysiker über die abstraktesten Dinge nachdenken; aber wenn er es thut, so schämt er sich darüber.

Von feinen Dingen redet er gern mit groben Ausdrücken — er spricht einen mäßigen Baß; seine Stimme hebt sich gar leicht, und wird aufrührisch.

Er kann gar keinen Reverenz machen — Eine spöttische Miene ist ihm nicht wohl möglich — sie ist zu klein für die Züge seines Gesichts.

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Jede Art eines entbehrten Genusses bezeichnet er durch eine Pantomime, als ob ihm der Mund wässericht würde, welches sich sehr widrig ausnimmt.

Wenn er nichts hat, so borgt er von aller Welt, und wenn er hat, so leihet er aller Welt.

Seine Affektation ist, daß er bei jeder Gelegenheit den Weintrinker spielen, und manchmal ein rechter lüderlicher Kerl scheinen will. — Es freuet ihn, von dem Mangel des Weins, als dem höchsten menschlichen Unglück zu reden.

Er hat eben nichts Lächerliches an sich, weil er gemeiniglich eher über sich lacht, als andere über ihn lachen.

Wenn er in der Liebe schwärmt, so ist er ein liebenswürdiger Thor — er muß dann auch einen Vertrauten haben, dem er seinen Zustand klagt. —

Ueberhaupt ist er vertraulich, gesellig und dienstfertig — aber etwas Bequemlichkeit liebend — dieß letztere nimmt immer bei ihm zu, da er die menschlichen Verhältnisse flieht, und also in keinen Zustand kömmt, der ihn halb wider Willen hinaufzieht. —

Wird er demohngeachtet aus eignen Kräften steigen? — oder sinken? — —

Z.